Philologus
J?arbart) Collrgr itbrarp
KMOM TMK
PRICE GREENLEAF FUND
Kcsiduary legacy of $71 1,563 from E. Pricc Greenleaf. •
of Boston, nearly one half of the incotnc from .
wliich is applied to Üic cxpenses of the ' \
College Library.
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I
I
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PHJLOLOGUS
ZEITSCHRIFT
FÜR
DAS CLASSISCHE ALTERTHUM
BEGRÜNDET
von F. W. SCHNEIDE WIN und E. t. LEUTSCH
HERAUSGEGEBEN
VON
OTTOCBUSIUS
IN MÜNCHEN
Supplementband X.
LEIPZIG
DIKTERICH'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG.
THEODOR WEICHER
1907.
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1
I
Druck ron H. Laupp jr in TiibmKea
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Inhalt des zehnten Supplementbandes.
Seite
Untersuchung zur Geschichte von Kran. Von J. Marguart. II
(Schluß) 1
; Die Ueberlieferungsgeschichte des Horas. Von Fr. Vollmer . . 259
T)e Senecae Hercule Qetaeo. Scripsit Aemiliiis Ackermann . . . 323
Das Aualeben des Clauselgesetzes in der römischen Kunatprosa.
Von 77t. Zklinski . ... 429
r>ie Philoatrate. Von Karl Munscher . . 469
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonaetis. Von
K. Funk , , , , . . , , . . , . . .. , , . . h£l
Zum Sprachenkampf im römischen Reich. Von Ludwig Hahn . 675
>o<zie
PHILOLOGÜS
ZEITSCHRIFT
FÜR
DAS CLASSISCHE ALTERTUM
fRÜNDET
F. W. 8CHNEIDEWIN und E. v. LEUTSCH
HERAUSGEGEBEN
VON
OTTO CRUSIUS
IN MÜNCHEN
Supplementband X, Heft 1.
LEIPZIG,
DIETEBICH SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG.
InsehtraKse 10.
1905.
Erstes Heft
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. Von J. Marquart. II.
Ausgegeben am 10. Juli 1905.
Von demselben Verfasser erschien früher:
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
(Separatabdruck aus dem 54. und 55. Bande des Philologus.)
Heft 1. 8°. VI u. 72 S. Geh. M. 1.80.
Vergleiche : Berliner philologische Wochenschrift 1897 No. 38. —
Lusac's Onental List.
Fundamente israelitischer und jüdischer
Geschichte.
8°. VIH u. 75 S. Geh. M. 3.—.
Vergleiche: Deutsche Litteraturzeitung 1898 No. 3. — Theol.
Rundschau I, 2. — Göttingsche Gelehrte Anzeigen 1897 No. 8.
Chronologische Untersuchungen.
(Separatabdruck aus dem VII. Suppl.-Bd. des Philologus.)
Vergleiche: Berl. phil. Wochenschrift 1900 No. 35. — Orienta-
lische Utteraturzeitung 1900 No. 4 u. 5. — Book Circular New Serie*
No. 7. — Neue Phil. Rundschau 1900 No. 7.
Die Chronologie der alttürkischen
Inschriften.
*8°. VII u. 112 S. Geh. M. 4.—.
Vergleiche: Göttingische Gelehrte Anzeigen 1899 No. 5. --
Jahresberichte der Geschichtswissenschaften. — Byzantinische Zeitschrift
Bd. VIII Heft 25. — Revue critique 1899 No. 4. — Museum 1899 No. 6/7.
I
• I
* * '« I
I. Die Namen der Magier.
In der syrischen Schatzhöble wird erzählt, wie die Magier
bei der Erscheinung des wunderbaren Sternes voll Bestürzung in
ihren gelehrten Büchern forschten und nun im Orakel des
N i m r o d l) fanden , dass ein König in Juda geboren werden
würde. Sofort verliessen sie den Osten und zogen mit Geschenken
an Gold, Weihrauch und Myrrhen, die sie in den Bergen von
Nod geholt hatten, zum neuen Könige, um ihm ihre Huldigung
darzubringen. „Die folgenden aber sind diejenigen, welche Opfer
darbrachten, Könige und Söhne von Königen: Hormtzkar (Hör-
mizdü&)*) von Mä^özde8), der König von Persien, der den Titel
.König der Könige' führte und in Adonmgän*) unten5) resi-
dierte; Azdeger*) , der König von Sabä, und Pcauoazd1) , der
König von Schebä, das im Osten liegt. Und als sie sich an-
schickten hinaufzusteigen, geriet in Bestürzung und Schrecken das
Reich der Riesen8) — es war aber ein sehr starkes Heer — so
dass auch alle StUdte des Ostens vor ihnen in Furcht gerieten.
. . . . Magier aber wurden sie genannt wegen der Magiertracht,
*) Die arabische Übersetzung S. tTo, 5: „in dem Orakel, welches
Jüntön, der Sohn des Nüh, dem Nimrod gegeben hatte, als er mit ihm
zusammentraf*.
*) BA JJPDWO» , S , V V?pMOO) .
3) BS ««tjQSUD, Ar. ^&*wOj*jP . Thntsächlich ist der Ausdruck
-ijOaaDJ unübersetzbar. S. u. S. 6 f.
4) SV ^OK)jJs, A ^JOjJZ), B ^J0}j2>; vgl. Lagarde,
Mitteil. III 73.
*) Ar. ^yUI JjU j.
•) A r^W, Ar. ^Is^jt, v. 1. \j>*j, d. i. jlsOjl.
*) B JOVÄ, Ar. 0!3jASf v. Lj£, .
^ D. i. Kana'an, wo einst die Riesen gehaust hatten. S. u. S. 3.
Marqiurt, Untersuchungen. 11. 1
PhUologM 8upi»lementband X, Er«t«« Heft.
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2
J. Marqaart,
i
mit welcher die Heidenkönige bekleidet waren, welche, wenn sie
ein Opfer veranstalteten oder ihren Göttern Spenden darbrachten,
zwei Trachten anlegten, die des Königtums innen und die des
Magiertums aussen*1).
Diese Erzählung geht natürlich aus von der messianischen
Psalmstelle 72, 10:
w«h ttmw d^«t sj^n "ob»
•t t i • ••: ~ : - ••»-
Hier ist also das den Spätem unverständliche Tariiä auf Persien
(Pars) bezw. das Partherreich bezogen worden.
Vom dritten Könige erzählt die erweiterte Recension A noch
folgendes: «Als der Sohn des Königs von Schebä noch ein kleiner
Knabe war, brachte ihn sein Vater zu einem Rabbi, und er lernte
die Schriften der Hebräer besser als alle seine Gefährten und
Volksgenossen ; und er sagte zu seinen Dienern, dass auch in allen
Geschlechtsregistern geschrieben stehe, dass der König in Bethlehem
geboren werden solle"2). Und als die Magier dem Messias Opfer
darbrachten und den Lobgesang der Engel hörten, die bei ihm
auf- und niederstiegen , sagt Parwazdätf zu seinen Gefährten :
„Jetzt weiss ich, dass die Prophezeiung des Jesaias wahr ist
Denn als ich in der Schule der Hebräer war, las ich im Jesaias
und fand darin folgendes: .denn ein Kind ist uns geboren* etc.
(Jes. 9, 6)8).
Drei Magier mit ganz ähnlichen Namen kennt die Schatz-
höhle schon zur Zeit des Nimrod. Es heisst nämlich von Salomo :
„Er baute Tadmor in der Wüste4), und führte dort grosse
Wunderwerke aus. Und als Salomo an den Fuss des Gebirges
gekommen war, das Sä'lr heisst, fand er dort den Altar, welchen
Paiicarzkar5), Bcuwarzani*) und Ja*dwBrx) erbaut hatten. Diese
hatte nämlich Nimrod der Riese zu Bal'am, dem Priester des
Berges geschickt , weil er von ihm gehört hatte , er verlege sich
auf die Sternbilder; als sie nun an den Fuss des Sä'Ir gekommen
') Die Schatzhöhle hrsg. u. Uber», von C. Bezold S. 8 ff .
TPa, 10 ff. — S. 57. 58 der Übersetzung.
*) s. rn, s—8.
3) s. rff , 10 ff. = S. 59 d. Üb*.
*) 2 Chron. 8, 4. Jos. df*. 8 § 154.
») B •♦DJOÄ, SV W~2>, Ar. v. 1. ^y,
fl) BSV ~J*OÄ, fehlt bei Ar.
") B ?OJJ-, VA fcyp, S iojJJ; Ar. \j>j\, v. 1. c,U,yt,
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. B
waren, bauten sie dort einen Altar der Sonne1); und da ihn
Salomo sah, baute er dort eine Stadt, und nannte sie Heliopolis
di. i. Sonnenstadt" *). Diese eigentümliche Korabination wird da-
durch verständlich, dass der Moabiterkönig Balaq als König der
Riesen galt (Ja'qübT, Hist. I fv; Qazwlni I ff1) und mit der
Landschaft Belqä' *UM zusammengebracht wurde«). Auch liegt
wobl eine Verwechselung des Gebirges Se'Tr mit dem SanTr
(Hohel. 4, 8), einer Kette des Antilibanos nördlich von Damaskus, vor.
Diese Stelle steht mit einer früheren im Zusammenhang, wo
es heisst: „In den Tagen des Ar'ü (i3n, 'Payav) machten sich
die Mecräer d. i. die Ägypter den ersten König, namens Pontos,
der Über sie 68 Jahre herrschte. In den Tagen des Ar'ü herrschte
(gleichfalls) ein König in Schebä und Ophir und in Hawüä. Es
regierten nun in Schebä 60 Töchter von Schebä, und viele Jahre
lang herrschten in Schebä Weiber, bis zur Regierung des Salomo,
des Sohnes Davids. Über jlie Söhne OphTrs4) herrschte aber der
König Lephörön5), der Ophir aus goldenen Steinen erbaute;
denn alle Steine in Ophir sind von Gold. Und über die Söhne
Hawilä's herrschte der König Hatoil*), der Hawilä erbaute"6).
Unter Re'ü herrschte also noch ein König in Schebä, später
aber Frauen bis auf Salomo, zu welchem die Königin von Schebä
kam (S. U. , 4). Unter Schebä versteht der Verfasser nicht
Südarabien, das alte Reich von Saba, sondern Indien, wie
aus dem Beisatz .welches im Osten liegt" (S. fH, 12) hervor-
geht. Man bezeichnete Südarabien und das gegenüberliegende
Abessinien als , äusseres Indien* (rj ££aj 'Ivdict, India citerior) im
Unterschiede vom .inneren" oder eigentlichen Indien (tj kvdoTegut
7v<f/a, India ulterior). Schon bei Rufinus (h. e. I 9) begegnen
wir aber einer Verwechselung dieser beiden Begriffe. Er behauptet,
noch India ulterior sei vor den Zeiten Konstantins noch keine
apostolische Predigt gekommen und definiert dasselbe als zwischen
India citerior (dem glücklichen Arabien) und Parthien in der
Mitte gelegen, sed longo interior tractu. Allein gleich nach-
») Vgl. Num. 23, 1 ff. 7. 14. 28 ff; 24, 17.
*) Vgl. Iva, 10 ff. — S. 43 d. Übs.
*) Vgl. Grünbaum, Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde
S. 181, 185.
4) A am Rande: .das ist Ilmd (Indien)".
*) Ar. .j y±j>\ , v. 1- l™ äthiopischen Klemens heisst der
König von Sebä, der auch Ophir erbaut, Famos = aus y')}*?*'
Als ursprüngliche Form vermutet deshalb Bezold S. 77 Anm. 112 der
Übersetzung mit Recht ,£9Q&/ statt >oia2l\, also ein Eponymos
von VȀo/.
•) S. IfA, 5-14. Irl, 6-13 = S. 30/31.
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J. Marquart,
her wird Frumentius als der erste Apostel jener Lander genannt,
der aber vielmehr in Abessinien das Evangelium gepredigt hat.
Dasselbe wird dann von Sokrates, Sozomenos und Theodoret wieder-
holt. Kosmas Indikopleustes in seiner Topographia Christiana ver-
steht unter dem „inneren Indien* immer Südarabien, wogegen
Johannes von Ephesos den König der Homeriten ^JQuj (1. ^ -«
= Jlfivov, acc.) richtig als König der ^«jocod/ = twv $£(o
'Ivdwv bezeichnet1). In den apokryphen Apostelgeschichten aber
begegnet uns jene Verwechselung auf Schritt und Tritt2).
Man sieht nun unschwer, dass die Namen «jjia*S und
11JOV2) (so die vollständigere Form) auf dieselbe Grundform zurück-
6*141
gehen. Beide lassen sich ohne Mühe in }«jo;ä bezw. }«j*o;S
Farr-ioindäö''7) „vom Glück erlangt* oder „Glück erlangt habend*
verbessern, dies ist aber nur eine Art Übersetzung von Gundafarr,
in den Thomasakten ^SUJQ^für v2>«JO^), gr. fovvÖd(fogogy auf
den Münzen YvdoyiQQTjg, I'ovöocfdQTjg^ ind. Gomdafarna, Guda-
phara, Gadaphara etc.5), ap. Winda(h)-farnä, gr. Ivracfgivtjg für
'Ivxct(piQvr}q (Her. y 70. 78. 118 ff.), Ktes. AracpigvTjg statt *A vra-
(pigvrjg, aw. * Windai - hwardnanh „die Majestät erlangend*').
Der Name Gundaphar ist noch nach der Kompositionsweise der
alten Sprache gebildet und war deshalb gleich sehr vielen anderen
parthischen Namen, besonders der älteren Zeit, den Persem der
Sasanidenzeit noch weit weniger verständlich als der grösste Teil
der altgermanischen Namen den Deutschen im 18. und 14. Jahr-
hundert. Man suchte sich deshalb dieselben mundgerecht zu
machen, indem man sie etymologisierte, wobei es natürlich bei der
grossen Verschiedenheit der Wortbildung und Kompositionsweise
der alten bildungsreichen Sprache von derjenigen der modernen
») Assemani, B. O. I 359. Vgl. Gutschmid bei Nüldcke,
Gesch. der Perser und Araber 186 N. Gemeint ist »*3 .
*) Vgl. R. A. Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten 1 285.
II 2, 59. 64. 132 f.
' ») Der Name ist belegt bei Tab. I Hv., 11. 14. 16 (a. 13 II.) mit
der Var. JLXJ^Lä Farr-ä-tcindäS bei Ibn al A%?ir III TTo, 23, die mit
3li>Jütj9 bei Ist. Jf/\, 4. Ibn Hauq. 1*.1, ann. b identisch ist. Vgl.
G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akteu pers. Märtyrer 297; F. Just i,
Iranisches Namenbuch S. 90 a. 91 b. 98 b.
*) Wright, Apocryphal acts of the Apostles I S. y^JO, 3.
6) Die Münzen bieten im griechischen Texte bald TNJO<PEPPOT.
bald rüNJO<PAFOT, rONJA<PAPOT. S. Percy Gardner, The
coius of the Grcek and Scythic kings of Baetria and India in the British
Museum p. 103—106, PI. XXII, 5—13. Die Kharosthilegende zeigt
neben GadapJiarata (gen.), Gudapharasa d. i. * Gudapliarrassa auch die
genauere Namensform Gomdafarna. Vgl. Otto Franke, ZDMG. 50,
603; G. Bühler Indiau Antiquary, May 1896. p. 141 N. 5.
•) Vgl. G. II off man n, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer 287.
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Untersuchungen zur Geschichte von Erau.
Dialekte , die den Flexionsreichtuin jener zum grossen Teil als
unnützen Ballast über Bord geworfen hatten, an mannigfachen
Mißverständnissen nicht fehlen konnte.
Der in Farr-windäd steckende Gundaphar, der Herrscher des
Sakcnreiches im westlichen Indien und in Ariana, stammte ans
dem parthischen Adelshause der Suren und war ein Zeitgenosse
des Partherkönigs Gotarzes IL , der sich nach seiner Vertreibung
im Jahre 42 n. Chr. in sein angestammtes Fürstentum Hyrkanien
und Karmanien zurückgezogen hatte1). Wahrend in den Thomas-
akten der indische König Gundaphar als Beschützer des Apostels
Thomas gopriesen wird, erscheint Gotarzes als hartnäckiger Feind
der neuen Lehre und eifriger Verteidiger des alten Glaubens, wes-
halb er schlechtweg den Namen Mazdai führt, der ihn als eifrigen
Mazdaverehrer bezeichnet2). Gundaphar ist auch in den syrischen
Alexanderroman verflochten worden. In einem im griechischen
Texte (Pseudo-Callisthenes ed. C. Müller 3, 17) fehlenden Stücke
des Briefes Alexanders an Aristoteles wird erzählt, wie Alexander
von Prasiake nach 10 Tagen zu einem hohen Berge kommt, wo an
einem Flusse ein mächtiger Gott in Gestalt eines Drachen (nät/a)
hauste. Alexander vernichtet den Drachen mit Hilfo derselben
List, die Daniel gegen den Drachen angewandt hatte, und kommt
dann zu einem hohen Gebirge, von welchem der Fluss Birastös
(p. 106, 2 rpni\cr>'t ^ 3 p. 198, 13 - Korv^ : lies Jp-^on^-^
BtdaGTtjg, Ptol. VII, 1 p. 447, 18 Biödaniß) entspringt. Der ganze
Berg bestand aus Saphir und hatte Überfluss an Quellen und Wasser-
sprudeln. Hier gründete Alexander die Stadt „Alexaudria, die Königin
der Berge* — ohne Zweifel *A\&$ctvdQtict ij ngog Kavxdoq)*) —
und Hess seine Truppen da zurück, er selbst aber zieht mit zwanzig
seiner Freunde aus und gelangt zunächst nach Qätön ^LJjD, wo er
drei Tage rastet. Ich vennute, dass dies derselbe Ort ist wie
Cartana oppidum sub Caucaso, quod postea Tetragonis dictum
PI in. h. n. 6, 92. Von da marschiert er 10 Tage auf gebirgigem
Pfade durch wasserreiche Gegenden und dann weitere 15 Tage
durch eine Wüste, bis er zu den Grenzen von (Jin gelangt. Als er
den Hof des Königs von (JJin erreicht, gibt er sich für Pithäös, den
Gesandten des Königs Alexander aus und wird von Gurulajthar,
dem Heerführer des Königs verhört (S. 195, 5). Reich beschenkt
kehrt er alsdann wieder zu seinem Heere zurück. Die vorliegende
Erzählung versteht unter dem König von yin offenbar den Kaiser
*) Siehe meine Beiträge zur Geschichte und Sage von Eran
ZDMG. 49, 641.
*) Siehe vorläufig meine Chronologie der alttürkisehcu Inschriften
S. 67 Anm. 3.
z) Wie der Fluss Bidaste» zeipt, hat hier eine Vermischung zwi-
schen Alexandreia Bukephalos am Ilydaspes ( Vüauta) und Alexandreia
am Kaukaisos stattgefunden.
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ö J. Marquart,
von China. Ursprünglich war aber wahrscheinlich nicht dieser
gemeint, sondern der König der Kusan, der, wie Sylvain
Levi aus chinesischen Übersetzungen buddhistischer Legenden
nachgewiesen hat1), in Nachahmung des chinesischen Kaisertitels
, Himmelssohn " (Cien-tzo) sich den Titel devaputra oder voll-
ständiger Cenasthäna-devaputra, chinesisch abgekürzt öen-ton,
pers. jyjJu baypür, sogdisch jyJd fayfür*), arm. Cen-bakur*)
beilegte. Der Sakenkönig Gundaphar wurde also zunächst zum
Heerführer des Grosskönigs der Kusan (Jüe-öi) degradiert, welcher
das Reich der Saken vernichtet hatte.
Der Name ^jfOÄ ist augenscheinlich von den Schreibern
nach dem bereits verdorbenen MÜjio*2> (aus j^uo^S) gemodelt und
"4*1 t' * * -»-I • 1
zunächst aus ^D^fsojiooj verstümmelt worden. Er entspricht offen-
bar dem ersten der drei Magierkönige ^oj-^o^oOf oder jjj^iooi .
Mit dem diesem Namen beigegebenen Zusatz ^jjoixoj ist nichts an-
zufangen; er ist schlechterdings unübersetzbar. Ich vermute, dass
*) Sylvain LcWi, Dcux pcuples meconnus. M&anges de Harlez
182 s. Notes Bur les Iudo-Scythcs. Journ. as. 1896, 2, 452. 457. 469.
472; 1897, 1, 23 Note 2. Zuerst findet sich der Titel iletxtputra auf
Münzen des Kusan königs JKuyula Kara Kaphsa (Cunningham. Num.
Chron. 1892, 66. PI. IV, 9), der wohl mit Kozulo-Kadphizes identisch ist.
*) Dies ist im Persischen der ständige Titel des Kaisers von China.
Vgl. al ChuwärizmT, MafätTh al 'ulilm ed. van V loten S. Hl, 2. II*., 7
(wo zu lesen ist äJ| xjJciuJb ^1 y j^)- Bei Tab. I Mi, 11
heisst es: „Fre<?ün machte den Tue zum König über die Gegend der
Türken, Chazaren und Oin, und man nannte dieselbe Üb ljyo Ctn
bayü*, wofür cod. Spr. 30 richtiger ^jyo = Cin bayapuhr hat.
Der Kaiscrtitcl ist also irrtümlich als Landesname aufgefasst worden.
Die Form /ci fay wird von den Wörterbüchern für feryanisch er-
klärt; s. iförn, Neupersische Schriftsprache § 35, 2 S. 78 (SA. aus
dem Grundriss für iranische Philologie Bd. I, 2, Lieferung 1).
Nach Ernst Kuhn, Barlaam und Joasaph 8. 37 hätten schon
die Vorfahren der Arsakiden in ihrer östlichen Heimat den chine-
sischen Kaisertitel „Himmelssohn* angenommen und ihn als baypür,
fuyfür nach dem Westen übertragen. Erst von letztcrem wäre das
(ievajnUra der Ku&ankönige und weiterhin das "INnT *nn£ =
/* yivovs fteov der Sasaniden ausgegangen. Diese Auffassung ist in-
dessen völlig unhistorisch.
s) Moses Xor. Geogr. ed. Soukry p. 46, 12 — 62 der Übersetzung.
Baknr ist die armenische Form des parthischen Namens Jluxopog, den
man sich als zurechtlegte und daher , da jj in manchen Dia-
lekten auch König bedeutete (al Chuwärizmi 1H , 1. If., 7; Berünl,
Chronologie rT"», 9), mit ^ähjmfir „Königssohn* übersetzte. So heisst
z. B. der persische König Säpür II. bei Prokop Pers. 1, 5 p. 26 Dtutov-
Qioe, in der entsprechenden Stelle des Faustos Byz. 4, 20 dagegen Sapuh.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran,
7
der ursprÜDgliche Text lautete: ^jj» oofj .(Hormizkar) d.i. Mazda? .
Die Lesart ;opo*oO) Hormizkar lasst sich vom iranischen Stand-
punkte aus nicht rechtfertigen, wogegen ^OJOVÄ Perözkar =
np. ßj^jfg , victor* einen guten Sinn gäbe. Das Ursprüngliche
wird aber ^Öj^ioot Hormizdfarr „von Hormizd Glück besitzend*
sein, wovon Hormizdäd lediglich erleichternde Korrektur ist. Man
hat sich also nicht daran gestört, dass Mazdai in den Thomasakten
als Feind des Christentums erscheint, und ihn ganz naiv
unter die drei Magier aufgenommen. Ein oder er-
scheint auch in den arabisch - persischen Arsakidenlisten , unter
welchem, wie später gezeigt werden soll, gleichfalls Gotarzes II. zu
verstehen ist. Die Residenz des Königs in Adorbaigän würde aller-
dings besser auf Gotarzes' Vorgänger und Schwager Artabanos II.
passen, einen Sprössling des alten Königshauses von Atropatene, der
aber in weiblicher Linie von den Arsakiden abstammte. Nachdem
er zunächst die Krone seines Erbreiches Medien gewonnen hatte,
wurde er später auf den Thron des Königs der Könige berufen,
und ward so der Begründer der weiblichen Arsakidenlinie. Freilich
war Atropatene gerade dasjenige Land, das — abgesehen von
Pars — unter einer altpersischen Dynastie am längsten von der
unmittelbaren Herrschaft der Parther freiblieb. Seitdem aber
Artabanos den Thron von Ktesiphon bestiegen, ward es ein gut-
parthisches Land und erscheint in der arabisch -persischen Über-
lieferung als ein Hauptgebiet der Pahlawlk's. Wie lange es nachher
noch ein eigenes Königreich geblieben ist, lässt sich bis jetzt nicht
bestimmen; ebensowenig vermögen wir zu sagen, ob in der That
jemals Ganzak, die Hauptstadt von Atropatene , den Grosskönigen
als zeitweilige Residenz gedient hat, da unsere Quellen sich nur
auf die Periode vor dem Aufkommen der weiblichen Arsakiden-
linie beziehen1). Der Ausdruck „in Ä^orwlgän unten* [k*J&. &>]
ist vielleicht mit Nöldeke (briefliche Mitteilung) durch die
Annahme zu erklären, dass dem Verfasser eine Karte vorlag, in
welcher Süden (mit Indien) oben und Norden (mit Adorbaigän)
unten war, wie in den arabischen Karten.
Über das oben erwähnte Orakel des Nimrod erhalten wir
II tri, 16 — in = I 33 Auskunft3): „In den Tagen Nimrods des
Riesen wurde ein Feuer gesehen, das aus der Erde aufstieg.
Und Nimrod stieg hinab, sah es und betete es an und setzte
Priester ein, die dort dienen und Weihrauch hineinwerfen sollten.
*) Strab. tn 13, 1 p. 522 sagt, dass die Partherkönige im Sommer
io Ekbatana und im Winter in Scleukeia am Tigris residierten.
*) Die folgende Erzählung ist benutzt von Ja'qübi, Hist. I f., in
der arabischen Catene bei Lagarde, Materialien zur Geschichte und
Kritik des Pentateuchs I S. 96, sowie bei Eutychius ed. Pocock I 62. 64.
Vgl. Grünbaum, Neue Beiträge zur semit. Sagenkunde 94 f.
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8
J. Marquart.
Seit dieser Zeit begannen die Perser das Feuer anzubeten (138)
bis auf den heutigen Tag. [Es fand aber der König Sisän ')
eine Wasserquelle in Ä^orbTgän *) , und machte ein weisses Pferd
und stellte es daran auf; und diejenigen, welche sich badeten,
beteten dieses Pferd an. Von da an begannen die Perser dieses
Pferd anzubeten.]8) Nimrod aber ging nach Nöqdörä4), d. i. Nöd,
und als er zum See Ökras5) kam, fand er dort den Jöntönfi), den
Sohn des Nöfc.
Er stieg nun hinab und wusch sich in jenem See, und opferte
und betete den Jöntön an. Jöntön sprach zu ihm: Du bist
König und betest mich an? Nimrod erwiderte ihm: Deinetwegen
bin ich hierher herabgekommen. Er verweilte nun bei ihm drei
.führe, und Jöntön lehrte den Nimrod Weisheit und das Buch der
Offenbarung und sprach zu ihm : Komm nicht wieder zu mir ! Und
als er vom Osten heraufgekommen war und begann, dieses Orakel
anzuwenden, verwunderten sich viele über ihn. Als aber Jaz&ar7),
jener Priester, der jenem Feuer diente, das aus der Erde hervorkam,
sah, (140) wie Nimrod in jenen alten Bahnen der Offenbarungen sich
bewegte, bat er jenen Dew, der um jenes Feuer erschien, sie
möchten ihn die Weisheit Nimrods lehren. Und wie es die Ge-
wohnheit der Dewe ist, diejenigen welche sich ihnen nahen, durch
die Sünde zu verderben, sprach jener Dew zu jenem Priestor:
Kein Mensch vennag Priester und Magier zu sein, ehe er sieh
nicht mit seiner Mutter und mit seiner Schwester begattet, Jener
Priester aber that, wie ihm der Dew gesagt hatte8). Von da an
begannen die Priester und Magier und Perser, ihro Mütter und
Schwestern und Töchter zu nehmen. Und dieser Priester Jazsar
begann zuerst die Stellung des Horoskops anzuwenden und die
Schicksale und Lose und Zufalle und die Zuckungen der Glieder
J) Ar. (j»L*, v. 1. ^y^x v)y„**.; im Clem. Aeth. Säsf im
äthiopischen Adambuch (Trumpp, Abh. der bair. Ak. XV, III.) Saittän.
Vgl. Lagarde, Mitteil. III 63. *
a) Nur A und Ar.
•) So B; die übrigen Jfo*0CL, JvDO*, Ar. ^.^XsLi, (V),
•) So B; Ar. (P), = ; die übrigen £0^,
Clem. Aeth. Teräwes = (j^jbt.
°) A am Rande: Diesen Jöntön zeugte Nöh nach der Siutflut und
ehrte ihn hoch und schickte ihn nach Osten, das» er dort wohne.
') So B; S V V*P/; A V^./, Ar. ^ÄOjl, v. 1.
^ju&IvXjI; Lagarde, Mat. 96 j»L^3 ^jLä-AjI.
*) A: ,Und Idääer der Priester that so*.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
9
und derartige Dinge der Chnldäerkunst. Dieses ist aber eine Trug-
lehre der Dämonen, und jene welche ihr dienen, werden mit den
Dämonen ihre Strafe empfangen am Tage des Gerichtes. Jenes
Orakel des Ninirod aber hat (142) keiner von den rechtgläubigen
Lehrern verworfen, denn auch diese haben es benutzt. Die Perser
aber nannten es Orakel, und die Römer Astronomia*.
Den Inhalt jenes Orakels selbst erfahren wir aus Salomon,
dem Metropoliten von Baera (um 1222), der vielfach aus sehr
alten Quellen schöpfte und in seiner „Biene" Kap. 37 folgende
„Prophezeiung des ZarädöSt über unsern Herrn* mitteilt1):
„ Dieser ZaräJöst ist Barü£ der Schreiber. Als er an der
Wasserquclle Glösa von Horm sass, wo das königliche Bad errichtet
worden war, sagte er zu seinen Schülern, dem König Gusnasp
und Säsän'2) und MahimaS: Höret, meine Söhne und Geliebten,
denn ich will euch ein Geheimnis offenbaren über den grossen
König, der künftig in der Welt aufstehen wird. Am Ende der
Zeit und bei der Endzers Wirung wird ein Kind im Schosse einer
Jungfrau empfangen und in ihren Gliedern gebildet werden,
ohne dass ihr ein Mann genaht ist*. Es wird alsdann seine
Kreuzigung, Erhöhung und Wiederkunft verkündet. Darauf fingt
Gusnasp: „Dieser, von dem du diese Dinge sagst, woher hat er
seine Macht? Ist er grösser als du? oder bist du grösser als
er?" ZaräduSt erwidert: „Er ist aus meinem Geschlecht ent-
sprossen- Ich bin er, und er ist ich, und er ist in mir und ich
in ihm. Wenn sich der Beginn seiner Ankunft zeigt, werden
Zeichen am Himmel gesehen werden , und sein Lieht wird das
des Himmels übertreffen*. Er ermahnt seine Schüler sodann, auf
diese Zeichen zu achten, und wenn der Stern erscheine, Gesandte
mit Geschenken an ihn zu schicken. „Dieses sind die Dinge,
welche von diesem zweiten Bal'am gesagt wurden , und Gott hat
ihn nach seiner Gewohnheit gezwungen, dies zu verdolmetschen;
oder er stammte aus einem Volke, das mit den Prophezeiungen
über unsern Herrn Jesus Christus bekannt war, und zeigte sie
vorher an*.
Die geheimnisvolle Prophezeiung des ZaräduSt bezog sich also,
wie man sieht, auf die Geburt des Sausjant vor der Welterncuerung
am Ende der Tage :1). Am Ende eines jeden der drei letzten Jahr-
tausende der Welt wird eine im See Kusava in Sagistän badende
Jungfrau schwanger von dem dort aufbewahrten Samen Zara#ustras.
So werden Ux&jat ^ta , Ux&jat-rmnö und Saosjant geboren wer-
den, von denen jeder am Ende seines Jahrtausends die in Ver-
J) The Book of the bee, ed. E. A. Wallis Budge S.
81 der Übs. *
*) v. 1. vfT>.fT>.
3) S. bereits Ernst Kuhn, Eine zoroastrische Prophezeiung in
christlichem Gewände. Festgrusa für Roth S. 217 ff.
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I
10 J. Marquart,
fall geratene Mazda -Religion wiederherstellen wird. Der letzte,
Saosjaüt, wird die Auferstehung und das mit der Welterneuerung
und der Ausrottung des Bösen beginnende selige Zeitalter herbei-
führen1). Diese Lehre der Magier kannte schon Theopompos (fr. 71
bei Laert Diog. prooem. p. 2), und es spricht nichts dagegen,
dass die Sage von der wunderbaren Geburt des Saosjafit ebenso
alt ist. Die Christen haben diese Kunde, wie schon E. Kuhn
(a. a. 0. 219 f.) vermutet hat, wohl der apokryphen Schrift
Hystaspes entnommen, welche, wie wir aus Justin und Lactantius
schliessen dürfen, sicher die Prophezeiung vom Ende der Welt
enthalten hat1). Wie die Schatzhöhle selbst angibt, war jenes
Orakel des Nimrod schon früher auch von orthodoxen Theologen
benutzt worden. Seine Aufnahme durch die Christen setzt aber
voraus, dass zur Zeit derselben noch chiliastische Hoffhungen und
Erwartungen weite Kreise beherrschten.
Unter dem König Gu&nasp ist natürlich Gvätäsp (lies
^CDkAQ^) oder Wi&täspa, der Beschützer ZarafluStras zu ver-
stehen. Die Quelle GlöSä de- Horm ist offenbar identisch mit
dem See Okras, an welchem Nimrod den Jöntön traf und dessen
Unterweisungen genoss. Wahrscheinlich ist davon aber auch die
Quelle, welche Slsän nach dem nur in A sich findenden Zusatz
in ÄJorbaigan entdeckt, nicht verschieden. Das an derselben auf-
gestellte und göttlich verehrte weisse Ross ist ohne Zweifel ein
Symbol des Feuers Aim-guSnasp (Hengstfeuer), d. i. des Blitzes,
das in Ganzak (Tacht-iSulaimän) östlich vom Urmiasee, der süd-
lichen Hauptstadt von Atforbaigän verehrt wurde. Die genannte
Quelle kann also kaum etwas anderes sein, als der innerhalb der
Stadt Ganzak gelegene See Öaecasta (öest), nach welchem die
Stadt bei den An,ben> ^ genannt wird %
Wie hier erscheint Wistäspa auch in der romantischen Ge-
schichte aus Chares von Mitylene (bei Athen. 13, 35 p. 575) als
König von Medien bis zu den kaspischen Thoren. MahimaÖ
ist ohne Zweifel Zara#u§tras leiblicher Vetter und erster Schüler
Mai8jöi-m&nha, der Spitäma (Jas. 51, 19; jt. 13, 95). Man hat
also opQ**2D zu schreiben für t*>.r^v> . Unter onrr» oder on> rp
kann dann nur Gämä&pa (Jasna Dügämä&pd) der Sohn des Hwogwa
verstanden werden, der weise Minister des WiStäspa, der erste am
Hofe des WiStäspa, der die neue Lehre annahm und welchem
») Vgl. Darmestete r, Le Zcndavesta II 521 n. 1 12, III p. LXXIX ;
Bundah. XXXII, 8—9.
*) Justin, apol. 1, 20. 44; Lactant. Inst VII 16. Vgl. Wind i sch-
ul an n, Zoroastrische Studien 293.
*) Vgl. G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer
248. 250 ff. Bei Tab. I 1H , 12 cod. Tn heisst der See ß =
War4 Im.
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Untersuchungen zur Geschichte Von Eran. H
Zaratfustra seine Tochter Pouru&sta vermählte (Jasna 46, 17.
49, 9. 51, 18.; jt 5, 68. 13, 103. 23, 2. 24, 3). In der Schatz-
höhle S. U*a, 2 = 31 erscheint Slsän1) als Minister des Nimrod
und erhalt den Beinamen JtaOJ »der Weber*. Wie Slsän in der
erweiterten Becension der Schatzhöhle in A<Jorbaigän auftritt, so
lässt Mas'üdl (Murug II 127) den Gäniäsp aus Atforbaigän stammen:
•Nach dem Tode des Zarädu&t nahm der weise Gämäsp2) seine
Stelle ein , der aus Adorbaigän stammte. Er war der erste
Mob ad, der nach Zarädu&t unter ihnen auftrat, indem ihn der
König BiStasp für sie bestellt hatte*.
Jetzt ist es auch möglich, den Namen des dritten Magier-
königs zu erkennen. Der Priester ;r)f ist natürlich kein anderer
als ZaraOustra, und die Änderung in y->K»*/f ^ und ^£o^
bei A und dem Araber rein willkürlich. Die nächstliegende Ver-
besserung ist «jljij , vgl. die armenische Form ZradaSt aus *Zura~
daöt und die Verderbnis von «^pv Abdagases in ,~ *t-sv (V ater
des 'Awitfä) und] %,»^v , .f^pv in der Addailegende ed. Phillips
p. 18, 4. Allein mit diesem Namen hängt der des dritten Magiers
aufs engste zusammen:
8. in, 11 ^J)/8), A jv^pA
S. »va, 13 B jojp, S *ojp, VA fcyp.
S. JPa , 13 B ^tp, S ^p, V ^tp/, A
•
Nun hat bereits Cure ton (Spicil. Syr. 81) bemerkt, dass Thcodoret
den Urheber des htcaetwada&a (der Ehe mit den nächsten Bluts-
verwandten) Zagadtjg nennt: *j4XXd xaxct rovg ZagäSov ndXat
ilkgoai noXtTtvöfitvoi vojiovg, xai fitjrgäßt xai aösXtyalg
adiwg xai ftivroi xai &vyaTgdai fAiyvvpiVoi , xai hvoftov
rijv nagavofiiav rofit^ovreg4). Die Namensform Zagabi\g für
Zara^uStra begegnet aber auch sonst, so z. B. in den Anathcnia-
tismen gegen die Manichäer: dva&tfiaTt^w ZagaÖrjv^ öv o Mavr\g
ttedv iXtyt ngo avrov fpav&ra nag 'IvSoig xai Ilkgcaiq, xat
fjXtov äntxaXw avv ai/ry xai rag Zagadeiovg övof*a£o-
uivag tvxagb). Das Ursprüngliche ist also vielleicht «jtorij.
Möglicherweise hat aber die ursprüngliche Quelle mit verschiedenen
Nitmensformen abgewechselt: v^pjCjtpj?)» OWJ (}10J?) und
*) Ar. .,L»Li«,
*) cod. L4 und D ^1*13-, ed. ^1313-, lies ^L«L>-.
*) Die Varr. des Arabers führen auf jl^-jjt
*) 'EU**, na&w. £«ji«w*vtixi7. Ilspi *6no>t> ed. Gaisf ord p. 351.
a) S. Windischmann a. a. 0. 264 N. 3.
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12 J Marquart,
de Lagarde, Miiteil. III 72 f. hat also mit Recht gegen
die Identifikation der drei Magiernamon mit denen der sasanidischen
Könige Jazdegerd IL, Hormizd III. und Pöröz (438— 484) ')
protestiert. Freilich sind seine eigenen Winke noch viel bedenk-
licher und reine Irrlichter. Er erwartet für „Jazdegerd* einen
äthiopischen Namen, und sieht in den Magiern die Vertreter von
Sem, Cham und Japhcth.
Jetzt kann es uns nicht mehr schwer fallen, auch die übrigen
Magierverzeichnisse zu analysieren und in ihre Elemente zu zer-
legen. Man findet sie zusammengestellt bei Albr. Wirth, Aus
orientalischen Chroniken S. 202 ff. und E. Nestle, Marginalien
und Materialien S. 67 ff.
Nach dem syrischen Lexikographen Bar Bahlül3) stammten
die Magier aus Persien , von den Söhnen des 4Elam , Sohnes des
§em. Sie waren berühmte Fürsten und vornehme Männer des
Landes Persien, hatten aber auch viel Volk und eine Gelcitstruppe
von mehr als 1000 Mann bei sich, so dass Jerusalem in Be-
stürzung geriet, als sie anlangten a). Bar Bahlül gibt nun zunächst
zwei CI nippen von Namen der Magier:
I. ^ÖOA 'Prüfern
^OIOO) Hörnum
rt-
nach andern
1 1 . )o OO) ^JQ^ G äSafarhöm
kjuu^V ArtaMast
j;2£SS.O j?Q ^\ Leßüda und Alpcrä.
Hier ist ohne weiteres deutlich, dass ^o;\ auf oir>Q>\
(ursprünglich ^;qS/), den König von Ophir (oben S. 3 u. Anm. 5)
zurückgeht. Dasselbe gilt für Jjadk. (aus Ji^QiM und JyQ^
^OtOOf ist einfach Verschrei bung für ^^dioO) — Ilormizd,
eine Abkürzung von HormizdäJ; --^ ist lediglich Verstümmelung
von kftJu^V ArtaMast, und unter diesem Könige ist der Freund
des „Gottesvolkes*, der Gönner des Ezra und Nehemja zu ver-
stehen. Den Namen jQOOfVSjO^ haben wir wohl in zwei Namen
») Nöldeke, Lit. Cbl. 1888 Sp. 234. — Als ich die thöriehte
Anmerkung 2 bei Wirth, Aus oricntal. Chroniken 203 schrieb, war
mir die Scnatzhöhle nicht zugänglich, und ich kannte die Namen nur
aus B u d g e , The book of the bee S. 84 n. 2.
*) Ed. Rubens Duval col. 1002 f.
3) Dieser Passus findet sich wörtlich schon bei Jakob von Edessa.
(t 708). S. Eb. Nestle, Marginalien und Materialien 71/72.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 13
VÄJQ^ und )000) zu zerlegen. Der letztere erinnert an das
)oojoO) im vierten Verzeichnis, ist aber vielleicht gleichfalls nur
eine Verstümmelung von Horrtiizd.
HL Auf persisch sollen die Namen der Magier lauten:
Heh-ämaS (er kam gut), ZüB-ämaö (er kam schnell)1), und
Lhrust ämaö (er kam heil).
IV. Zum Schluss gibt Bar Bahlül eine Liste von zwölf
Namen, die sich auch bei Ps. Dionysius von Telmabre, Dionysius
BarcalTbl (f um 1171), Michael Syrus und Salomo von Bacra und
in einer „ Weissagung des Propheten Daniel" findet9). Sie wird
etwa folgendermassen herzustellen sein:
«)joo-^ifio v2> 5)j!pok>o)J P r*>*&
Zahrwendäö bar Artaßan 1 AkdüjäS .
Hormüdäd bar Sanaprüq ) Hadwendäö bar Artaßan ) ~
8)«&fJQ^«3 7)J2lqd&jlO WeMäftj) bar Gundefar
I0)jDO1O^>» ^y^V bar Mihröq
Diese vier brachten Gold.
I!
1) Var. jäJjOJ.
*) Dionvsii Telmahbarensis Chronicon ed. Tullberg, Upsala
1849 p. 74. Nestle, Porta linguao syr.^p. 85. The book of the bee
p. 93 (~ 84 der Übs,). Die armenische Ubersetzung des Michael war
mir nicht zugänglich. Die Liste in der , Weissagung des Propheten
Daniel* teilt Budge, The book of the bee p. 84 n. 2 der Üb», mit.
Ich bediene mich folgender Abkürzungen:
D = Dionysius Barcalibi.
Dion. = Ps. Dionysius von Telmalire.
J):in. = Weissagung des Daniel.
RB = Bar Bahlül.
S = Salomo von Bacra.
m
5) S JjJOIJ, Dan. J^OW?, D JjiOJO».
*) D ^jV, Dan. ^Joö.
6) Dion. J^OIOOJ , D om.
,;) So S cod. C; v. 1. JOO^CD, y^V^OD, Dan. y^O'^DD .
om. D.
*) D BB *SkmJO , Dion. .2>JNjl(V , S ^mn,C^,
Dan.
*) D Dion. VÖJO^, Dan. Jä^JQ^.
•) Dan. yt^A
») Dion. JOOIO*» , BB ^pOJOpD f D ^pJOpO .
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14 J. Marquart,
*)jOj10 ')?tJOij ZancandäS bar Wareäd
O*tcoo ^OOfuV Arlhü bar Jfesrü
5)&-Q~ 4)Käju^V Arta^ait bar Hawilafr
^^♦JUJL ;2> 6) ylQOXtO^Jt/ Aötön'abödan bar SiSrön
Diese vier brachten Myrrhen.
9))0O|00f p 8)jDO§o^» ^iÄro? bar Höhäm
n)^*~j ,0)aVJU./ -djiire* bar (**Ä£än
,s)v^2> ")**JJ$. (Wenä§ bar Baladan
15)^^3 ^ ,4)*jjopo Meröda% bar Baladän
Diese vier brachten Weihrauch.
Woher Wütäsp (GuStäsp) und Gundafar stammen, haben wir
bereits gesehen, ebenso kann über die Herkunft des Hormizdü)
kein Zweifel bestehen: es ist der erste der drei Magier in der
Schatzhöhle. Dann erkennt man aber unschwer, dass i«joiotJ zu-
nächst nach Nr. 5 zurechtgemacht ist aus l«JOJO) (BB) und dieses
») Dan. J^oto)) , Dion. BB poi) , D ^ojj .
*) S v. 1. jjotO» JOJWO, Dan. Jo*0, D J^O, Dion. JOJO, BB
■) S OO^/.
«) S Dan. Dion. fcjuju^V , D
") S J^Ao., D BB j^O., v. 1. fe^JU., Dan.
«) S v. 1. ^QVNa/, Dan. ^jZüJW, Dion. D
BB v|QOJfc^/.
*) BB v. 1. ^^u#, D ^^ä., Dan. £UO;*JL.
*) Dion. jOOlOpD, BB )OOJO>», D JOOJOJ».
*) Dion. )0»OOi , S )OOtO», Dan. )Q-0)Q~,
10) D Dion. A^u*/.
n) Dan. ^a-y, D äJj, BB v. 1. S
ir) S Dan. **^?^» Dion. J oder «*-*»}^.
»-) Dan.
**) D BB ^OJpD.
' S ^«V*, v. 1. vjJlO, ^-S, Dion. BB D^O.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 15
dem }jo«& bezw. }+io;& Farr-windtid der Schatzhöhle entspricht.
Die Willkür, mit der diese Namen mit einander in ein genealogisches
Verhältnis gesetzt werden, darf uns nicht irre machen. Artabän
ist wohl der historische König Artabanos II., der Zeitgenosse des
Gundaphar; Sanatrüq aber ist der armenische König, unter welchem
die Apostel Thaddaeus1) und Bartholomaus das Martyrium er-
litten haben sollen. Sein Name wird in den apokryphen Apostel-
geschichten meist in greulicher Weise verunstaltet, z. B. Astreges,
Astriages und gar Astyages2), bei Salomon von Bacra S. ^Lo,
**£floiooj u. ä. Er regierte nach Mar Abas von 167 — 196 n. Chr,
und erbaute sich einen Palast in Mcur oder Mcurk* am Euphrat3),
in dessen Trümmern späterhin, als man die Pfeiler jenes Palastes
für die Pforte des Königs der Perser verlangte, eine Säule ge-
funden worden sein soll mit einer griechischen Inschrift, welche
ein Verzeichnis der armenischen und parthischen Könige enthielt4).
Diese Erzählung knüpft an den grossen Streifzug des Königs
§äpür IL nach dem westlichen Armenien im Jahre 359 an, auf
welchem derselbe bis nach Mzur , Daranaie und EkeJeac4 ge-
kommen sein soll5). Das Grabmal des Königs befand sich in der
») Mos. Xor. 2, 34; Faust. Byz. 3, 1. Vgl. Dashian, Die edesse-
nische Abgarsuge. WZKM. 1890, S. 144 ff.
*) Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 147. 210 ff.;
II 2, 55. 66 f. 104. Vgl. auch Justi, Iran. Namenbuch 282.
•) Faust. Byz. 4, 14 S. 115
Mar Abas bei Sebeos ed. Patkanean S. 1, wo Z. 9 für
'/» IT^/'Ak ^»"iftpfr zu lesen ist 'fr Vi ^rl'0 .f^'L"'^!' «in der Stadt
Mcur*. Erst dem Ps. Moses 2, 36 S. 113 ist es vorbehalten geblieben,
ihm die Wiederherstellung von Mcbin (Nisibis) zuzuschreiben, das er
aus Mar Abas (S. 9, 2. 9, wo zu lesen 'fr 1T*7*««/ für 'fr \J>froAa«,) als
Residenz des ersten armenischen Arsakiden Arsak des Jüngeren kannte.
»Aber was immer für Thaten des Sanatruk geschehen sein mögen, so
haben wir doch keine der Erwähnung wert gehalten ausser den Grün-
dungen der Stadt Mcbin (Überarbeitung von Faust. 4, 14 S. 115). Denn
nachdem sie von einem Krd beben verschüttet war, Hess er sie zerstören
und prächtiger wieder auibauen und von neuem mit einer Mauer und
einem Vorwerk umgeben. Sich selbst liess er in der Mitte als Bild-
säule aufstellen, e*ine Drachme in der Hand haltend, was etwa andeutet,
dass zur Erbauung dieser Stadt alle Schätze aufgebraucht wurden und
nur diese einzige übriggeblieben war".
IT^rA* ist also im Auszuge aus Mar Abas nachträgliche Korrektur
nach dieser Stelle des Moses. Damit fallt die Schwierigkeit, für Sanatruk
den Besitz der Festung Nisibis zu erweisen (ZDMG. 49, 650 f.), weg.
Über Mcw, arab. j^j* J<^>, welches dem östlich vom Euphrat
gelegenen Teile des Landes Mucri bei Salmanassar II. entspricht, vgl.
H. Geiz er, Georgias Cyprius p. 183 s. Kiepert, Die Landschaft«
frenze des südlichen Anneniens. Monatsber. d. Berl. Akad. 1873, S. 201.
bn Serapion ed. Guy le Strange. JKAS. 1895, 13. 64.
6) Faust. 4, 24 S. 141. Vgl. Amm. Marceil. 19, 6, 1, wouach
Säpflr auf diesem Zuge unter andern befestigten Plätzen auch Ziata
castellum einnahm, syr. Land, Anccd. Syr. II 61, 12 (Nöldeke,
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16 J. Marquart,
Festung Ani (Kamach) am Euphrat, der Nekropole der armenischen
Könige1), und war so fest, dass es allein der Zerstörung durch
die Perser entging.
Suidas hat aus einem unbekannten griechischen Historiker-)
eine Notiz über unsern König aufbewahrt, die ihn in sehr günstigem
Lichte darstellt: ^avaTgovxtjg 'ÄQfUviwv ßaaiXevg^ og to p&v
öwfia %vfi(i&xQov et£8, tyiv yvwurjv Sh fiiyag ixvyxavtv etg
änavra, oi>x ?"x*o*ra ök elg xd ipya xa noXiftia.
köoxu 8k xai rot dixaiov (pvXa% ccxQißi)g ysvka&aiy xal xd
elg rrjv diaixav ha xai xoig xgaxtöxoig * EXXqvwv ts xai
' Poffiaitov xexoXaffuivog.
Ps. Moses Chor. 2, 36 lässt den Sanatruk auf der Jagd durch
einen Pfeil getötet werden zur Strafe für die Martern , die er
seiner Tochter Sanducht bereitet hatte. In der That aber fiel er
im Jahre 196 n. Chr. im Kampfe gegen die Alanen oder Mazk'itfk1,
die unter ihrem König Wsnasp burhap einen Einfall in Armenien
gemacht hatten 8).'^ Es ist übrigens zu beachten, dass hier Sanatruk
nicht selbst als einer der Magier erscheint, sondern nur als Vater
eines derselben.
Der Vater von Nr. 5, jojJO niit mannigfachen Varianten,
verdankt seinen Namen dem Magier jojj- der Schatzhöhle, d. i.
ursprünglich Zarädust, aber auch der scheinbar ganz tadellos
persische Name ZarwandäÖ*) ist lediglich aus einer hand-
schriftlichen Variante jenes 10}J*, OWJ zurechtgemacht. HawilaO'
ist natürlich der König des goldreichen llawila (oben S. 3),
als dessen Produkte Gen. 2, 11 ausserdem nbia und der äoJiam-
Stein genannt werden. Von den Späteren (schon Jos. UQX- 1» 147)
wird Hawila ebenso wie Ophir nach Indien verlegt. Im zweiten
Teil des Namens ^jft^v ioK * f ; ^%f>^ v bezw. yJQ^J erkennen
wir dann leicht den König von Ophir, <moOi\ bezw. ^ho2)f
wieder 5).
Sisrön ist dem König tiirsön*) von Bela* ent-
VVZKM. X 169), später ^J} JxCQ~ , arab. ol^ qA3>, arm. Karberti,
das heutige Cliarput.
») Faust. 4. 24 S. 112. Vgl. 3, 12. Agatbang. bei Langlois I 167 b.
2) Petros Patrikios, an den man zunächst denkt, kann es wegen
des Jzvpfizxqov uicht sein, ebensowenig Kassios Diou.
• ^ S. meine Chronologie der alttürkischen Inschriften S. 92. Bei-
träge zur Geschichte von Eran. ZDMG. 49, 649 f.
*) Vgl. Justi, Namenbuch 383/84.
ft) Doch wäre es auch möglich, dass der in Verbindung mit dem
Satrapen Sisines von Arbiija genannte *,ST"OhinO JSa&QaßovQlvi^ (eig.
^m-inil) Ezra 5, 3 zu Grunde läge und die LA. vJQ^jfe^t/ vor-
zuziehen wäre.
w) V ^tJUJi , A ^OD . Ar. ^JLo .
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Untersuchungen cur Geschichte von Erau.
17
Dommen, der nach der Schatzhöhle S. b. ,8 (=36 der Übs.) sich
mit dem König Bera1 von Sodom, Bar&a' von Gomorrha, Jebüs,
dem König von Damaskus (Darmesuq), Boqtor, dem König der
Wüste und andern Königen bei Melchisedek versammelte und
demselben die Stadt Jerusalem erbaute (vgl. Gen. 14, 2). Wir
werden uns also nicht mehr wundern, wenn wir nicht bloss
Artachsast, den Beschützer Ezras und Nebemjas, sondern auch eine
Reihe anderer Freunde des „ Gottesvolkes * unter die Magier ver-
setzt sehen, wie AchMreÜ (AchäawarS), den Judenfreund des
Estherbuches, Qarden&ch d. L 2axtgSov6g (Asarfoaddon) , unter
welchem der Jude Achikar assyrischer Finanzminister wurde und
dessen Oheim Tobit nach Ninive kam (Tob. 1, 21. 22 ed. Swete),
und vor allen Merodakh bar Baladän, d. i. pfctba ]z pttba *pn&
Jes. 39, 1 = 2 K. 20, 12, den chaldäischen König Marduk-abal-
iddina, den Zeitgenossen des Messiaspropheten Jesaja, welcher an
den judäischen König ChizqTja eine Gesandtschaft mit reichen
Geschenken schickte und ihm eine Allianz gegen Assyrien anbot.
Die Lesart Mardüx bar Bei denkt dagegen an den Gott Bel-
Marduk selbst und passt nicht in den Zusammenhang dieser Liste.
In no»r».v> Nr. 9 habe ich schon vor Jahren Mahrawöh
= aw. Mä&rawäka erkannt1). Vielleicht haben wir als ur-
sprüngliche Lesart jooio^i» Manharwäk anzunehmen, was der
gewöhnlichen Transskription des aw. mäßra im Pahlawi, man&ar,
noch näher käme. Die richtige Etymologie von )oojooj hat
Justi gefunden9): es ist Hu-wahm = aw. *hu-tcaJnna „sehr
fromm*. Das Awesta kennt einen Mät^rawäka, Sohn des Säimuzi,
der als aexhrapaiti (herpat) und ha?niÖpaü£ bezeichnet und als
Bekam pfer der Ketzer gepriesen wird jt. 13, 105, ausserdem wird
ein Wahmag-^äta, Sohn des Mä#rawäka genannt jt. 13, 115. Diese
beiden Personen sind in späterer Legende offenbar zusammen-
gefallen, der Name Huwahm entspricht dem aw. Wahmae<)äta „in
Lobpreis (Gottes von Seiten der Eltern) geschenkt* (Justi). Es
steht nichts der Annahme im Wege, dass in apokryphen Evangelien
so gut wie Madjamäh (Maidjöimänha) auch der Ae#rapaiti Mä#ra-
wäka in Verbindung mit messianischen Prophezeiungen Zoroasters
genannt war.
In oc^»V möchte ich den Namen des Ahnherrn der edesse-
nischen Königsfamilie, &Ji{ Arjü „Löwe* erkennen8). Dann
stünde oyQQD Xesrö für 'Oagorjg (sonst gleich Xoöqotjq, Chosrau),
wie nach Prokop. Pers. I 17 p. 85 ein alter König von Edessa
in der Partherzeit hiess, nach welchem die Landschaft Osroe*ne
») Bei Albr. Wirth, Aus orientalischen Chroniken 206/7.
*) Iran. Namenbuch 140 a.
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benannt wurde1). Freilich lautet der syrische Name von Edessa
~0»*o/ Orhäi, und Ps. Dionysios von TellmafcrS S. 65 nennt
deshalb als Eponymos der Stadt den Orhäi bar flewja. Allein
dies brauchte den Verfasser unserer Liste nicht zu stören.
Der Name Aräak bot sich natürlich von selbst Dagegen
möchte ich im Namen seines Vaters j3okH~tt Mihröq nicht den
awestischen Magiernamen Mä&rawäka erkennen. Vielmehr er-
blicke ich darin nur eine der vielen Verschreibungen des Namens
JOO't^J-QD, vielleicht auf eine Nebenform joofOp^D *Sanahrük
zurückgehend *).
Es hat sich also herausgestellt, dass der historische König
Oundafarr in sämtlichen Verzeichnissen den Mittelpunkt bildet,
auch in demjenigen, welches im Westen die Oberhand gewonnen
hat und nachweisbar zuerst in den Excerpta Latina Barbari er-
scheint8), wahrend die übrigen Namen aus verschiedenen Legen-
») Vgl. Gutschmid, Untersuchungen über die Geschichte des
Königreichs Osroene S. 10.
*) Etymologie und LautverbiiltuisBe dieses Namens sind noch un-
klar. Der erste Partherkönig dieses Namens (76—67 v. Chr.) wird von
Ps. Lukian, Makrob. 15 SivctxQoxXfjs , von Pblegon fr. 12 bei Phot.
cod. 97 = Müller, FHG. III 606 Zivcctqovxtis , von Appian Mithr. 104
£ivtqUi\$ genannt. Der zweite Partherkönig 8., der beim Partherfeld-
zug des Trajan regierte und a. 116 n. Chr. vertrieben wurde, heisst bei
Malalai S. 270 EavaxQovxiof (aus Arrian). Der König von Armenien
endlich, von welchem oben die Rede ist, 2kcvccrQovxri$ , wird von Kass.
Dion 75, 9, 6 als Vater des OboXdyaiaos (Walars) bezeichnet. Die Syrer
schreiben JOO^JlCD oder OV^JLflD, die Armenier Sanatruk und die
persisch-arabischen Quellen * JxL» (mit u) Tab. I aI*., 6, arabisiert
^•>joL~. Vgl Just i, Namenbuch 282. Ps. Mos. Chor. 2,36 8. 114
leitet Sanatruk vom Namen seiner Amme Sanot und dem arm. turk*
.Geschenk" ab. Die ursprüngliche Sage sprach aber offenbar von
einer von den Göttern gesandten weissen Hündin , welche das Kind in
Obhut nahm, woraus erst der Rationalismus des Moses eine Frau ge-
macht hat, wie Her. cc 110. Dies setzt eine Nebenform #«an- ,Hund* zu
aw. spart- (gen. süno) voraus, wie np. zu med. cnocxu, späh (Hamza
bei Jäqüt III f\, 17 ff. = I nt\ 21 ff), skythisch cnaya bei Hesych.:
itccycciri xvtov qxv&igtI, wofür zu lesen: (c)ndyu- h xte>v cx.
*) Bei Schöne, Eusebii Chron. I App. p. 228: Magi autem voca-
bantur Bithisarea Melichior Gathaspa. In diesem Oatlia»]XM hat be-
kanntlich zuerst Gutschmid, Die Königs» amen in den apokryphen
Apostelgeschichten. Rh. Mus. 1864 S. 162 = Kl. Sehr. II 334 den Ounda-
farr erkannt Der Armenier Wardan folgt derselben Tradition; bei
ibm heissen die Magier:
Mefk*on der Perser;
f\,$M»uufMti» Dagpar (v. 1. I»*»/»«»««^!»/» Darcupar) der Inder;
Bntdasar Arab.
Es ist zu lesen Gadaspar — radacnaQ. Vgl. Baum-
Partner, ZDMG. 40 , 508 N. 1. Da in anderen Verzeichnissen einer
er drei Könige Malachath, Malgalat, Magalach heisst, was nuntius
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
19
den, namentlich aber aus der Schatzhöhle, zusammengetragen und,
soweit sie ursprünglich historisch sind, den verschiedensten Zeit-
altern angehören. Viele Namen sind aber auch reine Erfindung,
und sämtliche dieser angeblichen Magier sind sehr willkürlich
geordnet und miteinander verbunden worden.
Sehr merkwürdig ist es, dass die Addailegende auf die Zu-
sammenstellung dieser Verzeichnisse gar keinen Einfluss ausgeübt
hat : weder von Narse, dem König der A#öräje, d. i. dem jüdischen
König Izates von Adiabene und seinen Fürsten, noch dem später
an seine Stelle getretenen Abgar Ukkämä von Orhäi findet sich
in den Verzeichnissen die geringste Spur. Die Erklärung für diese
auffällige Thatsache muss ich einer andern Gelegenheit aufsparen.
Soviel aber ist ohne weiteres klar, dass die Thomasakten in Edessa
weit früher bekannt gewesen sein müssen als die Edessa ursprüng-
lich fremde Addailegende.
Hoffentlich bleiben nun die vielgereisten Magier von den
Geisterbeschwörungen der Theologen und Orientalisten etwas ver-
schont und dürfen sich der wohlverdienten Ruhe in der rheinischen
Kathedrale erfreuen.
2. Alexanders Marsch von Persepolis nach Heräi
Nach der Verbrennung von Persepolis und der Ernennung
eines neuen Satrapen von Pars rückte Alexander nach Medien
vor, wo Dareios, wie er hörte, sich aufhielt. Dareios hatte be-
schlossen in Medien (Ekbatana) zu bleiben, so lange Alexander
bei Susa oder Babylon verweilen würde, und dort abzuwarten,
ob etwa ein Umschwung des bisherigen Glückes Alexanders ein-
treten würde, aber nach Parthyaia und Hyrkanien und weiter
nach Baktrien zu ziehen, wenn jener gegen ihn anrücken sollte.
Während er nun die Frauen und den Tross zu den Kaspischen
Thoren vorausgesandt hatte, war er selbst mit der Truppen -
macht, die sich wieder um ihn gesammelt hatte, in Ekbatana
geblieben. Auf die Nachricht davon zieht Alexander gegen
Medien und unterwirft auf dem Marsche dahin die flauet i-
Taxat und setzt über sie einen Satrapen. Als er aber auf dem
Marsche die Nachricht erhält, Dareios habe beschlossen ihm zum
Kampfe entgegenzuziehen, da er Verstärkungen von Skythen und
Kadusiern erhalten habe, lässt er den Tross nachfolgen und das
übrige Heer gefechtsbereit vorrücken. Am 12. Tage kommt er
nach Medien (d. h. von Persepolis aus zur Grenze von Medien
(^Kbn) bedeuten soll, so wird man den Namen Melichior, Melchior
damit zusammenzubringen und als „Bote des Lichtes" (des
durch den Stern angekündigten Messias) oder „mein Bote ist das Licht11
aufzufassen haben. Bei letzterer Auffassung würde der Name des
Magiers eine Art Programm des Lichtkönigs enthalten.
*
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20 J- Mtrquart,
und Paraitakene). Dort erfährt er, Dareios besitze keine schlag -
fähige Streitmacht, noch seien Hilfsvölker der Kadusier oder
Skythen eingetroffen , sondern Dareios habe sich zur Flucht ent-
schlossen.' Darauf rückt Alexander mit noch grösserer Eile vor,
und als er noch drei Tagemärscbe von Ekbatana entfernt ist,
kommt Bistanes, ein Sohn des Ochos zu ihm und meldet, Dareios
sei seit fünf Tagen auf der Flucht.
Dareios hatte also Ekbatana bereits verlassen, als Alexander
noch acht Tagemarsche von demselben entfernt war, und als
dieser an der modischen Grenze von dem Entschluss des
Dareios, zu fliehen, Kunde erhielt, war derselbe bereits seit drei
Tagen aus der medischen Hauptstadt entwichen. Die modische
Grenze war also fünf Tagemärsche von Ekbatana entfernt und
der gesamte Marsch von Persepolis bis Ekbatana betrug 17 Tage-
märsche. Wie wir unten sehen werden, befand sich die medische
Grenze wahrscheinlich bei der Stadt Rapsa. Von hier bis nach
Persepolis rechnet nun die Karte des Castorius 86 Parasangen oder
12 Tagereisen a 7 Parasangen, bis Ekbatana aber nur 30 Par.
oder fünf schwache Tagereisen ä 6 Par.1) Alexander kann also
bei der Unterwerfung der Paraitaken keinen irgendwie nennens-
werten Umweg gemacht haben, vielmehr führte seine Route^ direkt
durch ihr Gebiet
In Ekbatana entlässt Alexander die thessalisehen Reiter und di*1
übrigen Bundesgenossen in die Heimat und befiehlt dem Parmenion
mit den Söldnern, den Thrakern und der übrigen Reiterei, ausser
den Hetairen, am Lande der Kadusier entlang nach Hyrkanien zu
ziehen. Für Kleitos, der krank in Susa zurückgelassen worden
war, hinterliess er die Ordre, sobald er von Susa nach Ekbatana
käme, mit den 6000 Mukedonen, die zur Bewachung der in der
Burg von Ekbatana hinterlegten Schätze aus den persischen Königs -
Schlössern zurückgelassen wurden, nach Parthien zu ziehen. Er
selbst aber zog mit der Reiterei der Hetairen, den Aufklärungs-
und Söldnerreitern unter Erigyios, sowie der makedonischen Pha-
lanx und den Bogenschützen und Agrianern in Eilmärschen gegen
Dareios, und erreichte am 11. Tage Ragai, von wo die Kaspischen
Thore in diesem Tempo in einem Tagmarsch zu erreichen waren.
Dareios hatte jedoch den Pass bereits hinter sich, doch hatten ihn
schon viele verlassen und sich aufgelöst, um ihre Heimat zu er-
reichen, nicht wenige ergaben sich auch dem Alexander. Da dieser
die Unmöglichkeit einsieht, den Dareios sofort zu ergreifen, so
hält er in Ragai fünf Tage Rast, um seinen erschöpften Truppen
Ruhe zu gönnen.
Plutarch, der hier einer Quelle folgt, welche die Ergreifung
~ .
') Über die genaueren topographischen Details kann ich für vor-
liegenden Zweck auf Toniascheks Abhandlung Zur historischen Tomo-
graphie von Persien I., SBWA. Bd. 102, S. 145 ff. (1883) verweise^
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
21
des Dareios durch Bessos schon in Ekbatana erfolgt sein Hess,
und sich auch sonst mit der romantischen Gruppe berührte, in
Einzelheiten aber noch viel genauer war als diese, erzahlt (Alex. 42),
dass Alexander auf die Nachricht von der Ergreifung des Dareios
durch Bessos die Thessaler in die Heimat entliess und ihnen noch
2000 Talente über den schuldigen Sold auszahlen Hess, dann aber
die Verfolgung fortsetzte, die langwierig und beschwerlich ge-
wesen sei, da er in 11 Tagen 3300 Stadien durchritten habe.
Die meisten aber wären ermattet, zumal in der wasserlosen Wüste
( vgl. Arr. y 20, 1). Allerdings hat die Quelle Plutarchs die 11 Tage
von Ekbatana bis Ragai und den Marsch von da bis zur Auf-
findung der Leiche des Dareios zusammengeworfen und rechnet
jene 11 Tage bis zur Katastrophe des Dareios. Es kann aber
nicht zweifelhaft sein, dass die Angabe sich ursprüngHch nur auf
den Marsch von Ekbatana bis Ragai bezogen haben kann. Alexander
hätte also damals tägHch 300 Stadien zurückgelegt; der ganze
Weg von Ekbatana nach Raj hätte, wenn man den Parasang nach
seinem Normalwert zu 80 Stadien rechnet, 110 Parasangen oder
15 ll% Tagereisen ä 7 Par. betragen.
Allein die arabischen Itinerare bemessen die Entfernung von
Hamadän nach Raj auf nur 62 (Ibn Rusta Hv, 11 ff.) oder
64—65 Par.1) = 9 Tagereisen a 7 Par. Alexander müsste also
einen ganz ungeheuren Umweg, zuerst in nördlicher Richtung etwa
bis Zängän, und weiter über Eazwln gemacht haben, was um so un-
erklärHcher wäre, da er doch das grösste Interesse daran hatte, den
Dareios auf der geradesten und schnellsten Route zu erreichen. Wir
müssen also zuerst einen festen Massstab für die Märsche Alexanders
gewinnen. Es ist hier auszugehen von der Lage der Stadt Heka-
tompylos. Diese lag nach dem Geschichtsschreiber der Parther,
Apoüodoros von Artamita, 1260 Stadien östlich von den Kaspischen
Thoren (Strab. ut 9, 1 p. 514), und diese Angabe wird gestützt
durch die Lage von Tayij (so ist zu lesen für TAPH.\ welches
nach demselben Schriftsteller2) 1400 Stadien von den Kaspischen
Thoren entfernt war (Strab. ta 7. 2 p. 508), also 140 Stadien nörd-
Hch von Hekatompylos lag. Tage war nach Strabon (d. i. Apollodor)
eine hyrkanische Königsburg8); Antiochos d. Gr. rückt von
Hekatompylos, das mitten in Parthyene lag, nach Hyrkanien vor
und kommt zuerst nach Tayai (Polyb. i 28, 7. 29), das demnach
bereits zu Hyrkanien gehörte. Hekatompylos muss also in der
Nähe von Tayat gelegen haben. Die Burg Tdytj , arab. vJjUaJt f
war noch in der ältern Chalifenzeit berühmt : es war ein ungemein
») IlNkChordadbih H , 3 ff. Qod. f.. , 6 ff.
*) Dass diese Notiz aus Apollodor, nicht, wie Behr, De Apollo-
dori Artamiteni reliquiis p. 11 s. meint, aus Eratosthenes stammt, be-
weist schon das Vernältms zu der Entfernung von Hekatompylos.
■) Über den Beisatz iuxqöv hnl? tty öaXccvtris Id^o^hov s. unten,
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22
J. Marquart,
festet Schloss in Tabaristan, in welchem sich der Spahpet im
Jahre 141 H. (758/59) vor den Arabern verschanzte1), und da*
den persischen Königen als }>a£o(fvXaxtov gedient haben sollte:
Manös&hr soll es zuerst dazu gemacht haben2).
Die Lage des Schlosses Tdyri ist uns nun bekannt: es ist
unzweifelhaft das heutige Täk (bei Melgunoff, Das südliche
Ufer des Kaspischen Meeres 148 f. 2b&), 5 miles nördlich von
Däm/än auf dem Wege in das 'AlTcäsmä-Thal, 51/, Farsang sw.
von Deh-i Mollä8). Daraus muss sich auch die Lage von Heka-
tompylos ungefähr feststellen lassen: 140 Stadien oder 43/s Par.
südlich von Täk führen uns genau zu den Ruinen zwischen Frät
und Damian (16 -f- 5 miles s. von T&k), wo General Houtum-
Schindler (Zeitschr. der Gesellschaft für Erdkunde 1877, 217)
das alte Hekatompylos ansetzt
Völlig abweichend von Apollodor gibt aber Eratosthenes die
Entfernung der Stadt Hekatompylos von den Kaspischen Thoren,
d. h. offenbar vom Beginn derselben, auf 1960 Stadien an (Strab. ta
8, 9 p. 514). Diese Zahl lässt sich kontrollieren durch eine andere
Angabe, wonach man von den Kaspischen Thoren bis Alexandreia
im Areierlande d. i. Herät (in runder Summe) 6400 Stadien zahlte.
Da Eratosthenes von Hekatompylos bis Herät 4530 Stadien rechnet,
so ergäbe sich als Gesamtsumme 6490 Stadien, d. i. gerade um 100
zu viel. Plin. h. n. 6, 44 (vgl. 61) gibt die Entfernung zwischen
Hekatompylos und den Kaspischen Thoren nach Diognetos und
Baiton, den Bematisten Alexanders auf CXXX1II p. an. Da sich
nun aus dem Verhältnis der weiteren Angaben des Plinius zu
denen des Eratosthenes ergibt, dass derselbe bei der Reduktion in
normaler Weise 8 Stadien auf die römische Meile rechnete4), so
folgt notwendig, dass die Zahl 133 falsch sein muss. Schreibt man
dagegen CCXXXIII p. , so erhält man genau 1864 Stadien5):
1860 -|- 4530 = 6390. Bei Eratosthenes ist also 1860 herzustellen,
und es ist klar, dass er hier einfach den Bematisten gefolgt ist.
') Tab. m Ifv , 8. Ihn al Faq. H. , 8.
«) Ibn al Faq. H. , 8. 3. Berüni rf 1 , 3 ff. ManöScihr ent-
spricht in dieser Sage dem Partherkönig Mithradates I. der Geschichte,
welcher in Hyrkanien residierte und dort an seinem Hofe den ge-
fangenen Demetrios 1. Nikator in freier Haft hielt.
*) S. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 82.
*) Genau acht Stadien auf die römische Meile ergeben die Strecken
Alexandreia Areion — Prophthasia (1600 Stadien, 199 mp.) und Ara-
chotoi — Ortospana (2000 Stadien, 250 mp.). Für die Strecke Heka-
tompylos — Alexandreia Areion (4530 Stadien, 575 mp.) dagegen würde
man 565 mp. erwarten, und die 565 mp. von Prophthasia nach Ara-
chotoi seteen 4520 statt 4120 Stadien voraus.
ft) Dagegen sagt Ammian 28, 6, 43: et Hecatompylos? a cuius
finibus per Caspia litora adusque portarum angustias stadia quadra-
ginta numerantur et mille. Diese würden 180 mp. entsprechen.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
23
Ffir dieselbe Strecke, cL h. vom Beginn der Kaspischen Thore
bis Dämayän, rechnen nun die arabischen Geographen 46 Para-
sangen (s. u.) oder 6 Vi Tagereisen zu 7 Par. Stellt man also
beide Angaben einander gegenüber, so ergibt sich, dass hier der
arabisch -persische Parasang = 40,435 Stadien der Bematisten
ist. Das hier zu Grunde gelegte Stadion kommt also dem des
Eratosthenes (= 157,5 m.), welcher 40 Stadien auf den ägyptischen
Schoinos von 6300 m. rechnete1), äusserst nahe.
Die 1260 Stadien des Apollodoros von Artamita dagegen er-
geben genau 42 Parasangen zu 80 Normalstadien. Wendet man
nun diese Erkenntnis auf den lltägigen Marsch von Ekbatana
nach Ragai mit einer Länge von 3300 Stadien an, so ergibt sich
als dessen wirkliche Länge 81 */j Par. d. i. 11 Vi gewöhnliche
Tagereisen ä 7 Par. gegenüber den 62 oder 64 — 65 Par. der
arabischen Geographen. Die heutige Route von Hamadän nach
Teheran betragt sogar nur 188 Miles = 47 Par. (Houtum-
Schindler, Zeitschr. d. Ges. für Erdkunde 1879, S. 114). Die
damalige Route müsste also thatsächlich einen beträchtlichen Um-
weg von 16 — 19 Par. gemacht haben, da man sogar von Hamadän
über Qazwln nach Raj nur 40 + 27 = 67 Par. rechnete.8)
Die Karte des Castorius rechnet von Hecantopolis d. i. 'Ex-
(ßar)czva i} nohg nach Europos (Raj), wenn die Zahlen richtig
überliefert sind, 92 Masseinheiten. Tomaschek sieht darin
Parasangen, allein schon Konrad Miller, Die Weltkarte des
Castorius 109 hat Zweifel hieran geäussert und vermutet, dass
wir vielleicht den Schoinos des Isidor von Charax = 25 Stadien
= 3 röm. Meilen zu Grunde zu legen haben. Gehen wir nun
mit Tomaschek davon aus, dass die 80 Schoinen des Isidoros
für die Strecke von XaXa (Holwän) bis Hamadän den 61 Para-
sangen der arabischen Itinerare 8) für dieselbe Strecke entsprechen,
welch letztere Zahl auch die Quelle der Karte des Castorius ge-
boten hatte, so ergeben 92 Schoinen gerade 70 Parasangen =
2835 Stadien, oder 10 gewöhnliche arabische Tagereisen ä 7 Par.,
11 >/i kleine Tagereisen a 6 Par. Damit ist Millers Vermutung
aufs glänzendste bestätigt. Die Route führte wohl zuerst nord-
östlich durch die Landschaft 2iyQUtvit% im Mittelalter Charrakän
5 Vgl Pr. Hultsch, Griechische und römische Metrologie2 60 f.
und N. 6.
«) Ibn Chord. M, 12. TP, 9. Ibn Rusta Hv, 11. W, 2.
•) So Ihn Chord. 11, 8 ff. fl, 8 ff. Bei Ibn Rusta Ho, 7 ff. sind
mehrere Zahlen in Unordnung.
4) Vgl. Strabon uc 13, 8 p. 525: fioxtt dk fUyustov tlvai päxoc
x^g Mr\diag tb &nb zijg toi Zccyoov vntQ&iaeatg, rptto nateltai Mr\dixi)
xilri. (lg Ka&nLovg niXag 9ut xi^g StvQuevfjg oxaöuov xsxoosxatpllmv
txatöv. Die ganze Entfernung vom Passe von Holwän bis zu den
Kaspischen Thoren wird also hier auf 4100 Stadien = 136 Parasangen
attischen Stadien geschätzt, wovon nach Apollodoros von
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24
J. Marquart,
(jetzt Karayän), nach Kazwin, und von da 80. nach Ragai. Die
auf der Tabula 50 ((txoivot) d. i. 88 Par. von Hamadän ver-
Artamita 500 Stadien 16 Par. a SO Stadien auf die Strecke von
Ragai bis zu den Kaspischen Thoren entfallen (s. o.). Die arabischen
Geographen rechnen für diese Strecke 18 Parasangen oder zwei Tage-
reisen (s. u.). Da nun an der zweiten Stelle Apollodoros von Artamita
ausdrücklich citiert wird, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass auch
die entere Angabe Uber Poseidonios auf ihn zurückgeht, was schon
aus dem angewandten Massstabe zu schliessen wäre. Die nach Abzug
jener 500 Stadien übrigbleibenden 3600 Stadien ergeben 120 Parasangen,
die sich aufs genaueste mit den Angaben der arabischen Geographen
decken: von Mäh - Druwäspän ^LyJ^jM* (nach einem Perser Mäh-
Druwäsp wwJj jil* , Dihqän von Bäbil Mahrüd a. 76/77 H. benannt,
Tab. II 111, 10. 1fr, 4), dem ersten Orte jenseits des Passes von Holwän,
bis Raj rechnet Ibn Chordädbih 57 + 64 -= 121 Par. (Ibn Chord. 11, 8 ff.
vgl. Qod. 11a , 4 ff. Ibn Rusta tlö , 7 ff. Moq. Wo , 6 ff.). Apollodor
kannte also bereits dieselbe Strasse, welche später die arabischen Geo-
graphen beschrieben, haben.
Die Landschaft Eiy^itcvri wird bei Ptol. 6, 2 p. 391 f. SiyQucvixrj
genannt. Es heisst hier in der Beschreibung Mediens: (xarivovöi) tu
fÜv ('. vuTniixioTt-Qu roß ZdfQOv öQOvg Saydortoi , ind-' or; ixxixaxcti
li(%Qi rfjs IlaQ^iag ij X<oQop,i&Qr\vr} &Qxuxa>TtQav t%ov6a rf]v 'EXv\uttdu.
(L deXvpatdcc) , tu fUv rtQÖg avaxolccg xaxixovai TdnovQOi- anb
lum^tpaiKg tlol rgg X(OQ0iu&Q7ivf)s ot re Sidixeg xal i)£iyQiavixi]
xal r\ 'Payucvrj. Die JZuyaQTim stammen aus veralteter Quelle und sind
richtig bei Arbela und weiter östlich anzusetzen (s. meine Untersuchungen
z. Gesch. von Eran I 60 N.). Unter XG*QO\u&Qr\vt kann im Sinne des
Ptolemaios nur die Elburzkette verstanden werden, die sonst den Namen
naQccrocc&Qag (bei Ptol. nctQxod&Qag) führt. JeXvfiatg d. i. Delum bildet
eigentlich nur einen Teil aerselben. XiyQucvixrj entspricht wohl un-
gefähr der heutigen Provinz Kazwin, dem Dastabh (pers. Dait-i paj
„Ebene am Gebirgsfuss») der Sasaniden- und älteren Cbalifenzeit. Die
Eidtxsg sind dann wohl weiter westlich zu suchen.
Die Landschaft EiyQictvr) bezw. ZiyQiavixrj verdankt ihren Namen
wohl ebenfalls einem Volksstamme. Plinius h. n. 6, 118 erwähnt nämlich
in anderer Gegend zwei Volksstämme Silices und SUrae nebeneinander,
deren Namen unmittelbar an die Eitiixtg und die Landschaft ZiyQtaprj
erinnern. Der Text lautet: „Gurdiaeis vero iuncti Azoni, per quos Zerbis
fluvius in Tigrim cadit, Azonis Silices montani et Orontes, quorum ad
occidentem oppidum Gaugamela, item Suae in rupibus. Supra Silicas
Sürae, per quos Lycus ex Armenia fertur. ab Sitris ad hibernum
exortum Azochis oppidum, mox in campestribus oppida Diospege,
Polytelia, Stratonicea, Anthemus".
Die Sitze dieser beiden Stämme lassen sich nun mit einiger
Sicherheit bestimmen. Der Zerbis ist der kleine Zäb, kurdisch Zerb
(Kiepert, AG. § 128 N. 3. Nouvelle carte g4ne*rale des provinces
asiatiques de l'Empire ottoman , 1883) , dessen Deide UauptquellflUsse
weit von einander entspringen. Der eine, Kelur genannt, kommt aus
der Landschaft Lähigän, messt südöstlich und vereinigt sich unweit
Alot mit dem Fluss von Bänä (BeröH), und strömt nun nach Westen.
Der südlichste Hauptarm entspringt auf der Ostseite des Awroman-dagh
und vereinigt sich mit dem nördlicheren Cämi-Qyzylgik, der einen nörd-
lichen Nebenfluss, den Sirwänfluss, aufnimmt, in der Nähe von Machüd j
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 25
zeichnete Station Spane fallt wohl in die Nähe von Kazwin. Was
nun die für den Marsch Alexanders angenommene Summe von
3300 Stadien anlangt, so ist zunächst zu betonen, dass Plutarch
der vereinigte Südarm, auch Siwäbfluss genannt, vereinigt sich alsdann
mit dem Kelur oder Altun-su bei §inek (G. Hoffmann, Auszüge aus
syr. Akten pers. Märtyrer 257 f.). Über den Azoni sitzen die Silices
und Orontes, und westlich von diesen ist Gaugamela am Gömalfluss,
dem westlichen Hauptarm des Chäzir, bei den Alexanderhistorikern
Bovfuoöog (Arr. y 8, 7) oder Bumelus (Curt. 4, 9, 10). Der Gömalfluss ist
benannt nach einem grossen Dorfe Gaumal der Provinz Margä im NO.
des Elfefgebirges , bei Jäqüt J^«y>t bei Thomas von Marga, The Book
of Governors ed. E. A. Wallis Budge p. 164, 1 (mir nicht zugänglich)
Gögmal (vgl. G. Hoffmann, Auszüge 194. Th. Nöldeke, Lit. Cbl.
1893. Sp. 1752). Es ist ohne Zweifel identisch mit Tel &>mel, nördlich
vom Öebel Maqlüb, auf Kieperts Karte. Die Orontes und Silices
sind also östlich vom Chäzir anzusetzen, und zwar letztere wohl noch
Uber den grossen Zab hinaus. Suae ist. wie der Satzbau an die Hand
gibt, ebenfalls eine Stadt, und wohl identisch mit Zovqu bei Ptol. 6, 1
p. 889, 14 unter 88° L. 46° 40' Br.
Der Lycus ist der grosse Zab (Arr. y 15, 4). Derselbe fliesst zuerst
sudlich durch die Landschaft Albäg, nimmt dann den Nebib-cai auf
and fliegst nun sw. an Gülamerk vorbei. In der Landschaft Tijäri
wendet er sich östlich, nimmt den von Amädlja kommenden Ghäranuss
und bei Rizän den durch die Vereinigung der Flüsse von &emd!nän
und Nauca gebildeten Fluss von Sirwän, endlich im Gebiete der Zibärl-
Kurden den Rawändiz-cai auf, dann schlägt er wieder eine südwestliche
Richtung ein. Die Sitrae sind also nach Plinius in dem thatsächlich
• hemals zu Armenien gehörigen Ursprungsgebiet des Grossen Zäb, der
Landschaft Albäg (armen. Gross-Albak, dem heutigen türkischen (»,LJi
entsprechend, und Klein-Albak mit dem Hauptorte Gülamerk) zu suchen.
Die Namen Uidixeg und Ziyoucvixj südlich von XmQOfu&QT]vrj
sind offenbar von den Silices und Sitrae des Plinius (d. i. 2IAIKEZ
und ZITPAI, verlesen für 2IJIKES und ZirPAI) nicht verschieden.
Wir haben aber nicht den geringsten Anhalt zu der Annahme, dass
die Sitze dieser beiden Völkerschaften sich ununterbrochen vom Strom-
gebiete des Grossen Zäb bis an den Elburz erstreckt hätten. Vielmehr
werden wir uns daran erinnern müssen, dass nach Strabons Aussage
Abteilungen der Amarder, Tapuren, Kvqtiol und anderer Nomaden -
Stämme sowohl im nördlichen Atropatene als im Zagros und Niphates
(armen. Npat) sowie in Pars zersprengt wohnten (ta 13, 3 p. 523).
Marder kennt auch Ptolemaios in Armenien (5, 12 p. 860, 12) und naen
ihnen ist die Landschaft Mardastan in der Provinz Waspurakan be-
nannt (Ps. Moses Geogr. ed. Soukry p. 32). Ebenso gab es Asagarta
in der Gegend von Arbela und im Osten. Und in weicher Weise die
ehemals weit verbreitete Nation der Matiener, nach denen der See von
Urmia im Altertum den Namen ,der raantianische" erhielt, in histori-
scher Zeit zersprengt war, hat jüngst Th. Beinach lichtvoll aus-
einandergesetzt (Revue des (Hudes grecques 1894, 313 — 318). Wir werden
also in den Silices und Sitrae (r. Zlyoai) des Plinius am Grossen Zäb
und den £idixtg und den Einwohnern von Ziygucvix^ südlich von
Xb)Qoiii&Q7}vi) (Elburz) je zwei von einander räumlich getrennte Ab-
teilungen aerselben Völkerschaften zu erkennen haben.
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I
26 J. Marquart,
hier einer Quelle der romantischen Klasse folgt, die jene Zahl
wohl kaum aus den ßrjfiavtarai geschöpft haben wird. Sie wird
vielmehr einfach auf die Weise entstanden sein, dass der Verfasser
den Tagemarsch durchschnittlich zu 300 Stadien annahm. Viel-
leicht sind aber in jenen 11 Tagen auch noch mehrere Rasttage
enthalten. Noch einfacher wäre die Differenz zwischen Plutarch
und der Tabula zu erklaren, wenn wir annehmen dürften, dass
Alexander unterwegs noch Kämpfe zu bestehen gehabt hätte, wo-
durch Abweichungen von der Heerstrasse unvermeidlich gewesen
wären. Freilich ist davon nichts berichtet. Ich trlaube aber trotz-
dem, dass wir an der Identität der Route Alexanders mit der der
Tabula nicht zu zweifeln brauchen.
Fassen wir nun das Resultat unserer bisherigen Untersuchung
zusammen, so ergibt sich uns, dass Alexanders Marschleistungen
wohl den Hellenen, die an Marsche von nur 150 Stadien und
Tagereisen von 200 Stadien gewöhnt waren (Her. « 58. 8 101)1),
als Wunder der Schnelligkeit erscheinen mussten, und auch uns
noch in Anbetracht des zu durchziehenden schwierigen Terrains —
der Weg führte teilweise durch wasserlose Wüste — und der
Jahreszeit hohe Achtung abnötigen. Allein vom Standpunkt des
heutigen preussischen Infanteristen oder gar der arabischen Reiter-
geschwader müssen sie beträchtlich von ihrem bisherigen Nimbus
verlieren.
Kehren wir nunmehr zu Alexander zurück, den wir in Ragai
verlassen hatten. Hier, in der letzten Stadt Mediens, ernennt er
den Perser Oxodates (ap. WcwhtSöta »von Wachsu geschaffen)* *)
») Vgl. Fr. Hultsch a. a. O. 51 N. 1.
■) Bei Curt. 6, 2, 11 und 8, 3, 17 Oxydates. Justi, Iran. Namenbuch
233 Ubersetzt „zum Wachstum geschaffen*. Das Wort waaSu enthalten
auch die Namen 'OfcvdQtrif = *Wax#u-warta .von Wachsu beschützt*
(von W.tDar , wehren*), sowie der auf einer Goldmünze vorkommende
Name eines Satrapen "HTHöm WaxSu-warja (Num. Chron. 1879 , 8.
PI. I, 2, von P. Gardner ganz falsch gelesen), der unter Antiochos H.
Theos (um 250 v. Chr.) wahrscheinlich in Hyrkanien (Tl, Abkürzung
von 13*11 Wjrkän) den Königstitel angenommen haben muss. Der Name
Waxäu-warja bedeutet .erwünschtes Wachstum besitzend*. Wachsu war
der Name des Genius des Wassers (Apäm napät oder ArdwTsüra?) und
besonders des Oxusstromes bei den Chwärizmiern (BSrünl PPv) und er-
scheint als OAXj)0 Oaxio auf einer Ku&änmünze bei Cunningham,
Coins of the Kushans. Num. Chron. 1892, p. 121. PL XXIIL 12. Vgl.
die Beschreibung p. 156: ,This figure differs entirely rrom OX{>0 [OaJo]
als well as from OK{>0 [okSo «= skt uktan, der Nandistier des &va],
so that there is no possibility of the legend being blundered. The
figure is that of an old man nolding a long seeptre in his right hand,
and carrying what looks like a dolphin or fish in his left
hand. If I could be sure as to the fish or dolphin, I should be
inclined to aeeept the figure as the god of the ,Occan*
[von mir gesperrt]. — Den Namen des Oxus tragen auch die von
Ptol. 6, 12 p. 422, 28 an die sogdischen Berge versetzten t>£vdpaavoi
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
27
zum Satrapen von Medien, das ja nun im Grossen und Ganzen
för unterworfen gelten konnte, worauf er selbst d>e kni JlaQ-
xtvaiovg zieht. Am ersten Tage soll er bis zu den Kaspischen
Thoren gekommen sein, welche von jeher die Grenze zwischen
den Provinzen Medien und Parthien gebildet hatten, am zweiten
passiert er das Defile und durchzieht das Kulturgebiet von Chwär
jenseits desselben, das bereits zur Provinz Parthien gehörte *).
Ihn Chord. rt, 12 ff. rechnet von Raj nach Mufaflijaläbäd
4 Par., dann ^JS Käsp 6 Pars., dann Afritfin 8 Par., dann
Chwär 6 Par. Istachn Ho, 3 ff. nennt folgende Stationen: Raj
1 Tag Afriain 1 Tag Kuhandih (das alte Dorf) 1 Tag Chwär.
Auch Ihn Rusta nennt AiVT^ün unmittelbar hinter Raj. Bs
ist nach ihm 9 Par. von Raj entfernt. Daraus folgt zunächst,
dass bei Ihn Chord. herzustellen ist: *UiU3 ^yXiJÄ J! ^J>\
Die Summe von 24 Par. bei Ibn Chord. stimmt zu
Istachrl's 8 Tagereisen, nur dass bei Ibn Chord. grosse Tagereisen
a 8 Par. angenommen werden.
Ibn Rusta h1, 6 ff. beschreibt den Weg folgendermassen :
„Von Raj nach Afriäün ^.Osj/i 9 Par. Der Weg führt durch
das Kulturland von Raj, bis man zum Dorfe Karmäna (Garmäba
wLe^?) kommt; rechts und links vom Wege sind Berge, und
man kommt an laufenden Kanälen, gegen 80 an der Zahl, vorbei
— (daher) der Name Hadtäö-röösn (die 80 Flüsse) — die man
sämtlich überschreitet, bis man zum Dorfe Afrl^ün kommt. Von
Afriäün nach Chwär sind zweimal 8 Par. (d. h. 2 Tagereisen ä
8 Par.)*). Der Weg fuhrt eine Zeit lang durch Kulturland, dann
durch Wüste, bis man zu einem Dorfe am Eingange eines Passes
kommt, das Klsp (1- s-**«*^) heisst und wo früher die Station
war. Heutzutage wird aber dort nicht mehr Halt gemacht, sondern
die Karawanen gehen daran vorbei nach Chwär und marschieren
durch einen Engpass von 5 Par. Länge*.
Die Entfernung von zweimal 8 Par. zwischen Afrldün und
Chwär stimmt mit dem wiederhergestellten Texte des Ibn Chordä#bih
äberein. Das Dorf (ebenso Jäq. IV rrT, 2) oder Käsp
am Eingange der 5 Par. langen Kaspischen Thore3) entspricht
(so 1. mit codd. B E Pal. 1) d. i. *Wax$u-drajana v Anwohner des
Oiuaaee«*, sowie die Oxyttagae Plin. h. n. 6, 48, bei Solin c. 49, .1
Oxistacae am See Oaxus.
l) Plin. 6, 44.; Mox eiusdem Parthiae amoenissimus situs qui
Tocatur Choara. Uber Strab. ta 9, 1 p. 514 s. u.
«) Cod. iUiU iLoLS J,Ji J\ ^jJsjj« Der
Ausdruck ist schlecht, kann aber nicht anders aufgefaßt werden.
*) Nach Isidor von Charax. <sxu&\l<>1 IIccq&ixoL § 7, hatten die
Thore ihren Namen von dem Gebirgszug, durch den sie führten. Das
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28
J. Marquart,
völlig dem Kuhan-dih 8jJ!^/ des Istachrl, sowie dem heutigen
Aiwän-i Keif, das von Qy&läq, dem alten Chwär 22 miles oder
ö'/j Par. entfernt ist. Zur Zeit des Ibn Rusta hielten aber die
hier genannte Dorf Käap oder Kern hatte noch in der älteren Chalifeu-
zeit den alten Namen bewahrt. Plin. 5, 99 leitet den Namen des Kaspi-
schen Gebirges von einem Volke der Kaspier her. Dies sind gewiss
die Käanioi Her. y 92 und Plin. 6, 114: habet ergo ipsa (Media) ab
ortu Caspios et Parthos. Bei Herodot stehen die Kaoniot neben den
Jagtlxai, die nach Ptol. 6, 2 p. 392, 4, wo ^ Jaostttg %Aqcc unter dem
'Icc<s6vtov ÖQog ö. von 'Pavucvrj verzeichnet wird, ebenda anzusetzen sind,
und den Ilavaixca d. i. den 'Aitaaiaxat , die wir schon um 230 v. Chr.
in den Steppen westlich vom Oxos finden Polyb. i 48, Strab. «r 8, 8
p. 513 (wo auch für ATTA2IOI zu lesen ist APAZI\AK}AI), Steph.
Byz. s. v. 'Anaoucxcci, bei Ptol. 6, 12 p. 422, 25 (wo sie aber ganz falsch
an die oxischen Berge versetzt sind, wie die 'laxioi und Taxogoi d. i.
die Jüe-ci an den nördlichen Abschnitt des Jaxartes) Iluaixai, bei
Plin. 6, 50 und Mela 3, 39 Pestici, Mela 3, 42 Paesicae. Spuren jenes
ehemals weitverbreiteten Urvolkes finden wir ferner an der Süd Westküste
des nach ihnen benannten Meeres, am Unterlauf des Araxes, von wo
sie sich später mehr nach dem Binnenland in die Gegend der Stadt
P'aitakaran (arab. ^ JüLxaJ*) zurückzogen (s. K. J. Neu mann, Patrokles
und der Oxos. Hermes Bd. 19, 173): ebenso weist der Name des Käsp-
rött des Flusses von Tos-Mäahäd, Bundahifin p. 53, 3 (West, PT. I
81 f.), jetzt KäSäf-rttd, im Epos Käsak-röt (arab.-pers. t5*jJS Tab. I
1.1 , 9. 1a. , 7) auf jenes Volk. Wir finden sie aber insbesondere östlich
von Baktrien: Her. y 93 steuern sie mit den Saken, i\ 67 werden sie
hinter Gandärern und Jadixut (d. i. *Dadika, Darden) aufgeführt. Sie
trugen Pelzröcke und führten einheimische Rohrbogen und kurze
Schwerter als Waffen. Nach r\ 86 dienten sie auch als Reiter und
folgen auf die Baktrier. Sie müssen also damals noch im Besitz von
Ebenen gewesen sein, und wir werden sie nicht allzuweit von Baktrien
suchen dürfen. Aus Ktesias erfahren wir, dass sie eine besondere
Ra*se von Kamelen züchteten, deren Haare der milesischen Wolle
an Zartheit gleich geachtet wurden, so dass die daraus hergestellten
Stoffe den Priestern und Vornehmen als Kleidung dienten (Apollon.
hist. mirab. 20 aus Ktesias' 10. Buche. Aelian bist. an. 17, 34). To m a -
schek, Kritik der ältesteu Nachrichten Uber den skythischen Norden
I 35 (SBWA. Bd. 116, 15, 1888, S. 749) will auch bei Plin. 6, 55 (ab
Attacoris gentis Thuni et Focari, et iam Indorum Casiri introrsus ad
Scythas versi humanis corporibus vescuntur) CASPII für CASIRI lesen,
obwohl letzteres auch 6, 64 in der Schreibung Cotriri wiederkehrt, und
sieht in den heutigen Buri§ in 4en Hochthälern Hunza und Napar
nördlich von Gilgit den einzigen Überrest dieser Urbevölkerung. Viel-
leicht dürfen wir auch in den bei Her. i] 86 neben den Pankaniern
genannten Kuoniot, falls die LA. richtig ist, einen nach SO. ver-
schlagenen Rest derselben Bevölkerung erblicken.
Ein ebenso versprengtes vorarisches Volk sind die Tapuren. Der
Alexanderzug zeigt sie uns im Elburz etwa nördlich von Semn n.
Später nehmen sie auch die Sitae der Marder beim heutigen Ämul
ein (s. u.). Eine andere Abteilung dieses Volkes sass zwischen den
Hyrkaniern und Areiern (Strab. uc 8, 8 ja. 514), und an diese erinnerte
wohl noch der Rustak Tabarän bei Sarachs, sowie labarän oder
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r
»
Untersuchungen zur Geschichte yon Eran. 29
Karawanen nicht mehr in Käsp , sondern in einem Karwänseräi
2 Par. weiter westlich, 8 Par. von Afrldün, so dass die ganze
Strecke folgendermassen lautet:
Ibn Chord.: Ibn Rusta:
Raj Raj
Afrldün 8 Par. Afritfün 9 Par.
Mufadcjal äbäd 4 w Neue Station 8 w
Käsp (Kuhan-dih) 6 „ Kesp (2) 1 fi
Chwär 6 „ Chwär (6) / •
~24 Par. 25 Par"
MuqaddasT f.., 11 nennt folgende Stationen: Raj 1 Tag
Killn ijdsS 1 Tag Kes (= Kesp) 1 Tag Chwär. Hier ent-
spricht also Kilm dem Afrl<5ön der älteren Geographen. Jener
Ort ist aber heute noch bekannt und liegt gegen Warämin zu, '
woraus sich auch für Afrt<5un eine benachbarte Lage ergibt. Bis
zum Orte Käsp am Eingange der Kaspischen Thore rechnete man
also 18 bezw. 19 Par. oder zwei (starke) Tagereisen. Damit stimmt
die Angabe <Jes Apollodoros von Artamita fast völlig dberein, wo-
nach Ragai von den Kaspischen Thoren 500 Stadien = 16*/s Par.
entfernt war (Strab. ta 13, 6 p. 524 hn.). Heute rechnet man
allerdings von den Ruinen von Raj bei §äh 'Abdul 'Azlm bis zum
Beginn des Sär-darra- Passes nur 52 miles = 14 Par. oder zwei
Tagereisen1). Die Differenz erklärt sich daraus, dass die von
TabaräUf die Hauptstadt der Provinz Tos (beim heutigen Mäshäd).
Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 614 N. 383. Unters, zur Gesch. von
Eran S. 70 N. 76 (Pbilolorus Bd. 55, 238). Sie waren aber ohne Zweifel
in historischer Zeit überall von den Ariern aus den Ebenen in die ent-
legeneren Gebirgsthäler zurückgedrängt worden. Auch östlich von der
Wüste von Margiana waren sie verbreitet (Ptol. 6, 10 p. 418. Dionys.
itiotr\y. 782 ff.) , wohl im heutigen BädchTz. Nach Strabon ta 13, 3
p. 523 gab es sogar im nördlichen Atropatene Horden dieser räuberischen
Nomaden, wie auch der Amarder und Kyrtier (Kurden), und es scheint,
dass auch der Zagros und Niphates versprengte Abteilungen dieser
Nationen beherbergten, wenn Strabons Ausdruck nicht auf die speziell
genannten Kvgrtoi und Maqlloi zu beschränken ist: % dk nooaaQxxiog
doavi) xal xoa%sla xal i/w;roa, Kaöovclcav xaxoixia x&v 6qhv&v xal
'A{iÜQÖmv xal Tanvocav xccl KvqxIodv xal &llcov xotovxav, ol (itxavdaxai
tlol xal Irjoxoixoi. xal yäo 6 Zdyoog xal b Nupdxr\g xaxfonag^iva
fyovoi xä ibvr\ xavxa, xal ol iv rg Tleooldi Kvgxioi xal Mdgdoi (xal
yuQ ovxto Xiyovxai ol "Aiucodoi) xal ol iv xfj 'Aojuvia pi%Qi vvv öfuo-
v4(uog HQoeayoQfv6pLtvoi xi)g avxijg tlaiv idiag. Darnach wird man es
wägen dürfen, auch die von Ptolemaios 6, 14 p. 427, 19 östlich von den
Tdnovoa öoji und den Zvrißoi Extöai angesetzten Tanovoatoi als einen
weit nach Osten verschlagenen Bruchteil derselben Nation aufzufassen.
Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten Uber den akythischen
Norden II 51 (SBWA. 1888 Bd. 117, 1) versetzt die Tdnovoa öoij nörd-
lich vom Sir-darjä, vom Kurama-tau bis zum Catqal-tau.
^ Tomaschek a. a. O. 12. S. 79 dagegen gibt derselbe nur
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30 J- Marquart,
den arabischen Geographen beschriebene Route eine mehr südliche
Richtung hatte. Allein schon a priori werden wir anzunehmen
haben, dass die Route Alexandere eher mit der des Apollodoros
und der arabischen Geographen als mit der heutigen überein-
stimmte. Behalten wir nun im Auge, dass des Apollodoros
1260 Stadien a Vso Pftr- von den Kaspischen Thoren bis Heka-
tompylos nur 42 Par. gegenüber den 46 der arabischen Geographen
und der Bematisten ergeben, so muss auch zwischen den 500 Stadien
= 168/8 Par. gegenüber den 18 (19) Par. der Araber ein be-
stimmtes Verhältnis obwalten. Wir dürfen also für die Bematisten
18 Par. zu Grunde legen und erhalten so für die Entfernung
Ragai — Kaspische Thore eine Länge von 720 Stadien. Dass
Alexander diese an einem Tage durcheilt haben sollte, ist ganz
undenkbar, und wir müssen anerkennen, dass hier die Angabe
Arrians falsch ist. Aus den vorangehenden wie aus den folgen-
den Untersuchungen ergibt sich, dass wir uns von den Märschen
Alexanders keine gar zu übertriebenen Vorstellungen machen dürfen.
Auch wenn Alexander diese Strecke in zwei Tagen zurücklegte,
war dies für eine Armee eine ganz anerkennenswerte Leistung.
Der zweite (richtig dritte) Marschtag führte nach Tomaschek
über Chwar bis Aradan und hatte eine Länge von 34 Miles =
9 Parasangen.
An der Grenze des Kulturgebiets von Chwär kommen zu
Alexander Bagisfcmes, ein vornehmer Babylonier und Artibelos1),
einer der Söhne des Satrapen von Babylon Mazdai, und melden,
dass Dareios von dem Hazarapet Nabarzanes, dem Satrapen von
Baktrien, Bessos und von Brzavanta, dem Satrapen von Arachosien
und Drangiana festgenommen worden sei (Arr. y 19 — 21, 1).
Eine völlig abweichende Darstellung finden wir bei Curtius,
der hier für uns der einzige vollständige Vertreter der romantischen
Gruppe ist. Nach ihm hatte Dareios in Ekbatana zuerst be-
schlossen, nach Baktrien zu gehen, änderte aber dann seinen Plan,
da er fürchtete, der Schnelligkeit Alexanders doch nicht entfliehen
zu können, obwohl dieser noch 1500 Stadien entfernt war,
itaque proelio magis quam fugae se praeparabat
(5, 8, 1. 2 ; vgl. 9, 18). Er fordert also in einer Rede seine Leute
auf, nochmals das Glück der Waffen zu versuchen. Curtius ver-
legt nun gleich hierher den Beginn der Meuterei des Bessos und
Nabarzanes. Diese widersetzen sich dem Plane des Dareios, eine
neue Schlacht zu liefern, und fordern den Rückzug nach Baktrien
») Arr. v 21. 1 'AinLfaloq, £ 6, 4 'Agtißoljie. Das Richtige ist
'AQtlßriXoe, Der Name ist babylonisch = Ar du Bei , Diener des BeK
Curtius 5, 13, 11 gibt dem Manne den Namen Brochubelus, was nicht
wohl etwas anderes sein kann als ein Schreibfehler für Orodubelw i vgl.
Terioltes IX, 8, 9 für Terid(a)tes, TTjOMJarrj? Diod. 17, 81, 2. Unter-
suchungen I 70). Wie rasch übrige us die in Babylon begüterten vor-
nehmen Perser babyionisiert wurden, dafür liefert eine vom 1. Dum
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 31
und die einstweilige Übergabe der königlichen Gewalt an den
Satrapen Bessos. Da Dareios sich ausser Stande sieht, seinen
Plan, dem Feinde entgegenzuziehen, auszuführen, so bleibt er zu-
nächst völlig fassungslos und unthatig in Ekbatana (9, 13). Am
folgenden Morgen jedoch machen ihm Bessos und Nabarzanes ihre
Aufwartung und der König lässt sich zur Flucht bewegen (10, 15:
Alexandri manus, quas solas timebat, eflfugere properabat).
Auf dem Marsch gewinnt die Gefahr für den König greif-
bare Gestalt, vergeblich bittet ihn aber Patron, der Führer der
hellenischen Söldner, sich seinem Schutze anzuvertrauen. In der
folgenden Nacht wird er von Bessos und Nabarzanes gefangen
genommen, mit goldenen Ketten gefesselt1) und auf der Flucht mit-
geschleppt. Dies geschah nach Justin 11, 15, 1 in vico Parthorura
Thara. Artabazos mit den treugebliebenen Persern und den
Hellenen zieht nach Parthiene, die Perser aber, nunmehr fuhrerlos
und durch die Versprechungen des Bessos geködert, folgen den
Baktriern und holen sie am dritten Tage wieder ein8). Sobald
Alexander erfuhr, dass Dareios von Ekbatana aufgebrochen sei,
gab er den Marsch dahin auf und setzte die Verfolgung energisch
fort In Tabai, einer Stadt an der Grenze von Paraitakene, er-
führt er durch Überläufer, dass Dareios in wilder Flucht 'Baktra
zueile. Certiora deinde cognoscit ex Bagistane Babylonio : <non>
equidem vinetum regem, sed in periculo esse aut mortis aut
vineulorum adfirmabat (18, 1 — 3).
Diese Darstellung des Curtius wird man zunächst so ver-
stehen, dass die Gefangennahme des Dareios auf dem Marsche von
Ekbatana nach Ragai erfolgt sei Alexander aber, der nach ihm
nicht nach Ekbatana gekommen ist, sondern gleich auf die Nach-
richt von der Flucht des Dareios den Marsch dahin aufgab, hätte
wohl die direkte Route von Paraitakene nach Ragai über Kasan
und Qomm eingeschlagen.
des Jahres IV des Xerxes (AkkaSiaräi) datierte Vertragstafel einen
merkwürdigen Beleg. Es wird auf derselben ein gewisser Kibi-Bel ge-.
nannt, der Sohn eines Persers Mardinija, der bereits selbst auch einen
babylonischen Namen angenommen hatte (J. Oppert, Revue des
«Hudes juives 1894, p. 34). Nichts hindert, in diesem Mardinija den
bekannten Mardunija, den Sohn des Gaubruwa zu sehen, der uns als
in Babylonien ansässig, bei dem Aufstand der Babylonier unter Xerxes
entgegentritt (Ktes. ecl. 21. Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 624 f.)
und in der Schlacht bei Plataiai a. 479 fiel.
') Der Satz Ne tarnen honos . . . sequebantur (5, 12, 20) ist an
falsche Stelle geraten und gehört hinter § 16: rex curru . . . inponitur.
*) Damit kann nicht der dritte Tag seit der Ergreifung des
Dareios gemeint sein, sondern nur seit dem Aufbruch von Ekbatana.
Denn nachdem Alexander von Bajristanes erfahren hat, dass Dareios
zwar noch nicht gefesselt sei, aber in grösster Gefahr schwebe, legt er
in zwei Tagen 1000 Stadien zurück und holt die Verschworenen ein
(13, 6 ff.). An dem verhängnisvollen Tage, der der Flucht vorausging,
war Alexander noch 1500 Stadien entfernt (8. 2), am Morgen der Flucht
aber hatte sich die Entfernung ohne Zweite! bedeutend verringert.
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32
J. Marquart,
Die Stadt Tabae ist nach Curtius offenbar nicht identisch
mit dem Orte, wo Alexander zuerst die Flucht des Dareios erfuhr,
sondern nördlich von diesem zu denken. Nun ist aber TABAE
eine Verlesung für rABAI, und dieses war die Hauptstadt der
Landschaft Gabiene, die im weiteren Sinne zur Provinz Paraitakene
gehörte (vgl. Diod. i& 26, 1. 5. 34, 7) und seit der seleukidischen
Satrapieneinteilung eine Provinz von Elyraaia bildete (Strab. ig
1,18 p. 745). Gabai entspricht dem arabisch -persischen ^> öa/*,
der Altstadt von Ispahän, wie C. F. Andreas zuerst gesehen
hat Es befand sich daselbst ein achaimenidischer Palast (Strab.
u 8, 3 p. 728). Das eigentliche flaQmxaxijvr]^ dessen Name sich
in dem des Distriktes Faraidän (volkstümliche Form Päria),
arab. ^ju^J FariSin, einmal auch ^jjc^t*) am Oberlauf des
Zajända-rüd nw. von Ispahän erhalten hat, erstreckte sich offenbar
nördlich und nw. von Ispahän. Die Grenze gegen Medien bildete,
wie es scheint, die Stadt 'Pat//a, welche nach C. F. Andreas
dem heutigen Gulpäig&n (arab. ^üüby?- OarpäSakän) oder besser
dem heutigen Sähwärdi im nördlichen Teile des Distriktes Faraidän
entspriöht *). Gabai lag nur gegen Osten in Paraetacene ultima,
indem schon in der altern Partherzeit die Städte Issatis (Jezd,
arab.-per. »2f Ka&a d. i. Haus) und Kalliope den Parthern ge-
hörten4). Wenn also Gabai in der guten Überlieferung des
Ptolemaios und Aristobulos genannt war, so kann dies nur in dem
Bericht über die Unterwerfung der Paraitaken und die Einsetzung
des Satrapen Oxathres (Arr. y 19, 2) gewesen sein. Nach der-
selben erfahrt aber Alexander zunächst den Entschluss des Dareios,
eine neue Schlacht zu wagen , und erst an der medischen Grenze
hört er, dass Dareios sich zur Flucht entschlossen habe.
Man sieht also, wie sehr die richtige Aufeinanderfolge der
Ereignisse bei Curtius verschoben ist Die beiden Überläufer
*) Bei G. Hoff mann, Auszüge aus syr. Akten per. Märtyrer
S. 132 N. 1130.
*) Tab. I IfP. , 9 antworten die Araber den Persern auf deren
Friedensanerbietuneen : ,Nie wird zwischen uns und euch Friede
sein, bis wir den Honig von Afridln essen mit Citronen von Kulrä4.
Dass hier von dem Gau der Provinz Ispahän und nicht von dem
unten behandelten Dorfe die Bede ist, ergibt sich daraus, dass als
Heimat des vorzüglichen Honigs, des sogenannten »medischen* (^£«5Ut),
Ispahän galt (Ibn Rusta lov, 4. Ibn al Faq. Hl, 8).
s) Pauly • Wisso waa s. v. Andriaka. Vgl. Tomaschek, Zur
histor. Topographie von Persien I 24 ff.
*) Plin. h. n. 6, 44: duae urbes ibi Parthorum oppositae quondam
Medis, CaUiope et alia in rupe Issatis. Vgl. 6, 113. Polyb. 10 fr. Vor
der Eroberung Mediens durch Mithridatcs I. hatten sie als parthische
Vorposten gegen das seleukidische Medien gedient.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
33
Busxdvrjg, der dem Alexander drei Tagereisen südlich von Ekba-
tana meldet, dass Dareios bereits fünf Tage auf der Flucht sei
(Arr. y 19, 4. 5), und Bayiöxavrjg, der ihm zwei Tagemärsche
östlich von Ragai die Gefangennahme des Dareios meldet (Arr. y
21, 1), sind bei Curtius zusammengeworfen, und die Ereignisse
von der Flucht bis zur Gefangennahme des Dareios, die bei Arrian
einen Zeitraum von nahezu 30 Tagen in Anspruch nehmen1), sind
bei ihm ganz dramatisch auf einige Tage zusammengedrängt. Der
Grund der Verschiebung lasst sich aber hieraus nicht erkennen.
Dieselbe erklärt sich nur daraus, dass der Verfasser durch
geographische Vorstellungen beeinflusst war. Die beiden Haupt-
städte Mediens, Ragai und Ekbatana, sind nämlich bei
ihm völlig zusammengeworfen. Bei Strabon ig 1 , 17
p. 744 finden wir sodann folgende Grenzbestimmungen : xccvxrj 6h
(rr) IJsq6£Si) owuitxti ^ IIccQaixccxrjvi) vtal f\ Koääala
K cconl&v nvXöbv, 6qhvcc xccl XyöxQixa z&vri. tij 6h £ovölöi
fi EXvftcctg xai avxr\ xqaitia t\ noXXi} ycccl XytiTQiMj' xjj 6h
,EXvftat6i xa mqi xbv ZdyQOv xai ^ Mrj6la. Den Landschaften
Paraitakene und Kossaia wird also eine Ausdehnung bis zu
den Kaspischen Thoren gegeben und nach ta 13, 6 p. 524
bilden Parthyaia, die Berge der Kossaier und die Paraitakener die
Ostgrenze von Gross-Medien2). Diese Angaben gehen wohl ohne
Zweifel in letzter Linie auf Eratosthenes zurück. Dann folgt aber
unmittelbar, dass die Quelle der Erzählung des Curtius jünger
als Eratosthenes sein muss, was auf Agatharchides vortrefflich
passt. Zur Erklärung der hier der Landschaft Paraitakene gegebenen
östlichen Ausdehnung darf vielleicht an das oben erwähnte AfrT^Ün
zwischen Raj und den Kaspischen Thoren erinnert werden 8). Der
Name ^^Juyl oder ^jjoj^ geht wohl auf *para-ita „umflossen*
zurück, dessen Ableitung üaQaixdTiai = para-ita-ka (als Vor-
name) oder na$aixccx,r\vri (mit hellenischer Endung) uns in den ver-
schiedensten Gegenden Irans als Landschaftsname begegnet. Die
betreffenden Landschaften4) sind sämtlich von zahlreichen Flüssen
oder Kanälen bewässert. Der Name Afridvm oder richtiger
PareSün bezeichnete also wohl ursprünglich das von 80 Kanälen
') Flucht 8 Tagereisen von Ekbatana -|- Rast in Ekbatana
11 Tage bis Ragai -f 5 Tage Rast -f 2 Tage bis zur Ankunft des
Ragistanes.
*) xovtoig ti 9r\ ictpOQi&rca itQÖg fto (i) iLsydXr\ Mrftioc) xai ixt tofff
naQ€cixaxT\vols , ol övvarcxovct HiftGaig 6qhvo\ xal ccbxol xccl IjjaxQixoi.
*) Es ist zu beachten, dass die Alexandergeschichte auch einen
Stamm der Tapuren neben Kossaiern in der Nachbarschaft der Persis,
also im Zagros kennt (Arr. 7, 23, 1), wodurch Strabons Angabe ta 13, 3
p. 523 (oben S. 29 Anm.) bestätigt wird. Es lag natürlich nahe genug,
diese Tapuren mit denen nordöstlich von Ragai zu verbinden.
*) 1) nordlich von Pars, 2) in Drangiana, das spätere Sakcnland
Zccxaoxdvri, 3) am obern Oxos, das mittelalterliche Chottal.
Marqaart, Untersuchungen. II. 3
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J. Marquart,
des Gagarüd (pers. HastäJ-rödän) befiruchtete Kulturland südöst-
lich von Raj Die Schreibung ^ findet sich bei Tab. I
ffr. , 9 auch* für den gewöhnlich ^jJuj» genannten Rustäk von
Ispuhän, welcher den Namen der Provinz nccQaitccxrivfj bewahrt hat.
Wenn sich aber Paraitakene bis zu den Kaspischen Thoren
erstreckte und Gabai in Paraetacene ultima lag, so hatte
Alexander freilich von da nicht mehr weit bis zu dem Orte, wo
Dareios gefangen genommen worden war. Dieser heisst bei Justin
Thara und wird als vicus Parthorum bezeichnet. Da Curtius
die Ergreifung des Dareios bereits in der ersten Nacht nach dem
Aufbruch von Ekbatana (praktisch = Bagai) geschehen sein lässt,
so kann unter Thara kaum ein anderer Ort gemeint sein als
Choara9), die erste Stadt in Parthien (Plin. 6, 44). Freilich
brauchte Alexander nach Arrian von Ragai bis dahin bezw. zu dem
3 Fars. weiteren Aradän zwei Tage. Von diesem Gesichtspunkte
aus erklärt sich die völlige Umarbeitung der ursprünglichen Be-
richte. Der romantische Bericht hat also den Ort der Ergreifung
des Dareios mit der Stadt, in deren Nähe Alexander von derselben
benachrichtigt wurde, verwechselt. Trogus schrieb wohl CHARA,
und eine ganz ähnliche Form findet sich bei Orosius 1,2,16:
der Kaukasus heisst a fönte Tigridis usque ad Charras civitatem
inter Massagetas et Parthos mons Ariobarzanes; a Chams civitate
usque ad oppidum Catippi inter Hyrcanos et Bactrianos mons
Memarmali etc. Ariobarzanes ist aw. Hara bdrdzaitü, der heutige
Alburz, es kann also mit Charrae hier nur die Stadt Choara am
Ende der Kaspischen Thore gemeint sein3). Vielleicht ist mit
Rücksicht auf obige Stelle des Justin auch bei Plin. 6, 44 (oben
S. 27 Anm. 1) für amoenissimus situs qui vocatur Choara zu
lesen a. vicus q. v. Ch.
Nachdem Alexander die Gefangennahme des Dareios erfahren,
beeilte er sich noch mehr und nahm nur die Hetairen, die Auf-
klärungsreiterei und die kräftigsten und leichtesten Fusssoldaten
mit ; nicht einmal die unter Koinos zum Fouragieren ausgesandten
') Ein anderer Ort namens lag auf dem Wege von
Tabasain durch die Wüste nach Tureiz, 20 Fars. östlich vou Tabasain
Ibn Chord. öf, 3, wahrscheinlich in einer Oase.
*) Ganz mechanisch, ohne Rücksicht auf die Eigeuart der Quelle,
sucht diesen Ort Tqmaschek, Zur hist. Topographie von Persieo
I 80 zu bestimmen. Uberaus naiv ist dagegen der Versuch von Adolf
Sonny, Jahrbb. f. Phil. u. Pädagogik 1891, Bd. 143, 278 ff, der in
den drei Namen 'Pdyai (Arrian^, Tabae (Curtius) und Thara (Justin)
eine und dieselbe Ortlichkeit sieht Er steht würdig neben Krauths,
dieselbe Zeitschrift zierender Entdeckung der .verscholleneu Länder
des Altertums*.
») Vgl. über diese Stelle meine Schrift: Eriinsahr nach Ps. Moses
Chorenac'i.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 35
Reiter wartete er ab. Über die Zurückbleibenden setzte er den
Krateros mit dem Befehle, in massigen Tagem&rschen zu folgen.
Alexander marschierte die ganze Nacht und den folgenden Morgen
bis gegen Mittag, und dann nach kurzer Rast wiederum die ganze
Nacht hindurch bis Tagesanbruch, und erreicht nun das Lager,
von welchem Bagistanes nach Ergreifung des Dareios aufgebrochen
war. Hier erfahrt er, dass Bessos die Gewalt ergriffen habe, dass
aber Artabazos und die hellenischen Söldner, nicht im stände, das
Geschehene zu hindern, von der Heerstrasse abgebogen seien und
für sich nach den Bergen zu marschieren. Trotz der Erschöpfung
der Pferde und Mannschaften setzt Alexander den Gewaltmarsch die
Nacht und den folgenden Tag bis zum Mittag fort, bis er zu einem
Dorfe kam, wo die Verschworenen am vorhergehenden Tage gelagert
hatten. Hier erfuhr er, dass die Barbaren beschlossen hätten, des
Nachts zu marschieren.
Seit der Ergreifung des Dareios waren' mindestens 5 — 6 Tage
verflossen1), die genügt hätten, den Verschwornen einen tüchtigen
Vorsprung zu sichern. Allein die mit der Ergreifung des Dareios
ausgebrochene Revolution und die dadurch hervorgerufene Un-
schlüssigkeit hatte offenbar noch ein längeres Verweilen im
Lager nach dem Weggang des Bagistanes zur Folge. Auf diese
Weise war viel kostbare Zeit verloren worden.
Alexander erkundet nun von den Eingebornen einen kürzern
Weg, der aber durch wasserloses Land führe, und da er einsieht,
dass das Pussvolk seinem Gewaltritt nicht würde folgen können,
so lässt er gegen 500 Reiter absitzen und macht dafür die Offiziere
und die tüchtigsten Leute des Fussvolks in ihrer Infanteriebewaflnung
beritten. Dem Nikanor und Attalos, den Führern der Hypaspisten
und Agrianen befahl er, die Zurückgebliebenen ebenfalls in möglichst
leichter Rüstung auf der Heerstrasse heranzuführen, das übrige Fuss-
volk sollte in Schlachtordnung nachfolgen. Er selbst brach mit
den 500 „ Doppelkämpfern* und der Reiterei*) gegen Abend auf
und legte die ganze Nacht hindurch gegen 400 Stadien zurück,
bis er gegen Morgen auf die ungeordnet und unbewaffnet mar-
schierenden Barbaren stiess. Die meisten wandten sich alsbald
') 2 — 3 Tage Marsch des Bagistanes vom Ort der Festnahme des
Dareios bis zum Lager Alexanders -f- 2 Tage Marsch Alexanders bis
zum Ort der Festnahme des Dareios -f 1 Tag bis zum letzten Lager
der Verschwornen.
*) Arrian y 21 , 7 ff. erwähnt die Reiterei nicht besonders. Dass
aber Alexander auf seinem Gewaltritt die Reiterei bei sich hatte, würde,
wenn es sich nicht von selbst verstünde, sowohl aus der Pointe jener
Massregel (er will auf die Mitwirkung der Infanterie uicht verzichten,
da diese aber zu Fuss nicht mehr zu folgen vermag , so lässt er sie in
ihrer eignen Bewaffnung aufsitzen) als auch aus dem Fehlen der
Reiterei unter den .Zurückgebliebenen folgen. Die Romantiker sind
hier also genauer. Uberhaupt ist Arrian's Auszug hier ganz besonders
liederlich.
8*
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36
J. Marquart,
zur Flucht, sobald sie Alexander in Sicht bekamen, nur wenige
ermannten sich zur Abwehr, nahmen aber gleichfalls Reissaus,
nachdem einige gefallen waren. Als Alexander bereits nahe war,
stiessen Nabarzanes und Barsaentes den Dareios nieder, der bald
darauf verschied, und flohen mit 600 Reitern. Da die Feinde
nach allen Richtungen auseinanderstoben und seine Leute völlig
erschöpft waren, sah Alexander die Unmöglichkeit ein, die Verfolgung
fortzusetzen. Er wartete also die Ankunft der zurückgelassenen
Truppen ab und sandte den Leichnam des Dareios zur Beisetzung
in den Königsgräbern nach der Persis.
Darauf ernannte er den Parther Amminapes1) zum Satrapen
der Parther und Hyrkanier und erwartete die Ankunft der bei der
Verfolgung zurückgelassenen Abteilungen des Heeres. Nachdem
er diese an sich gezogen, rückte er gegen Hyrkanien vor.
So der lakonische Bericht des Arrian. Nach Curtius dagegen
legt Alexander, nachdem er von Bagistanes erfahren hat, dass
Dareios zwar noch nicht gefesselt sei, aber in höchster Gefahr
schwebe, in einem Gewaltmarsch bei Tai? und Nacht 500 Stadien
zurück und erreicht das Dorf, wo Dareios gefangen worden war.
Bald darauf treffen zwei Überläufer Orsilos und Mithracenes ein
mit der Meldung, die Perser seien nur mehr 500 Stadien entfernt.
Gegen Abend bricht nun der König mit 6000 auserlesenen
Reitern und 300 Doppelkämpfern auf, indem er die Phalanx mit
dem Befehle, so schnell wie möglich zu folgen, zurückliess.
Unterwegs soll er nach Justin 11, 15, 4 multa et periculosa
proelia bestanden haben. Nachdem er 300 Stadien zurückgelegt,
kommt ihm Brochubelus, der Sohn des Mazaios, der ehemalige
Satrap von Syrien, entgegen mit der Nachricht, Bessos sei nicht
mehr als 200 Stadien entfernt Sein Heer , das ungeordnet und
unvorbereitet marschiere, scheine nach Hyrkanien marschieren zu
wollen. Nun gieng es im gestreckten Galopp auf die Feinde.
Beim Herannahen Alexanders suchten Bessos und seine Mit-
verschwornen den Dareios zu bewegen, zu Pferde zu steigen und
sich mit ihnen durch die Flucht zu retten. Da er sich aber dessen
weigerte, stiessen sie ihn nieder und flohen nach verschiedenen
Richtungen, Bessos nach Baktrien, Nabarzanes nach Hyrkanien.
Artabazos mit den treugebliebenen Persern und den hellenischen
*) Bei Arrian y 22, 1 liest man 'AfLuivdonris, allein die Form des
Curtius 6,4,25 Minapis weist darauf hin, dass dessen Gewährsmann
im zweiten Teil nicht ap. aspa gefunden hat. Im ersten Teil erkennt
man aw. xoahma .Lobpreis*; vgl. aw. Wakmac-däta oben S. 17, Me-
dates Curt. 5, 3, 4. 12. 15, Madhrig Diod. 17, 67, 4 «= OiftnraJTjs Ps. Call.
H 11 cod. A? (Ausfeld, Zur Kritik des griech. Alexanderromans,
Karlsruhe 1894, S. 24), Amedincs Curt. 7,5,4. Der zweite Teil ist
wohl ap. napä „Enkel, Sprössling" ; v^l. 'Ag-vuitrig Xen. Hell, cc 3, 12
und dazu yAQ-t6%\ir\g Her. rj 73, *AQ-7tccxT\s Plut. Artox. 30, JTapa-jrtTcf
Xen. Hell. 4 , 1 , 39. 40. Vgl. auch den Namen der Stadt Mtvaizuc in
Baktrien Ptol. 6, 12 p. 421, 4 Wilberg.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 37
Söldnern hatte sich schon nach der Ergreifung des Dareios nach
Parthiene gewandt (5, 12, 18). Die ihrer Führer beraubten
Barbaren lösten sich planlos auf, nur 500 Reiter hatten sich
versammelt, noch unsicher, ob Widerstand oder Flucht vor-
zuziehen sei. Sobald Alexander die Demoralisation des Feindes
sah, sandte er den Nikanor mit einem Teil der Reiterei aus, um
die Flucht zu verhindern, und folgte selbst mit den Übrigen.
Ungefähr 3000 , die Widerstand versuchten , wurden getötet , der
Rest aber wie eine Viehherde herbeigetrieben, da der König dem
Blutvergiessen Einhalt zu thun befahl Dem Alexander selbst
hatten kaum 3000 Reiter zu folgen vermocht, die Gesamtmasse
des Trosses aber fiel den langsamer Nachrückenden in die Hände.
Die Pferde, die den Wagen des Dareios zogen, waren jedoch von
der Heerstrasse abgewichen und nach vier Stadien in einem
Thale vor Erschöpfung stehen geblieben, wo der Wagen von
einem Makedonen aufgefunden wurde.
Unter den Gefangenen befanden sich gegen 1000 adlige
Perser, worunter des Dareios Bruder Oxathres1). Alexander
ernannte hier den Perser Oxydates, der von Dareios zum Tode
verurteilt worden war und noch in Fesseln lag, zum Satrapen
von Medien und marschierte dann nach Parthiene.
Von jetzt ab stehen uns ausser dem Bericht des Curtius
auch ausführlichere Erzählungen des Trogus-Justin und Diodor
zur Verfügung. Da letzterer, wie wir sehen werden, die ur-
sprüngliche Reihenfolge der gemeinsamen Quelle am treuesten
bewahrt hat, so werden wir ihm fortab folgen.
Auf der Verfolgung des Dareios waren Alexander grosse
Schätze in die Hände gefallen, vor allem der Königsschatz von
Ekbatana im Betrage von 8000 Talenten2). Nach dem Tode des
Dareios entlässt Alexander nun die Thessaler und übrigen hellenischen
Bundesgenossen8), indem er ihnen den vollen Sold bis zu ihrer
Rückkehr in die Heimat auszahlen Hess, ausserdem aber jedem
Reiter ein Talent, jedem Fussgänger 10 Minen schenkte4). Von
«) Vgl. Plut. Alex. 43. Diod. t£ 77, 4.
*) Diod. i£ 74, 5; ebenso Strab. t* 8, 9 p. 731. Dagegen 7000 Talente
nach Aman y 19, 5.
*) Plut. Alex. 42 folgt einer ältern Gestalt der romantischen Version :
die Thessaler werden entlassen, nachdem Alexander die Kunde von der
Ergreifung des Dareios durch Bessos erhalten hat. Darauf haben
aber Alexanders Truppen erst noch die Strapazen einer 1 1 tägigen Ver-
folgung durchzumachen, auf welchersie 3300 Stadien zu Pferde zurücklegen,
bis sie die Leiche des Dareios erreichen. Nach Arrian aber wurden
die hellenischen Bundesgenossen bereits in Ekbatana entlassen. Die
11 Tagesritte des Plutarch gehen offenbar auf die 11 Tagemärsche
Alexanders von Ekbatana bis Ragai (Arr. y 20, 2) zurück.
*) Nach Arrian y 19, 5 und Plut. Alex. 42 gab er ihnen ausser
dem Sold noch 2000 Talente.
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-
38 J. Marqüart,
denen aber die weiter dienen wollten , gab" er jedem 3 Talente.
Im ganzen wurden so, mit Einrechnung der Schmucksachen und
Trinkgefasse, 13 000 Talente an die Soldaten verteilt, noch mehr
aber war, wie man vermutete, unterschlagen und geraubt worden
Nach dem Tode des Dareios ergriff die Makedonen eine
ganz ähnliche Stimmung wie die Deutschen nach der Gefangen-
nahme Napoleons bei Sedan; sie glaubten den Feldzug beendet
und die Rückkehr in die Heimat nahe, zumal sie Alexander bei
der Nachricht, dass Dareios selbst in Gefahr schwebe, zur äussersten
Anstrengung angefeuert hatte durch die Aussicht: „ Maximum
opus , sed labor brevissimus superest. Darens haud procul,
destitutus a suis aut oppressus: in illo corpore posita
est nostra victoria et tanta res celeritatis est praemium
(Curt. 5,13,4). In dieser Hoffnung wurden sie noch bestärkt
durch die Kunde, dass die hellenischen Bundesgenossen in
die Heimat entlassen würden. Der hinreissenden Beredsamkeit
Alexanders gelang es indessen, seine Makedonen von der Not-
wendigkeit der Fortsetzung des Kampfes und der Vernichtung
der Mörder des Dareios zu tiberzeugen und so brach er mit
seinem Heere gegen Hyrkanien auf. Am dritten Tage lagerte er
in der Nähe der Stadt Hekatompylos *) , und gönnte seinen
Truppen mehrere Tage Rast, da diese Stadt mit allen Lebens-
bedürfnissen reichlich versehen war.
Es ist ohne weiteres klar, wie dramatisch hier alle effekt-
vollen Motive zusammengedrängt sind. Schon in Ekbatana fassen
Bessos und Genossen den Plan, den Dareios zu beseitigen, und
bereits in der ersten Nacht nach dem Aufbruch von der niedischen
Hauptstadt wird er von ihnen festgenommen und fortgeschleppt.
Nachdem Alexander erfahren hat, dass Dareios in Gefahr schwebt,
erreicht er in einem Tage den 500 Stadien entfernten Ort, wo
Dareios gefesselt worden war, und in einem weiteren Marsche
von 500 Stadien gelangt er zur Leiche des Dareios. Diese
Ereignisse, die bei Arrian 4 Tagemärsche ausfüllen, sind also
hier auf zwei Tage zusammengedrängt Da Alexander nach dem
Tode des Dareios einen Satrapen von Medien ernennt, so wird
wohl vorausgesetzt, dass er sich noch auf medischem Boden befand.
Nach Arrian y 20, 3 erfolgt die Ernennung des Oxydates aller-
dings in Ragai. Auch der dreitägige Marsch bis nach Hekatompylos,
das nach Diodors Darstellung offenbar in Parthien und in der
Nähe der Grenze Hyrkaniens gedacht ist, sowie der Ausdruck des
Curtius 6, 2, 12 hinc in Parthienen perventum est
weisen darauf hin, dass nach der Vorstellung der Quelle Alexander
l) Vgl. Justin 12, 1, 1. Curt. 6, 2, 10 schätzt die Beute auf
26000 Talente, wovon 12000 (r. 13000) unter die Soldaten verteilt
wurden, par huic pecuniae summa custodum fraude eubtracta est.
*) Über Hekatompylos s. S. 39 ff. 44.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 39
sich bei der Auffindung der Leiche des Dareios noch nicht auf
parthischem Boden befand. Dabei ist aber merkwürdig, dass die
Anzahl der Märsche Alexanders von Gabai, wo er zuerst die
Flucht des Dareios erfahrt, bis nach Hekatompylos wahrscheinlich
mit den 6 Gewaltmärschen von Ragai bis zur Auffindung der
Leiche des Dareios nach Arrian übereinstimmt. Die Entlassung
der Bundesgenossen, die bereits vor einem Monat in Ekbatana
stattgefunden hatte, wird hier zu einem Momente höchster
Spannung verwertet, in welchem der siegreiche König nach
beispiellosem Glücke fast an der Vollendung seiner Sieges-
laufbahn gehindert worden wäre.
Curtius lässt den Alexander nach der Auffindung der Leiche
des Dareios nach Hekatompylos in Parthiene gelangen und verlegt
hieher die Entlassung der hellenischen Söldner und die Hoffnung
der Makedonen auf sofortige Heimkehr. Von da gelangt er am
dritten Tage durch Parthiene an die Grenzen von Hyrkanien.
Allein dass jene Szene ihre richtige Stelle im Sinne der Urquelle
nur unmittelbar nach dem Tode des Dareios haben kann, wo sie
bei Diodor richtig steht , folgt aus ihrer Begründung. Curtius
oder sein Gewährsmann hat also die Urquelle eigenmächtig ver-
schlimmbessert. Dass natürlich letztere auch nicht den Beisatz
zu Hekatompylos enthalten konnte : condita a Graecis, ist
selbstverständlich. Dadurch wäre ja bereits die ganze Erzählung
jedem denkenden Leser als widersinnig hingestellt worden. Diese
Notiz ist wohl einer Chorographie entnommen. Die Bemerkung
über den skythischen Ursprung der Parther (vgl. 4, 12, 11),
näherhin ihre Abkunft von den europäischen Skythen stammt
aus Agatharchides *).
Die Vorlage des Trogus 11, 15, 1 lässt den Dareios bereits
auf parthischem Gebiet gefangen genommen werden und verlegt
folgerichtig auch jene Erregung unter den Makedonen infolge
ihrer Erwartung der Beendigung des Krieges nach Parthien (12, 3, 1),
nennt aber den Namen der Stadt Hekatompylos nicht Sie hat
also die Hauptquelle Agatharchides wie so häufig aus einer
Nebenquelle verbessert.
Da es den Romantikern darauf ankam, die Ereignisse nach
rhetorischen Gesichtspunkten zu gruppieren, wobei sachliche und
geographische Bücksichten, wie wir bereits gesehen, völlig in den
Hintergrund traten, so können wir von der Behauptung, dass
Alexander von der Auffindung der Leiche des Dareios noch
3 Tage bis Hekatompylos gebraucht habe, völlig absehen. Soviel
ist klar, dass die Urquelle dieser Darstellungen von der Geographie
von Parthien eine ebenso mangelhafte Vorstellung hatte wie von der
von Paraitakene. Denn Hekatompylos lag ja im Herzen von
») Vgl. meine Untersuchungen zur Gesch. von Eran I 35.
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40
J. Marquart,
Parthien (iv fiiay ty IlaQ&vriVTj Polyb. * 28, 7 a. 209), und war
die Hauptstadt der Landschaft KömiS, arab. ^ytj^i^ gr. ÄwjMtfijvij,
welche den Mittelpunkt der alten Provinz Parthien und in der seleu-
kidischen Satrapieneinteilung eine der sechs Provinzen bildete, in
welche das alte Parthien zerlegt worden war. Die Landschaft KömiS
gilt noch bei dem Armenier Sebeös (7. Jh.) als Stammsitz der
Parther oder Palhav1). Medien aber reichte vom Passe von
IJolwän bis zu den Kaspischen Thoren2).
*) Seb. 57. 58/59. Vgl. mein Eränsahr nach der Geographie des
Ps. Moses Chorenac'i 8. 71.
*) Strab. ta 3, 8 p. 525. Aman, Ta pexa 'AXifavdgov § 35 in
C. Müller's Arrian p. 245.
Ein Muster von Unklarheit und Unkritik ist SpiegePs Exkurs
„Parthien" (Eranische Altertumskunde II 630—632). Er hat nicht
einmal gesehen, dass des Ptol. TlaQxavxixriv^ und Xogoav^ einfach
VerbaDhornungen von Isidoros' yAnavaqxxixy\vx\ und Xoa%r\vr\ sind.
Die Stelle des Strab. ut 9 , 1 p. 514 beruht ja allerdings z. T. auf
Irrtum und lässt an Klarheit des Ausdruckes zu wünschen übrig. Es
ist deshalb sehr zu bedauern, dass sich durch Spiegel's Bemerkung:
„auch sagt er (Strabon), dass Choarene und Komisene erst später zu
Parthien hinzugefügt worden sei" auch Gutschmid, Gesch. Irans
S. 43 f. zu der Annahme verleiten liesB, Komisene und Choarene hätten
früher zu Medien gehört. Sie gl in in der neuen Ausgabe von
Spruner - Menke's historischem Atlas ist ihm darin Hindlings
gefolgt. Strabon behauptet zunächst: *H dh IlaQfrvaia vcoXXr^ uir
oirx toxi- ovvsxilei yovv ftfra x&v 'Tqxccv&v [xara] xä Tltgaixa xal
luxct xavxa x&v Maxsd6v(ov xqaxovvxmv inl %q6vov itoXvv. iCQÖg dk t#
a(uxQ6xr]xi daesta xal 6quv^ toxi xal änoQog, maxk $Ut xovxo dpou«»
dit^t&ct xbv iavx&v oi ßctatXeig 6%%0Vy oii dvvafiivrig X(>£q>Eiv xfig %caqag
oitf iitl hixq6v älXä vvv xfi^rixai. Allein die Meinung, dass Parthien
in persischer Zeit kleiner gewesen sei als später, ist falsch. Die An-
fänge des parthischen Reiches der dänischen Parner waren allerdings
klein, und dieses beschränkte sich ursprünglich auf die Landschaft
TlttQ&vri'irii mit der Stadt Niactx, wo die Gräber der parthischen
Könige lagen (Isidor von Charax, Iha&nol U<xp<fhxol § 12. Vgl.
Tomaschek, Zur histor. Topographie von Persien I 74). Strabon
fährt dann fort: fi^orf <P ioxl xfjg ilaQ&vr\vfig rj xs Ka>iiißr\pr) xal i}
A'wp^yrj, övtdbv <f£ xi xal xa itvX&v Kaöituov xal 'Pay&v xal
Taitvgtov ovxa xf]g Mr\diag tcqoxsqov, toxi d* 'Ana^tia xal 'HpaxlfMK,
it6Xeig izsqI xag 'Pdyag. Zunächst sind die Worte a%edbv ii xi xal xa
\ii%QL Ttvläv Kaaiciav neben ij Xchq^vti sachlich eine Tautologie, da ja
die Landschaft Xwptjvtj (Chwär) westlich bis zu den Kaspischen Thoren
reichte. Wenn also Strabon gut berichtet war, so muss der Text, wie
er vorliegt, notwendig verdorben sein. Es wird zu lesen sein xal 17
Xa>QT}vii pi%Qi iivXmv Kaonlcov , 6%tdbv dl xi xal xä <C\i>i%Qi>
'Payav xal TaitvQav 6vxa xqg Mr\diag itodttQOV, ixt, d' 'Aitdptuc xal
'JfyaxJUta xxX. Die Worte Bvxa xf^g Mr\diag ic^xsqov würde vom rein
grammatischen Standpunkte aus gewiss niemand auf ij r« Kaiuaqvi]
xal 1] Xaaorivj, sondern nur auf das letzte Glied 6x*dbv di xi xal xä
o. P. xal T. beziehen, und von den Gebieten westlich von den
Kaspischen Thoren bis Raj und nördlich bis zu den Tapuren ist die
ehemalige Zugehörigkeit zu Medien auch sachlich korrekt. Denn die
Tapuren wohnten im 2. Jh. v. Chr. nicht mehr in den Bergen nördlich
von Semnän, sondern hatten seit der Verpflanzung der Marder nach
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
41
Für uns handelt es sich nur um die Frage, ob Alexander
in der That in der Nähe von Hekatompylos die Leiche des
Dareios aufgefunden und darauf mehrere Tage daselbst gerastet
hat. Aman berichtet allerdings nichts von einer mehrtägigen
Bast nach dem Tode des Dareios. Allein da Alexander vor dem
Weitermarsch die Ankunft der bei der Verfolgung zurückgelassenen
Truppen abwartete, so musste er notwendig mehrere Tage Halt
machen, da Erateros mit dem Fussvolk schon am zweiten Tage
nach dem Aufbruch aus Ragai mit dem Befehle, in massigen
Marschen zu folgen , zurückgelassen worden war (Arr. y 21,4).
Der Auszug des Arrian ist also hier sehr unvollständig. Die
Hauptfrage ist demnach die: wie weit ist Alexander auf seinen
6 Marschen von Ragai bis zur Auffindung des toten Königs
gekommen ?
Mordtmann hat nun von numismatischen Erwägungen
aus, die aber in keiner Weise überzeugend sind, Hekatompylos
beim heutigen Sährüd, 1 Fars. sw. von Bistäm, gesucht1), und
lässt den Dareios in der Nähe dieser Stadt ermordet werden.
In letzterer Annahme folgt ihm auch Tomaschek, obwohl dieser
an der Lage von Hekatompylos bei Dämayän festhält. Seine
Berechnungen sind indessen verfehlt. Als die grösste Leistung
auf der ganzen Verfolgung galt offenbar der letzte Ritt von
400 Stadien (Arrian 3, 21, 9), wobei aber nicht, wie Tomaschek
will, Normalstadien (er rechnet 33 Stadien auf den Parasang),
sondern Itinerarstadien zu Grunde zu legen sind, von denen
40, 435 auf den Farsang gehen (s. o. S. 23). Derselbe betrug
also rund 10 Fars. Der Weg von den Kaspischen Thoren (d. h.
von deren Beginn) bis nach Hekatompylos betrug nun nach den
Bematisten 1860 Stadien = 46 Farsangen. Über diese Route
sind wir, abgesehen von modernen Reisenden, durch Ibn Rusta
gut unterrichtet Derselbe gibt von der Strecke von Chwär am
Charax in der Nähe der Kaspischen Thore durch den Arsakiden
Phradates I. deren Sitze um Ämul eingenommen. Der Elburz (Oq-
&oxoQvßctmoi) aber gehörte nach Her. 3 , 92 zur medischen Satrapie.
Spätestens unter Konig Phradates I. gehörten aber jene beiden
Gebiete zu Parthien, also lange vor der Eroberung des Übrigen Mediens
durch Mithridates I. (um 145 v. Chr.), wie eben aus der Nachricht
über jene Verpflanzung der Marder hervorgeht. Ja die Städte KaXXi6itr]
und Issatis (Jezd), citra deserta ab occasu (Plin. h. n. 6, 113),
oppositae quondam Medis (Plin. h. n. 6,44) gehörten schon im
Jahre 209 den Parthern (Polyb. 10, 31, 15 aus Steph. Byz. s. v.
Kalli6nr\).
Im einzelnen können wir die successive Eroberung der einzelnen
Provinzen des alten Parthien durch die Parner nicht verfolgen. Doch
spricht nichts gegen die Annahme, dass die Arsakiden nach der Be-
wältigung der Könige Andragoras von Parthien (Justin 41,4,7) und
W axfiu war ja von Hyrkanien (Justin 41, 4, 8j vgl. oben S. 26 Anm. 2)
ihre Residenz in Hekatompylos aufschlugen.
') Hekatompylos. Sitzungsber. d. bair. Akad. 1869, 1,511 ff.
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42
J. Marquart,
Ausgange der Kaspischen Pforten bis zur Ostgrenze von KomiS
folgende Beschreibung (p. m , 12flf.):
„Von Chwär nach Qacr al milb {Diz-i namah) sind 7 Fars.
Der Weg fuhrt durch Kulturland, bis man zu einer Brücke über
ein trockenes Flussbett kommt und sie überschreitet, dann von
da nach Qacr al m\\\. Von Qacr al müh nach Ra's as kalb
(Hundskopf) 7 Fars. Der Weg führt durch Salzboden , welchen
eine Heerstrasse durchzieht, bis man zu einer Brücke kommt,
welche man überschreitet und weiterzieht, bis man zu einem
Dorfe kommt namens Mardkustän. Dort ist ein Schloss gleich
einem Leuchtturme, auf welchem ein Wächter ist, der diesen
Weg bewacht. Dann steigt man bald auf- bald abwärts,
wobei man rechts und links Berge hat, bis man zu einem Dorfe
kommt namens Ra's al kalb. Und von Ra's al kalb bis Simnän
sind 8 Fars. durch ebenes Land, wobei man rechts Wüste und
Berge und links Wüste hat, bis man nach Suhr darra1) kommt,
und von da dann nach der Stadt Semnän. Von Semnän nach
Ächurin sind 9 Fars. Der Weg fuhrt durch eine gleichmässige
Ebene , dann kommt man zu einem Defile , das man betritt und
4 Fars. weit passiert, wobei man zu einem Ribät kommt namens
Äbi-Ähuwän, dann zieht man vorbei zu einem Dorfe namens
AchurTn. Von Ächurin zum Dorfe Doja 5 Fars. Der Weg fuhrt
durch ebenes Land bis Dih-i däja, wo die Station ist. Von
Dih-i däja nach Dämayän, der Hauptstadt von Qümis, 4 Fars.
Der Weg führt durch ebenes Land, bis man nach Qümis kommt.
Das meiste was (hier) verkauft wird, sind die weissen Stoffe zum
Kopfbund. Von Qümis nach al Haddäda 7 Fars. Der Weg führt
durch dessen Kulturland, bis man zu einem Ribät- und Ruinen
kommt. Man sagt, dass es Häuser seien, die durch ein Erdbeben
verschüttet worden seien. Dann zieht man rechts und links
zwischen Dörfern hin, bis man nach al Haddäda kommt. Von
al Haddäda nach Ba<?a§ (Bioas J*\j) 7 Fars. Der Weg führt
durch ebenes Land rechts und links und zusammenhängende
Dörfer, bis man nach BadaS kommt, um welches rings Saatfelder
und Gärten sind."
Bioa§ lag 2 Fars. östlich von Bistäm 2). Es ist dem Namen,
vielleicht auch der Sache nach identisch mit Bixd^u in Areia,
das Ptol. 6, 17 p. 433, 12 unter 103° 40' L. und 88° Br. setzt3).
Ibn Rusta's Beschreibung verhält sich zu den übrigen
x) cod. sy lies ^ , Qod. P.l, 3 heute Surchalr.
*) Tomaschek, Zur histor. Topographie von Pereien II 77.
3) Ptol. rechnet auch die Nioatot und 'AaraBjivol, die Bewohner
der parteiischen Provinzen Nr\auiu und 'A&tavrivtf (6,9 zu Hyrkauien
gerechnet, 6, 5 p. 400, 2 in Taßi.Tivrj verstümmelt) zu Areia.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
43
arabischen Itineraren (Ibn Chord. PP? 14 ff. Qod. P.|? 1
Moq. Tvl, 13 ff.) folgendermassen :
Ibn Chord. und
Qodäma:
Chwär
Istach ri :
Chwär
Ibn Kusta:
Chwär
Brücke
Qacralmilh7Fare. Qacralmilh7Fars. Qarjat aJ milh 1 T.
Brücke
Diz-i Mardkustän
Ra's al kalb 7Fars. Ra's al kalb 7 Fars. Ra's al kalb 1 Tag
(Surch 4 F.)
Simnan 8 Fars. (4) Simnan 1 Tag
Suhx darra
Simnän 8 Fars.
En^pass 4 Fars.
_ Äbi-Ähuwän
Ächurfn 9 Fars.
Dih-i däja 5 Fars
'Ali äbäd 1 Tag
Ächurin 9 Fars. Garmgüi 1 Tag
(Qarjat däja 4 F.)
Damayän 4 Fars. Qümis 8 Fars. (4) Dämayän 1 Th#
Ribät u. Ruinen
al Haddäda 7 Fars. al Haddäda 1 Tag
(^U^y Gözi-
stän 4 Fars.)
Bitfaä (Gutfaä Bitfas 1 Tag
al Haddäda7Fars.
ff. Ist. Po», 4 ff.
Moqaddasl:
Chwär
Qarjat al milh IT.
Ra's al kalb 1 Tag
Simnän 1 Tag
Ribät 1 Tag
Garmgüi 1 Tag
Dämayän 1 Tag
al Haddäda 1 Tag
Bifei 7 Farsang
1 Tag1)
L^)Ä)7(3)F.
Aus diesen Itineraren ersieht man, dass in arabischer Zeit
der Weg vom Ausgang der Kaspischen Thore bis nach Dämayän,
der Hauptstadt von Qümis auf 39 bezw. 40 Fars. oder 6 Tage-
reisen ä 6*/2 Fars. geschätzt wurde. Dazu kommt die 6 Fars. oder
1 Tagereise betragende Strecke vom Eingang der Kaspischen
Thore bis nach Chwär, woraus sich für die ganze Strecke vom
Beginn der Kaspischen Thore bis nach Dämayän 39 (40) -f- 6 = 45
(46) Fars. oder 7 Tagereisen ergeben, welche den 1860 Stadien
der Bematisten von den Kaspischen Thoren bis Hekatompylos
genau entsprechen und welche Alexander, wenn er die Leiche
des Dareios bei Hekatompylos fand, in 5 Tagemärschen durch-
messen hätte. Daraus ergäbe sich eine durchschnittliche Marsch-
leistung von 372 Stadien oder 71/, Fars. pro Tag, also immerhin
betrachtlich mehr als für die Strecke von Ekbatana nach Ragai,
für welche durchschnittliche Märsche von 300 Stadien voraus-
gesetzt werden. Auch Arr. y 25, 6 wird ein Marsch von 300 Stadien
schon als eine grosse Leistung betrachtet. Jenen 7 Tagereisen
sind aber noch die 2 Tagereisen oder 18 (19) Fars. von Raj nach
Käsp zuzurechnen, welche Alexander angeblich an einem Tage,
*) Ebensoviel betrug die Entfernung von al Haddäda nach Bistum,
p. l"vP, 3.
«) So ist zu lesen für bezw. der Hs.
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J. Marquart,
•
nach unserer Meinung dagegen in zwei Tagen zurückgelegt hat.
Nach Mordtraann's und Tomaschek's Ansicht dagegen
soll Alexander die ganze 77 (Ibn Chord.) bezw. 79 (Ibn Rusta)
Fars. oder 11 Tagereisen betragende Strecke von Raj bis BidaS
in der Nähe von Sährud in 6 Tagen durchmessen haben1)!
Soviel ich sehe, spricht also nichts dagegen, dass Alexander
in der That in der Gegend von Hekatompylos den toten König
der Könige einholte. Seine beiden letzten Märsche führten ihn von
Semnän rechts durch Sandsteppe über das Dorf rAlah und die
Quelle Garmäb, weiter über Doseir und Frät nach Dämayän.
Wahrscheinlich war das in der Nähe gelegene Hekatompylos
schon in achaiinenidischer Zeit die Residenz des Satrapen von
Parthien gewesen, und es ist daher ganz natürlich, dass Alexander
den Aufenthalt, den er machen musste, dazu benützte, um den
neuen Satrapen gleich in seine Hauptstadt einzuführen und ihm
Achtung zu verschaffen. Man darf hiergegen nicht einwenden,
dass Hekatompylos nach Appian Syr. 51 eine Gründung des
Seleukos Nikator sei, womit Curtius* Bezeichnung condita a
Graecis übereintrifft Denn dass die Stadt schon zu Alexanders
Zeit bestanden haben und von ihm berührt worden sein muss,
ergibt sich daraus , dass sie von Baiton und Diognetos , den
Bematisten Alexanders in ihren Berechnungen der Märsche des-
selben genannt war (Plin. n. h. 6, 61. 44). Es kann sich demnach
unter Seleukos nur um eine Neugründung gehandelt haben, wie
bei Ragai - EvQcmog , Merw - *Avxt6%tut , etc. Freilich haben die
Romantiker augenscheinlich den Aufenthalt Alexanders in dieser
Stadt nach dem spätem Besuche Antiochos* d. Gr. (Polyb. t 28, 7.
29, 1) und unter dem Gesichtspunkt der nachmaligen Hauptstadt
des Partherreiches, das bestimmt war, die Herrlichkeit des iranischen
Reiches wieder aufzurichten und der Monarchie der Nachfolger
Alexanders in Syrien den ersten Stoss zu versetzen, weiter aus-
geschmückt (Curt. 6, 2, 12 ff. , vgl. Justin. 11, 15, 1). Für die
Bedeutung der Stadt in seleukidischer und der altern parthischen
Zeit spricht die Thatsache, dass dort von allen Seiten die Wege
zusammenliefen, wovon die Stadt ihren Namen hatte (x&v de
diodav <töv> tptqovömv inl ndvtag xovg tÜqi% xonovg ivxaxföu
av^nntxovaS)v caib xoü av(ißalvovxog 8 xonog eüt]<pe x^v ngoaij-
yoQlav Polyb. t 28, 7). Später, offenbar zur Zeit der über
Hyrkanien und Karmanien gebietenden Dynastie des Gotarzes, die
sich unter Volagases I. unabhängig machte, bildete die 140 Stadien
weiter nördlich gelegene hyrkanische Königsburg Tage den
Mittelpunkt des Strassennetzes 2). Bei den Persern gilt Dämayän
») Ibn al Faq. 18 gibt fälschlich die Entfernung von Raj
nach Dflmayüu auf 80 Fars. an.
*) Karte des Castorius Segm. XII, 2 ed. Miller (Nagae). Geogr.
Rav. p. 47,2 (Age). 48,5 (Thage). Vgl. Tomaschck a.a.O. 79.
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Untereuchungen zur Geschichte von Eran.
45
stets als die Hauptstadt von KömiS, also als Nachfolgerin von
Hekatompylos. Die Städteliste von Iran § 19 spielt auf eine
liegende an, nach welcher Az-i dahäk der Usurpator (jkU) die
funftürmige Hauptstadt von Kömi§ zu seinem Harem (sapstän)
machte. Da Az-i dahäk im iranischen Epos der Vertreter der
Seleukidenherrschaft ist, so sieht man, dass der seleukidische
Ursprung (richtiger Neugründung) der Stadt nicht völlig vergessen
war. Wir verdanken dem arabischen Dichter und Belletristen
Abu Dulaf Mis'ar b. al Muhalhil (um 941 n. Chr.) folgende Be-
schreibung der Stadt (bei Jäq. H öH): „Dämayän ist eine
obstreiche Stadt, deren Früchte prima sind und deren Wohlgerüche
bei Tag und Nacht nicht aufhören. Es gibt daselbst ein von
den Kisras herrührendes wundervolles Wasserschloss , dessen
Wasser aus einer Höhle im Berge kommt und, sobald es von
dort herabgeflossen ist, in 120 Kanäle geteilt wird für 120 Rus-
täqe, wobei kein Anteil1) den andern übertrifft, und es ist nicht
möglich, es auf etwas anderes als diese Wasserversorgung anzu-
passen. Es ist in hohem Grade merkwürdig; ich habe in den
übrigen Ländern seinesgleichen nicht gesehen noch ein schöneres
in Augenschein genommen. Und es gibt daselbst ein Dorf, das Dorf
der Kameltreiber genannt, wo sich eine Quelle befindet, aus welcher
Blut hervorsprudelt. Hieran ist nicht zu zweifeln, weil es alle Eigen-
schaften des Blutes vereinigt. Wenn Quecksilber darein geworfen
wird, so wird es sofort zu trockenem hartem mannigfach ver-
wertbarem Stein. Dieses Dorf ist auch unter dem Namen rangän
bekannt. In Dämayan gibt es eine vorzügliche Apfelsorte, die
von KömiS (al qwrnisi) genannt, schön rot, die nach dem fIräq
exportiert wird; und es gibt dort Alaun- und Salzbergwerke,
aber keinen Schwefel, dagegen Gruben von reinem Gold".
Für den nun folgenden Marsch über das Gebirge nach der
Ebene von Hyrkanien sind unsere Berichte so summarisch, dass
es fast unmöglich scheint, von dem Verlauf desselben eine Vor-
stellung zu gewinnen. Ich stelle zur rascheren Übersicht die
beiden Berichte Arrians und der Romantiker einander gegenüber.
Aman y 23—24. Curt. 6, 4-5, 23. Diod. 17, 75. 76.
Nachdem die auf der Ver-
folgung zurückgelassenen Truppen
sich eingefunden hatten, verliess
Alexander die Strasse nach Cho-
räsän und rückte gegen Hyrkanien,
— Es scheint, dass dabei Hekatompylos gar nicht mehr berührt wurde.
Nur so erklärt sich die auffällige Thatsache, dass Isidor von Charax,
«Tufriiol Tlap&ixoi § 9 in Komisone keine einzige Stadt kennt,
o
») L. (HHÄ .
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46
J. Marquart,
Aman y 23—24.
da er erfahren hatte , dass die
hellenischen Söldner des Dareios
sich in die Berge der Tapuren
geflüchtet hatten, und er diese
sowie die Tapuren erst nieder-
werfen wollte. Er teilte jetzt
sein Heer in drei Corps : er selbst
wählte mit dem leichtesten und
zahlreichsten Teil den kürzesten,
aber auch beschwerlichsten Weg,
den Krateros sandte er mit seiner
und des Amyntas Phalanx und
einer Anzahl von Bogenschützen
und wenigen Reitern gegen die
Tapuren , Erigyios aber sollte
mit den Söldnern und der übrigen
Reiterei auf der längeren Heer-
strasse den Tross und die Bagage
hinüberführen. Nachdem man
die ersten Berge passiert hatte,
wurde gerastet.
Darauf zog der König mit
den Hypaspisten und den leich-
testen der makedonischen Phalanx
sowie einigen Bogenschützen auf
schwierigem und gefährlichem
Pfade voraus, <pvkaxag xwv
S6a>v KUTakiTicov Tva öcpa-
ktgov xi avT<o iyalvero ,
a>£ n^i xolg in o n iv o i g xct'
ix i IVO Itti&OlVTO Ol XCC OQTI
i%ovxzg röv ßccQßdgav . Als
er mit den Bogenschützen die
Engpässe überwunden hatte, la-
gerte er in der Ebene an
einem nicht bedeutenden
Flusse. Hier erschien vor ihm
Nabarzanes, der Hazarapet
des Dareios, sowie Phrataphernes,
der Satrap von Hyrkanien und
Parthien mit andern vornehmen
Persern, um sich zu ergeben.
Wie die spatem Verhältnisse
lehren, wurde Phrataphernes, viel-
leicht während der 15 tagigen
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
Nach der Rast in Hekatom-
pylos Hess Alexander den Krateros
mit seinen eigenen und des Amyn-
tas Truppen, 600 Reitern und
600 Bogenschützen zum Schutze
der Provinz Parthien gegen einen
Einfall der Barbaren [d. h. wohl
der Tapuren] zurück und befahl
dem Erigyios, das Gepäck auf
ebenem Wege hinüberzufuhren.
Er selbst rückte mit der Phalanx
und der Reiterei 150 Stadien
vor und lagerte alsdann in vatte,
qua Eyrcaniam adeunl, in der
Nähe eines grossen Felsens, an
dessen Fuss ein beträchtlicher
Fluss namens HxißoCxrjg aus einer
Höhle hervorbrach. Wir werden
die Beschreibung desselben unten
näher mitteilen.
Am vierten Rasttage
traf ein Brief des Nabar-
zanes ein, worin dieser sich
wegen seiner Teilnahme an der
Ermordung des Dareios ent-
schuldigte und im Falle der
Amnestie die Sache des Bessos
zu verlassen versprach. Hierauf
brach man auf und quadrato
tum agmine ibat, specula-
tores subinde praemittens,
qui explorarent loca. So
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UnterBuchungen zur Geschichte von Eran.
47
Arrian y 23—24.
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
Rast in Zadrakarta (vgl. Justin zog man auf fast unwegsamem
12, 4, 12), in seiner Satrapie Pfade, auf dem die Urwalder
bestätigt und die Ernennung des von Mäzandarän und Sturzbäche
Amminapes wieder rückgängig und tiefe Schluchten den Marsch
gemacht. Alexander hielt hier vielfach hemmten, 20 Stadien
4 Tage Hast und erwartete weit, bis man, ohne einem Feinde
die auf dem Marsche Zurück* zu begegnen , endlich in eine
gebliebenen. kultiviertere Gegend gelangte.
Von da rückte er auf Zadra- Darauf kam man zur Stadt
karta, die Hauptstadt Hyrkaniens Arvae, wo Krateros und Erigyios
zu, und auf dem Marsche dahin -) eintrafen, die Phradates, den
vereinigte sich das Korps des Satrapen der Tapuren, mit-
Krateros wieder mit ihm, das brachten. Derselbe wurde zu
zwar die hellenischen Söldner Gnaden aufgenommen und erhielt
des Dareios nicht getroffen, aber die Statthalterschaft über die
die ganze Gegend, soweit es Tapuren zurück, wahrend über
dieselbe durchzogen hatte, teils Hyrkanicn Minapis, der unter
mit Gewalt, teils durch freiwillige Ochos als Verbannter an den
Ergebung der Bewohner unter- Hof Philipps gekommen war,
worfen hatte. Dann traf auch gesetzt wurde.
Erigyios mit dem Tross und der Alexander unterwarf non Hyr-
a#a£c em" kanien und die umwohnenden
Wenig später erschien aber Ar- Völkerschaften , und schon hatte
tabazos nebst dreien seiner Söhne, man das äusserstc Ende Hyrkaniens
sowie eine Abordnung der hei- betreten, als Artabazos mit
— — • seinen 9 Söhnen und den Ver-
') So richtig B. Niese, Gesch. wandten des Dareios, sowie einer
Alexander unterwarf nun sämt-
liche Städte Hyrkaniens bis zum
Kaspischen Meere und durchzog
das Land bis zu den sog. „ glück-
lichen Dörfern" (Diod. 17, 75, 4),
die an Lebensmitteln ÜberÜuss
hatten und sich besonders durch
die Menge an Obstbäumen und
köstlichen Trauben auszeichneten.
30 Stadien weiter kam Phrata-
phernes zum Heere und ergab
sich und die, welche nach dem
Tode des Dareios geflohen waren,
dem Sieger.
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J. Marquart,
Aman y 23—24.
lenischen Söldner und W ä t a -
f r a 6 ä t a (AvxoyQadavrig) , der
Satrap der Tapuren. Letzterer
erhielt seine Satrapie zurück,
Artabazos und seine Söhne wurden
ehrenvoll aufgenommen, den Ge-
sandten der hellenischen Städte
aber wurde bedeutet, mit ihnen
sei keine Kapitulation möglich,
sondern sie müssten sich auf
Gnade und Ungnade ergeben,
was sie dann zusagten.
Alexander errichtete hier ein
Stand lager1) und zog an der
Spitze der Hypaspisten, der Bogen-
schützen und Agrianer, der Pha-
langen des Koinos und Amyntas,
der Hälfte der Hetairen und
der neuformierten Akontisten zu
Pferd gegen die Marder. Er
durchzog den errössern Teil ihres
Gebietes und tötete viele auf
der Flucht, manche auch die
Widerstand versuchten, und nahm
viele gefangen. Seit Menschen-
gedenken war kein Feind in ihr
Land eingedrungen wegen der Un-
wegsamkeit desselben und wegen
der Armut und Wehrhaftigkeit
der Marder, und deshalb hatten
sie sich auch keines Einfalles
Alexanders versehen, zumal er
ja schon weiter vorgerückt war.
So wurden sie denn gewisser-
') Dies ergibt sich aus c. 24, 4.
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
men. Als man darauf lagerte,
wurden die mit Artabazos ge-
kommenen Griechen vorgelassen.
Sie erklarten, sich nur ergeben
zu wollen, wenn auch den Ge-
sandten der Lakedaimonier und
Sinopeer, die an Dareios geschickt
worden waren, Sicherheit gewährt
würde. Allein es wurde ihnen
bedeutet, sich auf Gnade und
Ungnade zu ergeben, was sie
nach langem Zaudern endlich
annahmen. So erschienen denn
die 1500 Söldner, wozu noch
90 früher an Dareios geschickte
Gesandte kamen, im Lager. Sie
wurden begnadigt und mussten
unter Alexander weiterdienen, die
übrigen wurden entlassen mit
Ausnahme der Lakedaimonier,
welche in Gewahrsam gehalten
wurden.
Hierauf durchzog Alexander
die Küste Hyrkaniens und fiel
ins Land der Marder ein, die
allein keine Gesandten geschickt
hatten. Der König Hess den
Tross mit einer Bedeckung zurück
und marschierte die Nacht hin-
durch, bis man bei Tagesanbruch
den Feind in Sicht bekam. Dieser
hatte die Zugänge des Landes
mit 8000 Mann besetzt, allein
der König griff sie an und hieb
die meisten nieder, die übrigen
aber verliessen die besetzten Hügel
und flohen. Alexander verheerte
nun ihr Gebiet, allein das Innere
des Landes bot dem Marsche
eines Heeres die grössten Schwie-
rigkeiten. Hohe Gebirge und
unwegsame Wälder und Felsen
umsäumten es, in der Ebene aber
hatten die Einwohner die dicht
verwachsenen Wälder künstlich
noch unzugänglicher gemacht. Es
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Untersuchungen zar Geschichte von Eran. 49
Arrian y 23—24. Curt 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76
massen unversehens überfallen gab nur ein Mittel, sich mit
und gefangen. Viele von ihnen dem Schwert einen Weg durch
aber flohen in die hohen und das Dickicht zu hauen, was frei-
steil abfallenden Berge ihres Ge- lieh sehr umständlich war. Dabei
bietes, in der Annahme, dass lauerten ihnen die Eingebornen
Alexander hieher nicht vordringen wie richtige Jäger Völker überall
werde. Als er aber auch dahin im Dickicht auf und belästigten
von da aus, einer regulären Truppe
unerreichbar, durch ihre Geschosse
die Makedonen. Zuletzt Hess
Alexander den Wald von seinen
Soldaten umzingeln, um, wo es
möglich wäre, einzudringen. Al-
lein sehr viele verirrten sich und
einige, darunter auch das Leibross
des Königs, derBukephalas wurden
abgeschnitten. Der Verlust seines
Streitrosses versetzte den König
in die äusserste Wut, und es
scheint, dass die Romantiker
hierin die ersten Anzeichen seines
gleich darauf ausbrechenden Cä-
sarenwahnes erblickten. Er drohte
dos Land völlig zu Grunde zu
richten und den ganzen Stamm
der Marder auszurotten, wenn
sie das Pferd nicht zurückgäben,
und machte sich auch alsbald
daran, die Drohungen auszuführen.
Er liess die Wälder niederhauen
und die durch verschlungenes
Geäst unwegsame Ebene mit Erde,
die von den Bergen herbeigeschafft
wurde, aufschütten. Schon war
das Werk bis zu einiger Höhe
gediehen , als die Barbaren an
der Möglichkeit, ihr Land zu
vorrückte, schickten sie Gesandte behaupten, verzweifelnd, das Pferd
und übergaben sich und ihr mit kostbaren Geschenken her-
Land, worauf sie Alexander Auto- beiführten und sich ergaben, indem
phradates, dem Satrapen der sie Geiseln stellten. Der König
Tapuren unterstellte. unterstellte sie darauf dem Phra-
Alexander kehrte darauf ins dates und kehrte am 5. Tage
Standlager zurück und fand hier ins Standlager zurück. Den Ar-
die hellenischen Söldner vor, 1500 tabazos entliess er sodann nach
an der Zahl, sowie die Gesandten Hause. Nun kam man zur Haupt-
Marquart, UnteTauchungen. II. 4
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J. Marquart,
Aman y 23—24. Cort. 6, 4—6, 28. Diod. 17, 75. 76.
von Sparta, Athen, Sinope, Kai- stadt von Hyrkanien, wo der
chedon, die an Dareios gesandt Palast des Dareios1) gewesen
worden waren nnd sich nach war. Hier erschien Nabar-
dessen Tode den Griechen an- zanes, nachdem er Verzeihung
geschlossen hatten. Die Gesandten erhalten, mit ungeheuren Ge-
von Sparta und Athen wurden schenken, worunter der Eunuch
festgenommen und in Gewahrsam Bagoas, der Geliebte des Dareios
gehalten, die von Sinope und und später des Alexander.
Kalchedon entliess er, weil ihre
Städte persische Unterthanen ge-
wesen waren und nicht zum
hellenischen Bunde gehört hatten.
Ebenso wurden von den Söldnern
die, welche vor dem hellenischen
Bündnis in persische Dienste ge-
treten waren, freigegeben, die
andern nrussten in seine Dienste
Übertreten. Hierauf zog er nach
Zadrakarta, der grössten Stadt ~ ') D; L ™hl des Dareios IL
„ . . ' ,P ., , Ochoe, der vor seiner Throubestei-
Hyrkaniena, wo die Residenz der gung Satrap von Hyrkanien gewesen
Hyrkanier war. war Ktes. Fers. 44.
Von Damayän aus war der natürliche Weg Alexanders nord-
wärts über Tak durch das f All- £ä&mä- Thal. Die Streitmacht des
Krateros muss wieder eine Strecke westwärts gezogen sein , da
die Griechen, welche sie aufsuchen sollte, schon von dem Orte
aus, welchen Alexander am vierten Tage nach dem Aufbruch
aus Ragai erreichte, d. h. etwa von Semnän (Hjfuva) aus sich
nordwärts in die Berge der Tapuren gewandt hatten. Diese sind
also nördlich von Semnän im Sawäd-küh und weiter östlich zu
suchen. Die längere Heerstrasse, auf welcher Erigyios die Bagage
hinüberführt», kann nur über Sährüd geführt haben.
Weit schwieriger ist es aber, den Sammelpunkt der drei
Heersäulen auf der Nordseite der Elburzkette zu bestimmen. Für
die Charakteristik der Urquelle des Diodor und Curtius ist es
von Wichtigkeit, dass sie, wie man sofort sieht, die beiden Rasten
Alexanders zu Beginn und nach Beendigung des Gebirgsüberganges
zusammengeworfen hat, so dass die Beschreibung des Verlaufs
desselben ganz unbrauchbar geworden ist. Die Rehabilitierung
des Nabarzanes ist, entsprechend der Schwere seines Verbrechens,
sehr psychologisch und ganz in der Weise eines modernen Romans
in zwei successive Akte zerlegt. Nach Curtius wäre es dem
Krateros und Erigyios auch geglückt, den Satrapen der Tapuren,
Phradates in ihre Gewalt zu bekommen. Auch hier sehen wir
wieder das Bestreben obwalten, die Ereignisse mehr nach rheto-
rischen als nach rein sachlichen Gesichtspunkten zu gruppieren
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 51
und zu gestalten. Vor allem ist hier 4er Irrtum jener Quelle
zu beseitigen, dass Alexander schon vor dem Zuge gegen die
Marder ganz Hyrkanien durchzogen und dessen sämtliche Städte
bis zur Küste des Kaspischen Meeres sowie die benachbarten
Völkerschaften unterworfen (DiocL 17, 75, 8. 76, 1) und
beim Eintreffen des Artabazos unmittelbar vor der Errichtung
des Standlagers bereits ultima Hyrcaniae d. i. nach dem
Zusammenhange die jenseitige Grenze von Hyrkanien erreicht
hatte (Curt. 6, 5, 1). Diese Auffassung beruht lediglich auf einem
Miss Verständnis des Ausdrucks ultima Hyrcaniae =■ xa
iö'fuxa xfis rTQxavlas, der im Sinne der zeitgenössischen Quellen
den Beginn des hyrkanischen Gebietes bezeichnete, wo Alexander
nach Überwindung des Gebirges rastete (Arrian y 23 , 4) , nicht
aber dessen Ende. Allgemein nimmt man nun an, dass Alexander
und vor allem Erigyios direkt nach Zadrakarta, das man ein-
stimmig beim heutigen Astaräbäd sucht, gezogen sei. Alexander
wäre über T&k, Kalätä und Cär-deh durch den Engpass §am§Ir-
bur nach dem Thale Öaman säwar und von da über den Berg
Gihän-Bumä auf steil sich hinabwindendem Pfade nach Astarabäd
gelangt5). Den Erigyios lässt man meist den grossen Umweg
über Bistäm, Gägerm und KälpüS im Gebiet der Göklän-Turk-
menen (etwa 15 Fars. von Astarabäd) einschlagen*), wo freilich
der leichteste Übergang über das Elhurzgebirge ist8). Allein
Gägerm an uer Strasse nach Ohorasan ist von Dämayän aus
bereits ein so vorgeschobener Posten, uass es als höchst unwahr-
scheinlich erscheinen muss, dass Alexander gerade seinen Tross
selbst einem fliehenden Feinde so stark exponiert hätte. Für
weit wahrscheinlicher müsste es gelten, dass Erigyios von Sähröd
vielmehr über das Gebirge GalälT nach Kalätä, von da über TäS
und den Berg Öalöalijän nach Bälä-Sähküh und weiterhin über
den Kamm des Elburz nach Zijärät und Astaräbäd marschiert
wäre. Alexander hielt nach Überwindung der Passe an einem
nicht bedeutenden Flusse in der Ebene, also nach dieser Auf-
fassung in der nächsten Nahe von Astaräbäd 4 Tage Hast. Nach
dem Aufbruch aus dem Lager marschiert er auf Zadrakarta, und
auf dem Wege dahin vereinigen sich mit ihm zunächst das Korps
des Krateros, welches die Berge der Tapuren durchzogen hatte,
und bald auch die Abteilung des Erigyios. Nach dieser Annahme
müsste also die Division des Krateros, die von Däma^ün wieder
2 Tagemärsche bis Semnän hatte zurückmarschieren müssen und
von da über Gör-i särld und Peröz-köh den Weg durch das
') Vgl. G. Melgunoff, Die südlichen Ufer des Kaspischen
Meeres 144f. 138.
*) Spiegel, Eran. Altertumskunde II 536 N. 2. Droysen,
Geach. des Hellenismus P, 1, 382 N. 2.
») Melgunoff a.a.O. 148.
4*
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52
J. Marquart,
Thal des Talär nach 'Ali äbäd eingeschlagen und hier die Strasse
über Sari und Gäz nach Astaräbäd erreicht1), also den weitesten
Weg zurückgelegt hätte, vor der Vereinigung mit Alexander be-
reits Zadrakarta passiert haben.
Diese Auffassung ist indessen mit der Darstellung Arrians
unvereinbar. Sowohl aus Arrians wie aus Curtius' Bericht geht
klar hervor, dass keine der drei Abteilungen Zadrakarta vor dem
Zuge gegen die Marder erreicht hatte. Die Vereinigung der
drei Heersäulen muss also westlich von Astaräbäd stattgefunden
haben, und da die Abteilung des Erigyios zuletzt eintraf, so muss
das hernach errichtete Standlager dem Endpunkt ihres Weges
am nächsten liegen. Daraus ergibt sich, dass Erigyios nur beim
heutigen Gäz die Küste erreicht haben kann, und dass sein Weg
von Sährüd über Tä§ (6 Fars.), von da über den Berg Öalcalijän
nach Bälä §ähkü, weiterhin über das Thal Öaman säwär nach
Rädkän (6 Fars.) und von da über Barkuläh (1 Fars.) nach Gäz
(4 Fars.) führte. Von Gäz bis Sahrüd rechnet man heute im
ganzen 19 Fars. *). Dazukommt noch die Strecke von &ährGd bis zu
den Ruinen von Hekatompylos bei Frät , welche 26 -f 16 + 16
= 58 miles oder 141/, Fars. = 2 Tagereisen beträgt, im ganzen
also 5 Tagereisen. Melgunoff brauchte in schlechter Jahreszeit
von Gäz bis Sährüd 5 Tage.
Alexander muss demnach noch weiter westlich die Küste
erreicht haben , etwa bei Pul-i Nlkäh. Er zog also von Heka-
tompylos zunächst nördlich nach Tak, von wo der Weg durch
eine Schlucht links von diesem Dorfe und dann durch eine ge-
birgige Gegend weiterführt Nach Überschreitung^ der ersten
Berge lagerte man, vermutlich beim Engpass Cäsmä-i 'AIl
Melgunoff gibt von diesem Wege folgeude Beschreibung
(S. 144): «Drei Farsakh von Tok ist ein Schwefelquell mit
klarem und frischem Wasser, von wo aus man die damganischen
Salzseen sehen kann. Der Weg fuhrt denn immer weiter durch
Schluchten, in denen man bei jedem Tritte ein hohles metallenes
Dröhnen hört, bald stärker, bald schwächer, welches von früheren
unterirdischen Kanälen herrühren soll, durch welche einmal das
Kaspische Meer mit dem persischen Meerbusen in Verbindung
gestanden haben soll ; andere meinen , es rühre von den in den
Bergen lagernden Metallen her. Nachdem man einen Hügel und
ein altes Karawanserai am Fusse desselben hinter sich hat, kommt
man durch ein Thal nach Tschaarde oder Tschahoideh jO^U^.51),
welches vier Farsakh von dem Schwefelquell entfernt ist. Das
») Vgl. J. G. Droysen, Gesch. des Hellenismus I«, 1 , 382 N. 2.
*) Melgunoff, Die südlichen Ufer des Kaspischen Meeres S. 127 ff.
3) Auf dem vom kriegstopographischen Bureau in Taschkent
bearbeiteten Blatt XVIII der Karte deß asiatisehcu Kussland ÖahacUn -
deh ^araiap-jexi.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 53
Dorf Tschahorde liegt in einer von drei Seiten mit hohen Bergen um
gebenen Aue, mitten zwischen Gärten, und besteht eigentlich aus vier
Dörfern. ... In den nahen Bergen hausen Tiger, Panther und der-
gleichen Von Tok bis Tschahorde rechnet man 7 Farsakh" u. s. w.
Diodor und Curtius lassen Alexander allerdings bereits
150 Stadien von Hekatompylos Rast machen, in valle, qua
Hyrcaniam adeunt, wie Curtius (6, 4, 3) sagt. „Nemus praealtis
densisque arboribus umbrosum est pingue vallis solum rigantibus
aquis, quae ex petris imminentibus manant*. In der Nähe war
ein grosser Felsen, an dessen Fuss ein beträchtlicher Fluss namens
£t iß o Irr^g (Curtius Ziobetis für Ziboetis, * SdbawaHS) aus einer
Höhle hervorbrach. Derselbe floss zuerst 8 Stadien in ungestümem
Gefälle dahin, und teilte sich dann bei einem zitzenförmigen
Felsen, an dem er sich brach. Unter diesem befand sich ein
gewaltiger Schlund , in welchen der Fluss mit mächtigem Getöse
hinabstürzte und 300 Stadien weit unterirdisch floss, bis er
wieder zu Tage trat und sofort in einem nunmehr 13 Stadien
breiten Bette dahinfloss , das aber bald wieder eingeengt wurde.
Endlich fiel er in einen andern Fluss namens Ridagnus. Die
Eiugebornen behaupteten , dass solche die beim Eingang dieser
Höhle hinabgelassen würden, beim Wiederaustritt des Flusses
wieder zum Vorschein kämen. Alexander habe dann zwei Leute
in den Schlund hinabwerfen und konstatieren lassen, dass sie am
bezeichneten Orte wieder herausgeworfen worden seien.
Die angegebene Entfernung führt uns unzweifelhaft nach
Tak. Es ist deshalb gewiss nicht zufällig, dass Ibn al Faqlh1)
dasselbe Phänomen von Täq öUaJt berichtet. Seine Beschreibung
lautet : „Täq ist ein schwer zu begehender Tunnel an einer Stelle
des Berges, den selbst ein Fussgänger nur mit Anstrengung
passieren kann. Dieser Tunnel gleicht einem kleinen Thore.
Wenn man ihn betreten hat, schreitet man darin etwa eine
Meile in tiefer Finsternis voran, dann kommt man heraus zu
einem weiten Ort ähnlich einer Stadt, den die Berge von allen
Seiten umringen, und zwar Berge, die niemand zu besteigen ver-
mag wegen ihrer Höhe, und wenn ihm das auch glücken würde,
so vermöchte er nicht abzusteigen. Auf dieser Flur sind Höhlen
und geräumige Kammern, deren Ende man teilweise nicht erreichen
kann. In der Mitte derselben befindet sich eine wasserreiche
Quelle, die aus einem grossen Felsen hervorsprudelt und deren
Wasser wieder in einen andern Felsen hinabsinkt, der etwa
10 Ellen vom andern entfernt ist, und niemand kennt nachher
den Verbleib ihres Wassers. In den Zeiten der Könige der
Perser pflegten diesen Tunnel zwei Mann zu bewachen, die eine
») Bei Jäq. III fi., 10 ff. Vgl. die abgekürzte Bearbeitung Bibl.
Geogr. V PI., 9-12.
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54
J. Marquart,
Strickleiter bei sich hatten, die sie hinabliessen* vom Orte, wenn
einer von ihnen hinabsteigen wollte, lange Zeit hindurch1). Ünd
beide hatten alles was sie brauchten, bei sich auf viele Jahre.
Die Lage bezüglich dieses Tunnels und dieses ya{o<pvX6xtov blieb
ununterbrochen in dem beschriebenen Zustund, bis die Araber die
Herrschaft antraten. Da begehrten sie hinaufzusteigen , es war
aber zu schwierig, bis al Mäzijär die Herrschaft von Tabaristan
antrat. Der fasste diesen Ort ins Auge und lag eine Zeit lang
vor ihm, bis die Hoffnung, ihn zu besteigen, sich ihm geebnet
hatte. Da stieg ein Mann Von seinen Leuten hinauf. Als er
nun angelangt war, Hess er Stricke herunter und lies« Leute
hinaufklettern, darunter den al Mazijar selbst Schliesslich richtete
er seine Aufmerksamkeit auf die Gelder, Waffen und Schütze,
die in jenen Höhlen und Kammern waren. Da betraute er mit der
Bewachung von all dem Leute von seinen Vertrauten und gieng weg.
Der Ort blieb nun in seiner Gewalt, bis er gefangen wurde, und die
mit dessen Bewachung Betrauten entweder kapitulierten oder
starben. Der Weg ist abgeschnitten bis zu diesem Zeitpunkte.*
Dass Curtius-Diodor und Ibn al Paqih dieselbe örtlichkeit
im Auge haben, ist unverkennbar. Wenn die Entfernung zwischen
den beiden Felsen bei erstem auf 3 Stadien anstatt auf 10 Ellen,
wie bei Ibn al Faqih angegeben wird, so kann dies um so
weniger gegen die Identität entscheiden , als Curtius die Breite
des Bettes des wieder zu Tage getretenen Flusses auf 13 Stadien©
angibt, wahrend doch der Euphrat nach Xenopbon nur 4 Stadien,
der Maiandros nur 2 Plethren breit war (Anab. 1, 2, 5. 4, 11).
Däss man zu Alexanders Zeiten zu Wissen glaubte, wo der in
den Felsschlund versunkene Fluss wieder zum Vorschein komme,
im 9. Jh. n. Chr. aber diese Kunde verschollen war , hat gleich-
falls nichts zu bedeuten. Natürlich kann aber Alezanders Heer
nicht an der Stelle jenes Phänomens selbst gelagert haben, sondern
nur unten im Tbale; höchstens eine kleine Sicberungsabteilung
kann dasselbe erkundet haben. Ich glaube aber, dass die ganze
Beschreibung dieses Ortes gar nicht ursprünglich der Alexander -
geschiente angehört, sondern einem Bericht über Antiochos des
Grossen Feldzug im J. 209 entlehnt ist, welcher thatsächlieh von
Hekatompylos aus nach Tayal gelangte und hier seine Dispositionen
für den Marsoh über das Gebirge traf (Polyb. 10 , 29 , 3). Dafür
sprechen besonders die 150 Stadien von Hekatompylos bis zu
jenem Lagerort, welche genau der aus Apollodoros von Artamita
zu erschiiessenden Entfernung zwischen Hekatompylos und Tup]
= 140 Stadien = rund 5 Fars. entsprechen, aber hinter der nach
dem sonstigen Wegmass der Bematisten zu erwartenden Anzahl
(ca. 200 Stadien) erheblich zurückbleiben. Im Unterschiede von
l) Der Auszug: „vom Gipfel de» Berge« zu denen, welche zu
ihnen hinaufsteigen wollten; sonst gab es absolut keinen Weg dahin«.
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Untersuchungen zar Geschichte von Eran.
den Bematisten und Alexanderhistorikern rechnete aber Polybios
uach attischen Stadien zu 185 m.
Ihn al Faqih weiss noch eine andere merkwürdige Natur-
erscheinung aus der Umgebung von Täq zu berichten : „Sulaimän
b. 'Abdallah erzählt, dass neben diesem Täq etwas wie ein Laden
sei, und dass, wenn jemand zu ihm komme und ihn mit
Menschenkot besudle , oder mit sonstigem Schmutze , sich alsbald
mächtige Wolken erheben und auf ihn herabregnen, so dass sie ihn
waschen und reinigen und jener Schmutz davon abgeht. Das ist in
der Stadt bekannt, indem es deren Einwohner wissen und keine zwei
von den Einwohnern dieser Gegend an dessen Richtigkeit zweifeln,
und es bleibt kein Schmutz daran weder Sommers noch Winters1)."
Berüni, der dieselbe Sage erwähnt2), nennt den Ort „Laden
Salomos des Sohnes Davids" und sagt, dass er in der Höhle
Tspahbeoan ^Ü^aopI im Berge Täq in Tabaristän liege8).
Nun erzählt Melgunoff S. 144: „ln der Nähe von Tscbahorde
[7 Fars. von Tok] ist ein Brunnen, Tscheschmebad oLx^-i^s-,
Windbrunnen genannt. Die Perser glauben, dass, wenn man
irgend etwas Unreines hineinwirft oder ein Ungläubiger ihn
berührt, sich plötzlich ein Sturm oder Gewitter erhebe. Aga
Mohammed Khan, erzählt man, wollte die Wahrheit dieser Tradition
erproben, aber in einem Augenblicke wurde sein ganzes Heer
durch einen starken Sturm niedergeworfen. • Wenn die örtlich-
keiten auch nicht genau stimmen, so ist es doch dieselbe Sage,
die also auf eine weiter abliegende Lokalität übertragen ist.
Hinter Kaläta verliess Alexander die Strasse, welche rechts über
öahär-deh und weiter dnrch den Pass §amsirbur nach Öaman-eäwar
und von da einerseits über Rädekän nach Gäz, andererseits nach Asta-
räbäd führte, und zog links auf der Strasse, die auf der oben S. 52 Anm. 3
erwähnten russischen Karte des asiatischen Busslands verzeichnet ist,
über Namäkä, Badali, Nabend i nach Pul-i-Nlkäh, wo er in der Ebene
am Ufer des Nlkäh Rast hielt4). Der Weg Alexanders war also
in der That nicht viel kürzer, dagegen allerdings weit beschwer-
licher als der des Erigyios. Leider fehlt uns jede Angabe darüber,
wie lange Alexander zu dem Gebirgsübergang gebraucht hat.
>) Jiq. III fil, 4ff. Bibl. Geogr. Arab. V H.. 13—16.
*) Chronologie S. tfl, 3 (=235 der Übersetzung Sachau'«).
. - ° -
J) Dies»1 Höhle ..JlXaajwoJ ist natürlich nicht zu verwechseln
mit der gleichnamigen Stadt, die nur 2 Meilen vom Meere entfernt
war, Ihn al Faq. IM*1, 10. 7.
*) Es ist anzuerkennen, dass Niese, Gesch. der griech. und
raakedon. Staaten I 10b N. 1 , sich der Schwierigkeiten des herkömm-
lichen Ansatzes des Lagerortes bei Zadrakarta voll bewusst geworden
ist. Freilich liegt San, an das er denkt, wieder zu weit westlich.
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J. Marquart,
Von da schlug er den Weg östlich der Küste entlang über A&räf
und Gäz nach Zadrakarta ein. In der Nähe von Asräf haben
wir die svöalfwvsg xöficu zu suchen , deren üppige Vegetation
so hoch gepriesen wird (Diod. 17, 75, 4—7 vgl. Curt 6, 4, 21. 22).
„Durch ihre malerische Lage und den Reichtum der Vegetation
zeichnet sich die Stadt vor allen andern Städten an der südlichen
Küste des Kaspischen Meeres aus, dennoch aber ist der Distrikt
Aschref einer der ärmsten in der ganzen Provinz Mazanderan* J).
Zunächst traf nun von Westen her das Korps des Krateros ein,
und bei Gäz langte auch Erigyios mit der Bagage an. Als dann
auch Artabazos und die Abgesandten der hellenischen Söldner
eintrafen, wurde gehalten. Artabazos und die hellenischen Söldner,
die ja einen beträchtlichen Vorsprung hatten, da sie schon von
Seninän aus sich in die Berge gewandt hatten und deshalb von
dem Korps des Krateros nicht mehr erreicht worden waren, hatten
den Satrapen der Tapuren , Wätafradata veranlasst, mit ihnen
nach Hyrkanien zu ziehen und standen offenbar bereits östlich
von Zadrakarta. Der Ort des Standlagers, das heutige Gäz, besitzt
eine strategisch sehr wichtige Lage , da er die Verbindung
zwischen Tabaristän und Gurgän beherrscht. Von Gäz rechnet
man 6 Fars. nach Astaräbäd (Melgunoff, Die südlichen Ufer
des Kaspischen Meeres 112). Hier muss die alte Stadt Tarne*
^Ji^tSj oder Tameäa »>&A*!nt gelegen haben, welche in
der Sasaniden- und ältern Chalifenzeit eine wichtige militärische
Rolle spielte. Sie war 7 Fars. von Astaräbäd entfernt (Ibn al
Faq. H**., 6) und lag an der Grenze zwischen Tabaristän und
Gurgän8). Genau war die Grenze bei Ribät-i Ächor zwischen
Tameä und Astaräbäd (Ibn Rusta Ifi, 11). Bei Tamesa befand
sich eine vom Gebirge bis zum Meere reichende Backsteinmauer,
welche Chosrau Anösarwän zum Schutze des Landes gegen die
Einfalle der Türken erbaut hatte8). Köhijär, der Bruder des
Spähpets Mähjazdjär*) zerstörte im Auftrage des letztem Stadt
und Mauer von TameS, um den dort angesiedelten Arabern ihren
Stützpunkt zu entziehen. Darauf Hess Sarchästän 6) , der Wezir
des Mähjazdjär, die Mauer des Chosrau wiederherstellen und
noch ins Meer hinein erweitern und mit Türmen verstärken und
errichtete ein festes Lager, um den Truppen des Emirs f Abdallah b.
Tähir den Zugang zum Lande zu verwehren. Die einstige Bedeutung
») Melgunoff S. 149.
*) Ibn al Faq. f.P, 19. Ibn Ruuta \o., 2.
») Ibn Rusta Id., 4 ff. = Ibn al Faq. P.f. 7 ff. Tab. III Ifvo.
*) So Bai. irf, 14. m, 7 ff. .den Ized Mäh zum Helfer habend";
gewöhnlich abgekürzt JjjLo .
B) Tabaristanisch für ^ÜUJjJ^i- (Cahir eddin).
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 57
von Tamesa tritt noch in der Überlieferung des iranischen Epos
bei Firdausl zu Tage, bei welchem es als Residenz des Fredün
erscheint1), welcher hier dem Partherkönig Mithridates I. entspricht.
Der Feldzug gegen die Marder führte Alexander bis in die
Gegend von Amul, das von denselben seinen Namen hat. Amul
ist die regelrechte neupers. Form des alten Volksnamens Mdqdoi
oder "AjjueQÖoi , ap. *Mrda oder *Ämrda. Unter dem Namen
"AfUiQdoi lernte Patrokles dieses Volk am östlichen Ufer des unteren
Spetf-röd (Qyzyl-Özän) kennen. Ihr Gebiet wird ganz so geschildert
wie noch in der Chalifenzeit Tabaristän, dicht bewaldet und un-
wegsam , mit vielen Schluchten und hohen Bergen. Manches
arabische Heer wurde hier mit blutigen Köpfen heimgeschickt,
und auf Macqala b. Hubaira, der unter Mu'äwija bei einem Ver-
suche, in Tabaristän einzudringen, in dessen Engpässen den Unter-
gang gefunden hatte, ward das Sprichwort gemünzt: „bis Macqala
aus Tabaristän zurückkehrt'' *). Der Partherkönig Phradates I.
unterwarf die Marder wiederum und verpflanzte sie nach der
Stadt XaQai in der Nähe der kaspischen Thore8). Ihre Sitze
nahmen alsdann die Tapuren ein, von denen das Land später den
Namen Tabaristän (Münzen pf^SlSJp Tapurstän) erhielt. Ein
anderer Stamm des weitverzweigten Volkes der Marder wohnte in der
Nähe des Oxus, und zwar nicht bloss an dessen Mündung4), sondern
auch viel weiter Östlich5), wo noch im Mittelalter die Stadt Amul
oder Amiu, chin. Mu*) (heute öärgüi) ihren Namen bewahrt hatte.
Dass wir die Sitze der Marder bei Amul und das Standlager
Alexanders bei Tames richtig bestimmt haben , wird durch die
') In Rücke rt 's Übersetzung Bd. I 72. 115 130. Freilich findet
sich in den arabisch-persischen Renexen des Chotfäi-nämak keine Spur
davon. — Vgl noch über Tamesa Spiegel, Eran. Altertumskunde I 69
N. 1. Cahir eddin \Xi. Dorn, Auszüge aus muhamraedanischen Schrift-
stellern S. 37. 73.
•) Bai. tTo, 4—10.
*) Justin 41, 5, 9. Isidor v. Charax, cra&itol IIccQ&ixot § 7 bei
C. Müller, Geogr. Gr. min. I 251. Vgl. oben S. 25 Anm. und
mein „Eransahr" S. 135 f. und Anm. 7.
*) Mela 3, 39: intus sunt ad Caspium sinum Caspii et Amazones
sed quas Sauromatidas adpellant, ad Hyrcanium Albani et Mochi (Mükän)
et Hyrcani, in Scythico Amardi et Pestici et iam ad fretum
Derbices.
3, 42: Jaxartes et Oxos per deserta Scythiae ex Sugdianorum
regionibus in Scythicum (sinum) exeunt , ille suo fönte grandis , hic
incursu aliorum grandior, et aliquamdiu ad occasum ab Oriente ad
septentrionem converso inter Araardos et Paesicas os aperit. Die
Paesicae oder Pestici (Plin. 6, 50) sind die 'Anctataxat des Polybios
1 48 und Strab. tot 8, 8 p. 513, die JlavffiW Her. y 92. S. oben S. 28 Anm.
*) Plin. h. n. 6, 47 : Ab huius (Margianae) excelsis per iuga Caucasi
protenditur ad Bactros usque gens Mardorum fera, sui iuris.
*) S. meine Chronologie der alttürkischen Inschriften S. 64 f.
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58 J. Marquart,
Angabe des Curlaus auft schönste bestätigt, dass Alexander am
5. Tage nach der Unterwerfung der Marder da» Standlager wieder
erreichte (6,5,22 inde quinto die in stativa revertitur).
Die beiden Rezensionen des Istachrt PH geben folgende Itinerare
von Ämul nach der Hauptstadt von Gurgan:
u ß (C, E> 0 und L)
Amol
Mela 2 Fars. V
5 1 mar*.
Särija 1 marh.
Bärist 1 marfe. Nämija >) 1 mark
Abädän 1 , «5wt-W2) 1 *
Tamesa 1 „ Tamisa 1 „
Astaräbätf 1 mar^.
Eibät rjafe 1 ,
Gurgän 1 ,
Das erstere Itinerar ist von Särija ab von Muqaddasi ("vf, 14 ff.
aufgenommen worden, das zweite findet sich teilweise bei Ibn al
Faq. n% 5 wieder, wo es folgendermassen lautet:
Nämija 8 Fars.4)
Tames 6 ,
Astaräbäd 7 ,
Sahristän 14 „
(35 Fars.)
Dass hier Ibn al Faqlh das richtige bat und Nämija naher
bei TameS lag, scheint sich schon daraus zu ergeben, dass Mihrawän,
welches in cod. C des Istachri dessen Stelle einnimmt, 10 Fars.
von Särija entfernt war (Ibn al Faq. r\P, 13). Eben darauf
führt Ibn al Faqlh's Bemerkung r.r, 12: »Zwischen Särija,
Nämija und TameS sind 20 Fars.*. Diese Angabe ist freilich
sehr ungenau ausgedrückt, kann aber doch nur den Sinn
haben, dass man von Särija über Nämija nach Tarnet 20 Fars.
rechnete, während er 8. r.P, 13 (daraus Jäq. III ofv, 16) die
Entfernung zwischen Särija und TamöS (also wohl auf direktem
1) C ^j^. Diese Stadt hatte eine Kanzel und lag nach Ibn
al Faq. IM", 13 10 Fars. von Sarija.
2) Cod. F *X~Ü, *£-Jjoci.
s) B J Jui^l
*) J ,10«.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 59
Wege) nur auf 16 Fars. angibt Nämija war nur ein Dorf1), das
seinen Namen (wli, arabisiert aas np. ^li, phl. namik .nam-
haft*, oder, falls jUj zu lesen, np. ^b, pnL bämtk «glänzend",
aw. bärnja) in historischer Zeit nicht rechtfertigte. Es wird mit
Tames zusammen in der Eroberungsgeschichte (a. 30 H.) ge-
nannt4).
Sollte dagegen ^»JjL derselbe Ort sein wie das heutige
D01"^ u^j+tJ Lhnräs östlich von Asrftf an der Grenze der
Kreise Kulbäd und Aßraf8), so hätte Istachrl die richtige Reihen-
folge bewahrt. Wenn aber damit auch Jäqüt's xjf tjt;.**) identisch
sein soll, so mnss seine Angabe, dass es nur Fars. von Astaräbäd
entfernt sei, notwendig falsch sein.
Neuere Reisende geben folgende Route von SärX nach Asta-
räbäd 6):
Sari
ASräf 8 Fars.
Kulbär 5 „
Sär mahallä 7 ,
Astaräbäd 8 „
Von Ämul gab es auch einen direkten Weg nach Särija, der
Turunga nicht berührte, sondern in einer Tagereise nach Mämatlr
jflvLe. und von da in einer weiteren Tagereise nach Sari führte
Muqaddasl r\r, 18 hat hier wieder Verwirrung gestiftet. Sein
Itinerar lautet:
Ämul
Mämatlr 1 mark-
Särija 1 p
Beginn der Grenze 8 ,
Allein Turunga lag ja vor Sarija. Es muss also richtig
*) Bai. rTf , ult Nach Tab. I l^v, 14 war es keine Stadt,
sondern eine wüste Ebene.
*) Die Vermutung Wüstenfelds (Jäqüt V 298), dass iU-«U
mit ij^Jo identisch und nur eine falsche Schreibung statt iU**rfU
| vielmehr &*»*U] sei, ist also abzulehnen.
*) Melgunoff, S. 161.
«) Jäq. IV IM, 7.
() Mordtmann, Hekatompylos. SB. derbair. Akad. 1869, 1, 535.
•) Ist. Nv, 2 = Ibn Hauqal fvo, 12.
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60
J. Marquart,
beissen: ^\ 3\ | id*y J\ jJl ^ j^Lfc
gJt äOsy iü,U ^Jt ^ | Kl>y
Ebenso unrichtig ist die Angabe des Ibn al Faqlh f-P. 15:
„Die Hauptstadt und zugleich die grösste Stadt von Tabaristän
ist Amul, wo die Stadthalter residieren, dann Mämatlr, die 6 Fars.
von einander entfernt sind, dann Turunga Ä-jSy, eine kleine Stadt.
die 6 Fars. von Mämatlr entfernt ist, dann Särija." Turunga
muss in der Nähe von Mämatlr gelegen haben und kann nur von
Amul 6 Fars. entfernt gewesen sein. Heute rechnet man von
Amul nach BärfurüS, dem alten Mämatlr, 7 Farsach subuk =
1 Tagereise, und von da nach SärS 7 Fars.1), BalätfurT bei Ibn
al Faqih H*\ 14 (= Jäq. III 0.f , 12) gibt die Entfernung
zwischen Ämul und Särija auf 13 Fars. an2).
Wir erhalten demnach folgende zwei Itinerare:
Amul Amul
aJU/> 2 Fars.
Mämatir 6 Fars. (1 marh.) g^fji 8(?)
Särija 1 marl?. Särija 1 mar^.
1 » 1 i» 1 oder
^Ubt 1 „ Nämija 8) 8 Fars. (1 marWj umgekehrt
Taraesa 1 „ Tames 6 „ (1 . )
Astaräbä£ 7 Fars. (1 marfo.)
Ribät Hafc 1 marli. 1 ^ parg
Gurgän 1 „ /
Die Entfernung von Ämul bis Tamesa beträgt also genau
5 Tagereisen, und von da hatte man noch eine Tagereise bis
Astaräbäd (Zadrakarta).
Tomaschek identifiziert die von Curtius genannte Stadt
Arvae, bei welcher die Wiedervereinigung mit den Corps des
Krateros und Erigyios stattfand, mit dem von Ptol. 6, 9 unter
98° L. 40° 30' Br. aufgeführten ZoQßa. Ist diese Gleichsetzung
richtig, so wäre Zdqßa der antike Name von Tamesa.
Antiochos d. Gr. scheint im Jahre 209 im wesentlichen den-
irs. )
\ 1 mar^.
») Melguuoff a. a. O. S. 176.
*) Wenn Jäq. III I., 9 dafür 18 Fars. gibt, so hat er die bei Ibn
al Faq. T.P, 16 nicht angegebene Entfernung Turunga-Särija (1 Tage-
reise) fälschlich dazugerechnet.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 61
selben Weg gemacht zu haben wie Alexander. In Tagai ward
er von den Eingeborenen über die Schwierigkeit der zu passierenden
Gegend unterrichtet, bis man zu den Übergängen des Labos- oder
Labutasgebirges gelange, die nach Hyrkanien fuhren. Er teilte
nun sein Heer in 3 Abteilungen und gab jeder eine Anzahl
leichtbewaffneter Truppen und Pioniere bei, welche im Notfall
die von den Feinden besetzten Höhen erklimmen und die Wege
in Stand setzen konnten. Die Schwierigkeiten des Weges stellten
sich aber als viel bedeutender heraus, als der König sie sich vor-
gestellt hatte. Die Länge des Aufstieges betrug gegen 300 Stadien
(= 10 Fars.), währenddessen der Weg grösstenteils durch die
tiefe Schlucht eines Gebirgsbaches führte, welche häufig durch
herabgestürzte Felsblöcke und Baumstämme versperrt war; wo
dies nicht der Fall war, hatten die Eingeborenen künstliche Ver-
haue hergestellt und den ganzen Hohlweg entlang die geeignetsten
Vorsprünge besetzt, von denen aus sie das makedonische Heer
belästigen konnten. Allein die Massregeln des Königs bewährten
sich, und als es beim ersten Wachtposten zum Zusammenstoss mit
der ersten Division unter Diogenes kam, erkletterten die Leicht-
bewaffneten des Diogenes ohne weiteres die Seitenwände der
Schlucht und gewannen so einen höheren Standpunkt als die Feinde,
denen sie mit ihren Geschossen, besonders mit den Schleudern,
sehr zusetzten. Hatten sie dann dieselben von ihren Posten ver-
trieben, so erhielten die Pioniere Gelegenheit den Weg ungestört
in Stand zu setzen. Auf diese Weise gelang es der Armee des
Antiochos, die Engpässe sicher, wenn auch langsam und mit
grossen Schwierigkeiten zu überwinden, bis man endlich am achten
Tage die Höhen des Labos erreichte. Darunter ist wohl die letzte
Gebirgskette zu verstehen, welche man auf dem Wege nach
Hyrkanien zu übersteigen hat. Hier hatten sich die Feinde ge-
sammelt, entschlossen, den Makedonen den Übergang zu wehren,
und es entspann sich ein heisses Gefecht, in welchem Antiochos
jedoch dank der Tüchtigkeit seiner Leichtbewaffneten, welche eine
grosse Umgehung ausgeführt und die überragenden Punkte im
Rücken der Feinde besetzt hatten, Sieger blieb. Der Feind wandte
sich zur Flucht, der König Hess aber die Seinigen von der hitzigen
Verfolgung durch Trompetensignale zurückrufen, da er in ge-
schlossener Ordnung nach Hyrkanien hinabziehen wollte. Darauf
zog er nach Tapßga}-, einer unbefestigten Stadt, die aber einen
ziemlichen Umfang hatte und einen Palast besass, und hielt dort
Rast. Da aber die meisten der aus der Schlacht geflohenen Feinde
sowie die Einwohner der Umgegend sich nach der nicht weit von
Tambrax gelegenen Stadt Sigvy^ zurückgezogen hatten , welche
wegen ihrer Festigkeit und ihrer sonstigen günstigen Lage ge-
wissennassen die Residenz von Hyrkanien war, so beschloss er
diese gewaltsam zu nehmen. Die Stadt war von einem dreifachen
Graben umgeben, jeder wenigstens 30 Ellen breit und 15 Ellen
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62 J. Marquart,
tief. An den Rändern einee jeden lagen doppelte Wälle, und
zuletzt ein mächtiges Vorwerk. Die Parther wehrten sich tapfer,
allein der Übermacht des Königs gelang es schliesslich, die Graben
aufzufüllen und die Mauern durch Minen zum Einsturz zu bringen.
Nun töteten die Parther die in der Stadt ansässigen Hellenen,
plünderten die wertvollsten Geräte und versuchten sich während
der Nacht durchzuschlagen. Allein als der König dies gewahr
wurde, schickte er ihnen den Hyperbasis mit den Söldnern nach,
welcher die Feinde wieder in die Stadt zurücktrieb. Als nun
die Infanterie durch die Bresche eindrang, verzweifelten sie am
weiteren Widerstand und ergaben sich.
Leider lassen sich die beiden Städte TapßQce}; und EiQvyt,
bis jetzt nicht mit irgend welcher Sicherheit identifizieren. Es
gab wohl eine sehr feste Burg Tabarak auf dem Gipfel
eines kleinen Berges in der Nähe von Raj, rechts von der Strasse
nach Chorasan, die vom Selgukensultan Tognil b. Arslan im
Jahre 588 H. zerstört wurde (Jaq. III e.Vj 19 ff.), dagegen ist in
Hyrkanien und Tabaristän weder heute noch im Mittelalter ein
ähnlicher Name zu finden. Cahlr-eddln p. 10, 14 gibt allerdings
an, dass im Dialekt von Tabaristän »Berg* bedeute. Man
kann vermuten, dass Tambrax beim heutigen Sari lag, dann hätten
wir £i't>vyj; etwa in dem westlich von Sarija ge-
Ugenen Ort oder ^ der arabischen Geo-
graphen zu suchen, der eine Kanzel besass. Dorn, Caspia 49
stellt rar Sirynx auch den x^j «5o .jj Türeng-täpä (Fasanenhügel)
im Gebiete von Astaräbäd zur Verfügung, wo man viele Alter-
tümer gefunden hat. Jedenfalls hat der Name £lqvyl mit San
<^L*, arabisiert K^U, nichts zu thun. Denn wie der dazu er-
fundene Eponymos aj^L* bei CahTr-eddln p., 8 etc. beweist, ist
ÜSH dialektische Umbildung von Särüi Der Name Särüi oder
älter OsjjU Sürük aus Sarbük ist aber ursprünglich ein Appella-
tivum mit der Bedeutung „Burg* oder „Palast*1). Die appella-
J) Zum Übergang von ü in f vgl. Horn, Neupers. Schriftsprache
S. 27 § 5, 6. — vjjj;l~Jl hieaa ein uralter auf Tahmörup ssurück ge-
führter Palast in Ispahän Ihn Rusta lir, 1 , bei JJainza f., 8. Kv, 8.
11a. 5 v. u. M1? 4 v. u. Fihxwt rf>, 16. 27. Ifl, 14 *j*jU. sowie die
Burg von Uamadän, in welcher man das von öam gegründete
Wara erblickte, Jäq. IY 1Ar, 3. Ibn al Faq. H1, Ifl, rff, wo-
für! Jäq. m lf 18 Fgl. IV lAr, 9. 14 die neupers. Form j^U
Digitized by Google j
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 63
tive Bedeutung des Namens T«pßoa£ würde es erklären, wes-
halb derselbe später durch ein anderes Appellativum ersetzt worden
wäre. Haben wir dagegen «5^^ mit dem heutigen LlmrSs
gleichzusetzen, so könnte Tambrax mit dem mittelalterlichen
Nämija zusammenfallen.
Strabon ut 7 , 2 p. 508 schreibt TaAAfatoq für TaMß(uxHa
(acc.)1). Wenn er aber zum ßcca&Eiov Tayn (s. o. S. 21) bemerkt:
Z <ptasi fiLXQbv ütcIq r^g OaXattrig [d^v^ivov, so beruht
dies auf einer Verwechslung mit r«pj?fa{, wie die Entfernung
Tage's von den Kaspischen Thoren unwiderleglich beweist. Neben
diesen beiden nennt er noch zwei andere hyrkanische Städte
Zauaounnj und Kccqtcc. Letzteres durfte dem Za$Qaxa(na Arrians
entsprechen, Zapaotavij aber ist dieselbe Stadt, die von Ptol. 6, 9
p. 416, 11 £a(Kt(iccvvr} geschrieben und an die hyrkanische Küste
unter 94° 15' L. 40° 30' Br. gesetzt wird. Bei Plin. 6, 118 ist
der Name in Maria verstümmelt. Dorn, Caspia 54 N. 1. 120
denkt für Zu^iccvri an jU^-ä8), eine Stadt in den Qären-bergen,
1 Tagereise von Särrja Ist ?.o, 11. f.v, 2, was aber mit den
Daten des Ptol. nicht stimmt.
Nachdem Alexander in Zadrakarta 15 Tage Rast gehalten
hatte , welche mit Opfern und gymnisehen Spielen zu Ehren der
Götter ausgefüllt wurden, brach er wiederum nach dem Land der
Partbyaier auf. Nachdem er diese unterworfen hatte, setzte er
angibt. U^U scheint auch der Name der Stadt ijäjt in Sagi-
stan gewesen zu sein (Mas. VIII 42 cod. A). Eine ältere Form
ist erhalten im Namen der Burg von Karcha de Böth Selöch in
Garamaea, aQD^D Sarbüi (G. Hoffmann, Auszüge S. 45. 269), die
identisch ist mit dem im gnostisohen Hymnus bei Wright, The
apocryphal acts of the apostles I p. 0^9, 6. *Q^9, 15. 14 ge-
nannten y^OVOD Sarbüg. Die älteste Form ist also offenbar * Sarbuk
oder *Särbü!c. Nun heisst es im Bund. 29. 14 (West, PT.1 120): ,The
enclosure formed by Jam is fin) the middle of Pars, in Sruvä (T D pahl.
Srübäk); thus, they say, that what Jim formed (Jam-kart) is below
Mount Jamakän (TD Öamakän)'. Ich vermute deshalb, dass ^Jl^O ein
Fehler ist für *^ar^c- Der Übergang von b in die Spirans (J
nach r ist regelmässig, wie. der entsprechende des g in y (Mary). Vor
ü fällt das p leicht aus, z. B. Merhuzan, Mehruzan, Meruzan —
Mt&QoßovtdvTig-, vgl. Mehkndak, Mehundak = Mihrevandak , *Mi&ra-
ßandaka. — S. jetat auch mein „EränSahr nach der Geographie des
Ps. Moses Chorenac'i 134f.
») Vgl. Dorn, Caspia 129.
*) Jäq. III HT* schreibt unrichtig Jl%+& .
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J. Marquart,
ihnen, wie Justin 12,4,12 berichtet, einen vornehmen Perser
zum Satrapen, von welchem die nachmaligen Könige der Parther
abstammten. Wir machen auch hier wieder die Beobachtung,
dass der Gewährsmann des Trogus seine Hauptquelle selbstständig
verbessert. Es war ihm bekannt, dass in parthischer Zeit die
Städte Arsace (Aoödx Aäak) in der östlich an Hyrkanien stossenden
parthischen Landschaft Acxav7\vri und Nloauc in der Landschaft
Parthyene (s. u.) die wichtigsten Orte von Parthien waren, und
er hielt sich zu der Annahme berechtigt, dass es schon in
achaimenidischer Zeit so gewesen sei. Demnach war die Unter-
werfung der Provinz Parthien erst mit der Sicherung dieser
Landschaften beendigt. Der Auszug des Justin ist freilich offenbar
lückenhaft und verwirrt. Der Text lautet: Parthis deinde
domitis praefectus his statuitur ex nobilibus Per-
sarum Andragoras; inde postea originem Parthorum
reges habuere. Allein Andragoras war der seleukidische
Satrap von Parthien , welcher im Jahre 250 v. Chr. (L. Manlio
Vulsone M. Atilio Regulo coss. , lies C. Atilio Regulo) l) sich in
seiner Provinz selbstständig machte und Goldstatere zum Zeichen der
Suveranetät mit dem Typus des Viergespanns schlagen Hess2), aber
nach der Niederlage des Seleukos Kallinikos gegen die Galater
um 235 den dänischen Parnern des Arsakes erlag (Justin 41 , 4,
4 — 7). Hier bezeichnet Justin den Arsakes als vir incertae
originis, allein es ist nicht zu zweifeln, dass sein Gewährsmann
an der ersten Stelle thatsächlich den Arsakiden einen altadeligen
persischen Stammbaum geben wollte. Statt Andragoras muss also
ursprünglich ein anderer Name dagestanden haben, und zwar
höchst wahscheinlich Phradates. Dieser fuhrt nach Curt. 4,
12, 9 in der Schlacht bei Gaugamela die Kaspier, 6, 4, 24 wird
er als praefectus Tapurorum bezeichnet und 6, 5, 21 werden auch
die besiegten Marder seiner Verwaltung unterstellt 8, 3, 17
wird Phrataphernes, welcher mit der Verwaltung von Hyrkanien.
der Marder und Tapuren betraut wird, und 9, 10, 17 als Satrap
der Parthyaier auftritt, als Nachfolger des Phradates
bezeichnet, den er gefangen zu Alexander schicken soll (vgl.
Arrian 4,18,2). Später wird Phradates hingerichtet, weil er
im Verdachte stand, nach dem Königtum zu streben 10,1,39.
Es ist demnach klar, dass Curtius den Phradates auch als Satrapen
von Hyrkanien und Parthien betrachtet haben muss. Der Name
Phradates, eine Abkürzung von Avxo(p^ctödvi\q = ap. Wätafraöäta
l) Vgl. Droysen, Gesch. des Hellenismus III4, 1, 364 N. 1.
365 N. 23.
*) Siehe P. Gardner, Numismatic Chronicle 1379 p. 8ff. The
coins of the Greek and Scythic Kings of Bactria and India in
the British Museum. London 1^86 p. 1. PI. 1 1.2. Henry H.
Howorth, The initial coinage of Parthia. Num. Chron. 1890
p. 33-41 (töricht).
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 65
.von Wäta (dem Windgott) geschaffen • , der im arsakidischen
Königshaus vom vierten Partherkönige an öfter vorkommt, gab
aber dem Gewährsmann des Trogus Veranlassung, der von
Agatharchides erfundenen Genealogie der Arsakiden, welche auf
einen Sohn des Artaxerxes Mnemon zurückführte1), eine andere
gegenüberzustellen, welche den unbestreitbaren Vorzug hat, dass
sie sowohl in der Chronologie als in den geschichtlichen Ver-
hältnissen sich innerhalb der Grenzen des Wahrscheinlichen halt.
Von Parthien gelangt Alexander zu den Grenzen von Areia
{Haranoa) und nach Hovala, der ersten Stadt von Areia, wo
Satibarzanes , der Satrap der Provinz sich zur Huldigung einfand
und in seiner Satrapie bestätigt wurde. Der König gab ihm
gegen 40 Lanzenreiter unter Anaxippos mit, um beim Durchzug
des Heeres durch das Land der Areier dieses zu schützen. Daraus
geht hervor, dass Alexander zunächst beabsichtigte, die süd-
östlichen Satrapien Areia, Drangiana und Arachosien zu durch-
ziehen und zu sichern, um sich erst dann gegen Bessos zu wenden.
Da erschienen aber einige Perser bei ihm mit der Nachricht,
«lass Bessos die königlichen Abzeichen und den Thronnamen
Artaxerxes angenommen habe und über die nach Baktra geflohenen
Perser sowie zahlreiche Baktrianer verfüge; auch erwartete er
skythische Bundesgenossen. Diese Botschaft bewog Alexander,
der nunmehr seine gesamte Streitmacht wieder beisammen hatte,
nachdem Philippos auch die in Medien zurückgebliebenen thessa-
lischen Freiwilligen, sowie die berittenen Söldner herangeführt
hatte, seinen Plan zu ändern und unverzüglich auf Baktra zu
marschieren.
Man identifiziert ZovoCcc jetzt gewöhnlich mit dem mittel-
alterlichen Tos ^jb, arm. Tos in der Nähe von Ma&häd.
Freilich stehen dieser Gleichung lautliche Bedenken entgegen, die
ich nicht zu beheben weiss. Man müsste annehmen, dass eine
griechische Umformung in Anlehnung an den Namen des be-
rühmten £o$(Sa stattgefunden hätte. Umgekehrt haben die Araber
den Namen von Söätar, Sostrate d. i. £&at^d xs in jJ~J Tustar
arabisiert2). Ist die Gleichung richtig, so lässt sich wenigstens
soviel erkennen, dass Alexander von Zadrakarta aus auf direktem
Wege am Gurgän-rüd entlang nach Gurgän und von da über
Samalgän und Bugnürd ins Atrekthal gelangte, wo die zur
achaimenidischen Satrapie Parthien gehörige seleuMdisch-arsakidische
Provinz Iftfravi/vi/, arab. Ustuwä lag. Ihr Hauptort war
im Mittelalter Chabücttn, heute Chücän. Von da gelangte er
über den Köh-i Allähu akbar ins Thal des Käschäf-rüd, im
') S. diese Unten. I 29 ff.
*) Vgl. mein „Erän&ahr" S. 144 Anm. 8.
Marquart, Untersuch ungea. II. 5
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J. Marquart,
Bundahisn XX 30 Käsp, im Epos Käsak-röt, arab.-pers. Jkyjf
(Tab. I Hf 9. 7) genannt1).
Die eigentliche Landschaft IlaQ&vrivy mit dem avlmv IlaQ&ccv,
dem heutigen Därrä Gäz und der Ebene Nr\<sctla (ap. Nisäja) beim
heutigen Asxäbäd, sowie die Landschaften 'AnavccQxuwivy mit
Abeward und Margiana mit dem uralten Marw hat Alexander
aber auf seinem Zuge nicht berührt. Die Gründung der Stadt
Alexandropolis bezw. die Umnennung des alten Nisaia in Parthyene *),
sowie die Neugründung von Marw unter dem Namen Alexandreia •)
muss also zu einer spätem Zeit stattgefunden haben, wahrschein-
lich wahrend des Winterlagers in Zariaspa 329/28 v. Chr., wo
sich auch der Satrap Phrataphernes von Parthien einfand, der
den von Bessos ernannten Satrapen von Parthien Barzanes ge-
fangen herbeiführte (Arr. 4, 7, l)4). Mit der nicht lange vor
Alexanders Tode erfolgten Sendung des Herakleides nach Hyrkanien,
um Schiffe für eine Entdeckungsfahrt auf dem Kaspischen Meere
zu bauen (Arr. 7, 16, 1 — 4), wird man diese Gründungen
keinesfalls in Verbindung bringen dürfen. Dass aber die Makedonen
thatsächlich auch nach Nisaia gekommen sind, ergibt sich aus
der Bemerkung des Strabon ux 7 , 3 , dass der Ochos durch jene
Landschaft fliesse, die ebenso wie die Behauptung, dass der Ochos
und Oxos gleich dem Jaxartes ins Kaspische Meer münden
(m 7, 4 p. 510), auf Polykleitos von Lansa zurückgeht').
Die Karte des Castorius nennt nach NAGAE d. i. Thagae, Täk
folgende Stationen: XX Catippa. XX fociana. X Stai. XXXV Saphani.
Tomaschek setzt Catippa, wofür Orosius 1, 2, 16 Catippi liest,
nach Astaräbäd, fociana (Geogr. Rav. 2, 3 p. 48, 6 Gugitana), das
er mit Ptolemaios' Tavtudva (6, 17 p. 433, 25) identifiziert, nach
dem Karwanserai Öandä-äbäz an der Vereinigung der Quellen des
Gurgän-rüd. Allein Tatnudva liegt bereits in Areia, unter 106 0 30' L.
und 36° Br. Catippa ist wohl identisch mit Ptolemaios' KACAIIH
(für KAQAI1H?) unter 95° 30' L. 40° 20' Br. Die Form
Catippa erinnert an Xenippa Curt. 8, 2, 14 (aus aw. achSaena
„ braun", phl. chaä&n, np. cAoim, und äp- , Wasser"?) und beruht
wohl gleich diesem auf Hellenisierung. Orosius liest von seiner
Karte ab, dass der Kaukasus von den Tigrisquellen bis zur Stadt
l) S. o. S 28 Anm.
*) Plin. 6, 113 regio Nisiaea Parthyenes nobilis, ubi Alexandro-
polis a conditore. Vgl. Isidor von Charax, ffrafyxol JIap#. § 12: iv-
ttü&tv iTapö'vTjvij , c%otvoi ns , ccbXav Jlap^aC. Niaa ^ it6Xig &nb
c%oiv<ov gy Ivfra ßaGiXixal tutpal. "EXXtivtg ik Niaaiccv Ifyovaiv. Wie
die verwandten Stellen lehren, ist zu schreiben Niaäx n6Ug. Bei
Plinius vermute ich deshalb regia Nisaea Parthyene« nobilis.
*) Plin. h. n. 6, 46.
*) Vgl. Droysen, Gesch. des Hellenismus III 2, 215.
a) Vgl. Arnold Behr, De Apollodori Artamiteni reliquüs atque
aetate. Argentorati 1888 p. 15. 17. vgl 11 f.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 67
(Jkarrae d. i. Chwär inter Massagetas et Parthos Arwbarzanes
heisse ; a Charris civitate usque ad oppidum Catippi inter Hyrcanos
et Bactriano« mons Memarmali, ubi amomum nascitur; a quo
proximum iugum mons Parthau dicitur; ab oppido Catippi usque
ad vicum Safrim inter Dahas, Sacaraucas et Parthyenas mons
Oscobares, ubi Ganges fluvius oritur et laser nascitur. Wie die
uns erhaltene Karte des Castorius zeigt, stehen die auf derselben
verzeichneten Flüsse, Gebirge und Völkernamen unter sich und
mit den Stationen meist in gar keiner Beziehung. Wir sehen
aber soviel, dass auf das Gebirge nördlich von Chwär bereits der
Käme des Götterberges , *Harabrzatis , aw. Netra cter*zaiti, np.
Alburz übertragen war. Für die genauere Lokalisierung dieses
Gebirges kommen jedoch die in der Nähe desselben verzeichneten
Massageten und Parther nicht in Betracht; erstere werden von
PtoL 6, 10 p. 418 nach Margiana, unter die Derbikker gesetzt.
Weiterhin werden wir etwa festhalten dürfen , dass das Gebirgs-
system , welches sich von Hyrkanien gegen Baktrien und Areia
hin erstreckt, den Namen Memarmali oder, wie die Kosmographie
des sog. Aethicus (bei Alex. Biese, Geographi latini minores
p. 94 , 22) richtiger hat , Menalius führte *). Dieser Name wird
von arkadischen Kolonisten in Erinnerung an ihren heimatlichen
Berg Mainahn aufgebracht worden sein. Vielleicht haben wir
diesen Gebirgszug mit dem Maenacha des Awestä (ZamjSd jt. 4)
zu identifizieren. Ein Abschnitt dieses Gebirgssystems war als
mens Parthau bezeichnet, d. i. ohne Zweifel die Gebirgsketten,
welche das Thal des obern Atrek und des Käschäf-rüd ein-
schliessen. Noch weniger hat der Oscobares mit der über ihm
verzeichneten Route Catippi- Safri und den darüber verzeichneten
Völkern Dahae und Parthyenae zu thun — diese gehören viel-
mehr in die Nähe des mons Partium — dagegen gehören
allerdings die Sacaraucae in sein Bereich, wie ich anderswo zeige.
Der Ort Safri, bei Isidor Zctyql, in der Tabula Saphani
(Geogr. Rav. p. 47 , 22 Sapbar) ist wohl identisch mit Zicpd^
das Ptol. unter 107° 15' L. 38° 15' Br. in Areia verzeichnet.
Man hat zu beachten, dass er die 'Aazaßrjvol und Nusaioi ebenso
wie die MccaScoQavol (in Mazdörän) in den Norden von Areia
versetzt.
Alexander hatte, wie wir gesehen, zunächst den Plan, von
Tos über MäShäd nach Herät zu ziehen, als er sich durch die
Nachrichten über Bessos bestimmen Hess, unverzüglich auf Baktra
zu marschieren. Er zog also das Thal des Käschäf-rüd entlang
nach Pul-i chärün, um von da aus zunächst das obere Marw
(Marw-i röt, j. Muryäb-i bälä) zu erreichen. Auf dem Marsche
l) Memarmali ist aus falscher Auffassung einer Korrektur menanius>j
entstanden.
5*
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J. Marquart,
dahin erhielt er aber die Nachricht, dass Satibarzanes die make-
donischen Posten getötet habe, die Areier bewaffne und in
von Haraiwa zusammenziehe. Sobald
Alexander ans dem Bereich der von Norden nach Herät fahrenden
Strassen sei, wolle er von da mit seiner Streitmacht zu Bessos
stossen. Nun gab der König alsbald den Marsch nach Baktra
auf und zog an der Spitze zweier Phalangen, der Bitterschaft
und der Lanzenreiter sowie der Bogenschützen und Agrianer in
Eilmärschen gegen die Areier, während er die übrigen Truppen
unter dem Befehle des Krateros zurückliess. In zwei Tagen legte
er gegen 600 Stadien zurück und gelangte in die Nähe von
Artakoana, allein auf die Nachricht, dass Alexander schon in der
Nähe sei, entfloh Satibarzanes mit wenigen Reitern1), da die
Mehrzahl seiner Soldaten ihn auf der FJucht verliess, sobald auch
sie erfahren hatten, dass Alexander anrücke. Dieser verfolgte
nun die, welche ihre Dörfer verlassen und sich dem Abfall an-
geschlossen hatten, in ihre Schlupfwinkel und begann hier die
Reihe jener fürchterlichen Strafgerichte, durch welche er sich
unstreitig einen Platz neben einem Sulla und Gingiz-chan erworben
hat. Was nicht dem Schwerte zum Opfer fiel, ward zu Sklaven
gemacht.
Diodor und Curtius lassen ihn dabei ein unnahbares Felsen -
nest erobern. Die Beschreibung dieser Heldenthat bei Curt. 6, 6,
26—82 stimmt überraschend mit der Erzählung der Einnahme
einer festen Stadt durch Alexander im syrischen Alexanderroman
(ed. Budge S. 203, lOff. = 114 der englischen Übs.), nur dass die-
selbe hier nach Söd d. i. Sogdiana verlegt ist. Die Stelle fehlt
in den uns erhaltenen griechischen, lateinischen und armenischen
Texten, muss aber aus dem Griechischen übersetzt sein. Ich
stelle die charakteristischen Züge der beiden Berichte (den
syrischen nach Budge's Übersetzung) neben einander:
Cnrt. 6, 6, 26 ff. Bndge p. 203, 10 ff.
Alexander bemüht sich zuerst, Alexander sieht im Lande
einen Weg gangbar zu machen: Söd einen grossen Fluss, der
deinde , ut occurrebant inviae nach Südwesten fliesst und schwer
cotes praeruptaeque rupes, inritus zu überschreiten ist. Von Ge-
labor videbatur obstante natura, sandten erfahrt er nun, dass alle
In seiner Verlegenheit kommt Vornehmen des Landes an einem
ihm aber das Glück zu Hilfe. Orte sich aufhielten. „Und mit
Vehemens favonius erat, et mul- 50 Reitern gieng ich voraus in
tarn materiam ceciderat miles, der Nacht, um zu gehen und
aditum per saxa molitus. Haec den Weg auszuforschen und die
vapore torrida iam inarserat. Stadt zu sehen. Denn es war
Ergo adgeri alias arbores iubet Nacht und wir kannten die Ge-
*) Nach Diod. c. 78, 2 und Curt. 6, 6, 22 mit 2000 Reitern.
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Untersuchungen wir Geschichte von Eran.
69
Curt. 6, 6, 26 ff. Budge p. 203, 10 ff.
et igni dari alimenta: celeriter- wohnheit der Gegend nicht, und
que stipitibus cumulatis fastigium deshalb war ich auch furchtsam,
montis aequatum est. Tunc un- Da gieng ein qundaqör weg
dique ignis iniectus cuncta con- und erforschte den Weg, kehrte
prehendit. Flammam in ora hos- zurück und kam zu mir und sagte
tium ventus ferebat, fumus ingens zu mir: Der Weg ist leicht und
velut quadam nube absconderat die Stadt ist nicht gross. Da-
caelum. Sonabant incendio silvae rauf zogen ich und meine Truppen
atque ea quoque, quae non incen- gegen jene Stadt Und ich Hess
derat miles, concepto igne proxima die Hörner blasen und die Truppen
quaeque adurebant. Barbari sup- die Stadt umringen. Und ich
pliciorum ultimum, si qua inter- Hess viel Holz herbeibringen und
moreretur ignis, effugere temp- rings um die ganze Stadt ein
tabant , sed qua flarama dederat Feuer anzünden, und die Truppen
locum, hostis obstabat. Varia ausserhalb des Feuers stehen,
igitur caede consumpti sunt : alii Und ich befahl , jeden , der aus
in medios ignes, alii petris prae- der Stadt fliehen würde, zu töten,
cipitavere se, quidam hostium Als die Leute in dieser Stadt
manibus obtulerant, pauci semi- den Schall der Hörner hörten,
ustulati venere in potestatem. kamen sie aus den Häusern heraus
und sahen das Feuer rings um
die Stadt, und einige von ihnen
wollten fliehen. Als sie aber
aus der Stadt flohen, und von
der Hand meiner Truppen starben,
da kam ihr Haupt und die Vor-
nehmen (204) in jener Stadt
heraus aus der Stadt und riefen
mit lauter Stimme: „ König Ale-
xandras, wende deinen Grimm
in Versöhnung und gebiete deine
Diener nicht zu töten". Darauf
Hess ich sie vor mich kommen,
und als sie gekommen waren,
befahl ich sie in Gewahrsam zu
nehmen.
•
Nach Curtius hätte Alexander inzwischen den Krateros zur
Belagerung von Artakoana zurückgelassen, wohin sich 13 000 Be-
waffnete geflüchtet hatten. Nach der Bückkehr Alexanders von
seiner Blutarbeit hätte sich die Festung alsbald ergeben, als er
Miene machte, die Belagerungstürme heranzuführen. Allein diese
Darstellung ist mit der Erzählung Arrians unvereinbar, der von
einer Belagerung der Hauptstadt überhaupt nichts weiss. Die
Situation ist sehr ähnlich wie bei der Züchtigung der sieben Städte
von Sogdiana, Arr. 4, 2, 1. Curt 7, 6, 10, wo Alexander in der
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J. Marquart,
That den Krateros zur Belagerung von Kyropolis, der be-
deutendsten derselben, aussendet, während er selbst sich gegen
die fünf zunächstliegenden Platze wendet und dieselben ausmordet
Wir werden später sehen, dass die im syrischen Alexanderroman
erzählte Episode in der That dem Strafgericht gegen die
sieben sogdischen Städte entspricht, und ich glaube daher, dass die
von Curtius und Diodor berichtete Geschichte ursprünglich nur
eine Variante der sogdischen Blutthat ist, die dann von einem
Romantiker bei der Eroberung von Areia verwandt worden ist.
Wie weit Alexander bereits nach dem Osten vorgerückt war,
als er seinen Vormarsch gegen Baktra einstellte und sich gegen
Herät wandte , lässt sich aus unsern Berichten nicht entnehmen.
Jedenfalls kann er aber Marw-i röS noch nicht erreicht gehabt
haben. Denn wäre er von Bälä-Muryäb her gegen Herät an-
gezogen, so hätten ihm die Begleiter des Satibarzanes auf ihrer
Flucht nicht entgehen können. Er muss also von Westen her
gegen die Stadt gerückt sein. Der König wird demnach, um
die Wüste zwischen Tegend und Muryäb zu vermeiden, von Pul-i
chätün südöstlich zum Egri-gök, einem linken Nebenfluss des
Kusk-rüd an der heutigen afghanisch-russischen Grenze gezogen
sein. In der Gegend von Ak-robät oder Öokan Sor erfuhr er
den Abfall des Satibarzanes und zog sofort südwärts durch das
Quellgebiet des Egri-gök über die Berge von Herät, wohl über
Cälmä-säbz nach Nauchän gegenüber von Birnäbäd. Wie die
600 Stadien unterzubringen sind, welche Alexander in 2 Tagen
zurücklegte, ist schwer zu bestimmen. Offenbar sind sie nur bis
zu dem Punkte gerechnet, wo Alexander die Thalebene des
Hare-rüd erreichte. Jedenfalls war aber Alexander von der
Langsamkeit und Bedächtigkeit weit entfernt, die seine modernen
Erben in Moskau, freilich keineswegs immer zum Nutzen der
von ihnen vertretenen Kulturaufgabe, auszeichnet, und er hätte
in diesem Schneckentempo wohl auch sein Ziel nie erreicht.
Satibarzanes ist wohl nicht auf der Strasse von Herät über
Marw-i röd nach Balch geflohen , sondern auf dem , schwierigen
Weg, der von Herät ostwärts dem Thal des Har6-rüd entlang
ins Gebirge und vom Quellgebiet des Flusses über die Bisse
des Hindukus in die Thäler des Dehäs (Balchäb) und Sari-pul
(des Flusses von Schibergän), sowie über Bämijän in die Thäler
der Flüsse von Chulm und Qunduz führt.
Eratosthenes berechnet den ganzen Weg von Hekatompylos
bis 'MtiMqtut ^ iv 'A9ttoiq auf 4530 Stadien (Strab. ««8,9
p. 514), womit Plinius* 575 mp. bis auf 10 röm. Meilen über-
einstimmen. Es wird also zu schreiben sein DLXV. Die Entfernung
der Provinz Areia von Hyrkanien wird auf etwa 6000 Stadien
geschätzt (ta 10, 1 p. 516), eine Angabe, die auf einer Ver-
wechslung mit der Distanz von den Kaspischen Thoren bis nach
Alexandreia Ar. (6400 Stadien ut 8,9 p. 514) beruhen muss.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 71
Die Länge von Areia wird auf 2000 Stadien angegeben, die Breite
in der Ebene auf 300 Stadien. 4580 Stadien würden etwa
113 Fars. und 16 arabischen Tagereisen a 7 Pars, entsprechen.
3. ÜaQaxod&Qag, IlaQonaviaadai, Paraöäta.
IlaQaxoa&QaQ ist der Name des Alburzgebirges bei ßtrab.
ta 8, 1 p. 511 : xaXnxat 6h tö (ii%(ft öevqo (bis zum Flusse Ochos-
Tegend und £*$viog) iatb tfjg 'A^uviag dunnvov % fuxqbv ano-
Utnov Jla^oa^cj. Vgl. 8, 8 p. 514. 12, 4 p. 522. 14, 1 p. 527.
Dazu verhält sich der Pahlawiname Pataichwdri-gar)1) wie
P&düä zu aw. Bora- öäta, d. h. PataSchwär ist die Übersetzung
von nuQazod&QCcg .
de Lagarde, Beitrage zur baktrischen Lexikographie 51.
Mitteilungen I 148 erklärt PeSxwar [so!] oder Padaschwar(-gar)
[so!] als .das vor Xwar [lies Chwär ^ i. i.
gelegene Land*. Die Pahlawlform von Chwär ist aber Chwärth
(Bundah. XII 2 West), das auf ap. *Hu-aftra zurückgeht8).
Letztere Form setzt in der That ffaiago noch voraus,
während bereits Strabon ta 9, 1 p. 514 (aus jüngerer Quelle) die
Landschaft Xw^vri, Isidor von Charax Xoa^v^1) nennen, und
die Stadt bei Plin. 6, 44 Choara, bei Oros. I 2, 16 Charrae
heisst. Der persische Stamm (richtiger Sippe) Pätühuwariä
*) Derselbe findet sich auch bei Ihn al FaqTh P.P, ult., wo für
das £^£li>Jj oder ^yA\JJ^ der Hss. j^JjjZkXi} herzustellen
ist; vgl Ihn Chord. K1, 1. Ebenso ist als Titel des Mäzijär Tab. III
TU, 11 »U^^t^i^j oder »U^^jI^ÄvXj Irttwär- oder Paöaxwär-
garSäh für v>Läji> berzustellen. Die Form PatäaAar bei
Ps. Mos. Chor. 2, 53 ist wohl sicher in Butizahor zu ändern ; vgl. z. B.
arm. Nüiorakan, arab.-pers. e>L^lÄlJ, ^l^dtfdl, pers. »jjJai. —
Vgl. weiter Uber den Namen de Lagarde, Beiträge zur baktrischen
Lexikographie 51 ff. Spiegel, Eran. Altertumskunde 1, 61. 197.
JubM, Beiträge zur Geogr. des alten Persiens 2, 3. Nöldeke, Bezzen-
bergers Beitrage IV 47 N. 2. de Lagarde, Mitteilungen I 148.
HI 260 N. 1. 288 N. 1 und jetzt Hubschmann, Armen. Gramm.
I 1, 66.
*) Heute Qyiläq Chwär oder ejj »i^y östlich von den Kaspischen
Thoren. Vgl. W. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien
I 80 — WSB. Bd. 102, 222.
«) Darmesteter, Etudes iran. II 85. 191.
*) Bei Ptol. 6, 5 p. 400, 1 zu XöQoavy verdorben und an falsche
Stelle geraten.
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72 Marquart,
(eine patronymische Vrddhibildung , vgL ap. Märgawa1) und die
Patttä'arra der Sargoninschriften (in Medien) haben also, wie
ich bereits Assyriaka S. 647 N. 559 betont habe, mit Pataschwärgar
nichts zu thun*).
Von der jüngern Form geht der Name Xcooofuxf^tfvij aus,
welchen jenes Gebirge bei Ptol. g 2 p. 391 , 28 führt. Ich weiss
für den zweiten Teil keine sichere Erklärung. Sollte am Ende
gar der Name des in Baj ansässigen Geschlechtes Mihrän darin
stecken, also Ckwär~i Mi&ren 8) (mit m edischer Imäla für
Mifrrän) ?
Der Name Allntrz, aw. Hara bzrdzaM, erscheint zuerst bei
Orosius 1. L in der Form Ariobarzanes 4) , einer Angleichung an
den bekannten Personennamen, statt 'AQoßaQ^axig .
Der Name des Gebirges IlaQvdd^fjg = arm. Parchar in der
Nähe des Pontos braucht mit IlaQcexoa^Qag keineswegs formell
identisch zu sein, sondern kann ganz wohl auf ap. *paru Jwu>aftra
zurückgehen, wie La gar de behauptet hatte6). Die Wiedergabo
des ap. dr durch dp hat ihr Analo^on in Msya<stö(p\q Her. rj 72,
falls dies = bagaci&ra , sowie in 'Ot-ivdfxtg (lies 'OjzitiQccg) Ktes.
ecl. 496)y mit falschem Nasalstrich für Deinons 'OjjaOptfs Plut.
Artox. 1. 5, wie in CExwdutvog für COxvöutvog, Diod. iß 71,1
*) In Nriaalot tnnoi Her. y 106. tj 40. t 20 d. i. ap. *Naisäjä(h)
a*pä(h) Rosse von Nisaja liegt eine ähnliche Vrddhibildung vor. Von
hier aus wurde das e = ai der Vrddhi bei den Hellenen auch auf
den Namen der Landschaft Ubertragen : N^aaiov itsdLov Her. 7j 40
ap. Nisäja (von W. «, xeto&ai -f n»), arab.-pers. Lo Ibn al Faq.
5. t*A. , 13. Jäq. IV vva, 7. Ahnlich KüruS, hebr. gr. Küqos
zu Kuru-f der Monatsname BägajädLs nach dem darin gefeierten Fest
des Baga (*bagajäda , sogdisch ^jLXää) •= Mitfra , später M&Qtxxaya
Mihragän.
*) Gegen de Lagarde, MitteU. I 148. IU 260 N. 1. 288 N. 1.
•) Im gössen Bundahiin 31, 36 ff. (West, Pahlavi Texts I 139 f.)
ist von drei Paaren die Rede, die von Säm abstammen. Eines der-
selben, namens Chusrau, erhält hier merkwürdigerweise die Regierung
von Raj. Ein anderes Paar wird Märgandak genannt, welchem das
Königreich, Wald- und Bergdistrikte von Padaickwärgar gegeben
werden. Sollte für Märgandak vielleicht Mihri(w)andak zu lesen
sein? Dies ist der Beiname eines Mihrän (s. Just i, Iranisches Namen-
buch unter Mi^räna Nr. 13, S. 214*>), sowie des Bahrain (Üöbfn (s. eb.
S. 868 b unter Werebraghna Nr. 23, sowie Hübschmann, Arm.
Gramm. I 1, 52}. T)ie richtige Pahlawischreibung wäre freilich
Mi&re-bandak; vgl. auch die Schreibung Mäh-LuruUik Bund. 33,7 bei
West a. a. O. p. 147.
*) Vgl. Tomaschek a. a. O. S. 82 = 224.
5) Vgl. jetzt H. Hübschmann, Armen. Gramm. I 1, 66f.
«) 'Adqaicavav (acc.) bei Isidor von Charax = ap. Ätrpäwna (gen.)
ist dagegen anders zu beurteilen.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 73
Zoyiucvog, Pausan. 6, 5, 7 Soydiog d. L ap. *SugucUjal). Es bleibt
aber unsicher, ob man JJa^vaS^r\g als *paru-hädr = *paru-chädr
aufzufassen hat, so dass wir bereits die in armen. Parchar vor-
liegende Vertretung von ap. huw durch armen, ch (bezw. h) zu
erkennen hätten, oder aber als *pcar-huwädr mit Abfall des
Stammvokals des ersten Kompositionsgliedes, wie in IlaQfilatig
(Ktes. ecl. 3. 52) = ap. *Paru-misa (vgl. Wahu-misa, Beh. 2, 49 ft.,
'Q.filarig Plut. Artox. 4), QaqZiQig = np. -f^-jS.
Dagegen liegt die Präposition para- auch vor in Pa-ar-ti-
pa-ra-e-sa-cm-na, welches in der babylonischen Version der Inschrift
von Behistün 1. 6 das ap. Gandära wiedergibt. Es ist abzuteilen
Par-uparaesana d. i. ap. *Para-upari8cuna „das yor (d. h. südlich
von) dem üparisaina-gebirg gelegne Land*. Das Silbenzeichen
ra- hat hier offenbar den Lautwert r oder wozu e das phone-
tische Komplement bildet. Das Gebirge Uparisaina erscheint als
&ata upatrisaena im Jasna 10, 11. Es heisst hier, die Vögel
hätten den Hauma zu dem Gebirge Sata-upairi-saena gebracht,
was Barth olomae, K. Z. 29, 487 mit „die Überadlerscharten *
übersetzt Es folgen noch mehrere Gebirgsnamen , die jedoch bis
jetzt nicht lokalisierbar sind3). Auch jt. 19, 3 erscheint das
Gebirge §ata npairi-saena in der Umgebung von lauter bis jetzt
nicht identifizierbaren Namen. Im Mihr jaSt 13. 14 dagegen heisst
es von Mithra: „Und von dort (der Hara borazaiti) wirft der
Heilbringendste seine Blicke auf den Wohnsitz der Arier; da wo
die mächtigen Fürsten die zahlreichen Truppen ordnen; da wo
die hohen weidereichen, wasserreichen und nahrungspendenden
Berge das Vieh mehren; da wo die tiefen Seen mit Salzwasser
liegen ; da wo die grossen Ströme ihre Wogen herabwälzen, gegen
oata3) und Pouruta f gegen Mouru und Haröfu, gegen Qavoa
in Suyda und OhwGxris&m* .
Ein Blick auf die Karte zeigt, dass unter der Hara barazaiti
hier die Paropamisoskette zu verstehen ist Soll mit dem Satz
„gegen Öata und Pouruta* etc. die Richtung der Ströme be-
zeichnet werden, so ist die Hara barazaiti zugleich als deren
Ausgangspunkt zu betrachten, mit Ausnahme des Stromes von
Soyd. Das hier genannte §.ta entspricht dem §ata upairi-saena
der beiden andern Stellen. Wennschon das daneben stehende
Fvwruta sich lautlich nicht völlig mit den von Ptolemaios 6, 18
*) Ein pleonas tucher Nasal findet sich auch im kappadokischen
Monatsnamen Sov^qcoqv aus &tt&Q7\0QT\ — Ch#a&r$ warft. Dagegen
fehlt der NasaLstrich in Araq>i^vris Ktes. ecL 14 (lies 'Avta<piQvr\g\ Her.
'IrcacpQtvris — ap. Windafarnä.
*) taerö -J- barösraiano Ubersetzt Bartholomae „die Spitzen,
welche die Sterne auf dem Haupte tragen*.
*) So ist zu lesen für Aisata. ,
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J. Marquart,
p. 435, 8. 20 p. 437, 27 im nördlichen Arachosien, am Südabhang
des Paropamisos , angesetzten JIaQovriwC deckt, nach denen die
TJaQo-vrjtä oft} 6, 18 p. 434, 29 benannt sind1), so ist doch un-
verkennbar, dass es etwa im heutigen Ghör zu suchen ist. Für
Sata ergäbe sich etwa die Lage des Köh-i Bäbä, der Bergketten
bei Bämijän. Freilich liegen die Quellen des Oxus, der nach
Chw&rizm fliesst, noch viel weiter östlich in Badachsän und im
Pamir, aber jenem Gebirgssystem entströmen die Flüsse von
Herät und Marw wie die von Balch, Käbul und Kandahar. Der
arabische Geograph al Ja'qöbl sagt: „Aus dem Gebirge von
Bämijän kommen zahlreiche Quellen. Von diesen fliesst ein Strom
nach Qandahär in einer Weglänge von einem Monat; ein Fluss
geht aus einem andern Engpass nach Sagistan in einer Weglänge
von einem Monat, ein anderer Fluss wendet sich nach Marw in
einer Wegstrecke von 30 Tagen, ein anderer Fluss strömt nach
Balch in einer Wegstrecke von 12 Tagen, noch ein anderer Fluss
endlich nach Ghwärizm in einer Entfernung von 40 Tagen. All
diese Flüsse kommen aus dem Gebirge von Bämijän wegen seiner
grossen Erhebung2)." Unter dem Flusse, der nach Chwärizm
fliesst, ist hier wohl der Fluss von Qunduz (Aq Sarai) zu ver-
stehen, der gleichfalls in den Bergen von Bämijän entspringt und
nachdem er unterhalb von Qunduz den durch mehrere Nebenflüsse
verstärkten Fluss von Tälakän aufgenommen hat, unweit der
Vereinigung des Pang und Wachsäb in den Oxus mündet. Er
wird hier oflFenbar als der eigentliche Quellfluss des Oxus be-
trachtet. Bei den Arabern heisst dieser Fluss KiLiJi und
in seinem Unterlauf pUyail ^gj »Löwenfluss*. Auch das Bundahisn
(XX, 16. 17. 21. 22 bei West, P. T. I 79. 80) lfisst die Flüsse
von Harew, Marw, Balch und den HStumand von Sagistän auf
dem Apärsen-Gebirge entspringen.
Der Name Üpavri'Saena , ap. *Upari-saina hat sich noch
bis mindestens ins 7. Jh. n. Chr. lebendig erhalten. Als der
chinesische Pilger Hüan-cuang im Jahre 644 vom Nordosten des
Königreiches Fo-U-Hsa-fang-na aufbrach, das Henry Yule
mit dem Gebiete der ParäcYs in der Umgegend von Parwän
gleichsetzt (JRAS. 1878, 104 N. 1 278), „il franchit des montagnes,
*) An der ersten Stelle lesen die meisten Hss. nach Wilberg
und Grashoff JIap<rt»)Tcu, die Übrigen nagauiraiy Jlaooiqrat, JTapa^rrca,
6, 20 ist TlaQyvf{xai and TlaqyvlxKi die Lesart der Hss., wofür Grae-
hoff IlaQovfjtat in den Text gesetzt hat. Auch in Areia nctQu tovg
JJaQonaviaddas wird 6, 17 p. 433, 4 eine Völkerschaft TLaQOVxat genannt,
wofiir Grashoff gleichfalls TIuQovf[Xcu vermutet Allein Uagotnat
würde besser zu dem vourtUa des Awentä passen. Der Name pärwata
von ind. parwata , Gebirge* bedeutet .Gebirgsbewohner'.
*) Ja'qübl, Geogr. ed. de Goeje S. tVI, 9 — 13.
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Untersuchungen zur Geschichte ron Eran. 75
passa des ri vieres, et, apres avoir traverse plusieurs dizaines de
petites villes situees sur les frontieres da royaume de Kia-pi-che
(Kapica), ü arriva a un grand passage de montagne, appelä P*o-
lo-si-na (VarasSna), qni fait partie des grandes raontagnes neigeoses.
. . . Lee faucons eux-memes ne sauraient les franchir au vol;
ils marchent pas ä pas, et reprennent leur essor" etc. Nach drei
Tagen erst kam man auf die Passhöhe, und ebenso lange dauerte
der Abstieg zum Königreiche 'An-ta-lo-po (Andaräb) am Fusse
des Gebirges1).
Das Gebirge Po-h-si na ist also speziell diejenige Kette des
Hindukus, welche die Thäler des Pangsir- und Ghörbandflusses von
dem von Andarab trennt Po-h-si-na gibt so genau wie möglich
die sanskritisierte mitteliranische Form von Uparisaina
wieder, welche *Parasena oder * Varasena = pahl. Apars&n,
Avarain bezw. * Parsal lauten musste *). Die Anekdote, dass sogar
den Falken der Pass zu schwierig sei, soll offenbar den Namen
desselben (ȟber den Adlern* bezw. nach der Bedeutung des ent-
sprechenden indischen Wortes sjena „über den Falken") erklären.
An den Namen Uparisaina knüpft auch die von Diodor 17, 83, 1
berichtete Sage an: xcrtct 9t fiioov xov Kccvxacov iföxi nkxQtt dexa
axtx&Uw fypvact t^v ntqliUTQOv, xixxdqmv dh axaöUav xb Ctyoc,
h y xai xt> Tl^o^dicag öitrjkcuov ideUvv^ vnb x&v iyxmqUav %al
y xoü pv&oloyri&ivxog atxoü xotxrj xal xa x&v ösafi&v
(typtta8). Dass die Hellenen hier an ihre Prometheussage
erinnert wurden, ist begreiflich. Wahrscheinlich war aber
der Adler, dessen Sitz hier gesucht wurde, der mythische
Vogel Svmury (Saena maroyd) , der auf dem Alburz in der
Nähe von Hindustan horstete und den kleinen Zäl aufzog4).
Dem ap. * Uparisaina , mitteliranisch *Paraen entspräche genau
ein griechisches *J7aoo*ifv6e, wofür wir aber bei Dionys. ntotrjy. 787,
der hier wie gewöhnlich aus veralteter Quelle schöpft, die
mit Bücksicht auf den heimischen Musensitz hellenisierte Form
Ilaqvtiaög und bei Aristoteles Metereolog. 1, 13 die entsprechende
*) Hiouen-thsang, Memoire« trad. par Stan. Julien II p. 190s.
Sam. Beal, Chinese Buddhist travellere to the West II 286.
*) Belegt ist in den Parsenschriften nur die entere form (ge-
schrieben Apärsen), die aber im 7. Jahrh. ohne Zweifel bereits Vamen
oder Parten mit Abfall des anlautenden a gesprochen wurde. Wahr-
scheinlich war aber der Name im persischen Dialekte nicht mehr im
lebendigen Gebrauch, sondern ist lediglich Transskription des Awesta-
wortes. — Vgl. schon Alex. Cunningham, The ancient geography
of India 19. Da ich aber auf diese Gleichung Wert lege, so will
ich ausdrücklich betonen, dass ich erst nachträglich die Übereinstimmung
mit Cunningham bemerkte, nachdem meine obige Ansicht längst
fest stand.
*) Vgl. Curt. 7, 3, 22. Strab. uc 5, 5 p. 505/6. ts 1, 8 p. 688.
«) Schahname VII 83. 100. 130, Ubs. von Rückert 1 138. 139. Hl.
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J. Marquart,
attische IlaQvaaaog treffen. Der geläufige griechische Name Ila^o-
ndpuaog ist zunächst mit Anlehnung an den griechischen Flussnamen
IIa ata 6g aus IIctQOTCccviGog *) und dieses aus *TIuQOTC(x{Q)viOog ent-
standen, das selbst wieder eine unter dem Einflüsse der altern
Form üaQvijöog vollzogene Umbildung von Para^partsatna,
mp. *Par-apar-sSn ist. Das Ethnikon ücc^onafucddai ist also
eine selbständige griechische Bildung.
Während aber IlaQaxod&Qag das Gebirgsland nördlich
von Chwär bezeichnet, ist Para-uparisaina der Name der Thal-
landschaft Gandhära südlich vom.Uparisainagebirge.
Mit der oben besprochenen Präposition para- = np. pU
„vor" ist auch der Beiname Haofcjanha's, des ersten Herrschers
von Iran, Para-iäta gebildet. Derselbe ist stehendes Epitheton
des Haosjanha jt 5, 21. 9, 3. 15, 7, Wend. 20, 1. 2 dagegen wird
er auf die Heroen der Vorzeit im allgemeinen angewandt. Allein
die spezielle Beziehung auf Haosjanha ist offenbar das Ursprüngliche
und da kann er nichts anderes bedeuten als »der Erstgeschaffene',
der erste Mensch. Haosjanha ist der Begründer der Souveränetät,
der dahjupaüi- Würde , während sein Bruder Wehkart {Wikart)
„der gutgeschaffene* (aw. wahrscheinlich * Wohu-daia) als Ur-
heber des Dihq an Standes (aw. wahrscheinlich vispaiti) und
des geregelten Ackerbaues gilt: „the original establishment of
law and custom; that of vülage, superintendence (dtfiänkänih),
for the cultivation and nourishment of the world, dependent upon
Vaegergö* the Pesdädian ; and that of monarchy, for the protection
and government of the creatures, upon Hö&äng the Pesdädian' *).
Auf Webkart führten die Dihqäne des Sawäd ihren Stammbaum
zurück, welche unter den von Eri6 im Sawäd eingesetzten
Sahrigän (i^UJiJl) = äöi&rapaüi standen und in fünf Klassen
zerfielen»).
Wenn im Dlnkart auch Wehkart das Epitheton Peidäi erhält,
so ist das ungenau, und die Erklärung dieses Beinamens im
Kommentar des Wendidäö* 20, 1 : „parce qu'ils ont les premiers
mis en vigueur la loi de la royaute* (dät-i chwatäih), ist sprach-
lich falsch, wie alle Erklärungen, welche darin das Wort data
»Gesetz11 sehen. So heisst es bei Tab. I Ivl: „Man berichtet,
l) Diese Form findet sich bei Ptol., sowie bei den röm. Geographen
(Plin. 6, 48), während Diodor, Arrian, Strabon IlaQoitduujoSy TlaQOTtcciH-
aädai vorziehen, Curtius Parapamisus , Parapamisadao. Bei Justin
12, 5, 9. 13, 4, 21 hat Gutschmid Parapamesos Parapamesadae her-
gestellt. Vgl. Kiepert, Lehrbuch d. alten Geographie § 62 S. 59.
*) Dlnkart VUI 13, 5 Waegeret PeädäSe. West, Pahlavi Texts
IT 26.501 nach Darmesteter, Le Zendavesta IT 371 n. 26. Dlnkart
VII 1, 16—18. V 4, 2 bei West, P. T. V 8. 128. Ilamza M, 14.
Bemni PW, ffo,
*) Mas'üdi, Murüg II 240.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 77
dass er (O&hang) der erste war, welcher die Rechtsordnungen
und Strafen festsetzte und davon den Beinamen PSi däö führte,
der auf persisch bedeutet: „der erste, welcher nach Gerechtigkeit
Urteil sprach*. Denn peä bedeutet „der erste* und däS bedeutet
Gerechtigkeit und Rechtsprechung
Aus diesem Missverständnis in Verbindung mit der Stelle
Wend. 20, 1. 2, wo das Wort im Plural steht1), ist die Dynastie
der PZädädür entstanden, die sich meines Wissens zuerst bei
al ChuwärizmT, Mafätlfo aMüm 1A, 10 ff. und BerünT, Chronologie
«, ».r, U*1, t.1, U findet. Nach der gewöhnlichen Ansicht rech-
nete man, wie BSrünT angibt, zu den Pesdädiern die Könige
Hösang, Tahmöralr , Garn, Aldahäk und Fredfin. Ein anderes
System aber, dem auch al ChuwärizmT folgt, fasste unter jenem
Namen alle mythischen Herrscher von Gajömarö bis auf Karsäsp
zusammen.
4. Ober einige skythisch-iranische Völkernamen.
Die Versuchung liegt nahe, auch den Namen des Königs-
stammes der iranischen Skythen oder Skoloten, Tla^aXarai (Her. <J 6)
als paraÖäta „die Erstgeschaffenen" aufzufassen. Hier wurde
das Wort aber keinen zeitlichen, sondern einen politischen und
sozialen Vorrang bezeichnen. Allein der Lautwandel von aw. d
in skyth. I ist sehr bedenklich und müsste erst durch andere
Beispiele belegt sein. Zudem wird es durch eine Reihe anderer
Namen nahegelegt, -tat als Endung abzutrennen.
Nach Herodot trieben die Massageten, welche jenseits des
Araxes wohnten (a 201), keinen Ackerbau, sondern lebten von
Fischen, von welchen der Araxes wimmelte, und der Milch ihrer
Herden*). Der Araxes bildete nach ihm ein Mündungsdelta von
40 Armen, von welchen nur ein einziger sich ins Kaspische
Meer ergiesse — nämlich der von Herodots Gewährsmann mit
dem ostiranischen verbunden gedachte armenische Araxes — die
übrigen aber ig Skia %t xal xsvayta ixSidoi' iv xotdi av&Qomovg
Tuczoutfjo&cei Uyovöi i%&tig cbftovg ftrtopivovc, icdijti öh vop,i%ovxug
XoüG&ai tpamitov dig^iadi (a 202). Damit sind die Wohnsitze der
Massageten oder eines Teiles derselben deutlich in die Nähe des
Aralsees verlegt. Noch klarer geht dies aus der Beschreibung
Strabons hervor, welcher, wenn auch durch mehrere Mittelglieder,
auf dieselbe Quelle zurückgeht wie Herodot, nämlich Hekataios.
') Möglieherweise sind aber die dort im Plural stehenden Epitheta
der Helden der Vorzeit nach Art der lat. Plurale Catones, Scipiones
.Leute wie CatoB aufzufassen, zumal der Kommentar jedes derselben
auf einen speziellen Helden bezieht.
*) &1X &itb xirpritov £<feovai xal l%ftv<ov 61 <J1 ucp&ovot atpi ix
toO '4pcc£*<» noraftoü nctQayLvovxcti • yukaxxonfaai J* slal.
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J. Marquart,
Nach ihm münden die übrigen Arme des Araxes eig rr)v alXr\v
x^v itqbg ixQxxotg ftakattctv, die Bobben, in deren Felle sich die
Bewohner kleiden, werden ausdrücklich als vom Meere stammend
bezeichnet1).
Die Fischnahrung galt demnach als eine bemerkenswerte
Eigentümlichkeit der Massageten, und nach dieser sind sie that-
sächlich benannt. Maaaaylxat gehört zu aw. mcutjö (skt. matsja)
„Fisch* , das in Wirklichkeit massjö gesprochen wurde , woraus
sich die neueren Formen (np. mäht, kurd. mäst) erklaren. Die
Verdopplung wird in der Awestäschrift nicht geschrieben. Vgl.
Bartholomae, Grundriss der iran. Phil. I § 5 N. 5. Von
massja ist zunächst mittelst des Suffixes -ka1 osset. äa das Sub-
stantiv *ma88ja-ka, *massja-ga gebildet, wozu MaGöaykcu der mit
der ossetischen Pluralendung -tlä versehene Plural ist2).
Ebenso zu erklären sind die Namen Bvoaayi-xai Her. d 22. 122,
Plin. 6, 19; Zavgoyuu-xcti Hvgpa-xcci ZaQpa-xai d. L *8auru-ma (mit
u- Epenthese) , *lSar-ma , vgL aw. oahrtma ; Tvotyi-xai Strab. £
3, 17 p. 806, ein Überrest der Skythen am Tyras8); 'lo^upa-xui
(Ptol.) oder 'la^a^-xai Skymn. 879 ff., %ißa-xai Hekat. fr. 166,
Mela 1, 114 Ixamatae etc., Plin. 6, 21 Mazamacae vgl. Ps. Mos.
Chor. Geogr. p. 86 Soukry Nachca-mcUeankf = *Ia£a(uxxai*)\
StOafuc-rai , 2avöccQa-xcci Latyscheff I 16 B, 9; Mvqyi-xai
Hekat fr. 155 (falls nicht TvQccyi-xai zu lesen ist); Maxvxi-xai
ib. fr. 156; Ncnta-xcu Apollon. Rhod. Argon. 758, vgl Steph.
Byz. Ncattg- xoSfu; E%v&tttg. 6 oüxt/Ttöp Najuxxrjg Ncmlxi\g
neben Nwtai Diod. 2 , 43 , 4 , Napaei Plin. 6 , 50 , Inapaei § 22,
Naprae § 20 6), Napaei Ammian. Marcell. 22, 8, 33, im Alexander-
roman I 2 cod. A und L Aanaxsg (neben BovOtioqoi) ; Sarge -tae
Ammian 22, 8, 38, 2a<yycawi Ptol. 8, 5, 23, Sardetae für
Sarge tae Karte des Gastorius Segm. IX 3 ed. Miller. Vor
allen aber gehört hieher der einheimische Name der Skythen,
2x6koxot Her. S 6. Der reine Stamm desselben liegt vor im
Namen des £co/o-pitus Justin 2,4,1, der mit seinem Bruder
Plinos aus der Heimat vertrieben nach Themiskyra am Thermodon
auswanderte. Plinos für *IIctX-lvog ist hier der Vertreter der
ndkot; vgl. Ptacia Plin. 4, 86 = üccXaxiov Strab. f 4, 7
p. 312, wahrscheinlich benannt nach Ilak-coiog, dem Sohne des
taurischen Königs Skiluros Strab. £ 3, 17 p. 306. 4,3 p. 809 8).
») Strab. ia 8, 6. 7 p. 513.
*) Diese Etymologie, die ich selbstfindig gefunden habe, vertritt
bereit« Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den sky-
thischen Norden II 47 vgl. 34.
3) Vgl. MUllen hoff, Deutsche Altertumskunde III 86.
*) Vgl. Mulle n hoff a. a. O. 32*
») Vgl. Müllenhoff, D. A. 1H 28*. 89.
•) Vgl. Müllenhoff a. a. O. IH 58.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 79
Scolo-pitus ist gebildet wie 'Aqui-itsl&rig Her. d 76. 78, £ita{fycc-
ntixhjg König der Agathyrsen Her. d 78, ein Skythe d 76,
und wäre also richtig Scolo-pithes zu schreiben. Ebenso erkennt
man den Volksnamen im Namen des skythischen Königs £y.vkr\g
Her. 6 76. 78, sowie in Kola-£aig, dem Namen des jüngsten der
drei Söhne des skythischen Urkönigs Ta^y ixaog, von welchem die
königliche Horde der IIuquXccxui abstammte Her. d 5. 7 1). kqIcc-
steht neben scolo- wie IUkoi Diod. 2 , 48 , 4 , Palaei Plin. h. n.
6, 50 neben Spali Jordan. Get. c. 4, Satharchei Spalaei Plin. 6, 22,
und wie aw. sta&ra Spitze jt 12, 25 neben tacra , aL spdsas
neben pdvjati, gr. cxiyog neben riyoc u. 8. w. Vgl. Bartholom aeT
KZ. 29, 487.
Dass obige Auffassung der skythischen Namen auf -rat richtig
ist2), beweist die Glosse: xag 6¥Apa£6vag lucXiowsi Hxv&tu OioQrcaxa,
Övvocx&i dl tÖ ovopa xoüxo xccxcc EkkccÖcc yXcbooav ccvöqoxtovoi' oioq
yao y.akiovüi &v6q€c , t6 dh nccxa xxelvuv Her. d 110. Hier ist
also der Name Olöqjtccxcc offenbar eine Pluralform, als deren
Singular wir zunächst oloona- anzusetzen haben oioo d i *icoir
ist durch aw. urfra „Mann, Held", skt. u>ird, pahl. urfr hinlänglich
gedeckt. Vielleicht haben wir für das Skythische eine Nebenform
»womi-, *wair- anzusetzen. Der Begriff des Tötens muss also
in PA liegen. Damit ist allerdings vom iranischen Standpunkte
aus nichts zu machen, es wäre aber der Glosse genügt, ^wenn wir
OIOPr< N>A TA = *waira-(jna-ta (vgL twr*dra-yna . Warth ra-
töter*) lesen dürften. Die Annahme einer Verderbnis aus
Olo(>Zaxcc (r aus Z), das dann direkt = aw. wira-ljan jt 13, 87
wäre, scheint mir dagegen zu kühn.
Wie ZxoXo-xot etc. ist nun auch na^U-xai zu beurteilen:
-xai ist Pluralendung, parala- der Stamm. Wir können nun
wenigstens 6in sicheres Beispiel nachweisen, in welchem l im
Alanischen durch Dissimilation aus n entstanden ist: die alanischen
I^ü&Xavol werden in dem Ehrendekret der Chersonesiten für
Diophantos (ca. 107 v. Chr.) Z. 22 *Ptv^tvaXoi, genannt8), bei
Ptol. 8,5 p. 201, 24 'PsvxavciXot (statt *Ptv!-avaXoi) neben fito£o
Xarol p. 200, 27. Gleich andern skythischen Völkernamen4)
l) Vgl. auch Stein zu Her. 4, 6.
*) Wie ich nachträglich aus dem Referate von J. Hanusz,
WZKM. I 156/57 sehe, hat schon Wsewolod Miller, Die epi-
pniphischen Spuren des Iraniertums im Süden Busslands (Journal des
Ministeriums für Volksaufklärung, St. Petersburg 1886, Oktober,
B. 232—283 [nus.]) die skythisch-sarmatischen Stammnamen auf -rat
vermittelst des ossetischen rluralsuffixes auf -tä erklärt, in welchem er
ein ural-altaisches Element vermutet. Er vergleicht dazu die finnisch-
ugrischen Plurale auf -t-.
*) Dittenberger, Sylloge inscriptionum ßraec. no. 252. L&ty-
s che ff, Inscriptiones graec&e orae septentrionahs Ponti Euxini n. 185.
4) Z. B. Kovcnf)6g Latyscheff H 100 zu Kovaibipol ; vgl. meine
Osteuropäischen und ostasiatischen Streifzüge S. 55 Anm. 2. Ndßafrg
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J. Marquart,
wird auch dieser als Personenname verwandt und erscheint in der
Form fRva/vaJU>s auf den Inschriften (Latyscheff II 296 N. 88).
Beide Formen gehen offenbar auf ein iranisches rauchsnäna
zurück. Auf den skythischen Namen PriGnivÜiaXoq aus Olbia
Latyscheff 1104 N. 68, alanisch Bespendial (a. 406) Gregor.
Turon. 2, 9 will ich mich nicht berufen, da noch keine plausible
Etymologie desselben gefunden ist1). Dagegen steht ebenso neben
dem persischen Stamm üccv^ucXatoi Her. a 125 die Station
Pantyene Tab. Peut. Segm. XII 2, Geogr. Rav. p. 52, 7
Patienas*). Auch den Namen ^AXoywvtj Ktes. ecl. 44 möchte
ich jetzt durch Dissimilation aus *wana(h)-gauna = aw. *wanat-
gawna „Gestalt ersiegend* (vgl. 'Ova-yiqvijg = *icana(h)-farna
„die Majestät ersiegend*) erklären.
In diesen Zusammenhang gerückt erscheint es selbst möglich, dass
der parthische Königsname Volagases, "»»ab*) WalagaS, zu betonen
Waldyaä, woraus phl. Wcdachö, arm. Walari, eine ähnliche Bildung
und Bedeutung aufweist: vxUa-gaä = aw. *wanat-gaäa. Vgl. den
etwas altern gleichfalls parthischen tTiAoq>iifws » rovöayuQrjg.
Gomdafarna etc. = WindcUjiYfarr, Gundafayfarr, ap. Winda(hy
farnä (oben S. 4 und Anra. 5). Das zweite Element ist np.
gai 1) pulcer, bonus, 2) modus incedendi cum venustate et fastu
et hilaritate (Vullers), das auch in dem parthischen Namen Abda-
gases% sowie in den skythischen Namen raöCyaoog Latyscheff
Lat. II 447 = aw. Nawäita eb. S. 55 Anm. 3. .Sccppara? Lat. II 402;
SavQOiukrK-, 2x6£og Lat. II 404 d. i. *ShOa, die einheimische Form
des den Griechen in Rleinasien bekannt gewordenen Stammnamens
Exv&ai, assyr. Aiküqäja (unten S. 111).
*) Vgl. dazu Müllenhoff, DA. III 113. 206. Justi, Iran.
Namenbuch 260 b.
*) Vgl. auchTomaschek, Zur histor. Topographie von Persien 1 34.
*) Es sind zwei Personen dieses Namens bekannt, a) Der Bruders»
söhn des Gundafarr: Genitiv ABAATAEDT , kharosthi Atoadagasasa,
Hawadagcufasa auf den sakiscu-parthischen Münzen Gardne r, The coins
of the Greek and Scythic Kings of Bactria and India p. 107/8, PI. XXIII
1 — 3. Alex. Cunningham, Numism. Chronicle 1890, p. 117 — 121.
Hör nie, Copper-coins of Abdagases, Proc. JRAS. Beng. 1895,82 — 84.
Im Evangelium loannis de transitu Mariae bei Tischendorf, Apo-
calypses apocryphae p. 101 entspricht ihm Accßddviie, der Schwester-
sohn des Königs von Indien (für Aß9dvr\<s oder syr. yt^X ■= pers.
Abdän, ein Hypokoristikon auf -än); vgl. Sylvain L<Wi, Notes sur les
Indo Scythes. Journ. as. 1897, 1, 35. b) Der Vater des Sinnakes: Tac.
ann. 6 , 36. 37. 43. 44 Abdagaeses, Jos. dcgX- "1 333 f. 'Aßiayci<tTjgy
syr. Q\ (arm. W^^Jr/ulf Abdecke) und , ~«Jt
Addailegende ed. Phillips p. 4. 1 (oben S. 11) für
Abdachi oder -*it"NN. AbdarS aus *AbddyaS (wie WatarU,
WalachS aus WaldyaH), gewöhnlich j+«QX (Hypokoristikon, fälschlich
von jenem unterschieden) p. 4. V&^> 12. )0, 23, von aw. abdat
phl. avd „wunderbar".
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 81
II 447, 'Oo<Si[yao]og ib. 446 (beide aus Tanais), Ovatyaaog ib.
I 55 (Olbia) und vielleicht in Ova-y[a]aig ib. H 389, parthisch
Vagasis Justin 41 , 6 , 7 vorkommt. Vgl. meine Beiträge zur
Geschichte und Sage von Eran; ZDMG. 49, 636 Anm. 4 und
J u s t i , Iranisches Namenbuch 495. Dahin gehört , wie ich
glaube , auch der skythische Name des Kaukasus , Orou-casim
(lies -gasiiu) id est nive candidum Plin. 6 , 50. Ist die
vorgeschlagene Etymologie von Volagases richtig, so bildet dieser
Name einen weiteren Beweis für die enge Verwandtschaft der
dänischen Parner, des Kriegsadels der Parther, mit den Skythen
und Sarmaten.
Der parthische Satrap Eika%r\gy ZiXXccw^g von Mesopotamien,
der beim Feldzug des Crassus neben dem Surenas genannt wird,
ist- tbatsächlich , wie eine eingehende Quellenkritik zeigt, mit
diesem identisch. Der Sieg über Crassus findet bei Zivvicv.cc
statt (Strab. iq 1, 23 p. 747. Plut. Crass. 29), das wohl erst nach
dem Sieger benannt ist , vielleicht allerdings schon nach dem
frühern Statthalter von Mesopotamien Mi&QidaTrjg Ztvaxrjg a. 88
v. Chr. Jos. aq%. 13 § 384. Ich sehe daher in 2iku*r\g bezw.
EdXaKr\g nur eine Nebenform von Zivuxr\g, Zivvaxrig, dem
eigentlichen Namen des Surenas. Der von Tacitus (ann. 6,31.
32. 36) erwähnte täinnaces, der Sohn des Surena Abdagaeses 1),
wird in der Addailegende ^ rt tnr> (p. y^J, l)2) oder
)t.r> > ^ JO-U3D (p. )0, 23) genannt, sein clort neben ihm auf-
tretender Verwandter Abdus*) heisst hier p. ^, 10 (neben ^j/
d. i. Izal). 2 16 in r>^>\ verstümmelt.
Nach diesen mehr oder weniger sicheren Beispielen dürfte
es nicht als zu gewagt erscheinen , Ilacyakd-tai auf ap. parana
„ früher* zurückzuführen. In der Karte des Castorius Segm. XI 4 V
erscheint der Name in der Form PARALOCAE • SCYTHAE,
von einer Form *parala-k, wie der Personenname ISauronya-ces
(Ammian. 27, 12, 4. 16. 30, 2, 4), georg. JSaurrna-g, arm. X\ncj$tfiuff
x) S. meine Beiträge zur Geschichte und Sage von Eran. ZDMG.
49, 636.
*) An dieser Stelle wird in Wirklichkeit sein Sohn JjlSQ^
<t^v ° 1 ^ genannt. T^eböbenä (durch Dissimilation für
*Nebö-bmn) „Nebo hat geschaffen* ist hier aramäische Übersetzung
des parthischen Tiridate». p. V^i, ^ der Name in **2QZb/ ver-
dorben. Ttr = Merkur (Nabu), der Stern der Schreiber Berün! l*Hy:2.
*) Hypokoristikon auf -ü für gemeiniranisch -üi, -ö nach skythischer
Weise von Abdagases. Vgl. TovQiovas* Strab. tct 11, 2 p. 517 und
meine Bemerkungen Unters, zur Gesch. von Eran I 70. 55u der Bildung
überhaupt W. Sc hulze, KZ. 33,376. Justi, Iran. Namenbuch 525.
Marqu»rt, Untenaohtragen. U. 6
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82
J. Marquart,
Surmak Ps. Mos. Chor. 3, 68. 64. 66 neben dem Volksnaraen
ZccvQO(jut-xai.
[Anders als in den obigen Beispielen ist wohl das / im
Namen der Alanen zu erklären, das durch die einmütige Be-
zeugung der griechisch - lateinischen , chinesischen, armenischen
und arabisch-persischen Litteratur völlig sicher steht. Die Formen
lauten 'Mavol, Alani, A-lan-na, Wjufitp* alLän aus
pers. Alan. Wir können ein solches Wort aber noch als Appellativ
im Armenischen nachweisen, welches dasselbe aus dem Parthischen
entlehnt haben muss. Ugfär Alan allein findet sich als Eigen-
name eines Arcruniers bei fcazar P'arpec'i (Venedig 1892)
S. 17. 139. 206. 644, und als zweiter Teil des zusammengesetzten
Namens S>ufüqauqufü Zand- al an „aus dem ostanischen Hause*
taz. 196. Besonders wichtig ist aber \\j[ufiiuynqtuü Alana-jozan,
ein Heerführer des Königs Säpür Tl., „ welcher ein Bahlav war
aus dem Hause der Arschakunier* Faust. Byz. 4, 38 S. 156.
Ps. Moses Chor. 3, 34 S. 221 nennt ihn Jj^uättunqu/u Alanaozan
(v. 1. W^fusiänqusL Alanozan), ein Pahlavik, welcher ein Ver-
wandter des (armenischen Königs) ArSak war. Alana-jozan ist
gebildet wie Razmiozan d. i. pers. *razm'Jözän „Kampf suchend*.
Vgl. Hübschmann, Arm. Gr. I 17. 69. Hübschmann hat
aber übersehen , dass das Wort sich auch in zwei armenischen
Appellativa findet. Bei Faustos Byz. 4, 2 S. 68 erhält das
armenische Adelshaus der Mamikonier unter einer Menge anderer auch
die Epitheta tuqufütuqijßß UMqufütuq-ftiuu^p u»ph-mJ£uytulMf>
i[iupi^iäustfuJijft^p , von denen nur das dritte rein armenisch ist:
„Adlerstandarten führend*. Die drei übrigen Ausdrücke sind
sämtlich ana| Xsyofuva, Die beiden ersten haben als zweites
Kompositionsglied die Wörter »Volk , Geschlecht* und
t (Lehnwort aus iranisch drafäa, drafl) „Banner" ; warbnaka-
nüÜ setzt als erstes Glied ein Adjektiv *toarznak voraus,
das aus pahl. *warzänak oder *warzenak, arm. *warzinak
verkürzt ist1), von np. warg „Grösse, Würde*, phl. warz
(Horn, Grundriss der Neupers. Etymologie Nr. 1077). Die drei
letzten Ausdrücke sind also Synonyma, und daraus ergibt sich,
dass alän ein Appellativum (vermutlich Adjektiv) mit der
Bedeutung „siegreich, ruhmvoll, würdig* oder ähnlich gewesen
sein muss8). Der Volksname Alanen wird demnach ein Ebren-
*) Zum Ausfall des a vgl. die Geschlechtenamen Wahn-unüc' zu
Wahan «= Wahagn, aw. Wmdrayna, Bagrai-uni zu Baga-rat. S. diese
Untere. I 45 Anm. 3.
*) Das grosse Venediger Wörterbuch denkt an die Alanen oder
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
83
name sein, den sich das Volk selbst beilegte und der eine
Gruppe verschiedennamiger iranischer Nomadenstämme der kaspisch-
pontischen Steppen zu einer politischen Einheit zusammenfasste.
Der Name ist augenscheinlich jüngerer Bildung als die zahlreichen
älteren Stammnamen, die meist mit den Suffixen -ma (Plur.
-fjuc-Tai) und -ka, -ga (Plur. -xcn, -cae, -yi-xai) gebildet sind.
Dies wird nun vollständig durch die historischen Zeugnisse
bestätigt. Aus dem Hou-Han-su erfahren wir, dass die A-lan-na
früher An-te'ai (gewöhnlich Jen-ts'ai gelesen) hiessen und später
ihren Namen geändert hatten1). Die Alanen werden zuerst im
Jahre 35 n. Chr. von Josephos erwähnt2); allein die alte
lateinische Übersetzung liest Scythas, was Naber ohne weiteres
in den Text aufgenommen hat, ohne den Leser auch nur mit
einer Silbe über die Lesart der freilich weit jüngeren griechischen
Handschriften zu unterrichten. Da aber auch Tacitus ann. 6, 33
im gleichen Zusammenhang nur von Sarmaten redet, so ist es aller-
dings möglich, dass das JAkavol der griechischen Hss. auf eine im
Hinblick auf itok. 'Iovö. 7 § 244, wo auf die frühere Stelle
verwiesen wird, vorgenommene Emendation eines Lesers zurück-
geht8). Die nächste sichere Erwähnung der Alanen findet sich
bei Lukan Pharsal. VIH 223 (zwischen 60—65). In den
An ts'ai, was nach dem H6u-Han-su der frühere Name der
Alanen war, haben Fr. Hirth und A. v. Gutschmid
unabhängig von einander die Aorsen erkannt4), die zuletzt
im Jahre 49 n. Chr. in der Geschichte auftreten, und zwar ganz
in denselben Sitzen, die später die Alanen inne haben5).
Strabon unterscheidet von den Aorsen am Tanais die obern
Aorsen, die viel mächtiger waren als jene und deren Sitze wir
Alvank4 oder alauni „Taube" , und verweist auf ««^f S?""«""*-*: An
und für sich liegt sogar die Vermutung nahe, dass «n«A«ff<«^
durch das folgende ^r^^k^bl^ glossiert sei, da die ganze Stelle
von Glossen durchsetzt ist. Der Vollständigkeit halber will ich noch
auf die persische Glosse = Stärke in der Erklärung des Namens
Alexander = <JsJ^ [müsste mindestens jXXj«, = pahl. *ÄUtk
Sandar sein] bei Dinaw. H* aufmerksam machen. Vgl. Nöldeke,
Beiträge zur Geschichte des Alexanderromans 36.
*i Höu-Han-su bei Fr. Hirth .Über Wolga-Hunnen undHiung-nu.
SB. der bayer. Akad. 1899 Bd. II Heft II S. 250. Ma Twan-lin bei
Abel Re*musat, Nouv. me"l. asiat. I 239.
«) Jos. &QX. 18 § 97 ed. Niese.
a) Umgekehrt Gutschmid, Gesch. Irans S. 121 Anm. 1.
*> Fr. Hirth, China and the Roman Orient 1885 p. 139 n. 1.
Gutschmid, Gesch. Iran» 68 ff.
8) Tac. ann. 12, 15 ff.
6*
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J. Marquart,
uns im Norden und Osten des Kaspischen Meeres bis zum
Aralsee zu denken haben, wo zu Alexanders Zeit noch Massageten
und Daher hausten 1). Die obern Aorsen gelten als das Stammvolk
der Aorsen am Tanais und der Siraken am Achardeos3).
Ptolemaios nennt jene ^Ahxvoocoi , die westlichen setzt er nach
dem europäischen Sarmatien8). Nach dem Reisebericht des
Generals Cang-k'ien (126 v. Chr.) bei Sse-ma Ts'ien liegt das
Land der An-ts'ai „an einem grossen See, der keine Ufer hat
und den man deshalb für das Nordmeer hält*. Ich glaube, dass
hier eine Verwechslung des Aralsees mit der Maiotis vorliegt,
wie sie auch den Alexanderhistorikern passiert ist4). Die Gleich-
setzung dieses Meeres mit dem Nordmeer erinnert allzu merk-
würdig an die von Patrokles aufgebrachte und von Eratosthenes
in die Wissenschaft eingeführte Lehre von dem nach Norden
offenen Kaspischen Meer und seiner Verbindung mit dem nördlichen
Ocean, um an blossen Zufall zu glauben. Vgl. übrigens auch
Hekataios von Abdera fr. 6 a bei Plinius h. n. 4 , 94 : septen-
trionalis oceanus. Amalchium 6) eum Hecataeus appellat a Parapaniso
amne, qua Scythiam adluit, quod nomen eins gentis lingua
significat congelatum. Über diesen Parapanisos unten.
Um die chinesische Bezeichnung Jen-tsai oder An-ts'ai
l|h lautlich mit den "Aoqooi des Strabon und Tacitus in Über-
einstimmung zu bringen, nimmt Hirth an, dass das schliessende n
des ersten Zeichens das dem Chinesischen fehlende r wiedergeben
solle, und beruft sich auf einige andere Fälle, in denen er nachweisen
will, dass finales n ein fremdes r wiedergebe6). Dies wird indes
neuestens von Schlegel bestritten, welcher nur finales t als
l) Arr. 4 , 16, 4. 17, 1. 7. 3, 11, 3. 28, 8. 10. 5, 12, 2. Strab. ta 8, 2
p. 511. 8 p. 518.
■) Strab. ta 5, 8 p. 506: ol 6* itpttfig vopddeg oi y.txa^h xqg
Mat&xiöog xal xfjg Kaöniag Nccßiavol (1. Ndßafcoi?) xal TIav&avol xal
7)dt] tu x&v Hioaxtov xal 'Aöqoav tpvXa. doxovet 6* oi "Aoqgoi xal ol
Eigaxtg tpvyüdsg ilvat x&v avtaxioca xai itooGäoxxioi (1. itooGaQxxUov)
{LalXov 'AöqOoiv. Aßiaxog y\v ovv 6 x&v £iq&xg>v ßaGtXevg, r)vixa
'PaovuxTis xbv Bogtioqov fix* » övo iivQiädccg htniviv toxtXXt, Snadivrig
6' 6 x&v 'A6q6g>v xal etxooiv, ol 6i ava> "Aoqgoi xal nXelovag xal yuo
imxQuxovv nXtiovog yfjg xal g^&6v xi xi^g Kacnuov naoakiag xf)g
nXnaxr\g rtQ%ov, cbcxe xal ivmoQivovxo xa^ioig xbv 'Ivdixbv <poQxov
xal xbv BaßvX&viov naoa r* 'Aofuvltov xal Mrjdav diadt%Ofitvoi '
iXQvaotpOQOvv 61 Suc xi]v evnoQiav • oi phr ovv "Aoqgoi xbv Täva'iv
naooixovaiv , oi Zi^axtg ik xbv 'A%aodiov , og ix xov Kavxäaov Qttov
ixdiötoGiv etg xr\v Mauaxiv.
8) Ptol. 6, 14 p. 426, 22. 3, 5 p. 201, 14.
*) Vgl. Strab. ta 9, 3 p. 515. Curt. VI 2, 13-14.
5) Lies Amaechium = aw. *kam-(wcha , von aw. aecha , up. jach
„£«>". Vgl. Horn, Noupere. Etymologie S. 252 N. 8.
*) 1. 1. p. 139 n. 1. Wolga-Hunnen und Hiung-nu S. 251.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
85
Wiedergabe eines fremden r zulassen will und die von Hirth
zu gunsten seiner Theorie angeführten Beispiele An-si — *Ar-
$ak, An-Jcu = 'O^otj , babyl. Arku, l*an-töu — mp. JIap#av,
ap. Par&awa anders erklärt1). Was dagegen unsern Fall angeht,
so ist, wie mir Schlegel erklärt, die alte Aussprache des
Zeichens i&ni oder am, cantones. »m, was nie at = ar
gesprochen werden konnte. ^ gibt skt. cä wieder, so dass die
alte Aussprache *Am-ca oder *7em-ca wäre. An der sachlichen
Identität dieses Namens mit den "Aoqooi der Griechen kann
trotzdem kein Zweifel bestehen , und ich muss daher die Lösung
dieser Schwierigkeit, welche der lautlichen Gleichsetzung beider
Namen entgegensteht, den Sinologen überlassen.
Um die einheimische Form des Namens "Aoqöoi zu finden, müssen
wir ausgehen von einer andern, uns bei den römischen Geographen
überlieferten Form jenes Völkernamens. Plinius sagt nämlich
6 , 38 bei der Beschreibung des sinus Scythicus des kaspischen
Meeres : utrimque enim accolunt Scythae et per angustias intei
se commeant hinc Nomades et Sauromatae multis nominibus,
illinc Abzoae non paucioribus. Dieses unverstandliche ABZOAE
hat bereits Tomaschek2) stillschweigend in ARZOAE verbessert.
Zum sachlichen Verständnis der Stelle ist es zu empfehlen,
sich die Karte Orbis habitabilis ad mentem Pomponii Melae in
Konrad M i 1 1 e r ' s Mappae Mundi Heft VI Taf. 7 anzusehen.
Gleich darauf heisst es bei Plinius 6 , 39 : Supra maritima eius
(Albanorum) Udinorumque gentem Sarmatae, Ütidvrsi, Aroteres
praetenduntur . quoruni a tergo indicatae iam Amazones et
Sauromatides. Hier ist Utidorsi verlesen aus Ovxoi (= Ovdai
bei Ptol.), "Aoqöoi ^Aqoxiiqis. Unter dem Namen Aorsi erwähnt
er sie auch 4 , 80 , eine weitere Form haben wir 6 , 48 : Gandari
Pari<c>ani Zarangae Arasmi Marotiani Arsi Gaeli quos Graeci
Cadusios appellavere , Matiani , wenn Reinach's Vermutung
zutrifft , dass Marotiani in Maeotiani zu verbessern sei 8). In
diesem Fall wären die Arsi natürlich die Aorsen. Doch bleibt
die Möglichkeit, dass Arsi aus <P>arsi = TldgiStoi Strab. «7,1
» p. 508 verdorben ist Aber die ungewöhnliche Form Arzoae
wird bestätigt durch die Kart« des Castorius, welche an zwei
Stellen (Segm. IX 5 und X 1) ARSOAE verzeichnet. Arzoae oder
Arsoae setzt ein iranisches *arz-awa voraus, das zu np.
't, -A „Wert*, aw. ardgah- , phl. arz, arzän (Horn, Nr. 67
*) G. Schlegel, The secret of the Chinese method of transcribing
foreign sounds p. 17. 21. Reprinted from the T'oung-Pao, Serie» II Vol. J.
*) Kritik der ältesten Nachrichten über den skvthischen Norden
U 37. SBWA. Bd. 117, 1888, Nr. 1.
*) Th. Reinach, Un peuple oublid, les Matienes. Revue des
etudes grecques 1894 p. 313 n. 1.
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86 J. Marquart,
bis) gehört1), gebildet mit einem Suffix awa- , au- (vgl. skytb.
Mä^davog Latyscheff II 275 no. 451, 15 aus Tanais a. 228
n. Chr.), das wohl mit dem hypokoristischen Affix -wag, -oi,
skytbisch -ovg identisch ist. Vgl. Justi, Iran. Namenbuch 525.
Als einheimische Form von "AoqGoi erhalten wir nun ohne Mühe
ein Compositum *ku-arz, das sich zu Arzoae verhält wie z. B.
Su-gambrt zu Qambrivii, Wisi-gothae zu Gutones T). Die Trans-
skription ist ähnlich wie in "AoQvog, das auf iranisches *ku-warna
„ wohlbewehrt " (W. war , wehren") zurückgehen muss, und
zunächst durch das Streben nach Dissimilation zu erklären.
Ähnlich haben wir "Azoaaa = aw. Hutaosa; ^A^vqyioi Her. 7, 64,
'AiLÖQyr\q 1) König der Saken Ktes. ecl. 3, 2) Enkel des Hystaspes,
Satrapen der Baktrier und Saken Thuk. 8 , 28 , lyk. Humrkkä
Stele von Xanthos Süds. 50, umrggazn Nords. 50, neben 'Opdqyr\$
1) König der Saken Polyain. 7, 12, 2) König der Maqa&ol jenseits
des Tanais (Iaxartes) Chares von Mitylene bei Athen. 13, 35
p. 575, sämtlich = ap. (Sakä) Haumawaryä. Nicht ganz gleichartig,
aber ebenfalls beizuziehen ist die Wiedergabe von anlautendem
toä durch av in Avxoq>Qaöäxtjg, lyk. Walaprddata, auf stachrischen
Münzen rn-cm = ap. Wätafradäfa; Avro-ßouiuxug = ap. *Wüta~
baugaka Xen. Hell. 2, 1, 8; Aino-ßa^jg Arr. 7, 6, 5 = ap. *Wäfa>
pa-ra (Hypokoristikon mit Suff, -ra zu * Wäta-pOta). Daneben hat
aber wie in "AoQvog so auch in "AoqGoi griechische Volksetymologie
die Transskription beeinflusst, indem man den Namen an oQöog Angriff
(in öqoo-kortog) anschloss. Vgl. die zahlreichen etymologischen
Spielereien , welche die hellenischen Geographen gerade in den
Kaukasusgebieten und Iran verbrochen haben, z. B. Wgcuo/, Hvlo%oi,
Alviavtg, IIccqquOioi (Strab. ta 2, 12 p. 495/96. 7,1 p. 508),
'AQfävtoi (Strab. uc 14, 12 p. 530), "Ij%fe.
Es ergibt sich somit, dass auch der Name Aorser, ebenso
wie Alanen, eine ehrenvolle Selbstbezeichnung ist, welche sich
das Volk bezw. der führende Stamm wahrscheinlich bei der
Begründung einer grössern politischen Einheit beilegte. Für die
Datierung dieses Ereignisses besitzen wir bis jetzt nur einen terminus
ante quem in dem Reisebericht des Öang-k'ien (ca. 126 v. Chr.),
da sämtliche griechische Bericht« über das Ende der hellenischen
Herrschaft in Sogdiana und Baktrien für uns verloren sind. Da
die obern Aorsen sich, wie wir gesehen haben, östlich bis zum
Aralsee erstreckten , wo die Alexanderbistoriker und selbst
Eratosthenes noch Massageten und Daher kennen, so ist Ammians
Angabe, dass die Alanen — d. h. die Aorsen unter ihrem neuen
Namen — Nachkommen der alten Massageten seien8), gar nicht
') Es darf indessen nicht verschwiegen werden , dass das ent-
sprechende ossetische Wort ary = skt. argha (Hübschmann, Ety-
mologie und Lautlehre des Ossetischen S. 23 Nr. 31) lautet.
2) Vgl. Streitberg, Indogerm. Forsch. IV 300—809. .
3) Ammian. Marceil. 23, 5, 16. 31, 2, 12. Vgl. Kassios Dion 69, 15.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
87
so unwahrscheinlich, wenn man sie anf die führende Horde dieses
Volkes beschränkt, welches infolge seiner politischen Expansion
die alteren iranischen Nomadenstämme der aralo-pontischen Steppen
aufgesogen hatte. Der Name „Fischesser * pasate nur auf einen
Teil der alten Massage ten, wie ein Blick auf ihre Wohnsitze und
Lebensweise zeigt, und wir wissen auch nicht, ob das Volk jenen
ihm von seinen Nachbarn beigelegten Namen selbst angenommen
hatte. Über die \TUJ1^at-fip Mazfcutk1, die wir im 4. Jahrh.
im Östlichen Kaukasus, am Westufer des Kaspischen Meeres
finden, wird anderswo ausführlich gehandelt werden.
Neben der Pluralendung -rat finden wir im Skythischen
auch noch Spuren einer älteren Pluralbildung. Herodot 4, 52
spricht von einer überaus bitteren Quelle, welche vier Tagfahrten
vom Meere in den Upanis münde, und obwohl unbedeutend, das
Wasser des mächtigen Upanis untrinkbar mache. Uxi &k rj xoijVq
avxr\ iv ovqoiOi gcopqs xijg xe ooorijocov 2*v&i<ov xai 'Akafrvcav •
ovvoita 6h rjj xoiyvfl xal o&sv qiu xm %<oq(o axv&iüxl (Ahv 'E^afinatog,
xaxä de xyv 'fUAf/voov yXäxsoav Iqai 66ol. Dieser Ort lag
zwischen Borysthenes und Upanis. Der Skythenkönig Ariantas
hatte daselbst einen kolossalen ehernen Mischkessel aufstellen
lassen (Her. 4, 81). Stein erklärt den Namen des Ortes daraus,
„dass er ein Knotenpunkt aller Verkehrsstrassen war, deren
Sicherheit, nach antiker Sitte, unter den Schutz der Götter
gestellt war*. Eine Etymologie des Namens versuchte Müllen -
hoff, DA. III 104 f. „Das E, schreibt er, wird auch hier ein
privatives a sein und in dem wort der begriff ,unverletzt,
unverletzlich1 liegen, wie in unserm »heilig1 (vgl. altpers. akhsatft
von khshan verwunden). . . . wie im pehlevi und im neupers.
pai aus pädha fuss entstand, so kann auch im scytbischen
pai aus path altpers. pathi pfad geworden sein , nahe liegt sonst
auch zd. paya weide , trift , wonach die paradiese ^tarpäya,
Mähpäya (Spiegel parsigramm. s. 180) benannt sind". Torna-
schek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skvthischen
Norden ü 62 (SBWA. Bd. 117, 1888, N. I) spricht das
unbedenklich nach und erklärt i£afiizaioQ = e-k&an-pay [so!]
«unverletzliche Weide*. In der Inschrift Dar. Pers. I 23 findet
sich allerdings der Ausdruck hjä duwaistam sijätis achäatä, der
aber noch nicht sicher erklärt ist.
Allein wenn hier achSatä in der That das Fem. eines Part.
Pass. der Wurzel skt. kpan, aw. chäan „verletzen* -f- a priv.
ist, so beweist dies gerade die Unmöglichkeit von Müllenhof f's
Erklärung des skythischen l£ap-: es müsste mindestens H^cm-
(durch Assimilation aus *i£ccr-) lauten.
Zonaraa 11,24 (vol. m 75 ed. Dindorf). S. darüber vorläufig diese
Unters. I 48 Anm. 16.
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88
J. Marquart,
Müllenhoff hat ganz richtig gesehen , dass der Begriff
odoi in -itatog stecken müsse, woraus sich ergibt, dass wir den
Begriff „ heilig" in £|aft- zu suchen haben. Es ist nun schon
mehrfach darauf hingewiesen worden, dass die skythischen Namen
vielfach die dem Ossetischen, dem heutigen Nachkommen des
Alanischen eigene Konsonantenumstellung zeigen. Bereits Müllen-
hoff (DA. III 121) fiel diese Metathesis in den tanaitischen
Namen auf -t-af&og auf, worin er aw. ap. chsadra „ Herschaft*
erkannte, und er verglich dieselbe mit ähnlichen Erscheinungen
im Neupersischen. Wsewolod Miller hat dann die sprach-
wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen gegeben , indem
er zeigte, dass die altiranischen Lautgruppen <9r und ehr im
Skythischen zu rt, rck werden, wie im Ossetischen1).
In gleicher Weise wird im Ossetischen nun auch altiranisches
8p in fs verwandelt , z. B. jäfa Stute , aw. ospa ; äfsad Heer,
aw. späda'1). Nach dieser Begel müsste das altiranische Wort
für „ heilig", aw. sp9nta, medisch atpevda- (in Zq>Bvda-6ccrrjg,
lyk. Spp7ita-za) , altpers. *sanda- in Zavd-dm^g , San-tak-sat-ru
(unten S. 105 Anm. 5) im Ossetischen *äfsand lauten. Ein solches
Wort findet sich nun freilich meines Wissens im Ossetischen nicht
mehr, wird aber für das Skythische sehr wahrscheinlich gemacht
durch die Notiz bei Steph. Byz.: *Pe vöctQTaxrj • Xocpog iv 2%v&la.
fisza t6 Xtyofievov oQog uyiov, wo ^PsvöaQxäxrj in *Psvda(>xdxr) zu
verbessern ist. Der zweite Teil gehört wohl zu osset. art
„brennendes Feuer, Flamme" , aw. ätarv (gen. ä&rö) „Feuer*
Hübsch mann a. a. 0. S. 24 Nr. 36, im ersten Teil ist *fsänd
„heilig" nicht zu verkennen. Der ganze Name ist also *fsänd-
ort- ah Ort des heiligen Feuers. In ähnlicher Weise werden wir
auch den Stammnamen Psacae Plin. h. n. 6 , 50 , Psaccani der
Karte des Castorius Segm. IX 3. 4 auf ein skythisches *äfsak
= medisch andxa, np. sag „Hund* zurückführen dürfen.
Wenden wir uns nun wieder zu i^aft- , so fällt es uns wie
Schuppen von den Augen, dass hier dasselbe Wort *äfsänd-,
*äfsand- vorliegt. Wir machen aber zugleich mehrere wichtige
lautgeschichtliche Beobachtungen.
1) Das erste Kompositionsglied hatte bereits den auslautenden
Stammvokal a verloren, der auslautende Doppelkonsonant nd
bezw. nt musste sich deshalb dem anlautenden p der folgenden
Silbe assimilieren und in den Labial m übergehen.
2) Die genaue Transskription wäre also *iycc(i-ncciog d. i.,
wie die älteste Orthographie der Inschriften zeigt, *i<paa(i-natog.
l) In der S. 79 Anm. 2 zitierten Schrift, die ich leider nur aus
der Anzeige J. Hanusz's kenne.
*) Hüb sc hm hu n, Etymologie und Lautlehre des Ossetischen
S. 108 § 35«.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 89
Allein ein solches Wort wäre gegen den griechischen Spracbgeist,
welcher zwei derartige unmittelbar aufeinanderfolgende labiale
Lautgruppen nicht duldet. Es findet deshalb eine Dissimilation
statt, und an Stelle der labialen Gruppe *F d. i. G>2 tritt die
gutturale S d. i. XZ.
Da der Name i^afi-naCog durch einen Plural glossiert wird, so
muss auch in -naiog eine skythische Pluralform stecken. Wir werden
eine Form *pahaja = ap. *pa&cy'ah (zu ap. pa&i „Pfad*),
aw. *pa&ajö ansetzen dürfen. Dasselbe skythische Wort für „Weg"
erkenne ich auch im Stammnamen 'Aoymnaloi (Her. 4, 23),
wofür einige Handschriften sowie Zenob. 5,25JOoy£(iitaloi lesen, Plin.
6, 19. 35 und Mela 1, 116 Arimphaei (einer etymologischen Spielerei
zuliebe , die den Namen mit den 'Phtaut ooi} zusammenbrachte) ').
Die ursprüngliche Form wird also Agytfinatoi lauten. Herodot
berichtet über dieses Volk: xovxovg ovdiig clöm&h avftQtoKGiV
igoi yuQ Xiyovxai uvtu' ovöi xi ccqijiov ünXov ixxiaxat. xai
tovto piv xotüi nsQioixiovöi ovxoi tiai oi xixg diatpooccg diaiQiovxeg,
xovxo öh og av q>evy<ov xaxagyvytj ig xovxovg, vd ovdtvbg
aduUtxui. oüvopa de ag>i iaxl Aoynvnaloi. (tix$l vvv x&v
(pctkccxQ&v xovxtov TtoXXri n£Qi(pavelr) xr\g %(aor)g icxi xai x&v
Ijuffgoröc i&viw xai yaq Exv&iiov xtvlg catixviovxui ig avxovg,
xcbv ov %ccXetc6v i<Sxi nv&io&ai xai ^EXX^vcav xfbv ix Boova&iveog
xt ipxoqlov xai x&v aXXtav Ilovxixdbv i^noo(<ov. £xv&ioav 6h dt
av iXdcoOt ig avxovgf di inxa iq^rivicav xai öi inxa yXcoGcicav
dutno^GCovxai. (*izQi ftiv 6ij xovxcov yivartxttai, xb dh xSyv
q>aXc£KQcbv xaxvitto&t ovösig azoeximg olös (pgaoai. Das Merk-
würdigste in dieser Schilderung ist ohne Frage die Bezeugung eines
Asylrechts und einer Art Gottesfriedens zum Schutze des
Handelsverkehrs, der unter der Garantie des Völkerrechts stand,
wie bei den hellenischen Festspielen oder auf dem Markte von
Ukäc. Tomaschek gefct noch weiter und sagt: »Wir sehen
eine feste Regierung, welche den Handel schützt und den
Verkehr überwacht*. Er sieht in den 'Agyi^naloi „Inhaber des
tamgha, mit Vollmacht versehene Beamte des fern in der Gobi
oder an der Selengga sitzenden Türken- [d. h. Hiung-nu] herrschers,
Rechtsprecher und Entscheider (jarghufo), Ordner des Karawanen-
Verkehrs, welche die fremden Graste in Grenzposten empfingen* 2).
Ob er freilich Recht hat mit seiner Behauptung, dass die
'Agyifntaioi im Altai zu suchende Vorposten der Hiung-nu gewesen
seien, ist eine offene Frage, aber seine Charakteristik derselben
als Ordner des Karawanen Verkehrs ist völlig zutreffend: sie sind
die Wächter und 8chützer der Strassen, und dieser Begriff ist,
wie ich glaube, in ihrem Namen ausgedrückt, der ohne Zweifel
»j Vgl. Uber dieses Volk Müllen hoff, DA. III 9 ff. 47 ff.
Tomaschek, Die ältesten Nachrichten Uber den skyth. Norden II 54—65.
*) A. a. 0. S. 62f.
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90
J. Marquart,
skythisch -iranischen Ursprungs ist. Das erste Element desselben
aQyifi- ist also wohl ein Participium Praes. auf -n£, -nd, das sich
vor dem folgenden Labial in m verwandeln musste, wie in ££aju-
für *äfsand, und wir haben es mit einem partizipialen Compositum
zu thun nach dem Typus aw. >rindat - posana Schlachten
gewinnend1), ap. Winda(h)'farnä, Döraja(h)-wahui. Das Wort
aQytti- finden wir auch in 'AQylp-naoa , dem skythischen Namen
der himmlischen Aphrodite (Her. 4 , 59) , die wir als Göttin der
Fruchtbarkeit aufzufassen haben (vgl. Her. 1 , 105). Im zweiten
Teil dieses Namens erkennt man unschwer osset fuss D fiss T
Schaf (Hübschmann a. a. 0. S. 68 Nr. 295), aw. pasu Vieh,
so dass *A(yyip-ita<sa = skyth. *argmd-pas etwa „ das Vieh schützend*
bedeutet haben muss. Auch hier beobachten wir wiederum, dass
das altiranische Wort pasu- im Skythischen bereits den auslautenden
(unbetonten) Stammvokal verloren hatte, da a offenbar bloss
griechische Femininendung ist Das skythische CtQyifi- = *argvnd
stelle ich zu gr. a^xio) .abwehren, schützen*, lat. arceo, arm. argel
»Hindernis", np. arg „Zitadelle* (Hübschmann, Arm. Gr. I 423.
Horn, Neupers. Etymologie 18 Nr. 73). In dem Vokal i der
Endung darf man wohl den Charakter des Causativums sehen. Da
die Skythen ein Nomadenvolk waren, dessen hauptsächlichster
Besitz in seinen Herden bestand, so werden wir uns nicht
wundern, dass der Name ihrer Göttin der Fruchtbarkeit eine
Beziehung auf jene aufweist. Wenn ich mich nicht täusche,
entstammt auch rovtoovqoq, der Name des skythischen Apollon,
derselben Begriffssphäre: in -GVQog hat man längst aw. süra
stark gesehen, yono- nehme ich, wenn auch nicht ohne Bedenken,
= aw. gae&a , ap. gai&a (Beh. I 65) Herde. Freilich weiss ich
für die Transskription von skyth. ai durch gr. oi kein anderes
Beispiel, da oloq = *w<rir- nicht ganz sicher ist
Die Richtigkeit der obigen Deutuifg des skythischen -naiog
wird bewiesen durch eine andere, bisher arg misshandelte Glosse.
Nach Angabe der Issedonen wohnten über diesen die einäugigen
({lovvöcp&cdfxot) Menschen, wie die Hellenen durch Vermittlung
der Skythen gehört hatten , xccl ovvofid^ofisv avtovg g%v&i<stX
'AQtpaanovg' agificc yao xakiovct Znvftai, öitov tih &q>dakp6v
(Her. 4, 27). Neu mann, Die Hellenen im Skythenlande I 195
hat den skythischen Ursprung der Etymologie bezweifelt, Zeuss
dagegen2) hält sie für eine „philologische Fabelei* und lässt die
Wahl zwischen zwei Erklärungen: entweder 'Agi-paoitol, „zum
häufigen ort und dem persischen Volksnamen Mdöniot (Her. 1, 125),
oder Agip-ctojvol , mit dem häufigen asp*. Sein gegen Herodots
Deutung angeführter Grund, dass der Name, wenn er eine Wurzel
cnov enthalten hätte, mindestens 'A^ifiaanovol oder 'Agipacnvol
') Jackson, Avesta grammar p. 243,44 §888.
*) Zeuss, Die Deutschen und ihre Nachbarstämme 299 Anm.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 91
wiedergegeben sein müssfce, ist indessen ganz hinfallig, und die
zur Stütze dieser Behauptung angeführten Beispiele sind gänzlich
unbeweisend. Enthielt der Name als zweiten Bestandteil ein Wort,
das die Ionier durch citoü wiedergaben, so bildeten sie naturgemäss
vom Nominativ Aoi^adnoHig einen Plural Agifiaonoi . Die Frage
kann also nur sein, ob die überlieferte Accentuirung richtig und
der Name statt als iävtovov nicht vielmehr als nsoiöTrobut vov zu
sprechen ist. Aber die Endbetonung beweist auf alle Fälle, dass
die Griechen in dem Namen nicht das ihnen aus einer grossen
Anzahl von Personen- und Stammnamen geläufige iranische aspa
„Ross* gesehen haben. Dies lässt sich übrigens schon daraus
schliessen, dass der Name im Griechischen kein a-Stamm ist, wie
die Namen auf -aspa (-acjwjc, -cusnai) fast durchweg, sondern
ein o-8tamm.
Ganz in Zeuss' Fusstapfen wandelt Müllenhoff. Bei Herodot,
„der in geographischen und geschichtlichen dingen sich arge
nachlässigkeiten zu schulden kommen liess, darf", wie der Ver-
fasser meint, „ungenauigkeit in sprachlichen noch weniger befremden,
da er selbst, der scythischen spräche unkundig, von der aussage
der Olbiopoliten abhängig war, die volkssage aber allenthalben
gesuchter und verkehrter deutungen' voll ist (J. Grimm kl.
Schriften I 304)." Als ein bezeichnendes Beispiel einer solchen
gesuchten Deutung gilt ihm 'Agiftaanol. Zwar erkennt er selbst
an, dass aw. dhrima „Einsamkeit*, wozu er aus Justi's Handbuch
der Zendsprache S. 31 „zd. arm&shad ,einsam sitzend' , osset.
tagaur. ärmägt adv. ,bloss, allein'" vergleicht, auf ein adj. *arima
= fiovog schliessen lasse, und für tsit&ü „Auge" hatte schon
Jakob Grimm, Gesch. der deutschen Sprache 233 an unser
„spähen" erinnert, was Müllenhoff näher ausfuhrt: „Wurzel qpa<;
= spak, lat. specto, ahd. spehSn: man vergleiche anzog specus,
pehl. pdi, zd. paqa (statt paku)*. Trotzdem verwirft er Herodo ts
Deutung und behauptet, 'A^ifiaoitol sei „ohne zweifei nichts
anderes als ein compositum von zd. airyama folgsam und
a<4pa, a$p ross, und der name bedeute folgsame pferde habend" 1).
Noch willkürlicher geht Tomaschek zu Werke. Er fälscht
die Glosse aitoü „Auge" geradezu in artog, das er für aw. spas
m. „Späher" (nom. spa£) nimmt, und modifiziert Müllenhoffs
Deutung dahin, dass Aoipaanol „Besitzer von wilden, von Steppen-
rossen" (von aw. atrwia „Einsamkeit, Einöde") bedeute2).
Allein an Herodots Erklärung ist nicht zu rütteln. Schon der
Umstand hätte die Kritiker vorsichtig machen müssen, dass auch
das indische Epos und schon Skylax und Megasthenes ein fabel-
haftes Volk von Einäugigen (ekalöcana) sowie zahlreiche Barbaren-
») DA. IU 105 f.
r\ Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischeu Norden
I 47 == SBWA. Bd. 116, 1888, S. 761.
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J. Marquart,
Völker mit ähnlichen Spottnamen kennen1). Herodots anov d. i.
spou (mit dem im Ionischen und auch noch lange im Attischen
erhalten gebliebenen Diphthong ou, der sich auch im Alt-
lateinischen und Gallischen vorfand und wohl denselben Laut
hatte wie das heutige schwäbische ou aus ahd. ü, nicht
wie das alamannische und mittelfränkische (ribuarische) au =
ahd. ou, got. au) gibt zunächst skythisches spohu, *spaJm
wieder, das älteres *&pafru s= ap. *8pafru, aw. *spasu voraussetzt,
offenbar ein Neutrum auf -u von der W. spas „schauen, bewachen",
wie aw. Inn- „Knie", skt. ydnu-; vgl. auch die Feminina aw.
dazu- . skt. bähü- „Arm*, nasu- „ Leichnam • , tanu- , skt. tanu-
„ Körper*. Wir haben hier somit ein Beispiel, in welchem skyth.
Ä aus & zwischen Vokalen iranischem 8 = idg. k 1 entspricht —
also eine sehr bemerkenswerte Übereinstimmung1 mit dem Alt-
persischen2). Skyth. arima- ist jedenfalls zu aw. atrima- zu
steilen, dass mit gr. fyi;fioc, skt. Irma zusammenhängt a). Darme -
steter übersetzt airime-gütüm Wend. 9, 133. 137. 141. 14, 21
durch „lieu de reclusiou, d'isolement", dagegen das damit zusammen-
gehörige airimüahhaöö Jt. 13,73, armae-äaiSf Js. 62,8 soll
ebenso wie armaesta Wend. 6, 30. Jt. 5 , 78. 6,2. 8, 41 , phl.
armfit bedeuten „qui ne bouge pas* 4). Allein das ist jedenfalls
nicht der Wortsinn dieser Adjectiva, die nur bedeuten können
„in der Einsamkeit sitzend bezw. stehend". Wenn diese Ausdrücke
nicht bloss von den während des Zustandes der Unreinigkeit von
der Berührung mit andern abgesperrten Personen, sondern auch
von stehenden Gewässern gebraucht werden, so ist ja bekannt
genug, dass alle abflusslosen Gewässer in Iran in Sümpfen in
der W ü s t e enden. Man wird also aus dem aw. Neutrum
afrima ein Adj. *arima „ einsam" ableiten können, von wo aus
der Bedeutungsübergang zu „ vereinzelt , einzig" mdit mehr sehr
weit ist. Im Ossetischen bleibt allerdings aw. ft, im Unterschied
vom Skythischen und Neupersischen, auch zwischen Vokalen als
tL erhalten, z. B. fäVän »Breite", nw. pafrana; dig. atä „so",
aw. a&ab). Für „Weg, Strasse" gebraucht das Ossetische das
») M. Bh. III 297 v. 16137. I p. 748. Skyl. von Karyanda bei
Tzetzes, Hist. VII v. 688. Vgl. Rein hold Issberne r, Inter Scylacem
Carvandensem et Herodotum quae sit ratio. DU«. Berlin 1888 p. 5.
Megasthenes bei Strab. p 1, 9 p. 70. i* 1, 57 p. 711. Gellius IX 4.
Vgl. Lassen, Ind. Altertumskunde II2 656 Anm. 1. — Dagegen darf
man sich nicht auf die ehawilövana des Waräbamihira. Brhat-Sainhitä
XIV 23 transl. by H. Kern (JRAS. V, 1870, p. 85) berufen, die in
den Nordwesten (neben die Sülika (Sogdiauer), Langhälse, Langgesichter
und Langhaarigen) verlegt werden, da dieselben wahrscheinlich aus
griechischer Quelle stammen.
2 Vgl. Hlibschinanu, Pers. Stud. 210 ff.
*) Den Hinweis auf das indische Wort verdanke ich Prof. Kern.
«) Le Zendavesta II 83 n. 97. 524 n. 125.
») Hübschmanu, Etymologie und Lautlehre des Ossetischen
S. 96 § 20, b.
r
d by Qpogle
Untersuchungen rar Geschichte von Eran. 93
Wort digor. fandag, tagaur. fändäg = aw. parttan, skt pant'an l).
Allein wir dürfen nicht vergessen, dass das Ossetische ja nicht die
Tochter des Skythischen, sondern einer Schwester desselben, des Ala-
nischen ist, das nicht einfach mit jenem identisch gewesen sein wird.
Obige Beispiele liefern uns auch den Schlüssel zum Ver-
ständnis anderer skythischer Namen, wie 'l^aft-ßo-Offtoc Latyscheff
II 427 bis und Ska(x-cpcoxavog ib. II 447. Letzterer Name ist von
besonderer Wichtigkeit, da sein erstes Element £urp- = *chsijani-
unzweideutig ein Part. Praes. der W. ch&i „herrschen" ist und so
t meine Auffassung des Namens 'Aiyca-j-Cctg (auch in ^Aqxaliaaccxa
Strab. ut 14, 6 p. 529 d. i. *Artaehäya8-öät .Freude des Artaxias',
der altern Form des Stadtnamens 'AQtd£ara, ArtaSat), später 'Aqtcc-
£ijc, arm. W^tuius^u ArtaUs stützt. Da Artaxias sich um
189 v. Chr. gegen die Seleukiden empörte, so ist es sehr wohl
möglich, dass man damals im mazdajasnischen Kleinasien noch den
richtigen Nominativ eines Part. Praes. bilden konnte und bildete.
Ilaben sich doch altpersische Namen in Kappadokien und besonders
im pontischen Königshaus bis in die römische Zeit herein erhalten,
nachdem sie in Pars selbst längst ausgestorben waren. Einmal
geprägt, wurde der Name Arta-chäqjqs ^Aqra^Cag aber in dieser
Form weiter vererbt, geradeso wie die kappadokisch • iranischen
> Monatsnamen, und hat dieselbe auch als Lehnwort im Armenischen
behalten2). Eine Form der Wurzel chh' liegt auch im Namen
Ebi"y6öig (A%ai{dvov) Latyscheff II 446. 455 vor, dessen zweiter
Teil als erstes Element in IboWavos und r&öl-yccoog vorkommt und
von Justi, Namenbuch 495 durch osset. gliiod Ochse erklärt wird.
Wir werden von vorne herein erwarten dürfen, das auslautende
nt bezw. nd des ersten Gliedes in derartigen partizipialen Composita
vor dentalem Anlaut des zweiten Gliedes in der Form n, vor voka-
lischem Anlaut in der vollen Form nd bezw. nt auftreten zu sehen.
Ersteres ist in der That der Fall, z. B. in \Tdav#votfoc Her. 4, 76.
120. 126 f., Megasthenes bei Strabon te 1, 6 p. 687 = *idant- aus
*widant- mit Schwund des anlautenden w, wie im Ossetischen8);
vgl. aw. vridat- in Widat-ga Fraward. jt. 127, Wida£hwar9nö ib.,
pers. 'ntonrig Ktes. bei Diod. 2, 5, 1 = ap. *WidaiJi)-a8pa, Aman
Ind. 5, 5 schreibt jenen Namen in seinem Citat aus Megasthenes
'IM&vqisig, das mehr zu ap. medisch Wtnda{hyfcarna% parthisch
*Tvöo~(ptQpYig (oben S. 4 und Anm. 5) stimmt, in seinen Parthika
dagegen 'Iavövoog*). Vor vokalischem Anlaut finden wir, ganz
der awestischen Bildung entsprechend, Bavdd-a<Sitog (ein Jazyge)
Kass. Dion. 71, 16, 1 = aw. *wanat-aspa „siegreiche Rosse be-
sitzend' Müllenhoff, DA. IH 119. Justi, Namenbuch 347.
') Hubschmann a. a. 0. 8. 64 Nr. 272.
*) Siehe diese Unters. I 71.
») Wb. Miller nach Hanusz, WZKM. I 155.
*) Siehe diese Untere. I 32.
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94
J. Marquart,
Von hier aus wird vielleicht mit der Zeit auch einiges Licht
auf die rätselhafte Geographie der hyperhoreischen Geschichten des
Hekataios von Abdera fallen. Nach diesem führte der nördliche
Ozean vom Flusse Parapanüos an, da wo dieser Skythien bespült,
den skythischen Namen Amalchios (richtig AMAIXIOC) d. i. ge-
froren (*ham-aichtfa, oben S. 84). Einen Fluss jenes Namens
suchen wir bei den griechischen Geographen freilich vergebens,
und das Nächstliegende w&re daher die Annahme, dass der Fluss-
name dem des Paropanisosgebirges entlehnt sei, wie Müllenhoff
meint1). Ich halte es in der That sehr wohl für möglich, dass
Hekataios, ein Zeitgenosse Ptolemaios' I., in erster Linie einen vom
Paropanisos kommenden Fluss, nämlich den durch den Alexander-
zug bekannt gewordenen Xo&awrig d. i. den Swät-Pangkora im Auge
hatte, indem er das an diesem zu suchende sagenhafte Nysa mit
den Hyperboreern der hellenischen Sage verknüpfte, die man bis
zum Nordmeer reichen liess, und jenen Fluss, gewisse Andeutungen
des alten Hekataios umdeutend, in die Nähe von Skythien ver-
setzte9). Damit ist jedoch noch keineswegs erklärt, wie der nörd-
liche Ozean einen skythischen Namen führen konnte. Vielmehr
werden wir, da der Name des gefrorenen Meeres unzweifelhaft eine
skythisch- iranische Glosse ist, auch dieses Meer selbst, welches den
realen Hintergrund der phantastischen Schilderungen des Hekataios
gebildet haben muss, samt jenem Flusse im Bereiche der pontischen
Skythen suchen müssen. Sollte der Name Parapanisos etwa mit
einem ähnlich klingenden eines ganz anderswo gelegenen Flusses
vermengt worden sein? Er erinnert in seinem zweiten Teile an
den mehrfach vorkommenden Flussnamen Upanis, attisiert " Titavig.
Freilich der aus Herodot bekannte Fluss dieses Namens, der heutige
Bug, kann hier nicht in Betracht kommen, allein denselben Namen
führte auch der heutige Kuban *), und hier lassen uns die physischen
und klimatischen Verhältnisse begreifen, auf welche Weise sich
Hekataios seine Vorstellungen gebildet hat. Schon Herodot 4, 28
berichtet über die ausserordentliche Kälte in Skythien : 8vc%tl^og
81 afari rj xcnaU%fclaa itaaa x6qt\ otfrw Sri Tt *v^a X0*>S fdv
dura tc&v pjvöv acpo^xog olog yLvtxai *(>vp6g, iv xoioi titinq h%iag
nr\\hv ov noiytsng, tcvq 8i avaxafov noi^aug DnjAov]: r) de &d-
Xaöou [d. i. die Maiotis] nv\yvvxcci xal 6 BdönoQog nag 6
KifxulQiog, %al inl rotf xqvOxaXkov ol ivxbg <1%> xutpqov £xv&ca
xaxotxrjiUvot axQoxtvovxat xal xotg ccuu^ag indavvovct niqr\v ig
xovg Hn'öovg. o$xa> fikv d^ xovg öxrcb fiijvag Sucxtliti %etfubv
xovg 8 littXotrcovg xiaasoag i/wjrfa ctvxtöi icxL So übertrieben
und ungenau diese Schilderung auch ist, so erklärt sie uns doch,
wie sich die Vorstellung bilden konnte, dass die Maiotis sich
bis in die Polarregion erstrecke und mit dem nördlichen Ozean
*) DA. I 424.
«) Strab. ta 2, 9 p. 494. 10 p. 495.
*) Siehe Nachtrag.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
95
zusammenhänge *). Dass die Maiotis bis zum kimmerischen Bosporos
zufriere, berichtet auch Strabon2). Am deutlichsten war diese
Naturerscheinung gerade beim Ausfluss der Maiotis in den Pontos
zu beobachten, und es ist daher verständlich, warum Hekataios
das gefrorne Meer der Skythen, das er mit dem nördlichen Ozean
gleich oder in Verbindung setzte, beim Flusse Parapanisos d. i.
dem Kuban beginnen Hess, der gegenüber Pantikapaion seine
Arme in den Pontos und die Maiotis sendet. Parapanisos
bedeutete vielleicht »der jenseitige (östliche) Upanis" im Unter-
schiede von dem gleichnamigen westlichen Flusse; vgl. skt. para
entfernter, jenseitig, osset fcdlag gegenüberliegend (Hübschmann,
Etymologie und Lautlehre des Ossetischen S. 65 Nr. 274, 3). Da
der Kuban im nordwestlichen Kaukasus entspringt und am
Nordfusse desselben dahinfliesst, so ist es wohl denkbar, dass die
Begleiter bezw. Gescbichtschreiber Alexanders, welche den Namen
des Kaukasus auf den HindukuS übertrugen und im Jaxartes
den Tanais wiederzufinden glaubten, auch durch den einheimischen
Namen des indischen Kaukasos an den grossen nordkaukasischen
Fluss erinnert wurden und so Hekataios' Parapanisos dazu beitrug,
dass der altere Name IlaQvi\c6q für *IluQiSf\v6s durch die jüngeren
Formen üu^OTtavioog Ilcc^onoifwsog verdrängt wurde — also
v umgekehrt als Müllenhoff sich die Entwicklung vorstellte.
Hekataios hatte ferner von einer von den Hyperboreern
bewohnten Insel 'EXti^ouc gesprochen, die über dem Fluss
Ku^afißwucg im Norden liegen und nicht kleiner als Sizilien sein
sollte. Nach diesem Flusse hiessen die Bewohner KaQa^ßvxm.
Aus Plinius ersehen wir, dass Hekataios den Fluss Karambykas
auf den Ausläufern der Bipäen8) entspringen liess, an welche er
die mit den Hyperboreern in Verbindung gebrachten Arimphaeer
(Herodots 'AQyiiataioi) setzte. Auf Hekataios geht wohl auch in
letzter Linie die Verlegung der Issedonen nach dem Westen, in
die Nahe der Maiotis und des Kaukasus zurück4). Über den
KccQaiißxnucg wage ich noch keine bestimmte Vermutung aus-
zusprechen, so lange nicht klar ist, was der fabelhaften Insel
EUiout zu Grunde liegt Ich bin aber überzeugt, dass wir
*) Siehe meine Osteuropäischen und ostasiat. Streifzüge S. 162.
*) Strab. ut 2 , 8 p. 494 : pt%Qi yctQ ösüqo (bis zum kimmerischen
Bosporos) xal 6 xQvaxcdlog ötaxeLvsi, itrftxo\t,lvr\g xfjg Mctimxidog xccrä
xoyg XQVfioiig mors ite£BV(öfrai. £ 8, 18 p. 307 : tmv dh itäyav i\ acpodgdxrig
fuuiaxa ix x&v 4fvy,ßatv6pxa>v Ttsgi xb tfröpa xtfg Maimxidog öfjXog taxiv,
ccfucj-tvexcci yctQ 6 diaitlovg ö slg ^avay6geucv ix xov TIccvxixcMcdov,
aaxt xal nXovv slvai xal ödöv. Plin. 4 , 87 : Haec ibi latitudo Asiain
ab Europa separat, eaque ipsa pedibus plerumque pervia glaciato freto.
Uber das Zufrieren des kimmerischen Bosporos und des nördlichen
Teiles des Azowschen Meeres vgl. die von Stein zu Her. 4, 28
angeführten Worte Neumanns, Die Hellenen im Skythenlande I 65.
*) Siehe die Stellen bei Müllenhoff, DA. I 424*.
*) Plin. 6, 21. Mela 2, 2, 13. Anders Müllenhoff, DA. III 53.
i
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96
J. Marquart,
dieselbe nicht irgendwo hoch im Norden suchen dürfen. Auf
alle Fälle dürfte die Übereinstimmung des zweiten Teils von
KctQafißvxaQ mit dem Namen des Flusses Bvxrig oder Buces
westlich von der Maiotis, welcher in den lacus Buces d. i. das
Faule Meer (Siwasch) mündet 1), kein blosser Zufall sein. Freilich
kann der unbedeutende Bykes, in dem man wahrscheinlich die
heutige Nogaika, nach andern die Molocuaja woda zu erblicken
hat 2), sachlich mit dem Karambykas des Hekataios nichts zu thun
haben, zumal hier auch eine bedeutendere Insel völlig fehlt.
Dagegen würde sich Hekataios' Darstellung am einfachsten
erklären, wenn wir unter dem KaQa(ißvxag einen der beiden
Hauptarme des vielnamigen Kuban verstehen dürften. Vgl.
Mela 1, 112: obliqua tunc regio et in latum modice patens
inter Pontum Paludemque ad Bosphorum excurrit; quam duobus
alveis in lacum et in mare profluens Goracanda paene insulam
reddit. Nach dem südlichen , in eine Lagune und durch diese
in den Pontos mündenden Arme des Goracanda war der Ort
KoQoxovddfxrj benannt3). Das Land am Kuban war nachmals
von den KaSak (Öerkessen) bewohnt, deren ausserordentliche
Körperschönheit und Anmut schon den Arabern Bewunderung
abnötigte. Der ritterliche Sinn der Öerkessen wird noch heute
von allen Reisenden gepriesen. Im 10. Jahrhundert waren sie
berühmt wegen ihrer unübertrefflichen Leinen industrie 4) , und
KJ V
noch bis in unsere Zeit galt die Obstzucht im Cerkessenland als
musterhaft. Es bliebe daher vor allem aufzuhellen , wie sich
Hekataios das Verhältnis zwischen seinen beiden Flüssen Parapanisos
und Karambykas gedacht hat.]
5. Ober einige Inschriften aus Kappadokien5.
In der Gegend westlich von Kaisärije hat Herr Anastasios
M. Levidhis in Zindzi-därä am Argaios mehrere merkwürdige
Inschriften aufgefunden, von denen er Abschriften an Herrn
Dr. Zimmerer geschickt hat.
Levidhis gibt von dem Fundgebiet seiner Inschriften folgende
Beschreibung, die ich möglichst mit seinen eigenen Worten
wiedergebe :
Der Flecken Arebsun — auf Kiepert's Nouvelle carte
') Mela 2, 2. Plin. 4, 84. 88. Ptol. 3, 5 p. 199, 6. 18.
») Siehe Tomaschek, Pauly-Wissowa's RE. III 15 s. v. Bykes.
s) Strab. t«, 2, 8. 9 p. 494.
J) Vgl. Mas'üdT II 45 ff.
&) Dieser Aufsatz ist zu Weihnachten 1898 fertig gestellt worden
als Beitrag zu dem Reise werk von Roman Obernummer und
Heinrich Zimmerer, Durch Syrien und Kleinasien (Berlin 1899).
konnte dann aber in demselben nicht mehr aufgenommen werden.
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Untersuchungen
Geschichte von Eran.
97
generale des provinces asiatiques de l'Empire ottoman (1884)
Yarapison, bei Levidhis hellenisiert 'Aqaßiöaog, das alte Zo$o7taoa6$
in der <pi$twf\yi* MovQucvij (Morimene) PtoL 5,6 p. 841 , 26 *)
— liegt am linken Ufer des Halys und ist von KävSähir
4 Standen entfernt. Es ist der Sitz des Qäimrnaqäms des
gleichnamigen Qazä (vno6u)£x*i<stg), das im N. vom Sandzak Jozgat,
im 0. vom Sandzak Kmsärije, im W. von den Sandzaks Aq-serai
und Qyr-äary (Kur-seher, alt Garsavira-Archelais) und im S. vom
Qazä Nav^&ir n»d dam Sandzak Kigde (naeh L. das alte J£a*>«)
begwnzt wird«). In kirchlicher Beziehung untersteht der Bezirk
4er Jurisdiktion des Metropoliten von Ikonion , politisch ist er
unmittelbar vom Sandiak Nigde, mittelbar vom Wüäjet Konia
abhängig. Der Ort gewährt einen hübschen Anblick, besitzt
Pachtgüter und Weinberge und 400 türkische und 4&0 griechisch-
orthodoxe Häuser. Die Orthodoxen, Kolonisten von Savatra3),
reden ein verdorbenes Griechisch; ihre alte Kirche, anf den
Namen des hj. Demetrios geweiht und in Felsen gehauen, ist
man baut jetzt anf ihrer Statte eine neue
ans Steil. Bei der Kkche haben sie eine neuerbaute Schule, in
wekfeer jetst provisorisch Gottesdienst gehalten wird. Heben
dieser gibt es eise Koapnjijialschule und eine Klemkinderschnle;
als Mädchenschule dient ein Privathans. Das alte Regierungs-
gebäude dient jetxt als Apotheke, das neugebaute enthalt alle
Bureaux der Regierung und in der Nähe das Post- nad Tele-
graphenamt, welches vpr knrzeni auf kaiserlichen Befehl entstanden
ist Bei denselben ist das Mäktäb-i ru&dijä (-*ix£.
oder die Schule der Jünglinge, und bei diesem eine alte Mädrasä
(67tov$aö%tjQiov) mit einer ansehnlichen Bibliothek von türkischen
Büchern, eine Stiftung des aus diesem Flecken gebürtigen
Silähdär Qara Wezir Mähämäd Pascha, welcher das kleine
Dorf unter dem Namen Gul-Sähri (f Rosenstadt*) zu einem
Flecken erhob u#d darin im J. 1193 JJ. einen schönen heiligen
Bezirk (tiu*voc, Jar»w») mit ejnem Turme und einer Kuppel
gründete. Die Säulen dieses Qaram und seiner Vorhalle, sämtlich
aus Marmor, wurden aus den 6 Stunden entfernten Ruinen einer
zerstörten Stadt übergeführt, auf welcher jetzt das Dorf Kostasyn
liegt, unter dem eine vollständige kappadokische Stadt und
Kirche an der Oberfläche liegt.
Um Arebsun gibt es sehr viele alte TroglodytendÖrfer. Von
diesen sind zu nennen Kdrotdia-iar , l1^ Stunden von Arebsun.
*) Vgl. W. M. Ramsay, The hiaiorical geograpby of
Minor p. 287. R. Geogr. Soc. Supplementary papers Vol. IV.
*) Im Säl-nämä bei Kiepert, Nouvelle carte generale
Arebsun und Aq-serai nicht als eigene Qasi's aufgeführt.
*) Vgl. Ramsay 1. 1. 348.
Marqu»rt, Untwiuohong«. H. 7
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98
J. Marquart,
Aus einem Hügel in der Nähe dieses Dorfes wurden die unten
zu besprechenden Inschriften nach Arebsun gebracht, und Levidhis
zweifelt nicht daran, dass, falls jener Hügel ausgegraben würde,
noch andere ähnliche Inschriften zu Tage kommen würden; ferner
westlich davon das Dorf Basan-samid , mit .alten Zisternen und
Höhlen Wohnungen ; nach Norden das Dorf Agri-K'ojü mit alten
Höhlen, genannt Gjawur-ini; das 2 Stunden entfernte Awrän-
bumu mit einer griechischen Felseninschrift und einer Höhlung,
in welcher Bienen eine Unmenge Honig gesammelt haben ; Satan-
8ar mit alten Ruinen und Pfeilern; Sol-channy mit Ruinen
namens Zijarät d. i. Verehrung; Salanda jenseits des Halys, von
wo die Einwohner des zum Flecken Indzä-su gehörigen Quartiers
Salanda verpflanzt worden sind, mit sehr vielen Höhlen Wohnungen
und einem Hügel namens KejiSlik, d. i. Wohnung der Mönche;
Diämäl mit dem Berg Chyrka1), einem erloschenen Vulkan mit
sehi* grossem Krater, und mit den Ruinen einer Burg byzantinischer
Zeit; Barach, wo sich ein Grabstein mit Inschrift gefunden bat
(s. u.); Tallar, wo zwei Marmorsteine mit Inschriften gefunden
sind. Tatlar ist ausserdem bemerkenswert wegen seiner vul-
kanischen porösen Steine, wegen der Bruchstücke von schwarzem
Basalt, ferner durch seine merkwürdigen Höhlen, die späteren
ausgegrabenen Wohnungen, die alten auf die Hellenen zurück-
gehenden Gräber, die wahrscheinlich zur Zeit der Christen-
verfolgungen als Zufluchtsstätte dienten2).
In der Umgebung von Kostasyn liegt Stwasa Zyßccact, nach
L. das alte S^ßc«sa8), das unter und auf der Oberfläche viele
alte Ruinen besitzt. Hier befinden sich auf einem Felsen die
Reliefbüste eines Mannes und die Ruinen einer byzantinischen
Kirche , deren Altarraum noch vorhanden ist , indem die Kuppel
desselben auf sechs behauenen Pfeilern ruht, die Bilder aber, die
aus dem Jahre 718 n. Chr. datieren, schön erhalten sind4). Neben
Siwasa ist eine Felskette von porösem Gestein, und auf einem
dieser Felsen befindet sich eine schwer lesbare griechische Inschrift,
sowie eine Grabschrift unter der Erde. Zwei Stunden sw. von
Kostasyn liegt das türkische Dorf Dadasyn mit vielen alten
Ruinen und einer byzantinischen , kreuzförmig gebauten Kirche
mit fünf Kuppeln, die auf sechs Pfeilern ruhen. In der Nähe
l) [Vgl. Roman Oberhummer und Heinrich Zimmerer,
Durch Syrien und Kleinasien S. 143. 220.]
■) [Vgl. Oberhummer und Zimmerer a. a. 0. 238f., welche
den Namen Tatlarm schreiben.]
■) S. aber Ramgay a. a. 0. 339 f., welcher zeigt, dass Thebasa
zu Lykaonien gehörte, und ea in der Gegend von Kara-bunar auf
dem Wege von Aq-serai nach Qaraman sucht.
*) [Vgl. die Beschreibung bei Oberhummer und Zimmerer
S. 232 f., wo der Ort Soasa heuwt.l
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
99
des Dorfes Kälnsin ist ein Hügel Ar&il-höjügi genannt, unter
welchem sich in Stein gehauene Höhlen befinden, von denen die
meisten abgesondert sind. An der Kuppel einer dieser Höhlen
ist eine grosse Öffnung mit einem steinernen Verschluss1).
Südöstlich von Arebsun finden sich Holztürme (futawot),
in welchen ausser alten in Fels gehauenen Wohnungen auch in
Fels gehauene Tempel vorkommen, wie in Acyk-sarai*), Görenie,
Soandos [Nav-Sähir] u. a. Einer derselben heisst zweistöckige Kirche
der Erzengel (ta^idffxai). Dort sah unser Gewährsmann am Giebel
y der Kuppel des Altarraumes, wo sich auch Heiligenbilder erhalten
haben_, eine schwer lesbare griechische Inschrift mildem Datum
Z*PKA € SN IC MHJSI AÜPIAIO HS KC. Bezieht
man dieses Datum auf die Weltära (6721), so entspricht es dem
Jahre 1218 n. Chr. Sollte aber der erste Buchstabe ^ nicht
zum Datum gehören , sondern Abkürzung für slg rot hr\ sein , so
erhielte man *PKA =721 n. Chr. Letzteres hält der Entdecker
für wahrscheinlicher, da das folgende bedeute t{xog) iv{(Saq%foCitog)
'/7j(j(ot5) fiijvt 'AtcqiXIco tlg rag xe. Ahnliche Inschriften sah er
nämlich auch in Göreme und Soandos, und die Heiligenbilder
zeigen nach ihm, dass sie Werke des 8. Jahrhunderts sind.
Westlich davon befindet sich eine Öffnung, in welcher eine
> Felsenhöhle ist mit Arbeitshütten auf beiden Seiten, und ein
sogenannter finsterer Markt, und dabei ein in Fels gehauenes
Fort mit vielen Stockwerken auf einem Felsen, Sorgun- Kalesi
genannt; dann viele alte in Stein gehauene Wohnungen, und bei
denselben aus Stein gehauene Denkmäler auf einem Felsen.
Das Gebiet der im Vorstehenden beschriebenen Ruinen fällt
— mit Ausnahme von Salanda — vollständig innerhalb der
alten Strategie Morimene (Ptol. MovQtuvij d. i. MURI[M]ANA).
deren Umfang Ramsay 1. 1. p. 287 — 296 zu bestimmen gesucht
hat (vgl. auch die Karte zu p. 196). Morimene hat ebenso wie
die Strategien Garsauritis und Tyanitis, soweit die geschichtliche
Kunde reicht, stets zur Satrapie Kappadokien gehört, im Gegensatz
zu dem östlich daran grenzenden Kilikien. Nördlich von Morimene.
*- in dem später von den gallischen Trokmern besetzten Lande, also
im Gebiete der grossartigen Ruinen von Boghaz-köi und Üjük,
sassen die wahrscheinlich mit den Paphlagonen näher verwandten
Matiener8), eine im Westen zurückgebliebene Abteilung eines
Volkes , dessen Hauptmasse sich ehemals weit nach Osten ver-
breitet hatte4). Die Grenze zwischen ihnen und den Phrygern
*) Nach Leon Diakonos p. 85 hiessen die frühem Bewohner dieser
Gegend Troglodyten. Vgl. Ramsay a. a. O. p. 293.
«) [Über diesen Ort Oberh ummor und Zimmerer S. 144f. 248.]
•) Her. 1, 72. 7, 72. Hekat. fr. 189.
*) Vgl. Th. Rein ach, ün peuple oublie', les Matienes. Rev.
de» e'tudea grecques 1894, 316. [S. aber unten.]
7*
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100
J. Marquart,
bildete der Halys, Auf beiden Seiten des Mittellaufes desselben,
d. h. soweit er eine ostwestliche Richtung bat, wohnten die
Kiliker. Darnach könnte es scheinen, als ob auoh Moriinene zum
Gebiete der Kiliker gehört hätte. Allein dies würde allem, was
wir über die politische Entwicklung des Landes ermitteln können,
zuwiderlaufen. Dagegen finden wir in späten byzantinischen
Bistumslisten einen der Metropolis Mokissoe (Kir Seher) unter-
stehenden Bischofssitz Mcmavif aufgeführt, dessen Name sich in
dem heutigen Dorfe Macan, wenige englische Meilen östlich von
Navsähär erhalten bat, neben einer der auffallendsten Gruppen
von in Felsen gehauenen Häusern, Kirchen und Gräbern, die in
Kleinasien existieren Der Schhiss drangt sich ohne weiteres
auf, dass sich in diesen Merrtavtj (Macan) die Erinnerung an die
Matiener erhalten bat, und dass diese einst nicht bloss das Land
östlich vom Halys, soweit er eine südnördlicbe Richtung hat,
etwa bis zur Einmündung des Delidze-Irmak , sondern auch das
Gebiet zu beiden Seiten des Halys von da an t wo er eine nord«
westliche Richtung einschlägt (etwas oberhalb von Arebsnn) bis
zu dem grossen Knie bei Ihikur-agha, wo er sieb direkt nach
Norden wendet, inne gehabt haben. Wenn dies Land auch spater
zu Kappadokien gerechnet wurde (Her. 5, 52), so war es zur Zeit
des Kroisos von Matienem bewohnt und nicht, wie Pteria, von
Kappadoken.
Im Osten stiess Moriinene an die Strategie Kilikien am
Argaios mit der Hauptstadt Md&nut* d. i. wohl ,die Mazda-
stadt ■ «). Die armenische Pom UW<«£ Maiate würde ein
grieeb. *M&Zax* voraussetzen und ist wahrscheinlich nach dem
Moc6% = yffü der LXX gemodelt. Diese Landschaft, assyr.
Ckilaku, war einer der Gaue von TabaL das etwa den beiden
Kappadokien der hellenistischen Zeit entspricht, und bildete den
Ausgangspunkt des spatern kilikischen Reiches *). Das Königreich
Chiluki wird zuerst von Salmanasssar II. im Jahre 85$ v. Chr.
genannt. Sargon unterstellte Cbilakku dem Tabalüer Ambaris,
dessen Vater ChullT den tabaläischen Gau Bit BuritiS beherrscht
hatte, Hess ihn dann aber, als er sich mit Urs* von Urarti und
Mitä von Muski in Verbindungen einliess, mit seiner Familie und
den vornehmen eres Ii an oes nach Assyrien aeportieren und
siedelte Assyrer im Lande an und machte es zur Provinz4).
Sanherib hatte später gegen die Bergbewohner von Chilakki
*) S. Ramsay 1. L 295. [Oberhummer und Zimmerer
a. a. O. 182.2451]
«) Strab. iß 1,4 p. 534. 2 ,7 p. 587/38. Über den Umfang von
Kilikia vgl. Ramsay t I. 808ff.
*) S. jetzt H.Winckler, Altor. Forsch. II. Reihe Heft 3, S. 117 ff.
«) Sargon, Prunk inschr. 29-82. KB. II 57. Vgl. Winckler, Altor.
Forsch. I. Reihe S. 365. D. Seihe S. 121.
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Untersuchungen xur 4JrescMchte von Eran. 101
au kämpfen, nennt aber keinen König des Landes. Doch tritt
uns ein solcher, namens Sandasarrne , wieder beim Beginne
der Regierung Asurbanipals ($68) entgegen, welchem er seine
Huldigung in Nuyve darbrachte1). In 4dese .Zeit fallen die An-
fange des spätem kilikischen Grossreiches , das sich bald auch
südlich vom Tauros über die alte Landschaft Qu% (Qäwe Salm.
Obel. 101, KB. I 140, hebr. nnp 1 Kön. 10, 28)*) mit der
Hauptstadt Tarsos (Tom") ausdehnte. Es war für den neuen
Staat eine Lebensfrage, sich die Küste von Que* und damit den
: Anteil am Seehandel zu sichern. Dies führte aber naturgemäss
dazu , dass die Könige von Kilikien ihre Residenz vom Argaios
nach dem weit kultivierteren Tarsos verlegten.
Das Königreich Kilikien lag nach Her. 5, 52 zwischen Kappa-
dokien und Armenien und reichte bis zum Euphrat. Der Haiys
floss m seinem Oberlauf durch kilikisches Gebiet (Her. 1 , 72).
Darnach umfasste Kilikien die Landschaften Melitene, Kilikien
am Argaios zu beiden Seiten des Halys, Kataonien nördlich und
KtXixUt ittöuxg, das alte Qu6, sowie KiXtxla ^ roo^na oder Ktr}xlg
südlich von Tauros8). Nach Strabon hätten auch Akilisene
<Eke*eac' mit der Hauptstadt Erez-Erzingjan) und die Gegend
um den Antitauros*), d. i. die hocharmenischen Landschaften
^ Mzur (Mov&ityw) und Paranah vor der Erhebung des Zariadris
und Artaxias (um 190 v. Chr.) zu Kataonien, d. h. ehemals zu
Kilikien gehört5). [Doch ist es zweifelhaft, ob die Nachricht
von einer ehemaligen politischen Zusammengehörigkeit dieser
Landschaften in dieser Form chronologisch genau ist. Durch
Ihn Serapions Beschreibung des Euphratlaufes wissen wir nämlich
jetzt , dass das vielerörterte Land Mu-U8-[uz- , t*y-)ro", welches
Tiglatpileser I. (um 1020) sich rühmt bezwungen zu haben und
das Salmanassar II. (860 — 825) nach den Beischriften des
schwarzen Obelisken zweihöckerige Kamele, Rinder des Flusses
Irkea, Elefanten und Affen (?) als Tribut brachte«), genau dem
Gebiet des Antitauros nördlich von Malafcja entsprach, welcher
den Namen Muzür- Gebirge führte und sich nicht
t bloss westlich vom Euphrat bis zur Wasserscheide zwischen
Baphrat und Halys erstreckte, sondern auch einen Teil des
Gebirgslandes im Süden des Euphrats etwa bis Erzingjän umfasste 7).
*) Aiurb, II 7&-80. £B. II 178.
*) Fr. Hommel, Gesch. Babyloniens und Assyriens S. 610 N. 8.
*) Vgl. Ed. Meyer, Gesch. des Königreichs Pontos 8. 15.
B. Niese bei Jensen, Hittiter und Armenier (1897) S. 195 f.
*) VgL W. Fabricius, Theophanes von Mitylene 8. 138/39.
») Strab. i« 14, 5 p. 528.
•) TiglatpiL I Kol. V 67-81. Salm. H Obel. KB. 134.35. 150/51.
•) Ibn Serapion, Description of Mesopotamia and Baghdäd,
written about the year 900 AD. Ed. mth translation and notes by
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102
J. Marquart
Der Name des Landes Muzri, welches uns noch im 9. Jh. v. Chr.
als politische Einheit begegnet, hatte sich also als geographischer
Begriff noch mindestens bis ins 9. Jh. n. Chr. erhalten.
Als nördlichsten Zufloss des Euphrats von Westen nennt
Ibn Serapion den iL^J ^j, der im Gebirge ^y1) Muzür im
Gebiete der Stadt Abrlq (Tf^ixif, Diwrigi) entspringt und eine
Tagereise unterhalb Kamach in den Euphrat mündet. Tomaschek
versteht unter diesem Fluss den heutigen Quru-cai oder den
Fluss von Armidan und Hassanowä. Nach ihm kommt der Fluss
von Abrlq, der bis zu seiner Mündung von einem Gebirgszug
begleitet wird und angeblich kurz unterhalb der Festung Abrlq
den Fluss von Zamra aufnimmt , der etwas oberhalb (?) der
Quelle des Lüqija im Muzür-Gebirge entspringt. Unter dem
Flusse von Abrlq ist der heutige Sary;öiöek-su zu verstehen, der
an Diwrigi vorbeifliegst , über den Lauf des Flusses von Zamra,
dem heutigen Zimarra, ist Ibn Serapion aber falsch berichtet und
lässt ihn irrig in den Fluss von Abrlq anstatt unmittelbar in
den Euphrat münden. Der nächste westliche Zufluss des Euphrat,
der Lpjt ^ d. i. der heutige Ango-su von Arabgir*) entspringt
im Gebirge von Abrlq, wenig oberhalb der Kreuzung der von
Malaga kommenden Heerstrasse, und mündet 5 Fars. unterhalb
(richtig: 5 mll oberhalb) der Einmündung des Arsanäs in den
Euphrat. Dann folgt der iü.L>j>. der im Muzur-Gebirge
in der Nähe der Festung Charsana (Xa^aucvov udaxqov) auf
romäischem Gebiete entspringt und nachdem er den aus einem
Berge in der Gegend von Abrlq kommenden c^iit ^ji auf-
genommen , 10 Fars. unterhalb des Nahr Angä in den Euphrat
fallt Es ist der heutige Quru-cai entlang der nach Sebasteia
(Siwäs) führenden Heerstrasse, der \£>yu\ ^gj sein linker, vom
Öicek-dagh kommender Zufluss.
Als Zuflüsse des Arsanäs (Arsanias, arm. Aracani) werden
genannt der ^ujJ! .Wolfsfluss* und der JaäJÜJ! ^j.
Guy le Strange. JRAS. 1895 p. 11. 13. 80. 31. 54f. 315. Vgl. dazu
die Anmerkungen von Guy le Strange p. 57 f. 63 ff. und W. Toma-
schek, Historisch-Topographisches vom obern Euphrat und aus Ost-
Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert S. 138—140. Diese Arbeit
war mir hier in Leiden nicht erreichbar, so wenig als Kiepert1»
Nouvelle Carte ge'ne'rale des provinces asiatiques de TEmpire ottoman,
und ich war daher auf die Notizen angewiesen, die ich mir früher daraus
gemacht hatte.
») In der Hs. immer ohne Punkt.
*) Taylor, J. R. Geogr. Soc. 1868 p. 313. Vincent W. Yorke,
Geogr. Journ. 1896, 2 p. 230 f.
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Untersuchungen zur Geschichte von li-ran.
103
Jener entspringt in einem Gebirge in der Gegend von Qällqalä
(Karnoj k'atak', Erzerum) und mündet angeblich kurz oberhalb
SimSäy (Arsamosata) in den Arsanäs. Der Nahr asSalqif ent-
springt im Muzür- Gebirge, fliesst an zahlreichen Burgen vorbei
und mündet eine Meile unterhalb der Stadt sim§äy und des sie
umgebenden Gebirges. Guy le Strange sah in dem v^^lJJl ^
den heutigen Gunek-su, allein es ist, wie Tomaschek erkannt
hat , der »andere Gailfluss* der Geographie des Ps. Moses
ChorenacH (p. 30 ed. Soukry), der die Landschaft Chorzain im
sog. Vierten Armenien mit dem Hauptort Kotoberd (Burg Kot)
oder Kei, das spatere Bistum Ke-r1) durchströmte, der Li£ik-su
der qacaba Qyyy (aus dem armenischen Genitiv Keli) oder
der Perl-su, der nach Außiahme des Muzür- cai auch diesen
letztern Namen führt und gegenüber Charäba (Arsamosata) bei
der Münde des §aich-qätün-su am Ausgange Anzitene's gegen
Bafohowit in den Muräd-su fallt. Der Nahr asSalqifc ist nach
Tomaschek sicher der heutige Singit- (Süngüt) oder Aq-su, der
als Chozät-su im Muzür-tagh entspringt und westlich von Pertek
(arm. berdak .Schlösschen") in den Muräd-su mündet. Der in
der Provinz Hoch-Armenien entspringende und nach Süden
fliessende Gail kann dann nur der eben genannte Muzür-cai sein,
ein bedeutender Zufluss des Peri-su, der im Muzür-tagh entspringt.
Der Muzür-tagh, d. h. der östlich vom Euphrat gelegene Abschnitt
des j+j* J bildete ehemals den zur Provinz Hoch-Armenien
gehörigen Gau Mzur, das xkCfue Mov^ovq&v2). König §äpür II.
erreichte denselben auf seinem Raubzug im Jahre 359 über
Aiznik', Gross- Cop'k* , Angel- tun, den Gau Anzit und Cop'k*
öahuni, und rückte von da weiter nach Daranale" mit der Haupt-
stadt Am (Kamach) und Ekeieac' (Aküisene) 8). Vielleicht hängt
damit auch der Name der Residenz des Königs Sanatruk (167 — 196),
Mcwrk, zusammen4), obwohl dieselbe nach der Beschreibung
des Faustos am Zusammenfluss der beiden Euphratarme, also im
Gau Cop'k' Öahuni, der Satrapie Tjfoqpifi^' in der spätem
r romäischen Provinz Armenia IV zu suchen ist5). Nachdem der
hair mardpet (Eunuchenoberst) seine Dörfer im Gaue Taraun
besucht und darauf einen Zusammenstoss mit dem Oberpriester
NersSs in AStisat (Surb karapet) gehabt hatte, „gieng der hair
weg von den heiligen Orten und stieg hinab zum Ufer der
Stromschnellen des Euphrat, zu den Thälern des dichten Waldes,
») Vgl. H. Geizer, Georgias Cyprius p. 181 82.
*) Vgl. dazu H. Geizer, Georgius Cyprius p. 183s.
^ Fauat. Byz. 4, 24 p. 141.
4) Oben S. 15 und Anm. 4.
a) Vgl. über die Grenzen dieser Provinz H. Geizer, Georgius
Cyprius p. XLVI ss. LXI. 178.
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104
zum Zusammenfluß der beiden Ströme, in ein Kohr- und
ßoifwBradoTndickklit, an welchem von den Alten her eine Gründung,
eine Stadt war, welche der Konig Sanatruk gegründet hatte,
welcher Ort Mcurk* adt Namen genannt wurde* 1). Hier verfiel
der harr dann der Rache des &avasp, eines Sprösslings des auf
sein Anstiften einst ausgerotteten ai*cruuischen Geschlechtes. Nach
dieser Erzählung inuss die Stadt Mcurk' an der Einmündung des
Aracani in den fhiphrst gelegen haben, also gegenüber dem
römischen Daskusa. Nach der Geographie des Ps. Moses Chor,
p. 80, 18 mündete der Aracani bei der Stadt hasat-arii *).
Doch mag nun eine Beziehung zwischen den Namen der
Stadt McwrK \f&m^ß in Cop'k' Sahuni und des Gaues X^l^-f
in Hoch-Armenien anzunehmen oder mag die Ähnlichkeit nur
eine zufallige sein : soviel ist unzweideutig , dass sich der Name
des alten Landes Muzri in dem des Gaues Msntr und dem Begriffe
nach vollständiger in dem des Gebirges Afuzur d. i. des Antitauros
mindestens bis ans Ende der Ohalifenherrschaft erhalten hatte.
Pur die Beantwortung der Frage, wie lange die politische Einheit
dieses Gebietes gedauert hat, fehlt es indessen bis jetzt an sicheren
Anhaltspunkten und muss daher von Strabons Angabe einstweilen
abgesehen werden.]
Die Bildung eines grössern Reiches in den Taurnslaudern gieng
wahrscheinlich von einem gewissen Mukallu aus, der zuerst unter
Asarhaddon Melidi (Malaga) bedrängt und dann den Assvrern
entrissen hatte, worauf er sich mit ISkallü, dem Fürsten von Tabal
l) Faust. By*. 4,14 8.118 (Venedig 1889) : fVw «G*/»*-**^
ufteif^nfh y*frm_f^p k^li" L»B-gloi» übersetzt dem Sinne nach ganz
richtig: ,et de roaoaux abondants au confluent des deux ameres",
Lauer ist aber das Missgeschick passiert, im französischen rmeau
ein -Rosengebusch* zu vermuten. Daher seine Übersetzung: .in ein
Wäldchen von Rosenstöcken und Schlehendornen". — Aus den obigen
Worten des Fatistos ist durch Kombination mit Mar Abas B. 7 die
oben S. 15 Anm. 4 übersetzte Stelle des Ps. Moses 2, 86 herausgesponnen.
8 LwtU' (zu loi» «Licht") muss der Name -einer Gottheit gewesen
sein. Vgl. das Verzeichnis anderer mit -arvb oder -jarii zusammen-
gesetzter Ortsnamen bei Hübschmann, Arm. Gr. 125. 113, wozu vor
allen noch Xa}tojaH^ oder XaftojaritU: bei Brosset, Hist. de la
G^orgie. Addition« et e'claircissements p. 178, KalT-i6guf<sa in Klein-
Armenien Ptol. 5, 6 p. 840 , 6 unter '69° S6' L. 41° 15' Br., ~Tix-clqi<I66$
in Melitene ib. p. 841 ., 1, Zmn-oQusros ib. p. 840, 27 (unter «9° 45' L.
89° 45' Br. bezw. 70° L. 40° Br.), AvTce^-agittav Prokop, de aedif. 3,4
p. 253, 15 nachzutragen wären. Zur Erklärung dieses Elements s. meine
Bemerkung Uber ßaga-jaHi diese Unters. 1 65. Sollten KaXnoQieoct
und GhaltojaHnh „Ort der Verehrung des (aus den Inschriften von
Wan bekannten) Gottes Chaldi" bedeuten?
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Untersuchungen tur Öeschichte von Eran.
105
verband, um die assyrische Provinz Qu6 anzugreifen (um 675).
Hier war kurz vorher {677) der König Sanduarri von Kundi
(fvtwla)') und Sizu (8te, byz. 2**#v im Taurus) *), der sich mit
'Abd Milk&t von Sidon gegen Assyrien verbanden hatte, von den
Assyrern überwältigt und hingerichtet worden 3). Beim Regierungs-
antritt Asurbanipals (668) schliesst Mukallu Frieden mit Assyrien.
Dabei ist merkwürdig, dass auf der nach 662 geschriebenen Tafel
K. 2675, Bs. 22 ff.4) der Name seines Landes nicht ausgefällt
ist, entweder weil ihn der Schreiber nicht wusste, oder aber, was
wahrscheinlicher ist, weil er im Zweifel war, welchen Titel er
dem Mukallu geben sollte. Auf dem um 649 abgefassten Prisma
B Kol. II 65 (KB. n 170/71 N. 1) und dem lange nach dem
Falle von Babylon (648) geschriebenen Rassamzylinder KoL II 68
wird er dagegen als «König von Tabal* bezeichnet, offenbar
entsprechend den damaligen politischen Verhältnissen. In der
Zwischenzeit muss er sich also auch in den Besitz dieses Centrai-
landes von Kleinasien gesetzt haben. Dabei war ein Zusamrnen-
stoss mit San das arme von Kilikien bezw. dessen Nachfolger
unvermeidlich. Wer von beiden in diesem Duell Sieger blieb,
wissen wir vorläufig nicht; da aber das nachmalige Reich der
Syennesis sich nach der Landschaft Chilaku (Kilikien), nicht
Tabal benannte, so spricht die Wahrscheinlichkeit für Sandasarme
bezw. seine Erben, die demnach als die eigentlichen Gründer der
KiiiKiscnen trrossmacnt zu oetracnten waien.
Vermutlich hängt die Verlegung der Residenz nach dem
Süden des Tauros mit den Kimmerierstürmen zusammen. Diese
Verschiebung des politischen Schwerpunktes brachte es mit
flieh, dass die Herrschaft über die Lander nördlich vom Halys
aufgegeben werden musste. Wir erfahren dann, dass der Kim-
merierfurst Tuktamtne (* Dugd&nu , Avydaiug), welcher ßardeis
erobert hatte, in Kilikien seinen Untergang fand — wobei
vielleicht an das alte Kilikien am Argaios zu denken ist — so
dass sein Sohn Santachia^ra (assyr. Scm-dak- iat-ru6) sich
») VgL W. Max Müller, Studien aur rorderasiat. Gesch. 59.
Aütteil. der Varderasiat. Ge«. 1898 Heft 8. Hugo Winckler, Altor.
II 118.
*) Sachau, ZA. VH 92.
*) KB. U 127.
«) KB. H 170/71 N. 2. Vgl. Winckler, Altor. Forsch. I 479ff.
Über den tenninus post quem für die Abfassung jener Tafel siehe
jneine Chronologischen Untersuchungen S. 78 = Philologus, Suppl.
Bd. Vn 7X2.
*) Der Name bedeutet r reine Herrschaft besitzend* =aw. *&p&}tö-
rJn&rö; vgl. den per». Namen £avd6*7]s Her. 7, 194 = ap. *Santa-tt<ika
fHeiligea verkündend*, woau £ar<5cwxij Wut. Them. 13 das Femininum
ist (die Form Ma*tfa*7j bei Diod. Mt 58 ist unursprunglieh) , und arm.
Sondaramet „Unterwelt* (neben Spandaramet = Jt6w<sos), kuppadokiseh-
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106 J. Marquart,
bewogen fühlte, dem König Asurbanipal seine Huldigung an-
zubieten *). Dieser grosse Erfolg über die gefürchteten Kimmerier
hat gewiss viel dazu beigetragen, das Ansehen des Königs von
Kilikien zu heben und seinen Staat zu einer Lydien und
Babylonien gleichberechtigten Grossmacht zu erheben. Später
blieb dann der Name Kilikien speziell an dem alten Que* südlich
vom Tauros haften. Zur Zeit des Satrapen Datames (karisch
1 T H H Tardamü (oder Tidramü *4id<Q>dnrig?)i) finden
wir in Kataonien einen besondern Fürsten Aspis8) (Nep. Dat. 4),
der in seinen Bergen dem Grosskönig zu trotzen wagte und ver-
mutlich von der alten Dynastie der Syennesis abstammte, Kilikien
am Argaios aber war die Hyparchie des Karers Kamissares4) und
per«. Sandara, Zovdccqa (Monatsname) = ap. *Santa-äramatü gegenüber
aw. Sp»nta - ärmaiü. Vgl. auch per«. Oapaoiog Her. 7, 194 =
t&jäm-äsiia, aw. *Sjäm-ä*pi. Das Kimmerische stimmt also hier
in bemerkenswerter Weise zum Altpersischen und stellt sich in
Gegensatz zum skythischen *äfsand, aw. «/»nto, medisch e<ptvda-
(oben S. 88). Medische Formen sind dagegen lyk. Sp^taza
(Münzen) — aw. *tip9nta-8a „von heiligem Geschlechte * und der dem
Magier Ganmäta von den Magiern beigelegte posthume Name Utpsvda-
daxr\s = aw. Spontö-däta (s. diese Unters. I 68 N. 71 , Fundamente
israelitischer und jüdischer Geschichte 48 N. 3). Auch der Name
des Kimmerierkönigs Teuipä ist iranisch und entspricht dem pers.
Tiaome Her. 4, 43. 7, 79. 9, 76 = ap. *Tatc-ä*pa, med. *Twyaapa
„kräftige Rosse besitzend".
*) Strab. cc 2, 21 p. 61. Plut. Mar. 11 (aus Poseidonios). Sonnen-
orakel aus Asurbanipal« Zeit hg. von Arthur Strong, Journ. as.
1893, 1, 375. VeL diese Unters. I 59 N. 45 (wo aber die Kombination
mit dem vermeintlichen Namen Iribatuktü zu streichen ist). H. Winckler,
Berl. Philol. Wochenschr. 1895 Sp. 1435, Altor. Forsch. II 253 f.
Messerschmidt, Die Inschrift der Stele des Nabunaid S. 43. Mitteil,
der Vorderas. Ges. 1896, 1. C. F. Lehmann, ZA. 1896, 335 f.
*) Für das unbekannte * Tidramü ist der geläufige Name 'Agod^g
eingesetzt worden bei Polyain, Strateg. 7. 28, 2. JIJ<P>AMHC
wird für JIJAAHC herzustellen sein bei [Aristot] Oecon. p. 1350 b.
Vgl. diese Unters. I 9 Anm. 32.
*) Vgl. die Namen der „chettitischen* Fürsten Kundafjn und
KuMaSpi von Qummuch (unter Salmanassar II.). Es gehörte eine
völlige Unkenntnis der iranischen Sprachgeschichte und die den
Assyriologen eigene Naivetät , über alles sich ein Urteil anzumassen,
dazu, in diesen beiden Namen ein neup. (!) Ouitäsp = ap. WiHaspa
und *Gundäsp — ap. * Windäspa, aw. * Windat-a*pa finden zu wollen
(Lenormant etc.).
«) Justi, Berl. PhiloL Wochenschr. 1897 Sp. 1173 (vgl. Iran.
Namenbuch 154/55) bestreitet die karische Nationalität des Ramissares
und will den Namen aus dem Iranischen erklären und mit arm. Kamsar
(Eponymos des Geschlechtes Kamsarakan) Mos. Chor. 2,73.87 gleich-
setzen. Viel näher liegen aber doch Namen wie Meya<HKXQr\q Apollodor
bibl. 3, 14, 3, 1 § 181, 'AßdiooÜQrjs Fürst von Sophene Babelon, Les
rois de Syrie, (TArm^nie et de la Commagene p. CXCIV, 211, pl.
XXIX 3—5.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 107
seines Sohnes Datanies1): von hier aus vereinigt dieser dann
nach und nach Kappadokien und einen Teil von Kilikien zu
einer ansehnlichen Herrschaft, die nach seinem Tode auf seinen
verräterischen Sohn Sisines und dessen Nachkommen, die Dynastie
der Ariarathiden übergieng. Von nun an blieb die Landschaft
von Mazaka offenbar mit Kappadokien vereinigt; denn wir
finden keine Spur davon , dass sie etwa zu irgend einer spätem
Zeit von Kilikien losgetrennt worden wäre.
Nach dem Jahre 401 war die Dynastie des Syennesis von
Kilikien wahrscheinlich infolge der zweideutigen Haltung desselben
im Aufstande Kyros' III. abgesetzt und durch einen persischen
Satrapen ersetzt worden. Die Namen der kilikischen Satrapen
in der ersten Hälfte des 4. Jhs. (bis auf Mazdai) sind uns aber
bis jetzt nicht bekannt.
Allein noch in der ersten Hälfte des 3. Jhs. scheint Kataonien
zu Kilikien gehört zu haben, und wird erst von Ariarathes III.
(ca. 255 — 220 v. Chr.), der zuerst den Königstitel annahm, mit
Kappadokien vereinigt2). Wahrscheinlich erhielt es seine Ge-
mahlin Stratonike, eine Tochter Antiochos' H. Theos (261—246),
als Mitgift8).
Kappadokien wird ebenfalls ursprünglich nur einen der
Gaue von Tabal gebildet haben. Salmanassar H. spricht von
24 „ Königen" der Tabal, ein Beweis, dass in Tabal eine grosse
Anzahl von Häuptlingen sass. Kappadokien ist ursprünglich
das Gebiet zwischen dem Unterlauf des Halys und dem Iris,
speziell aber das Irisbecken. Der Name ist bis jetzt in den In-
schriften der AssyrerkÖnige , auch in den Briefen der Statthalter
und in den Sonnenorakeln aus der Zeit des Asarhaddon und
Asurbanipal, wo wir ihn doch erwarten würden, nicht gefunden
und begegnet uns auf zeitgenössischen Denkmälern zuerst in den
Inschriften des Dareios (Katpatuka). In der Geschichte kommt er
zuerst im Jahre 546 bei der Erzählung vom Sturze des lydischen
Reiches durch Kyros vor (Her. 1, 71 f.). Die Hauptfestung des
Landes war damals Pteria in der Nähe von Sinope4), das man
*) So dürften die vielgequälten Worte des Nepos Dat. 1: pater
eius Camisares . . . habuit provinciam partem Ciliciae
iuxta Cappadociam, quam incolunt Leucosyri am wahr-
scheinlichsten zu interpretieren sein {gegen Ed. Meyer, Gesch. des
Königreichs Pontos S. 27 und diese L ntersuchungen I S. 9). Kilikien
am Argaios bildete in der That einen Teil der Satrapie Kilikien und
lag neben dem von den „Leukosyrern* bewohnten Kappadokien
nördlich von Kataonien und besonders im Iris-Tal.
*) Strab. iß 1, 2 p. 534.
3) Vgl. Th. Reinach, Trois royaumes de l'Asie mineure p. 18.
«) Her. 1, 76: i] dl üxsgiri toxi x^g %m^r\s xavxrp laxvgoxccxov,
%arä-£iv mit noltv xty iv Ei^tlva Ttovxtp xy x«tfirfvij.
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108
J. AUrquart.
fälschlich in den Ruinen tob BoghSz-kfti gesucht hat Die
Stadt mnss aber viel nördlicher und nicht allzuweit von der
Halysmündung gelegen haben. Th. Bei nach glaubt, Pteria sei
in der Umgebung von Amaseia zu suchen, das seinen Namen
wahrscheinlich dem Kroisos verdanke, der die Stadt nach der
Eroberung Kappadokiens seinem Bundesgenossen Amasis von
Ägypten zu Ehren benannt habe. Die Landschaft von Amaseia
hiess rafrwwjvij, woraus sich als persischer Name der Hauptstadt
mit grosser Wahrscheinlichkeit Tafcnc« = mp. Oangaki arm.
ffaneak „Schatzhaus* ergibt1). Weiter südöstlich lag rb&qw?
am Iris, ein naXaibv ßaüUitov (Strab. tß 3, 15 p. 547), die
Hauptstadt der Satrapen von Kappadokien im 4. Jahrhundert,
welche hier Drachmen mit dem Typus des Zeus von Graziura
("tfTd b*3) und aramäischer Aufschrift schlugen. Der Name ist
gebildet wie ra^ßa-viou oder Garsaura im sw. Kappadokien und
Anna- vir in Armenien.
Die Griechen der ältera Zeit nennen die Kappadoken £vqiot
oder 2a>qoi. Pindar sagt von den Amazonen am Thermodon:
£vqlov tvQvctlyyutv ÖUnov cxqccxov (Strab. t/5 3,9 p. 544), und
Sophokles zählt nebeneinander auf K6l%og xt XaldaUg xt x«t
Zvqiov i&vog (Steph. Byz. s. v. XaXdalot). Xanthos der Lyder
Hess, wie wir aus Nikolaos von Damaskos ersehen, Gyges' Vor-
fahren Daskyios II. vor den lydischen Herakliden tig £v$ovg
robg iv tw JlöVr» fathQ Etwbw\g olxotivtag fliehen (Nik. Dam.
fr. 48 heiDindo'rf, Hißt Gr. min. I 82, 6. 8).
Schon frühzeitig werden die Kappadoken als »weisse Syrer*
AtvHOGVQot bezeichnet, wie man glaubt, zum Unterschiede
von den Syrern in Mesopotamien und dem Westeuphratgebiete
(mrw -O*, Arbaja) d. i. den Aramüern. Diesen Namen scheint
schon Hekataios gebraucht zu haben (Steph. Byz. s. v. Tstqla und
Xadiala), ausdrücklich bezeugt ist er sodann für Ephoros (Steph.
Byz. s. v. TißaQavCa, vgl. Skymn. v. 917), und auch Agatharchides
hatte ihn verwandt (Cur! 6, 4, 17. Nep. Dat. 1). Bei
den Spätem aber, wie bei Strabon, beruht er lediglich auf
gelehrter Überlieferung und entbehrt der realen Existenz. Er
ist hier völlig synonym mit Kappadoken und wird daher dem
spätem politischen Sprachgebrauche entsprechend auch auf die
Kappadoken am Tauros ausgedehnt. Allein die Erklärung des
Namens Aivxoövqoi als 9 weisse Syrer" beruht lediglich auf
griechischer Volksetymologie : wäre derselbe eine original griechische
Bildung, so würde er als Gegensatz „schwarze Syrer* verlangen,
welche nicht existieren2). Im ersten Teil des Wortes steckt
*) Vgl. Th. Beinach, Revue des Stüdes grecques 1894, 316
n. 3. 4.
*) Dies hat Strabon sehr wohl gefühlt, weshalb er solche
schwarze Syrer konstruiert. Strab. iß 8, 9 p. 544: xal yuQ irt x*i v*v
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Untersuchungen
Geschichte von Eran.
109
vielmehr der Name eines Stamme«, welcher in der alten Liste
Her. 7, 72 in der Form Atyveg zusammen mit MrtmjiW,
Mccptavivvoi und £vqioi genannt wird. Awxöovqoi ist also
eigentlich ein Kompositum *= Afyveg wul Zv^sot 1).
Herodert 7, 68 erklart Evqioi als hellenische Bezeichnung
der Assyrer (Aoöv^tot)^ und so ist es erklärlich, dass man auch
den Namen der pontischen £vfnot oder Hvqoi von den Assyrern
ableitete. So führt denn in der fälschlich unter dem Namen des
Skylax von Karyanda laufenden Küstenbeschreibung (Ol. 105 =
360—656 y. Chr.) § 88 die Küste vom Thermodon bis Harmene
den Namen ^AaavoUt, und dies wird dann von den gelehrten
alexandrinischen Dichtern weiter ausgesponnen (vgl. auch Arrian
fr. 48. 49 bei Eustath. zu Dionys. nsQujy. 772. 378). Häufig be-
gegnet insbesondere die Angabe, dass Sinope in Assyrien liege.
Dies sind aber zweifellos lediglich gelehrte Kombinationen, ans
dem lebendigen Gebranch war der Name längst geschwunden*).
Aus Herodots Darstellung 1 , 72 geht deutlich hervor , dass
Kannadoxai {Katpatuka) der seit der persischen Eroberung
bekannt gewordene persische Name des Volkes war, und dieser
hat seit dem Ende des 5. Jahrhunderts die ältere griechische
Bezeichnung Evqioi völlig verdrängt8). Da aber der Name
'AggvqIcc oder vielmehr EvqIoc später vorwiegend gerade an der
Gegend von Sinope haftete, so wird diese Thatsacbe nur so
erklärt werden können, dass die griechischen Kolonisten von
Sinope den Namen eines ihnen zunächst wohnenden Kusten-
stammes auf die weiter im Binnenlande wohnenden gleichartigen
Stämme oder Gaue übertrugen*), ein Vorgang, der sioh ja fort-
Atvxöovgot xaXovvrcci (oi KuTtnudoxtg), Evotov xal rüv f£<» roD TavQOv
Xtyott^vojv xeexet Si ri}v itobg roirc ivxbg xoü Tccvqov aJrptQiGiv, ixeivav
txixtMuviitvcov xijv %q6clv xtyhxtav dh firj, toia4xi\v rfjv ijtmw^ucv
ytvlofrui avvißt]. tS 1,2 p. 737 : ol yoüv KccnndSoxtg ajupöre^oi,
ot xt itobg tco Tcc4oa> xal ol itobg t«5 JTdvra», ^4%oi p$v Atvx6ovooi
xtdo&raa, &g bvxmv xtv&v Ztiotov xal y^Xdvtav ohxoi b* $ialv ol
ixtbg toQ Tcc4qov.
l) Man höre dagegen Winckler, Altor. Forsch. I 462: ,in
Kappadokien, das nach altem babylonischem wie späterem (EvqoC)
Sprachgebrauch mit unter den begriff Suri fiel, finden Bich die
AivxoovQOt- das sind keine „weissen Syrer* — schon Strabo meint,
es gäbe ja doch keine schwarzen —"es ist die LuWabevölkerung
von Suri*.
*) Vgl. Nöldeke, 'AcavQiog, üvqio^, 2voog. Hermes V (1871), 443 fF.
*) Ktesias braucht nur mehr den Namen Kaititaöoxui , kann sich
aber doch von der altern Vorstellung, dass die kappadokische Küste
von Syrern bewohnt gewesen sei, nicht völlig emanzipieren und lässt
daher den Sardanapal seine Kinder su dem Statthalter Kottas von
Paphlagonien in Sicherheit bringen (Diod. 2, 26, 8. Athen, iß 38
p. 529 b, wo cfc Nlvov auf Verwechslung beruht für *fc ZkvAmrp oder
tig n.u<piayopiun).
4) Früher dachte man an eine assyrische Oberherrschaft ober
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J. Marquart,
während wiederholt und dem eine ganze Menge von Völkernamen
ihren Ursprung zu verdanken hat Katpatuka muss dann ur-
sprünglich der Name des am weitesten nach Osten gelegenen
Gaues gewesen sein. Einen Fluss Cappadox kennt die Karte
des Castorius Segm. XI 3 (und daraus der Anonymus von
Ravenna II 15 p. 90, 2) als rechten Nebenfluss des Euphrat
zwischen Samosata und der Singa-brücke (arab. x^u* y*z>) in
Kommagene. Es ist der heutige Gök-su1).
H. Winckler sucht zu beweisen, dass das Gebiet nördlich
vom Halys, sowie die Landschaften im Norden des rauhen Kilikien
diese Gebiete, die sich aber bei genauerer Prüfuug der assyrischen
Inschriften als unhaltbar herausgestellt bat. Auch die neuerdings
gefundenen assyrischen Keilschrifttafeln aus der Gegend von Kaisäriie
können daran nichts ändern, da die Landschaft von Kaisärije gerade
nicht zum Gebiete der Evqioi gehörte. Winckler bringt den Namen
mit dem babylonischen Ländernamen Suri zusammen, welcher in
altbabylonischer Zeit (besonders in dem sogenannten astrologischen
Werke, das aus der Zeit des Königs Sargon von Agade um 2700 v. Chr.
stammen will) und in der archaisierenden Sprache Nabünäids die
Länder im Norden von Babylonien zu bezeichnen scheint und bei
wird Suri immer mit Ansau (Susiana) zusammen genannt, wie aber
Winckler daraus ableiten will, dass auch Kappadokien „nach altem
babylonischem wie späterem {Evqoi) Sprachgebrauch mit unter den
begriff Suri fiel" (Altor. Forsch. Heft 5, 462), wird andern ebenso schwer
begreiflich sein wie mir. Wenn Winckler ferner schreibt: „Anzan
u Suri entspricht den ländern von Medien bis nach Klein -Asien
hinein [von mir gesperrt], nördlich vom gebiete der babylonischen
kultur und südlich von Gutium. also etwa entsprechend dem spätem
Mederreich, das hier einen uralten Vorgänger hat. es hat Syrien
den namen gegeben, identisch damit ist es nicht, mit
Assur hat weder Syria noch Suri etwas zu thun* [von mir
gesperrt], so wird man dieses Orakel nur mit Kopfschütteln lesen können.
In dem krampfhaften Bestreben, die Welt durch immer verblüffendere
Behauptungen in Atem zu erhalten, Ubertrifft also Winckler die
etymologischen Spielereien der Alexandriner bei weitem. Trotz aller
pseudohistorischen Kombinationen schimmert bei diesen doch immer
wieder die Thatsache hindurch, dass der Name Zvqioi von der Küste
von Sinope ausgegangen ist.
') S. Wil h. Tomaschek , Historisch-Topographisches vom oberen
Euphrat und aus Ost-Kappadokien. Festschrift nir H. Kiepert S. 142 f.
Vgl. Plin. h. n. 6, 6: nunc est colonia Sinope a Cytoro CLXIHI.
flumen Varecum, gens Cappadocum, oppidum Caturia Zaceplum etc.
Hier werden die Cappadoces also in die Nähe des Iris bezw. von Sinope
verlegt. Mit seiner Angabe 6, 9 : Cappadociae pars praetenta Armeniae
maiori Melitene vocatur, Commagenis Cataonia, Phrygiae Gassauritis,
Sargaurasana, Cammaneni, Galatiae Morimene, ubi disterminat eas
Cappadox omni*, a quo nomen traxere antea Leucosyri dicti ist nicht
viel anzufangen. Denn wenn der Kappadox Morimene und Galatien
trennt, so kann mit demselben, schon wegen der Bezeichnung amnis,
nur der Halys gemeint sein, nicht etwa der in den Tuz-gjöl mündende
Fluss von Aq-serai oder der von Koc Hicär.
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Untersuchungen lur Geschichte ron Eran. Hl
vielleicht mit Einschluss von Lykaonien zur Zeit Sargons (von
717 bis etwa 707) in der Hand des Königs Mitä von Muski
waren1). Das wäre also genau das Land der Matiener oder viel-
mehr die spatere Satrapie Kappadokien, die auch noch die
Landschaften Morimene, Garsauritis und Tyanitis südlich vom
Halys umfasste*). Freilich will Winckler jenen König auch
noch mit Phrygien ausstatten und in ihm den König Mtöag von
Phrygien sehen, der nach Strab. a 3, 21 p. 61 (aus Poseidonios)
bei einem Einfall der Kimmerier sich durch Trinken von Stierblut
getötet haben soll. Allein diese Identifikation würde zugleich
die der Muski mit den Phrygern voraussetzen und den Schwer-
punkt des phrygischen Reiches von den Städten des Gordios und
Midas nach Pteria bezw. Üjük und Boghaz-köi verlegen, was
allem widerspricht was uns über die Geschichte jenes Reiches
überliefert ist. Winckler's Hypothese von der Gründung
des phrygischen Reiches durch die vom Euphrat
nach Westen gedrängten Muski wird wohl ausserhalb
seiner engeren Gefolgschaft nicht viele Gläubige finden. Wenn
wir zur Zeit Tiglatpilesers I. (um 1020 v. Chr. nach Lehmann)
Scharen eingedrungener Muski in Qummuch am Euphrat antreffen
— der König schätzt ihre Zahl auf 20 000 Mann — die aber
von Tiglatpileser vernichtet wurden, und erst unter Sargon Muski
am Halys begegnen, so wird dies ähnlich zu beurteilen sein wie
bei den östlichen und westlichen Matienern, nur dass bei diesen
die Hauptmasse weit nach Osten vorgedrungen war, während bei
den Muski der Kern des Volkes noch weit im Westen stand,
und nur einige Gefolgschaften als Wikinger bis zum Euphrat
vorgedrungen waren, ganz wie bei den Germanen während der
Völkerwanderung. Die Muski hätten dann mit den kaukasischen
M6<J%oi wohl nichts zu thun und Josephos behielte gewissermassen
Recht, wenn er die yon der Bibel mit den Kappadoken gleich-
setzt31), obwohl sein Grund, der Namensanklang von -patt an
Mafaxa schon darum hinfällig ist, weil Mazaka gerade nicht zum
ursprünglichen Kappadokien gehörte.
Die weitern Schicksale des Reiches der Muski sind uns bis
jetzt nicht bekannt. Teile des Gebietes nördlich vom Halys
werden späterhin Kkallü, dem König von Tabal, und dann
Mukallu, dem Begründer des kilikischen Reiches, gehorcht haben.
Allein dasselbe war naturgemäss den Einfällen und Verheerungen
») Altoriental. Forsch. II. Reihe Bd. I Heft 3, 131 ff.
«) Wenn wir umgekehrt bei Winckler S. 186 lesen, dass die
Grenze von Muski „also von Norden nach Slideu um das
spätere Kappadokien herumläuft", so ist dies wieder ein
Beweis für die leider so häufige Flüchtigkeit des allzu produktiven
Verfassers.
») Jos. &q%. a § 125. Philostorg. hist. eccl. 9, 12. Vgl. Ramsay
a. a. O. 303.
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I
112 J- Marquart,
der Kimmerier (Gimirräja) und Skythen in viel höherem Masse
ausgesetzt als das Reich Kilikien. War ja doch das Hauptlager
der Kimmerier, welche ich als Verwandte 4er JZavQOptxutt
ywuixoxQccTovfi-Bvoi betrachte (vgl. Diod. ß 45, 1), bei Themiskyra
am Thermodem, und ihre Herrschaft niuss doch nachhaltige
Spuren hinterlassen haben, wenn noch die christlichen Armenier
im 5. Jh. ganz Kappadokien mit dem Namen Gamirk' .Kimmerier*
nennen1). Die Skythen aber (assyr. As-g*-za-aia %) oder A6-ku>
f»4|a d. i. Aäcugaia mm iran. *Skuva, hebr. t»»» für roa»),
die Besieaer der Gimiräia. betrachteten sich als Rechtsnachfolger
derselben, bis sie, als sie den Assyrern gegen die Koalition der
Meder und Babylonier zu Hilfe kommen wollten, von Kyaxares
aufs Haupt geschlagen wurden (um 607). Nach dem Falle
Ninives aber fiel das bisher von den Skythen beherrschte Gebiet
bis zum Halys ohne weiteres den Niedern an heim.
Wie diese das neue Gebiet organisierten, darüber wissen
wir nichts. Nach dem Sturze des Astyages waren die Perser
die Rechtsnachfolger der Meder geworden, und Kyros war nicht
gewillt . auf eines seiner Rechte zu verzichten. Als Kroisos sich
anschickte . sich des herrenlosen Landes zu bemächtigen . fand er
denn auch Widerstand, obwohl Herodot anzudeuten scheint, dass
die Kappadoken selbst nur gezwungen sich daran beteiligten8).
Das Land oder der modische Statthalter desselben scheint sich
demnach alsbald nach Astyages' Sturze dem Kyros freiwillig
unterworfen zu haben. Jedenfalls setzt die Erzählung Herodots
voraus, dass beim Anmärsche des Kroisos ein Statthalter des
Kyros daselbst gebot. Nach der Niederwerfung des lydischen
Reiches fassten die Perser sämtliche Länder von der Grenze
Kleinarmeniens bis zum Hellespont, welche bei ihrer Eroberung
keine selbständige staatliche Existenz mehr besassen . zu einem
einzigen Verwaltungsgebiete zusammen und unterstellten es einem
Satrapen, der seinen Sitz in Daskyleion am Hellespont hatte und
auch die Oberaufsicht über den Dynasten von Paphlagonien führte.
Der Grieche nannte es deshalb die daskylitische Satrapie, die
*) Die armenische Form Gamirk1 setzt nicht die im gr. KifiadgiOL
und in der gewöhnlichen assyrisch -babylonischen Form Gimirräja
vorliegende Namensform mit / in der ersten Silbe voraus, sondern eine
solche mit o in erster Silbe, die in der That auch im Assyrischen als
mät (ia-mir (schon unter Sargon) erscheint. Vgl. P. S. B. A. 1895,
p. 222. 226. Das Ta^p = "1733 der O hat längst de Lagarde
verglichen.
J Vgl. H. Winckler, Altor. Forech. VI, 484 ff. Ich glaube
den Namen der Aakucäia noch in dem tanaitischen Personennamen
JLxo£oe Latyscbeff lf 404 wiederzuerkennen (oben S. 79 Anm. 4).
Der Name der in Kleinasien zuerst bekannt gewordenen Sxv&ai ist
erst von den Milesiern auf die gleichartigen pontischen 2x6Xo-xoi über-
tragen worden.
3) ZvQiovg rt oidlv iopxag akiovg avaarctxovs ixoir\os Her. 1, 76,
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
113
*• Perser nach dem ihnen zuerst bekannt gewordenen Gebiete
Katpatuka. Es versteht sich von selbst, dass dieses weite Gebiet
zum Zwecke der Verwaltung wieder in kleinere Distrikte, so-
genannte Hyparchien, zerlegt werden musste.
Bei Ktesias (Pers. ecl. 16) begegnet uns zum erstenmal ein
Satrap von Kappadokien, Ariaramnes, der unter Dareios I. eine
Bekognosziernngsfahrt nach dem Skythenlande gemacht haben soll.
Derselbe ist indessen höchst wahrscheinlich nur aus der Zeit des
Verfassers in die Vergangenheit projiziert, und wir werden
sicherer gehen mit der Annahme, dass dieser Satrap erst etwa
► unter Dareios II. gelebt hat, und Kappadokien erst um diese
Zeit zu einer besondern Satrapie erhoben wurde *). Die Erzählung
des Ktesias zeigt den Satrapen noch im Besitz der pontischen
Küste, die im Jahre 401 den Persern verschlossen war. Aus
Anab. 1 , 2 , 20 erfahren wir , dass das Gebiet von Java d. i.
Dvana = Tvava, assyr. (Ethnikon) 2unäja(?)2) zu Kappadokien
gehörte, und im Epilog der Anabasis wird Kappadokien und
Lykaonien als eine Satrapie betrachtet, als deren Satrap Mithridates,
wahrscheinlich der Freund des Kyros (Anab. 2,5, 35. 3, 3, 2. 4.
6. 3, 4, 2) genannt wird. Ausser dem Gebiete der Matiener, das
wahrscheinlich die Strategie Morimene südlich vom Halys ein-
schloss, umfa88te Kappadokien jetzt also noch einen weitern
5» Landstrich im S. des Flusses, der im W. von der Salzwüste
Axylos, im S. und 0. vom Königreich Kilikien begrenzt wurde.
Es sind die spätem Strategien Garsauritis und Tyanitis. Dass
aber diese auch noch in späterer Zeit eine gewisse Sonderstellung
einnahmen , beweisen einige Kupfermünzen , besonders zwei des
kappadokischen Fürsten Ariaramnes (APIAo). Allein diese Gebiete
haben, wie wir oben sahen, wahrscheinlich bereits dem Könige
Mit! von Muski gegen Ende des 8. Jhs. v. Chr. gehorcht.
Wir sehen somit, dass das Gebiet nördlich vom Halys ein-
schliesslich der Landschaften Morimene, Garsauritis und Tyanitis
im S. des Flusses und die Länder südlich des Halys oder das
Königreich Kilikien mindestens vom letzten Viertel des 8. Jahr-
hunderts bis tief ins 3. Jh. v. Ch. hinein eine getrennte politische
r Entwicklung durchgemacht haben. Wenn daher Strabon berichtet:
x^v 61 Kanrcaöoidav tlg 6vo aaxoaittCag ptqia^tusav intb x&v
TIiQöatv naqakaßovxtg Ma%$66vtg ittoui6ov xcc piv ix6vxeg xa d'
unovxtg tlg ßaöiXsUtg avxl öaxQanHÖbv ntoioxacav. cSv t^v piv
16 log KaicitaSordav &v6(juz6av xal nobg tq> Tavqm xal Jla
(t£yaXr}v Kcntita6o%lav , ot 61 x^v itgbg x& II6vxat Kanna6oxlav9)y
so ist diese Behauptung streng historisch falsch. Die Übertragung
») Vgl. J. Marquart, Die Assyriaka des Ktesias. PhUol.
8uppl. Bd. VI, 2. 8. 627.
•) Tigl. Pil. III Ann. 53. K. B. II 81.
•) Strab. iß 1, 2 p. 533.
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J. Marquart,
des Namens Kappadokien auf das sog. „ eigentliche" oder Gross-
kappadokien (richtiger Neukappadokien) , dessen Mittelpunkt die
durch Datames mit Kappadokien vereinigte, ehemals zu Kilikien
gehörige Landschaft Kilikien am Argaios bildete, beruht darauf,
dass die Dynastie des Datames nach der Katastrophe Ariarathes
I. (822 v. Ch.) sich hier eine neue Herrschaft gründete, während
Alt-Kappadokien am Pontos von der Dynastie der Pharnaspiden
von Kios okkupiert wurde. Es liegt aber Strabons Angabe die
richtige Thatsache zu Grunde, dass das „ eigentliche" oder Neu-
Kappadokien aus lauter ehemaligen Gebieten des alten Königreichs
Kilikien gebildet war, während Kappadokien am Pontos der alten
Satrapie Kappadokien entsprach. Darauf deuten vielleicht auch
seine Worte: xai ^ KccmzadoKlcc <f fori nokviUQijg xi xcci ov%vag
StSey (tivrj (xetecßoXdg1).
') Diodor 31, 19 kennt bekanntlich eine lange Reihe von Königen
Kappadokiens, die angeblich schon in achaimenidischer Zeit regiert
haben sollen, mit folgendem gefälschtem Stammbaum:
>-
1. QaQvuxTis "Axooaa Kambyses
, ~ I
2. rcdlog Kvros
I ,
3. Zuitfig
4. 'AQTdnvT)9
5. 'Avayäg ä, einer der 7 Perser
6. AvayCtg 8
7. JardyLf]<s *AQtfivatog
8. 'AQidiivTig 50 J.
9. 'AQUtQocfrrig a 'Oioqp^rrjg, Heerführer in Ägypten
unter Ochos
■
10. 'AniMQäd"r\g ßy adoptiert 'Ayoar\g
von seinem Oheim
11. 'AQicvvris 2 Söhne
12. 'AQutQa&rig y, Gem. Stratonike, T. des Antiochos n. Theos a. 257.
Dieser Stammbaum ist bereits in diesen Unters. I 1—28 analysiert
worden. Dazu ist noch hinzuzufügen, dass Sisines ("^nn), des Datames
Sohn, und sein mütterlicher Grossvater Mt#eopa?£avt]s (lies Mi&qo-
ßov£dvt)gy "»maUTO; vgl. über beide Namen diese Unters. 1 68f. und
meine Fundamente israelitischer und jüdischer Geschichte S. 51 — 54)
auch vom Verfertiger der Korrespondenz zwischen Sisines, dem
Satrapen von *Abar Nahrä, und Dareios (Ezrä 5,3—6,13), die in
einem Erlass des Dareios zu gunsten der Juden gipfelt, verwandt
worden sind. Der Verfasser konnte selbstverständlich den zu seiner
Zeit Uber 'Abar Nahra waltenden Satrapen Mazdai nicht brauchen,
er sich nicht verraten wollte, und so griff er zum Satrapen
idokiens, den er in die Zeit Dareios' I. verlegte und zum Satrapen
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. H5
Über die ethnographischen Verhältnisse von Kappadokien
berichtet uns Strabon, dass das ganze Gebiet, welches im S. vom
küikischen Tanros, im 0. von Armenien und Eolchis und den
dazwischenliegenden fremdsprachigen Völkerschaften, im N. vom
Schwarzen Meere, im W. von den Paphlagonen, Galatern, Lyka-
onern und den Einwohnern des rauhen Eilikiens begrenzt werde,
von einer gleichsprachigen Bevölkerung bewohnt war. Kai
avx&v 61 rdbv Spoylmxxcov — so fahrt er fort — ot rcukaiol xovg
Kaxaovag xaO' ccdxovg txaxxov , avxtductQovvxeg xotg KccTtntddo^iv
&g ixtQOtdvici , tucI iv t]J diccgiAtu ijast x&v iöv&v Luxct rr^v
KaitTtadonlctv ixfösoccv v^v KaxaovCuv , tXxct xbv E/vcpQaTriv xccl xct
xfyuv t&vri, &<SXi xal t^v Mskixr\v}\v inb xy KaxaovCa xaxxuv, j)
von * Abar Nahrä machte. Die ganze Korrespondenz ist also im 4. Jh.
gefälscht. Wollte man dennoch einen echten Kern derselben annehmen,
ao wäre man zu der Hypothese gezwungen, dass im ursprünglichen
Texte der richtige, aus einer Keilschrifttafel vom 16. TaSrit des 3. Jahres
des Dareios bekannte Name des damaligen Satrapen von Babylon und
'Abar Nahrä, iniDK* = babyl. Ui-ta-an+u (KB. IV S. 804/5) d. i. ap.
Uitäna gestanden habe, den der Uberarbeiter nicht verstanden und in
den Namen des zu seiner Zeit regierenden Satrapen von Kappadokien
^3Pn geändert hätte. Mithrobuzanes , des Datames Schwiegervater,
welcher dessen Reiterei befehligte, gieng in einem schwierigen Feldzug
mit seinen Truppen zum Feinde Uber, allein Datames setzte ihm nach
and wusste es aurch ein geschicktes Manöver zu bewerkstelligen , dass
die Feinde sich von den Überläufern verraten glaubten und nun auch
ihrerseits auf sie einhieben. So zwischen zwei Feuer geraten, erlitten
die Verräter trotz aller Tapferkeit gewaltige Verluste, und mehr als
10000 sollen die Walstatt bedeckt haben Darauf liess Datames durch
Trompetensignal seine Soldaten von der Verfolgung zurückrufen.
Von den übrig gebliebenen Reitern zog sich ein Teil zu Datames
zurück und erbat Verzeihung, die übrigen aber verhielten sich abwartend,
da sie nicht wussten, wohin sie sich wenden sollten, und wurden
zuletzt, gegen 500 Mann stark, von Datames umzingelt und nieder-
geschossen (Cornel. Nepos, Dat. 6. Diod. 15, 91). Nach Diodor erfolgt
der Abfall des Mithrobuzanes in dem Kriege gegen des Königs
Feldherrn Artabazos , nach Nepos dagegen in einem Feldzuge gegen
die aufrührerischen Pisider, die bereits des Datames Sohn Arsideus
getötet hatten. Das nächstliegende wäre nun anzunehmen, dass Mithro-
buzanes bei seinem vereitelten Verratsversuche gefallen sei, allein
weder bei Diodor noch bei Nepos findet sich eine ausdrückliche Angabe
über sein Schicksal. Dagegen schliesst sich bei Nepos unmittelbar an
den Verratsversuch des Mithrobuzanes die Erzählung vom Abfall des
Sysinas, des ältesten Sohnes des Datames. Ich halte es deshalb für
möglieh, da*K Mithrobuzanes begnadigt worden oder entkommen ist
und sein Enkel Sisines mit ihm gemeinschaftliche Sache gemacht hat.
Dass dieser zum Lohn für seinen Verrat später die Satrapie seines
Vaters erhielt, wird durch die Münzen mit der Legende 100
-» inoirjae Ltoivrfi bewiesen. Der ebenfalls durch Münzen mit aramäischer
Aufschrift bezeugte Ariarathes I. (rnvut) kann nicht etwa ein
Bruder von ihm sein, sondern gehört derselben Generation an wie
Datames, da er im J. 404 geboren ist. Er wird also ein Schwager des
Datames sein.
8*
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J. Marquart,
futa^v xttxai rennt) g xt %ai rov Ev<pQctxov awdnxovaa xy Kofi-
furyrjvy .... oüxs ö1 ix xr)g SuxXhxov Suxcpoyäg xtvog iv xovxoig
nqbg xovg üXXovg Kccmtddoxag ix(paLVO{Uvf\g ofat Ix x&v &XX<ov
i&v&v &avpa6xbv n&g r}<pduiöxcu xtXitog xä arjfuta xrjg aXXoe&vlag ,).
Das Richtige ist vielmehr, dass die Namen Kaxdoveg und
Kcatnddoxtg nur Gau- , nicht Völkernamen sind. Da diese
Stamme aber so lange Jahrhunderte hindurch eine getrennte
politische Existenz fährten, so kann ihre ethnologische Einheit
nicht ein Produkt der politischen Entwicklung sein, sondern muss
bereits vor dem Ende des 8. Jhs. bestanden haben. In dieser
Zeit treffen wir aber sowohl nördlich wie südlich vom Halvs
das Volk der Tabal oder Tibarener, deren Name sich in späterer
Zeit freilich nur im äussersten Norden und Süden8) des einst
von ihnen besetzten Gebietes erhalten hat Mit grösserer Be-
rechtigung dürfte man demnach, wie es scheint, die Bevölkerung
der beiden Kappadokien unter dem Namen Tabal oder Tibarener
zusammenfassen 8). Freilich wissen wir über die ethnographische
Stellung der letztern sehr wenig; die von ihnen berichtete
Männercouvade 4) zeigt nur soviel, dass sie noch auf einer sehr
niedern Kulturstufe stehen geblieben waren. Auch die von de
L a g a r d e zusammengestellten kappadokischen Glossen lehren uns
Mit Hilfe der Bruchstücke der Historiker, besonders bei Cornelius
Nepos, und der Münzen liisst sich demnach etwa folgendes
der Satrapen von Kappadokien in persischer Zeit herstellen:
Korjrlas,
Dynast von
Paphlagonien
ÖTVi
I
Thuys
Scythissa Camisares.
Hyparch von Küikien
am Argaios
1. 'AQUCQ(tlLV1]g I.
um 410? (Ktes.)
2. Mifroidaxris
401 (Xen.)
3. Datames (TO-nn)
Satrap von Kappadokien, f 362
4. Sysinas ("JOO, "Onn, Arsideus^
ZieivTjs) f um 368
I
280.
Tochter 5. AQiaQÜ&T}C ä
(p-iv-in) 404—
322, mit seiner
ganzen Familie
* gekreuzigt
Mt&Qoßovtärrig,
f 334
6. 'AQutQ(x&j]g ß 802 — (
') Strab. iß 1, 1. 2 p. 533.
*) Noch Cicero (ad fam. 15, 4) erwähnt die Tibarani als ein
wildes Bergvolk in der Nähe der Eleutherocilices.
■) Vgl. Ed. Meyer, Gesch. des Königreichs Pontos S. 14.
Geizer, Kappadokien und seine Bewohner. AZ. 1875, 14 — 26.
Schräder, Keilinschriften und Geschichtsforschung 155 — 162.
«) Apoll. Rhod. B 1011 ff. Zenob. paroem. 5, 35.
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i
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
117
r über den Charakter der kappadokischen Sprache so gut wie
nichts. Von viel grösserer Wichtigkeit für die Feststellung der
ethnologischen Zugehörigkeit der „ Kappadoken * wäre die Be-
antwortung der Frage, in welchem Verhältnis die Tabal zu den
Chettitern stehen, deren Reich im zweiten Jahrtausend sich ohne
Zweifel bis in die Halyslandschaften erstreckt hat. Gerade in
Kataonien hat sich ja eine ganze Reihe der sog. chettitischen
Inschriften gefunden, wenn sie auch in Alt- Kappadokien —
abgesehen von Boghaz-köi und Üjük im Matienergebiet — bis
jetzt völlig fehlen. Waren die Tabal etwa ein eingedrungenes
Eroberervolk, das sich als wenig zahlreicher Herrenstand, als
eine Art Kriegsadel inmitten einer allophylen altchettitischen
Bevölkerung bis ins 7. Jahrhundert behauptete, ähnlich wie die
Chettiter in den nordsyrischen Staaten? Dann würde sich sehr
leicht erklären, dass die Tabal im grössten Teile von Kappadokien
schon zur Zeit Ezekiels spurlos verschwunden sind (Ez. 32 , 26) :
sie waren eben in der alteinheimischen Bevölkerung aufgegangen,
so gut wie die Chettiter in den Aramäern von Nordsyrien, oder
wie die Goten, Franken, Langobarden in den Romanen. Jedenfalls
weisen die Ortsnamen auf -vöog, -vice und -tftfoc, -ca auf
einen alten Zusammenhang des Grundstockes der kappadokischen
Bevölkerung mit der von Westkleinasien (Kilikien, Pisidien, Lykien,
Karien etc.), die wiederum, wenn Bugge's Hypothese sich
bestätigt1), mit den Armeniern nahe verwandt ist So deckt sich
z. B. der südkappadokische Ortsname titunda2) völlig mit
dem pamphylischen "Aaitevdog, auf Münzen Eörftduvg d. i.
Estvfdijns = 'A<S7tivdtoq *).
Darnach müssen wir erwarten, im Kappadokischen eine mit
dem Lykischen verwandte, vielleicht indogermanische Sprache zu
finden *). Die fremdartigen Elemente, vor allem die eigentümlichen
Zahlwörter, wie lingri 6 , tatli 7 , matli 8 , welche sich in einem
nördlich vom Tauros gesprochenen neugriechischen Dialekte vor-
finden6), können dann nicht aus der altkappadokischen , sondern
höchstens aus der Sprache der in die Berge des Tauros zurück-
gedrängten Tibarener stammen6). Dagegen versprechen die von
») Vgl. S. Bugge, Lykische Studien I S. 8 ff. 70 ff. (Viden-
skabsselßkabets Skrifter. II. Hist.-filos. Kl. 1897 Nr. 7. ChriBtiania.1897).
[Vgl. aber jetzt die lichtvolle Abhandlung Vilh. Thomsen's: Etudes
lyciennes I. Extrait du Bulletin de l'Acad. royale des Sciences et des
lettres de Danemark 1899.]
•) Tiglp. III Ann. 53. ELB. II 81.
«) Vgl. Bugge a. a. 0. S. 13.
«) Ebenso Six brieflich.
») Karolidis, Mova. xal ßißX. IV 47ff. Vgl. Tomaschekr
Die alten Thraker I 3. Kretscnmer, Einleitung in die Geschichte
der griechischen Sprache 399.
•) Nach Tomaschek a. a. 0. sind sie freilich „offenbare Über-
bleibsel der uralten kappadokischen Sprechweise".
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118
J. Marquart,
Chantre in Boghaz-köi ausgegrabenen Keilschrifttafelchen für
unsere Frage von grosser Wichtigkeit zu werden1).
Ich wende mich nun zu den von Levidhis mitgeteilten
Inschriften. Leider hat er von denselben nur Abschriften, keine
Abklatsche oder Photographien angefertigt Es sind folgende:
1. Arebaun (Zoropassos).
„Flache eines Granitsteins, 7 Spannen lang, 8 Spannen breit
und 8 Zoll hoch. In der Mitte die Sonne mit Strahlen, im
Mittelpunkte derselben eine Traube, an der Spitze ein Adler mit
geöffneten Flügeln, die mit dem Kopf und dem Schwänze zu-
sammen die Form eines Kreuzes bilden, und bei dem Adler ein
Ibis mit langem Schwanz, unterhalb des Schwanzes 6 Vertiefungen*).
Rings um die eine Seite ein Lorbeerkranz, ein Schaf, eine Ziege,
ein Löwe, ein Kamel, ein Büffel, ein Habicht, der einen Hasen
ergreift8), und auf der andern Seite zwei Menschen in Vorder-
ansicht, samtlich in Belief, und eine dreizeilige Inschrift*
Dieselbe läuft von rechts nach links und enthält 59 bezw.
60 erhaltene Zeichen, von denen 3 in der Zeichnung punktiert
sind. Man sieht sofort, dass man aramäische Schrift vor sich
hat; das f| , JJ , H sind vollkommen deutlich. Allein
1, ■) und ^ lassen sich gar nicht auseinanderhalten, auch
■» und i sind nicht sicher zu scheiden. Die Abschrift ist offenbar
viel zu ungenau, um als Basis für eine Entzifferung dienen zu können.
Dreimal findet sich ein Zeichen , das ich für eine Ligatur ansehe.
Dieser und der folgende Stein stammen von dem oben
erwähnten Hügel beim Dorfe Karadza-sar.
2. Arebsun.
Abgerundeter zerbrochener Syenitstein. Derselbe zeigt ein
Pferd und einen Kranz mit Binden, in dessen Mitte einen Stern,
nach rechts eine Ente 4), nach links zwei geschlossene Hände, deren
Finger leicht zu unterscheiden sind.
a. Quer darüber findet sich eine vierzeilige Inschrift von
108 erhaltenen Zeichen. Ein Buchstabe scheint zerstört zu sein.
Die vierte Zeile erreicht den rechten Rand nicht
l) Vgl. vorläufig Sayce, Proceed. of the Soc. of Biblical
Archaeology Nov. 1898. [Soeben läuft die Notiz durch die Zeituugeu,
das» nach einer Mitteilung Levidhis' kürzlich auch in einem Hügel
bei Kaisarije, in der Nähe der türkischen Dörfer Baier und Karomb,
neben andern Spuren des Altertums Grabmäler-Inschriften mit keilschrift-
ähnlichen Zügen auf kleinen, viereckigen, luftgetrockneten und ge-
brannten Ziegeln gefunden worden seien. Die Umschau, 14.
Juli 1900, Nr. 29 Sp. 575/76].
*) [Vgl. Smirnow bei Lidzbarski a. a. O. S. 62.]
") [Seite b: Smirnow a. a. O. S. 61.]
*) Levidhis schreibt vtaoct für vf\aaa. [Auch Lidzbarski S. 64
A. 3 erklärt den Vogel für eine Ente.]
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. H9
b. Dieser gegenüber findet sich eine zweite vierzeilige In«
schrift von 80 Zeichen, bei welcher die 3 letzten Zeilen den
rechten Rand nicht erreichen.
Beide Inschriften scheinen demnach rechtsläufig zu sein,
wenn anders der Stein nicht rechts beschädigt ist, obwohl
die aramäischen Zeichen, soweit sie sich identifizieren lassen,
linksl&ufig gezeichnet sind. Auf der andern Seite des Steines
sind fünf Fische, ein Wolf, zwei Menschen1) und andere Buch-
staben derselben Art eingemeisselt. Ausser den in der
ersten Inschrift vorkommenden Zeichen findet sich hier eine
Anzahl neuer, wie A, TT, V> 1> 'S, N <, fay H und
vor allem die griechischen Buchstaben K und X. Allein die
Buchstaben scheinen hier viel nachlässiger gearbeitet zu sein als
auf dem ersten Steine. Da aber unser Gewährsmann von der Schrift,
die er vor sich hatte, begreiflicherweise keine Ahnung besass und sogar
an die Möglichkeit denkt, dass es Hieroglyphen sein könnten, so
ist es selbstverständlich, dass seine Abschriften dieser ihm gänzlich
unbekannten Charaktere notwendig unbrauchbar sein müssen, so
gut wie z. B. die älteren Abschriften etruskischer Inschriften,
und eine Reproduktion derselben hätte keinen Zweck gehabt.
Dies soll natürlich kein Tadel gegen den um die Geschichte
seiner Heimat so verdienten und unermüdlich thätigen Priester sein.
Es verdient noch erwähnt zu werden, dass eine Mischung ara-
mäischer und griechischer Zeichen auch auf Münzen von Side in
Pamphylien nachgewiesen ist Vgl. J. P. Siz, Monnaies grecques,
inedites et incertaines. Extrait du Num. Ghron. 1897 p. 5flf.
Diese 8 Inschriften wurden schon am 21. Januar 1897
(a. St.) an Dr. Zimmerer gesandt. Leider haben es auch
Dr. Zimmerer und Dr. Oberhummer auf ihrer Reise versäumt,
Abklatsche von denselben zu nehmen. [Die beiden Steine haben
bereits eine kleine Geschichte. Sie sind jetzt nach Konstantinopel
geschafft worden und aus den Abklatschen und Photographien,
die Lidzbarski von dort erhalten hat, ergibt sich, dass die
selben weit mehr Inschriften enthalten als man nach Levidhis'
Angaben annehmen würde. Sobald Lidzbarski von allen Seiten
der Steine Abklatsche und Photographien erhalten hat, wird er
das ganze Material publizieren. Einstweilen sehe man seine Mit-
teilungen Ephemeri8 der semitischen Epigraphik IIS. 59 — 74.
Damit der Leser einen Begriff von dem Grad der Zuverlässigkeit
von Levidhis* Kopien erhält, habe ich mich nachträglich entschlossen,
dieselben hier mitzuteilen. (Siehe S. 120.)
*) [Vgl. Smirnow a. a. O. S. 63 unten.]
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120
J. Marquart,
a
3
So ^
CO
1 I
II
ff
v
3 ^
f
I
Ff 3
p - ^ £
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 121
Nr. 1 ist von Lidzbarski a.a.O. S. 71 Nr. 2. S. 72/73
nach einem Abklatsch publiziert worden. Aus seiner Abbildung
ersieht man, dass es sich tbatsächlich um zwei verschiedene
Inschriften in verschiedenem Duktus handelt. Man erkennt
65 Zeichen , von denen die der ersten und dritten Zeile voll-
kommen klar zu lesen sind. Zeile 1 liest L., zum Teil in Über-
einstimmung mit Glermont-Ganneau:
eobn «an b-a • inh • nm -na* • nx
und übersetzt : „ . . . gemacht bei der Vermahlung Bels , des
Grossen, des Königs*. Zeile 2 ist ziemlich beschädigt und
erlaubt noch kein zusammenhängendes Verständnis; doch erkennt
man im Anfang das Wort iTtrrn« Ahuramazda. Zeile 3 zeigt
in dreimaliger Wiederholung das Wort vn • inNiio Mow-atr-o\a)re.
Dieses lässt eine doppelte Deutung zu : als Dwandwa-Compositum
= „des Magiers und Feuerhüters* (www + atrdarö) oder als
Tatpurusa = „des Hüters des Magierfeuers* (mowütr 4- däre).
Letztere Auffassung wird durch die Interpunktion mehr em-
pfohlen. Dann wird aber bereits hier die Beziehung der drei
Hauptfeuer auf die drei Stände (Ädwr-fambag , das Magierfeuer,
in Kärijän in Pars, ÄSur-gusna&p, das Kriegerfeuer, in Gangak in
Atropatene xmäÄöur-Burzinmihr in Rewand beiNesapür) ') implicite
vorausgesetzt Das Wort mowätr-dära ist ein Compositum von
mowätr- -f dära, wie firnmo frata-dara auf den stachrischen
Münzen = ap. frdta „Feuer* (in (P^ocva—tpi^vrjg , QQaxu-yovvr\\
arm. hrat (Justi, Iran. Namenbuch 105a) + dära, ^tnmrnö
ia&r-d^ay-äriy pahlawik (atropatenisch) ymrniDn chäa&r-d(ä)r-in
(Inschrift von Hägläbäd), np. äahrijär = ap. *chsa&ra-ddra. Die
Form mow für moy aus *mauyu finden wir in dem Titel
dhtfuiU- ^tuUr^k-pXuM uj f.- ui Eli§6 124, ifntJtiflM utUt^h-p&uiuflrui
Lazar P'arp. 262, in den Akten der Märtyrer von Karcha de
Selöch bei Moesinger, Monum. Syr. V^JiJQX), Payne-
Smith 1435 pffcJttD, lies pjMJO»; vgl. G. Hoff mann,
Auszüge S. 50 N. 458. Die Genitivform stimmt , zu den kappa-
dokischen Monatsnamen Mi&w , Suv&Qiofpi d. i. *Sa^o^ =
Chiaäre warje.]
3. B {Unguis.
Der Fundort dieser Inschrift ist von Zindü-därä (QXaßutval
nach L.) 30 Stunden entfernt, Lage und Name werden aber von
L. nicht näher angegeben. Der Ort wird wie folgt beschrieben:
9Es ist eine natürliche Brücke, die eine Länge von 100 m und
anfangs eine ebensolche Breite hat, die sich dann verengt. Auf
dieser Brücke befinden sich mit Cement gebaute, in Ruinen
liegende Mauern. Gegen Osten ist eine Stelle, die mir die Stelle
.
») Vgl. G. Hoff mann, Auszüge 281—298. 296—297.
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122 J. Marquart,
eines Tempels zu sein schien, mit zwei durch Menschenhand
aufgerichteten und skalpierten Felsblöcken. Auf einem derselben
sind zwei Lager für umgestürzte Säulen oder Standbilder aus-
gehauen, in der Mitte aber sind zwei Tafeln eingemeisselt , eine
über der andern, auf welchen in 15 cm. grossen Buchstaben zwei
Inschriften stehen, die eine in griechischen, die andere in
tkappadokischen* Buchstaben."
a. Die griechische Inschrift steht auf der ersten Tafel und
umfasst 6 Zeilen:
CArrAPLOC Zayyaqiog
MAU NO Y Mca&vov
CTPATHrOC ctQOTriybQ
APIAPAMI '^moa^]
C • MAr- CYCS • g . pfyiog)
MIOPHi • MLft<y$ .
b. Die „kappadokische* Inschrift steht auf der zweiten Tafel.
nAHjiffA 711^^^7*1
Dieser Fels war verdeckt von Felsen und Schutt, die von
dem darüberliegenden Hügel herabgerutscht waren. Nachdem L.
aber bis Mannshöhe gegraben hatte, fand er diese Inschriften.
Die „kappadokische" Inschrift setzt sich noch weiter fort, allein
ein grosser Stein , der vom Hügel herabgestürzt war , hielt den
übrigen Teil bedeckt und L. hatte nicht die nötigen Hilfsmittel
bei sich, um den Stein zu sprengen; er meint jedoch, zur Not
könnte er mit Pulver gesprengt werden, wozu wir allerdings
nicht raten möchten.
ZctyuQiog findet sich als Personenname CIG. 4083 (aus Pessinüs)
[, ZctyaQig bei J. G. C. Anderson, Exploration in Galatia eis
Halym. JHS. 1899 p. 308 nr. 250]. Den Namen Maucvrjg kann
ich nicht belegen, dagegen sind McaÄ6txr\g (Vater eines Menophilos
aus Eusebeia; Inschrift des 1. Jhs. v. Chr. aus Anisa bei
E. Curtius, Monatsber. d. Berl. Ak. 1880, 646 und sonst) =
Mäh- data „vom Mond geschaffen* , Mai^ßov^ävrjg (Inschrift von
Komana, BCH. 1883, 130) und Maupaxr\g (Grabinschrift von
Tokat CIGr. m nr. 4184 = Athen. Mitth. XIV, 316 und in Delphi,
Wescher et Foucart, Inscript. recueillies a Delphes 1868 p. 112
n. 189, 5, [als Frauenname Maupdrug in Hghin J. G. C. Anderson,
A summer in Pbrygia. JHS. 1898 p. 123 nr. 71]) = Möhpäta
„vom Mond beschützt" bekannt1). Vgl. Justi, Namenbuch
>) TJ. G. C. Anderson, JHS. 1898 p. 123 sieht in Mai- den
Namen der vorzugsweise im kappadoki sehen Komana verehrten Göttin
M&. Vgl. aber das Verhältnis zwischen Maiduxr\t und dem Namen
seines Sohnes Mr\v6<piXos in der angeführten Inschrift aus Anisa.]
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
123
185 b. 188 a. *AQiaQdfivtjg wird von Ktesias bereits ein an-
geblicher persischer Satrap von Kappadokien unter Dareios I.
genannt1), und so hiess bekanntlich der zweite Fürst des wieder-
hergestellten Ariarathidenhauses. Der Name kommt auch auf der
Nordseite des Pontos, in Pantikapaion vor (Bas. Latyscheff,
Inscriptiones Graecae orae septentrionalis Ponti Euxini II nr. 141).
Dass der Magier einen iranischen Namen trägt, ist nur billig.
Für den Mithraskult in Kappadokien verweist unser Gewährsmann
noch auf seine (neugriechisch geschriebene) Kirchengeschichte von
Kappadokien S. 80 — 83, sowie auf die jetzt CIL. m 6772
publizierte lateinische Inschrift.
Bei der aramäischen Inschrift fällt sofort des D ins Auge;
der folgende Buchstabe ist n. Wir müssen also hier den Namen
Matavr\$ erwarten, persisch wohl ytm *Mähtfän; der Buchstabe
A bezeichnet demnach hier wie auf den Goldstateren des Wachsuwarja
(ca. 250 v. Chr.)2) und auf den stachrischen Münzen aus dem
2. Jh. v. Chr. *) das Jod. Dürften wir annehmen, dass die Inschrift
in aramäischer Sprache abgefasst ist, so müssten wir vor dem
^ das Wort 4if erwarten, allein der Buchstabe vor » ist
nach der Abschrift entschieden kein ^ . Der erste erhaltene
Buchstabe nach rechts ist, wie mir auch Six und Nöldeke
vorschlagen, wohl ein o, was besonders durch die Varianten der
Sisines-Münzen empfohlen wird4). Der dritte Buchstabe vor
*f| ist ein durch Ligatur mit einem vorhergehenden i oder A
verbundenes n 6). Wir erhalten dann für den Anfang der Zeile die
Lesung . . . -v-rtD (? -iaso. In den 5 letzten Buchstaben muss
das Äquivalent für 6rQccvr)y6g stecken. An dieser Inschrift können
wir uns so recht überzeugen, wie unzulänglich diese Abschriften
sind und sein müssen. In der Lücke rechts mag noch eine
Weiheformel gestanden haben. Eine noch verschüttete Zeile
muss die Übersetzung der 3 letzten Zeilen des griechischen
Textes enthalten und würde uns vor allem die auch für die
Münzschrift so wichtigen Buchstaben •» und a, sowie i und «
liefern. Diese Inschrift wurde von Levidhis zuerst an Herrn
*) S. o. 8. 118.
") Num. Chron. 1879, p. 4. PI. I nr. 2. 3.
*) Z. B. Levy , ZDMG. XXI (1867) Taf. I (8. 460) Nr. 2.
«) Vgl. J. P. Six, Num. Chron. 1894, 802 -805.
*) [Six wollte ihn als D auffassen. Ein ähnlicher Buchstabe
findet sich zweimal in einer der von Lidzbarski veröffentlichten
Inschriften von Arebsun a. a. O. S. 71 Nr. 1: Z. 1 in dem Worte
in • nnn« und Z. 2 in dem Worte • "» • nn. Ich glaube , dass wir X
zu lesen haben , also in^irnN = ap. *achtara-bi&ra „vom Samen der
Sterne"; vgl. mSTW» Amra-tära „von Mithras Samen" CIS. II 1, 1
p. 97 nr. 102.]
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124
J. Marquart,
Karolidis in Athen and am 27. April (9. Mai) 1898 auf seine
Bitte an Dr. Zimmerer abgeschickt.
4. Barach.
Grabstein mit der Inschrift:
£xccxlcc A6(iva tylaßim lovXutvm ccvöqI i^rjöxm xal Hxdxtog
Oalö^og KunovXucvbg (?) xai MuqkoXXos t<5 tccvx&v iiccxqi.
Nur in Kursive und ohne alle weiteren Angaben mitgeteilt.
Die Richtigkeit des Namens MAPKOAAOC bezweifle ich; es
wird wohl einfach MAPKCAAÜC auf dem Steine stehen. Ein
Cognomen Capulianus ist mir unbekannt Ich vermute KAI
IOYAIANOC für KAfl 0 YAlANOC. Dann sind Statins
Phaedrus, Julianus und Marcellus die Söhne der Statia Domna
und des Flavius Julianus.
5. Tatlar.
Marmorstein mit der Inschrift:
Tlxog xai ^AitoXkovioq Zoaudiovg AUvta tw äffw^/tw tucxqI
xcri "Ily (itixqI xuqiv fxvijfxrjg.
Nur in Kursive und ohne weitere Angaben.
Die Namen JUvog und "Rtj sind mir sonst nicht bekannt.
Die Ausdrucksweise der Inschrift ist merkwürdig , aber nur so
zu erklären, dass der Vater zwei Namen trug, einen barbarischen
und einen hellenischen.
6. Tatlar.
Marmorstein mit der Inschrift:
IIojtTuavioq 27jpoxAa>.
Nur in Kursive und ohne weitere Angaben.
Nr. 4 — 6 sind schon am 21. Januar 1897 a. St. an
Dr. Zimmerer gesandt worden.
7. Zweisprachige Inschrift »auf Felsen auf kleinen erloschenen
Kratern • , 9 Stunden von Zindzi-därä, da wo am Wege die
erloschenen Krater des Argaios gefunden worden sind:
AON TIN 8 EPrOAABX Aoyylvov i^yokaßoH
BHQ Brja
CHAlS .... Bajariklov
KE . BOHQH T(ä xi(u , jSoif*« ty
Vi ri Q l •••Pb tzht ••• >PP*f t
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Untersuchungen zur Geschichte yon Eran.
125
Unter den Felsen, welche diese Inschriften tragen, haben
sich 7 alte Gisternen gefunden. Levidhis glaubt deshalb, dass
der in der griechischen Inschrift genannte Longinos ein Unternehmer
war, welcher den Bau dieser Cisternen und des dabeiliegenden
Bassins übernommen hatte und dazu die Hilfe des Herrn erflehte.
Die Zeichen der „kappadokischen Inschrift* sind grösstenteils
armenisch, und zwar im sogenannten Bolorgir, wie [>> mrt " »
t-t pi «*» Daneben finden sich aber wieder Zeichen,
die so wie sie dastehen, keine armenischen Buchstaben sind. Hier wie
bei der folgenden Inschrift bezweifle ich, dass die Sprache armenisch
ist Auch hier kann die Abschrift einen Abklatsch nicht ersetzen.
8. Siwghin (vielleicht alt ZaßayTjva).
Hier ist auch Levidhis die Ähnlichkeit der Buchstaben
mit den armenischen aufgefallen, und er zweifelt daher, ob die
Inschrift „kappadokisch* ist.
Ausser f>% 4t © finden sich hier die kursiven
Zeichen f % ©_» «*» "t daneben aber auch unarmenische Zeichen.
wie \ , und im Anfang drei griechische Buchstaben.
9. <t>lATOYKAAM20
MlCX/IPIXBWAOrQKP KO
&CT<1> + AM OYS
N
TOPP
Bei dieser Inschrift wie bei Nr. 11 enthalte ich mich jeder
Vermutung.
Bei Nr. 9 — 11 fehlt jede Angabe der Herkunft etc.
10.
CIAAHL
rhlK
MAPKON
MArm
. AlO YZ
. N01K1
. MOB HP
. TINEA
M&qnov
r\atov Z
d)ytvia
Mccyrig
i]v oirtl
[a? . .
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126
J. Marquart,
Ein Ort 'Hn\d\yam ist mir allerdings nicht bekannt. Vgl.
aber die Ortsnamen Saßäyqva in Laviansene (Ptol.), HaSäyrfva
(Ptol.) oder Eoßayrjva (Sterrett, Epigraphical Journey in Asia
Minor p. 232) in Sargarausene , 'Eßayrjva oder £eßayrjvet in
Kilikia (Ptol., vgl. Bamsay p. 305), Euagina (Tab. Pent), Ptol.
5,4 p. 329, 23 Qovßüxtiva lies <bovßayr\va in Galatien (ans
Fnagina für Euagina und 'Eßayrjva kontaminiert)1).
11.
[Ähnliche Kreuze finden sich auf Grabsteinen aus dem
alten Prasmon und dem Dorfe Emir Ghazi in Galatien. Vgl.
J. G. C. Anderson, Exploration in Galatia eis Halym. JHS.
1899 p. 60. 57 nr. 2.]
Nr. 7 — 11 wurden am 27. April/9. Mai 1898 an Dr. Zimmerer
geschickt.
Ausser obigen Inschriften hat Levidhis, wie er berichtet,
gegen 1000 griechische und lateinische Inschriften in Kappadokien,
Lykaonien und den umliegenden Gegenden gesammelt, die z. T.
von europäischen Reisenden inzwischen herausgegeben sind , z. T.
aber sich noch unediert in seiner Hand befinden. Seine hand-
schriftlichen Materialien würden nach seiner Angabe vier volle
Bände füllen. Möchte er uns vor allem Abklatsche oder Photo-
graphien von seinen »kappadokischen* Inschriften senden!
6. Die Chronologie des Kambyses und der Lügenkönige
und der altpersische Kalender.
Bekanntlich sagt Her. y 66. 67, dass Kambyses gestorben sei
ßaaiktvöavxa <<.' r xa ndvxa iitxa exea xai it&vxs nrjvag, . . . 6 dh drj
Mdyog %t\tvxi]Oavxoq Kafißvasta aSe&g ißaolkevat fiijvag inxä xovg
iniXolitovg Kafißvay ig xä 6xxa> ixea xrjg nkriqmCiog.
*) Vgl. Ramgay p. 70.261.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran
127
Das bisher so schwierige Problem der Chronologie des Kam-
byses und des Magiers ist jetzt bedeutend vereinfacht worden,
seitdem Prasek und P eiser erkannt haben, dass die babylonischen
Vertragstafeln, welche nach Kambyses als König von Babylon zu
Lebzeiten seines Vaters Kuras, Königs der Länder datiert sind,
nicht, wie man bisher annahm, ins letzte (neunte), sondern in das
erste Jahr des Kyros nach der Eroberung Babylons zu setzen
sind1). Darnach wurde Kambyses, wie Weissbach zeigt, am
3. Nisan des Jahres 1 des Kyros, Königs der Länder zum Unter-
königs von Babylon gekrönt, und erscheint als solcher noch am
20./X. seines 1. Jahres. Am 17./I. des folgenden Jahres erscheint
dagegen bereits wieder Kyros als König von Babylon.
Der letzte Vertrag aus der Regierung des Kyros datiert vom
27./TV. des 9. Jahres, der erste des Kambyses vom 12./VL seines
Antrittsjahres. Die drei letzten Daten aus der Regierung des
Kambyses sind vom IV., vom 3./VIII. und vom 27./XI. des
8. Jahres, so dass es scheint als habe man dem Kambyses im
Widerspruch mit Herodot eine Regierung von 81/, Jahren bei-
zulegen. Allein Prasek a. a. 0. S. 19 f. (angeführt von Weiss-
bach ZDMG. 51, 664) hat bereits betont, dass die ununter-
brochenen Datierungen seit dem 23./I. des 8. Jahres aufhören,
während die drei übrigen weit auseinanderliegen und ganz ver-
einzelt sind. In dem Texte, welcher das Datum IV. Monat des
8. Jahres enthält, bezieht sich dieses, wie Weissbach zeigt, auf
den Vertragstermin , während die Abfassung desselben in den
VIII. Monat, wahrscheinlich des vorhergehenden (7.) Jahres fällt,
in dem Vertrag vom 3./VIII. dagegen ist die Jahreszahl ver-
stümmelt und wohl 5 zu lesen. Somit bleibt das Datum vom
27./XI. des 8. Jahres als singulare, aus besonderen Verhältnissen
zu erklärende Ausnahme übrig und darf chronologisch nicht be-
rücksichtigt werden. Aus diesem Sachverhalt hat Weissbach
bereits geschlossen, dass sich den Vertragstafeln und der Inschrift
von Behistün,) zufolge für Kambyses eine Regierungszeit von
7 Jahren 61/» Monaten ergäbe.
In der Inschrift von Behistün berichtet Dareios, dass der
Magier sich am 14. Wijachna, der dem babylonischen Adar (XII.)
*) Peiser, Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft (MVG.)
n, 1897, S. 229 ff. V. PräSek, Fors chungen zur Geschichte des Alter-
tums I. Kambyses und die Überlieferung des Altertums. 1897. Letztere
Schrift ist auf der hiesiir en [Tübinger] Iii 1)1 iothek ebensowenig vorhanden
als Strassm aier's Babylonische Texte. Vgl. dazu F. H. Weiss-
bach, Zur Chronologie des Kambyses, ZDMG. 51, 1897, S. 661 ff.,
dem ich obige Angaben entnehme.
•) Dies bezw. ... ßestün aus *Bajistan ist die lautgesetz-
Üche dialektische Form ftlr das alte Bay Lavava f Bayastäna, Bayttän.
Vgl. ^ Rqj: Rayä, Sutän, arab.-pers. ^U**>\~ Sagistän = Za-
xaörar r(.
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128
J. Marquart,
entspricht, vom Berge Arkadrü in der Landschaft PiSijähuwädä
aus empört habe. „Darauf ward das ganze Volk aufrührerisch, von
Kambyses gieng es zu jenem über, sowohl Pars als Medien und die
übrigen Provinzen. Er ergriflf die Herrschaft, am 9. Garmapada.
Darauf starb Kambyses durch eignen Tod* (Beb. I 35 — 43).
Über die Zeit, welche zwischen der Erhebung des Gaumäta am
14. Wijachna und seiner offiziellen Thronbesteigung verstrichen ist,
lasst sich der Inschrift nichts Sicheres entnehmen, allein wir be-
sitzen bekanntlich datierte Kontrakte aus seiner Begierungszeit,
welche zuletzt von Weissbach, Zur Chronologie des falschen
Smerdis und des Darius Hystaspis ZDMG. 51, 511 ff. erörtert
worden sind. Drei von den bis jetzt bekannten Texten sind vom
Antrittsjahre des Barzija datiert, und zwar vom II., 6./JJI. und
10./VI. , die 10 übrigen Täfelchen datieren nach dem Jahre 1
und reichen vom 19./I. bis l./VII1).
Es ist dabei auffällig, dass sich unter den 13 Täfelchen kein
einziges aus einem der letzten 5 Monate findet. Da nun Herodot
und die spätem Griechen dem Gaumäta übereinstimmend 7 Monate
geben, so hat Oppert gewiss mit Recht geschlossen, dass in
diesem Falle Antrittsjahr und Jahr 1 zusammenfallen, und da die
drei Texte, welche vom Antrittsjahre datieren, sämtlich aus Babylon
selbst stammen , so erklärt er jene Differenz einleuchtend durch
die Annahme , dass man in der Provinz die Regierung des
Barzija von seiner Erbebung am 14. Wijachna (Adar) an rechnete,
so dass die Zeit vom 14. Adar bis zum 1. Nisan als sein Antritts-
jahr und die Zeit vom 1. Nisan bis zu seinem Tode als sein 1. Jahr
galt, während man in Babylon selbst anfangs den Tag seiner
feierlichen Krönung am 9. Garmapada zum Ausgangspunkte nahm,
so dass das am 1. Nisan begonnene Jahr als sein Antrittsjahr
gerechnet wurde2). Dabei erhebt sich gleich die Frage, was wir
unter der „Ergreifung der Herrschaft" im Gegensatze zur „Er-
hebung" näherhin zu verstehen haben. Dies kann, wie mir scheint,
nicht zweifelhaft sein: nur die Einnahme der Hauptstadt von
Anzan, dem Stammlande des Kyros8), und damit die Gewinnung
der ältesten Provinz des Reiches kann einen solchen Ausdruck
rechtfertigen.
*) [Dazu kommen jetzt noch zwei Tüfelchen aus Philadelphia
vom 13./ VI. und 15./ VI. de« Jahres 1. Vgl. Weissbach, ZDMG.
55, 207.)
*) J. Oppert, Le Canon des dates babyloniens. Comptes rendus
de l'Acad. des Inacript. et belies lettre« 1892, p. 410 ss.; Les inscriptions
du Pseudo - Smerdis et de Pusurpateur Nidintabel, fixant le Calendrier
perse. Actes du VIII« Congres des Orientalisten. Section semitique B,
Leide 1893, 253—264. Vgl. meine Fundamente israelitischer und ju-
discher Geschichte S. 50 Anm. 1.
•) Nabonäidcylinder I 28 -34. NabQnäid-Kyros-Chronik II 3—4.
KB III 2, 99. 131.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 129
Wenn wir also bereits einen Vertrag vom 19./L des Jahres 1
des Barzija besitzen und auf einem andern noch am 23./L nach
dem Jahre 8 des Kambyses datiert wird, so folgt daraus, dass
am 19. Nisan des 8. Jahres des Kambyses Barzija bereits in
einem Teile Babyloniens als König anerkannt war, während
man in einem andern Teile noch am 23. desselben Monats an
Kambyses festhielt. Da nun der A^aru (= Oürawähara) und der
Simanu (= ©äigar&S) bereits ihre inschriftlich bezeugten alt-
persischen Äquivalente haben 1) , so ergab sich daraus , dass der
persische Garmapada, in welchem Gaumäta offiziell den Thron
bestieg, dem babylonischen Nisan entsprechen muss*). Dazu
stimmt auch der Name: garma-pada — Fuss oder Boden der
Hitze im Gegensatz zum Kopf oder Gipfel der Hitze (*garma-
sara) im Ab und Tammüz. Justi, ZDMG. 51, 247 hat den
Namen richtig mit gr. niöov, iat peda Pussspur zusammen-
gebracht, aber unrichtig aufgefasst.
Das letzte Tafelchen aus Barajas Regierung ist vom l./VTL
seines 1. Jahres, am 10. Bägajädis wurde Gaumäta ermordet.
Daraus habe ich früher geschlossen, dass der BägajädiS dem baby-
lonischen TiSrit (VIL) entsprechen müsse , und diese Gleichung
dann weiter gestützt durch den Nachweis, dass der Bägajädis
der Monat des Opfers des baga %ta #jo%ifv d. i. des Mithra ist,
welcher bei den Sogdiern nach demselben Feste, dem späteren
Mtkragan MtÖQweava, den Namen ^büti Vayakän führte4).
Oppert und Justi6) haben dann ebenfalls die Identität des
BägajädiS und Tisrit behauptet, die Weissbach neuerdings be-
streitet, offenbar ohne meinen Artikel im Philologus Bd. 55, 231 f.
zu kennen.
Nach der Ermordung des Gaumäta warf sich, wie Dareios
angibt, in Susiana A&rina und in Babylon Nidintu-Bel unter dem
Namen Nabü-kudurri-ucur zum König auf (Beh. I 72 — 81). Wir
besitzen Urkunden aus der Regierung dieses Nabukudurucur , in
welchen Itti-Marduk-balätu , Sohn des Nabu-ache-iddin ans dem
l) Vgl. meine Assyriaka des Ktesias. Philologus Suppl.-Bd. VI, 2,
S. 634 und Anm. 490 und jetzt Weissbach, ZDMG. 51, 511 N. 1.
*) Die Assyriaka des Ktesias S. 633. Unters, zur Gesch. von Eran
I 63 = Philologus Bd. 55, 231.
*) S. Assyriaka des Ktesias S. 638. Diese Schrift ist im Februar-
Mürz 1892 der Tübinger philosophischen Fakultät als Dissertation vor-
gelegt und im Laufe dieses Jahres gedruckt worden. Ich konnte also
damals Opperts Kongressvortrag, der im Jahre 1893 erschien, selbst-
verständlich noch nicht kennen, und sehe mich genötigt zu betonen,
dass meine Untersuchungen von Opperts Darlegungen völlig un-
abhängig sind.
<) Unters, z. Gesch. von Eran I 64.
6) Actes du VIII« Congres des Orientalistes, Sect s^mitique B, 256.
Justi, ZDMG. 51, 234. 247.
PhUologxu BopplomentUnd X, EntM Heft. 9
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130 J- Marquart,
Hanse Egibi als Zeuge auftritt, welcher zuletzt am 14./XII. des
1. Jahres des Dareios erscheint. Dieselben erstrecken sich vom
10./ VII. bis zum 20./IX. des Antrittsjahres des Nabu-kudur-ucur.
Ob zwei andere Texte, welche vom 14./VI. und 16./V11 des
Jahres 1 des Nabu-kudurri-u9ur datiert sind und in denen Marduk-
nacir-aplu, der Sohn des genannten Itti-Marduk-balätn als Zeuge
fungiert, der Zeit dieses oder des zweiten falschen Nabu-kudur-
ucur, des Armeniers Aracha angehören, bleibt vorläufig unsicher1).
Doch ist mir ersteres unwahrscheinlich. Man müsste nämlich in
diesem Falle ebenfalls annehmen, dass das Anfangsjahr und Jahr 1
zusammenfielen, wofür indessen hier die thatsächliche Unterlage,
nämlich der wirkliche Regierungsantritt kurz vor oder unmittelbar
nach dem Neujahr fehlt. Ist nun der BägajädiS dem TiSrit gleich-
zusetzen, so muss sich Nidintu-Bel, entgegen der Angabe des
Dareios, bereits vor der Ermordung des Gaumäta gegen diesen,
nicht erst gegen Dareios, empört haben, da bereits am 10./VJJ..
und wenn jene beiden Tafelchen aus dem 1. Jahre des Nabu-
kudurucur in seine Zeit fallen sollten, bereits am 14./VL nach
Nabukudurucur datiert wird.
Sehen wir nun zu, wie sich dazu die für Kambyses und
den Magier überlieferten Zahlen und Daten verhalten. Die Datie-
rungen aus Kambyses' Regierung laufen ununterbrochen vom
12./VI. des Antrittsjahres bis zum 23./I. des 8. Jahres, allein be-
reits am 14. Wijachna (Adar, XII. des 7. Jahres) erhebt sich der
M agier, und am 9. Garmapada (= Nisan) besteigt er offiziell den
Thron. Vom ersten Datum des Kambyses bis zum 9. Garmapada
= Nisan des 8. Jahres erhalten wir somit 7 Jahre und 7 Monate
(6 Monate [29/30—11 =] 18/9 | 8 = 26/7 Tage), bis zum
letzten Datum des Kambyses 7 Jahre 7 Monate und 11/12 Tage
gegenüber Herodots 7 Jahren und 5 Monaten. Bis zur Erhebung
des Magiers dagegen beträgt die Summe allerdings nur 7 Jahre
und 6 Monate (6 Jahre -f- 6 Mon. 18/9 Tage + 11 Mon. 13 Tage).
Von der offiziellen Thronbesteigung (9. Garmapada = Nisan) bis zu
seiner Ermordung (10. BägajädiS = TiSrit) würde die Regierungs-
zeit des Magiers genau 6 Monate betragen, von seiner Erhebung
an gerechnet dagegen 6 Monate und 25/6 Tage (29/30 — 18 =
16/7 -f- 9). Überdies war das Jahr 7 des Kambyses angeblich ein
Schaltjahr, wie auch das Anfangsjahr des Dareios, welches
mit dem Jahre des Barzija und dem 8. Jahre des Kambyses zu-
sammenfällt2).
*) Weissbach S. 515.
*) Oppert, ZDMG. 51, 155. 156. [Vgl. jetzt über diese beiden
angeblich aufeinanderfolgenden Schaltjahre r7 eis sb ach, ZDMG. 55,
208, und besonders F. X. Kugler, ZA. XVII. 1908, S. 213—217. 220 ff.,
welcher nachweist, dass in der astronomischen Tafel Strassmaier,
Cambyses Nr. 400 keine gleichzeitige Urkunde, auch keine einfache
Abschrift einer Bolchen, sondern eine weit spätere Überarbeitung alter
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 131
All das ist indessen nicht imstande, Herodots Ausdruck zu
erklären, dass die 7 Monate des Magiers das 8. Jahr des
Kambyses vollmachten. Nach älterer babylonischer Rech-
nung zählte Kambyses nur 7 Jahre, da die ö1/^ — 7 Monate seines
Antrittsjahres chronologisch dem Jahre 9 des Kyros eingerechnet
wurden. Die spätere babylonische Rechnung dagegen, welche in
der Perserzeit die Usurpatoren nicht anerkennt, rechnet das Jahr
des Barzija und Nabukudurriucur (Nidintu-Bel) , das Anfangsjahr
des Dareios (vom 1. Nisan 522 bis letzten Adar 521) konsequent
dem Kambyses zu, so dass dieser 8 Jahre erhält. So Berossos
bei Alexander Polyhistor (Euseb. Chron. I 29, 84 Schöne) und
der Ptolemäische Kanon. Allein die Angabe Herodots setzt ein
Jahr voraus, das nicht mit dem Nisan, sondern mit dem TiSrit
begann. Das Richtige hat bereits Floigl geahnt1), der freilich
darin irrt, dass er schon das altpersische Jahr für ein Sonnen-
jähr von 12 X 30 -f- 5 Tagen hält, aber insofern der Wahrheit
sehr nahe kommt, als er das altiranische Jahr mit dem Herbst-
äquinoktium beginnen lässt. Er beruft sich dafür auf eine Tra-
dition, welche diesen Jahresanfang als frühere Einrichtung bezeugen
soll, hütet sich aber wohlweislich, für diese Behauptung einen
Beleg zu geben2). Vermutlich ist er dem D. Petavius gefolgt, der
in seinem Rationarium temporum Lib. I 15 voraussetzt, dass der
Anfang des persischen Jahres auf den Anfang des September ge-
fallen sei, und bemerkt : Quid in causa Persis fuerit cur in Calendas
Septembris epocham figerent, nemo quod sciam, causam exponit.
Diese Annahme des Petavius beruht aber auf einem gröblichen
Missverständnis einer Stelle des ai Faryänl (p. 5 ed. Golius), wie
schon Thomas Hyde gezeigt hat8), und bezieht sich überdies
auf das später bei den Persern übliche jungawestische Jahr4).
Als Epoche des letztern galt aber das Frühlingsäquinoktium6).
Begann das altpersische Jahr mit dem BägajädiS = Tisrit,
so laufen die Jahre des Kambyses vom l./VII. des 9. Jahres des
Beobachtungen vorliegt nnd die Angabe, dass das 7. Jahr des Kambyses
einen zweiten Adar gehabt habe, gleich andern Fehlern der Tafel
irrigen Theorien des Bearbeiters ihren Ursprung verdankt. Man braucht
sich daher nicht weiter dabei aufzuhalten, dass die Tafel nicht bloss
einen Ajaru (Rs. Z. 3), Abu (eb. Z. 8. 10) und Ululu (eb. Z. 8) des 8.,
sondern sogar noch einen Ajaru des 9. Jahres (Z. 11) kennt.]
>) V. Ploigl, Cyrus und Herodot S. 79 A. 3. 83 A. 3.
*) Bei Brissonius, De regio Persarum principatu, findet sich
keine Silbe Uber das altpersische Jahr, obwohl er über die Feste der
Perser handelt. *
*) Historia religionis veterum Persarum ed. 2, Oxonü 1760, p. 184.
*) Dieselbe Verwechslung des altpersischen mit dem jungawesti-
schen Jahre lässt sich noch Oppert, ZDMG. 52, 269 zu schulden
kommen.
5) BerflnT, Chronologie S. fo, 2 f. = 55, 5 ff. der Übs.
9*
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132 J. Marquart,
Kyros bis zum 29./30. XI. des 7. Jahres des Kambyses nach
alter babylonischer Rechnung. Der Monat Wijachna (Adar), in
welchem sich Gaumäta erhob, wird bereits diesem angerechnet,
wie ja auch die babylonischen Texte, welche sein 1. Jahr nennen,
voraussetzen. Kambyses regiert also nach persischer Rechnung in
der That 7 Jahre und 5 Monate, der Magier vom Wijachna (Adar)
des 7. bis zum 29./30. YI. des 8. Jahres des Kambyses genau
7 Monate und wird, wie Herodot sagt, im achten entlarvt
Der 1. BägajädiS ist das altpersische Neujahr; der Zeitpunkt
der Ermordung des Usurpators war mit Bedacht gewählt worden :
unmittelbar danach wurde das uralte 5 tagige Fest bagajäda „das
Opfer des Baga* d. i. des Mithra gefeiert, woraus in der grie-
chischen Überlieferung durch Miss Verständnis das Fest (iayo<p6vuc
geworden ist1). Diesen altpersischen Namen des Mithra bewahrt
noch der Name des Dorfes Bagajaric in Dergan, wo ein altes
Heiligtum des Gottes Mirh = Mithra stand8), das schon in
*) Her. 3, 79. 80, ebenso Ktes. eel. 15.
*) Agathang. 598/94 = Lag. 68, 1—8: «Er kam, gelangte zum
mihrischen Tempel, des sogenannten Sohnes des Aramazd, ins Dorf das
sie das Bagajaric {pagqjarti-nj nennen nach der parthischen Sprache*.
Nach Moses Chor. II 14, der sich auf eine angebliche Tempelgeschichte
des Priesters UHup von Ani beruft, soll Tigran eine Statue des He*
phaistos (Mihr) in Bapajaring errichtet haben. Vgl. dazu Carriere,
Los huit sanctuaires de l'Annenie payenne. Paris 1899, p. 12 ss.
Nach Agathangelos gehörte der Name Bagajarü der parthischen
Sprache an. Andere Namen derselben Bildung sind (vgl. S. 104 A. 2) :
Chaitojarii im Gebiete von Karin fStepb. Asolik III 15 S. 192.
43 S. 278; Aristakes 15.
Tir-aTÜ im Gau Bagrevand Joh. Kath. 37; Steph. AsoKk II 2
S. 81, in der Katholikosliste 'der z/iijy7j«xis bei Combefis, Graecolat.
patr. bibl. novum auctar. II 289 Kovh<tQixtr\ (lies KovxttQixSrj).
Mkn-arini Lazar Parp. S. 470 (= Langlois, Coli. II 888 a), etwa
2 Par. von Du in Basean.
Zü*-arü Seb. 77 in Haäteank' bei Steph. AsoHk n 2 S. 86 und
in der Jiifynffis p. 281 im selben Zusammenhang Kt'ridf Kixglgt Joh.
Eph. VI 14. 27 J-^JO typt**, gr. Krtagifav Prokop, de b. Pers. II 24
p. 261, 17; de aedif. m 2. 8. p. 248, 15. 250, 25. 251, 11.
Kukaj-arü Mos. Chor. III 65 S. 265. Kovxaotfav Prokop, de aedif.
III 4 n. 254, 1, KovßagCtSr] (lies Kovxaolx^) Jifo. p. 289.
Ltuat'-aTÜ Stadt am Zusammenfluß des Aracani und Euphrat
Mos. Chor. Geo^r. S. 80.
AvruQ-uQ^mv Prokop, de aedif. III 4 p. 358, 15 (westlich von
Baißtftd&v) : xal xö AvoIoq^ov itvtvtcacaro nenovt]xös i^dr\ avv %&
AvtaQaQ^cav.
Danach werden wohl auch noch folgende Ortsnamen aus Klein-
armenien hierher zu stellen sein:
KaXx-i6giaaa 69° 50' L. 41° 15' Br. Ptol. 5, 6 p. 340, 6 ed. Wilberg
[= p. 885, 8 ed. C. Müller], aber auf der Tab. Peut. XI, 1 ed. K. Miller
Calcortüsa.
Tn-a(fiaa6g in Melitene 69° 45' L. 39° 45' Br. ib. p. 341, 1
[= p. 887, 11 ed. Müller].
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
133
ach&menidischer Zeit, jedoch erst nach dem Zuge der Zehntausend
gegründet sein muss1). Auch noch in späterer Zeit scheint man
Zmn-aoiaxog 70° L. 40° Br. ib. p. 840, 27 [= p. 887, 10 ed. Müllerl.
Olotoedariza Itin. Anton, p. 81. 96. 102 ed. Parthey & Pinder (v. l.
olotoaelariza , olutoaelariza , olutoelariza , olocedariza, olotedariza, ole-
toedariza etc.), 24 mp. von Nikopolis auf der Strasse nach Satala.
Aladalearua Not dign. Or. XXXVIII 17, identisch mit dem
vorigen.
B<teyotddQi£cc Strab. tj* 3, 28 p. 555, ein Schloss in Kleinarmenien,
neben Hivoota erwähnt; vielleicht identisch mit Olotoedariza und Av-
ruQaQitav, falls es aus BAOTOIddoi£a entstellt ist. Vgl. W. Fabricius,
* Theophanes von Mitylene S. 180. Die Grundform wäre dann etwa
*]YUotd-arii, woraus *WUur-arüf in hellenischem Munde AvxaQ-aoji<ov
entstanden wäre. [Steckt derselbe Ortsname etwa auch in dem Zuta-
rimaj (für IjutariÖaj?) bei Uchtanes II 1 Bd. II 5 (Brosset, Deuz
histor. arme'n. p. 279): .Dieser (der nestorianische Chuiik Kis) kam zu
jenem (dem Katholikos Kiuron von Iberien) aus dem Reiche der Römer,
aus dem Gau von Kolonia, dem Wohnsitze nach aus dem Dorfe, das
Zutarimaj heisst, nahe bei Nikopolis, und beide sind am Ufer des
Flusses Gajl, wie früher gesagt worden ist* V
Die Form Chattojarii rät, in diesem Namen wie in Bagajarii
und Kukajarii genetivische Komposita zu sehen; ein solches steckt .
auch in syr. ^ertüiät aus altarm. *&amaj-iat. Dann erhält man als
zweites Kompositionsglied arü, womit der angeblich parthische Ur-
sprung dahinfällt. Die in Frage stehenden Namen sind, soweit durch-
sichtig, mit Götternamen zusammengesetzt: Bagaj-arib zu ap. baga =
Mithra, CliaHoj-afü: zu Chaldis, dem Gotte und Eponymos der Chalder.
Auch in Tvr-arii wird der Gott 7Vr, bei Agath. 584 gen. Tiur stecken.
Freilich erwartete man dann *Trarii\ vgl. Trpatuni von *Tirpät,
Trdat aus Teigtddxris , in byzantinischer Orthographie Tr}Qi&cctT}g —
ap. Tiri-däta. Der Umstand aber, dass es ausser dem bekannten
Hagajartö, Bagariä in Dergan noch zwei andere Orte dieses Namens nw.
von Ani-Kamach j^ibt, lässt daran zweifeln, ob das erste Kompositions-
glied baga- wirklich von vornherein den iranischen Gott Mithra und
nicht vielmehr einen echt armenischen Gott bezeichnete, der erst
nachträglich des Namensanklangs wegen mit Baga-Mithra verselbigt
worden war. Einen ähnlichen Vorgang haben wir ja ohne Zweifel bei
der armenischen Anahit, die ihrem Wesen nach eine nationalarmenische
Göttin ist, die nur den Namen der persischen Anähita angenommen
hat. In diesem Falle läge es nahe, an den phrygischen Bayalog = Zeus
(vgl. Kretscbmer, Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache
198 f.) zu erinnern. Doch ist dies zweifelhaft, zumal wenn Bayalog zu
gr. <pi}y6g .Eiche* gehört, husat1- gehört zu lojs .Licht* und ist ge-
bildet mit Suffix -at\ wie arc-at* „argentum*. Vgl. auch H. Hübsch -
mann, Die altarmenischen Ortsnamen S. 284. 287. 289—293. 379 f.]
l) Der Kult des Mithra wurde nebst dem der Anähita zuerst unter
Artaxerxes II. offiziell eingeführt Vgl. dessen Inschriften von Susa
und Hamadän, sowie Beross. fr. 16 bei Klemens Alex. Protrept. I 5,
wonach jener in allen wichtigeren Satrapienhauptstädten Statuen der
Anähita aufstellen liess. Zu Xenophons Zeit waren Karin und Dergan
noch im Besitze der Chalyber und Mosynoiken, welche vom persischen
Satrapen von Westarmenien Tiribazos unabhängig waren (Xen. anab.
4, 5, 34. 6, 5; 7, 8, 25), dagegen ist es sicher unrichtig, wenn es nach
dem Resume' Strabons über die Entwicklung der beiden armenischen
Königreiche scheint, als ob Karin und Dergan erat nach der Erhebung
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134
J. Marquart,
Mithra = Apollon als den baga d. i. den Spender xar' il-o-
%ijv betrachtet zu haben, wie der Name Bhagadatta für den
griechisch - indischen König Apollodotos im Mahäbhärata zeigt1).
Die persische Übersetzung des chinesischen Kaisertitels, tfim tze
„Himmelssohn", indisch devaputra, der seit Kaniska auch von den
Kuschankönigen usurpiert worden war, durch »*-Jb baypür,
sogdisch jjÄas vayvür scheint ebenfalls auf die alte Bezeichnung
des Mithra als baya im Sogdischen zurückzugehen. Die Bedeutung
des Mihragän als ehemaligen Neujahrsfestes spricht sich auch darin
aus, dass man an demselben den Trägern der Regierungsgewalt
Ehrengeschenke darzubringen pflegte, geradeso wie dies beim
Nauröz üblich war2). Schon Strabon ux 14, 9 p. 530 weiss, dass
der Satrap von Armenien seinen jährlichen Tribut von 2000 nisä-
ischen Fohlen dem Grosskönig auf das Fest Mi^qanava abzuliefern
hatte, nach welchem der Monat bei den Armeniern Mehekan
heisst8). Speziell aus Balch ist uns ein solcher Fall aus dem
Jahre 82 H. (652/53 n. Chr.) nach dem Abschluss der Kapitulation
mit den Arabern berichtet, obwohl dies Gebiet seit Alexander d. Gr.
niemals mehr einen integrierenden Teil von EranSahr gebildet
hatte und die offizielle Religion daselbst um diese Zeit die Lehre
Buddhas war4).
Das Mihragänfest, das am Tage Mihr (16.) des Monats Mihr
gefeiert wurde, war nach iranischem Glauben von Fre<5ün ein-
gesetzt worden zur Erinnerung daran, dass an diesem Tage Käwe
sich gegen den Tyrannen Azdahäk Bewarasp erhoben und ihn ver-
trieben hatte, worauf er das Volk aufforderte, sich um das Käwe-
banner zu scharen und dem rechtmässigen Thronerben Fredün zu
huldigen. An diesem Tage sollen auch die Engel herabgekommen
sein, um dem Frgdün zu helfen. Daher ward es Brauch in den
des Artaxias den Chalvbern und Mosvnoiken entrissen und armenisch
geworden wären (Strab. uc 14, 5 p. 528). In dieser Stelle sind zwei
ganz verschiedene Dinge vennengt : die allmähliche Armenisierung der
ehemals von fremden unabhängigen Stämmen besetzten Landschaften,
und das politische Wachstum der neuen armenischen Reiche. Dernau
und Karin waren schon vor Artaxias von Kleinarmenien aus armenisiert
worden, worauf auch Strabons Worte hindeuten: Kagrivltiv xal Ah$-
^Tjnjv, a rg fuxpä 'Aq\uvUc iorlv Oftopa i) xal fi^pTj ccbrfjg icrt (schreibe
ijv?) , aber allerdings von Artaxias seinem Königreich Grossarmenien
einverleibt worden. Die alten, vielleicht erst ironisierten und dann
schon vor Artaxerzes II. vorhandenen Heiligtümer der Anahit in Erez
und des Mihr in Bagajaric" beweisen aber, dass Kleinarmenien wie
Dergan im 4. Jahrhundert wieder den Persern gehorchten.
») Gutschmid, Beitrage zur Geschichte des alten Orients 75.
«) Berünl H1, 4—5 = 204, 4 ff. der Übersetzung.
*) [Ich kann jetzt nachweisen, dass der ehemalige Jahresanfang
mit dem Mehekan sogar noch im armenischen Sprachgebrauch des
5. Jahrhunderts Spuren hinterlassen hat.]
*) Tab. i n.r, 9 ff.
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Untersuchungen jsur Geschichte von Eran.
135
Häusern der Könige, dass bei der Morgendämmerung ein tapferer
Krieger im Hofe des Palastes aufgestellt wurde, der in den höchsten
Tönen rief : „Ihr Engel, kommt herab zur Welt, schlaget die Dewen
und Übeltäter und vertreibt sie von der Welt!* An diesem Tage
pflegten die Könige der Sasaniden sich mit einer Krone zu krönen,
an welcher ein Bild der Sonne und ihres Kreislaufs angebracht
war. Die Spekulation der Priester hat noch manche symbolische
Gedanken mit dem Mihragän verknüpft. Besonders ansprechend
ist die Deutung, welche in demselben ein Abbild von der Auf-
erstehung und dem Weltende sah, wie im Nauröz ein Abbild des
Weltanfangs. Am 21. des Monats (Räm-Röz) wurde das grosse
Mihragän gefeiert zur Erinnerung an die Fesselung des Aidahäk
durch Fredün1). Zarafrustra soll verordnet haben, dass das Mihragän
und Räm-Röz gleichmässig in Ehren gehalten werden sollten.
Deshalb habe man beide Tage als Festtage gefeiert, bis Hormizd
b. Säpür ,der Held* (Hormizd I. 272 — 273) auch die zwischen-
liegenden Tage zu Festtagen erhob, wie er es mit den beiden
Nauröz gemacht hatte. Später hätten die Könige und das Volk von
Iran die ganze Zeit vom Mihragän bis 30 Tage später als Festtage
gefeiert, indem sie dieselben unter die verschiedenen Klassen der
Bevölkerung verteilten, von denen jede ihr Fest 5 Tage lang feierte.
Diese Erklärung der 5tägigen Dauer des Festes ist natürlich
unhistorisch. Dagegen ist es nach andern Analogien wahrscheinlich,
dass der Tag Mihr (16.) in älterer Zeit den Abschluss des Festes
bildete, und dasselbe somit vom 12 — 16. Mihr dauerte. Soviel ist
aber klar, dass die uns historisch bekannte Zeit des Festes an den
Tag Mihr gebunden ist und somit die Sitte, die einzelnen Monats-
tage unter den Schutz besonderer Genien zu stellen und nach diesen
zu benennen, voraussetzt, von welcher die Inschriften des Dareios
noch keine Spur zeigen. Es ist daher nicht unmöglich, dass es,
wie Herodot behauptet, im 6. Jahrhundert am Jahrestage der Er-
mordung des Magiers selbst (10. BägajädiS) gefeiert wurde, obwohl
ebensogut denkbar ist, dass diese Angabe nur auf der falschen
Auffassung des Namens *bagajüda als paycxpovia beruhte *). Nach
dem Falle des Gaumäta dauerte die Aufregung, wie Herodot sagt,
*) Berum HT , 9 ff. Mas'üdf, Murflg II 114. Hl 404. Nach anderer
Version war da« Mihragän selbst dem Gedächtnis der Fesselung des
Aidahäk geweiht; s. Tab. I R"., 9: ^ v-JLc ^jJt fJfS\ J,t
r^Jl ^LJt J^li w*liuaJt oyXtf\
*) Her. 3, 79: ravtr^v ttJv i]^iQr\v &eQaite6ovöi. TliQGai xoivy ud-
lioxa x&v ijutQtaiv, xal iv airtfj 6qxt\v \uyäXx\v &vayovoi, ?/ x&dnrat vnb
ntffcimv fucyoq>6via ' iv x$ Mdyov oü&tva ££*0Tt <pavf}vat ig xb <p&f,
täla xax* oixovf iwvxobg oi Mäyoi lypvoi %$\v i^iqx\v tavrrjv.
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136 J. Marquart
noch über 5 Tage1). In der That waren am 16., wenn das Fest
am 12. begann, seit der Ermordung des Usurpators 7 Tage ver-
flossen. Herodot 3, 79 bezeichnet die fucyo(p6vuc als das grösste
Fest der Perser. In Chwärizm entsprach dem persischen Mihragän
das Fest Öire-Röi (Jjftr?*> welches am 13. gefeiert wurde*),
also dem vorauszusetzenden Beginne des altpersischen bagajäda
noch näher stand. Am 21. (Räm-Roä) wurde gleichfalls ein Fest
gefeiert. Merkwürdigerweise erfahren wir nichts über ein ent-
sprechendes Fest bei den Sogdiern, nach welchem doch der Monat
benannt sein muss.
Die Bedeutung der That des Dareios in ihrer Wirkung auf
die religiösen Vorstellungen des Volkes wird also durch die Um-
stände für uns erst recht klar. Er fühlte sich ohne Zweifel als
ein neuer Frgtfün, welcher dem in Gaumäta wiedererstandenen
Drachen Dahäka, der Verkörperung aller Ungesetzlichkeit und Ge-
waltthat, den Kopf zerschmetterte. Freilich erschien Gaumäta
seinen Standesgenossen , den Magiern in ganz anderem Lichte.
Ihnen war er der Vorkämpfer für die reine Mazdalehre, wie sie
die Magier Mediens weiter ausgebildet hatten, und im Kampfe
für diesen Glauben war er als Märtyrer gefallen, wie einst Kawi
WiStäspa's herrlicher Sohn Sp9ntödätai deshalb fuhrt er in der
von den Magiern beeinflussten Tradition geradezu den Namen
ZyivöaödrriQ (Ktes. Pers. 10— 15)8).
Jetzt können wir versuchen, den wirklichen Verlauf der Be-
gebenheiten wiederherzustellen. Gegen Ende seines 8. Jahres als
König von Babylon, also wohl im Frühling 530, zog Kyros nach
dem Osten des iranischen Hochlandes, um hier die von den Persern
unter der gemeinsamen Bezeichnung Saka zusammengefassten räu-
berischen Steppennomaden, vor allem die Fischesser (Maaoayhat,
ap. *rnafrijaka, aw. *massjaka1 skyth. *mas8jagä-tfä) um den Aral-
see zu Paaren zu treiben, welche die benachbarten Kulturoasen von
Chwärizm, Sogd und Margiana mit ihren Raubzügen heimsuchten.
Allein in der Steppe zwischen Oxus und Jaxartes ist der grosse
König im Vorsommer 530, etwa im Simannu (öäigarfiüs) oder
Düzu, dem Schicksal erlegen4). Am 12./ VI. war die Kunde von
der Katastrophe bereits in Babylon eingetroffen. Auf jenem ver-
hängnisvollen Zuge hatte sich nach der ältern Sage vor allen
Kyros' jüngerer Sohn Bardifa6) ausgezeichnet, welchem es allein
l) Her. 3, 80 : Ine Ire dh xaxiotri 6 &6Qvßo$ xttl inrbg nivxs i]^iQi(ov
iyivtxo xxX.
*) Böranl rn. 13—14 = 224, 22 ff.
8) S. meine Fundamente israelitischer and jüdischer Geschichte
S. 48 Anm. 3.
*) [Über da« angebliche 10. Jahr des Kyros s. Weissbach,
ZDMG. 55, 210.1
6) Die genaue altpersische Form ist wohl Bfdija^ die medische
hat sich bekanntlich im babylonischen Namen des Usurpators Gaumäta,
!
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UnterBuchungen zur Geschichte von Eran. 137
von sämtlichen Persern gelungen war, den von der Königin der
Barzija = aw. *b»r9zja erhalten. Der Name hat scheinbar die Form
eines Ethnikon, wie Kambutf-ija, Küru-i (mit Vrddhi, zu Äurti-), Zoy-
duxv6g bezw. 26ydiog (Pausan. 6. 5, 7) , Ktes. Pen. 44 — 48. 51 Zexvv-
Sucv6g mit falschem Nasalstrich für Hoxvöuxvdg = ap. *Sugud-ija, und
vielleicht 'AutQyrig Thuk. 8, 28, lykisch Humrkka Xanth. Süds. 50 (im
Akkusativ humrkka), ,milyisch* umrggazn Nords. 50, dessen Grossvater
Wistäspa Satrap der Bäk tri er und Saken gewesen war Diod. 11,
69, 2. Thuk. 1. 115. Ktes. Pers. 20, weshalb die Vermutung nahe liegt,
dass er nach den Sakuh Haumawa[rgäh\ (AiivQytoi) benannt ist, wie der
Sakenkönig 'Au4gyr}g Ktes. Pers. 8. 7. 8 und der von Dareios bekriegte
Sakenkönig 'OuuQyijg Polyain. 7, 12 (oben S. 86; Justi, Iran. Namen-
buch 14/15 erklärt den Namen als altp. *humarga .schöne Wiesen be-
sitzend*).
Mit den Habirdip, auch Hal-birdi (Beh. II 7. III 50), ALla-bir-di
NR. 17, altsusisch Hat-Habirdipe (Sutruk-Nachunte C 24 bei Weiss-
bach, Anzanische Inschriften und Vorarbeiten zu ihrer Entzifferung
S. 19 = Abhandlungen der sächs. Ges. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. XII 2
S. 135: vgl. dazu Weiss b ach, Neue Beiträge zur Kunde der susischen
Inschriften S. 26. 37 = Abh. d. sächs. Ges. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. XIV, 7
S. 754. 765: Jensen, ZDMG. 1896, S. 246; Hüsing, Elamische Studien
S. 17 = MV AG. III, 1898 8. 295) in Susiana hat der Name Bardija
nichts zu thun, wie die medische Form zeigt; ebensowenig mit den
Mdo&oi (Her. 1, 125. Strab. uc 13, 3. 6 p. 523. 524. t* 3, 1 p. 727 u. a.)
in der nach ihnen benannten persischen Landschaft Mapdvij?»}, die bis
zum Meere reichte Ptol. 6, 4 p. 398, 2. Denn die Md^doi waren unter
diesem Namen oder unter der Nebenform "A^agdoL auch im nördlichen
und östlichen Iran, in Armenien (vgl. den Gau Marda-stan in der
Provinz Waspurakan Ps. Mos. Chor. Geogr. p. 32, 28 = 48 d. Übs. und
den Gau Mard-ali in der Provinz Taruberan eb. 31, 12) so gut wie in
der Umgegend von Ämul (*Ämrdä) in Tabaristän und von Amul am
Oxua verbreitet (vgl. oben S. 29 A. 57), und ihr Name Mard lebt
noch bei den arabisch-persischen Genealogen als der des Stammvaters
der Kurden fort (Mas'üdl, Kitäb attanblh a1, 9. Murüg III 250, 7), die
sowohl in Penis (in den Jt^^t J'CtOJ )|r>*^ a. 424) wie in
Armenien neben ihnen genannt werden (vgl. Th. Nöldeke, Kardü
und Kurden. Festschrift für H. Kiepert S. 78 f.).
Aischylos Pers. 774 nennt den Usurpator Maydog, wofUr ein
Scholion im Mediceus Mägdig lesen möchte. Der Schöll ast selbst
nennt den Bruder des Kambyses nach unbekannten Quellen Meodiag
= Brdija, und eine verwandte Form, nämlich Mfydig setzt auch
Herodots Zpigdig voraus. Dieselbe lag wohl auch dem Pompeius
Trogus vor, dessen Mergidem (Akk.) nur auf Dissimilation für *Merdidem
= Migdiv beruhen wird. Auf die medische Form Brzija scheint da-
gegen ein bisher missverstandenes Bruchstück des Hellanikos zurück-
zuweisen. Am oberen Seitenrande (vor v. 749) findet sich im Mediceus
das Scholion: KvQog Ttgätxog ngoaixx^aaxo THoGutg xr\v &g%r\v Mjöcav
t tpeMptvog Kvqov vibg Kau^vffjjs, adeXtpol dh xaxä 'ElXavixov Mc?a-
migy Mtg<ptg. Das Scholion will die Verse 769 — 777 (nach der Zählung
Wecklein' s) erklären, in denen wohl von Kyros und seinem Sohne
Kambyses, sowie von dem Usurpator, der den Namen des Bruders des
Kambyses (MaQdog) annahm, die Rede ist, aber nichts von einem
Bruder des Kyros erwähnt wird. Das Scholion ist also notwendig ver-
dorben Uberliefert und herzustellen : Kvqov vibg A'aftßvtfijp, (Kaußvoovy
dh adti<pbg xaxä 'EXXavixov Mdocctpig xci Mtotpig. Diesem Scholion
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138 J. Marquart,
Fischesser gesandten Bogen bis auf zwei Pingerbreiten zu spannen *).
Dies verschaffte ihm späterhin im Volksmunde den Beinamen Tanu-
wazrka (Ktes. Tawoga^xifc) »von gewaltigem Körper *, welcher
ihn dem Heros SijäwarSan der Heldensage an die Seite stellte,
an den er auch durch seinen tragischen Tod in der Blüte der
Jugend erinnert. Die Volkstümlichkeit, welche Bardija so erlangt
hatte, erregte die lebhafte Eifersucht und Besorgnis des neuen
Königs. Ob Kyros vor seinem Tode in der That den Bardija
zum Prinzstatthalter (ösanovriv) der Baktrier, Choramnier, Parthier
und Karmanier ernannte, wie Ktesias behauptet, lässt sich mangels
anderweitiger Nachrichten nicht mit voller Bestimmtheit ent-
scheiden. An und für sich wäre es sehr wohl denkbar, dass er
auf diese Weise für einen wirksameren Grenzschutz sorgen wollte,
indem er die militärische und Steuerkraft dieser vier Provinzen in
einer Hand vereinigte. Allein die ganze Episode, deren Abschluss
jene Angabe bildet, leidet an einer Reihe von Anachronismen
verdankt dann weiter der unechte Vers 780: fttrog dh MdQcc<ptgy ißdopo?
d' 'AQTC£<p(f{vT}s seinen Ursprung. MÜQacptg und Miqtpis sind also zwei
aus den alexandrinischen nlvccxeg in ein Lexikon übergegangene Les-
arten des Namens des Bardija bei Hellanikos. Das Richtige ist wohl
*M<x^(piS, eine Umschreibung welche die spirantische Aussprache des
d nach r, also Bardija voraussetzt, wobei die Spirans 6 durch <p
statt & wiedergegeben ist; vgl. phl. Fretön, neup. .^sXjJ* = *Qrai-
tauna. Vielleicht geht jene Form aber auch von einer kleinasiatischen,
der armenischen verwandten Aussprache *Ürzya mit z (dz) aus.
Ein ähnliches Beispiel Air die Ersetzung einer dentalen durch
eine labiale Aspirata bezw. Spirans scheint bei Strab. ut 14, 5 p. 528
vorzuliegen, wo unter den von Zariadris seinem Reiche hinzugefügten
Provinzen neben Sophene und 'Odoiucvrig auch Ajupioativ^ genannt wird.
So las Steph. Byz. s. v. "Aatpusoa, während die Hss. dx«rtjy/)s, die Aid.
äuia-nv^g bieten. C. MU Herstellte dafür 'Av&wrivfjs her nach *Avlixi\vi\
Ptol. 5, 13, 8, allein diese Änderung ist zu gewaltsam. A^tti\c\riv4\
geht nicht auf Anzü, Hankit* , assyr. Enzüi zurück, sondern auf die
in den assyrischen Inschriften mit letzterem wechselnde Nebenform
Enzi [vgl. Max Streck, ZA. XIII, 91—94]. Die gleichbedeutenden
Nebenformen Enzite und Enzi wurden später so differenziert, das erstere
auf das Thal Hanzit' am JajiJL$ _jü, die zweite auf das Gebiet des
Flusses von Simsät (Arsamosata) , des heutigen Muräd-su, beschränkt
wurde, das xaXbv xtdiov des Polybios (8, 25, 1), armen. Anzean-zor.
Vgl. Tomaschek, Historisch -Topographisches vom oberen Euphrat
und aus Ost-Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert S. 138.
AKI£r\vfjg der Hss. ist also zunächst aus ABiai\vfig und dies aus
!4/i<9)*0Tjyi)s verdorben. 'Autp-ia-riv^ steht allerdings für ^Av^-tc-nv^
und setzt einen armenischen Akk.-Lokativ plur. *Anzi-s voraus, wofür
später die abgeleitete Nebenform Anze-an (mit Suffix -an, wie Äwr«-an,
Öaoi-avfi von (Pdat?) gebräuchlich ist, wie AxiA-io-rivil) = *AJciU~*t
altarm. gen. abl. Ekei-eac\ "Avtaa = *Ani-z ist.
*) Die Geschichte ist später nach Afrika übertragen und in den
äthiopischen Feldzug des Kambyses eingereiht worden Her. 3, 30. Die
weitere Ausführung dieser Andeutungen muss einem andern Orte vor-
behalten bleiben.
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I
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 139
and trägt völlig den Stempel ktesianischer Komposition. Bei
Ktesias vertritt die Stelle des verhängnisvollen Massagetenfeldzuges
ein solcher gegen die Derbiker oder TsQßusool d. h. die Bettler1).
Diese, von indischen Hilfsvölkern mit Kriegselefanten versehen,
bringen der persischen Reiterei eine schwere Niederlage bei, wobei
Kyros selbst von einem Inder tödlich verwundet wird. Da er-
schienen zur rechten Zeit 20 000 sakische Reiter unter ihrem
König *A\iOQyt)g ( Hauma warga) , welche den Persern zu einem
entscheidenden Siege verhalfen. Vor seinem Tode ernannte Kyros
seinen alteren Sohn Kambyses zu seinem Nachfolger, den jüngeren
Tanyoxarkes setzte er zum steuerfreien Herrscher der Baktrier,
Choramnier, Parthier und Karmanier ein, wahrend er seine beiden
Stiefsöhne Spitakes und Megabernes, die Enkel des Mederkönigs
Astyages, zu Satrapen der Derbiker und der schon früher unter-
worfenen Barkanier machte. Die Dienste des Sakenkönigs wusste
er so zu schätzen, dass er diesen und seine eignen Erben eidlich
verpflichtete, sich gegenseitig Freundschaft zu halten (Ktesias
ecl. 6—8).
Es ist nicht schwer einzusehen, dass die Unterwerfung der
im 10. und 11. Buche des Ktesias genannten Völker, der ge-
rechten dvQßaioi zwischen Baktrien und Indien8), der wilden
Xa>Qcc{ivaioi3) , der Kaspier und Derbiker erst von Dareios auf
Kyros übertragen ist. Zu dem von Dareios übernommenen Be-
stände des Reiches gehörten Gandära, sowie die Saka und OataguS 4).
Die Eroberung von Gandära durch Kyros wird indirekt durch die
Angabe bestätigt, er habe die Stadt KapUa in Capisene im .Tor-
bandthale zerstört5). Über die Lage von öatagufc wird später die
*) Ktesias selbst schrieb TsgßiaaoL Die beiden Namensformen
gehen auf zwei verschiedene, aber gleichbedeutende altiranische Grund-
formen *drgv>-ika und *drgw-iiija mit sonantischem r zurück, wodurch
das anlautende t bei Ktesias erklärt wird. Es sind dies keine eigent-
lichen Volksnainen, sondern Schimpfnamen mit der Bedeutung .Bettler-,
womit die Iranier im Naturzustand zurückgebliebene Reste der Ur-
bevölkerung bezeichneten, die sich vor ihnen in die Gebirge zurück-
gezogen hatten. Damit sind sowohl die weite Verbreitung dieses Volkes
als die verschiedenen Namensformen, unter denen es in der Uberliefe-
rung auftritt — ausser den erwähnten noch Drebices Plin. h. n. 6. 48,
Jseßlxxai, Jegxtßioi, Jqißvxss Ptol. VI 2 p. 391 — hinlänglich erklärt.
Natur lieh ergibt sich hieraus von selbst, dass die in verschiedenen Ge-
birgsgegenden erwähnten Derbiker durchaus nicht sämtlich ein und
derselben ethnischen Gruppe anzugehören brauchen und man zu der
Erwartung berechtigt ist, .die einzelnen Zweige jeweils unter anderen
Namen wiederzufinden. Ahnlich verhält es sich mit dem Namen
"AvuQULxai und wohl auch mit den so weit verbreiteten Kdamot und
MccqSoi.
*) fr. 32 bei Steph. Byz. s. v.
") fr. 34 bei Steph. Byz. s. v.
4) Beh. I 16—17. II 7-8.
•) Plin. h. n. 6, 92.
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140
J. Marqnart,
Rede sein. Unter den Saka sind hier die sogenannten »Haama-
bereiter* Haumawairgah]1) zu verstehen, die von den spitz-
mützigen Saken (Sakäh tigrachaudoJi) jenseits des Jaxartes, welche
in der spatern Regierungszeit des Dareios unterworfen wurden1),
scharf zu trennen sind , obwohl schon Herodot 7, 64 beide zu-
sammengeworfen hat. Die erstem waren von Kyros nach den
Baktriern unterworfen worden, wie auch die Barkanier, nach
Etesias (ecl. 3. 4) vor, nach Herodots Quelle (1, 153) richtiger
nach dem Falle von Sardeis. Sehr schwierig ist es, die Wohn-
sitze der Sakäh Haumawargäh zu bestimmen, die nicht bloss von
Dareios (Beh. I 16. Dar. Pers. I 18. NR a 25/26), sondern auch
von Hekataios mit Gandhära verbunden worden waren. Dieser
sagt nämlich in einem Fragment: KaOnaitvQos, xohg ravoa^xif,
Zxv&üv toxy. Die seltsame Bezeichnung der Stadt Kaspapyros
als Küste der Skythen (Saken) wird später erörtert werden,
soviel ist aber auch ohnedies klar, dass auch hier die Saken
nördlich von Gandhära gedacht sind. Nach Ktesias soll Kyros
am dritten Tage nach seiner Verwundung gestorben sein 8), wonach
die Buken in unmittelbarer Nähe des Schauplatzes der Schlacht
gegen die Derbiker gewohnt haben müssten, allein auf jene Zeit-
bestimmung ist nichts zu geben, da der Feldzug <?egen die Derbiker
bei Ktesias poetisch zugespitzt ist Sonst erscheinen die Saken
in enger Verbindung mit den Satrapen von Baktrien4) und gelten
im persischen Heere als Kerntruppe6). Tomaschek sucht sie
in den heutigen Landschaften äuynSn (arab. c)Uää äupnäri) und
Rösnän am oberen Oxus (Pang)6), womit aber schwer vereinbar
ist, dass Hellanikos ^AfivQytov als Ebene der Saken bezeichnet
hatte 7).
Die Kaspier sind im Verzeichnis der Steuerbezi rlce (Her. 3, 93)
nach der Quelle B mit den Saken als 15. Bezirk zusammengeordnet;
im Kataloge des Xerxesheeres werden sie unmittelbar hinter den
ravduQioi und 4udlxm (7, 67), an einer andern Stelle (7, 86)
neben den Baktriern aufgeführt, was auf das Land der sog. Kätirs
oder Sijäh-pöS sw. von Citräl, die bei den Indern Kamböga
heissen, passt. Die Kaspier trugen Röcke von Schaffellen und
waren mit einheimischen Rohrbogen und Dolchen bewehrt Noch
*) [Vgl. Uber den Namen W. Foy, ZDMG. 54, 359.]
•) Beh. V 21 ff. NR. a. 25-26.
•) xa&ca efaas ixeXefar\os xqIxji voxsqov &%b xoti XQavpaxog ^i^t.
4) Her. 9, 113. 7, 64. Arrian 7, 10, 5.
R) Her. 1, 134. 8, 113. 9, 31. 71. Arrian 3, 13. Vgl. Duncker, GA.
4, 569.
2 Tomaschek, Centraiasiat. Stud. I 26. 48 f. 51. II 10. 15 f. =
Bd. 87, 90. 112 £115.
') Hellan. fr. 171 bei Steph. Byz. s. v. 'A^gyiov ntdiov Zaxcbv.
'EXXdvixoe Zxtöaig.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 141
heute kleiden sich die Käfir in Ziegenfelle1). Über ihre Be-
stattungsgebräuche wird berichtet, sie hatten ihre Eltern, sobald
sie das siebzigste Lebensjahr überschritten, eingeschlossen und
so verhungern lassen und alsdann in der Einöde ausgesetzt3).
Hierauf beobachteten sie sie von ferne und priesen sie glücklich,
wenn sie sahen, dass sie durch Vögel von der Bahre herabgerissen
wurden, weniger jedoch, wenn dies durch wilde Tiere oder Hunde
geschah, und wurden sie überhaupt nicht berührt, so hielten sie
sie für unselig8). Diese Bestattungsweise erinnert zum Teil an
, die der Baktrier, welche die durch Krankheit und Alter Ge-
schwächten besonders dazu aufgezogenen Hunden vorwarfen4), ist
jedoch humaner als diese5). Die Sitte der Kaspier, die Toten in
*) Lassen, Ind. Altertumskunde 1*514.
*) Damit ist zu vergleichen die Erzählung des Ktesias ecl. 5 Uber
den Tod des Astyagea.
") Strab. ut 11, 3 p. 517. 11, 8 p. 520. Dass die östlichen Kaspier
gemeint sind, wird dadurch nahegelegt, dass ihre Bestattungsweise an
der ersten Stelle mit der der Baktrier verglichen wird. Da dieselbe
aber bei Euseb. »?<wr. siayy. I 4, 7 (nach Bardaicän?) mit jener der
Hyrkanier zusammengestellt wird und Strabon p. 520 vor ihnen von
den T spuren handelt, ist es ebensogut möglich, dass die Kaspier im
Süden des Kaspischen Meeres gemeint sind oder wenigstens Strabons
p Gewährsmann (Poseidonios) die aus einer alten Quelle stammende
Nachricht auf jenen Stamm bezogen hat. Letzteres ist mir das Wahr-
scheinlichere.
*) Strab. ut 11, 3. Im Buche der Gesetze der Länder ist dies auf
die Meder bezogen.
*) Die Kaspier waren auch humaner als die Hjrkanier, welche
(die Greise) lebend den Vögeln und Hunden vorwarfen Euseb. TtQon.
ti>ayy. I 4, 7. Man hat daher kein Recht, sie mit den kannibalischen
Derbikenij Issedonen, Tibetern und Massageten auf eine Linie zu
stellen, wie Tomas chek thut (Kritik der ältesten Nachrichten über
den skythischen Norden I 85 f. 46. 62 f.). Plin. h. n. 6, 55 sagt aller-
dings : Ab Attacoris gentis Thuni et Focari (1. Funi et Thocari) et iam
Indorum Casiri introrsus ad Scythas versi humanis corporibus vescun-
tur, allein diese indischen Kannibalen dürfen nicht zu CASPII ge-
macht werden, da ihr Name bei Plin. 6, 64 als Cosiri wiederkehrt. Die
Hypothese , dass die Kdonioi die Urbevölkerung des HindukuS dar-
stellen , als deren einzige Reste die beherzten BuriS oder Kan£üti,
afghanisch Chagüna zu betrachten seien, die sich bis zum heutigen
Tage in den Thälern von Hunza, Nagar und Jasin erhalten haben und
eine isolierte Sprache, das Burusaskl sprechen, die wie das Baskische
bis jetzt an keine bekannte Sprachgruppc angeknüpft werden kann
(Tomaschek a. a. 0. I 42. 62 f. II 52). hängt somit in der Luft.
Dagegen kehrt die Sitte der Kaspier, die Toten in der Einöde den
Vögeln auszusetzen, im Lande des Taxiles wieder, wo der Tote den
Geiern vorgeworfen wurde Strab. t« 6, 62 p. 714. Vgl. Lassen II* 154.
Da wir die Bedeutung und einheimische Form des Namens Kccamoi
nicht kennen, so wissen wir nicht, ob die östlichen Kaspier mit den
gleichnamigen Stämmen im Süden und Südwesten des Kaspischen
Meeres, per». Kä*p = arisch * Konica neben Käs-ak (vom Volksnamen
abgeleitete Ortsnamen, oben S. 27 A. 3, also wohl Vrddhiformen ?),
wie vispa neben toua-, irgend etwas zu thun haben.
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J. Marquart,
4er Einöde auszusetzen, hat sich aher bis heute bei den Käfirs
erhalten, welche die Toten in hölzernen Särgen auf den Gipfeln
der Berge aufstellen1). Gehören die Kaspier nach Kafiristan, so
müssen auch die Sitze der Saken westlich von &uynän, etwa in
Mungän, Sangllß und Zebak im Gebiete der Quellflüsse des Kokca
gesucht werden, wo noch heute sogenannte „Pämirdialekte* ge-
sprochen werden. Einen naturwissenschaftlichen Anhaltspunkt für
die Bestimmung des Landes der Kaspier bieten die Angaben des
Ktesias über die weissen hornlosen kaspischen Ziegen sowie die
dortigen Kameele, deren Haare an Weichheit selbst die milesische
Wolle übertrafen: alyeg 6h KaOitiai ylvovxai ksvxal 16%vq&$ xal
xeQormv de ayovoi, fiixqal xb (Uyi&og xccl aipal. Kä^rjXoi 0 &qi&-
poüvxai itXelovg, at fiiyusxat xaxcc xovg mnovg xovg piyufxovg,
tüxqtxsg ayav. KAxaXal yao efoi 6(p6öoa at xovxwv xql%tg &g xal
xotg Mikrjatoig igtoig avxtxqlvta&ai xi)v ftaXaxStrjra ' ovxoüv ix
xovxcov ot Uqetg iödijxa a^upiivvwxai xal ot xobv Kaontmv nXovGub-
xaxol xb xal ßvvaxaoxaxot^). Es ist zu wünschen, dass Forscher, die
in der Lage sind an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen
— ich denke vor allem an M. A. Stein — diesen Wink nicht
tibersehen mögen8).
Weit roher und ursprünglicher als die Kaspier waren die
Derbiker. Dürfen wir die Schilderung, welche Strabon nach viel
älterer Quelle von diesem Volke gibt, auf die Tsoßiaool des
Ktesias beziehen, so wurden bei diesen die Männer, welche das
siebzigste Jahr überschritten, geschlachtet und von den nächsten
Verwandten verzehrt; alte Frauen wurden erdrosselt und dann
begraben, auch die vor dem siebzigsten Jahre Verstorbenen wurden
nicht verzehrt, sondern begraben4). Die Übereinstimmung dieser
Bräuche mit denen der Massageten 5) ist wohl für Ktesias mit die
Hauptveranlassung gewesen, den letzten Feldzug des Kyros von
den Massageten zu den Derbikern zu verlegen 6). Sie trugen zum
») Lassen, Ind. Alt. Ia 520.
*) Ktes. bei Aelian. hist. an. 17, 34; kürzer bei Apollon. bist
mirab. 20.
*) Dürfte man annehmen, dass Ktesias sich einer Verwechslung
schuldig gemacht habe und jene geschätzte Wolle nicht von Kamelen,
sondern von den kaspischen Ziegen gewonnen wurde, so könnte nur
die Wolle der Schalziege Ladakhs gemeint sein (vgl. Lassen I* 46 f.
868. II 569) und die Sitze der Kaspier wären viel weiter östlich, näm-
lich im westlichen Himälaja zu suchen. Allein eine solche Verwechslung
ist um so unwahrscheinlicher, als die Ausdrucksweise des Ktesias voraus-
setzt, dass die kaspisehen Stoffe als Handelsartikel nach Persien kamen
und hier der milesischen Wolle scharfe Konjcurrecz machten. Er hatte
somit Gelegenheit, sie selbst zu sehen. Überdies ist die Lanze des
persischen Mannes schwerlich je so weit östlich vorgedrungen.
*) Strab. wr 11,8 p. 520.
») Her. 1, 216. Strab. ia 8, 6 p. 513 (beide aus Hekataios).
*) Vgl. Euseb. itQon. tiayy. I, 4, 7. wo Massageten und Derbiker
(nach Bardaicän bezw. Poseidonios) direkt gepaart sind.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
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Teil noch Lanzen mit im Feuer gehärteter Spitze x), wie die Oreiten
in Gadrosien*). Diese Derbiker, welche von den Indern Hilfs-
truppen erhalten, müssen in der Nahe des oberen Indus gesucht
werden, können also nur von Gandhära aus bezwungen worden
sein. Sie darf man mit Recht als Rest einer unarischen Ur-
bevölkerung ansprechen8).
Die Unterwerfung der dvqßaioc hängt mit der Eroberung
des oberen Industhaies bis zur grossen Beuge oberhalb Bungi ein-
schliesslich der von den Dardstämmen bewohnten Gebiete von
£ilas und Gilgit zusammen, die unter Dareios erfolgt ist4) und
an die sich die Entdeckungsfahrt des Skylax von Kaiyanda auf
dem Indus anschloss.
Für die wilden Xoqdfivtoi oder XmQtefivalot (Steph. Byz.) würde
man vielmehr das Kulturvolk von Chwärizm erwarten. Allein
wahrscheinlich bildete dieses Land bereits zu Ktesias' Zeit wie
später beim Alexanderzuge ein unabhängiges Reich. Dass der
Name Xto^afivalot nicht anzutasten ist fi), zeigt auch der Chirograph
bei Mela I 2 § 18. Plin. 6, 47, wo das Volk Cbo^r>araani bezw.
Comani heisst6). Sie stehen bei Mela neben den Paropanisaden,
werden also wohl in der Nähe des HindukuS zu suchen sein, wie
sicher die TsQßixteol und die Baqxdvioi, über welche bereits
Astyages nach der Eroberung von Baktrien zum Statthalter er-
nannt worden sein soll7). Die Provinz Baktrien schloss Margiana
M Curt. 3, 2, 7. Die hier beschriebene Heeresmusterung des Dareios
(vgl. Diod. 17, 31 , 1 — 2) ist eingestandenermaßen der des Xerxes nach-
gebildet (vgl. c. 2, 2), und «war unter Benutzung des Ktesias. Der Ver-
fasser bat die streitaxtbewehrten Bccqxclvioi in die Nähe der Hyrkanier
versetzt und in den Derbikern des Ktesias die in Margiana wohnende
Gruppe dieses Volkes gesehen. S. Assyriaka des Ktesias S. 609 f.
*) Nearch bei Arrian Ind. 24, 3. Vgl. Tomasch ek. Topogra-
phische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs S. 18 = SBWA. Bd. 121
Nr. 8, 1890.
8) Dagegen werden die Kannibalen, welche Megasthenes im in-
dischen Kaukasos kennt, tibetische Hitnfilajubewohner Bein, da er unter
dem Namen Kaukasos den Paropanisos, Emodos und Imaos zusammen-
fasse S. Strab. 15, 1, 56 p. 710: cptjffl (Msyaa&hr\<s) roh« xbv Kavxuoov
olnoihnag iv t& tpaveqfo yvvuigL ulaytoftai xccl 6ccQX0<paysTv xu rcov
övyyevcbv aöa^iaroc.
*) Her. 8, 94. 98. 102. Dar. Pen». I 17. NR. a 25.
*) XaQapvaloi ist die Umschreibung eines altpersischen *hwe-
ärämna-, gebildet von ä~räman~ -\- hu- und in die a - Deklination über-
geführt, wie ap. Arij-ärämna-. Der Name bedeutet also .fröhlich»
m >
und verhält sich zu np. pj> aus churam = altp. *hu-rama- wie skt.
turäman zu turamja-; vgl. Hübschmann, Pers. Studien 55. Ktesias
hatte ausführlich von diesen Wilden gehandelt und ihre Behendigkeit
hervorgehoben (Steph. Byz. s. v.).
•) S. Unters, zur Gesch. von Eran I 31 A. 136.
*) Ktes. ecl. 8. 5. fr. 32 bei Tzetz. chil. I 1, 82 f. Eransahr S. 220 ff.
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ein, ebenso wie zu Parthien von jeher auch Hyrkanien gerechnet
wurde (Beh. m 10—21. II 92—98). Im Anfange der Regierung
des Dareios finden wir sowohl in Parthien wie in Baktrien eigne
Satrapen, die ohne Zweifel schon von Kambyses eingesetzt waren:
dort gebot Dareios' Vater WiStäspa1), in Baktrien ein Perser
DädrSis. Eine Satrapie Karinamen aber hat es unter Kyros über-
haupt noch nicht gegeben, vielmehr ist dieselbe erst im Laufe
des fünften Jahrhunderts entstanden. Zunächst wurde unter der
Regierung des Dareios die bis dahin zu Pars gehörige Landschaft
Jutijä mit dem Vororte Krmäna*) infolge ihrer Teilnahme am
Aufstande des Wahjazdäta (Beh. 8, 23) von Pars losgetrennt und
mit Asagarta (Köhistän), Zraüka, den Saficcvatot (Arachosien),
Muka (Mvxoi) und den Inseln des erythräischen Meeres zu einer
Satrapie vereinigt (Her. 3, 93), wodurch sie des dem Stammlande
Pars vorbehaltenen Privilegs der Steuerfreiheit verlustig gieng.
Doch auch jetzt behielt sie den alten Namen Jutijä (Ofcuu) bei,
unter welchem sie noch im Katalog des Xerxesheeres (Her. 7,
68. 86) erscheint8). Erst später übertrug man den Namen der
Hauptstadt auf die Landschaft; daher die reofumo* (Kftnäna)*)
gleich den Asagarta als besonderer persischer Stamm Her. 1, 125.
Nach alledem wird man gut thun, auf die Angabe des Ktesias
über das angebliche Vizekönigtum des Tanyoxarkes zu verzichten,
zumal Dareios in seiner Inschrift mit keiner Silbe andeutet, dass
Bardija eine derartige Stellung innegehabt habe, ebensowenig wie
Herodot. Dazu kommt, dass Ktesias' Darstellung des Ausgangs
des Kyros mit Zügen aus Herodots Roman über das Ende des
Kambyses ausgestattet worden ist: die tödliche Schenkelwunde
Ktes. ecl. 6 vgl. Her. 3, 64, Vermächtnis an die Erben bezw. die
Perser, Verheissung von Segen für die Ausführung, Androhung
des Fluchs für die Missachtung desselben Her. 3, 65. Ktes. ecl. 8 5).
Ich habe daher schon früher vermutet, dass das angebliche Vize-
königtum des Tanyoxarkes-Bardija in Ostiran dem Kyros' HI. in
Kleinasien nachgebildet sei6). Diese Erfindung lag um so näher,
») Bei Her. 8, 70. 72 ist Par&atca mit Pärsa W^ecci verwechselt.
*) In diesem Sinne ist der Name KctQ\utvla bei Berossoe aufzu-
fassen. Dieser hatte berichtet, Kyros habe dem Nabünäid nach der
Einnahme von Babylon Karmanien als Aufenthaltsort angewiesen (Jos.
gegen Apion I 153), Abydenos aber macht daraus, Nabfloftid sei eum
Fürsten von Karmanien eingesetzt worden (Euseb. Chron. I 30
Aucher = I 41, 35—86 Schöne).
•) Her. 7, 86: &s 6' ccfaas Kdanioi xal Jlaptxaviot iaad%axo
dfiouog xai iv r& nety. Für KAZTlIOl ist zu lesen KAI OTTIOI.
*) Die Umschreibung des k durch y erklärt sich durch das folgende
semantische r. Ebenso wird ßapxarto«, Barütni (= BAPTANOU) neben
*Pcrgenii, Pariani (= ILAPrANOIT) zu beurteilen sein.
6) Vgl. aber auch Beh. IV 86—45. 52—59. 67-80. 86 ff.
•) Die Assyriaka des Ktesias S. 619 f.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 145
als in der That im 5. Jahrhundert eine ganze Reihe von Mit-
gliedern des Königshauses die Würde eines Satrapen von Baktrien
bekleidet haben. Ganz seltsam und unwahrscheinlich nehmen sich
die angeblichen Satrapen der Derbiker und Barkanier aus. Sollten
die diesbezüglichen Angaben des Ktesias irgendwelchen tatsäch-
lichen Hintergrund haben, so könnte es sich nach Analogie des
Schicksals des Kroisos1) und Nabünatd8) nur um Verbannungs-
orte handeln, welche Kyros und sein Sohn dem entthronten
Mederkönig und seinen Enkeln angewiesen hatten. Doch sind
die Behauptungen des Ktesias auch in dieser Modifikation un-
wahrscheinlich.
Ehe Kambyses gegen Ägypten zog (Frühling 525), Hess er
seinen Bruder durch den Hazarapet PrSxaspes ermorden, nach einer
Version auf der Jagd bei Susa, nach anderer Angabe wäre er ins
erythräische Meer (den persischen Golf) gestürzt worden; vermut-
lich war er also schon vorher avdcitacxog auf einer Insel dieses
Meeres (vgL Her. 3, 98. 7, 80). Zum Majordomus bestellte Kambyses
vor seinem Aufbruche für die Zeit seiner Abwesenheit einen Magier
Gaumäta *). Sein persischer Titel lautete *paH'chiajak-vnd'^a =
aw. *pati~x8ajat-wi8'<i1 bei Dionysios von Milet IlaN^ov^Tjg lies
IlaTIiovfrris (Scbol. zu Her. 3, 61), bei Her. 8, 61 u. s. w. JTim-
&£fhiQ für IlaT&Cdyg, wovon uns bei Herodot 8, 61. 63. 65, 22 die
genaue griechische Übersetzung fuksdeavbg oder hrlxQonog rStv olxicov
vorliegt. Herodot hat hier drei Quellen verarbeitet, von denen eine
(Dionysios von Milet) den Magier mit seinem Titel Haxi&ifh\gy eine
zweite mit seinem usurpierten Namen Mitidug, ionisiert E^Ugöig
nannte, wie schon Aischylos {MdqSog). Dies hat dann der Vater
der Geschichte in der Weise auszugleichen gesucht, dass er zwei
Magier annimmt, von denen der eine, der eigentliche Träger der ge-
raubten Krone, namens 2^6ig^ nur der Strohmann des Majordomus
ist4). Auch der Gewährsmann des Pompeius Trogus hat mehrere
Quellen herangezogen, darunter eine sehr alte, welche noch den
*) Ktes. ed. 4. Justin. I 7, 7.
*) Siehe S. 144 Anm.2. In der Nabünäid-Kyros-Chronik Kol. III 16
(KB III 2, 185) wird nur die Gefangennahme des babylonischen Königs
erwähnt, über seine weiteren Schicksale ist dagegen im erhaltenen
Teile der Tafel nicht die Rede. Die Bemerkung des Abydenos:
f\,iuptr$ mtpuiut j*v2jfu*u(i$Ulb ^muiftkuij „der König Dareios ver-
bannte (ihn) aus dem Reiche (oder: der Provinz)" ist rätselhaft. Jeden-
falls ist die Inschrift von Be bist «In der Annahme, dass Nabanäid im
Anfang der Regierung des Dareios, also 17—18 Jahre später, noch am
Leben gewesen sei, wenig günstig.
*) Sowohl die Inschrift von Behistün wie Aischylos und Ktesias
kennen nur emen Magier.
«) Am nächsten berührt sich damit das Chron. Pasch, p. 270 ed.
Bonn. , wo die beiden Brüder Medios xai /larfarns heissen. Bei
Hermodoros ist J7«£arr]g zum Haupte einer Magierschule geworden
(Assyriaka S. 591), wozu S. 136 zu vergleichen ist.
riiilologna.Sapplementband X, Erstes Heft. 10
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146 J- Marquart,
wahren Namen des Magiers, Gometes = Gaumäta, kennt — schon
Dionysios von Milet wusste ihn nicht mehr — , während eine
andere, ohne Zweifel bedeutend jüngere, für denselben einen neuen
Namen Oropastes = ap. *Akura-upastäh »den Ahura zum Bei-
stand habend* erfand, der in der That für einen Magier vorzüglich
passte. Trogus* Gewährsmann hat diese beiden Versionen nach
dem Vorbilde Herodots gleichfalls in der Weise auszugleichen ge-
sucht, dass er den Oropastes, der dem ermordeten Mergia überaus
ähnlich war, von seinem Bruder Gometes, einem der Freunde des
Kambyses, welcher die Ermordung des Mergis ausgeführt hatte
(vgl. Ktes. ecL 10), auf den Thron erhoben werden lässt (Justin. I 9).
Auf die Eroberung Ägyptens und Äthiopiens einzugehen ist
hier nicht der Ort. Allein ein Ereignis, das bereits von der
ägyptischen Überlieferung absichtlich verdunkelt worden ist und
dessen richtige Einreihung für die Beurteilung des Kambyses und
seines Verhaltens gegenüber den Ägyptern von grosser Wichtig-
keit ist, verdient hier kurz erörtert zu werden. Nach der Ein-
nahme von Memphis wird der König Psammenit trotz des Frevels,
welchen die Besatzung gegen das Parlamentärschiff des Kambyses
begangen hatte, von diesem begnadigt, IW« xoQ Xoutov öiatrSxo
Igcov ovdh/ ßlawv. Herodot meint sogar, wenn er es verstanden
hätte, sich ruhig zu verhalten, so würde ihm auch persischem
Brauche gemäss die Verwaltung von Ägypten übertrugen worden
sein, vvv dh (ir}%ctv(&(Uvog ncout 6 ypafifirjvirog tXaßt tbv fu6&6v'
catiaxag yäo Aiyvnxlovg tfkco ' bttlxt dh imxiGxog iyivsxo imb Kafx-
jStiffgw, aljicc xccvqov ituov caii&avs nuqcc^ri^u. oihm oixog
htkevvriot (Her. 8, 15).
Die Zeit dieses Aufstandsversuches bleibt bei Herodot un-
bestimmt Es leuchtet aber von selbst ein, dass derselbe unmittel-
bar nach der Eroberung, wahrend die Perser noch im Lande
standen, heller Wahnsinn gewesen wäre. Im Anschluss daran er-
zählt Herodot die angebliche Verbrennung der Mumie des Amasis
in Sais. Dies war indessen keineswegs national ägyptische Über-
lieferung, wie Herodot selbst zugibt. Die Ägypter erzählten viel-
mehr, Amasis habe, durch ein Orakel über das seinem Leichnam
drohende Unheil unterrichtet , dasselbe durch die Verordnung ab-
zuwenden gesucht, dass in seiner Grabkammer der Thüre zunächst
ein Privatmann bestattet werde, er selbst aber höchstens in einem
Winkel derselben. Herodot hält diese Geschichte zwar für un-
historisch und prahlerische Ausschmückung seitens der Ägypter,
allein sie entspricht vollkommen den ägyptischen Verhältnissen,
und besonders in politisch bewegten Zeiten griff man zu der-
artigen Mitteln, um die Leichen der Könige vor den Grabräubern
zu schützen. Man denke nur an den Mumienschacht von Deir
el bal?rl und den berühmten Gräberdiebprozess unter Ramses IX.1)
*) Er man, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 147
Die Perser und vollends der König Kambyses haben gewiss mit
der Schändung der Leiche des Amasis nichts zu thun, dagegen
ist es sehr wohl denkbar, dass die Grabrftuber die Verwirrung,
welche die feindliche Okkupation hervorrufen musste, zu ihrem
lichtscheuen Handwerk benutzten und man in Voraussicht dessen
die Leiche des verstorbenen Königs bei Zeiten in Sicherheit ge-
bracht hatte. Die andere Version, welche die Mumie des Königs
durch die Perser verbrannt werden lässt und gegen die religiösen
Vorstellungen der Perser sowohl wie der Ägypter verstösst, ist
dagegen offenbar eine Erfindung der ägyptischen Hellenen,
weiche die Nationalägypter an Gehässigkeit gegen Kambyses noch
überbieten.
Nach der Rückkehr des Perserkönigs vom Zuge gegen Äthio-
pien verlegt Herodot die Verwundung des Apis, allein die Motivie-
rung dieses Frevels ist so absurd wie nur möglich. Nach dieser Un-
that verfiel Kambyses, wie die Ägypter erzählten, alsbald in Wahn-
sinn , und so verübte er dann eine ganze Menge anderer Frevel,
zuerst die Ermordung seines Bruders Bardija — die in der That
schon vor dem Zuge gegen Ägypten stattgefunden hatte — , dann
die Misshandlung seiner Schwester und Gemahlin, die Erschliessung
des Sohnes des Prexaspes. Er schlug seine Residenz in Memphis
auf und Öffnete hier die Grabkammern der alten Nekropole, drang
in den Tempel der Ptafc und der Kabeiren ein und verhöhnte
die Götterbilder.
Wie schon die Erzählung von der Verwundung des Apis
zeigt, an deren Geschichtlichkeit kaum zu zweifeln ist1), lässt die
Überlieferung den Kambyses seit seiner Rückkehr aus Äthiopien
8. 189 ff.; Maspero, Hist. ancienne des peuples de l'orient classique
II 588 ss.
J) Dass der im Epiphi des 6. Jahres des Kambyses bestattete
Apis in der That erst kurz vorher geboren war und eines gewaltsamen
Todes gestorben ist, wird besonders durch das Fehlen der sonst üb-
lichen Angaben Uber sein Geburtsjahr und sein Lebensalter nahegelegt.
Auch der Umstand, dass die Inschrift im Gegensatze zu den übrigen
offiziellen Apis-Grabschriften schlecht und flüchtig gearbeitet ist, weist
auf aussergewöhnliche Verhältnisse hin. Leider ist dieselbe auch sehr
verwittert und nur unvollkommen verständlich. Der nächstfolgende
Apis, der im 4. Jahre des Dareios starb, soll am 28. Tybi des Jahres 5
des Kambyses geboren sein. Danach wäre er also noch zu Lebseiten
des vorhergehenden Apis geboren worden, was den religiösen Vor-
stellungen, der Ägypter vollkommen widerspricht. Wiedemann, Ge-
schichte Ägyptens von Psammetich I. S. 280 f. sieht in dem Geburts-
datum dieses Apis eine Fiktion des Dareios, durch welche derselbe
unter geflissentlicher Ignorierung des von Kambyses getöteten Stieres
unmittelbar an den diesem vorangegangenen angeschlossen werden
sollte. Letzterer war aber zu einer Zeit gestorben , ab Kambyses
noch als loyaler Pharao regierte und die ägyptischen Kultgebräuche
respektierte. Auf diese Weise hätte man zugleich die Ermordung eines
heiligen Tieres durch einen Vorfahren des Dareios sehr geschickt um-
gangen, deren Erwähnung sehr peinlich gewesen wäre.
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J. Marquart,
in ein völlig anderes Verhältnis zu den Ägyptern treten als vorher.
Wenn man auch noch soviel als Übertreibung oder als von ihm
nicht gewollte Ausschreitungen seiner Soldateska streichen will,
so bleibt doch noch genug übrig, um zu zeigen, dass Kambyses
in der That religiöse Gefühle der Ägypter verletzt haben muss.
Wie ist dieser Umschlag der Stimmung zu erklären ? Wohl kaum
aus seiner Missstimmung über das Misslingen des äthiopischen
Feldzugs; denn trotz des Unfalles des nach der Ammonsoase ab-
gesandten Korps hatte Kambyses im wesentlichen seinen Zweck,
die Unterwerfung von Äthiopien, erreicht1). Die einzig befrie-
digende Erklärung für jene veränderte Haltung des Kambyses
*) Her. 8, 26 weiss nur von der Verschüttung des nach der Ammons-
oase ausgesandten Korps, dessen Stärke er freilich mit gewaltiger Uber-
treibung auf 50000 Mann angibt, durch einen Sandsturm. Kambyses
mit dem Hauptheere wurde nach ihm in der Sandwüste durch Mangel
an Lebensmitteln, welcher bereits Fälle von Kannibalismus unter seinen
Truppen hervorgerufen hatte, zur Umkehr genötigt, ohne sein Ziel, die
langlebigen Athiopen, erreicht zu haben, und gelaugte nach starken
Verlusten nach Theben. Allein gegen diese Darstellung erheben sich
grosse Bedenken. Denn einmal führte ihn der Weg nach seinem natür-
lichen Ziele, Meroe, der Hauptstadt des Äthiopenreiches, gar nicht durch
die libysche Sand wüste, sondern durch das Nilthal; sodann hatte Kam-
byses den Zug keineswegs angetreten, ohne Fürsorge für die Verpflegung
des Heeres zu treffen, wie Herodot behauptet. Er liess vielmehr bei
Premnis am Nil , unterhalb Abu Simbel und der Katarakte von Wadi
Haifa Proviantmagazine anlegen, deren Stätte noch in der Kaiserzeit
unter dem Namen „Markt des Kambyses* oder Kaußvoov ta^utla be-
kannt war (Plin. h. n. 6, 29 § 181. Ptol. 4, 7 p. 301 , 29}. Da man sich
diesen Namen später nicht mehr zu erklären wusste, übertrug man die
Katastrophe der nach der Ammonsoase abgesandten Heeresabteilung
auf das Hauptheer und lokalisierte sie an jenem Orte; Strabon t£ 1, 54
p. 820 bemerkt nämlich gelegentlich der Expedition des Petronius im
Jahre 24 v. Chr.: ix de *Pll\j>ios fptsv sie IIq^viv iQvpvr\v noXiv,
dielfräiv rohe &ivae, lv ole 6 Kapßveov xorcs%&i<!fhri argarbg i^aitoovxoe
itvipov.
Kambyses mag also wohl durch die Strapazen des Marsches und
mangelhafte Verpflegung viele Leute verloren haben; allein dass er
sein hauptsächlichstes Ziel, die Hauptstadt des Äthiopenreiches beim
heutigen Meraui am Berge Barkai wirklich erreicht hat, berichten
nicht bloss Strab. t£ 1, 5 p. 790 und Jos. &q%. 2, 10, 2 § 249 (aus
Nikolaos von Damaskos^), sowie Diodor 1, 33; es ergibt sich noch viel
sicherer daraus, dass die Äthiopen noch zu Herodots Zeit dem Gross-
könig ihren Tribut zahlten (Her. 3, 97). In der That finden sich unter
den Vertretern der Völkerschaften ues Reiches in den Reliefe der
Empfangshalle von Persepolis und Naqsch-i Rustam auch Gestalten,
welche durch das dicke, krause Haar, die aufgeworfene Nase und das
Tierfell um die Schultern als Neger gekennzeichnet sind. Vgl. Duncke r,
GA. 4, 419 f. Die Darstellung Herodots hat das südliche Meroe im
Auge, dessen Trümmer sich beim heutigen Begerawiie oberhalb der
Einmündung des Atbara, Uber 30 Meilen Luftlinie südlich von Napata
finden und wo sich wahrscheinlich nach der Einnahme von Napata
durch die Perser ein neues Äthiopenreich erhoben hatte. Vgl. Duncker
a. h. O. 418 N. 1. Der gerade Weg nach dieser Stadt verlässt allerdings
bei Korosko den Nil und führt mitten durch die nubische Wüste und
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 149
den Ägyptern gegenüber bietet vielmehr der Aufstandsversuch
des Psammenit, der nur wahrend der äthiopischen Expedition, als
der grösste Teil des persischen Heeres nach Äthiopien gezogen
war, verständlich ist. Psammenit hat also auf die Kunde von
dem Unfälle des persischen Heeres, welchen das Gerücht sicherlich
weit übertrieben hatte, die Ägypter zur Erhebung aufgefordert, wie
einst unter Asurbanipal die Fürsten Neko, Sarludari und Paqruru
im Bücken des assyrischen Heeres, das gegen Taharqa nach Theben
marschiert war, einen Aufstand geplant und mit Taharqa ein
Bündnis zu schliessen versucht hatten1). Allein bald erschien
Kambyses an der Spitze der vermeintlich im Sande begrabenen
Perser und hielt ein furchtbares Strafgericht ab. Dies ist die
„Zeit des grossen Unglückes, das über das ganze Land kam und
das schwerer war als irgend ein früheres Unglück in Ägypten*,
von welchem die Statue des Wja-rJor-suten-Net erzählt2). Dass
Kambyses zu einem solchen Strafgerichte berechtigt war, hat die
ägyptische Überlieferung dadurch verdunkelt, dass sie den Auf-
standsversuch des Psammenit schon vor dem Zuge gegen Äthiopien
erzählt, wo er ganz widersinnig ist, und sich auf diese Weise die
Möglichkeit geschaffen, den persischen Eroberer als einen blutdür-
stigen und wahnwitzigen Tyrannen hinzustellen. Die unleugbaren
p und auffälligen Übereinstimmungen des „Epileptikers" Kambyses
(Her. 3, 38) mit dem König Schaul von Benjamin weiter zu ver-
folgen ist nicht dieses Ortes8).
Infolge der langen Abwesenheit des Königs in Ägypten
.wurde das Volk feindlich, hernach ward die Untreue (dranga,
eig. ,Lügel) zahlreich sowohl in Persien als in Medien und den
übrigen Provinzen*. Diese lakonischen Worte befriedigen unsere
Neugier leider allzu wenig, doch darf man ihnen wohl entnehmen,
dass sich inzwischen die östlichen Provinzen ungebührlich ver-
nachlässigt fühlten und sich in der Verwaltung manche Miss-
bräuche eingestellt haben mochten, da man den Arm des Königs
fern wusste. Von der dadurch hervorgerufenen Missstimmung hatte
Kambyses ohne Zweifel Kunde erhalten, weshalb er von Ägypten
aufbrach, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. Als er aber
noch auf dem Marsche war, erhob sich der Magier (14. Wijachna),
der sich die herrschende Unzufriedenheit zu Nutze machte, und
erliess überallhin die Aufforderung an die Untertanen, sich um
. das Banner des Helden Bardija zu scharen. Nach Herodots Dar-
erreicht den Nil erst wieder bei Abu Hamid, indem er so die gewaltige
Kurve abschneidet, welche der Nil von hier an beschreibt.
*) Chronologische Untersuchungen S. 75. K. 2675 Z. 36—66 bei
Winckler, Unters, zur altoriental. Gesch. S. 103—105.
^Wiedemann, Geschichte Ägyptens von Psammetich I. bis
auf Alezander d. Gr. S. 208.
*) Nach manchen Neueren war bekanntlich auch der Apostel
8chaul von Benjamin mit Epilepsie behaftet.
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150 J- Marquart,
Stellung war Kambyses erst bis nach Agbatana in Syrien gelangt,
als der Bote des Usurpators ihn erreichte und auch seinem Heere
die Proklamation verkündigte, worauf Kambyses an demselben Orte
nach ca. 20 Tagen an den Folgen einer zufälligen Verwundung
stirbt. Dass diese Ortsangabe falsch sein muss, ist unschwer ein-
zusehen. Denn bei der Ankunft in Syrien hatte der König noch
nicht den geringsten Grund zur Verzweiflung und zum Selbstmorde
— welchen Herodo ts Darstellung freilich verschleiert — , da die
Entscheidung bei den iranischen Kernprovinzen lag. In der That
fasste er nach Herodot selbst sofort den Entschluss, in grösster
Eile gegen den Magier nach Susa zu ziehen, wo sich der Vater
der Geschichte die Residenz denkt Der Tod des Kambyses im
syrischen Agbatana hängt eng zusammen mit dem Orakel von
Buto, welches die Katastrophe des Königs als eine Strafe der Götter
für die Verwundung des Apis stempelte (Her. 8, 64). Die ganze
Erzählung ist also augenscheinlich von ägyptisch-hellenischer Tra-
dition beeinflusst.
Allein die Eigentümlichkeiten, welche die Erzählung bietet,
lassen sich nicht einfach durch die Annahme erklären, dass die-
selbe ägyptischen Ursprungs sei. Die ägyptische Tradition, welche
dem Kambyses durchweg sehr feindselig ist, hatte absolut keinen
Grund, dessen Selbstmord zu verhüllen; im Gegenteil hätte der-
selbe den Ägyptern eine willkommene Gelegenheit geboten, ihrem
Bachedurst und ihrer Schadenfreude gegen den verhassten König
noch mehr die Zügel schiessen zu lassen. Wohl aber hatte man
in Persien, wo das Religionsgesetz auf die Erhaltung des Lebens
den höchsten Wert legte und den Selbstmord aufs schärfste ver-
dammen musste1), allen Anlass, das tragische Ende des Königs
nach Kräften zu verschleiern, das die Perser durch ihren Abfall
zum Magier, der so grosses Unheil über das Land gebracht hatte,
selbst mit verschuldet hatten. Die Erzählung von der Schenkel-
wunde ist also persischen Ursprungs, wie sie sich denn bei
Ktesias Pers. 12 ganz ebenso findet, und von den Ägyptern ledig-
lich übernommen worden. Hier ist sie dann mit der Verwun-
dung des Apis durch Kambyses in ätiologischen Zusammenhang
gebracht worden. Ganz ebenso ist z. B. die ägyptische Version
über die Veranlassung zum Zuge des Kambyses gegen Ägypten
offenbar von der ausdrücklich als persisch bezeugten Tradition
(Her. 3, 1. 2) ausgegangen2). Daraus ergibt sich aber ohne weiteres,
>) Vgl. Duncker, GA. IV 488.
•) Nach der persischen Version soll Kambyses von Amasis eine
Tochter desselben Für sein Harem verlangt haben, und zwar auf An-
stiften eines ägyptischen Arztes, welchen Amasis dem, Kyros gesandt .
habe, als dieser von ihm den besten Augenarzt, den Ägypten besitze,
verlangt habe. Schon dieser Bericht ist nicht einheitlich, sondern ver-
einigt bereits zwei ältere Erzählungen. Die eine gab offenbar.. als Ver-
anlassung zu dem Bruche an, das« Kyros den besten Augenarzt Ägyptens
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 151
-dass auch der Todesort des Karnbyses, Agbatana (selbstverständlich
das niedische) aus persischer Überlieferung stammt.
Die Frage ist daher: woher ist das syrische Agbatana in
<lie vorliegende Erzählung gekommen ? Die Antwort ist scheinbar
verlangt, Amasia ihn aber nicht geschickt habe, worauf Kambyses
die Rache vollzogen habe, nachdem sein Vater durch den Tod daran
verhindert worden war. Die andere Erzählung nannte als Motiv den
Betrug mit der Haremsdame.
Amasis wollte seine Tochter nicht als Konkubine ausliefern, wagte
\ aber auch nicht die Forderung oÖ'en abzulehnen, sondern sandte eine
Tochter des frühern Königs Apries, namens Nitetis. Diese entdeckte
dem König den Betrug und stachelte ihn zur Rache am Mörder ihres
Vaters an.
Es ist freilich absurd, wenn die persische Uberlieferung die Nitetis
eine Tochter des Apries nennt, der schon 570 gestorben war! Allein
darum wird die Sache selbst keineswegs unwahrscheinlich. Solche
Düpierungen mit falschen Prinzessinnen kamen im diplomatischen Ver-
kehr des Orients in alter wie in neuer Zeit vor oder wurden wenigstens
für möglich gehalten, am Nil so gut wie in Persien und am Hoangho.
Ein sehr interessantes Beispiel dafür ist ein Brief des Königs Nibmuaria
(Amenophis DIL) an den König Kadasman - Bei von Kara-Duniias
(Babylonien}: s. HugoWinckler, Die Thon tafeln von Tell-el-Amarna
Nr. 1, 10—44. KB V. Ein anderer Brief zeigt, dass man sich unter
Umstünden mit irgend einem schönen Weibe zufrieden gab, das man
* für eine Prinzessin ausgab, wenn eine solche verweigert wurde: »Nun
hast du, mein Bruder, nicht (sie) geben zu wollen [gesagt], da ich, um
deine Tochter zu heiraten, an .dich schrieb, mit den Worten: .von
jeher ist eine Königstochter von Ägypten niemandem gegeben worden'.
Warum das? Du bist König und kannst nach deinem Willen handeln.
Wenn du sie gibst, wer soll dann etwas (dagegen) sagen? Als man
mir dieses (deine Antwort) gesagt hatte, da schrieb ich damals: ,es
gibt erwachsene Töchter und schöne Weiber. Wenn irgend ein schönes
Weib da ist, schicke es. Wer Bollte sagen: sie ist keine Königstochter?'
Wenn du aber überhaupt keiue schickst, dann wirst du nicht auf
Brüderschaft und Freundschaft bedacht sein* (eb. Nr. 8, 4 — 15). Nach
diesem Rezepte hat offenbar auch Amasis gehandelt, nur ohne dass
Kambyses damit einverstanden gewesen wäre. Nitetis war natürlich
weder eine Tochter des Apries, noch des Amasis, sondern irgend eine
schöne Haremsdame, die für eine Prinzessin ausgegeben wurde. Vgl.
dazu die ganz ähnlichen Fälle bei Prise fr. 33 und Balä*. 195, 12 ff.,
wo der Sasanide Porös den Hephthalitenkönig und Chosrau Anösarwän
den Chagan der Westtürken in derselben Weise düpiert.
Die Ägypter Ubernahmen die persische Erzählung, änderten sie
aber dahin ab, dass bereits Kyros von Amasis jene Tochter des Apries
erhalten habe und dieselbe hernach die Mutter des Kamby s es cre worden
sei. Auf diese Weise stammte also Kambyses in weiblicher Linie von
den Söhnen des Bö* seibist ab, war demnach gegenüber dem Usurpator
Amasis der eigentliche Träger der Legitimität. Diese Erzählung faud
sich auch bei Deinen und Lykeas von Naukratis (Athen. 13, 10 p. 560).
Doch protestiert bereits Herodot mit Recht gegen dieselbe und deckt
ihre Ungereimtheiten auf. Dieser kennt dann noch eine dritte Er-
zählung, welche die persische und ägyptische Version verbindet und
den Keim zu dem Hasse des Kambyses gegen Ägypten in der Eifer-
sucht seiner Mutter Kassandane, der rechtmässigen Gemahlin des Kyros,
gegen ihre ägyptische Nebenbuhlerin Nitetis sucht.
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152
J. Marqu&rt,
sehr leicht: durch das Orakel von Buto. Um aber eine befrie-
digende Antwort auf jene Frage geben zu können, müssen wir
zunächst wissen, wo dieses syrische Agbatana lag, was immerhin
nicht ganz leicht ist. Denn mit dem Städtchen Barccveux, wie-
Steph. Byz. glaubt, das den Namen der Landschaft Ba&an im
Ostjordanlande bewahrt hatte, hat der Name nichts zu thun, so
wenig als mit Batava am Euphrat1) d. i. Batnae in der Gegend
von Anthemusias Kass. Dion 68, 23, 2. Hierokles p. 714. Prokop,
b. Pers. II 12 p. 209, 17. de aedif. II 7 p. 280, 22. Zosimos 3,
12, 2. Geogr. Rav. 2, 18. Steph. Byz. s. v. Baxvai etc. Vgl. C. Müller
zu Isidoros v. Charax ota&fiol IlecQ&Mol § 1. Geogr. Gr. min. I 246.
Auch die Deutung auf Hamäth in Syrien, ass. ffamattu, Amattu,
an welches Gutschmid*) dachte, ist abzulehnen, obwohl jene
Stadt an der grossen Heerstrasse lag, die von Gaza der philistä-
ischen und phönikischen Küste entlang nach Tyros und von da
über Damaskos ins Thal des Orontes führte, um dann bei Apameia
nordöstlich über Chalkis und Aleppo zum Euphrat abzubiegen.
Jedenfalls ist dabei der Ort "Ayut&a, der nach Steph. Byz. zu
seiner Zeit "Axfia&a hiess, aus dem Spiele zu lassen, da derselbe
nicht in Syrien, sondern in der Provinz Arabia lag*). Sach-
gemäßer ist die Kombination der Quelle des Josephos aq%. 11
§ 30 (wohl Nikolaos von Damaskos), welche den Kambyses in Da-
maskos, der Hauptstadt der Provinz 'Abar nahrä (Arbäja) sterben
lässt. Doch ist dies natürlich lediglich Verbesserung Herodots,
nicht Überlieferung. Bei Josephos vit. § 54. 56. 57 wird aller-
dings ein Ort 'Eußatava erwähnt, der aber in Batanea (Ba&an), also
im Binnenlande gelegen haben muss und daher ebenfalls nicht
passt. Es liegt diesem Namen wohl syr. JK-n^v „vestigium* zu-
grunde. Dagegen nennt Plinius h. n. 5, 75 eine Stadt Acbatcma auf
dem Karmel, in der Nähe der Küstenstrasse. Seine Worte lauten:
Fuit oppidum Crocodilon, est flumen, memoria urbium Dorum,
Sycaminum, promunturium Carmelum et in monte oppidum eodem
nomine, quondam Acbatana dictum. Dass Plinius' Gewährsmann
diesen Namen aus einer alten Quelle hatte, beweist nicht nur seine
Bemerkung, dass der Name jetzt verschollen sei, sondern auch die
altertümliche Namensform, die ein Späterer sicher der seit Alexan-
der d. Gr. gebräuchlichen Benennung der berühmten medischen
Hauptstadt Exßaxava angenähert hätte, so gut wie Josephos.
*) Steph. Byz. s. v. Ayßaxuva' no%L%viov Svglag^ 'HQodotog tgltat.
ol dh vü>v Bccxavetav airc^v xaXoüei. Derselbe 8. v. Bataviar öwoixla
ZvqUcs, ii xal Batuvia ivix&g. i&u xal Batava itobg x& Ebwoccxri.
Vgl. Stein zu Her. 8, 64.
*) Gutschmid, Neue Beiträge zur Geschichte des alten Orients
S. 96. Duncker, GA. IV 484/85.
•) Steph. Bvz. 8. v.JÄpa&a- oidst^gtog, r^g 'Agaßlag rroplo?, äiteo
äia roti i vüv Xiyovoiv "Axiuc&u. xixXr^tai <M &nb rfjg ^afiftov. tpaoi
yuQy rb itoXb tfjg Agußlag 4>itb tfjg 'EQV&Q&g itdXai xataxXvfcG&ai.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
153
Ist es aber denkbar, dass dieser obskure phönikische Küsten-
ort in Ägypten allgemein bekannt war, sodass das Heiligtum von
Buto ihn in einem Orakel verwenden konnte? Wir dürfen diese
Frage getrost verneinen. Die Erzählung ist in ihrer vorliegenden
Form deutlich das Produkt mehrfacher Überarbeitung. Das Orakel
entnahm der auf ägyptischen Boden verpflanzten persischen Tradi-
tion den Namen 9Ayßdtava (ap. Haymatäna, babyl. Agamtunu, jüd.-
aram. KriTanfit) und verstand darunter, wie alle Welt, die medische
Hauptstadt. Die ägyptischen Priester behaupteten nun, ihre Gott-
heit hätte dem Kambyses geweissagt, er werde in Agbatana sterben;
Kambyses habe sich dabei beruhigt in dem Gedanken, er werde
in glücklichem Greisenalter in seiner Residenz sterben1),
während das Orakel andeuten wollte, dass er daselbst in der
Blüte seiner Manneskraft ein klägliches Ende nehmen
werde. Das syrische Agbatana ist erst von einem Hellenen
hineingebracht worden, welcher in der Geographie der syrischen
Küste und Ägyptens ebensogut Bescheid wusste wie in den
ägyptischen Sagen und Gebräuchen. Ein solcher Mann war aber
Hekataios von Milet, der in seiner yijg izegtodog auch die Städte
Phönikiens behandelt (fr. 254 — 262) und speziell auch die Stadt
Buto mit ihrem Orakel der Leto und der schwimmenden Insel
des Apollon, Chembis, geschildert hatte*). Auf diese Weise sollte
zugleich die Pointe des Orakels mehr zugespitzt werden, indem
der Nachdruck auf den vermeintlichen Irrtum in der örtlich -
keit statt in der Art des Todes gelegt wurde.
Wir dürfen also als beglaubigten Inhalt der ältesten Über-
lieferung annehmen, dass Kambyses in der medischen Hauptstadt
Agbatana seinen Tod fand. Ich habe früher der Darstellung des
Ktesias (ecl. 12) den Vorzug gegeben, welcher den Tod des Königs
nach Babylon verlegt, in der Erwägung, dass Kambyses vor allem
>) Her. 3, 64: o p£v dii iv total Mt]dixoToi 'Ayßcccdvoiöi i66x$i
relfvt^asiv yriQcci6s> iv total ol t\v tu Ttdvxa itQTjypucrcc. Auch
bei Ezra 6, 2 wird Haymatana (Achmethä) als eigentliche Residenz
seit der Eroberung Babylons bis in die ersten Jahre des Dareios, also
unter Kyros, Kambyses und Gaumäta gedacht, während Babylon als
zweite Hauptstadt gilt. So wohl auch Strassmaier, Cyrus 227, 6 =
KB. IV 276 Nr. XVI.
Damit hängt wohl irgendwie auch der Einflusa zusammen, den
der Magier Gaumäta (oben 5. 146) und allem Anseheine nach auch die
streng mazdajasnische Lehre der Magier auf Kambyses gewonnen
hatten und der dazu führte, dass er dem Greuel des babylonischen
und ägyptischen Götzendienstes gegenüber nicht immer den einem
Herrscher geziemenden Respekt zu Dewahren verstand. [Hatte Kam-
byses eine Vorliebe für Haymatana und für medisches Wesen, so könnte
dies für Win ekle r's Hypothese (Altorient Forsch. II 2, 1900. S. 214)
sprechen, dass unter Därejawal dem Meder (Dan. 5, 31. 9, 1) Kambyses
als Unterkönig von Babylon im ersten Jahre seines Vaters Kyros,
Königs der Länder (oben S. 127) zu verstehen sei]
*) Hekat. fr. 284. Vgl. Herod. 2, 156, der gegen ihn polemisiert.
S. hierüber Diels, Herodot und Hekataios. Hermes XXH.
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154 J. Marquart,
daran liegen musste, sich die zweite Hauptstadt mit ihren reichen
Hilfsquellen zu sichern. Das Umsichgreifen des Abfalls auch in
Babylonien hätte ihn dann in den Tod getrieben1). Allein wie
sich jetzt herausstellt, waren jene Schlussfolgerungen irrig. Die
Angabe des Ktesias beweist wohl eine richtige Kombination gegen-
über der Version Herodots, stammt aber nicht aus sicherer Über-
lieferung. Jetzt wird der Gang der Ereignisse erst recht ver-
stündlich. Der Magier hatte sich auf dem Berge ArkadriS in
der Landschaft Pihjühuwädä zum Könige ausrufen lassen, welche
auch im Aufstande des zweiten falschen Bardija, Wabjazdäta, eine
Bolle spielte (Beb. III 42), indem derselbe nach einer unglück-
lichen Schlacht von hier aus den Aufstand neu zu entfachen
suchte. Diese Landschaft scheint also für die Perser eine be-
sondere, durch die Überlieferung geweihte Bedeutung gehabt zu
haben und Oppert war daher von einem richtigen Gefühle ge-
leitet, wenn er in Pisijähuwädä den alten Vorort der Persis,
TlaGctQyudctt, erkennen wollte, worin ihm Spiegel folgt9). Wenn
er aber beide Namen auch lautlich gleichsetzt, so ist dies offenbar
verkehrt. Ilaöa^yddcci ist der Name des vornehmsten Graues der
Perser, auf das Richtige führt uns aber die Angabe des Ktesias
bei Nikol. Dam. fr. 65, wonach TIa6a^ya6ai eigentlich der höchste
Berg im Rücken der Stadt hiess8). Hierher bringt Kyros im
entscheidenden Kampfe gegen Astyages die Frauen und Kinder
aus der Stadt in Sicherheit. Dieser Behauptung dürfen wir
wenigstens soviel entnehmen , dass der Stamm seinen Hauptort
nach dem Berge, an dessen Nordseite er sich angesiedelt, benannt
hatte. Dass die Stadt IJaacc^yccöai , wo sich zu Alexanders Zeit
das Grab des Kyros befand, in der heutigen Ebene von Murghäb
am Pul war gelegen haben muss, hat Stolze gezeigt4). Der Berg,
welchen die Erzählung des Ktesias im Auge hat, kann daher nur
der Köh-i Pärüh sein, welcher die Ebene von Murghäb im Süden
abschließt und den Fluss zwingt, sich durch die Passe von Slwand
sein Bett zu graben. Dies ist der Berg Arkadrü des Dareios,
und vom Namen dieses Berges ist der Name IJaöaQydöcci abzu-
leiten: *pa83rkadriä oder *pasarkadrqfah „die hinter (pasä)
dem ArkadriS" cL i. nördlich von diesem Berge. Auch der einsäge
persische Stammname, dessen altpersische Form überliefert ist,
Pätishuwarü = IlatiusxoQug (Strab. « 3, 1 p. 727), ist offenbar
von einem Orts- oder Landschaftsnamen abgeleitet PisijcJiuwäda.
war der Name der Ebene von Murghäb6).
*) Die Assyriaka des Ktesias S. 621.
■) Oppert, Le peuple et la langue des Medes p. 110. 117 n.
Spiegel, Die altpere. Keilinschr.' 228.
») HiBt. Gr. min. I 60, 27. 61, 20. 22. Die Stadt selbst ist in dieBer
Erzählung namenlos.
*) Verhandlungen der Ges. für Erdkunde. 1888. S. 288 ff.
ft) Ptolemaios 6, 8 p. 415, 9 setzt die IlaaaQydSai (cod. B Ilucaq-
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
155
Nachdem Gaumäta den Vorort des Hauptstammes der Perser
gewonnen hatte, wird es ihm rasch gelungen sein, die Huldigung
der übrigen persischen Stämme zu erlangen, sodass er seine Hand
nach dem Nachbarlande der Persis, Susiana mit Anzan, dem
Stammlande der ältern Linie der Achaimeniden, ausstrecken konnte.
Am 9. Garmapada zog er daselbst ein und liess sich, sei es in
der Hauptstadt von Anzan, der Residenz der Vorfahren des Kyros,
sei es auf den Ruinen der alten Reichshauptstadt Susa1) zum
König der Lander proklamieren.
4ayou) an die karmanische Rüste neben die XtXavoanxyoi , ein Irrtum,
der mit der falschen Position, welche er den Städten TlacaQyud« (98° L.
80° 30* Br.) und rdßcu - Ispahan (98° 40' L. 30° 10' Br.) anweist, zu-
sammenhängt. Vgl. Eränsahr S. 29 A. 3. Dass mit der Notiz des
Plin. h. n. 6, 99: flumen Sitioganus, quo Pasargadas septimo die navi-
gatur nichts anzufangen ist, hat Stolze a. a. O. 269 gezeigt Der
Sitioganus, an der Mündung jetzt Mänd genannt, trägt den Charakter
eines über Felsblöcke dahinrauschenden Bergwassers, welches selbst
für die kleinsten Kähne unbefahrbar ist. Schon sein starkes Gefalle
Kchloss jede Schiffbarkeit aus. Es muss also irgend ein Mißverständnis
des Onesikritos, der Quelle des Plinius, vorliegen. [Tomaschek,
Topographische Erläuterung der Küstenfahrt Nearehs S. 60 f. — SBWA.
Bd. 121, 1890, Nr. 8 hält die Angabe allerdings nicht für ganz unmög-
lich, jedoch unter der Voraussetzung, dass Pasargadai mit H. Kiepert
V in Pasä gesucht werde.] Noch dunkler ist eine andere Stelle des
Plinius 6, 115/16: praeterea habet (Persis) in extremis finibus Laodiceam
ab Antiocho conditam. Inde (von Laodicea) ad orientem Magi optinent
FrasargüUi castellnm, in quo Cyri sep ulchrum est, et horum Ecbatana
oppidum translatum ab Dario rege ad montes. Lag Laodikeia an der
West- oder Ostgrenze der Persis? Der Name Fr (Margida ist, wenn
richtig Uberliefert, von Pasargadai verschieden und kann nichts mit
diesem zu thun haben. Sollte also der blosse Namensanklang dazu
geführt haben, hierher das Grab des Kyros zu verlegen? Dagegen
spricht aber Strab. is 3, 1 p. 727 (Mdyoi neben 'Axcctfuvldai und Uaxsi-
<s%OQtig in Persis). Und wo haben wir die offenbar ebenfalls östlich
von Laodikeia gelegene Magierstadt Ekbatana zu suchen?
-) [Anzan oder Anian, das bald als Land, bald als Stadt be-
zeichnet wird, war auch nach der Eroberung von Haymatäna zunächst
die Residenz des Kyros geblieben (Nabünäid- Kyros -Chronik II 4).
Leider ist die genauere Lage dieses uralten Fürstentums und Beiner
Hauptstadt bis jetzt noch gänzlich unbekannt, doch muss diese allem
Anschein nach östlich bezw. südöstlich von Susa im Gebirge gesucht
werden. Hoffentlich glückt es de Morgan , sie wieder aufzufinden und
redende Zeugen über aas Walten des Kyros und seiner Vorfahren sowie
der alten patesi's ans Licht zu bringen. Jensen, ZDMG. 55, 1901.
S. 229 A. 2 erklärt Anzan für die Hauptstadt von Elamtu, während
Susa (.Su^tin, Susi, &uian) ursprunglich der Vorort der Landschaft
Bora? tu war, doch ist die von ihm in Aussicht gestellte Begründung
dieser These m. W. bis jetzt nicht erschienen. Allerdings erscheint
auch in der Seleukidenzeit 'EXvftaf? wieder als eine von Susiana ver-
schiedene, Östlich von diesem gelegene Provinz; vgl. G. E[pffmann,
Auszüge aus syrischen Akten persischer Märtyrer 131 ff. Überdies ist
zu beachten, dass das Königreich Anzan und Susa sich bedeutend
weiter nach Osten und Südosten erstreckt haben muss als die achaime-
nidische Satrapie Susiana, und noch einen Teil des spätem Pars um«
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156
J. Marquart,
Welchen Weg Kambyses nach seiner Ankunft am Enphrat
eingeschlagen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit erkennen. Wäre
er den Enphrat abwärts nach Babylon gezogen and hätte hier
die Kunde vom Aufstände des falschen Bardija erhalten, so
wäre es schwer verständlich, weshalb er dann nicht sofort nach
Susiana marschierte, sondern nordöstlich nach Hamadän abbog.
Es bleibt daher das überwiegend Wahrscheinliche, dass er vom
Euphrat an denselben Weg zog wie später Alexander und über
Charrän und Nisibis nach Assyrien marschierte, wo er die von
Sardeis nach Susa fuhrende Königsstrasse erreichte. Es ist
möglich, dass er bereits bei seiner Ankunft am Dijälä, etwa in
der Gegend von Chosrau's II. Residenz Dastagerd beim heutigen
Sahrabän, die Kunde von der Erhebung seines angeblichen Bruders
erhielt und sich nun entschloss, vor allem den Pass von JJolwän,
welcher den Zugang zum ganzen iranischen Hochlande beherrscht,
unverzüglich in seine Gewalt zu bringen und die modische Haupt-
stadt zu besetzen, ehe noch die Proklamation des Usurpators
auch hier ihre Wirkung ausgeübt hatte. Gelang es ihm, Medien,
dies Kernland des iranischen Reiches, das seine Selbstständigkeit
noch keineswegs vergessen hatte, in der Treue festzuhalten, so
mussten ihm die Persis und Susiana mit verhältnismässig leichter
Mühe wieder zufallen. Doch ist auch denkbar, dass er von An-
fang an Agbatana, iv xotöC ol i\v xcc itavxa nrfyfurta (Her. S, 64),
als Ziel ins Auge gefasst hatte. Von Galülä, 7 Par. nördlich
von Dastagerd, rechnete man bis Hamadän 71 (Ihn Rusta) bezw.
78 Par. (Ibn Chordädbih) oder 10 — 11 Tagereisen. In Hamadän er-
schien ein Bote des Usurpators mit einem Erlasse desselben, worin
er der Bevölkerung anzeigte, dass Bardija der Sohn des Küruä am
9. Garmapada in Susiana die Herrschaft über die Länder ergriffen
habe, und zum Abfall von Kambyses aufforderte. IstachrT |1v, 1 ff.
(Ibn Hauq. fö1, 3) rechnet von Hamadän über Nihäwand auf
direktem Wege nach GundeSäpür in Chüzistan 70 Par. = 10 Tage-
reisen. Die Lage von Gunde&äpür wird nach Rawlinson und
de Bode durch die Ruinen von §ähäbäd zwischen Susa und
fasste, da der König Silchak In-SuMnak in Bändär Buslr in der Nähe
des mittelalterlichen R&Sahr, südwestlich von KäzerQn gebaut hat.
Die Tiefebene von Susiana mit der von Asurbanipal gründlich
zerstörten Hauptstadt Susa gehörte bis auf Nabflnäi'd zum neubaby-
lonischen Reiche, wie zwei dort gefundene Inschriften Nabukodrosors
(Scheil, Textes e*laraites-sem. Se*r. I 124. H pl. 18 nr. 4 = Mem. de
la Delegation en Perse t II. IV) und eine ebendaher stammende In-
schrift Amel-Marduks beweisen; vgl. Scheil, Textes eUamites-auzanites
Se*r. II p. XXIII = Mim. d.e la D&e'gation en Perse t. V. Unter Kvros
lag die Stadt des Gottes SuSinak ebenso wie A&Sur noch in Ruinen
(Kyroscylinder Z. 80, vgl. van Hoonacker, Mdlanges Charles de
Harlez p. 825—829 und Dieulafoy, L'acropole de Suse p. 47) , aus
denen sie erst Dareios wieder erstehen liess und zu neuem Glänze
erweckte.]
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 157
Süstar bezeichnet. Vgl. Nöldeke, Gesch. der Perser und Araber
S. 41 N. 2. Ein Eilbote konnte jenen Weg trotz des schwierigen
Geländes vielleicht in der Hälfte dieser Zeit zurücklegen. VgL
die von Floigl, Cyrus und Herodot S. 82 Anm. 1 angeführten
Beispiele. Allein auch jetzt war Karabyses keineswegs gewillt,
dem Usurpator ohne Kampf das Feld zu räumen. Er teilte den
vornehmsten Persern mit, dass der angebliche Bardija ein Be-
trüger sei und er selbst seinen Bruder habe töten lassen 1). Allein
er fand keinen Glauben (Her. 3, 66): der Abfall, der in Medien
einen besonders gut vorbereiteten Boden vorfand, griff auch hier
rasch um sich, und ohne Zweifel genoss Bardija auch im Heere
des Kambyses zahlreiche Sympathien. Als dieser sich daher an-
schickte, nach Susiana gegen den Empörer zu ziehen, weigerten ihm
die Truppen den Gehorsam. Da übermannte den unglücklichen
König die Verzweiflung, so dass er von allen verlassen in den
Tod gieng*). Auch in Babylonien wurde der falsche Bardija
sogleich anerkannt, als sein Bote mit dem Erlasse und der Nachricht
von der Einnahme Susianas eintraf: schon am 19./L datiert man
nach Barzija, also nur 10 Tage nach der „Ergreifung der Herrschaft",
und so lange brauchte der Bote wohl von Susa nach Babylon.
Der Zusammenhang der Begebenheiten ist also auch auf
Grund der Überlieferung sehr wohl verständlich, ohne dass man
zu willkürlichen Annahmen, z. B. dass Kambyses von Leuten des
Magiers ermordet worden sei8), zu greifen brauchte.
*) Natürlich ist es unhistorisch, dass Prexaspes alsbald die wahre
Persönlichkeit des Betrügers durchschaut und den König darüber auf-
geklärt habe, worauf Kambyses in einer Versammlung der Notabein
diesen noch vor seinem Tode den ganzen Sachverhalt darlegen konnte.
Diese Erzählung, welche die nachmalige Entlarvung des Magiers (c.67ff.)
vorwegnimmt und Überflüssig macht, setzt bereits die Meinung voraus,
dass Sft^Qdif der Eigenname des Magiers gewesen sei (Her. 3, 61. 63.
64: ivftavru &%ovaavxu Kafißvoecc rb Z^QÖiog o%vo\lo. hvtys i\ &krftiir\
rüv xs \6ymv xai to0 ivvnvtov. 65). Sicherlich hätte Prexaspes auch,
falls Kambyses ihn als Werkzeug der Ermordung des Bardija be-
zeichnet hätte, den Notabein gegenüber nach Lage der Dinge die That
geleugnet; vgl. c. 67. 74. Eine derartige Haltung wäre mit dem weiteren
Verlaufe der Begebenheiten am besten vereinbar. Die gegenwärtige
Erzählung Her. 8, 62 — 63 ist aufgebaut auf der falschen Annahme,
Bardija's Tod sei erst während Kambyses1 Abwesenheit in Agvpten
erfolgt. Nur unter dieser Voraussetzung war Kambyses' Zweifel, ob
Prfxaspes seineu Auftrag wirklich ausgeführt hatte, möglich.
Noch dramatischer, aber darum keineswegs wahrscheinlicher ist
das mit dem Tode besiegelte Bekenntnis des treuen Prexaspes, das der
Entlarvung des Magie» unmittelbar vorangeht, ohne doch auf diese
irgend welchen Einflues zu üben Her. 3, 74 - 75.
*) Die Inschrift von Bebistün I 43 sagt, dass sich Kambyses erst
nach der offiziellen Thronbesteigung des Gaumäta tötete.
*) Arthur Lincke, Forschungen zur alten Geschichte I. Zur
Losung der Kambysesfrage. Leipzig 1891, dem sich leider auch F. Justi,
<irundriss für iran. Philologie II 425 f. anschließt.
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158
J. Marquart,
„Als Kambugija den Bardija getötet hatte, da wusste das
Volk nichts davon, das Bardija getötet worden sei" (Beh. I 31/32).
Nach dem Tode des Eambyses führte Gaumäta in Pars ein
Schreckensregiment, das sich naturgemäss hauptsächlich gegen den
Adel richtete (Beh. I 63 ff.) '). „Das Volk fürchtete den Gaumäta
wegen seiner Härte; er hätte wohl viele Leute (Edelinge) getötet,
welche den früheren Bardija gekannt hatten: deshalb hätte er die
Leute getötet, .damit sie mich nicht erkennen, dass ich nicht
Bardija des KüruS Sohn bin'. Niemand wagte (daher) etwas zu
reden über Gaumäta den Magier bis ich kam1"). Der Potentialis
des Präteritums ist hier als Kachsatz eines zu ergänzenden irrealen
Bedingungssatzes aufzufassen. Dareios will durch denselben eine
Vermutung über die Ursache der so befremdlichen Thatsache aus-
sprechen, dass die persischen Adligen sich trotz der scharfen Mass-
nahmen des Gaumäta ruhig verhielten.
Der bisherige hazarapet (Gardeprüfekt) Prexaspes wurde ab-
gesetzt und der Schutz des Herrschers Eunuchen übertragen
(Her. 3, 77). Allein trotz dieser Massregeln fühlte sich der neue-
Herrscher unter den Persern nicht sicher, bei denen es Her-
kommen war, dass der König sich dem Volke häufig zeigte und
deren feudale Verfassung den Häuptern der vornehmsten Adels-
häuser das Recht verlieh, jederzeit beim König Zutritt zu ver-
langen. So verlegte der Magier bald seine Residenz nach seiner
modischen Heimat9). Zur Zeit seiner Ermordung befand er sich in
der Burg SikajahuwatiS in der Landschaft Nisäja. Nach der Dar-
stellung Diodors (17, 110 vgl. Arr. 7, 13, 1) hätte man das Nt{Caiov
neSlov (Her. 7, 40), wo die berühmten nisäischen Bosse zu vielen
») Auch Her. 3, 67 sagt: &<tre &no&av6vroQ avxoü (voO Mayov)
ttö&ov £%nv itavxag xohg Iv x% 'Aalt/ ndge^ avx&v IIe<fo£mv.
») Beh. I 51— 54. Vgl. Her. 3, 68: üxt xs o4>% i£t<potxa ix xfjg &%qo-
noHog xal Sri o6x ixaXst lg ötyiv imvx& oidivct xcbv Xoyiftmv ütQfflmv.
*) Der Gegensatz des Gaumäta gegen den persischen Adel und
sein Bestreben, die Macht desselben au untergraben [vgl. Justi,
ZDMG. 53, 1899, S. 89 ff. Foy, eb. 54, 1900, S. 841-355], ergab sich
aus seiner usurpierten Stellung von selbst. Dagegen ist die Zerstörung
der Verehrungsstätten in Pärs nur zu erklären aus dem Eifer des
Magiers für die strenge Zarathustralehre gegenüber den in manchen
Beziehungen laxeren Gepflogenheiten der mazdajasnischen Perser, wie
750 Jahre Bpäter bei ArdaäTr. Vgl. Fundamente israelitischer und
jüdischer Geschichte 48 A. 3. Unter den Verehrungsstätten (äjaclana)
sind wohl Feuertürme zu verstehen, bei Ktes. ecL 13 Uq6v, dagegen in
der entsprechenden Szene bei Her. 8, 74. 75 xvQyog.
[Was soll man nun dazu sagen, wenn der Historiker Winckler
(Altor. Forsch. U 2, 1900, S. 209) seinen Adepten verkündet: „der
, Magier1 hat deutlich eine der priesterschaft feindliche politik verfolgt,
er war von einer Volksbewegung getragen, welche sich gegen die
Orientaliairung des Peraertums — also gegen adel und hierarchie —
richtete, und hat sein ziel durch steuerenasse und Zerstörung von tem-
peln zu erreichen gesucht". War etwa die Einführung der Eunuch en-
wirtschaft auch gegen die .Orientaliairung des Persertums* gerichtet?!
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 159
Tausenden weideten, auf dem Wege von Bccytatavtj (Behistün)
nach Hamadän, 7 Tage von letzterer Stadt entfernt zu suchen.
Alexander soll hier 80 Tage verweilt haben. Allein die Ent-
fernung vom Berge Behistün bis Hamadän betrug nur 29 Par.
oder 4 Tagereisen1). Strabon sagt dagegen, dass man die Fohlenau
(ktift&v titttoßorog) passiere, wenn man aus der Persis und Babylon
zu den Easpischen Thoren reise9). Allein der gewöhnliche Weg
von Pärs nach den Kaspischen Thoren führt über Ispähän, Käschän
und Qumm nach Raj, dieser kann also hier offenbar nicht gemeint
sein, sondern nur eine Route, die sich mit der von Babylon durch
den Pass von IJolwän nach Choräsän fuhrenden Strasse kreuzte.
Man könnte daran denken, dass dem Gewiihrsmanne Strabons das
Itinerar Alexanders von Persepolis über Ispähän (Gabai) nach
Ekbatana und von da nach Raj und die an der Strasse Persepolis^
Ekbatana gelegene Station Nisaci vorgeschwebt habe und er der
Ansicht war, dass Alexander bereits bei der Verfolgung des Dareios
an der berühmten nisäischen Ebene vorbeigekommen sei. Allein in
diesem Falle würde er sich mit sich selbst wie mit der Überliefe-
rung in schreiendem Widerspruche befinden. Denn er spricht aus-
drücklich von einem modischen Nisaia, während das nur 24 Par.
nördlich von Persepolis *) gelegene Nisaci noch zu Pärs gehörte und
von der Straße von Babylon nach den Kaspischen Thoren weit
ablag. Wohl aber lag an der 8trasse von rjolwän nach Hamadän,
aber vor Behistün eine berühmte Ebene mit einer starken Festung,
die „Schlosswiese* KaIäJI ^y> oder einfach „die Wiese* ge-
nannt, wo noch in der Chalifenzeit die Kriegsrosse der Chalifen
weideten4). Dieser Ort lag nur 10 Par. von IJolwän, 51 (nach
Ibn Busta 48) 6) Par. d.i. 7 Tagereisen von Hamadän. „Von
Marg al Qal'a nach azZubaidlja sind 7 (1. 9) Par. Der Weg führt
zwischen Bergen und fortlaufenden Dörfern entlang, bis man an
den Fuss des Passes kommt. In der Nähe des Passes ist ein Dorf
namens Ächurin, eine Gründung der Sasaniden, dessen Bewohner
Kurden sind. Es befindet sich daselbst ein Feuertempel, den die
Magier hoch in Ehren halten und aus den entferntesten Ländern
>) Ibn Rusta 111,9 ff. Ibn Chord. 11, 11—13. H, 8—11.
*) Strab. ut 13, 7 p. 525.
Siehe Tomaschek, Zur histor. Topographie von Persien
«) Tab. m HT1, 11 a. 222 H.
») S. Ho, 15 ist die Entfernung zwischen Marg al qal'a und
azZubaidlja, äju^*, in iüt^J» zu verbessern, wie auch Ibn Hauqal
hat. Jäq. II Tlv, 5 gibt 8 Par., Muq. 1 Tagereise. Ebenso ist S. 1*1*1 , 9
(Entfernung von QarmähTn nach adDukkän) mit Ibn Chordädbih
1 für 1 211 lesen.
J. Marqaart,
von Zeit zu Zeit besuchen. Dann gelangt man zu einem Dorfe
namens Qacr JazTd, das 4 Par. von Marg al Qal'a entfernt ist,
dann erklimmt man den Pass und steigt nach az Zubaidlja hinab*.
Qacr Jazld beisst sonst jkJt d. L pers. tazar, ap. taiaram „Palast*.
Nach Mis'ar b. al Muhalhil bei Jäq. HI oPv, 9. IV HP, 3 war es
der Kreuzungspunkt der Strassen nach Choräsän, Mäsabadän und
MLhragän qaäaq. Hier mündete also die Heerstrasse ein, welche
von Susiana nach Ekbatana führte, wie man auch aus Tab. I rill,
6. 12 ff. ersehen kann. Der Ort muss deshalb in der Nähe des
heutigen Härünäbäd gelegen haben. Marg al Qal'a kann aber
nicht, wie Tomaschek ohne weiteres annimmt, identisch sein
mit der berühmten „Ammenau* oder richtiger der „nährenden
Au* ^y» ^to dqji marg Dln. ö1, 20, wo Bahräm Gör umkam1).
Denn diese örtlichkeit lag ganz in der Nahe von Hamadän, wie
sich aus Ibn al Athlr XII 15, 15 ergibt; vgl. eb. X 198. 476.
XI 15, 15. 19. Ich glaube daher, dass bei Strabon & xijg 71«^-
alÖog ein Versehen ist für ix rtjc £ovcidog, und Diodor die
nisäische Ebene fälschlich Östlich statt westlich von Baytxsxdvr]
verlegt. Dann stimmt die Entfernung von Ekbatana vorzüglich.
Wir hätten also das Nisäja der Inschrift von Behistün in
der Ebene von Marg al Qal'a zu suchen, und die Landschaft würde
sich mit der partbischen Provinz Untermedien bei Isidor von Charax
ganz oder teilweise decken3). Die Burg (didü) SikajahuwatiS könnte
mit der Festung jUläJt selbst oder mit ilaiJ Tazar identisch
sein. In diesem Falle hätte der Magier seine Residenz mit Ab-
sicht so gewählt, dass er dem Passe von IJolwän möglichst nahe
war und auf diese Weise die Strassen nach Ekbatana und den
östlichen Provinzen wie nach Babylon und Susa jederzeit be-
herrschte. Es gab allerdings auch eine Landschaft Nüä im nörd-
lichen Medien, die in der Sasanidenzeit ein Rustäk der Provinz
o -
Hamadän war, aber unter Tähir b. al H usain samt j^UL* zu
Qazwln geschlagen wurde8).
l> Vgl. Nöldeke, Geschichte der Perser und Araber S. 103
Anm. 3. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 8.
9) [Ob die von Tiglatpileser III. erwähnte Stadt oder Landschaft
Ntää besw. Ni-ia-ai (vgl. Streck, ZA. XV, 328 f. 338) mit unserem
Aüäja identisch ist oder nicht, lässt sich weder bejahen noch ver-
neinen, so lange die mit ihr zusammen genannten Städte und Land-
schaften Blt-lätar, Zakruti, Gizinikissi und Cibur nicht anderweitig
nachgewiesen sind. Mit Fagtexa, Ganzak, wie Streck will, hat Ginnt-
hissi jedenfalls nichts zu thun. Ganhak, pers. Gan§ak „Schatzhaus41, ist
achaimenidischen Ursprungs und kehrt in verschiedenen Landschariten
als Bezeichnung der Landeshauptstadt wieder.]
*) Ibn al Faq. PH, 5. 13, vgl. arRuhnl bei Jaq. IV wa, 7.
Vgl. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 11. Wohin
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
161
Der Schauplatz der Ermordung des Magiers ist bei Herodot
die (spätere) Hauptstadt Susa. Nach einer verblassten Erinnerung
scheint es, dass Dareios aus Parthien, der Provinz seines Vaters —
Herodot 8, 70. 72 nennt dafür fälschlich Persis — direkt nach der
medischeu Burg gekommen ist und sich hier mit den andern Ver-
geh wornen getroffen hat. Die Ausfuhrung des Planes ward durch
das Mihragänfest wesentlich erleichtert: dies war das einzige Fest
im Jahre, an welchem sich der König der Könige öffentlich be-
trinken durfte1). Eine der bei Herodot zusammengearbeiteten
Versionen über den Sturz des Magiers schrieb das Hauptverdienst
an der That dem Intaphrenes (Windahfarnäh) und dem späteren
hazar&pet (Gardekommandeur) 1Aanudf£vr^g (Aspacanäh) zu, welch
letzterer bei ihm für den Ardurnanis der Inschrift von Behistün
eingetreten ist, wogegen eine andere Quelle den Hauptanteil für
Dareios selbst und seinen Schwiegervater Gobryas in Anspruch
nahm (Her. 3, 78). Für die erstere Version tritt vor allem Aischylos
ein, welcher aus den Sieben neben Dareios nur den 9A(fta<p^ivrig
d. i. Windah-fornäh ») hervorhebt (v. 776—781):
itifuttog Sh MccgSog ^o§w, alojyvy\ nar^a
&q6vousi x a^xaloiar t6v Sh ahv i6la>
*A(na<p(>ivrig hxuvsv fa&Xbg iv S6(Wig
l-bv ikvdQccöiv q>CXousiv, olg r6ö* 1\v %(>iog,
Kaya'*)
Auch Hellanikos muss einer ähnlichen Erzählung gefolgt sein,
sonst hätte die Bemerkung des Scholiasten zu V. 778 keinen Sinn:
xovtov 'EXXdvtxog Aaq>iqvr\v xaXit. Hellanikos schrieb wohl 9ISa-
tytovriq = *Widah-farnäh, eine Nebenform zu Windah-famäh. Die
Inschrift von Behistün 4,83 nennt ebenfalls den Windahfarnäh, Sohn
des Wajaspära an erster Stelle, bei Ktes. Pers. 14 steht er un-
mittelbar vor Dareios selbst, welcher den Schluss der Liste bildet.
.-vu.iuKLii 23, 6, 80 die Heimat der niKäischen Rosse verlegt, ist unklar,
ebenso, ob er sich die Ländereien der Magier in deren Nähe denkt.
Seine Worte lauten: edunt apud eos prata virentia fetus equorum
nobilium, qnibus, ut scriptores antiqui docent nosque vidimus, ineuntes
proelia vin summates vehi exultantes solent, quos Nesaeos appellant.
abundat aeque civitatibus ditibua Media et vicis in modura oppidorum
exstruetis et multitudine incolarum. utque absolute dicatur, uberrimum
est habitaculum regum. In hin tractibiis Magorum agri sunt fertiles.
») Duris von Samos fr. 18 bei Athen. X 45 p. 434 D. Bei Ktesias
ed. 14 ist es nicht Bakchos, sondern Aphrodite, die dem Magier ver-
derblich wird: die Verschworenen dringen ein, während er ein Schäfer-
stündchen mit einer babylonischen Odaliake hält.
■) Die Form 'AQTuyQ&wp steht zunächst für 'Avxatpiwris , wie
Ktesias geschrieben hatte (der Nasalstrich ist in unsern Hss. weg-
gefallen). Aischylos hat letztern Namen durch den ihm geläufigen
(Tgl. V. 21) ersetzt. Die Wiedergabe von anlautendem ap. uri durch
& wie in 'Aoxd&xris V. 22 = ap. Wiitäspa.
Über den unechten Vers 780 oben S. 138 A.
11
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162 • J- Marquart,
Auf dieses sein Verdienst um die Wiederherstellung der legitimen
Monarchie gestützt, mag sich Windahfarnäh Freiheiten heraus-
genommen haben, die dem Dareios als mit der Würde des König-
tums unverträglich erschienen und seinen Untergang herbeiführten
(Her. 3, 118 ff.)- Angenommen der verhängnisvolle Vorfall habe
sich so zugetragen wie ihn die Sage schilderte, so konnte ihn der
König allerdings als Attentatsversuch aufTassen oder wenigstens
zu einem solchen stempeln, und jedenfalls gab ihm derselbe einen
erwünschten Vorwand, das herkömmliche Recht der persischen
Stamm fureten, jederzeit unangemeldet beim König Zutritt zu ver-
langen, abzuschaflen , das die Wiederholung eines ähnlichen An-
schlags wie der, welchem er selbst die Krone verdankte, und damit
eine abermalige Thronumwälzung gar zu leicht zu machen schien.
Dagegen ist Herodots Zeitbestimmung der Katastrophe: atixfact
futa t^v htavdözaaiv jedenfalls unhistorisch: sie kann natürlich
erst nach der Beendigung der verschiedenen Aufstände, von denen
Herodot nichts weiss, und wird wahrscheinlich erst nach der Ein-
meisselung der Inschrift von Behistün stattgefunden haben. In
der gegenwärtigen Erzählung Herodots ist Windahfarnäh ganz durch
0 tan es in den Hintergrund gedrängt worden, dessen Haus nach
dem Untergange der Familie des Windahfarnäh die erste Stelle nach
dem Königshause einnahm1).
Schon vor dem Sturze des Gaumäta hatte Babylon seine
Herrschaft abgeschüttelt und wieder einen eignen König, einen
angeblichen Sohn des Nabünäld, aufgestellt: [am 10. Tisrit, also
an demselben Tage, an welchem Gaumäta getötet wurde, wofern
sich der altpersische Kalender damals mit dem babylonischen
deckte, datierte man bereits nach Nabü-kudurri-ucur. Dem Bei-
spiele der Babylonier folgte alsbald Susiana, wo sich A&rina
(elamitisch HaSSina), der Sohn des ük-ba-tar-ra-an-ma2) zum König
]) Phantasien bei P. Rost, Unten, zur altorient. Gesch. S. 107 ff.
= Mv AG. 1897,2 S. 21 Off. H. Winckler, Altor. Forsch. III, 1898,138ff.
[3, 1901, 467 f. An letzterer Stelle erklärt der Verf. Uüanni, den Statt-
halter von Babylon und ebir näri d. i. ?n?13 *13*f Arbäja (Strass-
m ai er. Inschriften von Darin« Nr. 82 Z. 2 vom 16./VTL 3 des Dareios
bei Peiser, KB. IV 305) für „e inen von den grossen adligen — den
angeblichen ,sieben mördern' des .Magier»', unter welche Darius das
reich verteilen musste. sein anteil betrug den gesamten umfang des
weiland neubabylonischen, chaldäischen königreiches'. Winckler ver-
wechselt also den sonst unbekannten Satrapen von Babylon U8-ta-an-ni
d. i. ap. Citäna, gr. 'Otfr^yijff, 'Oo&ävr\s oder Wiitäna, gr. Taz<kvr\s
(Her. 7, 77), 'Itfravrje Arr. 7, 6, 4 mit dem den Griechen wohlbekannten
Jiutäna , der mit der Unterwerfung von Samos betraut wurde Her. 3,
141 ff. Vgl. diese Unters. I 12—14. Die Verwechslung dieser beiden
Personen wird dadurch um nichts entschuldbarer, d&ss die Namen
schon von Trogus Pompeius (Just. I 9, 14 ff.) vermengt worden sind.]
•J So in der elamitischen Version I 57. (H)aiima ist regelmässige
elamitische Umschreibung von ap. Ä&rina, das mit Suffix 4na gebildet
ist von aw. ätari, gen. 0»rö .Feuer* (vgL 'ftcfr-fcnp u. a.), der Sohn ist
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
163
aufwarf (Beh. I 72—81. IV 10—15. Beh. C. D.), allein dieser
Aufstand war von sehr kurzer Dauer. Die Herrschaft des A&rina
hatte noch so wenig Wurzel gefasst, dass die Susianer auf die
blosse Aufforderung hin ihren neuen König an Dareios aus-
lieferten1), ein Beweis dafür, dass jener erst seit kurzem den
Thron der alten Könige von Susa bestiegen hatte. Um das un-
rühmliche und der grossen Vergangenheit des Landes wenig wür-
dige Ende dieses und des zweiten susianischen Aufstandes historisch
gerecht zu würdigen, muss man übrigens berücksichtigen, dass
seit der Eroberung von Anzan durch CiSpis, den Urgrossvater
Kyros' IL2), zahlreiche Perser daselbst ansässig waren, die seit-
dem die herrschende Klasse bildeten und natürlich sofort der
Partei des Dareios beitraten. Die Inschrift erzählt den Aufstand
des Afrrina vor dem des Nidintu-Bel, aber, wie ich glaube, nur
deshalb, weil er vor diesem beendigt wurde, als der Wieder-
hersteller der achämenidischen Monarchie noch in Medien weilte.
Dieser hatte nach der Beseitigung des Gaumäta zunächst noch
lungere Zeit in Medien zu thun, um seine Herrschaft zu befestigen
und ein Heer aus dieser Provinz sowie aus Pars an sich zu ziehen,
ehe er an die Bekämpfung des babylonischen Prätendenten denken
konnte. Von grosser Wichtigkeit war es, dass die Vizekönige des
Ostens, DädrSiS in Baktrien und Wiwäna in Arachosien, dem neuen
König der Könige ohne Anstand huldigten und dieser das wichtige
Parthien, mit welchem damals auch Haraiwa (Herät), Zranka
Prangiana) und Asagarta (Köhistän) verbunden waren8) und dus
somit die Verbindungen zwischen West- und Ostiran beherrschte,
in zuverlässigen Händen wusste. Vom 21. Kislev (IX.) = Adri-
jädija existiert noch ein Täfelchen des Nabü-kudurri-ucur, aber
schon am 27. desselben Monats erzwingt Dareios den Übergang
über den Tigris und schlägt die Babylonier auf dem rechten
Tigrisufer. Nur 5 Tage später, am 2. Anämaka = T^bet (X.),
erringt Dareios den zweiten Sieg bei Zäzäna am Euphrat (Beh.
I 83 — 96 = bab. Z. 81 — 87), worauf sich Nidintu-Bel mit wenigen
also bereits ironisiert, während der Vater noch einen echt elamitischen
Namen (ironisiert Upadarmä) trägt. Es ist übrigens zu beachten, dass
ÄJhrina neben Frada von Margiana der einzige Prätendent ist, der sich
nicht für eine andere Person ausgab oder Abstammung von einer
früheren Dynastie behauptete, also nicht , gelogen • hat. Dies scheint
darauf hinzudeuten, dass er wirklich einem alten einheimischen Adels-
geschlecbte angehörte.
l) Beh. I 82/83: «Darauf sandte ich nach Susiana (nämlich einen
Herold, der unter dem Schutze des Völkerrechts stand; vgl. die Boten,
die der Magier in die Provinzen und zum Heere des Kambyses ge-
sandt hatte Her. 3, 61/62); jener Äfrrina ward gebunden zu mir ge-
führt; ich Hess ihn töten.*
•) Kyroscylinder Z. 21. Schräder, Keilinschriftliebe Bibliothek
HI 2 S. 125
») Vgl. Beh. I 18-15. Dar. Pers. 1 12-15.
11*
164
J. Marquart,
Reitern nach Babylon wirft. «Darauf gieng ich nach Babylon;
durch die Gnade Ahuramazdäh's nahm ich sowohl Babylon ein
als jenen Nadintabaira gefangen, dann tötete ich jenen Nadinta-
baira in Babylon* (Beh. II 1 — 5). Wie lange sich Babylon nach
der Schlacht bei Zäzäna noch gehalten hat, ist ans dieser sum-
marischen Erzählung nicht zu entnehmen und war bisher auch auf
anderem Wege nicht genau festzustellen1). Bei den Ausgrabungen
der babylonischen Expedition der Deutschen Orient -Gesellschaft
im Jahre 1901 ist nun ein Täfelchen zum Vorschein gekommen,
das Vermerke über Mehllieferungen enthält, die vom 6. Tebet bis
6. Öabat des Anfangsjahres des Dareios, Königs von Babylon und
Königs der Lander, ausgeführt wurden. Das Täfelchen ist wahr-
scheinlich am 6. Öabat oder an einem der nächstfolgenden Tage
geschrieben. Daraus ergibt sich aber, dass Babylon wahrscheinlich
noch im febet, also fast unmittelbar nach der Schlacht bei Zäzäna,
von Dareios eingenommen worden ist. Die angeblich 20 Monate
dauernde Belagerung der Stadt durch Dareios, von welcher
Herodot erzählt und bei welcher Zopyros eine Bolle gespielt
haben soll3), zerfällt somit völlig in nichts8). Allein der König
blieb, wie wir sehen werden, noch lange nach der Einnahme der
Stadt in Babylonien. Was ihn hier zurückgehalten hat, wissen
wir bis jetzt nicht
Während Dareios in Babylonien war, wurden folgende Länder
von ihm abtrünnig: Pars, Susiana, Medien, Assyrien, Armenien,
Parthien, Margiana, 0ataguS und die Saka. Die Reihenfolge dieser
Aufzählung ist nicht chronologisch, sondern rein geographisch.
Dies ergibt sich vor allem daraus, dass Assyrien vor Armenien
steht, obwohl es während des Aufenthaltes des Dareios in Baby-
lonien gar keinen aktiven Anteil an den nationalen Erhebungen
nahm, sondern nur im zweiten Stadium des armenischen Auf-
standes den Schauplatz einer Schlacht zwischen Wahumisa und
den Armeniern bildete (Beh. II 53 — 54) 4). Pars steht als Stamm -
*) Die älteste bis jetzt bekannte Urkunde aus der Regierung de«
Dareios trägt das Datum 20./XI. des Antrittsjahres , aber keine Drts-
Hngabe (Stra8smaier, Inschriften von Darius Nr. 1); die betreffenden
Verträge stammen fast sämtlich aus Abu Habba = Sippar. Dann folgt
ein aus Babylon selbst datiertes Täfelchen vom Monat Simanu (HI.)
des 1. Jahres des Dareios (Strassmaier, Inschr. von Darius Nr. 17).
«) Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 625 f.
«) Siehe F. H. Weissbach, Babylonische Miszellen 8. 48 f. =
Wissenschaftliche Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Ges. Heft 4,
Leipzig 1903. Ders., ZDMG. 51, 1897, S. 518. — Danach kann also
auch das Täfelchen vom 27./XI. des 8. Jahres des Kambyses (Strass-
maier, Inschriften von Cambyses Nr. 412) nicht mehr in die Zeit
der angeblichen Belagerung Babylons gesetzt werden. Weissbach,
ZDMG. 55 , 208 vermutet einen Fehler entweder des Tafelschreibers
oder des Herausgebers.
4) Der Aufstand der Asagarta in Assyrien brach erst kurz vor
oder nach dem Falle des Frawartis aus (II 78—91).
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 165
land an der Spitze, trotzdem die Schilderhebung des Wahjazdata
ohne Zweifel eine der spätesten unter den in jener Periode aus-
gebrochenen Empörungen ist Allein auch die summarische Zeit-
bestimmung ^während ich in Babylonien war" ist wohl nicht ganz
wörtlich aufzufassen. Der zweite Aufstand ist nach der Reihen-
folge des Ausbruchs der des Frawarttä in Medien. Gegen ihn
entsendet Dareios, obschon seine aus Persern und Medern be-
stehende Streitmacht selbst klein war, eine Heeresabteilung unter
dem Befehle des Persers Widrna, eines der sieben Verschworenen.
Dieser stösst auf ein von einem Offiziere des FrawartiS befehligtes
Heer und liefert den Medern schon am 27.1) Anamaka (X.) ein
siegreiches Treffen bei der Stadt Ma-ru-iS *) in Medien, worauf er sich
in der Landschaft Kampanda festsetzt und die Ankunft des Königs
abwartet (II 13—29 = elam. H 7—21). Die Landschaft Kampanda,
bei Isidor von Oharas Xapßaoijvq, wo die Stadt BayUstava2) und das
Gebirge Cambandus8) oder Cambades4) lagen, reichte gegen Osten
bis ganz in die Nähe der Stadt Kinkiwar (KoyxoßdQ)6). Man hat
über diesen und andere Siege der Heerführer des Dareios, welche
die Sieger zur Unthätigkeit verurteilt hatten, vielfach gespottet,
aber sehr mit Unrecht: den nächsten Zweck, zu welchem er aus-
gesandt war, hatte Widrna vollkommen erreicht, nämlich die die
Strasse nach Babylon beherrschenden Zagrospässe in seine Gewalt
zu bringen und damit eine etwaige Diversion der Meder zu Gunsten
der Babylonier zu vereiteln. Zu einem Marsche auf Hamadän
war er mit seinem Häuflein ohne Zweifel viel zu schwach. Wie
gefährlich für Dareios damals das Erscheinen eines neuen Feindes
in seinem Bücken hätte werden können, leuchtet von selbst ein.
Diese Erwägungen zwingen, wie ich meine, zu dem Schlüsse, dass
der König den Widrna abgesandt hat, ehe noch die aufständischen
Meder die Zagrospässe besetzt hatten. Die Länge der grossen
Heerstrasse von Baghdäd über rjolwän nach Kinkiwar beträgt
nach den arabischen Geographen 88 Par. oder 121/, Tagereisen.
Rechnen wir dazu noch die 3 — 4 Tage, welche zwischen dem
Tigrisübergang und der Schlacht am Euphrat liegen, so erhalten
wir im ganzen 15 — 16 Tage vom Euphrat bis nach Kampanda.
Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass wir einem Heere, zumal in
jener Zeit und im Gebirge, sicherlich keine durchschnittliche tägliche
Marschleistung von 7 Par. beilegen dürfen. Aus alledem wird man
schlie8sen müssen, dass Widrna sofort nach der siegreichen Schlacht
») So die elamitische Übersetzung.
■) Isidor, oxa&^l üaQ&. § 5 BAÜTANA aus BATKZyTANA,
*) Plin. h. n. 6, 134 mons Cambalidus qui est Caucasi ramus nö.
von Mesabatene d. i. Ku^pu Aldos, verlesen aus Ka^irßdNSof.
4) Plin. h. n. 5, 98 Cambades, ein Ast des Taurus, wie der Oroandet-
Elwend und Niphates.
5 Isidor, ota&pol IIa&. § 5—6 bei C. Müller, Geogr. Gr.
min. I 250.
166
J. Marquart,
bei Zäzäna (2./X.) oder jedenfalls spätestens nach der Einnahme
von Babylon, falls diese bereits um den 6./X. erfolgte, abgesandt
worden ist und 25 Tage später den Medern eine Schlacht geliefert
hat. Frawartis muss sich demnach unmittelbar nach dem Abzüge
des Dareios aus Medien empört haben, noch ehe dieser den Dijälä
erreicht hatte. Dasselbe ergibt sich mit noch grösserer Sicherheit
für den Aufstand des Martija - UmmanniS in Susiana (II 8 — 18).
Über dessen Unterdrückung erzählt der König: »Damals war ich
(im Begriffe) gegen Susiana zu marschieren *). Darauf [bekamen
die Susianer Furcht] vor mir, ergriffen jenen Martija, der ihr
Oberster war, [und töteten ihn]". Danach hat man sich den
Verlauf offenbar so vorzustellen, dass Dareios auf dem Marsche
von Hamadän nach Babylonien die Nachricht vom Aufstände des
Martija erhielt, worauf er den Weitermarsch nach Babvlonien so-
fort unterbrach und sich (etwa von Kirmänsähän oder Härünäbäd)
gegen Susa wandte, um zunächst seine Flanke zu sichern. Er
kam aber gar nicht bis nach Susa oder Anzan, da die Susianer
auf die Kunde von seinem Anzüge den Usurpator selbst beseitigten,
worauf er den Marsch nach Babylonien fortsetzen konnte; der
Zeitverlust kann daher nur gering gewesen sein. Dareios hätte
somit, wenn er genau historisch berichten wollte, sagen müssen:
.Als ich im Begriffe war, gegen Babylonien zu ziehen, erhielt ich
die Nachricht, dass Susiana von mir abtrünnig geworden sei. Darauf
schickte ich mich an gegen Susiana zu marschieren, worauf die
Susianer vor mir Furcht bekamen und den Martija ergriffen und
töteten. Alsdann setzte ich meinen Marsch gegen Babylonien fort.
Als ich den Nadintabaira bei Zäzäna geschlagen hatte, erhielt ich
die Nachricht, dass sich FrawartiS in Medien empört habe. Als ich
noch nicht nach Babylonien gekommen war, hatte er 6ich empört*
Im Frühling, wohl im Garmapada (I.) seines ersten Regierungs-
jahres, sendet der König den Armenier Dädr&s gegen die aufstän-
dischen Armenier. Nach den Erfolgen, die dieser errang, ist es
freilich nicht wahrscheinlich, dass er über ein beträchtliches Heer
verfügte: nach drei Siegen in Armenien, bei Zuzza am 8./II., bei
der Festung Tigrä am 18./II. und bei der Festung Uhjäma am
9./III. , sah er sich schliesslich gezwungen , hier auf Dareios zu
warten bis er nach Medien kam (II 29 — 49). Da er auch im
Spatherbste dieses Jahres, als Dareios den Perser Wahumisa mit
einem neuen Heere nach Armenien sandte, nicht imstande war
diesem die Hand zu reichen, so kann jenes nur bedeuten, dass
er sich vor der Übermacht der Aufständischen in die Festung
J) [adayemj adam . aSnaij . äham . abij . Hürnig" am . pasäicah .
hacümuh . [atar«a*(?) . Huicag]ijüh . awam . Martyam . agrbäia* .
hjmäm . nui&ätah . äW» . [utüsim . aicäga\na>K Über attnmj vgl.
Bartholomae, ZDMG. 48, 666. Grdr. f. iran. Phil. I 18 § 31: 146
§ 260 e.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
167
Ühjäma werfen musste. Als Wahumisa gegen Armenien rückte,
zogen ihm die Aufstandischen bis nach der Landschaft Izzila in
Assyrien entgegen, wo er ihnen am 15./X. ein siegreiches Treffen
lieferte, das sie zum Bückzuge nach Armenien zwang. Die Land-
schaft Izzila ist vermutlich das Gebirge lzdlü. der Syrer d. i.
der heutige Tür 'Abdln1). Der Schauplatz dieser Schlacht gibt
uns auch Ausschluss darüber, welchen Zweck der Aufstand der
Armenier verfolgte. Dass sie sich damals ebensowenig wie in
späteren Jahrhunderten dazu aufzuschwingen vermochten, „für ihr
eigenes Land zu leben und zu sterben", geht aus dem gänzlichen
Schweigen des Dareios über einen Anführer unzweideutig hervor.
Wenn sie aber südwärts nach Assyrien vordrangen, so ist klar,
dass ihr Ziel Babylonien war. Sie müssen also von hier aus be-
wogen worden sein, sich gegen den neuen König der Könige
zu erheben und den eben unterworfenen Babyloniern zu Hilfe
zu kommen. Auf engere Beziehungen Armeniens zu Baby-
lonien weist ja auch der Umstand, dass nach dem Abzüge des
Dareios aus Babylonien ein Armenier die Babylonier abermals
zum Aufstande bewegt. Dagegen ist die Annahme, dass der arme-
nische Aufstand mit dem des FrawartiS zusammenhänge , durch
nichts gerechtfertigt. Nach einem zweiten Siege Wahumisa's in
der Landschaft Autijära in Armenien am 30./IL des folgenden
Jahres, des zweiten des Dareios, kam der Krieg zum Stillstand:
„dort erwartete mich dann Wahumisa in Armenien, bis ich nach
Medien kam* (II 49 — 63). Damit war in der That die drohende
Gefahr eines Vordringens der Armenier nach Babylonien, das aller
Voraussicht nach ein Wiederaufflammen des babylonischen Auf-
standes im Gefolge gehabt und alle bisherigen Erfolge in Frage
gestellt hätte, beseitigt, und jetzt erst konnte der König sich der
Aufgabe zuwenden, Medien, das Kernland von Iran wieder in seine
Gewalt zu bringen. Allein erst im Sommer oder Herbst verliess
er Babylonien.
Inzwischen hatten sich aber sehr bedeutsame Ereignisse im
Osten abgespielt: die Parther und Hyrkanier hatten sich auf die
Seite des FrawartiS geschlagen, in Margiana hatte Fräda den Ver-
such gemacht, das alte ostiranische Königreich zu erneuern, und
im Stammlande Pars selbst hatte Wahjazdäta aufs neue den
Schatten des Bardija erweckt und das Volk dem Sohne des KüruS
begeistert zugejauchzt „Es ward von mir abtrünnig, gieng zu
jenem Wahjazdäta über, er ward König in Pars. Darauf entsandte
ich ein persisches und medisches Heer, das bei mir war. Ein
Perser, Artawrdija mit Namen, mein Diener, ihn machte ich zu
ihrem Obersten — das übrige persische Heer zog hinter mir her
nach Medien — ; darauf zog Artawrdija mit dem Heere nach Pars.'
Für die Herstellung eines pragmatischen Zusammenbanges ist
*) Im persischen und babylonischen Text ist der Name zerstört.
168
J. Marquart,
es von grandlegender Wichtigkeit, diesen Aufstand chronologisch
richtig einzureihen. Das von Artawrdija geführte Heer lieferte
dem Wahjazdäta am 12. öurawähara (IL) ein siegreiches Treffen
bei der Stadt Rachä in Pars. Das Jahr der Schlacht ist nicht
angegeben. Es erhebt sich daher zunächst die Frage, ob Arta-
wrdija vom König erst bei seinem Abmärsche nach Medien im
Sommer oder Herbste des zweiten Jahres (nämlich zwischen dem
30. /II. und dem 26. Adukanis), was nach dem Texte das Nächst-
liegende wäre, oder etwa schon im Frühling dieses Jahres (im
Garmapada) nach Pars geschickt worden ist. Bei ersterer An-
nahme würde die Schlacht bei Rachä erst ins dritte Jahr des
Dareios fallen, bis dahin wäre also der Feldherr völlig unthätig
geblieben, in schreiendem Gegensätze zu der adlergleichen Besch-
neit des Königs selbst, der alsbald nach seiner Ankunft in Medien
dem FrawartiS eine Entscheidungsschlacht geliefert und noch im
selben Jahre dem medischen Aufstande ein Ende gemacht hatte.
Ich stimme daher Weissbach's Ansicht (ZDMG. 51, 519) bei,
dass Artawrdija nach Persien zog, bevor der König Babylon ver-
liess, und die Schlacht bei Rachä ins zweite Jahr gehört. Nach
derselben hatte sich der Usurpator mit wenigen Reitern nach
Pisijähuwädä geworfen und brachte von da ein neues Heer zu-
sammen1), mit dem er später abermals gegen Artawrdija zog.
allein in der Schlacht beim Berge Prga am 6. Garmapada ward
Wahjazdäta aufs Haupt geschlagen und geriet selbst samt seinen
vornehmsten Anhängern in Gefangenschaft (III 21 — 52). Hier
könnte man in der That an der Gleichsetzung des Garmapada
mit dem Nisan stutzig werden, da es Befremden erregen muss,
dass zwischen der ersten und zweiten Schlacht 10 volle Monate
verstrichen sein sollen. Diese Schwierigkeit würde wegfallen,
wenn der Garmapada mit Rawlinson, Unger, Justi dem babylo-
nischen Abu (V.) gleichzusetzen wäre. Allein Artawrdija mag
gute Gründe gehabt haben, den geschlagenen Prätendenten nicht
in dem durch schwer zugängliche Pässe geschützten Lande der
Pasargaden selbst aufzusuchen. Seine Lage war ja überhaupt
eine sehr schwierige, da er die Perser gegen ihre eigenen Lands -
leute führen musste, und wenn der König kluger Weise auch die
unter seinen Fahnen fechtenden Meder als Gegengewicht gegen
die Perser seiner Streitmacht einverleibte, so konnte er dooh dem
angeblichen Sohne des Kyros gegenüber nicht durchaus auf die
Treue dieses Heeres rechnen.
Dass Artawrdija aber in der Zwischenzeit keineswegs unthätig
geblieben war, beweist der Schauplatz der zweiten Schlacht, sofern
der Berg Prga bei der heutigen Stadt Forg in der Nähe der
») Uber äjaaatä vgl. Foy, KZ. 35, 33. Bartholomae. BB.
XIV 246 f. Fr. Müller, WZKM. VH 253. 0. Hoffmann, BB.
XVHI 285 f.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
Grenze zwischen Pars und Kermän zu suchen sein wird. Hieraus
folgt m. E., dass Artawrdija inzwischen den grössten Teil von
Pars einschliesslich der Landschaft Jutijä oder Jantijä1) d. i. der
nachmaligen Provinz Krmäna unterworfen hatte.
Wahjazdäta hatte aber, selbstverständlich vor der Ankunft
des Artawrdija, ein Heer nach Arachosien gesandt, welches dem
dortigen Satrapen Wiwäna zwei Schlachten lieferte, die erste am
13. Anämaka (X.) bei der Festung Käpisakänis, die zweite am
7. Wijachna (XII.) in der Landschaft Gandumawa. In beiden ge-
schlagen floh der Feldherr des Wahjazdäta mit wenigen Reitern
nach der Festung ArSädä in Arachosien, ward aber hier von
Wiwäna, der ihm auf dem Fusse folgte, ergriffen und getötet
(II 52 — 75). Es handelt sich zunächst darum, den Kriegsschau-
platz dieser Episode etwas genauer festzustellen. Da von ArSädä
ausdrücklich angegeben wird, dass es in Arachosien lag, so werden
die beiden andern örtlichkeiten, bei welchen eine nähere Be-
stimmung fehlt, ausserhalb des eigentlichen Arachosien in einer
der zur Satrapie Arachosien gehörigen Provinzen zu suchen sein.
. Als solche kommen nach Beh. I 16 — 17 Gandira, Saka,
öatagus und Maka in Betracht. Da nun in der Übersicht Beh.
II 7/8 auch ein Aufstand der 0atagus und Saka erwähnt wird,
von dem in der Erzählung sonst keine Andeutung zu finden ist,
und 0atagus unter den genannten Landschaften — abgesehen von
Maka, von welchem aber kein Aufstand gemeldet wird — Pärs-Ker-
raän am nächsten lag, 80 kann es kaum zweifelhaft sein, dass die
aracbosische Expedition des Wahjazdäta mit dem erwähnten Auf-
stande in engster Beziehung steht und Käpisakänis und Gandu-
mawa in Öatagus lagen. Auch in der Inschrift I von Persepolis
erscheint öatagui noch unzweifelhaft mit Arachosien verbunden.
Der Schluss dieser Liste (Z. 17 — 18) lautet: ©atagus Hara^u-
watis HinduS Gandärab Sakäh Makah. Diese Stellung ist nicht
zufallig, sondern lässt uns eine durch die inzwischen erfolgte Er-
oberung des oberen Induslandes veranlasste administrative Ver-
änderung erkennen. Lassen wir nämlich die beiden letzten Namen,
welche die äusserste Nordost- und Südostgrenze des Reiches be-
zeichnen, beiseite, so erhalten wir zwei genau geschiedene Gruppen
8atagus-HarabuwatiS und Hindus - Grandära. Das Indusland war
also wohl mit Gandhära zu einer neuen Satrapie vereinigt worden.
So erklärt es sich, warum öataguS von Gandära getrennt ist.
Man hat sich daher zu denken, dass der zweite falsche Bardija
wie der erste überallhin Boten aussandte mit der Aufforderung,
dem Sohne des Kürus zu huldigen. Die Öatagus folgten diesem
1)So ist su lesen, wenn Weissbach den Namen im elamitischen
Text III 1 mit Recht su J[a-u\-ti-ja-a$ statt I-[u-]ti-ja-ai ergänzt.
Herodote Oimoi wurde sich dem nicht widersetzen, da ionisches ov
<L L ou auch ap. au wiedergeben kann (Assyriaka S. 637).
170
J. Marquart,
Kufe, vermutlich weil der Held Bardija von den Feldzügen des
Kyros her bei ihnen populär war, worauf der neue König eine
Streitmacht zu ihrer Unterstützung aussandte. Um den Verlauf
dieser Expedition militärisch und topographisch zu begreifen, ist
es indessen vor allem nötig, die damalige Verteilung der ost-
iranischen Satrapien zu kennen. Diese lässt sich aus Beh. I 16
und Dar. Pers. I 15 — 17 mit genügender Sicherheit ableiten. In
diesen Aufzählungen bilden Asagarta, Par&awa, Zranka und Ha-
raiwa1), sowie Huwärazmija, BächtriS und Suguda je zwei beson-
dere geschlossene Gruppen, woraus Bich ergibt, dass dem Satrapen
von Baktrien das ganze Stromgebiet des Oxus, dem von Parthien
aber ausser Parthien und Hyrkanien und dem Stromgebiete des
HarS-röd auch noch das Mündungsland des Hedmand, das ge-
priesene Kulturland Zranka (Drangiana, Slstän) unterstand, das
ganz ebenso im Süden die Brücke zwischen den durch die grosse
Wüste getrennten Ländermassen West- und Ostiran bildete, wie
Parthien im Norden (S. 163). Um den @atagu& die Hand reichen zu
können, musste das Heer des Wabjazdäta Slstän passieren ; dies war
aber selbstverständlich nur ausführbar, falls der Heerbann des
Satrapen von Parthien anderweitig in Anspruch genommen war,
da die Expedition sonst einen Feind in ihrem Rücken gelassen
und sich der Gefahr ausgesetzt hätte, von ihrer natürlichen Opera-
tionsbasis abgeschnitten zu werden.
Daraus folgt, dass die Parther und Hyrkanier damals bereits
von ihrem Satrapen Wistäspa, dem Vater des Dareios, abgefallen
waren und sich für den angeblichen Chsa&rita, den Erneuerer des
Reiches des Huwachstra, erklärt hatten, dessen Dynastie sie eine
dankbare Anhänglichkeit bewahrten2). WiStäspa hatte daher alle
») Die Gruppe Ä**f*rta ) ^«"ka bcsteht a ei paraueien
' rtf Parttawa j iiaraiwa * '
von Sud nach Nord laufenden Reihen. Asagarta (das mittelalterliche
Köhistän) und Paröawa entsprechen zusammen dem Lande Pohla to
nach der Bestimmung arRuhni's (ZDMG. 49, 630 ff).
*) Dies lehrt die Erzählung des Ktesias bei Diod. 2, 84. Anonym,
de mulier. c. 2. [Demetr.l swpl lepip't las § 218 ff. Nik. Dam. fr. 8 bei
Dindorf, Hist. Gr. min. I 12—13.
Die Thatsache, dass sich die Parther und Hyrkanier für den an-
geblichen Chäadrita erklärten, beweist übrigens schlagend, dass die
arkanier und Derbikcr, über welche Megaoernes und Spitakes, die
Sohne des Spitamas und Enkel des Astyages, seit dem Tode des Kvros
als Satrapen geherrscht haben sollen (S. 139. 145), nicht in der Mähe
der Hyrkanier gewohnt haben, geschweige denn, dass die Barkanier
mit den Hyrkaniern identisch sein können. Denn sonst hätten die
Parther und Hyrkanier doch sicherlich einen der beiden Enkel des
letzten Mederkönigs auf den Schild erhoben, statt sich dem unbekannten
Frawartis, der seine angebliche Abstammung vom modischen Königs-
hause gar nicht näher nachzuweisen vermochte und bis auf den König
Huwachstra zurückgehen musste, anzuschlieasen. Ob es wirklich um
jene Zeit einen mediseben Prinzen Chsatfrita gegeben oder Frawartis
den Namen in Erinnerung an KaHaritu, den Präfekten von Kaxkassi
Untersuchungen rar Geschichte von Eran.
171
Hände voll zu thun, um die Kaspischen Thore zu sperren und
die Vereinigung der Parther mit den Medern zu hindern.
Für die Bestimmung der Lage von öataguS bietet den ein-
zigen greifbaren Anhaltspunkt Herodo ts Verzeichnis der Steuer-
bezirke (3, 91), wo, allerdings an ganz unpassender Stelle, zwischen
Ägypten und Susiana, die Zaxxayvdm mit den ravöaQtoi, Jadtxtu
und AnaQvxai als VII. Steuerbezirk zusammengefasst werden. Wir
haben uns hier nicht über den streng historischen Wert dieses
Verzeichnisses zu äussern, das augenscheinlich aus mehreren, schon
Husserlich durch besondere Formeln unterschiedenen älteren Quellen
nicht gerade geschickt zusammengearbeitet ist. Dies thut indessen
seiner Wichtigkeit als topographische und ethnologische Quelle
keinen Eintrag. Die Grundlage bildete ein altes, auf die frühere
Zeit des Dareios bezügliches Verzeichnis (A), das mit Ionien be-
gann und in dem die Steuerquoten durch die Formel ausgedrückt
waren: catb xoü deivog öuva 7tQOd^t£ (<poQog r\v) xakavxa. Dieser
Katalog war aber an mehreren Stellen beschädigt: vor Medien war
Armenien, hinter Medien Parthien mit Hyrkanien und Areia aus-
gefallen, die auf Baktrien (XII) und iloxrvix^ (XIII) bezüglichen
Angaben waren verstümmelt1). Man versuchte daher, dies wertvolle
Dokument aus anderen Quellen so gut es gehen wollte zu ergänzen,
und so ist die gegenwärtige Verwirrung zustande gekommen. Die
Parther, Chorasmier, Sogder und Areier können niemals einen
Steuerbezirk gebildet haben: noch die Grabinschrift des Dareios
zu Naq& i Rustam zählt die Länder Parftawa und Haraiwa einer-
seits, Bächtrifc, Suguda und HuwärazmiS andrerseits als zwei deut-
lich unterschiedene Gruppen d. h. Satrapien auf, obwohl sie sonst
den inzwischen eingetretenen administrativen Veränderungen Rech-
nung trägt Wenn im Heere des Xerxes die Parther nicht mit den
Hyrkaniern und Areiern, sondern mit den Chorasmiern zusammen
denselben Führer haben, so beruht dies auf einem sehr verständigen
taktischen Prinzip. Bei grösseren Feldzügen, bei welchen Truppen
aus verschiedenen Satrapien zur Verwendung kamen, bildete nicht
die Satrapie schlechtweg den Korpsverband, sondern die einzelnen
Völker wurden je nach der Übereinstimmung ihrer nationalen Be-
waffnung, Fechtart und Sprache zu neuen taktischen Verbänden
und Führer der Liga gegen Asarhaddon (vgl. Streck, ZA. XV 820.
360 t) frei erfunden hat, wissen wir nicht. In den Ländern des Hindu-
kul, die niemals zum medischen Reiche gehört hatten, waren die an-
geblichen Enkel des Astyages, wenn sie noch am Leben waren, aller-
dings kalt gestellt.
5 Die Worte AlyX&v sind sicher verdorben; welcher Name
aber für Alytibv herzustellen ist, ist nicht mit Sicherheit auszumachen:
schwerlich £6ydmvy ich vermute eher (2J)iy(vvyva>v\ vgl. Strab. ut 11, 8
p. 520 und Ktesias bei Steph. Byz. p. 565, 8: JZiyvwoi, 7(6Xig Aiyrrtrlav,
nuQlninv. ol xoXlvcu £lyvvvoty wo A1PTTITISLN
eine allerdings Hchw'er begreifliche Verderbnis aus EirTNN&N sein
wird. Vgl. Müllenhoff, DA. HI 1 ff.
172
J. Marqu&rt,
zusammengestellt, mochten sie sonst auch verschiedenen Satrapien
angehören *). Die Hyrkanier und Areier unterschieden sich in der
Ausrüstung von den Parthern und erhielten darum eigene Führer
(Her. 7, 62. 66). Weshalb auch die Sogdier einem besonderen Be-
fehlshaber unterstellt und nicht mit den Baktriern vereinigt wur-
den, ist nicht deutlich; noch zu Alexanders Zeit fochten sie im
Heere des Bessos, des Satrapen von Baktrien (Arr. 3, 8, 3), doch
besass die Provinz ihre eigene Residenz (Arr. 3, 80, 6. 4, 5, 8),
wie auch Hyrkanien (eb. 8, 25, 1) und Drangiana (eb. 8, 25, 8).
Dass die nomadischen Saken, die sich von den ansässigen Iraniern
nicht bloss in Tracht und Bewaffnung, sondern ohne Zweifel auch
in Dialekt1) und Sitten unterschieden, mit den Baktriern zusammen
die Leibtruppen des Satrapen Wistäspa bilden (7, 64), hat jeden-
falls einen besonderen historischen Grund8). Ebenso ist nichts
dagegen einzuwenden, dass die Parther, Ghorasmier, Sogder, Gan-
darier und Dadiken wegen ihrer mit der baktrischen überein-
stimmenden Rüstung zusammengestellt werden (7, 66), und es ist
augenscheinlich, dass der Redaktor des Verzeichnisses der Steuer-
bezirke unter dem Einflüsse dieser Stelle steht, wenn er Parther,
Chorasmier, Sogder und Areier zu einem Bezirke vereinigt4). Ver-
bindet man nun die im Nominativ stehenden, aus anderer Quelle
(B) stammenden Namen der Bezirke VII, XI, XV— XVII und XX,
indem man die jetzt hinter Ägypten eingeschobenen Namen des
VII. Bezirks vor 'Ivöol stellt, so erhält man eine in sich ge-
schlossene geographische Reihenfolge, die am Kaspischen Meere
{Kutsitioty Flava Ixat, Jage trat) beginnt und in der Nähe des Indus
endet. Die FIoxtvixti des XIII. Bezirks ist offenbar dieselbe Land-
schaft, die noch an zwei andern Stellen (3, 102 und 4, 44) bei
Herodot vorkommt und in der Nähe der Stadt Kaspatyros oder
Kaapapyros nicht weit von der Mündung des Käbulflusses in den
Indus 6) zu suchen ist, wie ihre Stellung zwischen Baktrien und dem
vierzehnten Bezirke beweist, der die Sagartier, Zranka, &au#vaiot
(Arachosien), Ovxtot (Jutijä) und Mvxot (Maka) umfasste und bis
zum erythräischen Meere reichte, d. h. der Satrapie Arachosien.
*) Da» klassische Beispiel bildet die Vereinigung der Phrvger
und Armenier Her. 7, 78.
*) Nach dem oben (S. 142) Bemerkten hätte das altertümliche
MungT mit seinem Unterdialekt, dem im Thale Lud-Chö oder Jidok
auf der Südseite des Hindukus gesprochenen Jidyäh, den nächsten An-
spruch, als Abkömmling der alten Sprache der Sakäh Haumawargah
su gelten.
*) Vgl. Her. 9, 113. 1, 153.
*) Auf die weitere Un Wahrscheinlichkeit des „Satrapien Verzeich-
nisses', dass die Baktrier 360, die IlaQtxdvtot und AMlomg gar 400,
die Parther, Chorasmier, Sogder und Areier dagegen susammen nur
300 Talente aufgebracht haben sollen, gehe ich hier nicht ein.
») S. XL
Untereuebungen zur Geschichte von Eran.
173
Die Frage, wie es kam, dass mit dieser Provinz IlaxrvVwq die
Armenier nebst den benachbarten Stammen bis zum Schwarzen
Meere verbunden wurden, ist nicht ganz leicht zu beantworten.
Die einfachste Lösung wäre die Vermutung, die Quelle A habe
zwei gleichnamige Landschaften IIcntTvixq aufgeführt, von denen
die eine in der That mit den Armeniern zusammen einen Steuer-
bezirk gebildet und in der Quelle ihre richtige Stelle vor Medien
gehabt hätte, aber von dem Redaktor mit dem indischen iTttxrvtxq
identifiziert und deshalb samt Armenien hinter Baktrien gerückt
worden wäre. Jenes westliche Ilccxxvtxtj wäre in der heutigen
Gebirgslandschaft Bohtün zu suchen1). Gegen diese Annahme
lässt sich nicht einwenden, dass ja dieses Gebiet bei Herodot
sonst durch den Namen Mcctinvy vertreten sei2); denn diese
Schwierigkeit Hesse sich durch die Benutzung ungleichaltriger
Quellen erklären. Allein der Landschaftsname Bohtün hat kein
hohes Alter, sondern ist seinerseits von dem des Kurdenstammes
^3? Bochtl abgeleitet, der noch nicht einmal den älteren ara-
bischen Geographen bekannt ist. Dies gilt sogar von Mas'üdl,
der doch der Geschichte der Nomadenstämme, und zwar auch der
iranischen und unter letzteren wieder besonders der Kurden, ein
eigenes Studium gewidmet hat und gerade über diese sehr gut
Bescheid weiss *). Der Stammvater der Kurden ist nach ihm Kwd
b. Mord4) , worin sich eine überraschende Kunde von dem alten
Zusammenhange der räuberischen und nomadischen "AiuxqSoi oder
MaQÖoi und Kvquoi im Zagros erhalten hat5). Allein obwohl
er selbst mit der Topographie des heutigen Bohtän ganz gut ver-
traut ist und in der Nähe des Gebietes von al Maucil und des
Gabal al GüdT christliche Kurden, die Jakobiten und ^AjS.üL
Qüraqän kennt % finden sich unter den zahlreichen von ihm auf-
geführten Kurdenstämmen *) die BochtT-Kurden nicht. Über das erst-
malige Auftreten dieses Stammnamens in der Geschichte schweigt
sich Hartmann aus, spricht sich aber S. 103 ausdrücklich gegen
den Zusammenhang desselben mit Herodots JIoxtvmmj aus. In der
>) Nöldeke, Neusyr. Gramm. XVIII n. 2. Vgl. Kiepert, AG.
§ 81 A. 1. Hartmann, Bohtän S. 108 = MV AG. 1897, S. 43.
•) Her. 1, 202. 189. 5, 49. 52. Vgl. einstweilen Eränäahr S. 221 A. 1.
•) Murög III 246—254. Kitäb at tanblh aa, 14—1., 4.
4) Oben S. 137 A.
•) Ganz genau so werden MccqSoi und Kvqtiot gepaart bei Strab. uc
13, 3 p. 523. ib 3, 1 p. 727; vgl. noch Polvb. 5, 52, 5. Liv. 37, 40. 42, 58
und über die Form Kvqtioi Nöldeke, Kardü und Kurden; Festschr.
f. Kiepert S. 78.
•) Vgl. auch die Rahzäti-Kxuden am (assyrischen) Chäbur
Tanblh of , 10.
*) Murüg m 254. Tanblh aa, 19— a1, 3.
174
J. Marquart,
That würde, von den historischen Bedenken ganz abgesehen, schon
die anlautende Media jene Gleichung lautlich sehr zweifelhaft er-
scheinen lassen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Ethnikon
bochii aber erst von einem Personennamen abgeleitet, und da
bieten sich von selbst die mit -bucht zusammengesetzten Namen,
wie fö-bucht, Bucht- ml etc. Bei der Ableitung fiel der andere
Teil des Kompositums natürlich ab.
Ist somit eine Landschaft Hanxv'ix1^ im Westen nicht nach-
weisbar, so muss die nachgewiesene Verschiebung der Armenier
eine andere Ursache haben. Ich glaube dieselbe zu finden in den
Namen der £aya.qxioi (Asagarta) und Mvxoi. Wir können min-
desten zwei Völker jenes Namens nachweisen, von denen das eine
zu den östlichen Ländern gerechnet und neben ParOawah gestellt
wird (Dar. Pers. I 15), während das andere den nördlichen Zagros,
etwa das heutige Bohtän, und das anstossende assyrische Gebiet
mit der Hauptstadt Arbela inne hatte 1). Die Mvxoi (auch 7, 68)
entsprechen fragelos den Maka der Inschriften (Beh. 117. Dar.
Pers. I 18) in Mokrän, den Mäkara der Inder, von welchen der
mittelpersische Landschaftsname Mäkurän , Mukur&n, Mukrün
abgeleitet ist, scheinen aber von dem Bearbeiter der Verzeichnisse,
wie schon die abweichende Namensform andeutet, mit den von
Hekataios in der N&be von Armenien genannten Mvxoi kombiniert
worden zu sein'). Auf die Frage, ob unter den Mvxoi des
Hekataios die Völkerschaft, welche der Landschaft Mukan, arab.
.jUj*, der heutigen Steppe Muyan südöstlich vom Araxes den
Namen gegeben hat *), oder die Bewohner der armenischen Provinz
MoW im Südwesten des Wansees4) zu verstehen seien, braucht
hier nicht eingegangen zu werden. Zu diesen Übereinstimmungen
kommt, dass auch der Name OvtLot sein Gegenstück in Armenien
hatte: es gab hier am Unterlaufe des Araxes eine Landschaft Oteneh\
die in Arzach oder P'ajtakaran gelegen haben muss und geographisch
offenbar von Uli am Kur zu trennen, aber vielleicht mit der
Landschaft Ovixla der Alexanderhistoriker Medios und Kyrsilos
identisch ist, die in oder in der Nähe von P'ajtakaran zu suchen ist*).
l) Beh. II 79—91. IV 20—28. Beh. G. Ptol. VI 2 p. 891, 26-27
(nach archaischer Quelle). Vgl. einstweilen diese Unters. I 60 A.
") Hekat fr. 170 bei Steph. Byz. s. v. Mvxoi- Mvoe *eol ov 'Excr-
ralog iv 'Aolq mix Mvx&v ig 'Aqü&cc itotccpdv*.
3) EränSahr 125. ZDMG. 49, 683.
4) Steckt in den Afoschmt des Plin. h. n. 6, 28 arm. Mokk*, acc
Mokt? Ammian schreibt Moxoene mit Vokalassimilation nach syr. Bc&
Molesäfa wie Rufus Festus Madaena = syr. Bifr Mädäß.
8) Plin. h. n. 6, 42: reliqua vero fronte, aua tendit ad Caspium
mare, Atrapatene ab Armeniae Otene regione discreta Araxe.
•) Ich will hier nur darauf hinweisen , dass die Stadt Alvia, die
wahrscheinlich mit dem Gau Hani in P'ajtakaran zusammenhängt (so
Andreas), in Uitia lag Strab. uc 7, 1 p. 508.
tTntereuchuugen zxit Geschichte von Eran.
175
Indem also der Bearbeiter die Zayuqxiot des vierzehnten
Steuerbezirks mit den Asagarta des Zagros zusammenbrachte und
die Maha irrig mit den nordwestlichen Mvxol des Hekataios zu-
sammenwarf, ward er dazu verleitet, auch die Armenier in ihre
Nähe zu bringen.
Dagegen ist jetzt unverkennbar, dass sich der die Sattagyden,
Gandarier, Dadiken und Aparyten umfassende siebente Bezirk des
Interpolators sachlich mit der Provinz TZiorxrvftci} (XIII.) der altern
Quelle deckt. Die Gandarier und Dadiken werden auch im Xerxes-
heere zusammengeordnet; sie trugen baktrische Rüstung (7, 66),
im Unterschiede von den eigentlichen Indusanwohnern. Die Gan-
darier, ap. Gandära, ai. Oandkära im untern Käbnlthale sind
bekannt. In /Saäbutt, sehe ich eine indische Dialektform *Dadtka
(mit Suffix -ika, vgl. Jackson, Awesta Gram mar § 839) = Darda,
Darada. Die Dardstämme nennen sich selbst £m, ihre Sprache &lnä
und erstrecken sich bis zur Indusbeuge und bis Gilgit und Jasin.
Die *Anaqyxai decken sich mit dem Lande Pöurula des MihrjaSt1).
Auch Ptolemaios kennt an der Grenze von Areia gegen das Land
der Paropanisaden, also etwa am Oberlaufe des HärT-rüd westlich
vom Köh-i Bäbä, einen Stamm IJaQoihai a).
Die OataguS erscheinen noch in der Grabinschrift des Dareios
von NaqS-i Rustam, und zwar in folgender Völkerreihe: Zrankah
— Hara^uwatiS — ©ataguS — Gandärab — HinduS — Sakäh
Haumawfrgäh] — Sakäh tigrachaudäh. Drangiana, das noch in der
Inschrift I von Persepolis mit Parthien und Haraiwa vereinigt
erscheint, war demnach seither mit Arachosien verbunden worden.
Wenn dagegen die ©atagus im Gegensatz zur genannten Inschrift
unmittelbar vor Gandära und Hindus gestellt werden, so erklärt
sich dies am besten bei der Annahme, dass sie jetzt mit diesen
beiden Landern zusammen einen Verwaltungsbezirk ausmachten.
Aus Herodot und der Inschrift von Naq8-i Rustam ergibt sich
somit, dass die öataguS nördlich von Arachosien und westlich
von Gandhära, also etwa im Köh-i Bäbä und am Oberlaufe des
Helmand zu suchen sind. Über die den Schluss bildenden Saken
ist schon oben gehandelt
Nach Dareios werden die ÖataguS nicht mehr erwähnt Im
Xerxesheere vertreten ihre Stelle die JTaxrvec, ein Volk mit
eigner Rüstung: 77<4xrvcc dh (JuJvQvoyoQOi xs f\Gav (d. h. sie trugen
Röcke aus Schaf- oder Ziegenfellen) nal x6^a im%<&Quc tl%ov %al
iy%Ei(>l6ux (Her. 7, 67). Auch dieser Volksname ist in der späteren
geographischen Literatur verschollen, wird aber in der Umschreibung
?ßt.ij§ P'ok-tat noch je einmal im Ts'ien Han-su und im Höu
») Oben S. 73 f.
*) Ptol. 6, 17 p. 433. 4 ed. Wilberg und Graahoff: xatxiypvot, <M tfjg
ÄQtlag . . . tä dk naQa xotog Ila^onaviaadug TlaQovrai (v. 1. JTapatrcot,
176
J. Marquart,
Han-su erwähnt Im erstem Werke heisst es von A-jih>ian-U
d. L Arachosien, benannt nach der Hauptstadt *AUi-6vÖQtia 'Jqa-
%<or&v\ „The country joins Ke-pin on the east, Po-taou [Fok-tat]
on the north, and Le-keen and Teaou-che on the west" 1). Ki-pin,
eigentlich eine Transskription von Ka&mtra bezw. pr&kr. *Ka,4vira,
bezeichnet hier das Sakenreich im Pari gab, über Li-kan und T*iau-
Äih vgl. Hirth, China and the Boman Orient p. 146. 172. Das
Höu Han-Su erzählt von Kiu-tsiulc'ioh, dem Gründer des Ku&an-
reiches: „Er fiel ein ins Land der An-silc (Arsakiden); er be-
mächtigte sich des Gebietes von Ko-hu, vernichtete auch P'ok-tat
und Ki-pin und ward vollkommen Herr dieser Länder"2). Ko-hu
= Kdßovqa, Kabul vertritt hier das Königreich Gandhära, steht
demnach zwischen P'ok-tat und Ki-pin in der Mitte. Daraus er-
gibt sich, dass P*ok-tat westlich oder südwestlich von Kabul zu
suchen ist. Aus Herodot ist aber zu entnehmen, dass ndxxvtg,
im Gegensatze zu den rein geographischen Bezeichnungen Hara-
huwatü und (aw.) Haehunant, ein echter Volksname war, der in
älterer Zeit eine umfassendere Bedeutung hatte und auch die
Arachosier einschloss. Diese werden in dem Verzeichnis der Steuer-
bezirke (3, 93) und in der legendenhaften Erzählung Her. 3, 117
unter der epischen Bezeichnung ßafucvatoi d. i. ap. *&ämäna —
aw. Säma aufgeführt8), wären aber im Kataloge des Xerxesheeres
gar nicht vertreten, wenn sie nicht unter den Ildxrveg einbegriffen
wären. Auf ein grösseres Volk lässt auch der Umstand schliessen,
dass die Rüstung der Paktyer der persischen gegenübergestellt
wird4). Dazu stimmt sehr gut, dass auch den früher zu Pars
gehörigen Ointoi (Jutijä im späteren Kermän), Mvxoi (Maka) und
IIctQixavuyi dieselbe Rüstung wie den Paktyern zugeschrieben wird
(7, 68) 5). Die beiden letzteren Völker waren südliche Nachbarn
*) Ts'ien Han-Su Kap. 96 a, ubs. von Wylie, Journ. of the
Anthropol. Inst. X, 1881, p. 38.
*) Hdu Han-Su Kap. 118 fol. 11, Übersetzung von Prof. de Groot:
vgl. E. Specht, Etudes sur l'Asie centrale p. 9. Eränsahr S. 203
A. 3. 208.
•) S. meine Abhandlung .Wehröt und ArangV
*) Dagegen kommt der rein geographische Charakter des Namens
Harahuwatti auch darin zum Ausdruck, dass er später auf eine Stadt
und einen kleinen Bezirk im Garmslr beschränkt wird : 'AQa%<ox6g Ptol.
6, 20 p. 438, 8 XoQo%oafi *6Xig Isidor, von Charaz ara&ttol IlaQ&. § 19
= Horoxtcat (mit regressiver Vokalassimilation, wie in mp. Ohormizd,
geschrieben JpDtOjo/ = ap. Ahuramaxdäh,) l„QDoi Bochwat a. 544
Synodicon orient. p. 88, 17. 22. 28. 29. 89, 1 = 843/44 ed. Chabot, arab.
^ys>j, f^y^- Die Stadt heisst später ^t^u Pcmj-wäj, an dessen
Stelle im 10. Jahrhundert das ein manzil entfernte JUt Tigin-
äbäd tritt
•) Her. 7, 85: tlol dh vtvkg foftad«? &v&qcottoi ZccyaQXtoi xal»6-
\itvoi, fövoe pkv IIiQGixbv xal <pajv% (ergänse mit Stein %^\uvov
Unterrachungen rar Geschichte von Eran.
177
Ton Arachosien. Ich glaube daher, dass ÖataguS hundert Rinder
besitzend*1) die persische Bezeichnung eines nördlich von Ara-
chosien wohnenden Stammes der Paktyer war, and dass dieser
Yolksnarae selbst bei der Auflösung des baktrisch - hellenischen
Reiches auf einen vom Königreich bezw. der Satrapie Arachosien
unabhängigen Stamm beschränkt wurde.
Mit der Selbstbezeichnung der Afyänen, P^xtün bezw. PaMün,
plur. Paätäna, deren Sprache Paxtö bezw. Pa$tö heisst, hat der
Name ILixTvtg nichts zu thun. Paxtün ist nur nordafyinische Aus-
sprache, das Ursprünglichere ist die südafyänische Form Paätün, die
ein älteres PaitOn oder *ParStOn voraussetzt, da afy. i auf iran. i
bezw. &v, r*, ri zurückgeht2). Aus dem Gesagten geht aber des
weiteren hervor, dass auch sachlich zwischen den Ilaxxvsg und den
P'itün keinerlei Beziehung besteht Der Name Xo^xoaS, Iqöcw
Rochwat, 6y^J} Hochöd, Rochag allein würde zu dem Be-
weise genügen, dass man in Arachosien, wenigstens im Garmsir,
nicht Afyänisch sprach. Gegen die verbreitete Annahme, die Afyänen
seien aus dem rör gekommen, hat Raverty mit Recht energisch
protestiert und betont, dass dieselben bei ihrem Eintritte in die
Geschichte Östlich von laznln wohnten und sich noch um 369 H.
(979/80) nicht nordwärts vom Flusse Kurma (Kuram) ausgebreitet
hatten8). Wann und woher sie dahin gekommen waren, ist freilich
gänzlich unbekannt. In laznln war seit der Hephthalitenherrschaft
mehr und mehr die persische Verkehrssprache eingedrungen, die
einheimische Mundart, das ZäwulT, war aber zu Mahmuds Zeiten
sicher weder indisch noch afyänisch, sondern wird sich an die im
Süden und Westen angrenzenden, bis jetzt unbekannten Mundarten
angeschlossen haben*). Dagegen könnten die Pastun möglicher-
weise in dem Stamme der TlaoOiTirai stecken, welchen PtoL 6, 18
JlfpffrxfJ?), axsvrjv dk jura&fr fyovoi ne-xotr)(iivriv tfjg ts üegüMfjg Kai
xfje ncatrvixfig. Es ist wohl zu beachten, dass hier von bedeutenderen
nationalen Unterschieden innerhalb der Iranier die Rede ist. Wie Ton
Dareios die Landschaft Jautijä d. h. die spätere Provinz Kermän und
noch in dem Verzeichnisse der persischen Stämme Her. 1, 125 die r*p-
\utviot d. L *Krmäna (oben S. 144) j so werden hier und in dem er-
wähnten Verzeichnis auch die nomadischen Asagarta (vgl. Dar. Pers. 1 15.
Her. 8, 93) im heutigen Köhistan der persischen Nation zugerechnet.
*) So Bartholomae, Idg. Forsch. XII, 1901, S. 130 A. 2.
•> Vgl. W. Geiger, Etymologie und Lautlehre des Afghanischen
8 19, 2. 8 S. 51 = Abh. d. bayer. Akad. I. CL XX. Bd. 1. Abth. S. 217.
Grdr. f. iranische Phil. I 2, S. 209 § 6.
*) Minhäj-i Siräj, The Tabaqät-i Näcirl transl by H. G. Raverty
pawim, bes. p. 320 n. 4. 1082 n. 2. 1202/3 n. XIV. Desselben Ver-
fassers Notes on Afghanistan sind mir leider nicht zugänglich.
*) Ist 2 (= Uf. m, 6) beschränkt sich auf die Bemerkung,
die Sprache des För sei verschieden von der Sprache der Chorasanier
d. h. der neupersischen Verkehrsp räche der Sanianidenzeit.
Philölojpn 8applement«band X, Eritei Heft. 12
178 J« Marquart,
p. 435, 8 ed. WUberg im südlichen Teile des Paropanisadenlandes
ansetzt: *ctxi%ov<Ji 6h xijg %6qag xä phy aqxxixct Bcolixai, xä 6h
otaptxa JAqiCx6q>vXoi %al afaobg üaQOioi, xä 6h fi£ö*t?pßptva
IlaoGirjxai *), xä 6h ävaxokixä 'Aiißdxai. Für Bmktxcti ist KaßoJuxat
herzustellen, 'Afißdxcci in Aa^ßdyai zu verbessern, wofür VII 1, 42
weniger falsch Aa^ßdxai geschrieben ist Beide Verderbnisse er-
klären sich leicht. Das Land der Paropanisaden schloss also im Norden
das Gebiet von Kabul und im Osten das der Lampäka (Lamyän)
ein, die IIa()<Jir}xai würden demnach in der That etwa in das
Stammland der Afyänen östlich von Jaznin und südlich vom oberen
Kuram fallen. Dasselbe Volk könnte mit den IIcuyyvr)xut gemeint
sein, welche Ptol. 6, 20 p. 487, 27 ins nördliche Arachosien setzt:
xaXotivxai 6h ot fihv xä &QXXi%ä xfjg geSparc %ccxi%ovxsg Ilaayvfjxai*),
ot 6h {m avxovg .Eväpoi8), tu& ofle 'PamXoVxtu xal ^Enquxai.
Diese Völkerreihe ist nämlich ganz willkürlich nach Arachosien
versetzt worden und gehört in Wirklichkeit in das Gebiet zwischen
Arachosien bezw. Gedrosien und dem Indus, wie die Emqtixca4)
und £v6qoi5) beweisen. Die IIaqI\)^xai kämen somit auch hier
etwa in das Gebiet südlich vom Kuram, und die Änderung in
HuqOw\xai oder JJaq€lf]xat ist mindestens ebenso leicht als
Grashoff' 8 Konjektur TlaqOvi\XM. Dagegen ist in der Grenz-
beschreibung p. 434, 80: ot IlaQoitccviactöai ittqiootfcovxai . . .
oatb 6h tuoriiißQlag 'Aoccxtoola vuxxä xi)v in&vyvvovaav xä h%d-
fisva nioaxct yqa^^v ötä x&v I7orpovrjTc5v6) hq&v eine Änderung
unnötig, da parte ata im Indischen „Gebirge* bedeutet und der
Name des Stammes mit dem des Gebirges nicht zusammenzuhängen
braucht. Höchstens wird umgekehrt die Schreibung des Gebirgs-
namens bei den Abschreibern die des Stammnamens beeinflusst haben.
Aus diesen Darlegungen folgt von selbst, dass der Name
der Landschaft JTaxrvMtij mit der nach Hekataios in Gandhära
gelegenen Stadt KaonaxvooQ bezw. Kaaitanvqoq , wo die Ent-
deckungsfahrt des Skylax auf dem Indus ihren Anfang nahm
(Her. 4, 44) und in deren nördlicher Nachbarschaft die gold-
suchenden Inder d. h. die Darden wohnten (Her. 8, 102), mit dem
x) A IJaQdulxa^ P IlaQar\lxui.
*) TlaQyvlxca, F.
») Zidooi A D M, Zi&qoI F.
*) Vgl. Plin. h. n. 6, 94: flumen Eorum, gens Orbi, flumen navi-
eabile Pomanus Pandarum finibus, und die 'Stytlxai Plin. h. n. 6, 95 etc.
Tomaschek, Topographische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs
S. 18 f. = SBWA. Bd. 121, 1890, Nr. 8.
5) Plin. h. n. 6, 92: Syndraci, Dangalae, Parapinae (E parapiane),
Cataces, Maai. S. dazu Tomaschek, Zur historischen Topographie
von Persien I 56 = SBWA. Bd. 102, 1883 , 8. 198 und über die
Uödgca Diod. 17, 102, sonst £6ydot genannt Aman 6, 15, 4, Lassen
II2 183 A. 1. Mc Crindle. Tne invasion of India by Alexander the
Great • 854.
•) na9owix&v A B DF Latt., IlaQovtx&v E Pal. 1, FlaQOvijT&p vulgo.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
179
Volksnamen Ildxxvsg in keinem Zusammenhange stehen kann. Es
muss hier vielmehr ein einheimischer Landschaftsname zu Grunde
liegen, und zwar kann m. E. nur die Landschaft Pufkaloicatt am
Unterlaufe des Käbulflusses mit dem gleichnamigen Vororte, der
alten Hauptstadt von Gandhära in Betracht kommen, deren Ruinen
Sir A. Ounningham bei HaStnagar am linken Ufer des unteren
Swät, etwa 17 miles nö. von Pesäwar festgestellt hat1). Ich
sehe also in Uaxtvixi/ eine griechische Umbildung einer alten
Präkritform * Pukldicdawati , päli PiiJMalaoti = skt. Pufkala-
tcati, Puskaräwati. Was zunächst die Endung -*xij betrifft, so
ist dieselbe, wie schon der Accent beweist, offenbar rein griechisch
und nicht mit dem indischen und iranischen Suffix -%ka (vgl.
Jackson, Awesta gram mar § 889) zusammenzustellen; JZkxtiüx^
steht auf gleicher Linie mit ähnlichen dem Herodot geläutigen
Ausdrücken, wie 2xv&ixv) 2, 22 oder einfach 2?xu#ixij 4, 5.
22 etc., ntfautii 1, 126. 4, 39 neben Tlt^alg %a>w 3, 97 etc.,
Avötti yij 1, 79 etc. Der griechische Berichterstatter scheint den
Namen in Puk kh alaw- ati abgeteilt zu haben, so dass v als Wieder-
gabe von aw erscheint, wie in IIuq&vcuoi = Par&atoa u. a. Das
o für u der ersten Silbe würde sich dann durch Vokaldissimilation
erklären, wie in "Axoaoa — aw. Hutaosa, 'AfidQyrig, 'Afxv^yioi und
umgekehrt ^Ofuc^ytig = ap. Haumawrga u. a. Die Aspiration der
Präkritform wird auch in den späteren genaueren griechischen
Umschreibungen nicht berücksichtigt*). Nur für das t statt /, r
weiss ich keine phonetische Erklärung. Man wird daher anzu-
nehmen haben, dass Skylax selbst JZorxAtrt'xq bezw. IIctxQvixri ge-
schrieben hatte, dass aber derjenige, welcher zuerst die Original-
berichte des Skylax, Hekataios und etwaiger unbekannter Ge-
währsmänner zusammenarbeitete, den Namen jener Landschaft
mit dem Volksnamen üuxxvsg verknüpfte und nach diesem in
TTaxrwxij veränderte, wie er es auch mit den Maka gemacht hat8).
*) A. Cunfefengham, The ancient geographv of India p. 41— 51.
Mc Crindle, The invasion of India by Alexander the Great .New
ed^ Westminster 1896, p. 59 n. 5. Vgl. A. Foucher, Bull, de l'Ecolo
d*Extr.-Orient I 834 ss.
*) Mit Ausnahme von Ptol., der die Stadt zweimal in ganz ver-
schiedenen Positionen verzeichnet hat, das erste Mal p. 4§8, 2 als
fnndlff (mit zurückgeworfener Aspiration) unter 118° 15' L. 32° 10* Br.
in Aracbosien(!), das zweite Mal VII 1, 44 als ÜQoxXals nach dem
Periplus des erythräischen Meeres unter 124° 20' L. 33° 20' Br. in
Gandhära. Ganz ähnlich differieren die beiden Positionen, welche er
der Stadt NavXißLg anweist: unter 117° L. 35° 80* Br. im Lande der
Paropanisaden (VI 18 p. 435 , 20) und unter 124° 20* L. 83° 20* Br.
in Gandhära, sowie die Positionen von 'AQatcox6s-XoQO%oad (118° L.
80° 20* Br.) und ^{a^sta-Kandahär (114° L. 81° Br.).
') Es ist dabei vielleicht nicht bedeutungslos, dass dem Herodot
bezw. seinen Gewährsmännern der Wortstamm naxtv- aus näherer Um-
bekannt war: IJaxx&ns ein Lyder Her. 1, 161 (unter Kyros):
Stadt auf der thrakischen Chersones eb. 6, 86.
12»
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180
J. Marquart,
Von der Landschaft PuskalawatI und ihrer Hauptstadt, wo der
Sitz der Verwaltung war, erhielt dann auch der ganze Steuerbezirk
den Namen, ähnlich wie die Satranien Daskvleion und Sardeis
(ap. ^porcto = lydisch 5Wf<o>c d. i. ♦CWdt).
Kehren wir jetzt zu der nach Arachosien gesandten Expedition
des zweiten falschen Bardija zurück, so ist nunmehr klar, das ihr
Verlauf nur unter der Voraussetzung verständlich ist, dass der
Satrap Wiwäna bei ihrem Anmärsche mit den aufrührerischen
OataguS im Kampfe lag und dadurch ausser stände war, jener in
Arachosien entgegenzutreten. So kam es im Lande der 8atagu§
selbst zum Kampfe, wobei es dem Batrapen gelang, die Ver-
einigung derselben mit den Persern zu verhindern und letztere
zum Bückzuge nach Arachosien, also nach Süden, zu zwingen.
Darauf mögen sich die öataguS (und wohl auch die Saka) wieder
freiwillig unterworfen haben. Ich habe früher die Landschaft
Qandumatoa zweifelnd mit dem Orte ^^OuLt1) zusammengestellt,
wo nach Ibn al Paqlh der Gaifcün (Oxus) oder vielmehr der eigent-
liche Fluss von Balch, der Dehäs entspringt *). Ich halte diese Ver-
mutung jetzt für ganz wahrscheinlich. Ibn al Faqlh sagt: .Der
Gai^ün kommt von einem Orte (oder Bezirk) namens lUwiärän.
Das ist ein Gebirge, das an die Gegend von Sind, Hind und
Kabul grenzt, und von ihm kommt eine Quelle, die an einem
Orte namens randumin entspringt". Rewsärän war ein Gebirgs*
distrikt in der Nähe von Bämijän, und westlich von Bämijän im
Bezirke Flrüzbahär am Nordabhange des Köh-i Bäbä entspringt in
der That der Fluss von Balch. randumin wird daher im Fürsten-
tum RewSärän gelegen haben, also eben in der Gegend, wohin
wir für €>atagu§ durch andere Indizien gefuhrt wurden. Da aber
nach den obigen Ausfuhrungen die Festung KäpiSakäniS, wo die
erste Schlacht gegen Wiwäna stattfand, offenbar noch östlicher
oder nördlicher lag als Gandumawa, so ist ein Zusammenhang mit
der von Kyros zerstörten Stadt Capisa, ai. Kapida, im Thale des
I^örbandflusses *) nicht mehr schlankweg von der Hand zu weisen.
Käpi&akäniS 4) ist offenbar eine Vrddhibildung. -känii ist wohl
dasselbe Wort, das z. B. in .^lä^i Nö-kün „Neustadt", der Haupt-
stadt des Bezirkes Tos (Ja'qÜbT, Geogr. Pw, 20. IVa, 12) vorliegt
und „Stadt, Dorf", ursprünglich „Haus" bedeutete; eine Nebenform
mit spirantischem Anlaut ist np. chän, chäna „Haus* = mp. chün,
chanak. Vgl. Horn, Grdr. der neup. Etymologie Nr. 465. käniä
*) So lies mit c.
*) Ibn al Faqih bei Jäq. II tvt, 12. Vgl. Eränäahr 218 f. 227.
*) S. Eriniahr S. 280 ff.
4) Wäre der Name vom np. käbüia Carthamus tinctorius. Saflor
abgeleitet (Juati a. a. 0. 246), so konnte er selbstverständlich mit
«kt. kapita nichts zu thun haben.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 181
ist also synonym mit sogdisch -kat, -ka&, -kand »Dorf, Stadt",
np. kad, kada, mäzand. kata (Ihn al Paq. M, 15) „Haus"; all
diese Ausdrücke sind von der Wurzel khan- „graben" abgeleitet
und bedeuten ursprünglich „Grube", „eine in den Erdboden ein-
gegrabene Wohnung", wie solche noch beute in Persien und im
Kaukasus üblich sind. Vgl. Fr. Müller, WZKM. VI 355. Spiegel,
Eran. Altertumskunde III 675. Auch in den Pärnirgebieten, zumal
in Wachän, wohnte man dem rauhen Klima entsprechend in Höhlen
oder wohl richtiger in solchen Erdwohnungen. Vgl. Eränsahr
S. 223 f. 244 ff. Was die Umschreibung betrifft , so wäre zur
Wiedergabe des skt 4 der diesem lautlich, nicht etymologisch
am nächsten stehende iranische Zischlaut d gewählt worden, ge-
radeso wie auch Berum, India IH, 1 ^oLT lies \J*jJS käpü
schreibt.
Da die Entsendung jenes persischen Hilfskorps, wie oben be-
merkt, yor der Ankunft des Artawrdija in Pars erfolgt sein
muss, so gehören die Schlachten bei KäpiSakäniS und Gandumawa
noch ins erste Jahr des Dareios. Dasselbe gilt von der ersten
Schlacht des WiStaspa gegen die aufständischen Parther und Hyr-
kanier bei der Stadt Wispahudzatis *) in Parthien am 22./XII. (Beh.
II 92—98). Auch der Sieg des DädrSiS, des Satrapen von Baktrien,
über die Margianer am 28. Ätfrijädija (IX.) und die Niederwerfung
des Aufstandes des Fräda (Beh. III 10—21) werden noch ins erste
Jahr fallen.
In seinem zweiten Regierungsjahre brach Dareios endlich von
Babvlonien nach Medien auf und zwar vorsichtigerweise mit einem
ausschliesslich aus Persern bestehenden Heere (Beh. HI 82), nach-
dem er die unter seinen Fahnen fechtenden Meder dem gegen die
aufständischen Perser gesandten Artawrdija mitgegeben hatte.
In Kampanda verstärkte er sich durch die dort stehende
Streitmacht des Widrna (H 27 — 29). Dass er vor dem Zusammen -
stosse mit dem Feinde auch die in Armenien stehenden Truppen
des Dädr&iS und Wahumisa an sich gezogen haben sollte, ist aus
militärischen und topographischen Gründen unwahrscheinlich.
Vielmehr wird der Ausdruck „dann erwartete mich DädrSiS bezw.
Wahumisa, bis ich nach Medien kam* nur besagen, dass Dareios
erst nach der Niederwerfung des FrawartiS in der Lage war,
seinen beiden Feldherren in Armenien Entsatz zu bringen und
den dortigen Aufstand zu beenden. Der König von Medien zog
ihm entgegen, und bei der Stadt KunduruS kam es am 26. Adu-
kaniS zur Schlacht, in welcher FrawartiS aufs Haupt geschlagen
wurde. Seine Niederlage war so entscheidend, dass er mit wenigen
Reitern nach der Landschaft Ragä floh. Wahrscheinlich hoffte er
i) So (Afi-Ü-pd-u-za-H-ii) der elamitische Text H 70. Es scheint
also im per». Texte (W*upau»Utii) nichts zu fehlen.
182
J. Marquart,
dort ein neues Heer aufzubringen oder sieb von da eventuell zu
den ihm ergebenen Parthern und Hyrkaniern durchzuschlagen.
Allein Dareios sandte ihm eine Truppenmacht nach, FrawartiS
geriet in Gefangenschaft und ward an den Hof gebracht und als
Aufrührer in der Hauptstadt Hagmatäna gekreuzigt (II 64 — 78).
Ein Datum wird wiederum nicht angegeben. Das Heer selbst
oder ein Teil desselben, aus lauter Persern bestehend, hatte Be-
fehl, von Ragä sofort nach Parthien weiterzumarschieren und zu
WiStäspa zu stossen. Mit diesen Verstärkungen rückte letzterer
gegen die Aufständischen und schlug sie am 1. Garmapada bei
der Stadt Patigrabanä in Parthien (III 1—10). Damit war der
Aufstand in Parthien beendet.
Wäre zu erweisen, dass der Garmapada dem babylonischen
Abu (August - September) entspreche, so könnte der persische
Monat Adukanii in der That nur mit dem Düzu (IV.), wie
Unger und Justi annehmen, oder mit dem Nisan (I.) identifiziert
werden, da der Aiaru und Simanu bereits vergeben sind. Nach-
dem aber die Gleichung Garmapada = Nisan mit zwingender
Notwendigkeit festgestellt ist, so kann der AdukaniS, entsprechend
der raschen Folge der Ereignisse nach der Ankunft des Dareios
in Medien, nur wenige Monate vor den Nisan fallen, und es
kommen daher für ihn , da Kislimu , Tet)it;u und Addaru schon
ihre bezeugten altpersiscben Äquivalente haben, nur der Arach-
samna (VIII.) und der &aba(u (XI.) in Betracht. Ist das erste
Glied des Monatsnamens Margazana im armenischen Margac1
(gen. plur.) = np. BaJiman erhalten und jener Monat daher mit
dem Saba^u gleichzusetzen 1) , so käme auch letzterer in Wegfall
und es bliebe für den Adukanii, wie Oppert will, nur der
Arachsamna übrig. Allerdings ist der Name Margazana nur in der
elami tischen Übersetzung III 48 erhalten, wo er Mar-ka-za-na-ai
geschrieben wird, was noch verschiedene andere altpersische Re-
stitutionen zulässt, da m auch für w?, k für g und z für c oder
£ stehen kann. Die genaue altpersische Form ist daher nicht
mehr festzustellen. Doch sind wenigstens die Lesungen Mrga-zana
(zu aw. m9r*ya »Vogel*) und Wrka-zana (zu aw. wdhrka ,Wolf*)
ausgeschlossen, da in diesem Falle im Elamitischen Mirkazanaä (vgl.
Mirkanijap = ap. WrJcäna, ionisch *TQHavioi) zu erwarten wäre *).
Dagegen spricht gerade die von Justi aufgestellte Etymologie
von Adukanii mit Entschiedenheit für die Gleichsetzung dieses
Monats mit dem Arachsamna und dem awestischen Apäm napät.
Nach Justi8) ist Adukani (mit Vrddhi , wie bügajädiS und
*) Unters, zur Gesch. von Erän I 64 und A. 58. Vgl. Justi,
ZDMG. 51, 1897, 249.
*) Vgl. zur Wiedergabe des sonantischen r im Neuelamitischen
W. Foy, ZDMG. 54, 356—360.
•) ZDMG. 51, 245.
Untersuchungen zur Geschichte von r>ran.
183
aw. mßzdajasni) der Monat der Kanalgrabenden, von aw. adv,
ädu „Kanal , KahrSz". Nach der mazdajasnischen Legende feierte
man aber am 10. Abän das Fest Abänagän zur Erinnerung daran,
dass Zau-i Tümäspän an diesem Tage den Thron bestiegen und
befohlen hatte, die Kanäle wieder auszugraben und in guten Stand
zu setzen, welche der Dämon Fräsijäk während seiner Usurpation
d. k während der Glut des Hochsommers hatte verschütten lassen 1).
Die Übereinstimmung des AdukaniS mit dem Monat des Wasser-
genius Apäm napät im Sinne der mazdajasnischen Überlieferung
und damit mit dem babylonischen Arach-samna (November-De-
zember) ist somit evident. Die Schlacht bei KunduruS hat danach
im Arachsamna des zweiten, die bei Patigrabanä am Neujahrstag
des dritten Jahres stattgefunden, und Dareios ist erst Ende Ti&rit
(VII.) des Jahres 2 aus Babylonien abgezogen, nachdem er da-
selbst etwa 23 Monate, nämlich seit dem Ende des 9. Monats
seines Antrittsjahres verweilt hatte8). Welche Umstände ihn so
lange dort festgehalten haben, nachdem doch Babylon schon im
X. Monat des Antrittsjahres gefallen war, wissen wir bis jetzt nicht.
Jedenfalls fällt in diese Zeit auch die Neuordnung der Verhält-
nisse der zur Satrapie Babylonien gehörigen Provinz Ebir näri
(mn3 "133?) oder ap. Arb&ja d. i. Syrien mit Phönikien und
Palästina, sowie die Regelung der Judenfrage.
Nach dem Falle des FrawartiS erhob öi-dTantachma bei den
westlichen Asagarta in Assyrien die Fahne des Aufruhrs und gab
sich für einen Nachkommen des Mederkönigs HuwachStra aus.
Allein die Stellung des Dareios war jetzt bereits so gefestigt,
dass er es wagen konnte , die eben niedergeworfenen Meder aus-
zuheben und einen Meder Tachmaspada an der Spitze eines per-
sischen und modischen Heeres3) gegen den König von Asagarta
auszusenden. Öifrrantachma ward geschlagen und geriet in Ge-
fangenschaft und ward in Arbela, der Hauptstadt von Assyrien
gekreuzigt (II 78 — 92). Ein Datum wird leider nicht angegeben.
Während Dareios in Persien und Medien war, wurden die
Babylonier zum zweiten Male abtrünnig. Der Armenier Aracha,
Sohn des Haldita, gab sich in der Landschaft Dubäla für Nabü-
kudurri-ucur, den Sohn des NabünäYd aus, und alsbald gieng das
babylonische Volk zu ihm über, er nahm Babylon, er ward König
von Babylon. Dareios betraute den Meder Windahfarräh 4) mit der
*) Vgl. Bexünl, Chronol. I*ff , 5 — 6. Weiteres hierüber anderswo.
*) Das Antrittsjahr des Dareios war ein Schaltjahr. S. oben
S. 180 A. 2.
•) Der babylonische Text Z. 61 spricht nur von einem mo-
dischen Heere.
*) Im persischen Texte III 88 ist der Name WUnd*faräh ge-
schrieben, doch sind die beiden letzten Buchstaben etwas verwischt;
Z. 87 steht WHndP\far]äh , doch ist der senkrechte Keil des r noch
184
J. Marquart,
Aufgabe, den Aufstand niederzuwerfen. Am 22. Margazana ward
deutlich; Z. 85 ist der Name gänzlich zerstört. Die elamitische Über-
setzung hat III 40 Mi-[in-aa-bar-na\ , Z. 41/42 [Mi^lin-da-bar-na,
Z. 42/43 Mi-m- \ da-bar-na, im babylonischen Text Z. 86—87 ist die
entsprechende Partie zerstört. Sind Rawlinsons Angaben durchaus zu-
verlässig, so können die altpersischen Zeichen nur Windahfarräh ge-
lesen werden , also bereits mit derselben Assimilation der Gruppe m
su rr, die ca. 570 Jahre später auf den Münzen des gleichnamigen
indoparthischen Königs durch die Schreibungen TNAOQEPPOT,
rONJOQAPOT, rÖNJAQAPOT, kharostrl Gadapharasa, Gada- •
pliarcua d. i. Gandapharrassa, Gundapharras8a (gen.) wiedergespiegelt
wird (oben S. 4 A. 5). Da derselbe Name Beh. IV 83 für einen Perser
Wiindafarnah geschrieben wird und es sich an unserer Stelle um einen
Meder handelt, so läset dieser That bestand m. E. nur die Deutung zu,
dass Dareios hier absichtlich die medische Form einmeisseln liess,
während der elamitische Ubersetzer auch hier die ihm geläufigere alt-
persische Form einsetzte. Der Verlost des entsprechenden babylonischen
Textes ist daher um so mehr zu bedauern, als dieser bekanntlich mehr-
fach medische Namensformen (Barzija = ap. Brdya, Ar-ta-mar-zi-ia
cL i. med. Ar teuer zi ja = ap. Artawrdija, Za-'a-tu-' — ap. Däduhja) be-
wahrt hat. In den assyrischen Inschriften begegnen wir niedischen
Namen wie A-ü-ar(ri?)-pa-ar-nu, . . . . -bar-nu (unter Sargon), j$i-dir pa~
ar-na, K-pa-ar-na (unter Asarhaddon), Pa-ar-nu-at-ti = ap. farnahu-
teatii (Ortsname, unter Sargon). Vgl. H. Winckler, Untersuchungen
zur altor. Gesch. S. 111. 119 f. P. Kost, Untersuch, zur altor. Gesch.
S. 78. 83. 115. G. HUsing, ZDMG. 54, 126. Streck, ZA. XV, 356 ff.
Man sprach demnach schon im 8. Jahrhundert auch in Medien nicht
mehr chwamah-. wie im Awestädialekt, sondern famah-t das hier aber
bereits zu Dareios Zeit zu farrah- geworden war. Daraus folgt, dass
die Sprache des Awestä nicht altmedisch sein kann, wie Justi will,
wenn sie auch später bei den medischen Magiern als heilige Sprache
Eingang fand. Dies Resultat ist nicht ganz bedeutungslos. Denn wenn
uns in der griechisch -römischen Uberlieferung durchweg nur ipctQva-
als erstes und -q>iqvr\s bezw. in den nordpontischen Kolonien -xpttqvog
als zweites Glied altiranischer Namen entgegentritt, niemals aber ein
*xvaQva-t #roaova- oder *%OQva- bezw. -^0(fvt]f = aw. ckwar»nanh be-
gegnet, so Konnte man diese befremdliche Thatsache zur Not auf
Rechnung der persischen Vermittlung setzen. Die lykischen Denk-
mäler sind leider zu dürftig, um für diese Frage etwas auszutragen.
Von besonderem Interesse wäre der lykische Name Qarfinaka (Tituli
Asiae min. I 48 p. 51, Xanthos: q[a]rnnaka pssureh tideimi; ib. nr. 51.
Xanthos: fite ne qarnnaka tuwe[tej | antbeh tideimi ehbi | wezzeüm
tehlusej, falls er sich als iranisch erweisen Hesse, da er dann als un-
zweifelhafter Repräsentcut eines aw. * Chwarna-ka zu gelten hätte;
do«h wird jenes dadurch sehr zweifelhaft, dass die Namen der Väter
(pssuri und qntbi) nicht iranisch scheinen. Für Pärs wird die neu-
persische Form farr zuerst bezeugt durch Poseidonios bei Strab. 4, 27
p. 785, der auf eine gleichzeitige oder jedenfalls nicht viel ältere Fürstin
dieses Landes namens #apfipiff = np. Fatrt^iQir anspielt, deren Namen
er fälschlich mit dem achaimenidischen Hafvftmc = ap. Paruiijätii
.viel Freude besitzend * identifiziert.
Bei den ältern Griechen (nachweislich bei Aischylos») und Herodot)
a) 'AgracpQtrug AischyL Pere. 21. 776; vgl. Tw]<r«w&'f]v CIA I 64
aus Ol. 92/93. Herodot passim.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 185
Babylon eingenommen und Aracha mit seinen vornehmsten An-
hängern hingerichtet (III 75 — 91).
wird altpersisches -farnah, wenn es als zweites Glied zusammengesetzter
Namen auftritt, durch -<pgivr\g wiedergegeben — anders dagegen als
erstes Kompositionsglied»). Diese Umschreibung beruht ohne Zweifel
zunächst auf volksetymologrischer Anlehnung an gr. -(pgtveg, wie z. B.
Herodot (8, 62) bei ngri&aoitne an ionisch ngfötg erinnert wird, sie
durfte aber ursprünglich durch eine kleinasiatische Aussprache mit
semantischem r veranlasst sein, wie in lyk. Cizzaprnna Xanthos -Obelisk
Nords. Z. 11. 14. 15, Zisaprnna eb. Z. 1 = TioaacftQvr^,
Eine parthische Aussprache *frana- ist aus den beiden Eigen-
namen Bag^atpgdvr\g bei J ose p hos (40 v. Chr.) und Qgavt.*dxing bei
Strabon (39 v. Chr.) nicht abzuleiten, wie ich früher glaubteb). Erstere
Form wird nämlich durch die handschriftliche Überlieferung nur im
Sachen Kriege als die ursprüngliche erwiesen, in der Archäologie
egen findet sie sich konsequent nur in der HandschriftenklaBse
JWP (letztere Hs. hat genauer Ba£ucpgdvTis), während die übrigen,
darunter L (= codex Leidensis F saeculi fere XI membranaceus) , die
Epitome und die alte lateinische Übersetzung, vielmehr auf Bccgfaqtga-
Vuuvng fuhren. Die varietas lectionis ist näherhin die folgende:
n6l. lovd. a 248. ßccgtatpgdvov P ßagtccydvov MLVRC breua-
Lat. barzafrane Heg. ßccg£ct(pdgvov ed. pr.
249. Ba^atpgdvr\v P A ßag^a(pdm\v MLC ßag{a<pdvri V R
'ctnem Lat.
§ 255. ßagfatpgdvriv PA ßag^atpdvnv MLVBC brazafranem
Lat. barzafranen Heg.
* 433. Batatpgavrig P A Ezc. Peiresc. ßagZatpdvng MLVRC
ine» Lat. barzafranes Heg.
agr. id 330. äag£aq>gapdvrig L ßagZacpagnav^g FV ßa^awag-
fuxv7]t K Photius biol. p. 815 barzaframane* Lat. ßag^acpgdvrig AMW
ßa^atpgdvr\g P.
§ 332. ßagtcc<pga\Ldvr\$ F ßagoa<pgccudvr]g L Ba£a<pagudin\g Photius
barzaframane* Lat. ßag^atpgdvr\g AMW ßa$uq>gdvi\g F om. V.
§ 341. ßug£ayga\tdvr]v F L ßa£ag<pagfidvrtv V ßa£aq>agitdvriv E
barzaframanem Lat. Bagtua>ag\ukvT\v Zun. I p. 411 ßag^u(pgdvr\v AMW
ßa$atpgdirnv P.
§ 343. ßagtatpgayLdvris F L ßafagtpagiidvrig V /fafaqpapfwtvfjff E
barzaframane* Lat. ßag^aipgdvrig AMW ßatatpgdvr\g P.
§ 846. ßag^acpga^vnv F L Lat. ßaZugtf(tgy.dvrlv V ßa^atpag-
fukrn E ßagtatpgdvriv P A M W.
a) Vgl. *agvo*zog Aisch. Pers. 313. 966, bei Her. Qctgvd*rig,
*agvattL9gng etc.
b) Die assyrische Umschreibung -parna kann in der Frage, ob
famah- oder franah- zu sprechen sei, nichts entscheiden, schon aus
dem einfachen Grunde, weil das Babylonisch-Assyrische wie alle semi-
tischen Sprachen eine Doppelkonsonanz im Anlaute nicht kennt, um
von der wilden Regellosigkeit und Willkür der assyrisch-babylonischen
Transskriptionen ganz zu schweigen. So schreibt Sargon ffa-ar-tuk-ka
d. i. natürlich nicht = 'Agxvxag (Büdinger, Der Ausgang des medi-
schen Reiches. SBWA. 1880 S. 499. Justi, Iran. Namenbuch S. 127.
Rost a. a. O. 115. Streck, ZA XV 859), sondern = ap. Chralu-ka,
eine Kurzform zu einem Vollnamen wie aw. Spgntö-chratu „heilige
Weisheit besitzend* jt. 18, 115. Die« gegen Hüsing, ZDMG. 54, 125 f.
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186
J. Marquart,
Für die Bestimmung der Zeit dieses zweiten babylonischen
Auf Standes bieten die babylonischen Vertragstafeln bis jetzt keine
sichere Handhabe. Wenn aber, wie Dnncker und Weissbach
annehmen *) und was auch mir das Wahrscheinlichste ist, die Zeit-
angabe der Inschrift (HI 75 — 76): „während ich in Persien und
Medien war" besagt, dass der Aufstand ausbrach, während der
König und seine Heerführer noch mit der Niederwerfung der
dortigen Aufstände beschäftigt waren, so muss derselbe noch ins
zweite Jahr fallen, da der medische Aufstand mit der Hinrichtung
des FrawartiS und der persische mit der Schlacht beim Berge
Prga am 6. Garmapada (I.) des dritten Jahres ihr Ende fanden.
Dazu stimmt, dass ein M e d e r mit der Unterdrückung der baby-
lonischen Erhebung betraut wird: das Heer des Artawrdija war
also noch nicht verfügbar, gegen die semitischen Babylonier konnte
man es aber wohl wagen die eben unterworfenen Meder aufzu-
bieten und ihnen auf diese Weise rasch das gemeinsame Interesse
der Perser und Meder am iranischen Reiche der Achaimenidon
zum Bewusstsein zu bringen. Dareios war offenbar froh, den
medischen Adel ausserhalb des Landes beschäftigen zu können
und ihn so an die neue Herrschaft zu fesseln, während er die
Perser gegen die noch unter den Waffen stehenden Parther und
Hyrkanier verwenden musste. Aracha hätte sich demnach alsbald
u \1. ßayZacpQaiucvris PLV ßa^acpQa^dv-qg P barzaframane»
Lat. ßctQga(pQdv7}Q A M ßaQ£cccpQcdvr)s W.
x 245. BatcccpuQiuxvrrf Phot. p. 818 ßaQ£aßdvi}g codd. E yq
ßaQ£tt<pQccpr\<s in marg. A barzanes Lat. QccQvaßdfov Photius p. 53.
Niese hat sich den Palatinus (= P) zum Führer genommen
und Uberall Ba£a<pQ<tv7}g , Naber völlig willkürlich BuQ^uqxxQvrig in
den Text gesetzt. Allein der Stand der Überlieferung läset offenbar
nur die Deutung zu, dass Josephos in der Kriegsgeschichte fiapgtx-
tpQccvr\9 geschrie Den und dies in der fast 20 Jahre später heraus-
gegebenen Archäologie in Bao£a<pQa{iavi]g verbessert hatte. Aus dem
jüdischen Krieg ist dann im Archetypus der Handschriften klasse AMWP
und auch sonst teilweise die Form Bag^a<pQccvTig in die Archäologie
interpoliert worden. Als wirklicher Name des parthischen Satrapen,
den Moses Chorenac'i (H 19. 24. III 34) zum Geschlechtshaupt des
armenischen Notabeingeschlechtes der Rstunier und zum Feldmarschall
von Armenien und Persien gemacht hat, hat demnach BaQ^awgafucvr]g
zu gelten = altmodisch *ßrza-framäna .erhabenem Befehle (folgend)*,
ein vollname wie Z^do^ivrig Her. 7, 82. 121 ■» ap. *Brdamanii .hoch-
sinnig*. Einen ähnlichen Vollnamen setzt die Kurzform ap. Brdya,
medisch Brzija voraus; vgl. A&xig zu Aaxa-fpiqx\g. Es wird daher sehr
fraglich, ob in $pawxarf}ff (so die Hss.) Strub. t£ 2, 8 p. 751, $?<m-
»aTTjp (9QavrYxaxr\g) Plut. Anton. 33, ^qavanaxrig (so die Hss.) Kass.
Dion 48, 41, 3. 4, Pharncutanes oder PhamastaU» coad. Frontin 2, 5, 37,
wirklich farndh- zu suchen ist. Wahrscheinlicher ist der Name mit
NupaxT\g (Arr. 1, 12, 8. 16, 3} d. i. ap. *n*-pö*a- .beschützt* oder ni-pätar,
nom. -nipäiä .Beschützer* (mit Anlehnung an gr. virpdg .Schnee') zu-
sammenzustellen. Justi, Iran. Namenbuch S. 103 a deutet ihn zweifelnd
als .hervor(ragenden) Schutz gewährend (aw. nipüüi)*.
») Duncker,GA.IV405 A.l. Ihm folgt Weissbach a. a. 0. 519.
Untersuchungen zur Geschichte von Er an.
187
erhoben, nachdem Dareios ans Babylonien abgezogen und das Land
von Truppen entblösst war, was auch aus allgemeinen Erwägungen
sehr wahrscheinlich erscheint Sollte sich diese Auflassung be-
stätigen, so wäre zugleich die Richtigkeit der Namensform Marga-
zana und die Identität dieses Monats mit dem babylonischen
Sabatu und dem armenischen Margac* bewiesen.
Weissbach S. 520 macht dagegen darauf aufmerksam, dass
sich in den Urkunden zwischen dem 23./II. und dem 2./V. des
vierten Jahres des Dareios (Strassmaier Nr. 69 und 70) eine
Lücke findet, und in dieser Zeit der Aufstand ausgebrochen und
niedergeworfen worden sein könnte. In diesem Falle wäre der
Margazana dem Düzu (TV.)1) gleichzusetzen, wie Unger an-
genommen hatte, die Täfelchen vom 14./ VI. und 16./V11. des ersten
Jahres des Nabü-kudurri-ucur könnten dann aber natürlich nicht
auf den Aufstand des Aracha bezogen werden. Bis es also ge-
lingt, durch Auffindung neuer historischer Texte den Aufstand
des Aracha zeitlich festzulegen, muss auch der Monat Margazana
unbestimmt bleiben.
Der Aufstand des öi^rafitachma fällt ins dritte Jahr. Gegen
ihn wurde ein aus Persern und Medern zusammengesetztes Heer
ausgesaugt. Offenbar war man der Treue der Meder im Kampfe
gegen den angeblichen Sprossen des gefeierten HuwachStra nicht
sicher und sollten die Perser das medische Eontingent im Schach
halten. Daraus schliesse ich, dass Dareios erst nach der Rück-
kehr des persischen Hilfsheeres aus Parthien an die Niederwerfung
des Öitfraütachma gehen konnte. Daran mag sich dann die end-
liche Unterwerfung der Armenier angeschlossen haben.
Stellen wir nun die gewonnenen Ergebnisse in einer chrono-
logischen Tabelle zusammen.
») Bei Weissbach steht infolge eines Druckfehler« „der VII.
Monat4.
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190
J. Marquart,
1
[ 20./XL Tftfelchen des Dareios (ohne Ort).
Aafstand der Armenier.
DädrSiS nach Armenien gesandt.
8. /II. Schlacht bei Zaza in Armenien.
18./II. Schlacht bei Tigrä in Armenien.
9. /HL Schlacht bei der Festung Uhjäma in Armenien.
(DädrSis in der Festang eingeschlossen.)
? /III. Täfelchen aas Babylon.
Aafstand des Fräda in Margiana.
Aafstand des Wahjazdäta-Bardija in Jantijä (Pars).
Die OataguS und Saka erklären sich för Bardija. (Der Satrap
Wiwäna von Arachosien zieht gegen die OataguS.)
Die Parther und Hyrkanier schliessen sich dem Aufstande des
FrawartiS an.
Wahjazdäta sendet den Öatagul eine Streitmacht zu Hilfe.
Dädr&S, der Satrap von Baktrien, zieht gegen Fräda.
23./IX. Schlacht in Margus.
Dareios sendet den Wahumisa von Babylonien nach Armenien.
1S./X. Sieg des Wiwäna fiber die Truppen des Wahjazdäta bei Käpi&akäniS.
15./X. Sieg des Wahumisa über die Armenier in der Landschaft Izzila.
in Assyrien.
7./XTT. Schlacht bei Gandumawa.
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Untersuchungen cur Geschichte von Kran.
191
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192
J. Marquart,
Wir haben bisher angenommen, dass sich die altpersischen
Monate völlig mit den babylonischen deckten. In der That ent-
sprechen den altpersischen Monatstagen der Behistüninscbrift an
den wenigen Stellen des babylonischen Textes, an denen die
Datumsangaben erhalten sind1), stets die gleichen Tage des dem
altpersischen substituierten babylonischen Monats. Da nun das
babylonische Jahr gleich dem altgriechischen ein gebundenes Mond-
jahr von 12 Monaten mit abwechselnd 29 und 30 Tagen war, das
alle paar Jahre durch Einschiebung eines ganzen Monats mit dem
Sonnenjahre ausgeglichen wurde, so dass sein Beginn immer wieder
auf das Prühlingsäquinoktium zurückwich, so war eine solche
Übereinstimmung der persischen mit den babylonischen Monaten
selbstverständlich nur möglich, wenn die Perser auch das ganze
Schaltsystem der Babylonier übernommen hatten. Dieses kann
aber keinesfalls einfach und allgemeinverständlich gewesen sein,
da es bis heute nicht gelungen ist, die für dasselbe giltigen
Kegeln aus den Texten abzuleiten3). Es war also unzweifelhaft
schwierig zu bandhaben, und daraus würde von selbst folgen, dass
die Perser für die Regelung ihres Kalenders fortdauernd von den
sternkundigen Babyloniern abhängig blieben. Dies will indessen
Oppert nicht einleuchten, und er glaubt daher, das altpersische
Jahr sei nicht mit dem babylonischen identisch, sondern wie das
später bei den Persern übliche mazdajasnische ein reines Sonnen-
jahr von 865 oder 366 Tagen gewesen, das in 12 Monate zu
30 Tagen und 5 oder 6 Epagomenen eingeteilt worden wäre8).
Dabei ist er natürlich zu der Unterstellung gezwungen, „dass die
Gleichsetzung der babylonischen und altpersischen Monate nur an-
nllhernd richtig war, und dass man beispielsweise den 14. Viyakhna
durch 14. Adar wiedergab, ohne nachzusehen, ob dieses syn-
chronistisch stimmte".
Diese Auffassung setzt voraus, dass entweder eine der beiden
Versionen, sei es die persische oder die babylonische4), nur eine
*) Es sind dies folgende (nach C. Bezold, Die Achämeniden-
inschriften. Transcription des oabyl. Textes etc. Leipzig 1882 =
Assyriol. Bibl. II):
bab. Z. 56 : 30. Aiara = ap. II 61/62: letzter 8ürawahara =
elam. II 47: Binde des Surmar:
bab. Z. 52: 9. Simänu = ap. II 46/47: 9. Qäigreiä = elam. H 35:
9. Saakurrizis;
bab. Z. 86 : 26. Kislimn = elam. I 71 : 26. ASSyatijaS = ap. I 89:
27. Äfrrijädija.
bab. Z. 46 : 27. tebitu = ap. II 26: 6. (?) Anämaka = II 18/19:
27. Anamakkas.
bab. Z. 15: 14. Adar = ap. I 37/88: 14. Wijachna (elam. fehlt\
Vgl. auch Oppert, ZDMG. 52, 259 ff.
*) Vgl. zuletzt Weissbach, Uber einige neuere Arbeiten zur
babylonisch-persischen Chronologie. ZDMG. 55, 195 ff.
») ZDMG. 52, 266.
«) Die elamitische gebraucht die altpersischen Monatsnamen.
Untersuchungen wir Geschichte von Eran. 193
sklavische, ja stumpfeinnige Wiedergabe der andern, oder dass die
Inschrift erst lange nach den Begebenheiten eingemeisselt worden
sei, so dass man sich darauf beschränken musste, die sei es per-
sisch, sei es babylonisch geschriebenen Originalberichte über die
einzelnen Aufstände zusammenzustellen und die von denselben ge-
botenen Daten einfach stehen zu lassen, da zur Herstellung der wirk-
lichen Synchronismen verwickelte Rechnungen nötig gewesen wären.
Was den erstem Punkt betrifft, so steht allerdings fest, dass
der persische Text als Original zu betrachten ist Ein Babylonier
hätte ohne Zweifel streng chronologisch erzählt, wie der aus dem
22. Jahre des Dareios stammende erste Teil der babylonischen
Chronik sowie die Nabün äld-Kyros- Chronik beweisen. Dagegen
zeigt die episodische Erzählungsweise der Inschrift, die sogar jede
Jahresangabe verschmäht, dass sich eine historische Prosa bei den
Persern noch nicht ausgebildet hatte. Beispiele dieses episodischen
Stiles finden sich auch noch in den persischen Überlieferungen
bei Ktesias. Die Inschrift von Behistün steht also in dieser Hin-
sicht auf demselben Standpunkte wie die alttürkischen Inschriften
des Bilgä Chagan und Kültigin. Dass aber andererseits die baby-
lonische Version sich keineswegs auf eine sklavische Wiedergabe
der persischen beschränkt, wird schon durch die nur in ihr vor-
handenen genauen feindlichen Verlustziffern erwiesen, die ganz
dem Gebrauche der assyrischen Annalen entsprechen. Der
dupsar wird also auch die persischen Heere wie einst die der
Assyrerkönige begleitet, die Zahlen der gefallenen und gefangenen
Feinde sorgfältig aufgezeichnet und sofort im Namen der Heer-
föhrer Berichte Aber die einzelnen Feldzüge verfasst haben, die
dann an den König gesandt und später dem Archive zu Babylon,
Hagmätana oder Susa einverleibt wurden. Diese Originalberichte
musB der Verfasser der babylonischen Übersetzung der grossen
Inschrift selbstständig eingesehen haben.
Von grosser Wichtigkeit wäre es zu wissen, ob dieselben
ursprünglich babylonisch oder persisch geschrieben waren. Diese
Frage wäre freilich gegenstandslos, wenn sich Weissbachs
These, dass die altpersische Keilschrift erst auf Veranlassung des
Dareios erfunden worden sei1), erweisen Hesse. Zuzugeben ist,
dass wir vor Dareios, abgesehen von der kurzen Inschrift von
Muryäb, deren Zuweisung an Kyros II. oder Kyros HI. noch um-
stritten ist, bis jetzt keine Zeile in persischer Sprache besitzen,
während wir andererseits Beweise dafür haben, dass Kyros der
Grosse sich für Proklamationen des Babylonischen bediente. Allein
die Beschaffenheit der altpersischen Schrift sowie gewisse Eigentüm-
lichkeiten derselben sind nur unter der Voraussetzung verständlich,
dass sie bereits eine längere Entwicklung hinter sich hatte2).
«) ZDMG. 48, 664.
*) Ähnlich Jensen, ZDMG. 55, 289.
PhUologut SuppleraentbMid X, Kr»te« Heft.
13
194
J. Marquart,
Dazu rechne ich vor allem die höchst auffällige und sprach-
geschichtlich nicht zu rechtfertigende Erscheinung, dass das Zeichen
für u auch die Silbe ku vertritt, und zwar selbst in der Lautfolge
huwa = aw. kwa und chwa, in welcher das h seit alters beson-
ders hart gesprochen wurde; vgl. Qaovaxvag — ap. *farnaNuoah>,
aw. chwar9nahuh& (für *chwcamanhwä), mp. farrachw, np. farruch;
Aq<x%m6g = ap. HaraSiwatiö , aw. Harahioafti; XodöTtijg =
ap. ^uwaspa. Diese Schrulle lässt sich meines Erachtens nur
dadurch befriedigend erklären, dass in der altpersischen Schrift
schon vor Dareios die neususischen Zeichen für i? und hu (Nr. 60
und 30 in Weissbach's Schrifttafel, s. Weissbach, Die
Achämenideninschriften zweiter Art S. 34. 35) graphisch zusammen-
gefallen waren. Freilich könnte man denken, dass für Kyros II.
und seine Vorfahren, die in Anzan residierten und sich selbst-
verständlich der dortigen Landessprache anbequemen mussten, kein
Bedürfnis nach einer persischen Schrift vorlag. Allein der Um-
stand, dass die elamitische Übersetzung der Inschrift von Behistün
durchweg die altpersischen Monatsnamen gebraucht, beweist un-
widersprechlich, dass unter £li$pi§ und seinen Nachfolgern das Öffent-
liche Leben in Anzan und seit Kyros II. auch in Susiana durchaus
auf persischem Fusse eingerichtet worden war. Das Nämliche
lehren die verhältnismässig zahlreichen persischen Lehnwörter meist
politischen Charakters im Neuelamitischen 1). Es ist daher sehr be-
greiflich, wenn die Perser in Anzan, als sie die elamitisch-babylonische
Kultur annahmen, ohne doch ihre volkliche Eigenart aufzugeben,
auch das Bedürfnis nach einer für ihre Sprache passenden Schrift
empfanden. Von Anzan aus mag sich diese Schrift dann auch nach
dem benachbarten Pars verbreitet haben, wo die direkten Vorfahren
des Dareios bis zur Gründung des Reiches des Kyros Könige
gewesen sein müssen1). Ich bin daher allerdings davon Über-
zeugt, dass die altpersische Keilschrift älter ist als Dareios. Allein
*) Jedem Unbefangenen muss eB angesichts dieser Thatsachen klar
sein, wie sehr sich diejenigen lächerlich gemacht haben, welche dem
Kyros und seiner Sippe das persische Volkstum absprechen zu sollen
glaubten. — Bekanntlich behauptet Dareios Beh. 19— 10, vor ihm
seien 8 aus seiner Familie seit langem einander folgend (duwitätaranam)
König gewesen, gibt aber keinem seiner direkten Vorfahren, die er bis
auf HachrunaniS aufzählt, den Königstitel. Durch den Cylinder des
Kyros Z. 12. 21 ist bekannt, dass Kyros und seine Vorfahren bis auf
Öispis einschliesslich Könige von Ansan (Elam) waren. Diesen Titel
führt Kyros in der babylonischen Chronik II 1 noch beim Angriff des
tttuwegu im VI. Jahre des Nabünäi'd (551/50), im IX. Jahre dagegen
(548 47) heisst er auf einmal .König von Parsu* (II 16 in Schräder^
KB III 2 S. 131). Daraus schliesse ich, dass Kyros in der Zwischen-
zeit auch die Krone von Pars erworben hatte, die vermutlich eben
durch den Tod des Arsama erledigt worden war, und damit die seit
dem Tode des Cilpü getrennten Besitzungen der Achaimeniden wieder
vereinigte. Die 8 Könige wären darnach:
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
195
damit ist noch nicht gegeben, dass dieselbe auch eine häufige
Verwendung fand und ihre Kenntnis eine nennenswerte Verbrei-
tung hatte. Jedenfalls dürfen wir bei den persischen Schreibern
nicht die Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck und in der
raschen Anfertigung von Briefen und Berichten voraussetzen, welche
die auf den Schultern einer Jahrtausende alten ununterbrochenen
literarischen Tradition stehenden babylonischen Tafelschreiber
durch eine sorgfaltige Schulung und langjährige Übung erlangt
hatten. Dazu kommt, dass die altpersische Keilschrift durch ihre
grosse Umständlichkeit, den Mangel an Ideogrammen etc. un-
verhältnismässig viel Raum und Zeit in Anspruch nahm und sich
daher trotz ihrer Deutlichkeit zu kurzer und rascher Bericht-
erstattung am allerwenigsten eignete. Dies war sicherlich auch
ein Hauptgrund, weshalb bei den Persern selbst, zunächst bei den
in amtlicher Stellung in Syrien, Ägypten und Kleinasien weilenden,
aramäische Sprache und Schrift in Aufnahme kam, woraus dann
das unselige ZewäriSn, die sog. PahlawTschrift entstanden ist1).
Wann Kuhhäute (dup&egca) als Schreibmaterial bei den Persern
in Aufnahme kamen und welche Schriftart auf ihnen verwandt
wurde, wissen wir bis jetzt nicht3). Die nur in elamitischer Sprache
abgefasste Inschrift Behistün L, welche etwas auf das iranische
Schriftwesen Bezügliches auszusagen scheint, ist bisher nicht sicher
erklärt. Vgl. Jensen, ZDMG. 55, 232 ff.
Die Inschrift des Dareios selbst liefert allerdings für die
Entscheidung der Frage keine bestimmte Handhabe. Soviel ist
unzweifelhaft, dass sie sich an Ausführlichkeit und namentlich an
topographischer Genauigkeit mit den Inschriften der assyrischen
Könige nicht im entferntesten messen kann. Letzteres gilt in-
dessen ebenso für die uns erhaltenen babylonischen Chroniken —
und wie wenig eingehende Kriegsberichte dem Geschmacke der
kriegerischem Wesen abholden Babylonier entsprachen, kann man
1. Hachamaniä.
2. Öispis, König von An&an (und Pars).
3. Kürofi L, Kg. von 6. Arijärämna, Kg. von
Ansan. Pars.
4. Kambugija 1., Kg. 7. ArSäma, ig. von Pars.
von An&an.
i
lurus II., Kg.
in, von Pars,
Länder, von Babyl
5 Korus II., Kg. von Wiätäspa, Satrap von
Anlan, von Pars, der Parthien.
ton.
8. Kambugija IL, Bardija. 9. DärajawahuS, Kg.
Kg. der Länder. der Länder.
') Die erste Uterarische Erwähnung derselben finde ich bei Diod.
19, 23, 3, wo ein gefälschter Brief des Satrapen Orontes von Armenien
in syrischer Schrift (und Sprache) eine Bolle spielt
«) Vgl. Assyriaka 536.
18»
196
J. Marquart,
am deutlichsten daraus ersehen, dass wir bis heute noch keinen
eigentlichen Bericht über den Untergang des assyrischen und die
Gründung des neubabylonischen Reiches von babylonischer Seite
besitzen. Für diese Vernachlässigung der Chronologie ist zweifel-
los der Verfasser der Inschrift selbst, nicht seine Vorlagen ver-
antwortlich.
Aus all diesen Erwägungen wird man schliessen müssen, dass
auch für offizielle Berichte von Beamten und Heerführern unter
den ersten Achaimeniden mindestens bis in die ersten Jahre des
Dareios hinein das Babylonische massgebend blieb. Ist demnach
anzunehmen, dass babylonisch geschriebene Berichte bei der Ab-
fassung der grossen Inschrift als Unterlage gedient haben, so wäre
es doch schlechthin absurd dem persischen Verfasser zuzutrauen,
er habe einfach die Daten seiner Vorlagen übernommen und sich
darauf beschrankt, die babylonischen Monatsnamen nach einem
bestimmten Schema durch persische zu ersetzen. Dies wird schon
dadurch ausgeschlossen, dass der Jahrestag der Beseitigung des
Gaumäta durch sein Zusammenfallen mit dem grössten iranischen
Feste allgemein bekannt sein musste. Ein so leichtsinniges oder
besser gesagt lüderliches Verfahren wäre nur dann glaubhaft und
begreiflich, wenn der König, der seine Untertanen in würdigen
und ernsten Worten zur Redlichkeit und Gerechtigkeit ermahnt
und sich bewusst ist, mit Ahuramazdäh's Hilfe nach gewaltigem
Ringen über Lüge, Empörung und Gewaltthat obgesiegt und das
von seinen Vorfahren durch Gerechtigkeit gegründete Reich wieder
hergestellt zu haben, selbst nichts weiter als ein niederträchtiger
Gleissner und Lügner gewesen wäre, wie uns Winckler und
Genossen glauben machen möchten.
Nichts deutet darauf hin, dass die Inschrift erst eine Reihe
von Jahren nach Beendigung der Aufstände eingemeisselt wäre.
Die nur persisch ausgefertigte fünfte Kolumne, welche noch von
der Niederwerfung eines dritten Aufstandes der Elamiten sowie
einer Erhebung der spitzmützigen Saken jenseits des Iaxartes unter
ihrem König Skunka erzählt, die mit den Aufständen im Anfange
der Regierung des Dareios in keiner Verbindung stehen und erst
mehrere Jahre später stattgefunden haben1), ist ebenso wie das
*) Rawlinson liest Z. 2—4:
ünah . t[jah . adam . ] akuunawa[m .
mä . r Qvrdam .ji&ä . chtäja
&>ja
Die« ergänzt Oppert, Le peuple et la langue des Medes p. 158s.
folgendermaßen :
imah . t[jah , adam . ] afoHinairalm , jä
(t)ä . (du)[wcada&amam . ] öardam . [pasäwah . ja]öa . cJüfäja
frijafr [ . abawam.
„Dies (ist) wfas ich] tat [bis] cum z[wölften] Jahre [nach] dem ich König
[wurde].- Wäre öardam sicher, so könnte allerdings das r vor der
Lücke nur su d** ergänzt werden.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
197
Bild des Sakenfnrsten Skunka nach allgemeiner Annahme erst
nachtraglich hinzugefügt worden. Die vier ersten Kolumnen da-
gegen bilden eine in sich abgeschlossene literarische Komposition
und sind aller Wahrscheinlichkeit nach bald nach den Ereignissen
eingemeisselt worden, zumal da sie ja nicht etwa dem Ruhme des
Königs, sondern ganz bestimmten praktischen Zwecken zu dienen
bestimmt waren. Dies geht auch aus Folgendem hervor.
Bei den Ausgrabungen der Deutschen Expedition in Babylon
ist ein Bruchstück des babylonischen Textes der Inschrift gefunden
worden1). Dadurch wird eine von mir schon lange gehegte Ver-
mutung zur Wahrscheinlichkeit erhoben, dass Dareios in den Haupt-
städten aller derjenigen Provinzen, die sich empört hatten, Duplikate
der Inschrift zur ständigen Warnung hatte aufstellen lassen. Man
darf daher annehmen, dass solche auch in Hagmatäna, Arbela, in
der Landschaft Jautijä (Kenn an), in Parthien, Arachosien und in
Marw standen, und zwar werden dieselben nur den persischen
Text enthalten haben, wie das in Babylon gefundene Bruchstück
nur den babylonischen. In Pars aber hatte man die auf die Auf-
stände dieser Provinz bezüglichen Daten jedenfalls noch in der Er-
innerung, und Dareios wird sich schwerlich der Gefahr haben aus-
setzen wollen, eventuell von seinen Landsleuten als Lügner ertappt
zu werden. Endlich ist noch zu bedenken, dass es doch etwas
anderes ist, wenn der König von Asien an weithin sichtbarer Stelle,
an der grossen Heerstrasse, die aus dem westlichen nach dem öst-
lichen Zweistromlande führt, seinen Völkern in den Sprachen der
drei wichtigsten Königreiche seines weiten Reiches feierlich seine
Siege über die gegen ihn aufgestandenen Empörer verkündet, als
wenn ein armenischer Mönch bei der Übersetzung griechischer
Werke ins Armenische oder armenischer ins Griechische Monats-
namen des festen römischen oder makedonisch -römischen Kalenders
durch solche des armenischen Wandeljahres verdolmetscht und um-
gekehrt8). Dies wird, hoffe ich, gentigen, um in allen denjenigen,
welchen es um die Erforschung der Wahrheit und nicht darum
zu thun ist, durch möglichst gewagte, scharfsinnig sein sollende
Vermutungen unter suveräner Beiseiteschiebung der Überlieferung
einander zu übertrumpfen und von sich reden zu machen und für
ihre eigenen Hypothesen wie für ein neues Evangelium unbedingten
*) Vgl. Weissbach, Babylonische Miscellen. Wissenschaftliche
Veröffenthchuugen der Deutschen Orient-Gesellschaft IV, 1908, S.24 — 26.
*) Vgl über solche Vergleichungen Gutschmid, Kl. Sehr. III,
346—348. — Rätselhaft ist mir der Gebrauch syrischer Monatsnamen
in den aramäischen Inschriften von Arebsun (Zoropassos) in Kappa-
dokien (s. Lidzbarski, Ephem. der semit. Epigraph ik I S. 70. 71
Abb. 1 Z. 1. 822 Abb. A Z. 1. 323), da dieselben doch trotz ihres
astrologischen Charakters deutlich mazdajasnisch sind und in Kappa-
dokien der jungawestische Kalender herrschte, wogegen das syrische
und syrisch-makedonische Jahr ein gebundenes Mondjahr war. —
198
J. Marquart,
Glauben zu verlangen, die Überzeugung zu befestigen, dass die
Inschrift des Dareios in allen drei Texten ernst genommen sein
will und ernst genommen werden muss!
Besteht aber irgend eine Nötigung oder auch nur Veranlassung
zu dem Glauben, das altpersische Jahr sei mazdajasnisch im engeren
Sinne und gleich diesem ein Sonnenjahr gewesen? Auf Grund
der altpersischen Monatsnamen allein lässt sich diese Frage weder
bejahen noch verneinen. Von den neun bekannten Namen enthalten
allerdings nur zwei, der Bagajödü und der Ädrijädija *) d. i. der
Monat der Verehrung des 13aga bezw. des Feuers, eine unzwei-
deutige Beziehung auf den mazdajasnischen Kult und haben in den
dem Mithra und dem Feuer geweihten Monaten des Awestäjabres
ihr genaues Gegenstück. Genau dasselbe Verhältnis herrscht aber
auch in einer ganzen Reihe von Jahresformen, die uns erst aus
weit späterer Zeit bekannt sind, deren rein mazdajasnischer Charakter
aber unbestritten ist Dies gilt vor allem von den Jahren der
Sogdier und der alten Sagzls. Ersteres hat mit dem völlig zum
awestischen stimmenden chwärizmischen Jahre nur die Namen des
I.2), VIII. *) und XII. Monats4) gemein. Um diese Thatsache richtig
zu würdigen, ist wohl zu beachten, dass es andererseits mit dem
altpersischen Kalender nicht bloss in der Benennung des VIL Monats
nach dem Baga-Feste (^.Jjjä Vayakäri), sondern auch darin über-
einstimmt, dass der im awestischen System dem Schöpfer (Dadwä,
gen. Da&uSo) gewidmete X. Monat eigentlich namenlos ist: ap.
Anömaka% sogd. £j£L»w« Masä-püy d. i. offenbar der (Monat) nach
dem = Ä&rö. Dieser Name für den Feuermonat hängt augen-
scheinlich mit n$.pük,puk tdas Anblasen (des Feuers)", »Brennholz*
zusammen; vgl. Horn, Neup. Etymologie Nr. 889; Hübsch -
mann, Pers. Stud. 48. Es ist also der Monat des Anblasens des
l) Beachtung verdient, dass dieser Monatsname nicht die echt-
persische Bezeichnung des Feuers, ap. *fräta- , arm. hrat, sondern den
Awestanamen äQr- enthält, der sonst nur vereinzelt in altwestiranischen
Namen bezeugt ist (ArgaSaras, angeblicher Name des Vaters Kyros' II.
bei Ktesias; AtQ<yxccxr\s , Meder, Satrap von Medien und Grunder der
Dynastie von Atropatene).
*) Nösard, chwär. ^y^Ju^li Nätuärje oder U^-.; Jlödnä (so
lies) aus *RöÖnäu. — Chwär. i = t, £ = d vor palatalen Vokalen.
«) Sogd. gJbl Abä-n$ oder Äbänjj BerünT, Chronol. Fl, 7. v., 12.
TPö, 5, chwär. q^-IsLj bezw. (so lies) jäpä-chan oder -ckun
eb. fv, 12. 15. v., 12. FHf 16. Das ^jS> den chwärizmischen Namens
entspricht entweder dem ap. -hanii in Ädu-kanü, so dass derselbe be-
deuten würde ,der Monat des Grabens der Wasser", also mit dem ent-
sprechenden ap. Monat synonym wäre, oder es steckt darin ein Synonym
zu aw. napät- in Apam napät-, kappadok. *Aico\uvana.
*) Mj£ß*s* chiöm = aw. chinaoma~ „Freude" ist auch im Chwäriz-
mischen als anderer Name des Itpandärmade gebräuchlich.
Untersuchungen zur Geschichte von Er an.
199
neuen (heiligen) Feuers d. i. ursprünglich des Herdfeuers, skyth.
Tccßitl. Von den Monatsnamen der Sagzls decken sich nur zwei mit
den awestischen: der j^Lj^ö Tir-gajän-wä = Tütrjehe, arm.
Tri und der \^ ^IfSJ Är-gajan-wä = Ä&rö, arm. Ahekan
oder Äkki1). Im armenischen Kalender stimmen vier Monate ein-
schliesslich des Navasard völlig mit den awestisch-chwärizmischen
überein: Navasard = chwär. Näusärje , Tri = chwär. Ötre,
aw. Tütrjehe, Mehekan, Meheki=w. Mi&rahe (nach dem Mihragän-
fest benannt) und Ahekan, Ahkt*) = Ä&rö, chwär. ArÖ. Der Hroticf
(XU.) ist benannt nach dem ursprünglich am Schlüsse des Jahres
gefeierten Allerseelenfeste, aw. Frawaätnäm, np. Frördlgän, För-
digän, das im persischen und kappadokischen Kalender dem ersten
Monat den Namen gegeben hat, setzt also ebenfalls die mazda-
jasnische Jahresform voraus. Im Kalender von «^L^8), der
mit dem sogdischen einige Berührungen aufweist, stimmt höchstens
der Nosard zum chwärizmisch-awestischen Kalender; in dem der
l) Die beiden Namen sind wie folgt überliefert:
BSrünl fr, 22 I^U^' R ^1*0^ •
. v., 8 P
, fr, 19 ^U{Jr 3jL^jf.
, v., 13 WMJ-
Das schliessende %oät mit dem wenigstens die Hälfte der Sagzlmonate
zusammengesetzt ist, ist — np. mäh „Monat" mit Ubergang von m in
tr. Da zwischen *6 und \ in beiden Formen noch ein Grundstrich steht,
so kann nicht einfach ^l^ö, ^Lf,! (= arm. Ahekan) gelesen werden.
Ich vermute daher, dass ^LJf = np. (plur. von »L^ .Zeit")
ist. Wahrscheinlich ist auch t$ '3 o?*/* statt WylJ*
(p. V. fjjJe*) = sogdisch LX-i^-ÜLät und ltXJLs«f.^ zu leseu.
BerOnl hatte die Monatsnamen der alten Sagzls vom Geometer
Abü Sa'id Ahmad b. Muhammad b. 'Abd al Galll as SigzT gehört.
Zu seiner Zeit waren sie offenbar nicht mehr im Gebrauch.
*) Findet sich nirgends mehr arm. *ÖL4fy£ Aheri = *Aheari,
ap. Ä&rijädijaf
») Berünl Ii Sp. 2 ed. w5o^Ls?, R w$o;L^'. Es kann selbstver-
ständlich keine ganz unbekannte Stadt gemeint sein, allein mit den
überlieferten Schriftzügen ist nichts anzufangen. Am nächsten käme
denselben die Verbesserung v£-jJ~>- Cärjak = Cahärjak „ein Viertel", das
mit Asan, der zweiten Stadt von Gözgän, eine Doppelstadt bildete.
S. Eraniahr 81. 86 f. An JS w^L^, auf unsern Karten gewöhnlich
Charüear n. von Kabul ist natürlich nicht zu denken.
200
J. Marquart,
Stadt Qobä in Faryäna, die eine Tagereise von 05 an der Grenze
gegen die Charluchtürken lag, ist wenigstens der Mikr erhalten l).
Die ganze Reihe der awestischen Monatsnamen findet sich
nur bei den westiranischen Mazdajasniern *), von denen die kappa-
dokischen eine Abzweigung aus achaimenidischer Zeit sind, Bowie
bei den Chwärizmiern , und zwar stimmen die kappadokischen
Namen bis auf den ersten, der noch den altpersischen Namen der
Frawa&is bewahrt hat, genau mit den zu erwartenden spätalt-
persischen Formen der Awestänamen überein, während bei den
Chwärizmiern — wie bei Armeniern und Sogdiern — der erste Monat
Nausärye „Neujahr" heisst und die meisten Monate neben der
gewöhnlichen awestischen noch eine andere Bezeichnung führen.
Beachtung verdient, dass dem Namen des IV. Monats nirgends
die Awestäform Tütrjehe, sondern überall — bei Persern, Kappa-
doken, Armeniern, Chwärizmiern und Sagzis — die spätaltpersische
Form Ttri (gen. von Tin-) zu Grunde liegt Aus diesem ver-
schiedenen Verhalten der einzelnen iranischen Kalender geht un-
streitig hervor, dass die Benennung eines jeden Monats nach einem
besonderen Genius nicht notwendig zum Begriffe des mazdajas-
nischen Jahres gehört Dagegen lehrt ein Blick auf den sogdisehen
Kalender, dass als eigentliches Merkmal des spezifisch jung-
awestischen Kalenders die Einrichtung zu betrachten ist, dass
die einzelnen Monatstage nicht gezählt, sondern je besonderen
Genien geweiht und nach ihnen benannt sind. Dies hat zur
Voraussetzung, dass die Monate gleichmässig 30 Tage hatten, und
hierauf beruht die Liturgie des Slröza. Die Sogdier nun ge-
brauchen für die 80 Monatstage ganz dieselben, durch die Laut-
gesetze des sogdisehen Dialektes nur leicht veränderten Namen
wie die Chwärizmier und die persischen Mazdajasnier, ja der Name
des Schöpfers, dem der 8., 15. und 23. Tag geweiht sind, hat noch
die jungawestische Genitivform bewahrt8). Es ist daher sonnen -
*) Sonst ist mir nur noch der V. Monat deutlich, der dem ost-
turkischen lu .Drache" genau entspricht Der jjäwÄ» (III.) erinnert
an den zwölften uiguriseben Monat 6ach$aput; vgl. K. Foy, SBBA.
1904, 1393/4.
*) Von den Ländern der Pahlawls, d. h. Medien und Parthien, wird
nichts besonderes berichtet. Da sich die Partherkönige auf ihren Münzen
der makedonischen Monatsnamen bedienen, sind uns die parthischen
unbekannt. Balch, wo bis zur arabischen Eroberung der Buddhismus
vorgeherrecht hatte, war bis zur Zeit Beroni's völlig lslamisiert worden.
») BerünT Fl. Die Hss. haben: Kol. I Z. 18 c^5, II 15 vi*^,
III 13 c>"«<3. Sachau (p. 384 seiner englischen Übersetzung) hält
für eine Umstellung aus jjwjO = jungaw. Da&u$ö. Auch in
und entspricht sogd. * (in geschlossener Silbe) einem iran. i.
Zwischenvokaliges, altiranisches # bleibt erhalten in sogd. ^jjJj* meöan,
j^Ä** metan = aw. maeftana.
Untersuchungen rar Geschichte von Eran. 201
klar, dass die ohne jede Variante — selbst Spznta armaHi und
MiOra erscheinen hier als j^.LXx**« ßpandärmad und ^J*^£ Micks }
nicht, wie bei den Monatsnamen, unter ihren sogdischen Namen
ChSöm und Vay — auftretenden Namen der Monatstage gegen-
über den volkstümlichen Monatsnamen bei den Sogdiern etwas
Fremdes, Importiertes sind. Auf der andern Seite geht aber das
relativ hohe Alter dieser Einrichtung daraus hervor, dass die
Chwärizmier sich schon vor Alexander d. Gr. selbständig gemacht
hatten und unter einem eignen König standen, und dass sie seit-
dem bis auf die arabische Eroberung nie mehr zum iranischen
Reiche gehört haben. Auch die Sogdier sind seit der Erhebung
des Diodotos bis zum Einbruch der Araber ausser aller staatlichen
Verbindung mit Eran&ahr geblieben. Sie muss also aus einer
Zeit stammen, als das Achaimenidenreich noch ungeschmälert
dastand und dem Satrapen von Baktrien sowohl Sogdiana als
Chwärizm gehorchte. Wenn die Namen der Monatstage bei den
Kappadoken und Armeniern nicht mehr nachzuweisen sind, so
hängt dies bei letzteren ohne Zweifel damit zusammen, dass sie
bei der Einfuhrung des Christentums abgeschafft wurden, weil sie
zu eng mit der alten Religion verknüpft waren, während sie in
Kappadokien der wachsende Einfluss der griechisch - römischen
Kultur verdrängt haben wird. In der Inschrift des Dareios ist
dagegen von einer Benennung der Monatstage keine Spur zu ent-
decken: sie wurden einfach gezählt wie bei den Babyloniern.
Da sich nun Dareios als entschiedenen Verteidiger arischen Wesens
und eifrigen Verehrer Ahuramazdäh's zu erkennen gibt, so ist kein
Grund einzusehen, weshalb er die Benennung der Monatstage nach
den Genien, denen sie geweiht waren, vermieden haben sollte,
falls diese Sitte damals in Pars schon bestanden hätte. Damit
entfallt aber jeglicher Anhaltspunkt für die Vermutung, dass schon
das altpersische Jahr ein bewegliches Sonnenjahr gewesen sei, viel-
mehr müssen wir uns den überlieferten Thatsachen beugen und
anerkennen, dass dasselbe zur Zeit des Dareios mit dem gebundenen
Mondjahre der Babylonier bis auf den verschiedenen Jahresanfang
übereinstimmte. Während das babylonische Jahr aber an die
Frühlings-Tag- und Nachtgleiche gebunden war, wurde das alt-
persische wie das althebräische Neujahr in der Nähe des Herbst-
äquinoktiums festgehalten.
Dies Ergebnis hat durchaus nichts Überraschendes, sondern
ist nur das , was wir von vornherein erwarten müssen. Auch
wenn die arischen Viehzüchter und Bauern ein mehr oder weniger
fest ausgeprägtes, an die natürlichen Jahreszeiten gebundenes Jahr
mitbrachten, so gerieten sie doch, sobald sie von den Ländern
diesseits der grossen mitteliranischen Wüste Besitz ergriffen hatten,
naturgemflss in den Bannkreis der uralten babylonischen Kultur,
dem sie sich nicht entziehen konnten. Es lässt sich vermuten,
wenn auch bis jetzt nicht erweisen, dass sich die Perser zunächst
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J. Marquart,
an den Kalender der Elamiten angeschlossen haben werden und
schon dieser bis auf die Monatsnamen nach dem babylonischen
geordnet gewesen sein wird *). Später aber herrscht nicht nur
in Pars und in ganz Iran, sondern auch in den halb iranisierten
Provinzen Kappadokien und Armenien ein bewegliches Sonnenjahr,
das mit dem altpersischen VIL Monat beginnt und sich mit dem
ägyptischen Wandeljahre bis auf den verschiedenen Jahresanfang
und die Stellung der Epagomenen völlig deckt: der 1. Thoth
des ägyptischen Wandeljahres entspricht dem 1. Dadw (X., arm.
Maren = ap. IV.) des mazdajasnischen Wandeljahres und die
Monate Thoth, Phaophi, Athyr sind vollkommen gleich den Monaten
Dadw (Mareri), Bahman (Margac') und Spandärmad (Hrotic').
Das persische Sonnenjahr ist uns zuerst unzweideutig bezeugt
durch Curt. III. 8, 10: Magi proxiini patrium Carmen canebant
Magos trecenti et sexaginta quinque iuvenes sequebantur puniceis
ainiculis velati, diebus totius anni pares numero: quippe Persis
quoque in totidem dies discriptus est annus. Diese Notiz stammt
wohl aus einem Alexanderhistoriker. Weiter hinauf scheinen uns
zwei Anspielungen bei Herodot zu führen. Im Verzeichnis der
Steuerbezirke heisst es 3,90: catb 6h KiXUav Xitnoi xt Uvxol
DfflKOvxu xal xQirjxoaiot , ixdcxrjg i\ pi Qi} g dg yivofisvog,
xal xakavxu agyvQlov nevxaxdaia' xovxtov 6\ xeüötQCtxovxa xal
ixaxov ig rtjv (pqovqiovQav Xnnov xr\v KiAixlrjv %(b(fflv avausipovxo,
ra dh XQirjxoGia xal i&jxovxa z/a^a'oi i<po(xa' vofibg xixaqxog
ovxog. Wäre anzunehmen , dass diese Nachricht unverändert der
Hauptquelle des Verzeichnisses (A) entnommen sei, so wäre hier
also ein persisches oder auch kilikisches Jahr von 860 Tagen für
die spätere Regierungszeit des Dareios vorausgesetzt, welches weder
mit dem altpersischen Jahre der Inschrift von Behistün, noch mit
dem jungawestischen Wandeljahre in Beziehung gesetzt werden
könnte. Es müsste somit in jedem Falle die Frage aufgeworfen
werden, ob die Bemerkung ixaöxrig rjui^g tlg yivdfuvog wirklich
aus iranischer Quelle stamme oder eventuell einer Vermutung des
Verfassers ihren Ursprung verdanke. So wie die Sache liegt, ist
indessen mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Herodot selbst
durch die weissen Rosse, die, wie er wusste, dem Sonnengotte
heilig waren, auf jene Kombination verfallen ist, zumal gerade er,
wie sich zeigen wird, von der Theorie eines 360tägigen Jahres
beherrscht ist. Die andere Stelle ist entschieden legendär und
unzweifelhaft jünger. Herodot erzählt, als Kyros auf dem Marsche
gegen Babylonien den Übergang über den Gyndes versucht habe,
sei einer der dem Sonnengotte heiligen Schimmel im Flusse er-
J) In den bi« jetxt bekannt gewordenen altelamitiachen Inschriften
hat sich erst ein einziger altelanütificher Monatsname gefunden. Lolube
(Scheil, Textes elamites-ansanites II Nr. LXXXVI Kol. H45, vgl.
p. 88), der auch V R 48, 88 erwähnt und dem Tairüu gleichgesetzt
wird.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 203
trunken , worauf der König den Fluss zur Strafe in 360 Kanüle
habe ableiten lassen. Darüber vergieng ein volles Jahr, bis zum
folgenden Frühling (Her. 1, 189—190. 202). Hier Hegt augen-
scheinlich ein Jahresmythus zu Grunde, und zwar ist ein mit dem
Frühling beginnendes Jahr von 860 Tagen vorausgesetzt. Ein
solches Jahr ist indessen weder babylonisch noch persisch. Da-
durch wird die Frage nach dem Ursprünge der Erzählung dringend.
Es ist jetzt nachgewiesen, dass die beiden langwierigen Belagerungen
Babylons durch Kyros und Dareios, wie sie Herodot erzahlt,
gleichmässig unhistorisch und mit volkstümlichen Motiven aus-
gestattet sind, die zum Teil schon von jüdischen Propheten ver-
wandt und dem Bedürfnis entsprungen sind, eine annehmbare Er-
klärung dafür zu finden , wie es den Persern möglich geworden
sein mochte, die gewaltige, mit mächtigen Mauern bewehrte Welt-
stadt zu bezwingen *). Es sind Legenden, die nicht vor der Nieder-
werfung des babylonischen Aufstandes unter Xerxes2) ausgebildet
sein können, und zwar beweist die Fabel von der der iranischen
Denkweise völlig widerstreitenden Züchtigung des Flusses, dass
die Gestaltung der uns beschäftigenden Erzählung auf keinen Fall
von Persern herrührt; vielmehr weist diese auf denselben Ver-
fasser wie die ebenso unsinnige Auspeitschung des Hellesponte
durch Xerxes Her. 7, 35. 54; 8, 109. Die Zahl 360 = 6 X 60
spielt allerdings im Mass- und Gewichtssystem sowie in der Zeit-
rechnung der Babylonier eine grosse Bolle, wodurch ihre mehr-
fache Wiederkehr im Steuerverzeichnis vollkommen erklärt ist, in
der Jahreseinteilung der Babylonier hat sie dagegen keinen Platz.
Damit rücken die beiden fraglichen Stellen in die Reihe einer
Anzahl von Nachrichten, in denen von einem ehemaligen 360tägigen
Jahre bei den Griechen die Rede zu sein scheint8). Auch
Herodot lässt den Solon in seiner Unterredung mit Kroisos von
einem 360tägigen Jahre zu zwölf dreissigtägigen Monaten reden
*) Einnahme Babylons während eines Festpolnges
a) durch Kyros: Jer. 51, 81. 32. 39. 54—58. Dan. 5, lff. Her. 1, 191.
Xen. Kyrop. 7, 5, 25 ;
b) durch Parsondes unter Nanaros : Ktes. bei Nik. Dam. fr. 4 in fine.
fr. 5; vgl. Assyriaka des Ktesias S. 559;
c) auf die Eroberung von Ninos Ubertragen: Ktes. bei Diod. 2,
26,4; vgl. Assyriaka S. 630.
Die List des Zopyros Her. 8, 153 — 160, von Megabyzos bei der
Eroberung Babylons unter Xerxes erzählt Ktes. ecl. 22, vom Saken
Sirakes unter Dareios Polyain. 7, 13; vgl. Assyriaka S. 625 f.
*) Vgl. Assyriaka S. 624 f. Die Öffnung des Grabes des alten Bei
(Ktes. bei Ailian navxod. lax. 14, 8 und ecl. 21) unter Xerxes gab den
Anläse zu der Ersäblungüber das Grab der Nitokris bei Her. 1, 187;
vgl. C. F. Lehmann, Herl. Phil. Wochensehr. 1898 Sp. 486, 1900
Sp. 962 A. 1 (unrichtig Assyriaka S. 594 f., 626).
») Vgl. Ideler, Handbuch der Chronologie I 69 f. 254. 257—260.
264 f. 271.
204
J. Marquart,
(I, 32). Allein ein solches Jahr hat es in Wahrheit nie gegeben,
und die diesbezüglichen Angaben sind wohl mit Ideler1) als
falsche Ausdeutung des volkstümlichen Sprachgebrauchs zu er-
klären, der sich gewöhnt hatte, für den Monat die runde Zahl
von 30 Tagen und dementsprechend für das Jahr die runde Summe
von 12 X 30 = 360 Tagen anzunehmen8). Herodot selbst hat
aber an der zuletzt angefahrten Stelle mehr als hinreichend bewiesen,
dass er von chronologischen Dingen, wie Schaltung u. s. w. absolut
nichts verstand, und falls bereits zu seiner Zeit in Persien ein
Sonnenjahr mit 5 Epagomenen eingeführt war, so hatte er jeden-
falls davon keine Kenntnis; denn sonst hätte er da, wo er vom
ägyptischen Sonnenjahre und seinen Vorzügen vor dem gebundenen
Mondjahre der Hellenen spricht (II, 4), nicht unterlassen können,
auf seine Übereinstimmung mit dem persischen Jahre aufmerksam
zu machen, wie dies auch die arabisch -persischen Astronomen
gethan haben. Auf historischem Wege lässt sich demnach nicht
feststellen, wann das junga westische Wandeljahr in Persien ein-
geführt worden ist.
Dieses zeigt jedoch gewisse Eigentümlichkeiten, von denen
wenigstens einige hier kurz erörtert werden müssen. Dem Schöpfer
ist in demselben der zehnte Monat eingeräumt. Dies ist sicher-
lich nicht ursprünglich: man sollte erwarten, dass Ahuramazdäh
einen beherrschenden Platz im Jahre einnähme, also entweder am
Anfang, wie unter den Monatstagen, oder in der Mitte. Hier hat
R. Roth9) gezeigt, dass die sechs Gähänbär des Parsenkalenders
ein älteres, an die natürlichen Jahreszeiten gebundenes Bauern-
jahr voraussetzen, dessen beide Pole die Feste Mittsommer (AfaiÖ-
jöüdma) und Mittjahr (Maidjänja) bildeten. In dem durch einen
120 jährigen Schaltcyklus regulierten persisch -mazdajasnischen Jahre,
als dessen Epoche das Frühlingsäquinoktium gilt, fallen die sechs
Jahresfeste theoretisch auf folgende julianische Tage, wofern man
die Lage der Frühlingsnachtgleiche gegen Ende des 5. Jhs. v. Chr.
zu Grunde legt:4)
») A. a. O. S. 264 f.
*) Vgl. besonders Hesiod, fpycc xal ^uipcu 814. 766 und das Rätsel
des Kleobulos bei Laert Diog. I 91.
■) R. Roth, Der Kalender des Awesta und die sog. Gähänbär.
ZDMG. 34, 1880, S. 698 ff.
*) Begann das Jahr mit dem Tage nach dem Frühlingsäqui-
noktium, so fallen die obigen Data je um einen Tag später. Der
Gefälligkeit meines Freundes Dr. H. J. Zwiers, Observatore an der
hiesigen Sternwarte verdanke ich folgende Berechnungen:
»Data für das Frühlingsäquinoktium
Jahr — 486 27. Märe 10.8 Uhr (Morgen)
„ — 485 27. , 4.1 „ (Abend)
? _ 484 26. , 9.9 „ (Abend)
„ — 483 27. „ 3.7 „ (Morgen)
, — 482 27. T 9.5 , (Morgen).
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
205
julian isch
MauJjöizaromaja 11.— 15. Artawa- 41—45 (6.— )10. Mai
biSt (IL)
MaidjöiSoma 11.— 15. Tlr (IV.) 101—105 (5.— )9. Juli
26.— 30. §a#re- 176—180 (18.— )22.Sept.
war (VI.)
26.— 30. Mihr 206—210 (17.— )21. Okt.
(VH.)
Maidjäirja 16.— 20.Dadw(X.) 286—290 (6.— )10. Jan.
Hamaspafhnae'dVja 26. Spandarmat 356 — 365 (17. — )26.März
(XII.)— Gada
Wahistöiäti
Nach diesem System trifft in der That das Maidjöitoma auf
die Mitte des Sommerhalbjahrs, das man zu 7 Monaten = 210 Tagen
annahm Schwierigkeit macht schon das MaiSjäirja, das eigent-
lich auf den 77. Tag des zu 5 Monaten + 5 Epagomenen = 155 Tagen
angenommenen Winterhalbjahres fallen sollte. Nach ihm heisst bei
den Armeniern der 10. Monat Maren aus *Mareari, Madjärja.
Es liegt gerade ein halbes Jahr oder genauer 185 = 180 5 Tage
vom Maidjöisaraa ab. Die Unursprünglichkeit der gegenwärtigen
Anordnung ergibt sich aber meines Erachtens vor allem aus der
Stellung des Paitüakja. Dies ist nach Roth's Erklärung un-
zweifelhaft ein Erntefest, dass aber für ein solches der 22. September
julianisch, zumal für die Breiten der altiranischen Kulturländer,
ein unverhältnismässig später Termin wäre, dürfte ohne weiteres
einleuchten. Wird doch selbst auf dem rauhen Heuberg in
Schwaben die „ Sichelhenke", welche die Beendigung der Dinkel -
und Gerstenernte bezeichnet, am 15. August gefeiert. Ähnliches
gilt für das Afä&r9mai die Zeit, in welcher das Vieh von den
Sommerweiden eingetrieben und die Widder zu den Schafen zu-
gelassen werden. Dazu kommt, dass die Tradition der Mazda-
jasnier über die Lage des MaiÖjöiSama und Maidjäirja mit sich
selbst im Widerspruche war. Das Bundahisn sagt nämlich: 'It is
always necessary first to count the day (and) afterwards the night ;
for first the day goes off, (and) then the night comes on. And
from the season (gäs) of Medok-shem, which is the auspicious
day Khür of the month Tfr2), to the season of Me^iyärem, which
Im Mittel für circa — 485 in den Vonnittagstunden des 27. Marz.
Jahr — 402 26. März 6.6 Uhr (Abend)
, — 401 27. , 0.4 „ (Nacht)
, — 400 26. , 6.2 „ (Morgen)
, — 399 26. , 12.0 , (Mittag)
, — 398 26. , 5.8 „ (Abend).
Im Mittel für circa — 400 in den Abendstunden des 26. März.
Alle Daten sind julianisch.«»
•) Vgl. J. Darmesteter, Le Zendavesta I 39. 37.
*) Der 11. Tag des vierten Monats, mit dem das Fest begann.
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206
J. Marquart,
is the auspicious day V&hräm of the month Din *) — the short(est)
day — the night increases; and from the season of M6<fiyär§m
to the season of Msdök-shem the night decreases (and) the day
increases* *). In dieser Form ist die Nachricht freilich ungereimt,
allein es liegt ihr offenbar eine aus dem verlorenen Awestä
stammende Überlieferung zu Grunde, die nur durch die Glossierung
der Ausdrücke Maidjöüfcma und MaiSjäirja entstellt ist. Beseitigt
man diese, so ergibt sich unzweideutig, dass Maidjöis-zma und
MaiSjcurja ursprünglich mit der Sommer- und Wintersonnenwende
zusammenfallen. Da aber der Name MaiSjäirja wörtlich .Mitt-
jahr*, nicht „Mittwinter" bedeutet, so folgt weiter, dass dieses
Bauernjahr einmal mit der Sommersonnenwende oder genauer mit
dem ersten darauf folgenden Neumonde begonnen haben muss. „Nur
in diesem Falle bildet die bruma zugleich die Jahresmitte*8). Von
hier ab gerechnet ordnen sich die übrigen Festzeiten befriedigend ein.
Dann war Tistrja der erste, Da#usd aber, wie verlangt, der siebente
Monat des Jahres, dessen Anfang in die Nahe der bruma fiel.
Dieses Jahr kann selbstverständlich kein Wandeljahr, wird also
vermutlich ein gebundenes Mondjahr gewesen sein. Bei dieser
Voraussetzung ergibt sich als Prinzip, den 1. TiStrja immer wieder
auf die Sommersonnenwende zurückzuführen4). Der Anfang dieses
altawestischen Jahres kam demnach mit dem des attischen überein.
Der erste Monat war dem Sirius (Tüärja, pers. 2W) geweiht,
weil man während seiner Dauer mit Sehnsucht auf den Frühauf-
gang dieses glänzenden Sternes harrte, von dessen Erscheinen man
erquickenden Regen erwartete5). Der Frühaufgang des Sirius
(19. oder 20. Juli jul.) muss daher normaler Weise noch in
den Monat TTr gefallen sein, aber fast ans Ende desselben, wo-
gegen er bei den Ägyptern ursprünglich den Neujahrstag selbst
bildete.
Das altawestische Jahr war somit, wie man sieht, vom jung-
awestischen bedeutend verschieden. Dass dagegen letzteres bis
auf die verschiedene Stellung der Epagomenen bezw. den Jahres-
anfang mit dem ägyptischen zusammenfiel, ist schon den arabisch-
*) Der 20. des Monats Dadtc (so lies), der letzte des Festes.
*) Bundah. XXV, 2—3 bei West, P. T. I 91/92. Justi's Aus-
gäbe ist mir augenblicklich nicht zugänglich.
•) Vgl. Roth, a. a. O. 711. W. Geiger, Ostiranische Kultur
im Altertum. Erlangen 1882 S. 824.
«) Nach freundlicher Mitteilung von Dr. H. J. Zwiers fiel das
Sommersolstitium
—600 v. Chr. auf 29. Juni jul. 11»» (abends)
— 500 v. Chr. auf 29. Juni jul. 4h (morgens).
Die Zeiten sind mittlere Sonnenzeiten von Turkestan, wie auch oben
S. 204 A. 4. Chiwa liegt 8»» 52«, Buchara 4* 8» Samarkand 4* 18»
östlich von Paris. Im Mittel ist angenommen 4h 15» ö. von Greenwich.
•) jt. 8, 48. Vgl. Roth a. a. O. S. 713. 717. Geiger 8. 803 f.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran
207
persischen Astronomen aufgefallen. Nach BSrünT gieng aber die
Übereinstimmung noch weiter. Er sagt nämlich: »Wir haben
nicht vernommen, dass jemand den Persern, Sogdiern und Chwä-
rizmiern nachgeahmt hat in Bezug auf ihre Gepflogenheit (nämlich
den dreissig Tagen des Monats besondere Namen zu geben anstatt
sie in Wochen zu teilen) ausser den Kopten, d. h. den alten
Ägyptern. Denn diese pflegten, wie uns berichtet worden ist1),
die Namen der dreissig Tage zu gebrauchen bis auf die Zeit, als
Augnstus, der Sohn des Gaius2), die Herrschaft über sie antrat8)
und beabsichtigte, sie zur Schaltung der Jahre zu bewegen, damit
sie mit den Römern und den Alexandrinern allzeit übereinstimmten.
Dies unterliegt Bedenken4). Damals nun waren bis zur Vollendung
des grossen Schaltcyklus noch 5 Jahre übrig. Da wartete er,
bis von seiner Regierung fünf Jahre verflossen waren, dann be-
wog er sie, alle vier Jahre einen Tag in die Monate einzuschalten,
wie es die Römer thun. Damals gaben sie den Gebrauch der
Namen der Tage auf, wie es heisst, weil die, welche sie gebrauchten
und kannten, für den Schalttag einen besonderen Namen nötig
gehabt hätten, und es ist keine Erinnerung derselben übrig ge-
blieben" 5). Es ist hier die Rede von der Einführung des julianischen
Schaltjahres in Alexandrien durch Augustus, welche BörünT bereits
früher mit folgenden Worten erzählt hat: „ Augustus ist derjenige
welcher die Alexandriner von ihrer Rechnung nach ägyptischen
Jahren ohne Schaltung überführte zur Rechnung der Chaldäer,
welche zu unserer Zeit in Ägypten gebraucht wird, im sechsten
Jahre seiner Regierung. Daher datierten sie nach diesem Jahre
(als Epoche)*6). Die Nachricht stammt aus Theon's Kommentar
O i
') Lies Uj5\3 U/. Vorher hat der Verf. von dieser Sitte der
Kopten nichts erwähnt
*) Text für
yaA tU\5 Jau&ll «jJU*£<J f)}^
4) Jai 1^3. Dies ist wohl eine kritische Randbemerkung des
Verfassers oder eines Lesers, die von einem Kopisten in den Text
eingefügt wurde.
ft) Berum, Chronologie S. fl, 2—8 = p. 58, 29—45 der englischen
Übersetzung.
fl) BerunT Mf 7-9 = 83, 28—32.
208
J. Marquart,
zu den Handtafeln des Ptolemaios 1). Über die alerandrinische
Ära handelt ausführlich Ideler, Handbuch der Chronologie II
140—171.
Was die ägyptischen Namen der Monatstage anlangt, so ist
Berünl*s Behauptung insofern richtig, als bei den Ägyptern nicht
bloss die Monate, sondern auch die 30 Monatstage besonderen
Gottheiten geweiht nnd nach ihnen benannt waren. Dies weiss
schon Herodot IT 82. Brugsch, Astronomische und astrologische
Inschriften altägyptischer Denkmaler 1883 8. 45 — 54 veröffent-
licht die hieroglyphischen Namen der 80 Tage des Mondinonats
nach den Inschriften im Pronaos des Tempels von Dendera aus
der Zeit des Kaisers Tiberius sowie nach dem astronomisch -
kalendarischen Bilde von der Nordwand des Pronaos von Edfu
aus der Ptolem&erzeit und gibt zu denselben ältere Varianten.
Er bemerkt S. 52 : »Die ältesten dieser so wichtigen Listen
der Mondtage und der zu ihnen gehörigen Gottheiten gehen bis
in die Zeiten der XVTO. und XIX. Dynastie zurück. Ich ver-
weise vor allem auf die astronomischen Deckenbilder im Grabe
Königs Seti L und in dem sogenannten Ramesseum zu Theben
aus den Zeiten Bamses' II." Sieht man diese Listen näher an,
so bemerkt man, dass jeder Tag einen doppelten Namen hatte,
von denen der erste eine kalendarische Beziehung aufweist, der
zweite einen liturgischen Charakter trägt; z. B. 1) Feier des
Neumondes, zugleich Fest des Thoth; 2) Feier des Monates, zu-
gleich Feier des Gottes Horas, des Rächers seines Vaters ; 4) Feier
der Erscheinung des Setem , zugleich Feier des Gottes 'Iniset ;
6) Feier der Sechs, zugleich Feier des Gottes Duamutf; 7) Feier
des (ersten) Abschnitts, zugleich Feier des Gottes Qeb^sonuf;
28) Feier des Schwanzfestes des Himmels, zugleich Tag des Gottes
Chnum. Diese Namen scheinen aber, im Gegensatze zum mazda-
jasnischen System, im bürgerlichen Leben keine Bolle gespielt zu
haben ; jedenfalls finden sie in Datierungen auf Denkmälern keine
Anwendung. Auf der andern Seite ist die Behauptung Berünl's,
dass die ägyptischen Namen der Monatstage seit der Einführung
des festen alexandrinischen Jahres ausser Gebrauch gekommen seien,
schon deshalb unwahrscheinlich, weil sie von der Voraussetzung
ausgeht, dass auch die Ägypter damals das Schaltjahr angenommen
hätten. Der wahre geschichtliche Verlauf ist Berüni unklar ge-
blieben, allein die Begründung: „weil die welche die Monatstage
gebrauchten und kannten, für den Schalttag einen besonderen
Namen nötig gehabt hätten* kann sich nur darauf beziehen, dass
sich die eigentlichen Ägypter unter Augustus wie schon unter
') Commeotaire de Theon d'Alexandrie sur les table« manuelles
astronomiques de Ptole'me'e jnsqu'a präsent ineMites, traduites pour la
premiere toi» du Grec en Francois tur les Manuscrits de la Bibliotheque
du Roi. Premiere partie, Paris 1822, p. 30 ss. Die Ausgabe ist hier
nicht Torhand. u. Ich entnehme das Zitat Ideler I 157 A. 2.
Untersuchungen wir Geschichte von Eran.
209
Ptolemaios HI. (288 v. Chr.) ans astrologischen und religiösen
Bedenken gegen den Schalttag ablehnend verhielten. Erst
mit der Einführung des Christentums ward die Annahme des festen
Sonnenjahres allgemein. Dass die ägyptischen Namen der Monats-
tage auch nach der Einführung des festen alexandrinischen Jahres
noch fortlebten, wird Überdies durch den Umstand nahegelegt, dass
gerade auf griechischen Inschriften der Kaiserzeit besondere Namen
für Monatstage nachgewiesen sind1).
Schon Scaliger hat erkannt, dass das junga westische und
altägyptische Jahr nicht zwei von einander unabhängige Schöpfungen
sein können. Nachdem es sich jetzt als höchst wahrscheinlich
herausgestellt hat, dass die Sitte, nicht bloss die einzelnen Monate,
sondern auch die 30 Monatstage nach besonderen Gottheiten zu
benennen, von den Iraniern dem Vorbilde der Ägypter — nicht um-
gekehrt, wie Berum glaubt — nachgeahmt ist, so ist der Kreis ge-
schlossen und man wird sich der Schlussfolgerung nicht mehr
entziehen können, dass die Magier in Ägypten mit der dort seit
alters herrschenden Zeitrechnung bekannt wurden und ihre Vor-
züge vor dem gebundenen Mondjahr, besonders auch für die
Regelung der Liturgie, erkannten. Bis dahin hatte man wohl
einzelne Monate nach hervorragenden Festen der Mazdareligion,
welche in dieselben fielen, oder nach bestimmten Gottheiten, welche
zu ihnen in besondern Beziehungen standen , benannt , wie den
BägajädiS-Vayakän und Ä^rijäd ij a - Ahekan bei Persern und Sogdiern
und den TiStrja und Da#uSö beim Awestavolk. Die der Gä#ä-
Religion eigentümlichen Amesa sponta waren dagegen aller Wahr-
scheinlichkeit nach im alten bürgerlichen Kalender nicht vertreten.
Jetzt ging man aber dazu über, nach ägyptischem Muster samt-
liche Monate sowie die Monatstage besondern Gottheiten zu weihen.
In der Ausgestaltung dieses Systems sind übrigens die Magier
selbständig vorgegangen und haben ihm einen tiefreligiösen Charakter
aufgeprägt. Dabei zeigt sich nun zwischen den Namen der Monate
und denen der Monatstage ein sehr bezeichnender Unterschied.
Bei der Verteilung der Genien auf die 12 Monate ist eine Bang-
ordnung befolgt, die von der sonst im Awestä üblichen auffallig
abweicht und nur unter der Voraussetzung zu begreifen ist, dass
der Urheber mehrfach durch ältere Jahresformen, in denen einzelne
Monate bereits ihre Schutzgottheiten hatten, gebunden war. Ganz
anders bei den Monatstagen. Diese sind in vier je von Ahura-
mazdäh geführte ungleiche Gruppen zerlegt, von denen die erste
den Amosa spenta, die zweite (8 — 14) den Elementen (einschliess-
lich des Urstiers) gehörte. In den zwei letzten Gruppen (15 — 22
*) Letronne^ Recherches pour servir a lTristoire de l'Egypte
pendant la domination des Grecs et des Romains tireea des inseriptioos
frecques et latines relatives a la Chronologie etc. Paris 1823 p. 166 ss.
deler a. a. 0. I 145 A. 1.
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210
J. Marquart,
und 23 — 80) sind sittliche und physische Milchte ziemlich gleich-
mässig verteilt Der im engeren Sinne zarathustrische Charakter
dieser Kalenderreform kommt aber darin zum Ausdruck, dass die
Epagomenen den fünf heiligen Gäfräs gewidmet sind.
Der mazdajasnische Kalender ist somit das Ergebnis eines
doppelten Kompromisses: 1) mau vertauschte den altpersischen
und altawestischen Jahresanfang mit dem babylonischen, dessen
Epoche die Frühlingsnachtgleiche war; 2) man gab das gebundene
Mondjahr, dessen Monate nach den Mondphasen abgemessen waren
und das durch die periodische Einschiebung eines Schaltmonats
reguliert wurde, zugunsten des ägyptischen bürgerlichen Jahres
von zwölf SOtägigen Monaten und 5 Epagomenen auf und ersetzte
die bisherigen Monatsnamen durch rein religiöse. Dieser Kalender
muss durch einen gesetzgeberischen Akt der Staatsgewalt in ganz
Iran sowie in den mit nicht unbedeutenden iranischen Kolonien
besetzten Provinzen Kappadokien und Armenien eingeführt worden
sein. Das Epochejahr lässt sich daraus gewinnen, dass der 1. Da-
■fruSö dem 1. Thoth entspricht. Setzte man bei der Einführung
den 1. Prawardin auf den 27. März julianisch, so fiel der 1. Da#usö
und 1. Thoth auf den 22. Dezember. Dieses war der Fall in
den Jahren 489 — 486 v. Chr. Darnach wäre der jungawestische
Kalender in den letzten Jahren des Dareios l) in Kraft getreten 4).
Jeder Geschichtskundige sieht, wie gut dies zu den damaligen religiös-
politischen Verhältnissen stimmt Dareios, der als praktischer Staats-
mann die hervorragende Wichtigkeit des Nillandes mit seiner Jahr-
tausende alten Kultur für den Staatshaushalt sehr wohl zu würdigen
verstand, nahm von Anfang an den Ägyptern gegenüber eine ganz
andere Haltung an als sein Vorgänger Kambyses und war mit
Erfolg bemüht, deren Dankbarkeit und Anhänglichkeit zu erwerben,
so dass er als sechster Gesetzgeber des Landes galt8). Bei dieser
Auffassung von der Entstehung des iranischen Wandeljahres bleibt
es freilich sonderbar, dass man nicht sofort bei seiner Einführung
Bedacht nahm, den alljährlich ausfallenden Viertelstag auf bequeme
Weise, am einfachsten durch vierjährige Einschaltung eines sechsten
Epagomenen wieder einzubringen. Denn es konnte den Magiern
nicht schwer fallen, bei den ägyptischen Priestern über das Sothis-
jahr und sein Verhältnis zum bürgerlichen Jahre Auskunft zu er-
halten. Hier liegt also unzweifelhaft eine schwer begreifliche Un-
selbständigkeit der Iranier gegenüber ihren ägyptischen Vorbildern
*) Eventuell 498- 490, falls man als Epochetag den Tag nach dem
Äquinoktium (28. Mär«) wählte; s. oben S. 204 A. 4.
2) Sein letztes erstreckte sich bis in den Herbst 485, da die letzte
Urkunde aus der Regierung des Dareios vom 22. /VI. des 36. Jahres,
die erste des Xerzes vom 7./X. seines Antrittsjahres ist. Vgl. Weiss -
bach, ZDM6. 55, 206 f.
») Diod. 1, 95, 4. Vgl. Wiedemann,Äg. Gesch. S. 678 ff.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 211
vor. Vielleicht ißt jedoch gerade die allgemeine Geltung des jung-
awestischen Jahres geeignet, jenes Rätsel verständlicher zu machen:
man wollte die soeben hergestellte Harmonie mit dem ägyptischen
Kalender, auf die man offenbar Wert legte, nicht alsbald wieder
zerstören. Auf alle Fälle ist aber die Schöpfung und Einführung
des jungawestischen Wandeljahres ein redender Beweis dafür, dass
der Einfluss der Magier nach dem Falle des Gaumäta keineswegs
beseitigt, sondern höchstens zeitweilig zurückgedrängt, in der
spätem Regierungszeit des Dareios aber mächtiger geworden war
denn je. Unter diesem Gesichtspunkt verliert auch die Nachricht
des Hermodoros über die Magierschulen des Ostanes, Astrampsychos,
Gobryas und Pazates, die von Zoroaster bis auf Alexander d. Gr.
einander abgelöst haben sollen viel von inrer Albernheit, wofern
man in denselben in rohen Umrissen die Hauptetappen der äusseren
Geschichte der Zarathustrareligion im Perserreiche erblickt. Frei-
lich hat Laertios Diogenes die Reihenfolge verwirrt und auf den
Kopf gestellt und auch sonst die Angaben des Hermodoros ver-
dorben. Astrampsychos gehört an die Spitze. Unter diesem Namen,
der eine Umschreibung von ap. *wästrija-fäu-ka = aw. wästrjö-
ftujas, der altiranischen Bezeichnung des dritten Standes der
Viehzüchter und Ackerbauer ist a), verbirgt sich nämlich kein Ge-
ringerer als ZarathuStra selbst, der im Frawardln jt. 89 aus-
drücklich der erste wäatrjöfMijas genannt wird8). Dazu stimmt
vollkommen, dass Astrampsychos bei den Späteren als ein grosser
Zauberer und Wahrsager gilt und eine Reihe von Schriften astro-
logischen und magischen Inhalts (Orakel- , Traum- und Zauber*
bücher) unter seinem Namen verfertigt wurden. Es ist auch nicht
besonders wunderbar, dass man ihn in Ägypten, dem klassischen
Lande alles Zauberwesens, geradezu zu einem Ägypter und zum
Zeitgenossen eines Ptolemaios machte 4). An Astrampsychos schliesst
sich ganz unvermittelt JTa^orijc an d. i. Ucmfeßhfc-Gaumäta6).
') Laert. Diog. prooem. 2: dnb dh r&v Maycor &v &q£cci Zcoqo-
Üoxq7]v xbv MqOtiv, 'EQfi^dojQog fihv 6 IHaxtovtxbg Iv xS> ixsqI iia&rtiutxcov
?t]clv klg *i]v Tqoiag ukonoiv txr\ ysyovivcci nevxaxiöyiXicc (Sdv&og dh
Avöbg elg tr\v jkiQ&ov didßaaiv dnb xoü ZcaQodßxQov t^axiertlni (f vkcn,
xai oft' aircbv ysyovtvai nollovg xivag Mdyovg xaxä diado%i;> . 'Oaxdvag
xal AaxQa\i^>vxovg xai Tufavag xal Ila$dxag, Ti)g JTcptfe&v W
'Altidvdqov xaxaXvOtmg.
*) So schon Windischmann, Zoroastrische Studien 286.
*) Weniger wahrscheinlich ist an Zarathustra's Sohn Urwatat-nara
zu denken, der als weltlicher Herr (aku) im War des Jima und Haupt
der Ackerbauer bezeichnet wird (Wend. 2, 43. Bundah. XXIX 5.
XXXII 5. 6). Man wttrde vielmehr Isat-wastra erwarten, den Sohn
Zarathuätra's von seiner Hauptfrau, der Ober-Monat wurde und im
hundertsten Jahre der Religion starb Bundah. XXXII, 5. Fraward.
jt. 98. js. 23, 3. 26, 5. 67, 2.
*) S. Pauly-Wissowa, RE.« 1796. Unrichtig Assyriaka 530.
») Vgl. oben S. 145 und A. 4. 158 A. 3.
14*
212
J. Marquart,
In 'Otfrovqg sind dem Laertios Diogenes wohl Ostanes L, welcher
den Xerxes auf dem Zuge gegen Hellas begleitet haben soll (Plin.
h. n. 30, 8) , und Ostanes II. , ein Zeitgenosse Alexanders d. Gr.
(Plin. h. n. 80, 11) zusammengefallen, wie in rtoßQvag die beiden
gleichnamigen Personen des Dialoges Axiochos c. 12 p. 371 A.
Dem zweiten Gobryas, einem Magier, verdankte Sokrates Ent-
hüllungen über die Unterwelt und die Belohnung und Bestrafung
nach dem Tode, welche sein Grossvater auf Delos, wohin er beim
Xerxeszuge gesandt worden war, um das heilige Eiland zu schützen,
entdeckt haben sollte1).
Das jungawestische Jahr ist hiernach eine Erfindung der
Magier aus der älteren Achaimenidenzeii Hierin liegt ein-
geschlossen, dass diese sich der Awestäsprache bedienten, und zwar
ergibt sich aus dem kappadokischen Namen 4advvGa = jaw.
Da&uäöy in ap. Lautform Da&u6ahy nicht gaw. Dadiu^ö *) , dass
der altehrwürdige Gäthädialekt spätestens um 400 v. Chr.*),
wahrscheinlich aber schon weit früher verklungen war und die
Magier nur mehr das Jungawestische zu handhaben verstanden. Ich
bemerke aber, dass nur derjenige ein Recht hätte, die Awestä-
sprache altmedisch zu nennen, dem es gelange in Medien einen
Dialekt aufzufinden, der die Wörter Tütrja und ckuxxrnawh
für gemeiniranisch Thri und famah- im gewöhnlichen Gebrauche
zeigte und mit der Awestäsprache den Lautwandel von rt zu £ und
von h zu 19h teilte, von sachlichen Schwierigkeiten ganz abgesehen.
Die weiteren Schicksale und verschiedenen Formen des jung-
a westischen Jahres behandle ich hier nicht ; dagegen wird es nicht
überflüssig sein, die Entwicklung der altiranischen Kalender bis
zur Einführung des Wandeljahres in einer Tabelle zu veranschau-
lichen. Ich setze die armenischen Monatsnamen zur Vergleichung
bei, wobei ich die noch nicht erklärten mit einem Sternchen ver-
sehe; dagegen habe ich die sogdischen und Sagzlnamen weg-
gelassen, weil sie grösstenteils noch unerklärt und ihre wahre
Aussprache unbekannt ist, da die vokallose arabische Schrift an
sich die verschiedensten Lesungen erlaubt. Den erschlossenen
jungawestischen Namen habe ich die entsprechenden altpersischen,
kappadokischen, mittelpersischen und chwärizmischen gegenüber-
gestellt. Bei der Ansetzung der kappadokischen Formen ist das
Hemerologium in Theons Kommentar zu den Handtafeln des
Ptolemaios nach der Leidener Hs. (cod. ms. Graec. bibl. publ.
Leid. Nr. 78 fol. 145*— 150\ 152'.), die ich selbst verglichen
habe, zu Grunde gelegt.
») S. A. v. Gutschmid, Kl. Sehr, m 8—4.
«) Vgl. Bartholomae, Grdr. f. iran. Phil. 1 163 S. 274 Antn. 2.
*) S. diese Unter». I 67.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
213
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214
J. Marquart,
Koptisch
Anfang
Jungawestisch
AltpersiBch
IV. Choiak
22. März
I. FrawaSinäm
Wartinäm
V. Tybi
21. April
-
IL A&ahe wahis-
tahe
Artahjä wahi&tahjä
VL Mechir
21. Mai
JJL Haarwatätö
Haruwatäh , gen.
Haruwatätah
VII. Phamenoth
20. Juni
IV. TiStrjehe
TiriS, gen. Tlrais
VIII. Pharmuthi
20. Juli
V. Amor»tätö
Amrt(at)ah , gen.
Amrtätah
IX. Pachon
X. Payni
19. Aug.
18. Sept.
VI. Chsatfrane
wa'rjehe
VILMidrahe
Ch§a#rahjä wari-
jahjä
Mifrrahjä
XI. Epiphi
18. Okt
VIII. Apäm (napätö)
Apäm (napätah)
XII. Mesore
5 Ergänzungstage 17.
I. Thoth
17. Nov.
—21. Dez.
22. Dez.
IX. Ätaro , gen.
AOrÖ
X. Dadwa, gen.
Datfusö
Ätr, gen. Ädrah
Dadwäh, gen. Da-
ahi&ah
TT Pftnnhi
21 Jan
XI Wohtimanö o*en
Wanhöni mananhö
Wahu man ab tfen
WahauS manahab
III. Athyr
20. Febr.
XII. Spanta ärma'tiS,
gen. Spentaja ar-
matöiS
Santa SramatiS
Fünf Erganzungs
l) Nach Benfey-Stcrns Liste II, wo Sai'tfp^ij steht In den beiden
Um. des Hemerologiums ist dieser and der folgende Name verdorben;
in der Leidener Ha. stehen beide anf einem kursiv geschriebenen er-
günzten Blatt.
*) In den Monologien Mi&gl.
*) So P. de Lagarde; die Menologien haben yAitQy*vu\ui etc., der
cod. Lugd. abgekürzt AÜOMOIN8, woraus im Laurentianos AHO-
MYAH geworden ist.
*) Die kappadokische und chwarismische Form gehen auf den
Gen. ( Wah)öi manaha(h) surttck.
Ä) Nach dem Pazand-Pahlawi-Glossar Kap. 28 bei Salemann, Über
eine Parsenhandschrift der ks. öffentl. Bibliothek ra St. Petersburg 8. 84.
•) Geschrieben Hartoit, AmyrU, was fälschlich Ckyrdat, Amyrdat
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 215
Kanpadokisch
* *
Mittelpere.5)
Anfaoer
Chwarizmisch
APTANA
FrawartTn |
27. Marz
^Ju^L Nausörge oder
APTPIY€<Orl[H)
Artwahiüst |
26. April
v^wÄjO^I Ardwüt oder
A PO AT ATA
Haröt R)
26. Mai
ob3j5> Harwadaö oder
T6IP6I
Tlr
25. Juni
&re oder »^M
Räzäk
AM AP T ATA
Amurt6)
25. Juli
itJwP Hamdtid
2ABP10PH*)
§a(h<9)6war
24. Aug.
iC^J+^A Ich&areware
\fJCi T>JJ 2\
Ml rJ-Lil *)
ÄllvTO
&o. öept.
C5j^3' Umir®
A II OME NA IIA9)
Äpän 1
23. Okt.
,.*j>liL Jäpä-chan oder
AB PA
Ätur I
22. Nov.
» t| Arö od. ,.%a9äL)C^:^s
JA0OYCA
Dadw 7) |
22. Dez.
Kemaid oder
f)P\f AK j4*\
Wjihfi tn rti
s ^ Ton
CONJAPA
Spandarmat |
20. Febr.
l^aj\JJ^.\ Ispandärmace
oder {j&=> ChSöm
tage 22.-26. Marz
gelesen wird. Allein die Ligatur et steht unrichtig für t. Beide Formen
gehen ebenso wie Ätyr, Dadw und Spandarmat auf den ap. Nominativ
zurück. Die Formen Haröt und Amurt liegen auch den arabischen
Engeln Oj.lP und Oj.L* zu Grunde, nur dass letzteres in bekannter
Weise an Härüt angeglichen ist. Haröt: haruwatäh — mp. dröt, np.
duröd: ap. *durutoatak Vgl. Hübschmann, Pers. Stud. S. 61.
*) Bisher fälschlich Din gelesen , es entspricht aber np. Daj
aus Dadw.
«) S. fv, 11 OSman, S. fv, 16 ^^^1 d. i. Q+^jt, aber
S. v., paen. und tT*v, 13 q4-c*I d. i. (W)achman im Nona. Der Monats-
tag heisst ^jl.
216
J. Marquart,
Zusätze und Berichtigungen.
Zu S. 5 Z. 17 — 32 und A. 3: Das nur im syrischen (und
äthiopischen) Text erhaltene Stück ist an dieser Stelle eingeschoben,
weil man das Land der Partstqisjl (äth. Sapln = ^jL* statt
ja**s), zu dem Alexander S. 189, 14 ff. kommt, mit n^aGutnj]
zusammenwarf. Allein die ParisTqäje, die als Ichthyophagen ge-
schildert werden, sind vielmehr die IlaaiQieg in Gadrosien, welche
Nearchos neben die Ichthyophagen setzt 1). Ptolemaios verzeichnet
in Gadrosien gegen Karmanien zu ein Volk TLuqgIqcci'*), % de
fUotj xijg x^Q^S it&<Scc xctkuxcti Ha^a6t]vr\ xui <6n ccvv^v üaQKSLvri^).
Vgl. Tomaschek, Topographische Erläuterung der Küstenfahrt
Nearchs S. 28. Der Verwechslung von Prasiake mit dem Lande
jener Ichthyophagen begegnen wir schon im Eingange des Briefes
an Aristoteles p. 120 b ed. Müller = p. 94 Syr. transl. Budge =
p. 142 Aeth. transl. Budge4). Schiffermärchen über die Barbaren
an der Küste von Gadrosien konnten immer wieder aufs neue nach
Alexandrien gelangen.
„Wir brachen auf vom Lande der ParisTqäje und wandten
uns gerade gegen Osten* (p. 190, 9 = 107 der Übs.). Nach
10 Tagen kommen sie zu einem hohen Berge. Die dortigen Ein-
wohner ermahnen Alexander, das Gebirge nicht zu überschreiten,
da dort ein grosser Gott in Gestalt eines Drachen hause, der das
Land vor Feinden schütze. Der Drache ist drei Tage von da,
„an jenem Strome' (Z. 16). Alexander kommt dann ans Ufer
jenes Flusses, und der Drache wird auf dieselbe Weise beseitigt
wie der Wurmgott im Kärnämak (c. 7, 11 ff., 8, 7—11). Sonst
wird seine Erscheinung wie die eines indischen nüga beschrieben :
er erscheint in schwarzer Wolke. Dagegen seine Tyrannei, seine
tägliche Fütterung mit zwei Ochsen und die Tötung von Menschen
ist gezeichnet nach der iranischen Vorstellung von AI i dahäk
und dem Wurmherrn. Vgl. Nöldeke, Beiträge zur Gesch. des
Alexanderromans S. 22. Nach der Tötung des Drachen (p. 193, 12
= 108) „brachen wir von da auf und gelangten zu einer Land-
schaft (oder: Ort), und innerhalb jener Landschaft war ein hoher
Berg6) und ein Fluss6), Birastös nennt man ihn, entsprang aus
l) Arrian. Ind. 26, 3. Plin. h. n. 6, 97: flumen Tonberum navi-
gabile, circa quod Parirae, dein Ichthyophagi ; 6, 95 : alii Gedrusos et
Sir es (Harduin und SUlig: Pamres) posuere per CXXXVIII p.
*) cod. A Uapffrdcu, die Übrigen Hat. Wilbergs TIccQciQM.
•) Ptol. VI 21 p. 439, 15. Wie das verdorbene fj na? dibv im
Periplus mar. Erythr. § 87 herzustellen iit, ist unsicher. Vgl. Toma-
schek a. a. O.
*) Jöm&da ist hier falsche Umschreibung von arab. für
«) Also ein sweiter Berg. •) Also ein zweiter Fluss.
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Untersuchungen sur Geschichte von Eran.
217
ihm.* In diesem Berge ist ein Gott, der ganze Berg aus Sapphir.
Alexander besteigt den Berg mit seinen Trappen nnd lässt den
Göttern Opfer bringen. Hier wird ihm durch Geisterstimmen zu-
gerufen , er solle umkehren. Darauf erhält er von den Göttern
Bescheid, wenn er allein weitergehe, so werde er durchkommen
und lebendig wieder zurückkehren. Er werde dort einen König
sehen, einen Göttersohn (d. i. den baypür — d&vaputra), aus dessen
Lande ein geehrter Priester zu einer Anzahl von Ländern gehe.
Hierauf lässt Alexander bei jenem Berge eine Stadt erbauen,
nämlich »Alexandreia die Königin der Berge*.
Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, dass mit dieser
Stadt ursprünglich 'Aki^avÖQSut $ h 'Siethens gemeint ist *) , das
alte Dorf FctfißaiUa, das Tomascheka. a. 0. S. 19 beim heutigen
Sönmiäni, dem Hafen von Beilä ansetzt. Der Sapphirberg er-
innert an Orthagoras' Notiz über reiche Erzadern im Lande der
Oreiten (s. Tomaschek S. 20). Der Fluss Blrastes kann so-
mit nur der Purall sein, der an Beilä vorbeifliesst und nördlich
von Sönmiäni ein sumpfiges Delta bildet.
In der Epistola Alexandra Macedonis ad Aristot. p. 205, 17
ed. Eübler kommen die Makedonen (aus Indien) zuerst zum Flusse
Buebar, wo Elephantenherden aus den Wäldern auf sie zukommen,
dann geht es in eine andere Gegend, wo man ganz behaarte
Männer und Frauen sieht, die Ichthyophagen, die am Flusse Ebi-
maria wohnen (p. 207, 8). Hierauf findet man Haine voll mäch-
tiger Cvnocephali und kommt schliesslich nach Pha&iace, „unde
veneram*. Der Buebar entspricht hier dem "Aqctßiq der Ale-
xanderhistoriker, dem heutigen Habb, wie Ausfeld (Zur Kritik
des griechischen Alexanderromans, Karlsruhe 1894 S. 12) richtig
gesehen hat. Der Ebimaris ist dann der Birasßs des Syrers
d. h. der Purall. Phasiace (so) ist hier noch richtig vom Lande
der Fischesser d. h. der Oreiten und Ichthyophagen des Nearchos
geschieden und westlich von diesen gedacht, entspricht somit
genau dem Gebiete der Tlac^ieg Nearchs.
Zu S. 6 Z. 11 ff. Es ist mir jetzt wahrscheinlich, dass von
Anfang an« an den S. 1 — 8 erwähnten Stellen der Schatzhöhle
verschiedene Namen beabsichtigt waren, die z. T. vielleicht ty-
pische Bedeutung hatten. Dann wäre azd-gar einfach „kund-
machend*. An sich lassen ja die syrischen Zeichen alle möglichen
Deutungen zu, zumal die Legenden ohne Zweifel schon durch
verschiedene Hände gegangen waren und die ursprünglichen
Formen nicht bekannt sind. Die Namen der zweiten Gruppe sind
augenscheinlich weit unsicherer überliefert. Doch könnte man
die von B gebotene Lesart ;ojcu9, welche auch der arabischen
l) So richtig Nöldeke, Beiträge «ur Gesch. des Alexanderromans
S. 8 A. 8. der aber gleichwohl S. 22 den Fluss Birastes für den
Borysthenes hält.
218
J. Marquart,
Übs. zu Grande liegt, ala ßfo*J - Antwort gebend" deuten, ob'
schon man dann erwarten sollte, und Jazdwar würde etwa
, fromm" bedeuten.
Diese Legenden weisen m. E. auf manichäischen Ursprang,
den christlichen Syrern aber waren die persischen Namen leerer
Schall. Dies gilt namentlich auch von der zwölfgliedrigen Liste,
und diese ist auch für uns nichts anderes, so lange die Original-
legenden, aus denen sie ohne Zweifel zusammengestoppelt ist, noch
nicht aufgefunden sind.
Zu S. 16 Z. 4. 19: Leider war mir bisher der Aufsatz von
U. Boissevain, Ein verschobenes Fragment des Cassius Dio
(Hermes Bd. 25, 1890, S. 329—339) entgangen, in welchem der
Nachweis geführt wird, dass das aus den urämischen Exzerpten
ntql itQioßeoav stammende, von Ursinus als Nr. 77 bezeichnete
Fragment des Kassios Dion, welches man seit Ursinus und Leun-
clavius allgemein auf den Partherkrieg des Septimius Severus be-
zog und demgemäss im 75. Buche (75,9,6) unterbrachte, nach
der Reihenfolge der ursinischen Exzerpte vielmehr in den Parther-
krieg des Traianus und zwar wahrscheinlich ins Jahr 116 n. Chr.
gehört. Das sehr abgerissene Fragment lautet: (ki tö OvoioyaCom
x& Eccvccxqovxov naidi avxi7tccfi<xxal-a(iivm xotg iztQt Ziqvtiqov^ xal
Sioxanx^jv nqiv avfipu-al aq>i6iv amjtfavrt xal Aa/3övrt, nntoßzig xe
7tQbg avxbv iatiaxedt1) xal fiigog xi xqg 'AQ^tviag liti rrj rfpijvy
iyjDtqlcaxo.
Severus war einer der Generäle, welchen die Aufgabe zufiel,
den im Rücken Trajans in den drei neu eingerichteten Provinzen
Mesopotamia, Assyria und Armenia ausgebrochenen Aufstand nieder-
zuwerfen. Trajan muss die Lage für bedrohlich genug gehalten
haben, so dass er es für geraten fand einzulenken. Unter dem
Teil von Armenien, welchen er dem Yolagoses beim Friedens-
schlüsse als lehnspflichtiges Fürstentum abtrat, also von der neu-
errichteten Provinz abtrennte, sind wohl die ehemaligen Königreiche
Sophene und Gordyene zu verstehen, welche nach Appians Zeugnis
zu seiner Zeit, d. h. unter Antoninus Pius, als Strategie von
Kappadokien unter dem Namen Armenia minor verwaltet wurden,
während das alte Kleinarmenien westlich vom Euphrat schon länger
in den Provinzial verband von Kappadokien aufgegangen war5).
») Subjekt ist Trajan.
*) Appian Mithr. 105: xal 6 JIo/Mojtos a{jx& (TiyQdvyj) ovveyiyvcooxe
x&v ytyovoxmv xai GWTjiXaoce xä itai&i xai diflrtjffe xbv \lIv vVov &q%hv
t»}s £<oq>rivfi$ xal -TocxJvrjvfiff, at vQv &qcc slölv 'Anutiiu ßpajrvWpa, zöv
dh Ttaxiqa xfjs £Ui)ff ÄQ^tviaq ini x&ds x& naidl xXwovöiup. . . . 6 H
IIop,nr\io<s ixxsxelfo&ai ol xbv nävxa noUpov /(-/onu vog , a>xt£f 7t6Xiv
iv&cc ttjv pagf]v ivlxa Mi&QidätT\v, J) anb xov fpyov Nix&xoiig xXfäextu,
xai ittxiv 'AQiuviag xfjg ßQa%vxiqag Xtyoii4vr\g. 'AQioßaQ^a i ?, d' a-xtdidov
ßaaiUvtiv Kaitita&oxiag , xai TtQOOtTtttcoxs Za>(privr)v xai roQ6vr\vi)v^ &
xä> xaidl iiu^Qiaro xm Tiyqävovg xai OTQcexriyetxai. vvv &pa x$ Kaitna-
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 219
Der offizielle Name Armenia minor muss fBr jenes Gebiet auch
noch 100 Jahre später im Friedensvertrage des Kaisers Philippus
mit §äpür I (244 n. Chr.), sowie im Frieden des Galerius (297)
doxia xal xddt. I&coxs de xal x1\g KiXtxiag n6Xiv KaoxaßaXa xal &XXag.
Aotoßag^ovrig fthv ovv xi\v ßaaikslav ZXr\v x& itaiäl iteoubv ivk-%sLoiot-
xal itoXlal ftftaßoXal pi%Qt Kaicaoog iy tvovto xov Zeßactov, i<p o£,
xa&chtiQ xct XoitmL, xal ijoe ff ßaoiXtia ntQtfjX&ev ig oxQaxr\ylav.
Diese Stelle enthält verschiedene Schwierigkeiten.
Die Behauptung, Ariobarzanes habe ausser Sophene auch Gordyene
erhalten , widerspricht der ausdrücklichen Angabe Strabons t£ 1 , 24
p. 747, Pompeius habe den grössten Teil von Mesopotamien dem Tigranes
zugeteilt. Auch Tigranes dem Jüngeren war nach den anderen Quellen
nur Sophene zugedacht worden (Kass. Dion 36, 53, 2. Plut. Pomp. 33).
Die Hinzurugung von Gordvene ist daher mit Th. Reinach (Mithridate
Eupator p. 393 n. 1) in beiden Fällen zu verwerfen. Die unvermittelte
una unmotivierte Verwendung des Ausdrucks ij ßoarvxioa 'Aq\uvIcc in
zwei ganz verschiedenen Bedeutungen ist auf alle Fälle höchst befremd-
lich, allein die Deutung: .Sophene und Gordyene, welche jetzt zu Klein-
armenien gehören" wird durch den Text ausgeschlossen. Da nun
die Stelle auch noch einen andern nachweisbaren Irrtum enthält —
Kappadokien ist nicht unter Augustus, sondern erst unter Tiberius im
J. 17. n. Chr. zur Provinz gemacht worden — und Appian den Aus-
druck ßQajyeiqa 'AqimvUc sonst immer im gewöhnlichen Sinne fUr
Kleinarmenien westlich vom Euphrat verwendet (Mitbr. 17. 90. 115),
so ist man versucht an eine grobe Flüchtigkeit seinerseits zu denken
und zu vermuten, dass in seiner Quelle noch etwas über da« wirkliche
Kleinarmenien berichtet war und sich auf dieses die Bemerkung be-
ziehen sollte: xal oxoaxriystxat. vüv &ua xy Kaitita&oxia xal rüde. Ein
Teil von Kleinarmenien wurde im Jahre 48 v. Chr. von Caesar dem
Ariobarzanes III., dem Sohne Ariobarzanes' II. von Kappadokien ver-
liehen (Kass. Dion 41,63. 42,48,4); im Jahre 20 v. Chr. erhielt es
Archelaos von Kappadokien (Kass. Dion 54, 9, 2. Strab. iß 3, 29 p. 555).
Eine solche Erklärung wäre indessen sehr gezwungen , da Klein-
armenien wahrscheinlich schon von Yespasian der Provinz Kappadokien
einverleibt worden war (Joach. Marquardt, Römische Staatsver-
waltung I2 369). Sophene und Gordyene müssen vielmehr im offiziellen
Sprachgebrauch wirklich die Bezeichnung Armenia minor geführt haben.
Der siegreiche Feldzug des Gordianus gegen die Perser war durch den
schmachvollen Frieden des Arabers Philippus abgeschlossen worden,
den letzten formellen Friedensvertrag zwischen Kom und Persien bis
auf Galerjus. Dexippos muss Uber denselben berichtet haben, wie sich
aus der Übereinstimmung des Zosimos (I 19, 1. III 32, 4), Synkellos
(p. 688, 1—2), Zonaras (XII 19 vol. II p. 588 , 3—7 ed. Bonn.) und
Luagrios (h. e. V 7 p. 426 ed. Vales.) mit Sicherheit ergibt, aber nur
bei den beiden letztern finden sich Andeutungen Uber die Friedens-
bedingungen. Zonaras sagt : aitovdccq dk itobg 2kcitcoQt\v friyLtvog xbv
x&v TlfQßtbv ßaoiXivovxa . xbv itobg ffioaag xaxiXvae itoXspov, naoa%ca-
ojaccg a-bxolg Me<foitoxa(ilag xal Agiuviag- yvovg dk 'Ptofiaiovg axfropd-
vovg 9ia xijv x&v %foo&v xovxtov itaQa^&oriOiv , fux* ÖXiyov "Mr&xxios tag
ow&ijxag xal x&v %atQ&v iittXdßexo. Erst unter Gallus begann die
Reaktion der Perser gegen den Vertragsbruch eb. p. 589, 24-— 590, 8.
Damit stimmen die Worte des Zosimos 3. 82, 4: fo6votg dl itoXXolg
voxeoov rooäucvoü roß ßaotlimg Iligaatg htiaxoaxBvaavxog xal iv ptai]
xfi itoXtfila itse6vxog, ovdk pexct xavxr\v xx\v vlxrpr ol Iligoai itaoeoita-
cavr6 xi x&v tfd*T\ 'Pmputioig 4mrix6a>v yeysvvfi4vmvy xal xavxa QiX'utnov
diad^afUvov xi\v aofftv xal dirfv7)v alo%iwi\v ngbg Mocag fcpivw.
220
J. Marquart,
gebraucht worden sein. Nur so wird es begreiflich, wie Malalas
zu der Behauptung kommen konnte, Maxentios, d. i. Galerius
Maximianus, habe gewisse Landschaften von Persarmenien losgerissen
und den Römern unterworfen, die er erstes und zweites Armenien
der Römer genannt habe1): er verwechselte das östlich vom Euphrat
gelegene, von Galerius zurückgewonnene Armenia minor d. i. die
später sogenannten gentes Transtigritanae mit dem alten Klein -
armenien westlich vom Euphrat, das erst von Diokletian von
Euagrios dagegen, der die Veranlassung des armenischen Aufstandes
und des römisch-persischen Krieges unter Justin IL erzählt, beginnt
mit den Worten: Tovxov (Gregorioe, der Patriarch von Antiochien) xj)v
iiuoxoni)v hq&xov ixog dibtovxog ol rfjg näXtu akv p,tyaXr\g 'AqiuvUcs,
Zoxsqov dk TlkQaaQ^kvLag ixovouaö&siorig — f) w^ronv 'Pca^ucLotg xaxrjxoog
Ttvy QiXlmtov Sh xov u-era roQOtavbv xaxanQodovxog airtr}v xä JZaitwpt]
7) fikv xXri&sloct fuxqä 'AqiisvUx itQbg * Fa>iutuov ixqccxrför\, r\ di yt Xoixi,
it&aa icQÖg He^cmv — xit Xqioxucv&v itQtoßevomeg . . . . iv itccQccfivoxip
iitQEcßsiovxo nobg 'Iovoxtvov xxX. Dem Euagrios dient diese historische
Notiz nur als Einleitung zu seiner Erzählung; er hat sie ohne Zweifel
nicht direkt aus Dezippos, sondern aus der Chronik des Eustathios
von Epiphaneia bezogen, der den Dezippos ausgezogen hatte (vgl.
Euagr. V 24). Daraus erklärt sich zum Teil die nachlässige Fassung
des Satzes. Da Euagrios aber von den Verhältnissen seiner Zeit
ausgeht und kein Dummkopf war wie Malalas, kann er nicht haben
sagen wollen, infolge des Friedens des Philippus sei das schon seit
Vespasian mit der Provinz Kappadokien vereinigte und seitdem un-
unterbrochen in römischem Besitz gebliebene Kleinannen ien westlich
vom Euphrat von den Römern besetzt worden. Er spricht vielmehr
nur von Grossarmenien, das bis auf Philippus ein Ganzes unter römischer
Lehnshoheit, durch den schmählichen Frieden desselben geteilt worden
sei, indem ein Teil, das sogenannte Kleinarmenien, von den Römern
besetzt wurde, während die ganze übrige Hälfte den Persern anheim-
fiel. Jenes Kleinarmenien muss also einem Teile des späteren römischen
Grossarmenien entsprechen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach
den beiden ehemaligen Königreichen Sophene und Gordyene. Wenn
Euagrios diese Teilung als eine vollendete Thatsache meldet, so ist dies
ohne Zweifel ein schwerer Irrtum. Dass in den Friedensbedin-
gungen eine solche ausgesprochen war, braucht nicht bezweifelt zu
werden, allein sie blieb aut dem Papier. Denn da der Friede nach
Zonaras und Zosimos von Philippus in echtrömischer Weise nicht ge-
halten wurde, so ist es selbstverständlich, dass sich auch SäpOr, sobald
er die Macht hatte, nicht mehr an etwaige einschränkende Bedingungen
desselben gebunden erachtete. Wir finden daher keinen bestimmten
Anhaltspunkt für die Annahme, dass das fragliche Kleinarmenien von
Gallus ois auf Galerius je im unbestrittenen Besitze der Römer ge-
wesen wäre. Später griff man indessen wieder auf den Vertrag des
Philippus zurück: Galerius sanktionierte das römische Kleinarmenien,
hielt aber an der romischen Lehnshoheit Uber das wiederhergestellte
Königreich Armenien fest. Umgekehrt wird sich Sapür II. den Römern
gegenüber auf den alten unausgeführten Vertrag berufen haben, aber
erst unter dem frommen Theodosius wurde die Teilung wirklich durch-
geführt.
l) Malal. XII p. 812{ 17—19: xal iatinnao* ibqag ix x&v n^eaQ-
fitvUnv xal inoir\6tv &rö Fm\iaiovg. $v xiva ixdXtet 7tQ&xi)v xal *
qccv 'Afiuiriav 'PtoftaUtv (Mazentios d. i. Galerius Maximianus).
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
221
Kappadokien abgetrennt und zu einer eigenen Provinz erhoben
worden war, die unter Theodosius I. (zwischen 878 und 886) in
zwei Provinzen Armenia I und Armenia II zerlegt wurde1). Der
Prätendent Volagases aber, der sich an die Spitze des Aufstandes
der Armenier gestellt hatte, ist gewiss kein anderer als der im
nächsten ursinischen Exzerpt genannte Volagases, welcher die Alanen,
die nach der Verwüstung von Albanien und Medien (Atropatene)
in Armenien eingefallen waren (184 oder 185 n. Chr.), durch
Geschenke zur Umkehr bewog*) und in welchem schon Gutschmid
(Gesch. Irans S. 147) einen König von Armenien erkannte. Er
wird von Hadrian bei der Räumung der drei Provinzen als König
von Armenien anerkannt worden sein, worauf auch die Notiz des
Biographen (c. 21) hinweist: Armeniis regem habere permisit, cum
sub Traiano legatum habuissent, während sein bisheriges Fürstentum
von Grossarmenien getrennt blieb. Vielleicht ward es zunächst
wie im Jahre 54 als eigenes Lehnsfurstentum einem ergebenen
Dynasten übertragen und erst bei der Erhebung des Sohaimos
auf den Thron von Grossarmenien unter Pius zu Kappadokien
geschlagen.
Daraus ergibt sich ohne weiteres, dass der in Urs. 77 er*
wähnte Vater des Volagases, Ärvaroo-uxifc, identisch ist mit dem
von Suidas genannten König £avcczQOv*rig von Armenien, woraus
von selbst folgt, dass der Artikel des Suidas aus Arrians Üapthxa
stammt So jetzt auch Boissevain in seiner Ausgabe des Kassios
Dion voL HI, p. 218/19 ann. Hätte man nicht das ursinische
Exzerpt 77 falschlich in die Zeit des Septimius Severus hinab-
gerückt, das dann den König HctvatQovxrig nach sich zog, so hätte
man jenen Schluss ohne Zweifel schon wegen des i-vfifWToov bei
Suidas längst gezogen. Aman hatte den König Sanatruk von
Armenien also in der Vorgeschichte des Partherkrieges Trajans
erwähnt, in welcher er die Geschichte Armeniens seit der Krönung
des Tiridates und der endgiltigen Regelung des staatsrechtlichen
Verhältnisses des Königreichs Armenien durch Nero (66 n. Chr.)
bis zum Ausbruche des Konflikts unter Trajan dargestellt haben
muss8). Ob Sanatruk als unmittelbarer Vorgänger des Axidares,
*) Vgl. Kuhn, Die städtische und bürgerliche Verfassung des.
rom. Reiches H 211.248, zitiert von Güterbock, Römisch- Armenien
und die römischen Satrapien im IV. bis VI. Jahrh. S. 23.
*) Kass. Dion 69, 15, 1 vol. III 285 Boissevain.
*) Die HaQ&ixd Arrian's waren keine Geschichte der Parther,
sondern der Kriege der Römer gegen die Parther (vgl. IIsQaixd —
Pereerkriege), und zwar können auch die früheren Partherkriege nicht
sehr eingehend behandelt gewesen sein, da jedenfalls im achten Buche
bereits vom Feldzuge Trajan's die Rede war (fr. 5), also der Erzählung
desselben mindestens 10 von den 17 Büchern des Werkes gewidmet
waren. Im zweiten Buche begann die Geschichte des Feldzuges des
Craasus (fr. 2), im vierten stand der Erzähler noch bei der Belagerung
von Gazaka durch Antonius (fr. 3).
222
J. Marquart,
eines Sohnes des Partherkönigs Pakoros IL (112 n. Chr.)1) zu be-
trachten ist, lässt sich nicht ausmachen, ist aber wahrscheinlich.
Auf alle Fälle wird jetzt klar, dass das Königreich Armenien seit
Nero keineswegs eine eigentliche Sekundogenitur einer arsakidischen
Nebenlinie in dem Sinne bildete, dass sich dasselbe einfach in
der Linie des Tiridates vererbte — denn sonst hatte auf Sanatrukes
unmittelbar sein Sohn Volagases und nicht ein Sohn des Parther-
königs Pakoros folgen müssen — , sondern dass der römischen
Regierung bei jedem Thronwechsel in Armenien vom König der
Könige ein oder mehrere geeignete Kandidaten aus dem Arsakiden-
hause präsentiert werden mussten.
Dasselbe war auch schon aus einer Bemerkung Pronto's über
die ähnliche Lage unter L. Veras zu entnehmen. In einem Schreiben
an den Kaiser, in welchem Fronto dessen Briefe kritisiert, wo aber
infolge zahlreicher unlesbarer Stellen der Zusammenbang unklar
ist, scheint er davon gesprochen zu haben, dass man gegen die
Regierung der beiden Kaiser verschiedene Vorwürfe erhob. Darauf
fährt er nach einer Lücke fort: Vel quod Sohaemo potius quam
Vologaeso regnum Armeniae dedisset; aut quod Pacorum regno
privasset: nonne oratione huius modi explicarent ? *) Zwischen
140 und 144 hatte Antoninus Pins den Armeniern einen König
gegeben8). Dies ist wahrscheinlich der Sohaimos, der im Jahre
164 von einem gewissen Thukydides nach Armenien zurückgeführt
wurde, also schon vor dem Kriege einmal König von Grossarmenien
gewesen war4). Derselbe war jedenfalls nur von mütterlicher
Seite arsakidischer Abkunft» während er väterlicherseits wahr-
scheinlich der Familie der ehemaligen Dynasten von Hemesa
angehörte5). Wodurch er sich bei Antoninus in so hohe Gunst
') Arrian Parth. fr. 16. Kass. Dion 68, 17, 8 (Exe. Ursin. 51).
*) Fronto, Ad Verum imperatorem p. 179 ed. A. Mai.
*) £ c k h e 1 , Doctr. numm. VII 15 = Cohen II nr. 758 : rex. Armen,
datua. Vgl. Napp, De rebus imp. M. Aurelio Antonino in Oriente
gentia. Du». Bonn 1879 p. 10 n. 1. Gutschmid, Gesch. Irans S. 147.
Mommsen, R. G. V 403/4 A. 1.
*) Suid. s. v. Mccqtios (unten S. 225 Anm. 1) : "Ott MdQTiog BfjQOg
xbv Govxvdidriv ixitifiitei % a rayayBlv 2^6ai(iov eis *ÄQ^eviav. Iamblichos
,bei Phot. bibl. cod. 94 (unten S. 22b A. 4): elxa xal ßaaiXshg aalt* rt}?
luydlrig 'AQiuvlag. Vgl. Napp 1. 1. 24. Eckhel 1. 1.
*) Iamblichos nennt ihn 6 'Axcufievi&ris 6 'AQGaxLdr\t ■, &S ßaalevs
ix -naxiq<av ßaaiXitov. Achaimenidische Abkunft in direkter Linie
konnte er selbstverständlich nicht für sich in Anspruch nehmen, der
Name wird nichts weiter besagen, als dass seine Vorfahren mit den
Königen von Kommagene, in deren Adern ja achaimenidisches Blut
rollte, verschwägert gewesen waren. Er kann aber auch kein echter
Arsakide gewesen sein, wie sein nabatäisch-arabischer Name zeigt.
Dieser weist vielmehr auf das ehemalige Fürstenhaus von Hemesa, das
bald nach 72 n. Chr. entthront worden ist und in welchem die Namen
ZaptyiyiQapns ißvmeigwram), Iamblichos (Jamlüeu) und Sohaimos (arab.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 223
zu setzen Yerstanden hatte, wissen wir nicht; vielleicht geht aber
seine Einsetzung auf Anordnungen Hadrians zurück. Man kann
vermuten, dass dieser, eine Massregel Nero's wieder aufnehmend1),
bei der Wiederherstellung des arsakidischen Königreichs Gross-
armenien Sophene und Gordyene bleibend von demselben losriss
und einem Nachkommen des Königs Sohaimos von Hemesa, der
eine Zeit lang (54 bis spätestens 66) König von Sophene gewesen
war, als lehnspflichtiges Fürstentum übertrug. So würde sich am
einfachsten erklaren, dass jene Landschaften unter Pius dem Statt-
halter von Kappadokien unterstanden : sie wären bei der Erhebung
des bisherigen Dynasten Sohaimos auf den Thron von Grossarmenien
in unmittelbare römische Verwaltung genommen worden. Wenn
das ursini8che Fragment Nr. 55 gleich dem folgenden Nr. 56 2)
unter Pius gehört8), so wird es auch etwas verständlicher, wes-
halb dieser bei der Neubesetzung des armenischen Thrones von
abwechselten (s. Joach. Marquardt, Rom. Staateverwaltung I*
403 f\ Sohaimos war im J. 54 n. Chr. seinem Bruder Azizos als Dynast
von Hemesa gefolgt und ward noch im nämlichen Jahre von Nero mit
dem wiederhergestellten Königreiche Sophene belehnt (Jos. 20, 158.
Tac. ann. 18, 7). Dies war eine gegen Parthien gerichtete Kampf -
massreget, die natürlich spätestens beim Friedensschlüsse mit Volagasesl.
und der Krönung des Tiridates (66) wieder eingezogen wurde. In der
That finden wir Sohaimos schon im jüdischeu Kriege nur noch als
König von Hemesa; vgl. Jos. b. Jud. II 481. 483. 500. Vita 52. Tac.
hist. 5, 1. Jos. b. Jud. III 68 a. 67. Tac. hist. 2, 81 a. 69. Jos. b. Jud.
VII 226 a. 72. An all diesen Stellen heisst er einfach Eöai^og oder
£6aipog 6 ßaoilevg, nur Vita 52 wird er xoü nsifl xbv Alßavov xsxqccq-
5ovvxog und b. Jud. VII 226 xfjg 'EpioT\g xaXovp{vx\g ßccodevg genannt.
Luf einer Inschrift aus Ba'albek heisst er: regi magno C. Iulio Sohaemo
regis magni Samsigerami f. (Lidzbarski, Ephem. der sem. Epigraphik
II 87). Vgl. auch Krenkel, Iosephos und Lukas S. 91 ff. In Hemesa war
der Name Sohaimos noch in weit späterer Zeit gebräuchlich, wie lulia
Soaemias (andere Formen des Namens findet man zusammengestellt bei
Boissevain zu Kass. Dion 79 (78), 30, 2 vol. III p. 437), die Tochter
der Julia Maesa beweist, deren Familie einen erblichen Anspruch auf
das Priestertum des dortigen Sonnengottes besass. Diese Würde
bekleidete auch der Sohn der SoaemiaB, Varius Avitus Bassianus.
S. Schiller, Gesch. der röm. Kaiserzeit I 760. Vielleicht stammte
auch Iamblichos, der kein Babylonier, wie Photios aus Nachlässigkeit
angibt, sondern ein Syrer war (vgl. Mommsen, R. G. V 453 A. 1),
aus Hemesa, wo der nabatäische Name Jamliku heimisch war. In
Armenien hat der Name Sohaimos nicht die geringste Spur hinterlassen.
») 8. 222 Anm. 5.
*) Kass. Dion 70, 2 (69, 15, 3) vol. III 244 ed. Boissevain = Exc.
Ursin. 56: Zxi $aQa.Gpuvrj xA "Ißi}Qi ig xi\v *P&^r\v \isxa. xiig ywaixög
ilfirbvxi xjv T£ &o%r\v iitrp)£i]Oe xal övoai iv x& KamxcoXiat i<pi)xtv, av-
dgidvxa xs inl ixitov iv xm 'Evvsltp ftjrrjfft , ' xal yvpvcoitav uixov xs
xal toü viiog x<öv xe &XXtav itQ&xcov 'IßijQüiv iv onioig tldtv. Vgl.
Capitol. v. Pii 9, 6. Mommsen, R. G. V 404 A. 4.
') Dies vermutet Boissevain in seiner Ausgabe des Kassios Dion
HI 235 ann.
224
J. Marquart,
der Familie des Sanatruk und sogar Yon der arsakidischen Dynastie
abgieng. Ein König Volagases, wahrscheinlich der von Armenien,
liess durch Gesandte in Rom verschiedene Beschwerden gegen den
Ibererkönig Pharasmanes vorbringen *) , worauf dieser wahrschein-
lich zur Verantwortung nach Rom vorgeladen wurde. Als er aber
hier eintraf, wusste er den Kaiser durch reiche Geschenke ganz
für sich einzunehmen, so dass ihn dieser auffallend auszeichnete
und sogar mit einer Gebietsvergrösserong bedachte3).
Diese auffällige Begünstigung des Iberers und Brüskierung
des Armeniers muss einen Grund gehabt haben und beweist jeden-
falls, dass dieser beim Kaiser nicht in Gunst stand. Es ist aber
begreiflich genug, dass die Verstümmelung von Grossarmenien
bei den Parthern und Armeniern schon unter Hadrian böses Blut
gemacht hatte s). Noch mehr aber musste die förmliche Einführung
der römischen Verwaltung in Südarmenien und die Beiseiteschiebung
der Arsakiden in Grossarmenien den König der Könige reizen.
Pius scheint von der Auffassung ausgegangen zu sein, dass er als
Lehnsherr bei der Besetzung des armenischen Thrones nicht einmal
an den arsakidischen Mannesstamm gebunden sei. Bereits damals
drohte wohl der Partherkönig in Armenien einzufallen und dies
Reich dem römischen Einflüsse zu entreissen , wovon ihn Pius
durch Briefe abhielt4). Spater aber kam es in der That zu Miss-
helligkeiten mit dem König Volagases III. (148 — 191), die indessen
durch eine persönliche Zusammenkunft der beiden Herrscher am
Euphrat beigelegt wurden (um 154)5). In den letzten Jahren
des Pius drohte abermals ein Krieg mit den Parthern. Damals
muss der römische Schützling Sohaimos von den Armeniern ver-
«) Kau. Dion 69, 15, 2 == Exc. Ursin. 55.
•) S. 223 Anm. 2.
*) Vita Hadr. 12, 8.
*) Capitol. v. Pii 9, 6 : Parthorum regem ab Armeniorum expug-
natione solis litteris reppulit Diese Notiz gehört wohl ebenso wie die
beiden vorangehenden (Ankunft des Pharasinane« iu Rom und Einsetzung
des Pakoroa als König der Lasen) in die ersten Regierungsjahre des
Kaisers. Die folgende: Abgarum regem ex orientis partibus sola aucto-
ritate deduxit muss irrig aus der Regierung Hadrians hierher gestellt
worden sein. Es kann nur der edessenische König Ma'nü VII bar Isaf
gemeint sein, der nach v. Gutschmid 123 — 139 regierte und dem
Partner Parnathaspat (Parthainaspates) folgte, dessen Zwischenregierung
die einheimische Dynastie unterbrochen hatte. Der Name Abgarus
war bei den Griechen und Römern gewissennassen Dyuastiename ge-
worden, wie Arsakes und später Chosroes. Vgl. A. v. Gutschmid,
Untersuchungen Uber die Geschichte des Königreichs Osroene S. 28.
Babel on, Belanges numismatiques II nr. 4.
5) Aristid. orat. sacra I p. 453. 454 ed. Dindort Vgl. Borghesi,
Oeuvres V 373is. Waddington. Memoire nur la Chronologie de la
vie du rhäteur Aelius AriBtide. Mem. de l'Acad. des Inscript. et belles-
lettres t XXVI, 1867, p. 260 ss. Napp, 1. L p. 12 ss.
Untereuchungen zur Geschichte von Eran.
225
trieben1) und der Arsakide Pakoros mit parthischer Hilfe zum
König erhoben worden sein2). Dies war allerdings eine Störung
des Friedens, doch zögerte der betagte Kaiser den Krieg zu er-
öffnen und hinterliess ihn seinen Nachfolgern. Übrigens scheint
l) Aus der Inschrift Corp. re^n. Neap. n. 4934: L. Neratio C. f.
Vol. Proculo . . . item misso ab imp. Antonino Aug. Pio ad d[e]du-
cen[d]as vex[i]llationes in Syriam ob (bleU(um) [Parjthicum geht hervor,
dass man schon mehrere Jahre vor Pius' Tode einen Krieg mit den
Parthern erwartete. Vgl. Borghesi, Oeuvres V 373. Napp, 1.1.
p. 12 s. —
Photios bibl. cod. 94 teilt aus dem Romane des Iamblichos mit:
Xiya 6h xai havxbv BccßvXmvtov t-lvcti 6 avyyQccfpsvg . . . xai axnd&iv
frr< Soatpov rot) 'A%aty^vi6ov xov 'AQGccxl6ovy og ßaoiXevg %v ix itaxi^mv
ßaoiiiav, yiyovs 6h ö[uog xai xi)g ßvyxX^xov ßovXtfg rüg iv 'Pä>fijj xai
vnaxog 64, ura xai ßaatXsvg ndXiv xi]g (uydXt^ 'AQ^vlag- inl xovxov
yoüv dxudoat tpr\a\v kavx6v 'Pmpalmv 6k 6iaXapßdvu ßaoiXsveiv 'Avxa-
vtvov xai ort 'Avtcovivog, q r.oiv, ObfiQOV xbv wbxoxQdxoQu xai &6eX<pbv
xai xr\6taxriv ktmuV BoXoyaiom reo IlaQ&vaim TCoXBfiqoovxcc , mg ccbx6g
xb Tt QOiinot xai xbv n6Xs^oVj Zxi yevtfosxai, xai 3jrot xeXevxjaor xai
Zxi Bol6yccioog \£v imhg xbv Ev<pQaxr\v xai TiyQtv icpvysv, i) 6h TIccq&v-
uUov yfi 'Ptöfua'oig wtrfxoog xaxioxrt.
Der Romanschriftsteller Iamblichos sagte also von sich selbst, dass
er blühe unter König Sohaimos, und zwar als derselbe abermals {ndXiv)
König von Grossarmenien geworden war. Gleichzeitig herrschte in
Rom der Kaiser Antoninus d. i. Marcus Aurelius. Dies kann nur be-
deuten, dass sich Iamblichos zur Zeit der Abfassung seines Romans
am Hofe des Sohaimos in Nor K'atak' befand (so Mommsen, R. G.
V 407 A. 2). Er hatte dann auch den Partherkrieg des L. Verus er-
wähnt und dabei hervorgehoben, dass er denselben sowie seinen Aus-
gang voraus gesagt habe. Diese Prophezeiung hatte aber nur einen
Sinn, wenn sie unter Pius geschah, da der Krieg ja schon im Anfang
der Regierung des Marcus ausbrach. Es ist also in dem Satze xai
ort 'Avxtovlvog xxX. für oxs zu schreiben 3t t, das von ob; wbx6g xe tiqo-
etnoi und xai oxi BoXdyaiaog . . . icpvysv aufgenommen wird. Damit
entfällt der Unsinn, den der überlieferte Text einschliesst, dass Iamblichos
den Ausbruch des Krieges (ort yevrjGsxai) vorausgesagt habe, als An-
toninus den L. Veras zum Kriege gegen Volagases entsandt habe.
Man wird sich also zu denken haben, dass sich Iamblichos zur
Zeit, als er jene Prophezeiung verkündigte, in Rom aufhielt und sich
durch dieselbe dem dorthin geflohenen Exkönig Sohaimos, dessen Lands-
mann er vielleicht war (oben S. 223 A , empfahl, da sie ihm ja seine
Wiedereinsetzung in Aussicht stellte. Diese war aber keineswegs selbst-
verständlich, da man nicht wissen konnte, ob die Nachfolger des Pius
sich mit seiner Politik identifizieren würden, zumal das Anrecht des
Sohaimos auf den armenischen Thron auf sehr schwachen Füssen stand.
Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt die Notiz des Capitolinus (vita
Pii 12, 7) erst ihre wirkliche Bedeutung: alienatus in febri nihil aliud
quam de rep. et de is regibus, quibus irascebatur, loquutus est. Als
die Dinge dann die gewünschte Wendung nahmen, wird Iamblichos
seinen Gönner nach Armenien begleitet haben.
*) Als solcher erscheint er während des Krieges bei Asinius Qua-
dratust> Parthika fr. 6 bei Steph. Byz. (aus dem dritten Buche) : 'ättjvij,
uoüju AQutviag. Kovd6Qaxog iv flccQfrtx&v xqIxco- 6 6h xfjg 'Ag^uvlag
ßccoiXitog TldxoQog iv xovxm iisqI 'Aqxü£ccxcc xai xijv 'ÄrijyTjf xf\g 'Agiuvlag
(d. h. wahrscheinlich in oer Winterresidenz Chalchal in Uti) 6idyav.
Philologu* SuppUmentband X, Ente« Heft. 15
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226
J. Marquart,
Pakoros keinen Versuch gemacht zu haben sich der römischen
Lehnshoheit zu entziehen *), und auch der Partherkönig Volagases III.
sich einstweilen der Einmischung in die inneren Verhältnisse
Armeniens enthalten zu haben. Der vertriebene König Sohaimos
wandte sich nach Rom um Klage zu führen, ward aber auf später
vertröstet und inzwischen für den Verlust seines Thrones durch
Aufnahme in den Senat und das Konsulat entschädigt,
Nach dem Tode des Pius brach der Krieg mit den Parthern
und Armeniern sofort aus. Nach der Eroberung von Armenien
und der Einnahme von Artaxata erhielt ein gewisser Thukydides
von Martins Veras den Auftrag, den Sohaimos als König nach
Armenien zurückzufuhren (164). Ein Aufstandsversuch wurde von
Martins Veras selbst durch Überredung und kräftiges Auftreten
gedämpft und an Stelle des zerstörten Artaxata der von Volagases
gegründete Flecken Watersapat, wo eine von Statins Priscus
zurückgelassene armenische Besatzung lag, unter dem Namen
Kaivv) noXig (arm. Nor ltfalak') zur neuen Hauptstadt des Landes
erklärt5). Der König Pakoros ward nebst seinem Bruder Mbqi-
{hrofg (*Mekrdaf) nach Rom gebracht, wo beide später Klienten
des Kaisers M. Aurelius wurden8). Allein ausser Sohaimos und
Pakoros war noch ein anderer Prätendent da, Vologaesus, der An-
sprüche auf die armenische Krone erhob und als Arsakide jeden-
falls nähere Anrechte auf dieselbe hatte als Sohaimos, mag er
nun der parthischen Linie angehört haben oder Nachkomme eines
*) Dies würde seine spatere milde Behandlung erklären; s. Anm. 3.
*) Suid. ». y. Mdgxiog p. 69 ed. Bekker = Kass. Dion 71, 1, 8
vol. III 247/8 Boissevain: Zxi Mdgxicg Bi)gog xbv Sovxvöidriv ix-
TCtuitti , xccxccyccyrtv 2*6cctfiov slg AQUivlccv • 3g disi xmv ZtcXatv xal xfj
olxdcc tcbqI navxa xct itgoOTtlitxovxcc sißovXUx rofl tcq6o(o efrero iggtoftivag'
fiv dl ixccvbg 6 Mdgxtog o4> (i6vov oitXoig ßiaöaod'cci tobg avxutoXtucvg . . .
äXXu xal X6ya> itiftavä xeUfcci xal dmgsalg usyaX6a>goai.v olxH&oacfrat,
xal iXnldi aya&f/ deltäoccf . . . a<pixoutpog ovv slg xi)v xaivr\v n6Xiv,
r)v tpgovgcc 'Ptouuicov x<xxtl%hv ix tiglüxov xaxaox&occ, vetoxegltHv jtm-
gat(itvovg X6ym xs xal fgytp aaxpgovlaag , &nitpr\vt itg&nriv uvai xf^g
'Aauiviag. Vgl. Napp 1. 1. p. 67. 24. Kaivi] x6Xig = Nor fcaiak1 nach
Kiepert bei Mommien, R. G. V 407 A. 1. Der ältere Name
Watariapatf älter * Walayaiäpät .Anlage des WalarS* geht auf den
*) Pakoros lies« seinem in Rom verstorbenen Bruder folgende
Grabschrift setzen (C. I. G. 6559 = Inscriptiones Graecae Siciliae et
Italiae ed. Kaibel nr. 1472):
S. K. AügtfXiog üdxogog ßaCiXevg utydXr\g 'Agusviag r)y6gaxa oag-
xocpdyo(v) Ai}g(r\Xuo) Megiftdxi adtXtpm yXvxvxdxm fifffavrt ahv iuol £xr\
v£ ufj(vag) (f. Der Name Aurelius beweist jedenfalls, wie schon
Nie buh r und Mai erkannt haben, dass die beiden Brüder unter
M. Aurelius nach Rom gekommen und dort Klienten des Kaisers und
römische Bürger geworden sind. Es kann daher trotz des Widerspruches
Mommsen's (R. G. V 403/4 A. 1) nicht zweifelhaft sein, dass dieser
ehemalige Kömg von Grossarmenien Pakoros mit dem von L. Vetus
abgesetzten identisch ist. Vgl. Napp 1.1. 25.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
227
Königs von Armenien gewesen sein1). Es wird daher genug Leute
in Rom gegeben haben, die nicht einsehen wollten, weshalb So-
haimos den Vorzug vor den beiden anderen Prätendenten ver-
diene, so dass seinetwegen ein langwieriger Krieg geführt wurde,
und die Absetzung des Pakoros tadelten. Diese, meint Fronto,
würden durch eine Rede im Stile der Briefe des Verus zur Ein-
sicht kommen.
Der armenische König, mit welchem Septimius Severus zu
thun hatte2) und der, welcher von Caracalla um 218 verräteri-
scher Weise samt seiner Familie gefangen genommen wurde8),
wird uns mit Namen nicht genannt. Letzterem folgte allerdings
im Jahre 218 sein Sohn Tiridates IL4); allein es ist an sich nicht
unmöglich, dass Chosrow L, der Vater des Trdat, ein Bruder des
letzten Partherkönigs Artabanos V., also ein Sohn Volagases' IV.
war, wie das griechische Fragment vor dem griechischen Agathan-
gel os andeutet6), wiewohl das Wort &deXg>6g hier vielleicht nicht
im strikten Sinne als Bruder, sondern als Blutsverwandter aufzu-
fassen ist. Eine eigene arsakidische Dynastie gab es also in Ar-
menien erst seit der Wiedereinsetzung Trdats HI. unter Diokletian.
Es muss daher auch dahin gestellt bleiben, ob Sanatruk der
Sohn eines armenischen oder eines parthischen Königs war, und
das Nämliche gilt von Pakoros. Mit dem parthischen Prinzen
und angeblichen König Sanatrukios, dem Sohne des Meherdotes
und Vetter des Partbamaspates, welchen Malalas unter Berufung
auf Arrian als Heerführer gegen Trajan auftreten und auf der
Flucht getötet werden lässt8), hat der schon vor dem Ausbruche
*) Vielleicht ist der gleichnamige Sohn und spätere Nachfolger
des Partherkönigs Volagases III gemeint. An diesen selbst ist natürlich
nicht zu denken.
*) Herod. 3, 1, 2. 9, 1.
«) Kass. Dion. 78 (77), 12, 2 vol. III 387 ed. Boissevain (Xiphilinos).
*) Kass. Dion 79 (78), 27, 4 vol. HI 435 ed. Boissevain.
6) Agathangelus p. 8, 41 S. ed. Lagarde : tu dh ovpßdvxu xuvxcc
dnriyyiXXfxo Xouq6tj ta> 'Agaaxlä^ ßaoiXevovxi xi)g fieydXrig 'Agnevutg,
mg toü xcuÖög Zaadvov 'AqxaotQcc XQcex^aavxog xqg TIeqa&v ßccoiXsiag,
knoliaavxog xe 'AQxaßdvriv xöv uirtov &äsXtp6v. Darnach im griechischen
Agathangelos p. 8, 51—54: toeidi) olv itsxcc üdvaxov xov 'Aqxaßdvov
xov intoxxavftivxog t)ffö xoü 'AQxaoi^ov vloü Zaödvov xccx&aßsv r\ dyysXia
avxri i*Qbg xbv Kovad^m ßaaiXia 'AgiuvLccg, &&sX<pbv dh 'AQxaßdvov, hg
-fjv ötvxiQog xijg ttanoxsiag TldaQ-mv xxX. Die Worte &dtX<p6v dl 'Agxa-
ßdvov fehlen im armenischen Texte. — Herodian nennt uns den König,
der zur Zeit des Perserkrieges des Alexander Severus über Armenien
herrschte, nicht.
2 Malal. XI p. 273, 20—274, 19 (nach Arrian). 269, 11—273, 4
(aus Uomninos). Die Verteilung der Köllen ist natürlich das Werk
des Malalas oder des Domninos. So macht er den Osroes zum König
von Armenien, seinen Bruder Mesydoxrig und nach dessen Tode seinen
Sohn Sanatrukios zu Königen der Perser. Einen König Meerdotes
(Mihrdat) hat es aber um diese Zeit nicht gegeben. Vgl. War w ick
15»
228
J. Marquart,
des Krieges verstorbene König von Armenien selbstverständlich
nichts zu thun1).
Der Name scheint um diese Zeit nicht selten gewesen zu
sein. Man könnte vermuten , dass auch Sanatrüg , der Held von
Hatre2), in Wirklichkeit in die Zeit Trajans gehöre. Nach
arabischer Sage war der Garamäer ..*J?L*J\ d. i. Sanatrug der-
jenige Fürst von Hatra, unter welchem Säpür I. die Festung
einnahm und zerstörte *). Allein diese Version steht offenbar unter
dem Einfluss der syrischen Sage; denn die echt arabische Sage
nannte den von Säpür überwältigten Fürsten vielmehr Datzan
und machte ihn zu einem Araber vom Stamme Qo4ä'a, d. h. zu
einem Südaraber, und dies stimmt durchaus zu den dürftigen
historischen Notizen, die uns geblieben sind. Trajan scheiterte
bei der Belagerung von Hatra (117 n. Chr.?), doch wird uns nicht
überliefert, wer den Aufstand und die Verteidigung der Stadt
leitete4). Allein der Wortlaut des dionischen Exzerptes scheint
vorauszusetzen, dass die Stadt zum Gebiete des Mannos (Ma(nü),
des Phylarchen von Arabien (Be# 'Ara/Jäje, Arvastan) gehörte,
der auch Singara besass5). Ba^arjfiiog oder BccQOrjviog, welcher
bei der vergeblichen Belagerung durch Septimins Severus Fürst
von Hatra war6), führt einen aramäischen Namen. Wer die Stadt
gegen Ardaslr verteidigte 7), ist nicht überliefert. Herodian lässt
den Severus Mesopotamien und Adiabene durchziehen und das
glückliche Arabien verwüsten, ehe er nach Hatra kommt8). Ihm
Wroth, Cataloeue of the coins of Parthia. London 1903, p. LIX s.
217—223. PI. XXXIII 6—23. Wenn daher die Legenden de» Malalas
Uberhaupt einen historischen Hintergrund haben, so ist nur festzuhalten,
dass der Prinz Meherdotes und sein Sohn Sanatrukios in Mesopotamien
parthische Heere gefuhrt haben.
l) Wie Boissevain für möglich hält
*) Nöldeke, Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik =
SBWA. Bd. 128 Nr. 9, 1893 S. 41 und A. 3. Gesch. der Perser und
Araber S. 85 A. 1. 500. Tuch, Commentationes geographicae particula I
De Nino urbe animadversiones tres. Lipsiae 1845 p. 15. G. Hoff-
mann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer S. 184 ff.
») Tab. I aPv, 7 ff. Mas'üdl IV 81 ff. Letzterer sagt: .Diese
Festung gehörte as Sfttirun b. as Sanatrün (lies c)3jIaJUJ! für ^Jo^mX),
dem König der Syrer in einem zum Lande al Maucü gehörigen Gau
(rustäq) namens Bäfarmä* (ed. ^Ll, lies ^y>ii).
*) Kass. Dion. 68, 81. Ammiao. Marcell. 25, 8, 5.
5) Kass. Dion 68, 31: fi*roc Sk xcc&ca ig xi\v 'AQccßLav jjjtfre, xal xoig
'ÄTQiivoZg, iiteidi} xai uinol aqpcumjxeaav, inf%siar\6e. Vgl. c. 21, 1. 22.
•) Herodian. 3, 1, 3. 9, 1-5; vgl. Kass. Dion 76 (75), 10-12.
Ammian. Marcell. 25, 8, 5.
») Kass. Dion 80, 3, 2.
9) Herodian. 3, 9, 8: 6 dk ZtovfjQog dutßag x)\v x&v noxau&v
tiior\v yty xs xai 'ASucfirivüv %a>Qav, iitidQape xal xty sifdatfiov« 'ÄQCcßiav
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
229
ahmt Capitolinus nach, wenn er den Macrinus geschichtswidrig
ebenso glücklich wie tapfer gegen die Parther, Armenier und
gegen die Arabes Eudaemones kämpfen lässt1). Es ist mög-
lich, dass Herodian einen Anachronismus begangen und Zustände,
wie sie in seinem späteren Alter eingetreten waren, irrig in eine
frühere Zeit verlegt hat2). Dem steht aber entgegen, dass er das
Gebiet dieser jemenischen Araber mit dem eigentlichen Südarabien
verwechselt, was sich am einfachsten erklärt, wenn er jene Notiz
einer schriftlichen Quelle entnommen hat. Wie dem auch sei,
soviel bleibt bestehen, dass es spätestens um 238 jemenische
Stämme in der Gegend von Hatra gab. Eine gewisse Bestätigung
dieses Ergebnisses darf man darin erblicken, dass es in der That
noch Spuren gibt, wonach die historischen Erinnerungen der
mesopotamischen Araber bis in die Zeit des Bürgerkrieges zwischen
Artabanos V. und seinen Brüdern zurückreichten8). Wir dürfen
daher annehmen, dass schon unter Ardaslr jemenische Stämme
(Qo<Jä'a) in der Nähe von Hatra sassen und ein Araber Daizan
derjenige Fürst war, unter welchem die Festung nach langer
hartnäckiger Belagerung von Säpür I. endlich genommen und
zerstört wurde.
Dagegen wäre es sehr befremdlich, wenn man dieselbe nach
ihrem letzten Fürsten „das JJatre des Riesen Sanatrü"4) genannt
hätte. Viel natürlicher ist es doch, dass sie jenes Epitheton nach
einem Fürsten erhielt, der sich siegreich gegen feindliche Über-
macht behauptet hatte, allein an die Niederlage Trajans dürfen
wir nach dem Obigen, so verlockend es auch wäre, nicht denken.
Allerdings führten damals auch andere Phylarchen von Mesopotamien
iranische Namen, so -ZVro^cbnjc von Anthemusia5) und IdQßdvötig =
arm. Ervand, ein Sohn des Königs Abgar6), indessen kam solches
wohl auch noch später vor.
Ich vermute, dass Mani den Riesen Sanatrüg von Qa^re in
seinem Buche der Riesen aufgeführt und Näheres über ihn erzählt
hatte 7). Er musste dann spätestens im zweiten Jahrhundert n. Chr.
q>^Q(t yäq noag ti^Stig, alg agm^iaai xal ftr/udfum %q6hl£&u% itoXXug
Sh x&iucg xal it6Xug TtOQ^oag trjv rt %mQav Xt r^ar-ficug , ii&cov ig ttJv
'AxQrpibv i&QaVy itQOOxa&efönsvog rag "Atgag iTtoXtogxtt.
*) Capitol. Macrin. 12, 6: Pugnavit tarnen et contra Parthos et
contra Armenios et contra Arabas, quos Eudaemonas vocant, non minus
fortiter, quam feliciter. Vgl. dagegen Kass. Dion 79 (78), 27, 4.
Herodian. 4, 15, 8 — 9.
*) So Albr. Wirth, Quaeationes Severianae p. 27.
•) Vgl. Tab. I vfv, 15ff. aH, 16ff. PöTö, 6ff. Nöldeke, Gesch.
der Perser und Araber S. 22 und A. 2.
«) Bar 'All bei Gesenius, Handwörterbuch der hebr. Sprache
S. XVIH. G. Ho ff mann, a. a. O. S. 186.
6) Kass. Dion 68, 21. Arrian Parth. bei Suid. s.v. 7tQÖ igyov. oHXog.
•) Kass. Dion 68, 21, 2.
*) Daran scheint auch Kessler, Mani S. 201 zu denken.
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230
J. Marquart,
gelebt haben. Vielleicht geben uns die Ruinen der uigurischen
Maniehäerstadt Ölnäng kat (Ydykut-sahry bei Turfan) noch einmal
nähere Kunde über diese verschollene Sagenfigur. Da Garamaea in
älterer Zeit zum Königreich Adiabene gehörte1), so ist ebenso gut
möglich, dass der Garamäer Sätirün (Sanatruk) dem alten Königs -
geschlechte von Adiabene angehörte, als dass er, was sein Name ver-
muten lässt, ein Arsakide war. Wahrscheinlich stammte das reiche
christliche Adelshaus Jazden, das später in der Hauptstadt von
Garamaea seinen Sitz hatte, von den alten Königen von Adiabene ab.
Nimmt man dies alles zusammen, so erscheint es auch frag-
lich, ob der armenische Übersetzer von HL Makk. 6, 5 *), der den
Namen des Assyrerkönigs Hsvvaxwtelti des griechischen Textes
durch Sanatruk wiedergab8), wirklich an den armenischen König
dieses Namens und nicht vielmehr an den gefeierten Helden von
Hatre dachte, das gegenüber von Beth GarmS, also nicht weit
von Assyrien lag.
Es würde zu weit führen, hier auf die Verknüpfung des
Königs Sanatruk mit den armenischen Thaddaeus- und Bartholomaeus-
legenden ausführlich einzugehen. Von denjenigen Stellen bei Faustos
von Byzanz, wo das Martyrium des Thaddaeus in Armenien voraus-
gesetzt wird, ist natürlich abzusehen, da sie späterer Interpolation
dringend verdächtig sind. Das Alter des „Martyriums des
hl. Thaddaeus und der Jungfrau Sanducht*, das aller
Wahrscheinlichkeit nach von Moses Chorenac'i benutzt worden ist,
lässt sich bis jetzt nicht genauer feststellen. Dem armenischen
Übersetzer der Addailehre (Labubna) war es sicherlich noch nicht
bekannt4), wie er denn überhaupt keine Kenntnis davon zeigt,
dass Thaddaeus in Armenien gepredigt habe. Solche Legenden
entstanden gewöhnlich bei der Auffindung und Translation von
Reliquien. Die Auffindung der Reliquien des hl. Apostels Thaddaeus,
der Sanducht und des hl. Gregors des Erleuchters fand nach Stephan
Asotik II 2 p. 82 = p. 114 trad. Dulaurier unter dem Marzpan
Wahan Mamikonean statt6), d. h. nach 484/85 und vor 505/6,
») Vgl. Osteuropäische Streifzuge S. 291 A.: die Naphthaquelle
bei Ekh.-itaua in Adiabene d. i. wahrscheinlich die Naphthaquelle bei
Bäbä Gurgur. Noch im 4. Jahrhundert gehörte Beth Gannö sum
Gebiete ArtaSlrs, des Königs von Hadaija/i. — S. auch Chwolson,
Die Ssabier I 697-698.
") £v rbv ScvuQi^firjroig dvvcqitat yctvofo&tvra £tvva.%r\Q£\\t, ßocQVv
'Aggvqudv ßaoiXda, 66qcczi thv n&oav bito%siQiov fjtffj Xaßdvta y^f, • • ■
iÖQecvoccg, ixÖ7}Xov deixvbg tfrvtoiv noXXolg tb cbv xgdrog.
») Vgl. J. Dashian, Zur Abgar-Sage. WZKM. IV 152.
*) Vgl. A. Carriere, La legende d'Abgar dans l'histoire d'Ar-
mdnie de Moise de Khoren = Centdnaire de l'Ecole des langues
orientales Vivantes, Paris 1895 p. 877.
8) Dulaurier p. 187 verweist hiefür auf das armenische Meno-
logium (Jaismavurk() zum 30. Mai, sowie auf Ö'am&'ean II p. 583 —
587, die mir nicht «u Gebote stehen.
Untersuchungen zur Geschichte von Er au.
231
in welchem Jahre bereits sein Bruder Ward patrik Marzpan von
Armenien war1). Auch Moses Chorenac'i II 34 erwähnt »gegen«
wartig {uMutn nt-ntrlfit) die Entdeckung der Reliquien der beiden
(des Thaddaeus und der^Sanducht) und ihre Überfuhrung nach
Arapar* d. i. nach dem Felsplateau von Egmiacin, wo im VII. Jahr-
hundert der Eatholikos Nerses III. eine glänzende Kirche zu Ehren
des hl. Grigor erbaute *). Diese Angaben sind sicherlich in manchen
Punkten ungenau, allein um die Mitte des VL Jahrhunderts nahm
die armenische Kirche apostolischen Ursprung für sich in An-
spruch8), und der Katholikos Johannes II., der Vorgänger des
Moses, bezeichnet in einem Schreiben an den Bischof Wrt'anes
von Siunik* den hl. Grigorios als Nachfolger des hl. Thaddaeus4).
Damals muss die Legende also bereits bestanden haben. Der Gau
Artaz verdankt die Ehre, das Grab des Apostels Thaddaeus zu
besitzen, wohl nur einem gesuchten Namensanklang: nach einer
weit verbreiteten Legende soll nämlich Judas Thaddaeus in Arados
(Arwad) oder Berytos das Martyrium erlitten haben6). Später
war im Gau Artaz der Sitz des Bischofs der Amatunier (Thomas
Arcruni HI 29 S. 209). Sonst finde ich in der älteren armeni-
schen Literatur nur bei Faustos von Byzanz eine „Ruhestätte der
Apostel" oder „Apostelgräber der Herrenjünger* erwähnt, die
gleich dem Prophetengrabe Johannes des Täufers in Astisat in
Taraun gedacht sind (Faust. Byz. III 8 S. 7; 14 S. 36), aber
neben diesem gar keine Rolle spielen. Es könnte sich zudem hier
nur um importierte Reliquien handeln, welche der Erleuchter
zusammen mit denen des Märtyrers Athanagines in Kappadokien
erworben hätte 6). Der König Sanatruk ist wohl nur deshalb zum
') Wüt PiP"j S. 42. 47. 48.
«) Vgl. Carriere 1. 1. p. 408 n. 2.
*) Joh. abbatis monasterii Biclariensis chronica a. I Justini imp.
(bei Mommsen, Chron. min. II 211 = M. G. Auct. antiquiss. t. XI):
Armeniorum gens et Hiberorum, qui a praedicatione apostolorum
Christi susceperunt fidem, dum a Cosdroe PerBarum imperatore ad cul-
turas idolorum compellerentur, renuentes tarn impiam iussionem Romanis
se cum provinciis suis tradiderunt.
Johannes von Biclaro berichtigt also in erwünschter Weise die
ziemlich unklaren Angaben des Moses Kalankatvac'i II 48 S. 408 ff.
4) Sfe PtP»3 S. 78.
•) Mich. Syrus p. 92 = 147. 148 ed. Chabot; Salomon von Bacra,
Book of the Bee p. «yO, 2 = 106 (Anecd. Oxon. Sem. Ser. vol. I 2.)
Vgl. Rieh. A. Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 29.
II 2, 156 ff. 163. 176. — Mos. Chor. II 52 S. 131 bringt Artaz mit dem
Gau Ardoz im Lande der Osseten zusammen.
•) Agathangelos S. 607^8 = 71, 56ff. ed. Lagarde lässt den Grigor
aus den Gegenden der Griechen einige Überreste von den Gebeinen
Johannes des Täufers und des hl. Zeugen Athanagines mitbringen und
auf Bagavan (in Bagrevand) und Astisat verteilen, weiss indessen nichts
von Reliquien eines Apostels oder Jüngers. Uchtanes II 38 S. 66 er-
232
J. Marquart,
Henker des Apostels Thaddaeus aasersehen worden , weil er der
einzige armenische König alterer Zeit war, von dem sich noch
einige Erinnerungen erhalten hatten.
In die armenische Bartholomaeuslegende ist Sanatruk erst ans
dem Martyrium des Thaddaeus eingedrungen. Das griechische
fiaQXVQiov BccQ&okoitalov, mit welchem die lateinische passio Bnr-
tholomaei übereinstimmt , lässt den Apostel nach Indien gehen,
wo er den König IloXvfiwg bekehrt, aber durch dessen alteren
Bruder ^Acx^yrig (Astriges, Astiarges etc.) hingerichtet wird.
Spätere Texte, wie Ps. Epiphanios, Ps. Dorotheos, Ps. Sophronios
und Ps. Hippolyt, behalten zwar die Predigt des Apostels im
, glücklichen * Indien ('Ivöotg xolg xaXovfiivoig Evdcclpooiv) bei,
verlegen aber seinen Tod nach OüqßavonoXig , 'AQßavwtoXig oder
ÄkßttvbmXig (iv tfl 'AXßavä nolti, iv 'AXßctvla noXu) in Gross -
armenien1). Dagegen ist der König Astriges im lateinischen
Breviarium apostolorum und den von ihm abhängigen Texten als
Mörder des Apostels mit übernommen2). Bei den Syrern heisst
er *agXBOO)9, «u^QDOtO), ^QDfOOf *), Q*££Oiot 4), „Avaragathi"
d. i. wohl »^^^o/ 5), Varianten die auf y^^ODOfi = *,A<m<yijS
zu weisen scheinen. Allein wenn der König Polymios dem Öäta-
wähanakönig Pulumäji entspricht, welchen Ptolemaios VJi, 1, 82
unter dem Namen £i^07txoX(fiaiog (Siri Pujumäji) als Herrscher
von Paithan kennt (Ernst Kuhn), so muss natürlich auch sein
älterer Bruder Astriges in Indien gesucht werden, und zwar ist
das glückliche Indien = Dakfinäpaiha, Dekkhan, wie *Ae>aßia i}
MalpAav — al Jaman Bder Süden", eig. die rechte d. i. die
glückliche Seite.
Die Stätte des Martyriums, die überall nach Grossarmenien
gesetzt wird, heisst in syrischen Texten opoi^tf, op>c\i~\ic%{
,9PQJL^©V % „Arvoin* ?), im armenischen Martyrium f\i^tpfiuaUnu
wähnt beim Amtsantritt des Katholikos Abraham unter den Kleinodien
der Patriarchalkirche von Drin „die Reliquien der hl. Apostel, welche
der hl. Grigor aus Rom gebracht hatte, die ihm vom frommen Kostan-
dianos geschenkt worden waren".
>) Vgl. Lipsius a. a. O. Ii 2, 65 ff. 58-62.
*) Vgl. Lipsius a. a. 0. I 147. 210. II 2, 55 A. 3. 103 A. 2.
104 A. 1.
3) So die drei Hss. des Salomon von Ba^ra, Book of the Bee
p. «£*JO, 18.
4) Mich. Syr. p. 92, 35 = 148.
6) Cod. Syr. Barberini 101 saec. XII bei Moesinger, Acta Bar-
tholomaei p. 63, zitiert von Lipsius a. a. O. n 2, 104 A. 2.
«) Payne-Smith, Thes. Syr.
') Als zweite Tradition mitgeteilt im cod. Syr. 101 der Barberini-
schen Bibliothek ; s. Anm. 5.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
Urbianos1), in dem aus dem 9. Jahrhundert stammenden Briefe
des Moses Chor, an Sahak Arcruni {[LpfuJunu Urbanos*), bei
Mos. Chor. II 34 S. 112 WpLpu/ünu Arebanos (v.l. Xhplrt-fuu%au
Arevbanos). Dies beweist, dass hier überall griechische Quellen
zu Grunde liegen. Salomon von Bacra, der cod. Barberini 101
und Michael der Grosse lassen den Bartholomaus in Inner-
Armenien8) predigen, wo er nach 30 jähriger4) Thätigkeit von
Hüras(T, dem König von Armenien gekreuzigt und in der von
ihm erbauten Kirche bestattet wird. Ein Ort wird hier also nicht
genannt. Allein nach Stephan Asoük I 5 S. 46 = 39 erleidet
Barth olomaeus das Martyrium „bei uns in der Stadt W^puspfinU
Arcbbion* 5), und dies ist augenscheinlich derselbe Name und wohl
auch derselbe Ort wie das castellum Arabionis der Acta
Archelai et Manetis, wohin Mani, nachdem er aus dem persischen
Gefängnis entkommen, geflohen war6) und wo er nachher hin-
gerichtet wurde. Nach seiner Niederlage in der Disputation mit
Archelaus in Charchar will die erregte Volksmenge den Mani an
die Barbaren ausliefern, qui erant vicini ultra Strangam fluvium.
Hierauf kehrt Mani auf demselben Wege, auf dem er gekommen,
zurück und begibt sich nach Überschreitung des Flusses Stranga
wieder ad Arabionis castellum (p. 195, 10). Mit dem Flusse
Stranga, der als Grenzfluss zwischen Persien und Rom gilt (p. 41),
ist offenbar der Tigris gemeint. Der Name ist aus dem Alexander-
roman (2, 14. 15) bezogen7), wo er aber den yA^d^tjg (Curt. 5, 4, 7.
5, 5, 2. 3 etc.), den heutigen Bänd-i AmTr bezeichnet, welchen
Alexander auf dem Marsche von Susa nach der Persis überschreiten
musste8). Damit sind für Arabion - Urbanopolis bezw. castellum
*) Vitae et martyria sanctorum, Venedig 1874, I S. 208. Vgl.
Lipsius II 2, 58.
•) Werke des Moses Chor., Venedig 1865, S. 295. — Der Ver-
fasser verheisst S. 284 den ßagratuniern, sie würden Könige werden
in Dvin.
Michael sagt einfach .Armenien«, Salomon fugt dazu noch
Ardafir (Ox. ^)^\ Q&arböl (Ox. ^(v.l.^i, ^JO?
= Dvin?) und ^pioio*3 Pruharmän (Ox. ^j^)-
*) Mich. Syr. .dreijähriger».
«) Vgl. dazu Tab. I ITa, 5: (jo) J»5 jU^Jl Jl LÜ ^
•) Acta disputationis Archelai et Manetis bei Ron th, Reliquiae
Bacrao I« 48,9. 194, 12.
') Vgl. Nöldeke, ZDMG. 44, 899.
*) Der Name des Flusses wird bei Arr. 3, 18, 6. 10 nicht genannt.
Da Stqdyyaq ursprünglich den persischen 'AQ<t£r\g bezeichnet, drängt
sich von selbst die Vermutung auf, dass es in irgend einer Weise au»
Aqdyyag = mp. Arang entstanden sein werde. Arang ist die mittel-
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J. Marquart,
Arabionis sowohl Erevan (j. Eriwan) im Gau Kotajk', Ervandousat
und Ervandakert im Gau ArSarunik' 1), Aibag2) und andere Orte
in Grossarmenien, als Zmaalvov XuquI oder Karcha da-Mai&än*)
ausgeschlossen. Das Richtige hat bereits G. Hoff mann ge-
sehen4): es ist Arewän (Bedjan, Acta mart. et sanct. II
349, 9. Synod. Orient, ed. Chabot p. 83, 29. 84, 18. 36, 15 =
272—274 a. 410. 60, 12 = 307 a. 486) oder Jjcuä
MähözS d- Arewän (Bedjan IV 134, 3. Synod. Orient, p. 53, 10 =
299 a. 486; 109, 4 = 366 a. 554; 110, 18 = 868 a. 576;
164, 23 = 423 a. 585; 214, 7 = 479 a. 605), auch ^Jtf
„ArSwän jenseits des Flusses* (Synod. or. p. 43, 21 = 285 a. 424)
in der Provinz Beth Garmö. Chabot vermutet, dass die Diözese
Mähöze d- Arewän südlich vom Kleinen Zab lag, dass es aber zeit-
weilig einen Bischof für die Gegend im Norden des Flusses ge-
geben habe5). Jedenfalls ist aber weder an ^l^-jjt Arcwagänn)
in der Nähe von Slrawän in Mäsabadän noch an Rawänduz,
Mowändiz am Rawändiz-cai zu denken, welch letzteres ins Gebiet
der Provinz Adiabene fällt. In Karcha de -Beth Selöch, der
Hauptstadt von Beth Garme", gab es seit alters nicht wenige
Manichäer7).
Die Todesstätte Mani's nach der christlichen Manilegende
wurde also einfach auf Bartholomaeus übertragen, welcher somit
den nachmals von jenem Erzketzer verwüsteten Acker zuerst an-
gepflanzt hatte. Unklar ist nur, wie man dazu kam, jenen Ort
persische Umschreibung von aw. Raigha, dem bei den Griechen (bezw.
Persern) 'AQu£r\e entspricht, bezeichnet aber später auch den Tigris.
War gr. ATATVA2 einmal in ^PATTAL verlesen , so musste daraus
notwendig StQuyyas werden, da die Gruppe <jq ungriechisch ist.
*) A. v. Gutschmidt, Rh. Mus. N. F. XIX, 174.
*) Armenisches Kalendarium zum 18. Februar; vgl. Lipsius
H 2, 100. 103 A.
*) K. Kessler, Mani I 89 ff.
<) Bei Nöldeke, ZDMG. 44, 399.
») Synod. Orientale p. 66.
«) So Mis'ar b. al Muhalhil bei Jäq. I IT., 9 ff. IV nr, 13.
Mas'ttdl, Murflg III 69. VI 187. — Murug VI 225 ed.
M ^L^jjO. Kitäb at tanblh «II, 8 P ^U^jOl, L ^Ls^of.
roT, 18 P J^J\t L aL^>t. Qod. rff, 7 Muq. öT, ulL
B ^L^jj, Mo, 8 ^Us^jj. Letztere Schreibweise zeigt, dass nur
^L^jpt oder ^L^ot in Betracht kommen können, da nur dann der
Abfall des anlautenden o zu erklären ist.
^ Akten der Märtyrer von Karcha da-Böth Selöch bei G. Hoff-
mann, Auszüge 46—50. 52. Bedjan, Acta mart. et sanct. II 512,
11 ff. 289, 4.
Untersuchungen wir Geschichte von Eran.
235
nach Grossarmenien zu verlegen. Eine Beeinflussung der Bartholo-
maeuslegende durch die Manilegende wird auch darin zu erkennen
sein, dass nach gewissen Texten dem Apostel die Haut abgezogen
und wie ein Sack ausgestopft wurde *). Dies war aber bekanntlich
das Schicksal Mani's.
Erst in Armenien hat man den letzten Schritt gethan und
den König Astriges durch den bereits aus der Thaddaeuslegende
bekannten Apostelmörder Sanatruk ersetzt2). Übrigens ist das
armenische Martyrium des Bartholoinaeus eine späte Kompilation
verschiedenartiger Legenden
Der Name Sanatruk jDo;ßaCD war übrigens auch noch später
im Gebrauch: so hiess der letzte König von Bahrain im ersten
Drittel des 3. Jahrhunderts4) und noch ein Christ in der Ver-
folgung äapürs (a. 662 Gr. = 351 n. Chr.) 6).
Natürlich ist jetzt auch die von dem sogenannten Mar Abas
McurnacH berechnete Begierungszeit des Sanatruk und seines Sohnes
Wa*ar§ (164 — 193 und 194—213 n. Chr.) hinfallig und wertlos.
Dasselbe gilt aber auch für die gauze, angeblich von Agathangelos
verfasste Königsliste des Mar Abas, zumal was die Begierungszahlen
anlangt. Ich werde die armenische Urgeschichte des Mar Abas
in einem besonderen Aufsätze behandeln, worin ich zeige, dass
dieselbe erst im 9. Jahrhundert und zwar wahrscheinlich unter
dem Fürsten der Fürsten Bagarat von Taraun (Osteuropäische
Streifzüge S. 463 Nr. 18) verfasst worden ist. Noch später, jedoch
vor die Königskrönung Asot's des Grossen fallt dann die Geschichte
des Moses Chorenac'i. Es liegt daher kein Grund mehr vor, den
Einfall der Chazirk' und Barsük', welche nach Moses Chor. 2, 65
8. 145 unter ihrem König W&nasp Surhap das Thor von Cor
passierten und den Kur überschritten, aber von WatarS zurück-
getrieben und bis über das Thor von Cor hinaus verfolgt wurden,
auf Sanatruk zu übertragen, zumal die Geschichte in der That
von einem Einfall der Alanen zur Zeit des Königs Volagases
weiss, auf welchem dieselben Albanien und Medien (Atropatene)
schrecklich verheerten und auch Armenien und Kappadokien heim-
') So ist der Ausdruck ixdag^eig ma-xeg &vXaf- bei Ps. Hippolyt
ed. Lagarde (Lipsius II 2, 60 A.) und Theodoros Studites (eb. S. 101 f.)
aufzufassen. Das Breviarium apostolorum (eb. S. 55 A. 8) sagt nur
viverus decoriatus.
■) Ahlich Lipsius II 2, 99f.
*) Der auch in der koptisch-äthiopischen Gruppe wiederkehrende
Zug, dass der Apostel zu den Parthern und Elamiten gekommen »ei
(Lipsius II 2,77. Ergänzungsband S. 96), beruht lediglich auf einem
etymologischen Kalauer a la Moses Chorenac'i.
*) Tab. I aI*., 2. Dlnaw. fo, 13.
*) Bedjan. Acta mart. et sanct. IV, 166. — Der Name kommt
auch in der jüdischen Literatur vor; s. Sam. Kraus s, Griech. und
lat Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum II (1899), 403.
S. Fränkel, ZDMG. 55, 355.
236
J. Marquart,
suchten (Kass. Dion 69, 15, 1). Freilich ist nichts davon bekannt,
dass er auf der Verfolgung der Feinde bei Darband im Kampfe
gefallen sei, vielmehr musste er nach Kassios Dion froh sein, die
ungebetenen Gäste durch eine Kontribution los zu werden. Doch
werden auch noch unter Pius Einfalle der Alanen berichtet, über
welche Einzelheiten nicht bekannt sind1).
Die vom König Sanatruk gegründete Stadt (T&-m-ߣ Mcttrk?
hat weder mit Xf&pffu Mcbin, \fp&m-ffu Mrcvin = Nisibis,
noch mit dem Gau XPyat-p Afzur in Hocharmenien, dem Lande
Muzri der Assyrer, das Geringste zu thun, obwohl Mar Abas
augenscheinlich alle drei Namen kombiniert hat. Wie aus der
Erzählung des Faustos unzweideutig hervorgeht, lag Mcurk* am
östlichen Euphrat (Murad-su), der bei den Armeniern gewöhnlich
W^ntuS-ufbft Aracani, bei Plin. h. n. 6, 128 und Tac. ann. 15, 15
Arsanias d. i. Ärictyccmi, Kass. Dion 62, 21, 1, 4 'Agöctvlag, Plin.
h. n. 5, 84 Ar8anus, byzantinisch 'AgoZvog*) d. i mittelarmenisch
W^P&fafi (gen. Arcnoj) 8) heisst, von Faustos und Agathangelos aber,
die als Griechen gelten wollen, Jjtfrnutu* Ep(ra£ = Ev<pQarzrjg
genannt wird4), und zwar ist die Stadt noch in Taraun zu suchen,
wo königliche Domänen lagen, die gleich den anderen Domänen
der Aufsicht des Oberkammerherrn (ffa/r mardpet) unterstanden
(Faust. 4, 14 S. 117; 5, 3 S. 195). Die beiden Flüsse, an deren
Gemünd die Stadt lag, sind der Murad-su (Aracani) und der Qara-
su, armenisch fl\E-^ Jfe7, bei Xen. anab. 4,4,3 TrjXtßoccg, der
den Gau Taraun durchströmte 6). Mcurk' muss also in der Nähe
der Festung Otekan {\qu*/{ufü gelegen haben. Hier finden sich
auch die Stromschnellen, von welchen Faustos spricht. Torna-
schek sagt von OJakan6): „Noch sind die Ruinen dieser „ rund-
lichen" Veste7) am Westrande der Ebene von MuS vorhanden, am
») Capitol. Pius 5, 4.
*) Prokop. Pers. I 17 p. 84 , 21/22. Theoph. cont. V p. 269, 17,
bei Ps. Kallisthenes U 15 cod. C p. 71 n. 25. 26 ed. Müller 'Aqcivotis.
[Matthaeus von Edessa S. 251; vgl. Hübschmann, Die alt-
armenischen Ortsnamen S. 406 A. 2 = Indogerm. Forsch. Bd. 16, 1904.]
4) Agath. S. 606. 607. 613. 620. 630. 682 = p. 71, 48. 58. 60;
78, 20; 75, 99; 78, 91. 15. Faust. 5, 3 S. 195; 43 S. 262.
») Mos. Chor. Geogr. S. 31, 4 ed. Soukry:
JJ^L. Sbk^b jXftr™" »Taraun, in welchem der Fluss Met
läuft und in den Euphrat fallt«. [Vgl. Hübschmann, a. a. O. 323.]
«) Sasun und das Quellengebiet des Tigris S. 11 = SB WA.
Bd. 133 Nr. IV, 1895. [Vgl. Cuinet, La Turquie d'Asie II 587,
zitiert bei Hübschmann, Die altarmenischen Ortsnamen S. 826. 459 f.
(hier nicht vorhanden).]
*) Tomaschek leitet den Namen also irrig von arm. on d. i. aui
„Ring, Kreis« ab.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 237
rechten Ufer des Aracani, dort wo der Strom von steilen Felsen
eingeengt zu werden beginnt." Die Gründung des Sanatruk hatte
eine strategisch sehr wichtige Lage, da sie die Verbindungen mit
dem Euphrat (über Palu und Ziata-Charput nach Melitene), dem
Quellgebiet des Euphrat- Araxes (über Chnis nach Hasan-qal'a und
Karin -Erzerum) und den beiden Hauptstädten Tigranokerta (über
den Taurus und durch das Thal des iVvfi<pto£-Batman-su) und
Artaxata (über Melazgerd und Kara-kilissa nach Bagavan-Ü6-kilissa
bezw. Dijädin-Armavir) beherrschte.
Dass Mcurk' geradezu mit OJakan identisch sei , ist nicht
wahrscheinlich. Letzteres gehörte nachmals den Mamikoniern, und
zwar einer Erzählung des Faustos (5, 3 S. 195) zufolge schon
unter König Pap (371 — 375). Allerdings scheinen die Mamiko-
nier erst nach dem Untergange des Königtums als Erben des Ka-
tholikos Sahak (f 438) die mächtigsten Grundbesitzer in Taraun
geworden zu sein1), indem ihnen die reichen ehemaligen Tempel-
güter von AStiSat zufielen. Ihr Stammsitz war Tajk'. Da nun
die historische Ermordung des Oberkammerherrn Glak2) in einer
zweiten Version (Faust. V 6) , die einen historischeren Eindruck
macht als die mit ihr nur ganz oberflächlich ausgeglichene Legende
V 3 , nicht nach OJakan , sondern nach dem grossen Dorfe des
königlichen Bodens *) im Gau Ajrarat, das man Ardeank' nennt,
verlegt wird und andererseits IV 14 von der Ermordung eines
anderen Oberkammerherrn unter König Arsak bei Mcurk4 in der
Nähe von Otakan die Rede ist4), so ist es wahrscheinlich, dass
i) tazar P'arpec'i I 18 S. 114/115 = Langlois, Collection II 278.
*) Ammian. Marcellin. 27, 12, 14.
■) Ich fasse ^otfl als Gen. zu mi£ .Inneres, Boden, Erde, Grund,
Wurzel*, der gewöhnlich fity lautet.
*) Faustos kennt fünf Oberkammerherren unter den Königen Tiran,
Arsak und Pap, in Wahrheit hat man aber wohl nur deren drei zu
unterscheiden :
a) der ruchlose Hajr mardpet, welcher unter Tiran die Notabein-
geschlechter ausrottet (III 18) und unter Aräak von Savasp Arcruni bei
Mcurk4 ermordet wird (IV 14). Wahrscheinlich hatte er beim Regierungs-
antritte Arsaks weichen müssen und war dann vor dem Konflikte des*
selben mit dem Katholikos Nerses wieder eingesetzt worden.
Drstamat (V 8), unter den Königen Tiran und Arsak (wahr-
scheinlich in der ersten Zeit Tirans und in der ersten und letzten Zeit
Arsaks), wird mit letzterem zusammen nach Persien in die Gefangen-
schaft abgeführt. Als darauf ein Krieg zwischen Persien und den
K'usank' ausbricht, zieht Drstamat mit ins. Feld und rettet in der
Schlacht durch seine Tapferkeit dem König Säpür das Leben. Darauf
sollen er und der gefangene König Aräak im Schlosse der Vergessenheit
sich gemeinsam den Tod. gegeben haben. Allein Aräak hat nicht durch
Selbstmord geendet, sondern ist hingerichtet worden (Ammian. 27, 12, 3 :
Arsaces . . . discruciatus cecidit ferro poenali), und Drstamat muss
identisch sein mit dem Eunuchen Gylaces, der schon vor der Gefangen-
nahme Arsaks gentis praefectus gewesen und als Überläufer zu ääpttr
238
J. Marquart,
die 0*akan-Legende nach dem Vorbilde dieser älteren Erzähltrog
später erfunden ist, um so mehr, als der Mamikonier Muse*, der
V 8 als Mörder des Oberkammerherrn erseheint, seine Lorbeeren
fast durchweg andern abgeborgt hat. Die Geschichte des Unter-
ganges des Oberkammerherrn bei Mcurk' kennt in Taraun neben
den zur königlichen Krondomäne gehörigen Dörfern, die der Auf-
sicht des Hajr mardpet unterstehen, nur Domänen des Eatholikos
Nerses, welche jener gleichfalls zur Krondomäne zu machen trachtet.
Die Vermutung liegt daher sehr nahe, dass die Erwähnung der
mamikonischen Festung OJakan ein Anachronismus sei und die
ganze Legende ihre endgiltige Gestalt erst nach dem Tode des
Katholikos Sahak erhalten habe. Dem steht jedoch entgegen,
dass schon unter König Tiran von einem „ anderen Hause" der
Mamikonier die Rede ist, welches sie damals aufgaben, um sich
in die Festungen ihres Stammlandes Tajk' zurückzuziehen1).
O-lakan soll nach Moses Chorenac'i (2, 84) ursprünglich dem
Geschlechte der Slkunik' angehört haben, das bei einem Aufstande
gegen den König Trdat von Mamgon, dem angeblichen Stamm-
gekommen, also nicht in Gefangenschaft geraten war: (Sapores) Gylaci
spadoni et Arrabanni (so V), quo« olim susceperat perfugas, commisit
Armeniam. horum alter ante gentis praefectus, alter magister fuisse
dicebatur armorum Ammian ib. § 5 s. Er fehlt in dem Verzeichnis
der Überläufer bei Faust. IV 50, und V 18 wird nur das Haus Anger,
nicht auch der inzwischen ermordete Oberkammerherr und Fürst von
Angl unter den Abgefallenen aufgeführt; doch vgl. IV 55 S. 176. Bei
Faustos heisst es dagegen von CHak ungenau (V 8 S. 196): „welcher
in den Tagen des Königs Arsak oder seines Vaters Tiran einmal jenes
Amt der Kammerherrn würde gehabt hatte*. Die Angabe, dass Drstamat
aus Treue seinem Herrn im Tode nachgefolgt sei, ist eine Erfindung
so gut wie der Selbstmord Arsaks. Den Anlass zu derselben gab der
Name Drstamat = pers. Drtut-ämat .heil gekommen*, der aber nur
ein persischer Ehrenname ist, den ihm der König Säpür aus Anlass
seiner Errettung verliehen hatte.
Nach dem Kriege gegen die K'uSank' betraut Säpür den Gylaces
(Gtak) und Arrabannes (arm. [J« ,„^,.:u mit der Unterwerfung Armeniens,
und es folgt die Belagerung der Festung Artagerk' in Arsarunik', die
sich bis in den Winter hineinzieht und mit dem Verrate der beiden
armenischen Führer ihren vorläufigen Abschluss findet (Ammian. Mar-
cellin. 27, 12, 5—9. FauBt. IV 55). Im folgenden Jahre wird Pap
zum König erhoben und im Spätherbst Artagerk' von den Persern
eingenommen und zerstört (Ammian. § 9—12. Faust. V 1. IV 55—59).
Diese Ereignisse gehören in die Jahre 870 und 371, wie Sievers,
Studien zur Geschichte der röm. Kaiserzeit 268 f. richtig gesehen hat.
Der Krieg gegen die K'u&ank' macht es jetzt begreiflich, weshalb Säpür
nicht sogleich nach der Gefangennahme des Königs Arsak in Armenien
eingerückt ist. Das genaue Datum des letztem Ereignisses ißt unbekannt,
kann aber wohl schon 867 sein. Im Anfang des Jahres 372 werden
Gylaces und Arrabannes von Pap auf Anstiften Säpürs ermordet;
Ammian. § 14. Faust. V 3 (ohne Namen) = V 6 (Grak).
c) Der Hajr mardpet wohnt der Beisetzung des Katholikos Nerses
bei (Faust. V 24 S. 222 f.).
*) Faust, in 18 S. 47.
Untersuchungen tot Geschichte von Eran.
239
vater der Mamikonier, ausgerottet wurde, worauf dieser vom
König zum Danke mit deren Gütern belohnt wurde. Diese Aus-
rottung des Geschlechtes Slkunik' ist aber wie die der Manda-
kunier1) lediglich eine Erfindung des Moses. Der Geschlechtsname
WlA9"^ findet sich in der alteren Literatur, soviel ich sehe,
nur einmal: X^jpncfy y^niü,/, bei Elise wardapet S. 173
= Langlois TL 215, und ausserdem macht Moses 3, 20 S. 206
den Eremiten Gind aus Taraun, einen Schüler des Chorbischofs
Daniel (Faust. 6, 16), zu einem Slkunier. Wir wissen nur, dass
die Mamikonier der Sage zufolge ein fremdes, aus Öenastan ein-
gewandertes Geschlecht waren4), das aber nach Faustos schon im
ersten Drittel des 4. Jahrhunderts die erbliche Würde des Heer-
fuhrers {sparapet) der armenischen Krone besass8). Wie weit
diese Darstellung Vertrauen verdient, ist freilich sehr fraglich,
da sie durchaus im Dienste der Mamikonier steht und uns meist
jede andere Kontrolle fehlt, und da, wo eine solche möglich ist,
diese in der Regel nicht zu gunsten jener Erbrechtstheorie ausfallt.
Schon unter Trdat wird ein sparapet samtlicher Truppen Gross-
armeniens namens Artavazd erwähnt, der ohne Zweifel ein Mami-
konier sein soll. Der Name fehlt indessen im griechischen
Agathangelos4) und kann aus Faustos 3, 4 S. 9 (vgl. 11 8. 28)
erschlossen sein, wo Waß'e, der Sohn Artavazds, als Patriarch
des mamikoni8cben Geschlechtes aus dem Stamme des Heerführer-
tu ms Armeniens und grosser Heerführer der Truppen Chosrows II.
bezeichnet wird. Moses, der die Mamikonier aus der altarmenischen
Geschichte so viel wie möglich ausmerzen will, macht nun jenen
sparapet Artavazd zum Mandakunier (2, 76. 82. 85), weiss aber
der vorwitzigen Frage, weshalb denn die Mandakunier in der
Folge in der armenischen Geschichte gar keine Rolle mehr spielen,
durch die billige Auskunft vorzubeugen, sie seien durch Artaäir
(bis auf den geflohenen Artavazd) ausgerottet worden (2, 78).
Dieser Anachronismus geht auf eine ältere von Moses benutzte
Urgeschichte der Mamikonier zurück, welche die Stammväter der
Mamikonier Mamik und Konak unter dem armenischen König
Chosrow I. und dem letzten Partherkönig Artavan in Armenien
einwandern Hess, gleichzeitig aber das fünfte Jahr des Perserkönigs
ArtaSir dem ersten des Kaisers Probus und dem 35. Chosrows
gleichsetzte5). Moses will also die Neugierde seiner Leser be-
friedigen und erklären, auf welchem Wege das fremde Geschlecht
der Mamikonier zu so grosser Macht in Armenien gelangt sei, und
legt sich für diesen Zweck eine besondere Theorie zurecht, wonach
*) Diese Unters. I 47—49.
*) Faust. 5, 4 8. 204. 87 S. 247/8.
■) Faust. 3, 4 ff.
*) Agath. 641 = Lag. p. 80, 98.
») Sebeos 12-13.
240
J. Marquart,
dies durch Zurückdrängung und Ausrottung alteinheimischer spater
unbedeutender Geschlechter erreicht worden sein soll. Das Vorbild
zu dieser Auffassung lieferte ihm Faustos, bei dem von der Ver-
nichtung zahlreicher Geschlechter, der Manavazier und Ordunier,
der Bznunier, der bdeaSche von Aiznik', R&tunier und Arcrunier,
unter den Königen Chosrow II. und Tiran berichtet wird.
Zu S. 42 Z. 28 ff. : Von grosser Wichtigkeit für die Archäologen
ist die Nachricht des Mas'üdl IV 74: „Es gab in Qümis einen
hochgeehrten Feuertempel, namens ^^o^ (B {j»J>, D {Ji^J^)}
dessen Erbauer unbekannt ist. Es heisst, dass Alexander, als er
(die Gegend) eroberte, denselben unbehelligt liess und nicht aus-
löschte. Man sagt ferner, dass an jenem Orte ehemals eine ge-
waltige wunderbar gebaute Stadt lag mit einem mächtigen Götzen-
tempel von wunderbarer Form. Da ward jene Stadt samt ihren
Gebäuden zerstört; hierauf ward nach ihr jener Tempel erbaut
und jenes Feuer in ihm aufgestellt*
Zu S. 62 A. 1 : Zu Mco«CD Sarbüi ist noch hinzuzufügen
die Form Jo^D ^r -^qNcy> No? Jo+O Dei Simeon
von Bsth ArSäm (Assemani, B. 0. I 353). Der hier genannte
Jo^annan, Bischof von Karcha da-Beth Sari in Beth Garme, er-
scheint auf der Synode des Mar Akakios a. 486 als Bischof von
Karcha de-Beth Salöch Synod. Orient, p. 300. 301. 306. Wir
dürfen also auch hier die Entwicklung annehmen: *ßarbük, Sarbüg,
Sarbüi, *Särüi, Säri. Der Übergang von ü in ? findet sich auch
im Kurdischen (So ein, Grdr. f. iran. Phil. I 2, 267), sowie in
neupersischen Dialekten (P. Horn eb. S. 27. Geiger eb. S. 384).
S. 66 Z. 3 v. u. lies „blau« statt „braun*.
Zu S. 84 Z. 26 ff.: Schlegel behält mit seinem Proteste
gegen die Gleichsetzung der chinesischen Umschreibung Jen-tsai,
An-ts'ai mit dem Namen "Aoqcoi bezw. Arzoae recht. Die alte
Aussprache Am-ts%ai gibt nämlich in Wirklichkeit den Namen der
Massageten wieder, aw. *masja-ha (gesprochen massjafca), ap.
*ma&ya7ca, skt. *matsja-ka „Fischesser*. Damit wird aber die
Nachricht, dass die Alanen die Nachkommen der alten Massageten
seien, nur um so wichtiger, und die Vermutung, dass "Aoqooi ein
politischer Ehrenname sei, fast zur Gewissheit erhoben : wenn noch
um 125 v. Chr. Massageten am untern Jaxartes geboten, so kann an
ihrer Identität mit den im 1. Jh. v. Chr. hier herrschenden Aorsen
nicht gezweifelt werden. Dadurch gewinnt der ethnologische Teil
der ptolemäischen Karten von Margiana, Baktrien, Sogdiana und dem
Sakenlande für uns erst praktische Bedeutung. Dass die Karte von
Sogdiana die Völkerverteilung um die Mitte des 2. Jh. v. Chr. wieder-
geben will, ist unbestreitbar. Dasselbe wird dann auch für Baktrien
angenommen werden dürfen, zumal ich schon auf anderem Wege
zu dem Schlüsse gekommen bin, dass sich die Tocharer mit
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
241
Bewilligung der hellenischen Könige und nicht erst
nach dem Untergange der hellenischen Herrschaft im Norden
des Paropanisos in Baktrien niedergelassen hatten. Dann kann
aber die Vorlage des Marinos für die ethnologische Darstellung
jener Gebiete nur Hippar chos gewesen sein, der den zu seiner
Zeit eingetretenen Völkerverschiebungen Rechnung trug. Wenn
daher Ptolemaios in Margiana zwischen Derbikkern und dänischen
Parnern auch Massageten kennt (VI 10 p. 498, 5), so bestehen
gegründete Zweifel, ob er sie richtig angesetzt hat — in der
Verschiebung von Völkern und selbst Städten hat Ptolemaios
bezw. Marinos in allen weniger bekannten Ländern, in Germanien
wie in Skythien und gerade auch in Ostiran das Menschenmög-
liche geleistet. Dagegen braucht man nicht mehr zu der Ver-
mutung zu greifen, dass er die Massageten einer veralteten Quelle
entnommen habe, vielmehr hatte sie Hipparchos noch als zu seiner
Zeit bestehendes Volk verzeichnet. Inwieweit Marinos seinem
Ansätze gefolgt oder etwa mit Rücksicht auf neuere Nachrichten
über die Gebiete zwischen dem unteren Iaxartes und der Wolga
(VI 14 p. 426 ff.), welche dort andere Völkernamen nannten, von ihm
abgewichen ist, ist in grösserem Zusammenhange zu untersuchen.
Natürlich verdient aber der Augenzeuge Cang-kien vor den grie-
chischen Geographen den Vorzug.
S. 85 Z. 28: Utidorsi Aroteres ist verdorben aus Ovtoi,
"Aogoot ot avtaxiqfa. Vgl. S. 84 A. 2.
Zu S. 85 Z. 30 ff. : Die vor den Gaeli stehenden Arsi sind
wohl in der Landschaft 'Aqcixig zu suchen, welche PtoL 6, 9
p. 617, 28 in die Nahe des Koronos (des östlichen Elburz) nach
Hyrkanien verlegt Die hinter den Zarangae stehenden Arasmi
gehören nach Drangiana und sind gewiss identisch mit den fried-
lichen 'Aqucoiuxi oder Evspyixcti (Arr. 3, 27, 4), die von den roman-
tischen Alexanderhistorikern sehr unpassend in 'AqtiuiOitol umgetauft
worden sind (Diod. 17, 81, 1. Curt. 7, 3, 1. Justin. 12, 5, 9). Die
Bezeichnung Arasmi = mp. *a-razm „kampflos, unkriegerisch"
ist dagegen völlig zutreffend , von wem sie auch herrühren mag.
Dann haben aber auch die MaroHwni mit der Maeotis nichts zu thun.
S. 86 Z. 15 — 16: Der bei Athenaios überlieferte Name
'Ofufyrijs ist nicht anzutasten und entspricht einem ap. Ifauma-
arta „der echte Hauma', wie ich anderswo zeige. Dieser Name
passt zum mythischen Charakter der Legende.
S. 92 Z. 20ff: Nach Bartholomae, Idg. F. VII (1896),
60 f. gehören ahime. ahhadö , armaUüibe , armae&ta mit gr.
ijQifuc, -paibg zusammen und bedeuten „in Ruhe befindlich11, äfS
armaeäta also das stehende Wasser im Gegensatz zum fliessenden.
Skytb. ccQtfia bleibt aber durch osset. ärmäst „nur" gedeckt.
S. 95 Z. 14 — 19 lies „dass nach dem Vorgange der Begleiter
bezw. Geschichtsschreiber Alexanders . . . auch Hekataios durch
den einheimischen Namen des indischen Kaukasos an den grossen
rhilologue Snpplcmcntband X, Ertiet Heft. 16
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242
J. Marquart,
nordkaukasischen Fluss erinnert wurde und so sein Parapanisos
dazu beitrug/
Zu S. 94—96: Der alte Hekataios hatte die gandhärische
Stadt Kaspapyros oder Kaspatyros, die ihm aus dem Berichte des
Skylax über seine denkwürdige Indusfahrt wohl bekannt war, als
Zxv%3>v «fcxrij bezeichnet1). Kaspatyros hat weder mit Kabul
(Ptol. KdßovQu) *), noch mit Kaämir (Kct&nira) *), noch mit KaAja-
pajmra, dem älteren Namen von Mültän4) das mindeste zu thun,
sondern ist in der Nähe von Puskaläwatf, dem alten Mittelpunkte
von Gandhära zu suchen. Die Bestimmung des Hekataios ist also
richtig, sofern unter den Skythen die Sa ha , d. i. die Salcah
Haumawargäh, zu verstehen sind, die auch in den Länderver-
zeichnissen des Dareios6) mit Gandära zusammengestellt werden
und zwischen Gandhära und Baktrien gewohnt haben müssen (oben
S. 140. 142). Sie sind aber schon von Herodot mit den nördlich von
Sogdiana hausenden spitzmtitzigen Saken zusammengeworfen worden,
ein Irrtum, der dann auch die geographische Wissenschaft der
späteren Zeit beherrscht hat, so dass noch Eratosthenes und selbst
Marinos die Saken und Sogdianer der ganzen Länge nach Indien
gegenüber liegen Hessen 6). Der Ausdruck Scxrrj, welchen Hekataios
von Kaspapyros gebrauchte, hängt wohl damit zusammen, dass
hier die Schiffahrt auf dem Indus begann und jene Stadt ein
wichtiger Stapelplatz für den Handel zwischen Indien und den
Ländern im Norden und Osten des Hindukus" und Pämir war,
welchen die Saken wie später die Aorsen vermittelten7). Die
seltsame Vorstellung des Hekataios, welche sich das Land der
Saken als Hinterland einer bei Kaspapyros beginnenden Küste
denkt, erklärt sich daraus, dass er dem Indus einen östlichen
Lauf gab8).
*) Hekat. fr. 179 bei C. Müller. FHG. I 12: KaonditvQog, *6Xig
raväaQixji £xv&mv axxtf. 'Exaxatog Aola.
So Kiepert, Monatsber. der Akad. der Wies, zu Berlin 1856
637^
») Lassen, Ind. Alt. I» 58 A. 5. H 635.
*) BSrünT, India Ifl, 8 = I 298.
«) Beh. I 16/17. Persep. I 18. NR. a, 24.
e) Strab. tu 8, 8 p. 513 : xal £dxag akv xal ZoySucvovg xotg oXoig
iddyeaiv avxixslG&at x% 'Ivdixy. Ptol. I 16 p. 54 , 20 — 22: xal xovg
plv iitaoyeiovg Zoy&iavobg xal xohg Zdxag yHXvid^Hv iatb (learnißQiag
xfj 'Ivdixfj.
•) Vgl. Lassen, Ind. Altertumsk. II* 570. 624.
*) Her. 4, 44: ot dh (die Expedition des Skylax von Karyanda)
ö(>u rföivxeg ix KaGnaxvQOV xs it&Xtog xal Ti)g JJaxxv'Cx^g y«j faXsov
xarä noxapbv itQÖg i\ä> xs xal 4\XLov avaxoXccg ig d-dXaooav. Es ist hier
gleichgiltig, ob dieser Fehler dem Skylax selbst zur Last fällt oder
erst durch falsche Deutung seines Berichts seitens des Hekataios ent-
standen ist. Ebenso wenig thut hier zur Sache, ob Herodot den Bericht
des Skylax selbst vor Augen hatte oder ihn nur aus Hekataios kannte.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
243
Nördlich von Gandhära im fruchtbaren Thale des Swät glaubten
die Hellenen das weinreiche Nysa, die Gründung des Dionysos,
gefunden zu haben1), und in jener Gegend hat man sich der
hellenischen Überlieferung zufolge auch den indischen Götterberg
Meru zu denken2). Die Begleiter Alexanders nannten den mit
dem Swät vereinigten Pangkora, der im Paropanisos entsprang
Dass dieser auf seiner Weltkarte den Indus mit östlichem Laufe ein-
getragen hatte, steht durch das Zeugnis des Hipparchos bei Strab.
p 1, 84 p. 87 völlig fest: Tavcy 9* elvai na^dür^ov xbv 'Ivdbv noxafUv,
coe« xal tofhov intb x&v 6q&v ofat iitl iuai]^ßQiav fetv, &g <pnatv
'Equto*&£vtiq, &XXa u#ca%b %avtr\g xal tf)g UsruuQivf)g &vaxoXfigf xa^ansg
iv xotg aqx<xioL£ iclvcc^i xaxayiyqanxai. Es wäre aber höchst seltsam,
wenn Skylax wirklich berichtet hätte, er sei auf dem Indus gen Osten
gefahren und dort ins Meer eingelaufen. Dieser Irrtum würde kaum
begreiflicher, wenn sich Skylax auf dem Kabulfluss einschiffte und
daher der erste Teil der Fahrt bis zur Vereinigung desselben mit dem
Indus in der That eine östliche Richtung hatte, da die Stadt Kaspa-
pyros bezw. Kaspatyros, wo die Einschiffung erfolgte , nur am Unter-
laufe des Flusses nicht allzu weit von seiner Einmündung in den Indus
bei Attoek oder am Indus selbst gelegen haben, also jene westöstliche
Fahrtstrecke nur sehr kurz gewesen sein kann. Vgl. M. A. Stein,
Ancient Geography of Kasmir p. 12 n. 2 : .Proper navigation begins
now at JahängTra, a place situated on the lert bank of the Kabul
River, some siz miles [von mir gesperrt] above the confluence of the
latter with the Indus at Attock. The lower part of the Kabul River's
course lies in a well-defined Single bed which, in view of the natural
configuration of the banks, cannot have changed materially in historical
times. Above JahängTra the current becomes too strong for safe
navigation.
I doubt very much whether the Indus immediately above Attock
can ever have been suitable for proper navigation Taking into
account these circumstances I should not be surprised if Scylax's expe-
dition had chosen some place near JahängTra for the start on their
voyage. There are many ruined sites near the latter place, and near
Alladher, closely on the Indus.11
Ich neige daher zu der Ansicht , dass die Vorstellung des Heka-
taios und Herodot vom Laufe des Indus durch allzustarke Verkürzung
des Itinerars des Skylax zu Stande gekommen ist — man müsste denn
annehmen, letzterer habe vom Hörensagen eine dunkle Kunde von der
heiligen Gangä erhalten und nun die Laufrichtung dieses Stromes auf
den Indus tibertragen, also absichtlich geschwindelt. Vgl. übrigens
auch Niebuhr, Uber die Geographie Herodots. Kl. Sehr. I 144. 153.
Lassen* I 514 A. 3. II 121.
*) Nach Arriau 5, 1, 1 hat man sich Nysa in dem von Alexander
durchzogenen Gebiete zwischen Kophen und Indus zu denken. Ver-
schiedene Umstände deuten aber darauf hin, dass wir es in Kufiristän
zu suchen haben. Vgl. L. v. Schröder, WZ KM. XIII 398 ff. Gerade
das Swät-Thal war aber in alter Zeit ein hochkultiviertes Gebiet, das
lange Zeit einen Hauptsitz des Buddhismus bildete. — Andere wollen
Nysa der Stadt Nagara oder Dionysopolis bei Ptolemaios gleichsetzen,
die man mit Nagarahära, 4 — 5 miles w. von öaläläbäd identifiziert
hat. VgL M'Crindle 11. p. 338— 840.
*) Arrian 5, 1, 6. 2, 5. Megasthenes bei Arrian Ind. 5 , 9. Diod.
III 38, 4. Plin. h. n. 6, 79.
16*
244
J. Marquart.
und in Gandhära in den Kophes mündete, Xodaittjg. Nach Curtius
VIII 10, 21 — 22 liess Alexander, nachdem er seine getrennte
Streitmacht (Arr. 4, 24, 9 — 25, 5) wieder vereinigt hatte, nach
Überschreitung des Choaspes (Choaspe amne) den Koinos zur Be-
lagerang der reichen Stadt ßetra zurück, während er sich selbst
gegen Mazaga, die Residenz des Assakaners wandte. Aus Arrian
ergibt sich jedoch, dass Alexander den Koinos erst nach der Er-
stürmung von Massaga gegen Bafto« aussandte, das sich aber nicht,
wie er gehofft hatte, freiwillig ergab, sondern von Koinos ein-
geschlossen werden musste und erst auf die Nachricht von der
Einnahme der Festung Ora von den Einwohnern verlassen wurde,
die sich auf die für uneinnehmbar gehaltene Felsenveste "Aoovog1)
zurückzogen (Arr. 4, 26 — 28, 1). Curtius lässt also die Unter-
nehmungen gegen die beiden Städte Bä^iqa und Mdaaaya falsch-
lich neben statt nach einander stattfinden. Ehe Alexander nach
Massaga gelangte, musste er den tiefen und reissenden Fluss
rovQaiog überschreiten (An*. 4, 25, 6. 7). Es scheint demnach,
dass mit Curtius' Choaspes derselbe Fluss gemeint ist, welchen
Arrian Jbvpafos nennt. Letzterer heisst bei Megasthenes raoqolag
(Arr. Ind. 4, 11) und entspricht nach Kern der Guruhä oder
Garuhäy welche Warähamihira , Brhat-Samhitä XIV 23 in die
nordwestliche Abteilung verlegt. Derselbe Fluss ist nach Lassen
(Ind. Altertumskunde II2 140 Anm. 6) unter der Gauri zu ver-
stehen, die an einer Stelle des Mahäbhärata neben dem Suwästu
genannt wird. Es ist ohne Zweifel der Pangkora, der durch fünf
Zuflüsse gebildet wird und in seinem Unterlaufe von Osten den
Swät aufnimmt Augenscheinlich galt aber im Altertum letzterer
als der Hauptarm, welcher dem vereinigten Strome seinen Namen
gab. Aus Aristoteles meteorol. 1, 13 ergibt sich ferner, dass den
Begleitern Alexanders der Choaspes neben dem Indus als der be-
merkenswerteste vom Paropanisos nach Süden strömende Fluss
erschien: iv (ikv ovv xfj 'Atta nXüoxoi fjikv ix xoü IJaQvaaov
xaXovpivov (palvovxai §iovxsg Soovg xal piyusxoi itoxapol, xoQxo
<T SfioXoyehat itdvxaw elvai piyusxov OQog x&v nobg xv\v fco x$v
%iifi£Qivrjv. ... ix fiiv ovv xovxov qiovQtv aXXoi xe itoxctftol xal
6 Bdxxqog xcci 6 Xodajtrjg xal 6 L4oa§^£, xovxov d* anoöyjfcxai
pioog &v eig xrjv Mcci&xiv Xlfivr)v. (iu 61 xal 6 *Ivdbg ££ ainoü.
Diese Stelle setzt voraus, dass man den vom Westen in den Indus
mündenden Strom als die Fortsetzung des Xoda%r\g d. i. des
Pangkora- Swät und den Kdnpr\g d. i. den Oberlauf des Kabul -
flusses als dessen Nebenfluss aufiasste. Später erkannte man aber,
dass der Choaspes in Wirklichkeit ein Nebenfluss des K6q>r\g oder
K<o<pqv sei. Aus einer Vermengung dieser beiden Ansichten er-
») Nach Abbott der Bere Mahäban am Wostufer, etwa 8 miles
von Embolima. Vgl. M'Crindle, The invasioa of India by Alexauder
the Great» p. 835—388.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 245
klärt sich Strabons Angabe M 1, 26 p. 697, wo er von Alexanders
Zuge nach Indien spricht: aviaxqe^e ö1 ovv (von Baktrien aus)
vntQ&tlg xcc avxct o^r\ yaci aXXag bdovg iitnofMoxigag iv aqioxfqci
t%(ov xr\v 'Ivömrjv, ttt irtioxQttytv ev&vg hi avx^v xcd xovg ooovg
xovg iöiteqiovg avxrtg xai xbv K(a<pr\v itoxapbv xai xbv Xoaönriv,
og tlg xbv Kuxprjv iftßdXXei 7toxa(ibv [xai] xaxä nXyui <uni noXiv,
§vdg naga rSIP Tdl aXXtjv noXivy xai di£%iG)v xrfv xs BavSoßrj-
W}v*) xai xi}v ravöaQixiv3). Vgl. Lassen, Zur Gesch. der Griech.
und Indoskyth. Könige S. 132. Ind. Altertumsk. II* 137 A. 2.
Der Cboaspes floss also an einer Stadt r<oava oder rwovata
vorbei, die wir uns wohl am Zusammenflusse der Guruhä (Pangkora)
und des Suwästu zu denken haben. Wenn es dagegen heisst, der
Choaspes habe die Landschaften Bavöoßtiirf und ravöaqlxig (Gan-
dhära) durchströmt, so ist dabei offenbar der Unterlauf des Käbul-
flusses als Fortsetzung des Pangkora - Swät betrachtet. Strabon
sagt sodann weiterhin (§27 p. 698); T/Ötj 6i nqbg xti> 'Ivdü näkiv
aXXi\ %6Xig HtvxoXalxig , nqbg fcvyfia ysvtj&hv insgaiaas xbv
GXQcexov, verlegt also IltvxoXaixig in die Nähe der Vereinigung
des Käbulflusses mit dem Indus, während es nach Plin. h. n. 6, 62
noch 60 m. p. vom Indus entfernt4) war und am wahrschein-
lichsten mit den Ruinen von Öarsadda, einer der Acht Städte
(Hastnagar), unweit der Vereinigung des alten Laufes des Käbul-
flusses mit dem Swät identifiziert wird5). Es ist daher nicht
schwer zu erkennen, dass bei Strabon TlXf^ivgiov und IlsvxoXatxig
die Plätze getauscht haben und ersteres falschlich an den Zu-
sammenfluss des Choaspes d. i. des Pangkora- Swät und Kopbes
verlegt ist, während es im Sinne der Quelle, welche den Choaspes
Gandhära durchströmen liess, in die Nähe der Mündung des Käbul-
flusses in den Indus zu setzen ist. TIXriMvQiov bezw. IlXri Fvqiov ü)
ist in nXriTvqtov zu verbessern, und darin sehe ich denselben Ort,
der bei Hüan-cuang (Mem. I 125. Hoei-li 165) P'an-
») y&QvÖt aXXfj it6ln x ymgvdcc &XXr\v noXiv i Coray yw^vdaiTjv
it6Xiv ald., lies rmgvuv oder VoagvaLav.
*) ßaQdofii ri r Dh (utväoßrivi]v F.
*) yaqSuQlxiv F yavdaqlxiv h.
4) s. M' Cr in die, The Invasion of India by Alexander the Great
p. 59 und N. 8.
6) Vgl. Court. J. A.S.B. vol. V, 1836, p. 394. 479. Vivien de
Saint-Martin, Mem. sur la ge'ogr. grecque et latine de l'Inde p. 36 ss.
Me"m. analytique sur la carte de rAsie centrale et de l'Inde bei
Stan. Julien, Me*m. de Hiouen-thsang III 308 und N. 3. A. Foucjier,
Notes sur la ge'ographie ancienne du Gandhära. Bull. d. l'Ecole
franeaise d'Extreme-Orient I (1901), 334 ss.
•J Kramer gibt folgende LAA: TtXiyvQiov s (cod. Paris. 1408):
idem legitur in roarg. CF. nXr\yriqiov mon (m = Venetus Nr. 878,
o = Paris. 1394, x = Mediceus plut 28 Nr. 19, z = Mediceus
plut. 28, 15).
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246
J. Marquart,
lo-tu-lo genannt und als Geburtsort des berühmten indischen
Grammatikers Pänini bezeichnet wird. Man nimmt allerdings seit
8 tan. Julien (Hiouen-thsang , Mem. p. 125 n. 2) an, dass das
Zeichen in Fan-lo-tu-lo ein Schreibfehler sei für §c so, weil
der Kommentar zum Ganaratnamahodadhi angibt, dass mit dem
Ethnikon SakUurifa im Sütra Pän. 4, 3, 94 Pänini selbst gemeint
sei *) und man darum ^alätura als Namen der Geburtsstadt Pänini's
erschliesst. Allein für die Echtheit des anlautenden p tritt eine
dritte unabhängige Quelle ein, die Weltkarte des Castorius. Hier
sehen wir über Alexandria Bucefalos, in der Nähe des Indus-
übergangs, die Station Spatura, Gepgr. Rav. SIMTVRA, worin
Tomascheks Scharfsinn«) die Stadt Salätura erkannt hat. Allein
die Schreibweise der Karte setzt zunächst eine Form SPALATVRA
= skt *Svalätura voraus, während IRtjxvQtov eine ionisierende
Form (wie ütvKolatug) darstellt. Die Stätte des alten Öalätura
bezw. Spalatura sieht Cunningham in dem heutigen Dorfe Lähür
unweit Und (Udabhän4&) nw. von Attock, wo bis vor kurzem die
alte Strasse von PuskaräwatI nach Tak^afiilä den Indus erreichte.
Ein Schloss kennt Berüni, India nahe der Mündung
des Käbulflusses in den Indus unterhalb Waihand (Ünd)8).
») Lassen, a. a. O. II8 474 A. 5.
*) Zur histor. Topographie von Persien 1 58 = SBWA. Bd. 102,
1883, S. 200.
*) Nach diesen Darlegungen will ich den Verdacht nicht länger
zurückhalten, dass in Herodots Kaaitäxvqog etwas mehr stecke als ein
einfacher Schreibfehler. An KcconcbtvQos, der von Steph. Byz. bezeugten
Form des Hekataios. ist natürlich nicht zu rütteln. Dagegen würde
man der Ehre Herodots bezw. seiner Gewährsmänner schwerlich durch
die Vermutung zu nahe treten, sie möchten die Hauptstadt von Gan-
dhära, wo die Expedition des Skylax ausgerüstet wurde, und den Ort,
wo dieselbe sich einschiffte, zusammengeworfen haben. Es ist daher
die Frage, ob sich für den von Hekataios Uberlieferten Namen Kaaitd-
itvQog eine Erklärung finden lässt. Ich vermute, dass es ein anderer
Name für PusJcaläwatl „die Stadt des blauen Lotos' war, und zwar
möchte ich darin die griechische Umbildung eines präkr. *Ktis(u)wapura
sehen, in altpersischer Lautform Ktupapura = skt. Kutruj/iajrura „die
Blumenstadt " . Wie die Hauptstadt von Magadha neben dem eigent-
lichen Namen PätcUiputra „der Sohn der Trompetenblume' auch die
Bezeichnungen Pueäpura oder Kusumapura „die Blumenstadt" führte*),
konnte wohl auch mit Pufkaläwati das synonyme Ktuwnapura wechseln.
Man hätte sich dann 2m denken, dass ersterer Name zu Skylax1 Zeit
vorzugsweise von der Landschaft gebraucht wurde, woraus dann Herodots
Jlaxrvtxij entstand. Ausser der Hauptstadt KAXTATTPOS wird Skylax
auch den Ort der EinschiÜuug erwähnt haben, der dann kein anderer
gewesen sein kann als ZPAAATTPOE am Indus. Dass diese beiden
a) Kunwtwpura die Residenz des Samudragupta nach der prasasti
von Allähfibäd Z. 7; s. Bühler, WZKM. V 227. Vgl. auch Lassen,
Ind. Alt. I« 168 A.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran
247
> Von den beiden Landschaften, welche der Choaspes durch-
messen soll, bleibt nach dem oben Gesagten für den wirklichen
Choaspes d. L den Swät nur Bavdoßr^vrj übrig, ein Name, der
bis jetzt noch keine Erklärung gefunden hat. In buddhistischer
Zeit heisst die vom Swät durchflossene Landschaft Udjäna „der
Garten', präkr. Uggäna, in älterer Zeit dagegen, so im Mahä-
bhärata und noch bei Asoka, finden wir für dieses Gebirgsland
nur den Namen Kambö§a. Man würde der Textüberlieferung
Strabons keineswegs Gewalt anthun mit der Vermutung, dass
BANAOBHNH durch Buchstabenvertauschung zunächst aus
KANBOAHNH und dies aus KAMBOA HNH entstellt sei; d = §
wie in AafiaanCa = Oämüapi Etes. Pers. 44. Die Kamböga
werden bei Ptol. 6, 11 p. 420, 7 ed. Wilberg in der Form Tdfißvlot
(für rdp.ßv£oi?) , in der Eosmographie des Julius Honorius c. 13
(bei Alex. Biese, Geogr. lat. min. p. 32, 5) als Pambothi (lies
Cambothi) und in Uamuoti verdorben beim sog. Aethicus eb.
p. 77, 40 erwähnt.
Megasthenes kennt sowohl den Zoctorog wie den raooofoc,
bezeichnet aber beide ungenau als Zuflüsse des Eophen, weiss also
nicht, dass sie sich zuvor vereinigen, ehe sie in den Eophen münden.
Auf diesen Irrtum geht auch die Darstellung des Ptolemaios zurück,
der ausser dem Suastos noch einen namenlosen Zufluss des Kwccg
(präkr. *Kutoä = wedisch Kubhä; s. Sylvain Levy, L'itineraire
d'Ou-k'ong p. 36. Extrait du Journ. as., Sept.-Oct. 1895) kennt,
benachbarten Orte, deren Namen einander graphisch so ähnlich sehen,
von den griechischen Geographen vermengt wurden , kann nach dem
5. 174 f. Bemerkten nicht Wunder nehmen.
Was die Umschreibung betrifft, so beobachten wir hier wiederum
dasselbe Streben nach Vokaldissimilation wie S. 179. Ausserdem ver-
dient hervorgehoben zu werden, dass die Lautentwicklung skt. ämi
präkr. Ac, dp und skt. *m: präkr. nc, ep gerade für das Präkrit der
nordwestlichen Inschriften charakteristisch ist. Vgl. auch den Volks-
namen Aämaka, welchen Waraham i h i ra, Brhat-Samnitä XIV 22 in der
nordwestlichen Abteüung aufzählt (vgl. noch V 39. 73. 74. IX 18. 27.
XVI 11. XXXI I 15) und der bei den Begleitern Alexanders unter den
verschiedenen Formen 'Atxaoioi (An*. 4, 23, 1. 24, 1; bei Strab. p. 691
und 698 wird Tndatoi oder 'l-nndotoi gelesen), Aspagani (Plin. h. n.
6, 79) und 'Aoomtrivoi (Arr. anab. 4, 23, 1; 25, 5. 6; 30, 5 etc. Ind.
1, 1. 8. Curt. 8t 10, 22. Strab. « 1, 17 p. 691. 27 p. 698) überliefert ist,
welche auf zwei Präkritformen *A4waka = ap. *Aepaka und *As$aka
zurückgehen. Die Form AJwaka findet sich selbst in gutem Sanskrit
als Variante von Ahnaka.
Allerdings äussert Prof. Kern gegen obige Erklärung von Katfitu-
rtvQog Bedenken, da husüma Paroxytonon ist und daher wohl zu
*kinttunar *kaswna, nicht aber zu *kusmat *hu8ica werden konnte. Doch
dürfte dieser Einwand kaum das Kompositum Ktuumapura treffen, das
wohl als Proparoxytonon betont wurde (vgl. Punuapura, arab.-pers.
^Lä^ Puruiäwar, j. Pefäicar), wodurch das mittlere u seinen Ton
verlor.
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248
J. Marquart,
welcher ans dem Lande der Paropanisaden komme und sich bei der
Landschaft rwQvaCa mit dem Koas vereinige (VI 18, 2 p. 435, 3 — 5
ed. Wilberg). Damit ist deutlich die Guruhä gemeint.
Xoaö7cr}g = ap. huwaspa „treffliches Wasser besitzend* ist
eine Iranisierung des Sanskritnamens^ welcher erst dem Megasthenes
und Ptolemaios bekannt wurde, wie TSdcitrig = ap. ^wida^-asjxi,
aw. *uridat-aspa „Bosse erlangend" für skt. Witastä. Nach
Fah-hian lag das Königreich la ffi? % Suk(siu)-ha ^-to d. i. päli
SuwatÜm südlich von U-cang (Udjäna)2). Hüan-£uang schreibt den
Namen des Flusses SS§f£#$Pfif Su-p'an fat-sue-tu3), worin
nichts als eine Kombination von vulgärer und gelehrter Trans-
skription zu erkennen ist, nämlich Su-p'an = *Sawat, präkr.
Suwatthu mit phonetischem Komplement fat-sut-tu = skt. vastu;
keinesfalls darf daraus aber mit Lassen, Zur Gesch. der G riech,
und Indoskythjschen Könige S. 144, Ind. Altertumsk. II* 140
A. 6 ein skt. Subhauxutu erschlossen werden ; denn in der Lebens-
beschreibung findet sich dafür, wie es scheint, die Schreibung
jfeäfiäiiB Su-p'0'8at-tu d.i. Suwästu*).
Es ist nun sehr wohl möglich, dass der Mythograph Heka-
taios diesen Fluss nach dem Gebirge, aus welchem er kam, einfach
Parapanisos nannte und das an ihm wohnende Schlaraffenvölkchen
der Nysaier mit den seligen Hyperboreern der hellenischen Sage kom-
binierte. Vielleicht kannte er auch bereits die indische Sage von
den Uttara kurawas 6), die man sich ebenso wie die Hyperboreer
im hohen Norden dachte und im Himalaja lokalisierte. Eine Spur
davon, dass man die Paropanisaden mit den Uttara Kurawas zu-
sammenbrachte, bewahrte noch die Karte des Orosius, welche im
Taurus mons östlich von der Quelle eines Flusses Ottorogorras
die montani Paropanisadae verzeichnete, wofern diese Darstellung
nicht lediglich auf einer Vermengung von Gandhora mit den
ravöaqldat beruht. Weiter gegen Osten war die civitas Ottorogorra
eingetragen 6).
1) Schallnachahmender Ausdruck für lachen.
*) Beal, Travels of Fah-hian and Sung-yun p. 28. Fä-hien, A
record of Buddhist kingdoms transl. by James Legge p. 29.
*) Hiouen-thsang, Mem. I 132 s.
*) Vgl. Julien, Liste des mots abreges (Mein. II 563; in der Über-
setzung Hoei-li's, Vie et voyages de H. ths. p. 86 steht Sou-p'o).
5) Vgl. Megasthenes bei Strab. 15, 1, 57 p. 711: mgl dh x&v %i-
Iibt&v 'Titeeßofftcov (Mtyuafr4v7}v) ra ainic liyuv Jk\ux>vidy xccl üivSäpa
xui &XXoie pvftoX6yois und dazu Schwanbeck, Megasthenis Indien
p. 65 ff. nach Lassen, Zschr. f. d. Kunde des Morgenlandes II 67.
Ind. Altertumskunde9 I 511. 2, 653. 693 ff.
<*) Oroa. I 17: a fönte fluminis Gangis usque ad fontes fiumiuis
Ottorogorrae, qui sunt a septentrione, ubi sunt montani Paropanisadae,
mons Taurus (dicitur Caucasus); a fontibus Ottorogorrae usque ad ci-
ritatem Ottorogorram inter Phunos Scythas et Gandaridas mons Caucasus.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 249
* Nach Aristeas von Prokonnesos waren die Hyperboreer das
äusserste Glied einer Völkerreihe, die von seinen Berichterstattern
eigentlich von Ost nach West verlaufend gedacht war , von ihm
und seinen Nachfolgern aber irrig als eine nordsüdliche aufge-
fasst wurde. Nach Aristeas waren über den einäugigen Arim-
aspen die goldhütenden Greife und die ripäischen Gebirge, von
welchen der Boreas wehe und auf denen der Schnee niemals aus-
gehe, über den Greifen und den Ripaen aber wohnten die Hyper-
boreer, die bis ans Meer reichten1). Da nun die Sage von den
goldhütenden Greifen unzweifelhaft auf die Sandwüsten von Hoch-
* Tübät und die von ewigem Schnee bedeckten Ripaen auf die
eisigen, von Sven Hedin bezwungenen Hochgebirge von Tübät
weisen, so muss das Volk, welches dem Aristeas Anlass zu
seinen phantastischen Schilderungen der Hyperboreer gegeben hat,
östlich von Tübät, also in China gesucht werden. Das Meer, bis
zu dem sie sich erstreckten, ist demnach eigentlich der östliche
Ozean2.)
Allein da sich die volkstümliche Kosmologie ein von ewigem
Schnee bedecktes Gebirge nur im Norden denken konnte, so ver-
setzte man die Ripäen und mit ihnen die Hyperboreer in den
hohen Norden und das Meer, an welches sie reichten, ward folge-
richtig zum Nordmeer. Während aber Aristeas den Pontos, an
» welchem die Kimmerier wohnten, im Gegensatz zu dem anderen
Meere, an welches die Hyperboreer stiessen, als Südmeer bezeich-
nete8) und noch Hekataios von Milet an der alten Vorstellung
von dem die Erde umfliessenden Okeanos festhielt 4), erklärt Herodot
auf Grund seiner bessern Kunde von Osteuropa und Nordasien,
man wisse nicht, ob dieser Kontinent im Norden von einem
Meere umflossen sei 6), und rechnet den Pontos zur ßo^rjlr} &dXaa<Ja 6),
wie er das Mittelmeer im Gegensatz zur 'Eovfty^ ftaXccoacc als der
voxCrj &&Xaoact nennt.
Im Vergleich hierzu bezeichnen die von den Begleitern Ale-
') Herod. 4, 13: *lG6r\d6vaiv dk fattQOixteiv 'Aqi[lccoitovs ävdQccg
povvocp&aXuovg, inchQ dh tovrav zohg xQveoyvXctxctg y^rörcre, xovtoav dh
rohg TitfQpoQiovg xar^xorrctg iitl frdXaaoav. Damastes von Sigeion bei
Steph. Byz. s. v. 'T«t QßÖQeioi • Jafidarrig tf* iv t& Trepl i&v&v (<p?)<jM
&vm £%v%&v tlad'nS6vag o/xffv, rovxcav 6* &vo>t4q(o 'A^nutanovs, ccva o
aitöbv rcc fPur<aa fyjj, ik &v xbv ßogiav itvslv , %i6vu dh iirjitott
ixleinnv, Mq dh rä ÜQr\ rafka ^TnegßoQiovg xa&rjxHV Ug ri]v
ItIqccv fraXcccoav.
*) Vgl. To maschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den
skyth. Norden I 50 ff. = SBWA. Bd. 116 Nr. 15, 1888.
LHer. 4, 13: Ktuptolovg dh olxlovxag iitl rfj votlrj d-cddaa-y &itb
v Ttiefrutvovs UXtiittiv xi]v x^Qnv ^d Stein z. St.
*) Schol. Apollon. Rbod. IV 259. Vgl. Her. 4, 86.
») Her. 4, 45. Vgl. 8, 115.
•) Her. 1, 1. 4, 37.
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250
J. M&rquart,
xanders aufgestellten Hypothesen über die Konfiguration von Ost-
europa und Mittelasien einen ganz gewaltigen Bückschritt. Den
Iaxartes und den Aralsee, den die Makedonen nicht selbst erreicht
hatten, identifizierte man ohne weiteres mit dem Tanais1) und
der Maiotis und die über jenen Gewässern hausenden Daher
brachte man mit den europäischen Skythen zusammen2). Ebenso
betrachtete man den Hindukus als einen Ast des Kaukasus und
liess auf ihm den Tanais entspringen8). Noch viel weiter gieng
indessen der Abderite. Er setzte offenbar die Kipaien dem Kau-
kasus gleich und betrachtete die Maiotis, vielleicht im Anschluss
an Herodots Sprachgebrauch, als einen Teil des Nordmeers, nahm
also eine Verbindung derselben mit dem nördlichen Ozean an.
So wird es begreiflich, dass sich des alten Hekataios 2*v&&v
axxri und der Fluss Parapanisos vom Südabhang des indischen
Kaukasos an die Nordwestecke des eigentlichen Kaukasus und
den nördlichen Ozean versetzen lassen mussten. Wahrschein-
lich geht auf den Mythographen auch die Vorstellung zurück,
dass sich die Maiotis weit nach Norden erstrecke, der wir
später bei Artemidor und Ptolemaios begegnen 4). Jedenfalls
liess er aber die Nordküste von Keltike bis nach Skythien und
in die Nähe der Maiotis reichen. Bei dieser Voraussetzung ver-
stehen wir die Fragmente Plin. h. n. 6, 34 : ab extremo aquilone
ad initium orientis aestivi Scythae sunt, extra eos ultraque aqui-
lonis initia Hyperboreos aliqui posuere, pluribus in Europa dictos.
primum inde (seil, ab Europa) noscitur promonturium Celticae
Lytharmis, fluvius Carambucis 6), ubi lassata cum siderum vi Ri
paeorum montium deficiunt iuga, ibique Arimphaeos quosdam
aeeepimus. Diodor. 2, 47, 1 : x&v yccQ tag ncdaiag fiv&okoylceg
&vccyeyQaq)6x<ov Exceraibg %al xivtg HxbqoI qxtGiv iv xolg ScvxmiQag
xf^g Kelxixrig xonoig xaxa xbv caxeavov tlvai vfjöov ovx ikaxxm xrjg
Umsktag. xavx<nv vndo^Biv fuv xccxcc xeeg uoxxovg, xccxoiiuiO&ai öh
l) Aman 3, 30, 7. Plut. Alex. 44. 45. Strab. i« 7, 4 p. 509/10.
6, 49. Vgl. schon Aristot. meteorol. 1, 18 (oben S. 244).
") Arrian 3, 28, 8: xal Jdag xovg inl xdät roß Tavdidog «oTccfioO
btoixoüvTccg. Strab. w 9, 3 p. 516: $ccol d£ xohg ÜOQvovg dang \Lexa-
vÜGtag slvcct ix x&v vit\q xi\g Mauhridog Aa&v, ovg Savdlovg tj Jla-
(flovg xcclovöiv oi) neevv ,d* oofwldyritai Jdag tlval xwctg rätv vnko
rt)s Mca&tidog 2xv&wv. Überarbeitet ist letztere Ansicht bei Curt.
VI 2, 13—14. Vgl. Gutschmid, Gesch. Irans 31 A. 3.
8) Arrian. 3, 30, 7, Strab. ta 1, 4 p. 510; auf den europäischen
Tanais Ubertragen bei Theophanes von Mitylene (Strab. ia 2, 2 p. 493)
und Theophanes Chrono«", p. 356, 24—25 ed. de Boor. Vgl. Ost-
europäische Streifzüge S. 158 A. 3.
*) Vgl. Müllenhof f, D. A. I 355 ff., II 170.
ß) Der Name Carambucis, KccQctfLßvxag lässt sich aus dem Ossetischen
ableiten; vgl. Jcälin, -un „sich ergiessen*, Causat. kaiin, -tm .ausschütten,
ausgießen«. Ws. Miller, Die Sprache der Osseten S. 57. 58 im An-
hang zum Grdr. für Iran. Phil. Bd. I.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
251
üxb x&v 6vo(xaZofdva>v tTjttqßo(fiwv oatb xoü noQQanipo xela&ca
xrjg ßoQtlov nvoijg' ovtiav o atfr^v &yti6v xs xal ndfupoQOv xxX.
Steph. Byz. p. 267, 12: 'E\t£oux, vrjaog 'TjtiQßootaiv, otix iXdaacw
ZixeXtag, (ntiQ 7toxa(i&$ KaQiipßvYxf ot vi\<Subxai KaQafißvxai iatb
tot) noxaftoi}, 6>g Enaxuiog 6 \4ßöi]olxi\g.
Die oben postulierte geographische Vorstellung wird uns nun
in der That von Plutarch ausdrücklich bezeugt, der darin, wie
Müllenhoff gezeigt hat, keinem Geringeren als Poseidonios ge-
folgt ist. Der berühmte Stoiker, der bei seinen ethnologischen
Kombinationen aus Namensanklängen ebenso weitgehende Folge-
rungen zu ziehen wusste als unsere Assyriologen, leitete die Kim-
bern von den alten Kimmeriern ab, und beginnt die Begründung
dieser Hypothese mit folgenden Worten : efol <T o? xal xx)v KtXxt-
x^v dut ßd&og %toqag xal piye&og dnb xrjg i%a>&tv &aXd(J6r}g xal
xäbv ina^nxlmv xXiftdxcDv nqbg qXtov dvla%ovxa xal xf)v Mai&rtiv
iitiGTQtyovGav aicxetäui xijg Ilovxixijg Exvftlag XiyovCi xaxEi&ev
xa ykvr\ p£plg#a». Tovxovg i^avaaxävxag ofa ix fxucg bQfiijg ovde
Owsx&g aXX1 hovg &q<x xatf txaaxov ivtavxbv Big xovpTtqoo&ev
all xmQO'Ovxag noXifitp jßovoig noXXoig btiXfciv xi\v fytttqov Si
o xal noXXag xaxä fiiqog iniMlr^Gug i%6vxmv xoivy KtXxoaxvdag
xbv oxQoxbv &v6na£ov a). Jene ethnologisch-geographische Theorie
scheint sogar noch in der fränkischen Trojasage nachzuwirken,
deren Trümmer uns beim sog. Fredegar, im Liber historiae Francorum
und bei Aethicus erhalten sind. Denn wenn die Stammväter der
Franken von Troja aus zunächst zu den Ufern des Tanais und
den maeotischen Sümpfen gelangen und in der Nähe der-
selben eine Stadt Sicambria bauen und weiterhin bei den maeo-
tischen Sümpfen mit den Alanen kämpfen2), so kann dies nur
auf einer älteren Form der Fabel beruhen8), in welcher die
Sugambern als Stammväter der Franken mit den Kimbern und
Kimmeriern zusammengebracht waren, sei es, dass man sie mit
den Kimbern zusammen aus dem Lande der Kimmerier an der
Maiotis, das später die Alanen inne hatten, auswandern Hess, sei
J) Plut Mar. 11. Vgl. Müllenhoff, DA II 169 ff.
*) Liber hist. Francorum c. 2 ed Krusch, M. G. SS. rer. Meroving.
t. II 241, 20 ff. Aethicus c. 103 p. 77, 26 ff. ed. Wuttke. Pannonien
als Heimat der Franken ist aus Greg. Tur. II 9 höchst ungeschickt
eingebthoben. Die Fabel , auf welche hier angespielt wird , ist nach
B i r t , Rh. Mus. N. F. 51 , 1896 S. 524 £. vermutlich von den Galliern auf die
Franken übertragen; vgl. lustin. 24, 4. Aethicus lässtden Francas und Vassus
von Alba Longa über Raetien nach den Einöden Germaniens gelangen
(vgl. Tac. Germ. 8), dann heisst es: laevaque Maeotidas paludes de-
mittentes more praedonum pyrTrlaticum et fero fisorum atque latronum
degentes urbem construunt; Sichambriam barbarica sua lingua nun-
cupant idem gladium et arcum, more praedonum externorumque positam.
*) Dass die fränkische und gallische Trojasage eine noch Uber die
Gründung der colonia Ulpia Trajana (Xanten) hinaufreichende Vorge-
schichte hat, hat Th. Birt erwiesen: Rh. Mus. N. F, 51, 1896, 506-520.
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252 «J. Marquart,
es, dass man sie direkt von den Kimbern ableitete l). Diese Fabel
ist dann mit der trojanischen in höchst roher Weise verquickt
worden Bei Fredegar sind an die Stelle der Alanen die Türken
getreten, die im Jahre 576 bis znm kimmerischen Bosporos
herrschten, nachdem sie die Alanen unterworfen hatten; als eine
Abzweigung von ihnen gelten die A waren an der Donau8).
Zu S. 103: Der Passus „Vielleicht hangt" Z. 29 bis .eine
zufällige sein" S. 104 Z. 14 ist zu streichen.
J) Vgl. die Etymologie bei Aethicus 1. L: Sichambriam barbarica
»oa lingua nuncupant id est gladium et arcum, welche den Namen in
sica , Sichelschwert" und cambrta zerlegt. Vgl. Birt a. a. 0. S. 514 f.
*) Die Albani bei Aethicus gehören von Anfang an in die troja-
nisch-römische, die Alant des Liber hist Francorum in die maeotische
Fabel. Auch die sog. fränkische Völkertafel (s. Müllenhoff, DA.
III 325 ff.) knüpft, wenn auch in äusserst abgerissener Weise, an Alba
Longa an. Denn Alaneus, der erste König der Römer, der in E Muljus,
in A Analeus hebst, ist niemand anders als Amulius, der letzte König
von Alba Longa, und sein Sohn Papulus ist Numa Pompilius. In
E, F und bei Nennius werden von jenem auch die drei Brüder Ermi-
nus, Inguo und Istio abgeleitet, was auf eine Benutzung von Tac.
Genn. 2 weist , wie die Einwanderung der Troer über Raetien nach
Germanien bei Aethicus p. 77, 25 auf Tac. Germ. 8. Eine Genealogie
bei Nennius macht den Alaneus zum Urenkel des Numa Pompilius.
Beim Barbaras Scaligeri (Eusebii Chron. I app. VI p. 199. 218 cd.
Schöne) ist Francus Süvius der fünfte König von Alba. Es ist freilich
ein gewaltiger Sprung, wenn auf Papulus unmittelbar Egetius, Egegius
und Siagrius, d. i. die drei letzten Vertreter der Römerherrschaft in
Gallien Aetius, Aegidius und Syagrius folgen, aber doch noch lange
nicht so schlimm, als wenn der Verfasser des Liber historiae Franco-
rum die Franken Marchomiris und Sunno (Gregor, hist. Fr. II 9) zu
Söhnen des Priamos und Antenor macht (1. c. p. 244).
*) Chronicarum quae dicuntur Fredegarii II 4 — 6 M. G. SS. rer.
Meroving. t. Up. 45, 18—46, 27. III 2 p. 92, 1—12. Der Name des
Eponymus der Türken Torquoth oder Torquotu* erinnert an die chine-
sische Form des Türkennamens : Tut-kut, d. i. Turkut.
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Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen.
Abdagases 80 A. 3.
Abdus 81. •
Acbatana 152.
Adukantf 182.
Amalcbius 84.
An-ta'ai 88—85. 240 f.
Anzan 155 A.
Aniean-ior 188 A. 1.
Arabion, caatellum AxabionU 233.
Arasmi 241.
Arevbanos 288.
aric 104 A. 8. 132 A. 2.
Äriobareanes 34. 67. 72.
ArkadriS 154.
Arsi 85. 241.
Arzoae 85.
Asagarta 174. 176 A. 5.
Asguzüia 112.
Asmaka 247 A.
Äfrrina 162 A. 2.
Azdgar 217.
bagajäda 132. 185.
Bagajariö 182.
Bardija 136 A. 5.
Birastäs 217.
Bohtan 173.
Buebar 217.
Cambades 165 A. 4.
Cambalidus 165 A. 3.
C am i »gares 106 A. 4.
Chaltojaric 104 A. 3. 182 A. 2.
chän, chrtna 180.
Charrae 34. 67.
Croucasis 81.
ten-bakur 6.
Drn 215 A 7.
Dretamat 237 A. 4.
Ebimaris 217.
Enzi, Enxite 138 A.
farnah- 184 A.
Frasargida 155 A.
fräta 121. 198 A. 1.
Gamir 112 A. 1.
Ganduma wa 180.
Garmapada 129.
gaS 80.
Gaugamela 25 A.
Gögmal 25 A.
Gometes 146.
Guruhä 244.
Gylace» 237 A. 4.
Habirdip 137 A.
Hajr mardpet 236.
Hal-Habirdipe 137 A.
Hartukka 1Ö5 A.
firotic* 199.
Hutana 162 A. 1.
IStunda 117.
jaric" *. aric
Jautijä 144. 169. 174. 176.
Kauipanda 165.
Kapwa 180.
KäpinaküuiS 180.
Kasak 27 A. 141 A. 5.
Kasp 27. 141 A. 5.
Kes 29.
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254
J. Marquart,
Krmäna 144. 176 A. 5.
Kukajaric' 132 A. 2.
Kurd b. Mard 187 A. 173.
Löböbnä 81 A. 2.
Lu*at«ari6 104 A. 3. 133 A. 3.
MaSnacha 67.
Maka, Mäkara 174.
Mard *. Kurd b Mard.
Mareri 205.
Margandak 72 A. 3.
Margazaua 182.
Maria 63.
Mätfrawäka 17.
Mcurk4 236.
Mer 236.
Memarmali 67.
Mergia 137 A. 146.
Mokk' 174.
Moscheni 174 A. 4.
Muzri 15 A. 4. 101. 104. 236.
Mzur 15 A. 4. 287.
Nagae 44 A. 2. 66.
NUaja 158 ff.
mm 160 a. 2.
Nysa 243. 248.
Orakan 236.
Olotoedariza 183 A.
Oropastes 146.
Otene 174.
Pahlaw 170 A. 1.
P'anlo-tu-lo 246.
Paradäta 76.
Parapanisos 95. 248. 250.
Pariani 144 A. 4.
Partslqäje 216.
Par-üparaesanua 78.
Pa|tün 177.
Patuä'arra 72.
Peädäd 76.
Phasiace 217.
Plinos 78.
P'ok-tat 175 f.
P'o-lo-si-na 75.
Pounita 73 f. 175.
Psacae 88.
Psaccani 88.
pük, puk 198.
Pulumäji 232.
Puskaläwatl 179.
Qarnnaka 184 A.
Que 101.
Sakäh Haumawargäh 86. 187 A.
140. 142. 242.
SanatrOk 18 A. 2. 218 ff.
Sandara 105 A. 5.
Sandaramet 105 A. 5.
Sanot 18 A. 2.
SantakSatru 88. 105.
Sapln 216.
Sauromaces 81.
Scolopitus 78.
SiHces 24 A.
Sinnaces 81.
Sitrae 24 A.
späh 18 A. 2.
Sppfitaza 105 A. 5.
Stranga 233.
Su-p'an-fat-BUt-tu 248.
Sata-upairi-saena 73.
Salätura 246.
Tardama 106.
TeuSpä 105 A. 5.
TiraiiS 182 A. 2.
Tuktamme 105.
Tunäia 118.
UStanni 115 A. 162 A. 1.
Volagases 80.
WachSuwarja 26 A. 2. 41 A.
Wararäapat 226 A. 2.
Wehkart 76.
Windahfarräh 183 A. 4.
Ziata 15 A. 5.
Zit'-ari6 132 A.
Zutarimaj 183 A.
AlyXoL 171 A. 1.
AivLa 174 A. 4.
'AXoyovvr\ 80.
'A^tot 25 A. 29 A. 57. 187 A.
Apparat, s. Aapßäyai.
'AfifuvaTtrif 36.
'AtUgwg 86. 137 A. 188.
'AfivQyioi 86.
'Anq>iaar,vri 138 A.
"Aogvos 86.
"Aogaoi 85. 240.
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Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen.
255
175.
Upfep 233.
'AQuXa>x6s 176 A. 4. 179 A. 2.
'Aoßavoitolig 282.
Aoyi\Maaa 90.
AoyiTCTTlClQl 90.
'Aoipaonol 90.
'AqiuvIcc ij ßoaxvxtoa 218 A. 2.
'Aootvog 236.
^(xtfTtp 241.
Aqxallag 93.
Upraqpp^yi]ff 161 A. 2.
^«Hraiuoi 247 A.
'Aaeaxr\vol 247 A.
'Aoruonrie 161 A. 2.
t40r?aft^vyog 211.
^tfT^VTJS $33.
'ArucptQvrig 73 A. 1. 4.
AirrocpQaddxTie 64 f. 86.
Bavtfo07}f^ 245. 247.
lk;(j:<c<{ouuavris 185 A.
Baq^aqiqdvrie 8. BaQtacpQafidvrig.
Bagxdvioi 143 A. 1. 144 A. 4. 170
A. 2.
BaayotSdgi^a 133 A.
Bovfiadog 25 A.
BcoUrut 8. Kaßoltxai.
rdßai 32.
rafaxTjvtf 108.
r«p{wmot 144. 176 A. 5.
Toix6avgog 90.
rovQcciog 245.
ra>(wa 245.
«4a<Mxat 28 A. 175.
Aa&ovoa 212.
Jdva 113.
Augslxui 28 A.
Aawiovrig 161.
^txfs 139 A. 1. 170 A. 2.
'Exßarava 152.
'E<OQ€ltat 178.
Bapavaloi 144. 176.
©«(Mottos 106 A.
7av<fv<roff 93.
'Ifidv&vooog 93.
7v*oi ol eidaiiwvfg 232.
Kaßoltrai 178.
Xapafi/Jvxas 96. 250 A. 5.
Kaondnvoog 140. 178. 242. 246 A. 3.
Kdamoi 27 A. 3. 140 ff.
Kola|ats 79.
Aaß9dvr\g 80 A. 3.
Aaußciycct 178.
viaffarfg 78.
yl£VXÖ0Ve<H 108.
vl/yves 109.
Avy duftig 105.
i;«*/off oi'f« 132. 135.
Maiavr\g 122.
Mattfar^s 122.
Mdoatpig 137 A.
Mapdtg 137 A.
Mdoioi 25 A. 40 A. 2. 57. 137 A.
s. auch Afiagdoi.
Maaaaykai 77 f. 136. 240.
Maxiavj 100.
MBQÖlag 137 A.
M^qpt? 137 A.
Mi&odxava 129.
Mvxoi, Mvxol 174.
Nundxai 78.
Nr\oala 66. 72 A. 1.
Ni(pdx7\g 186 A.
OAXbO 26 A. 2.
Ottgitaxa 79.
'Oftapyrjs 86. 137 A.
'OfM£$T7]ff 241.
'Ovaqp^vijs 80.
'Oivdoxng 26 A. 2.
'Oiv9dxi\g 26.
'O£v(fpcca»>oi 27 A.
'Oardvrig 162 A. 1.
(Wirf« 174.
Ovqßav6noXig 232 f.
OiW 144. 174.
Ttayair\ 18 A. 2.
natdxi\g 145 A. 4. 211.
TLdxxvsg 175 ff.
JlaxrvtxtJ 171—175. 178 f.
ndXoi 78.
navOtaXafoi 80.
Jla^ottorjs 145.
JTapatTaxrjvi} 33.
JlagaXaxai 79. 81.
J7apyvi)irca 178.
naoniarjg 73.
IlaQVuöOög 76.
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256
J. Marquart,
TlaQvr^dg 75.
JlapovTjTai 74.
nagovrai 74 A. 1. 175.
JTaptft^Tat 177 f.
IICCQTCCVTLXTIVT) 40 A. 2.
IlaQvddQTig 72.
naoccQyädo i 154 A. 5.
IIccoiQtee 216.
ITaxifciftr\g 145.
m^ptov 245 f.
/IoAt»/uog 232.
'Pevfrvcdot 79.
'Ptogoiavoi 79.
EayctQTioi 24 A.
Äri'dfflxtjs 88. 105 A. 5.
.Eapafuzvnj 68.
2,appa 60.
2exvvducv6g 72. 137 A.
.Etyptav^, SiyQucviKri 23 und A. 4.
Ziiixeg 24 A.
Äiaxrjff 81.
Zlqvyt 62.
Xx<Jfoff 79 A. 4. 112 A. 2.
Ä^oroi 78 f.
Zxv&at 112 A. 2.
.ZWpdts 145.
2psQdopivr\S 186 A.
EovdctQu 105 A. 5.
-Eotxru* 65.
tfTTOV 90 ff.
Zv&qoi 178.
2;qpfrda<y«Ttjs 108 A. 5. 136.
TaßiTivrj 42 A. 3.
Tayal 21. 54.
Tcdaßgöxrj 63.
Tfy/Jvfri 247.
Ta«»2 21. 63.
Tajrovpot 28 A. 33 A. 3. 40 A. 2.
50. 57.
TsQßiaooi 139 A. 1.
TnXeß6ag 236
Tovgiovag 81 A. 8.
Titavig 94.
Tffrarrjs 162 A. 1.
(PpartjraTTjs 185 A.
ätoxik 179 A. 2.
Aoatfjrrjj 244 ff. 248.
XoQoavi 40 A. 2. 71 A. 4.
Xtoijauvcdot 148 A. 5.
Xa>QOiu&Q7ivrj 24 A. 72.
WevdccQTecxri 88.
Ossetisch.
äfsad 88.
ary 86 A. 1.
art< 88.
fallag 95.
fandag 93.
fuss 90.
iäfs 88
kaiin, kälin 250 A. 5.
Armenisch.
-Mtr*«ffA 82.
*V«»-4-*fe. 82.
Ch
3jt 199.
198 A. 2.
jya^U^U 198 A. 2. 199.
^ÜLj 198 A. 8.
Sogdisch und Faryänisch.
gJU! 198 A. 3.
198 A. 4. 201.
j^Ä^ 198 A. 4. 201.
c*~*5 200 A. 3.
£ 6 A. 2. 201.
Jjuw 129. 198.
jjud 6. 134.
Vertdchnis der behandelten Namen und Glossen.
y 200 A. 1.
£^L~o 198.
^yU* 200 A. a
SagzT.
i3 0uy 199.
yL&i 199.
t3 199 A. 1.
Persisch -arabisch.
JJT57.
^Jujil 27. 29. 33.
g6AJ.
J^jUu 6 A. 2.
«• 134.
•^-^>!r^ 7i a. i.
Jy>71.
sr* ^ 160.
vJS^L» 62 A. 1.
ijjL. 62.
o3LrbLJl 228.
.UäJLJt 103.
Philologns 8applem<mtband X,
53.
62.
^bit 160.
\J**+S° 56.
I^aXL* 180.
Ol Jü>y 4 A. 3.
0jAjjS 32.
o^jJS 28 A.
^La-I^U 24 A.
Oj.Lo 214 A. 6.
^Lpj^L. 56.
'MtläJf ^ 159 f.
jZjA 15 A. 4. 101. 103.
0Ldy 174.
'*JM 59.
^Uy 180.
o^l$> 214 A. 6.
Aramäisch.
~J500/ 81 A. 2.
>p-V, ^J? JjQ~3D 234.
112.
wO^ODOiO) 282.
^nism 26 A. 2.
XYllBm 86.
11.
♦DD koj (O'^D 240.
17
258 J- Marquart, Verzeichnis der behandelten Namen und Globen.
81.
81 A.2.
10.
— • riKTC 121.
17.
vm.or> 10.
81
•|00 C}00 W) 115 A.
11. 80 A. 8.
0*2üt 81.
JrO*> 80 A. 3.
9«A^ 11. 80 A. 3.
217.
«mm» 121.
loOO* 176 A. 4.
"Wnn (wnr) 106.
r>rin 114 A. 1.
ja
o
G.
Digitized by Google
Soeben erschien:
pie Geschichte des griechischen SKeptizlsmns
von Dr. Alb. Goedeckemeyer,
Priratdoxeoten der Philoaophie in Güttingen.
IV. 332 S. gr. 8°. Geheftet Mk. 10.—, gebunden Mk. 12.-.
Inhalt :
I. Die Yorlüufer des griechischen Skeptizismus.
1. Xenophanes. 2. Democrit. 3. Die Schule Democrit*. a) Me-
trodor. b) Anaxarch.
II. Der griechische Skeptizismiis.
1. Der dogmatische-phaenomenalistische Skeptizismus, a) Pyrrho.
b> T'mon.
2. Der aheolute-eulogistische Skeptizismus, a) Arcesilaus. b) La-
eydes. c) Telecle«, Euandrus und Hegesinus.
3. Der absolute-probabilistifche Skeptizismus, a) Carneades.
b) Carneades Polem. und Crates. c) Clithomachus. d) Die
Schule des Carneades und die Neuerungen des Clithomach is
(Hagno, Cbarmadas, Metrodor, Aescbines u. andere), e) Philo,
f) Cicero, g) Eudorus. h) Arius Didymus. i) Didymus Ateius
und Celsinus.
4. Der absolute-majoriatische Skeptizismus, a) Einleitung (Ptole-
maeus, Sarpedon und Heraclides). b) Aenesidemus. c) Aene-
sidems nächste Nachfolger : Zeuxippus, Zeuxis und Antiochus ;
ferner Apollonides, Muuseas und Philomelus.
5. Der doguiatische-positivistische Skeptizismus, a) Einleitung:
Agrippa. b) Menodotus, Exkurs: Favorinus. c) Von Menodot
bis Sextus (Cassius, Theudas, Theodosius, Herodotus).
6. Der absolute-positivistische Skeptizismus, a) Sextus Empiricus.
b) Saturninus.
>*>*>*>*in*>+>+>w>*)+>n*>+i+>*>n»i*y*>*>*>+ >mym trn*» **************
Handlexikon zu Cicero
Ton H. Merguet.
Erstes Heft (A— D). 25 Bogen gr. 8°. Preis Mk. 6.—.
Das Handlexikon gibt in einer Auswahl von Beispielen, die den
sämtlichen Schriften Ciceros, also auch den rhetorischen Schriften und
den Briefen nach dem Wortlaut der neuesten Te,xte unter Hinzufügung
abweichender Lesarten entnommen sind, eine Übersicht Uber den ge-
samten Sprachgebrauch dieses Schriftstellers. Diese Beispiele sind so
gewählt und gefasst, dass daraus die Bedeutungen und Konstruktionen
uer Wörter, iure phraseologischen Verbindungen, die sinnverwandten
Ausdrücke u. dgl. zu ersehen sind, dass sie also Auskunft über die ver-
schiedensten Fragen der Bedeutungslehre, Grammatik und
Stilistik aus dem besten klassischen Latein geben. Gleichzeitig sind
die zahlreichen Stellen von sachlicher Bedeutung dabei vorwiegend
berücksichtigt.
Durch diese Einrichtung soll das Buch sowohl Studienzwecken
dienen, wie auch namentlich tür den praktischen Schulmann bei
dem Unterricht in der lateinischen Sprache ein leicht zugängliches, be-
quemes und ausgiebiges Hülfsmittel sein.
Das Handlexikon zu Cicero erscheint in 4 Heften von gleichem
Umfang zum Preise von ö Mark für jedes Heft.
Da das Manuskript des ganzen Werkes fertig vorliegt, so
wird seine Herausgabe in Jahresfrist beendet sein.
In demselben Verlage ist erschienen:
Osteuropäische und * *
ostasiatische Streifzüge.
Ethnologische und historisch-topographische Studien
zur Geschichte des 9. und 10. Jahrhunderts
(ca. 840-940)
von J. Jlarquart.
Mit Unterstützung der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin.
L und 557 S. gr. 8°. Preis Mark 30.—.
Die vorhandenen Bearbeitungen der Geschichte der Volker-
wanderungen kranken durchweg an zwei Hauptmängeln : dass sie diese
grossen Bewegungen nicht im Zusammenhange zu erfassen suchen,
sondern in herkömmlich einseitiger Weise nur eine Episode aus denselben,
die speziell sogenannte Völkerwanderung, herausgreifen und den zahl-
reichen ethnologischen Problemen, welches jenes historische Panorama
darbietet und die auch fUr unsere Zeit noch von aktueller Bedeutung
sind, nicht im entferntesten die gebührende Sorgfalt zuwenden. Wenn
irgendwo, so rechtfertigt sich aber hier für den Forscher die so be-
rüchtigt gewordene Methode des Krebsganges. Vor allem gilt es, die
ethnologischen und politischen Zustünde der ersten Hälfte des 9. Jahrh.
festzuhalten, um sie von der folgenden Periode, der zweiten Völker-
wanderung, möglichst scharf unterscheiden zu können. Dieses Ziel
lä*st sich mit Hilfe der arabischen Geographen bis zu einem gewissen
Grade erreichen, freilich nicht auf direktem Wege, sondern nur durch
Rückschlüsse aus Werkeu des 10. und späterer Jahrhunderte. Dem-
gemäss ist vorliegendes Buch in erster Linie der Analyse und Erklärung
arabischer und neupersiseher Texte gewidmet. Vor allem wird gezeigt,
dass ein in verschiedenen arabischen und neupersischen Werken über-
lieferter Bericht über die Nord Völker, der sich auf Osteuropa und einen
Teil der Kaukasusländer bezieht, von einzelnen Interpolationen abge-
sehen, aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts stammt und daner
von grösster Wichtigkeit ist. Nächstdem werden die auf Osteuropa
bezüglichen Nachrichten Mas'udi's, die uns von Brandenburg bis zu
den Wolga-Bulgaren fuhren, kritisch erörtert und wird die Notwendig-
keit einer auf umfassendem handschriftlichem Apparate aufgebauten
neuen Ausgabe des Hauptwerkes des berühmten Weltreisendnn nach-
drücklich betont. So werden insbesondere die politischen und zum Teil
auch die religiösen Verhältnisse der Chazaren, Magyaren, Donau-Bul-
garen, Slawen und Küssen sowie Armeniens und Georgiens im 9. und
10. Jahrhundert, soweit es der Zweck des Buche» erfordert, mehr oder
weniger eingehend untersucht. Kine Streitfrage , die sich an Mas'udis
Bericht Uber die Slawen knüpft, gab Veranlassung, die Geschichte und
Geuealogie der Abodritenfürsten im 10. und 11. Jahrhundert festzu-
stellen. Der Bericht des Harun b. Jahjä über seine Heise nach Kon-
stantinopel und Kom, der hier den Nichtarabisten zum erstenmal zu-
gänglich gemacht wird, ist für die Geschichte der Baikauhalbinsel im
letzten Viertel des 9. Jahrhunderts nicht ohne Interesse und darf von
den Byzantinisten keinesfalls ignoriert werden. Die Analyse einer Er-
zählung Mas'udis ermöglichte dann auch eine bestimmtere Ansicht über
den sen windelhaften Reisebericht des Abu Dulaf Mis ar b. al Muhalhil
und die Lage der angeblichen chinesischen Hauptstadt Sandabil.
Druck Ton O. Kreywng in Lelpcip.
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:•
ZEITSCHRIFT
FÜR
DAS CLASSISCHE ALTERTHUM
BEGRÜNDET
yon F.W.SCHNEIDEWIN und E. v. LEÜTSCH
HERAUSGEGEBEN
VON
OTTO CRUSIUS
IN MÜNCHEN
%
Supplementband X, Heft 2.
LEIPZIG
METERICH'SCHE VERLAGS-BUCHHANDLUNG
THEODOR WEICHER
INSELSTRASSE 10
1905.
Digitized by
Zweites Heft.
Seite
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. Von Fr. Vollmer . . 259
Auagegeben am 25. August 1905.
3n bemfclben Berlage erfdjicn:
nad> tyren ftavtcw imb tyren föwadfcn Seiten
mit einem ^nfjaug über £ätfel§ t^eotogtfd^e Äritifer
von
Julias 8aism<tmt,
p. b. 1?rofcffw ea «philo! opbie an c<v »m»rrfitSt ©öttuipm.
Jlritb Unflagc
mit einem Wadnoort über
„§8cfcU Se benannt nb er".
%hä* 9.W. 1.5D.
3 u h a 1 1 :
§atfele Cebion für* au^esflaen. — Tic uütunmifenfd)afttt$e SWettyobe.
— iiefe l iievtaöt bie fieberen thfennluiite über bie unoraanifcfje 9latur.
— (Sine ftavfe Seite Suiefelä ift bie vti nnb Stcrna.efd)id)te. — 2)te
fidjeren O'rtenittniffe über bie orqanifdje Kultur. — &arroim3miiS. —
©ine ,vr>eitc mvrfe Seite >>ädelv\ — Tie «eiftige Seite ber Jiere. — £eiö
©eifrige im iWenfd)cn. Tefiou $ebina.iheü \)t eine ftarfe Seite $ätfel§,
DC
utn(
fdjaftlidjcr StnnbpmVft* .\>iidel£ '^ufmifuna. ber tnftorifrfjen SRetiaü
nen nnb Vciu ^,iel. 3t n () a n : tyxol Vco^ nnb iuaö man au§ tbm
nirfjt erficht. — «;<rof. Sroeltfd) unb um* er nicfjt ficht. sJ?ac^roort übet
ftacfcly „Vebenonmnber".
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DIE
UBERLIEFERUNGSGESCHICHTE
DES HORAZ
VON
FR. YOLLMER.
Philologu«, Supplementband X, zweite« Hoft. 18
v
; StP 18 1905
,;OGE, «0:
'Cum . . . pauci veteres scriptores traditione, ut ita dicam,
tarn firma et certa ad nos propagati sint quam Horatius, cre-
das, emendationi in eo exercendae fines satis angustos prae-
8criptos esse* M. Hertz, ind. lect. Vratislav. 1889 p. 6. 'Bei
einem so gut erhaltenen Texte, wie es der des Horaz ist, spielt
die emendatio oder die divinatorische Kritik keine große Rolle,
aber eine noch geringere die recensio oder die Zurückführung
des Textes auf die älteste und treueste Form der Ueberliefe-
rung. Aber gleichwohl darf doch auch bei Horaz die recensio
nicht ganz vernachlässigt werden W. v. Christ, Horatiana,
Sitz. ßer. d. bayr. Ak. d. Wiss. philos. hist. Classe 1893 I
p. 83. 'Für Conjecturalkritik ist im Horazischen Text wenig
Raum' W. S. Teu f f e 1-Schwabe, Gesch. d. röm. Litt.4 p. 502.
'Die Kritik des Horaz beruht auf dem codex antiquissimus
Blandinius' M. Schanz, (jesch. d. röm. Litt II la p. 125.
'Happily the text of Horace is one in which, if soiue pointe
must always remain in uncertainty, the uncertainty is of a
very bearable kind. The worst result of a bad judgement
will usually be only to prefer the least probable of two rea-
dings, either of which has inuch to say for itself, makes good
sense, and has been supported by great scholars' Horace, by
E. C. Wickham, I p. XIII.
Diese kurzen Citate geben wohl die Hauptgedanken der
gedruckten communis opinio über Horazkritik wieder ; den
überlieferten Text anzuzweifeln oder gar eine Conjectur im
Horaz zu machen gilt noch heute in weiten Kreisen als Spie-
lerei oder beinahe als Blasphemie ; Gewohnheitsmeinungen
entscheiden: Bentleys und Meiuekes kühnes Angreifen der
18*
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262
Vollmer ,
Ueberlieferung gehört der Geschichte an, um zu schweigen
von Hofman-Peerlkamp8 Athetesen ; im Horaz- Text 'giebts
nichts mehr zu tun', höchstens wird gelegentlich zwischen zwei
handschriftlich bezeugten Lesarten gewählt , sonst müssen
Haupt- Vahlen's, Hertz1, L. Müllers, Kiessling's Texte als Grund-
lagen für sachliche und sprachliche Behauptungen und Unter-
suchungen genügen.
Und doch ist die kritische Ausgabe des Horaz schon
1S64— 69 erschienen (I2 ed. Keller-Holder 1899): dort
lag das kostbarste Material, mit unendlichem, nie genug an-
zuerkennendem Philologenfleiße zusammengebracht, vor. Wa-
rum lag es, von kleinen Erträgen hier abgesehen, brach?
Aber lag es denn brach? Ein Beispiel möge zeigen, daß
nicht einmal die recensio zu Ende geführt worden ist. Ich
habe noch keine nach Keller- Holders grundlegendem Werke
erschienene Horaz-Ausgabe kennen gelernt, in der nicht (wie
bei K.-H.) nach den ältesten Drucken zu lesen wäre carm.
1, 8,1
Lydia, die, per omni*
te deos oro eqs.
Und doch ist der gesicherte Beweis in dem von Keller- Holder
und ihren Vorgängern zusammengetragenen Material beschlos-
sen, daß diese Fassung der Verse nicht die des Horaz, sondern
die eines Karolingischen Glossators ist. In v. 2 haben alle
unsere guten Hss. beider Klassen, wie ich sie unten scheiden
werde, hoc deos vere; aber das besagt nicht sehr viel: aus-
schlaggebend ist, daß im 1. Jahrh. nach Chr. Caesius Bassus
(gramm. VI 270, 14) und nach ihm Victorinus (ibid. p. 87, 15.
166, 1) und Fortunatianus (ibid. p. 300, 27) m i t a u s d r 0 c k-
lichen Worten diese Lesart bezeugen, indem sie sie be-
handeln und von ihr ausgehen1). Und aus derselben Quelle
stammen die nicht ausdrücklich die fraglichen Worte sichern-
') Im kritischen Apparat von K.-H. ist diese Tatsache, wie leider
auch so viele andere gleicher Art, dadurch verschüttet, daß die bloßen
Worte der immer wieder nach dem Schultexte interpolierten Lemmata
der Metriker als den ausdrücklichen Meinungsäusserungen gleichwertig
verzeichnet sind. Kein einziger der von K.-H. für te dem oro oder hoc
deos oro angeführten Grammatikernamen bezeugt wirklich diese Lesarten.
Ebenso haben die Metriker in den Lemmata z. B. die falschen Lesarten
1, 20, 1 potabis, 1, 23, 1 Vitat
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 263
den Zeugnisse des Diomedes (gramm. I 508, 37. 520, 27) *).
So verstehen sich denn leicht die aus dieser alten Ueberliefe-
rung entstandenen zwei verschiedenen späteren Fassungen: lioc
deos oro (o;t) und te deos oro FA1 (lemma Porph.) : sie stellen
nur zwei verschiedene Stadien des Eindringens der zu der Be-
schwörung per omnis deos übergeschriebenen Glosse te oro dar.
Es leuchtet ein, wie wichtig die recensio dieser Stelle für die
Wertung der Hss.- Gruppen ist.
Dies für den Zustand der gebräuchlichen Horaztexte wirk-
lich bezeichnende8) Beispiel ist aber nun leider nur ein Bei-
spiel, nicht eine Ausnahme: es gehört zur Tragik der Geschichte
auch unserer Wissenschaft, daß fast übermenschliche afrXa
den bewundernswerten Ringer im letzten Augenblick um den
Siegespreis betrügen. So ist es mit der Keller-Holderschen
Horazausgabe gegangen: im siebenten curriculum sind die
Rosse ausgebrochen und der Wagen hat die creta nicht er-
reicht. Wir danken den beiden emsigen Gelehrten eine fast
überreiche, höchst fruchtbare, aber noch nicht bis zu Ende
durchgearbeitete und darum hie und da trügerische Stoffmasse;
zu leisten bleibt die Geschichte und damit die Kritik dieser
Ueberlieferung mit der recensio des Textes : dann wird sich
zeigen, daß auch der emendatio noch genug zu tun bleibt4).
Daß es so mit dem Horaztexte steht, wird, um von den
Griechen zu schweigen, den nicht überraschen, der weiß, wie
es mit den übrigen lateinischen Klassikertexten bestellt ist:
d i e Autoren, für welche Ueberlieferungsgeschichte und recen-
sio in guter oder auch nur in ziemlich ausreichender Weise
*) Mit völlig treffendem Urteil hat diesen zweiten Vers schon ge-
legentlich im Jahre 1869 behandelt Usener Rhein. Mus. 24, 337, ohne
freilich der Sache weiter nachzugehen, weil es ihm auf anderes ankam.
Von falschen Voraussetzungen aus besprach die Stelle W. v. Christ,
die Verskunst des Horaz, Sitz. Ber. bayr. Ak. 1808 I p. 26, 4.
8) Daß mit diesem Urteile keinem der durch sachliche oder sprach-
liche Beobachtungen ausgezeichneten Horazforscher zu nahe getreten
werden soll, brauche ich wohl nicht zu versichern; die recensio war
eben nicht geleistet, daa führte alle in die Irre, die sie geleistet glaubten.
4) Ebenso wie ich urteilt F. Leo, Gött. gel. Anz. 1904, 849 ff.,
durch dessen Güte mir seine Abhandlung zuging, als diese meine Unter-
suchungen schon einige Monate geführt worden waren. Auf Leo'a eigne
Skizze der Ueberlieferungsgeschichte des Horaz werde ich unten zurück-
kommen, da ich in wesentlichen Punkten zu andern Ergebnissen ge-
langt bin.
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264 Vollmer,
geleistet sind, lassen sich an den Fingern herzählen ; die tiber-
wiegende Masse, ich nenne nur Terenz, den größten Teil von
Cicero und Livius, Ovid, harrt noch der bis ans Ziel dringen-
den Arbeiter.
Ich will im folgenden den Versuch machen die wichtigsten
Zeugen über die Haupttatsachen der Textgeschichte zu verhö-
ren: von vorn herein muß ich mich auf die Hauptsachen be-
schränken aus dem Grunde, weil ich die Hss. des Horaz nicht
selbst gesehen und verglichen ö) habe, andrerseits die Hss.-Be-
schreibungen bei Keller- Holder für genauere Untersuchungen
nicht ausreichen. Freilich läßt sich bezweifeln, ob es je ge-
lingen wird die Derivationsverhältnisse aller einzelnen Hss.
mit Sicherheit festzulegen : jedenfalls gehört die Aufgabe ins
Gebiet der mittellateinischen Philologie und läßt sich nur im
engsten Zusammenhange mit der Kloster- und Gelehrtenge-
schichte des 8. — 10. Jahrhunderts lösen. Das aber muß ich
anderen überlassen.
Naturgemäß geht der Sichtung und Wertung der Hss.
voraus was wir von älteren Zeugen aber die Geschichte des
Dichtertextes erfahren.
L
Diese indirecte Ueberlieferung®) des Horaz
ist, soweit ich sehe, noch nirgend im Zusammenhange genü-
5) Diese Arbeit haben Keller-Holder wie es scheint in der vorzüg-
lichsten Weise geleistet: was mir eine Controle ermöglichte, die vor-
trefflichen Lichtdrucke bei Chatelain, pal^ographie des classiques latins,
bestätigte bis auf kleinste Kleinigkeiten die Treue und Gewissenhaftig-
keit der Vergleicher. Zur Nachvergleiciiung von B lieh mir Traube den
herrlichen Band der Hagen-Sijthoffachen Ausgabe: den Oxon. hat mir
für alle wichtigen Stellen M. E. A. W i n s t e d t in freundlichstem Ent-
gegenkommen verglichen, auch die Photographie einer Seite besorgt.
Wickhams Collation ist, wie ich vermutete, vielfach ungenau. Uebrigens
hat 0, der aus dem XI., nicht aus dem X. Jahrh. stammt, für die re-
censio gar keinen Wert, da er vollständig Mischhs. ist und von <I> ebenso
abhängig wie etwa u (Paris. 7973). Ich führe seine Varianten (0) hier
im Aufsätze nur mit an, um dies Urteil zu beweisen, werde sie in der
Ausgabe weglassen. Daß ich in den folgenden Listen ab und zu das
Material kürze, bedeutungslose Einzelheiten beiseite schiebe, wird man
mir hoffentlich nicht vorwerfen, sondern danken. Unsere Wissenschaft
leidet heute gerade genug durch übertrieben pedantische I-Tüpfelchen-
Zusammenstellungen.
e) Ich übergehe in der folgenden Zusammenstellung absichtlich die
sogenannten Nachahmungen bei Dichtern wie Prosaikern: nur die we-
nigen Stellen, wo sie eine Variante ergeben, berühre ich.
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Die Oeberlieferungsgeschichte des Horaz. 265
gend bebandelt worden 7). Ist sie auch nicht so reich und be-
deutend wie bei Plautus 8) oder wie die von 0. Ribbeck (Pro-
legomena p. 200 sqq.) gesammelte des Vergil, so hat es sich
doch bitter gerächt, daß man sie vernachlässigte9).
An ihrer Spitze stehe — Scherzes halber — Horaz
selbst : nicht weniger als 5 ganze Verse wiederholt der Dichter
in seinen Werken 10), vier ganz sicher als Selbstcitate : sat. 1,
4, 92 ego si risi (1, 2, 27) quod ineptus 'pastillos Bufillus olet,
Gargonius hircum\ dann Pantolubo sctirrae Nomentanoque ne-
poti (sat. 1, 8, 11. 2, 1, 22), weiter epist. 1, 1, 56 ha ex recinunt
iuveties dictata senesque 'laevo suspensi loculos tabulamque
lacerto' (sat. 1, 6, 74), und carm. 4, 1, 5 deswe dulcium ''mat-
ter saeva cupidinum' (carm. 1, 19, 1) ; zweifeln kann man bei
epist. 1, 6, 28 und sat. 2. 3, 163 quod (si) latus aut rencs mor-
bo temptantur acuto, vielleicht liegt Lucilius zu Grunde.
Wie wichtig diese Art der Ueberlieferung ist, zeigt sich
uns schon beim ersten Schritte. Denn der Vers sat. 1, 2, 27
= 1, 4, 92 piistillos Bufillus olet, Gargonius hircum hat die
Doppelung der Tradition dringend nötig, um sich zu verteidigen
gegen den zeitlich folgenden Zeugen, S e n e c a. Dieser bringt
in den Episteln drei directe Horazcitate (sat. 1, 2, 27. 1, 2,
114 ff., 1, 3, 11 ff.); die beiden letzten stimmen zu unsern
Hss. n), aber eins giebt eine erhebliche und wichtige Abwei-
chung : Buccillus statt Bufillus der Hss., zwar nicht ausdrück-
lich, aber 3mal; und es ist gänzlich unwahrscheinlich, daß
mittelalterliche Schreiber in den Seneca-Hss. einen Namen
interpoliert hätten, den wir heute mit Mühe durch ein paar
Steine belegen können. Auch giebt die Stelle Senecas (epist.
7) Denn Kellers Epilegomena S. 799 bringen nur eine ganz un-
kritische und unvollständige Citatenhäufung. Natürlich verdanke ich
den größten Teil des Materials Keller-Holders Apparat: daß ich alles
selbst nachgeprüft und ergänzt habe, wird sich ja wohl zeigen.
8) Siehe jetzt die äußerst bedeutsamen Sammlungen bei Lind say,
ancient editions of Plautus, Oxford 1904 S. 2—35.
9) Wie z. B. die Verdächtigung von carm. 1, 12, 87—40 durch die
Zeugnisse des Quint. Prise. Schol. Stat. einfach abgewiesen wird.
,0) Nicht hieher gehört der aus üblicher Wendung gebildete Halbvers
eanum recteque valentem epist. 1, 7, 3. 1, IG, 21, eher sat. 1, 6, fi. 45. 46.
") Die Abweichungen in Bat. 1, 8, 14. 15 sind Schreibfehler der
Seil. -Hss.
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266 Vollmer,
86, 13) nicht den mindesten Anhalt zu der Vermutung, daß
der Briefsteller etwa scherzhaft dem Rufillus des Horaz einen
Buccillus seiner eigenen Zeit substituiert hätte. Also es bleibt
nichts übrig: Seneca las in seinem Horaz wirklich Buccillus.
Dann irren unsere Eoraz-Hss. , denn leicht war eine Stelle
nach der andern abcorrigiert V Es wäre möglich, da in der
Capitalschrift BVCILLVS schon zu RVFILLVS werden konnte,
und ich meine, diese Möglichkeit müssen wir, wo doch, wie
wir unten sehen werden, unser Horaztext nur auf einer einzi-
gen H8. des 6. Jahrh. ruht, durchaus offen halten. Immerhin
kann, obschon andere Zeugen zu den Hss. hier nicht hinzu-
treten, RVFILLVS richtig sein. Einmal ist auch dieser Name
durchaus nicht häufig; sodann aber bietet sich die Möglichkeit,
daß wir hier die Hand des Probus verspüren. Es ist sehr gut
denkbar, daß in der Zeit vor Seneca die falsche Lesung
BVCCILLVS in die Hss. eindrang, daß aber von Probus aus
guten Quellen das Echte hergestellt wurde. — Bei Sen. findet
sich ferner ein Horazcitat in der apocolocyntosis 13: belua
cenikeps carm. 2, 13, 34.
Der nächste Zeuge für Horazworte nach Seneca ist C a e-
sius Bassus: den bis heute verkaunteu Wert seines Zeug-
nisses für c. 1, 8, 2 habe ich oben12) erörtert.
Eine Stelle (serm. 2, 4, 12 — 14) paraphrasiert Plinius
der Aeltere, ohne daß sich eine Variante ergäbe13).
Auf ihn folgt mit einer ganzen Reihe von Citaten14)
Quin tili an, ein deutlicher Beweis für des Dichters Ver-
na g_ 2(j2.
IS) Die wahrscheinlich aus Püning' grammatischen Werken genom-
menen Horazcitate bei späteren Grammatikern hat gesammelt Münze r,
Beiträge zur Quellenkritik der Naturgesch. d. Plinius S. 44 Anra. Es
sind folgende: Plin. libr. dub. serm. ed. Beck p. 30,23. 53,10. <i2, 10.
68, 11. 77, 9. Aus Zweckmäüigkeitsgründen und weil man nicht wissen
kann, ob die späteren nicht eventuell nach ihren Horazexemplaren die
Citate änderten, lasse ich hier und andern Orts die Citate ihren jetzigen
Quellen, Chans, und andern.
") carm. 1, 4, 13. 1, 12, 1. 1, 12, 41. 1, 14, 1-3. 1, 15, 24. 2, 13, 26.
3, 6, 36. 4, 2, 11. 4, 13, 12. sat. 1, 1, 100. 1, 4, 11. 1, 6, 103 (oder epist. 2,
1, 192?) 1, 10, 44. 2, 6, 84. epist. 1, 1, 41. 1, 1, 73. 1, 5, 23. ars poet. 1-2.
25. 63f. 139. 311. 359. 388., 401. Ich nenne hier und im folgenden nur
die Horazstellen , die Stellen der Citierenden sind leicht bei Keller«
Holder oder in meiner demnächst erscheinenden Ausgabe zu finden.
i
i
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 267
breitung in den Schulen15). Manche dieser Citate sind frei
(carm. 1, 12, 1. 2, 13, 26 sat. 1, 4, 11 epist. 1, 1, 73. 1, 5, 23
ars 359. 388. 401), andere gekürzt (sat. 2, 6, 84 nec . . . cice-
ris; ars 25 ein paar Worte und dann et quae secutitur);
Schreibfehler der Quint.-Hss. c. 1, 14, 2 accipe statt occupa,
4, 2, 11 solutus st. solutis; sonst stimmen die Lesungen zu
den Horaz-Hss. bis auf c. 1, 12, 41 intonsis, wo die Horaz-
Hss. geben incomptis. Scharfsinnige Leute haben auch wirk-
lich intonsis verteidigen zu können und zu müssen geglaubt lfl) ;
es muß vielmehr völlig außer betracht bleiben, einmal weil
es Quint, durchaus nicht ausdrücklich bezeugt, weiter weil zu
den Horaz-Hss. als ausdrücklicher Zeuge Servius tritt und
außerdem incomptis auch in des Charisiue Horaz stand : Quint,
hat aus dem Gedächtnisse citiert, vielleicht auch Glosse für
Text genommen.
Hätten wir doch irgend ein Zeugnis über eine Lesung
des Probus im Horaz! Sie würde uns wahrscheinlich manche
Ansicht und Aussicht klären. Jetzt wissen wir nicht einmal,
ob seine Ausgabe eine commentierte l7) oder nur ein Text mit
kritischen Zeichen gewesen ist: im letzteren Falle konnten
ganz gut von ihm getadelte Lesarten unter Weglassung dieser
Zeichen einfach fortgepflanzt werden. Nur zwei echte Citate
haben wir von ihm: carm. 3, 27, 31. 32 hatte er im Comraen-
tar zu Vergil (Aen. 9, 373 vgl. schol. Veronensia ed. Hagen
p. 441, 15) adnotiert, von wo sie Servius übernahm; ferner
scheint doch die doppelte Tradition (Diomed. gramm. I 400, 10
ohne des Probus Namen; Exc. Lavant. gramm. V 326, 4 mit
Valerius) zu beweisen, daß er in einer einleitenden Abhand-
lung Uber Declination ars poet. 60—62 citiert hatte : die Ver-
derbnisse im Citat kommen natürlich nicht auf seine Rechnung.
") Ich verstehe nicht, wie immer und immer wieder Friedländers
Commentar nacherzählt wird, zu Juvenals Zeit hatten die Büsten
von Vergil und Horaz in der Schule gestanden: Juv. 7,226 aun totus
decolor esset Flaccus et haereret nigro fulujo Maroni hat schon der Scho-
liaet richtig von Codices verstunden: bekanntlich fallt der Ruß idas
heißt fuligo, nicht Rauch) schwalchender Lampen auch auf offene Rol-
len nieder.
,6) Z. B. Kiessling im Commentar.
") Wahrscheinliche Spuren von l'robus' commentierender Tätigkeit
wird demnächst Q u d e m a n behandeln.
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268
Vollmer,
Ich reihe an die Citate in den catholica (carm. 1, 4, 1. 1, 14,
17. 1, 30, 2. 1, 36, 13 epod. 9, 22 serm. 1, 5, 46 ars 139) und
aus der app. Probi (epist. 1, 2, 53), die keinerlei Variante er-
geben.
Das einzige griechische Citat zum Texte des Horaz giebt
uns Plutarch (epist. 1,6,45): eine Variante ist nicht zu
erschließen.
Weitere wenige Citate aus dem II. Jahrb. haben Sueton
in der vita Horati (epist. 2,1,1—4), Juvenal (carm. 2,
19, 5) S c a u r u s (ars 75) , G e 1 1 i u s (carm. 1, 3, 4 oder 3,
27, 20 in den noct. Att. 2, 22, 2; serm. 1, 5, 78), Fronto
(serm. 2, 3, 253 — 257 mit verschiedenen Fehlem, aber auch
der richtigen Form cuhital gegen cubitale unserer Hss.); ich
reihe an das Citat, das Kaiser Marcus Aurelius gebraucht
haben soll (carm. 1, 17. 13 f.).
Eine wirkliche Variante giebt allein Fl. Caper zu carm.
1, 13, 2 laden statt ccrea der Hss. ; ccrea ist auch bei Serv.
ausdrücklich bezeugt
Aus dem III. Jahrh. kenne ich — denn Porphyrio muß unten
im Zusammenhange mit der Horaztiberlieferung behandelt wer-
den— nur wenige Zeugnisse: Censorin citiert (17,9) aus
dem carm. saec. v. 21 — 24 mit verschiedenen Schreibfehlern der
Hss., aber doch auch mit erwünschter Bestätigung von totiens
in Klasse II. S e r e n u s der Receptendichter führt an serm.
2, 4, 28. Sacerdos hat folgende Stellen: carm. 1, 4, 8
mit nisit gegen tirit, 1, 9, 7 mit depromc gegen depone, 1,
36, 14. epod. 6, 5. sat. 1, 6, 69 ars 75 f. mit inclusa est gegen
iuvctis, 77 ff. 90 f. 251. 254-6. 257-8.
Im IV. Jahrh. bringt zunächst Lactantius eine Reihe
von Stellen (carm. 1, 22, 1—8. 3, 3, 1—4 bestätigt solida, sat.
1, 8, 1 — 4, epist. 1, 1, 41); nur 5 Stellen giebt Nonius (1,
18, 5 crepat ausdrücklich bestätigt gegen die Glosse increpat;
4, 14, 27 f. mit der lehrreichen Corruptel minatur statt medita-
tur19); sat. 1, 2, 89; 1, 3, 81 ligurrierit des Citats wegen in
ligurrierat geäudert, 2, 4, 73 frei citiert und noch dazu in den
18) Vpfl. unten S. 280 Anm. 35.
,9) Siehe unten S. 282 Anm. 39.
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
269
Hss. verderbt). Mehr hat C h a r i s i u 8 *°) (carm. 1, 1, 33.
1, 4, 1. 1, 6, 6. 1, 12, 41 mit incomptis. 1, 29, 7 f. 1, 36, 8.
2, 18, 7 f. mit clientae gegen clientes. 3, 1, 17 f. 3, 5, 10 mit
et. 3, 14, 19 f. mit vagacem, was ich trotz seiner Singularität
beinahe för richtig halte, da Charisius durch die gute alte
Bobbieser Hs. überliefert ist; vagantem der Horazhss. kann
Glosse sein, andere Zeugen fehlen, epod. 12, 25 verderbt, sat.
1, 1, 94. 1, 2, 89. (nicht 1, 9, 13). 2, 2, 122. 2, 3, 245. epist.
1, 7, 22. 1, 16, 20. ars 75. 459). Fast ebensoviel Stellen giebt
D i o m e d e s aus (carm. 1, 6, 6 nach andern. 1, 9, 5. 1, 33,
2 f. 2, 7, 3 nach andern. 2, 14, 1. 3, 24, 25. epod. 2, 21. sat.
1, 1, 94 mit Char., 1, 9, 54 frei citiert. ars 60—62. 179. 192
mit Schreibfehler. 220 — 4 nach älterer Quelle verderbt. 220 — 1.
275 — 7, wo des Diomedes Text richtig pcruncti sagt, während
im Citat die Glosse infcdi eingedrungen ist. 288).
An Char. und Dioni. reihe ich eine Zahl der späteren
Grammatiker an, deren Zeit unsicher ist, deren Citate aber ge-
wiß zum größten Teile nicht auf eigene Leetüre des Dichters,
sondern auf ältere grammatische Sammelwerke zurückgehen,
Consentius führt an carm. 1, 9, 1 sat. 1, 8, 17. 1, 10, 3.
Victorinus carm. 3, 21, 11 f. sat. 1, 2, 37 ars 73 f. 220 ff.
(mit Diomed.), Macrobius sat. 2,4,34; Cledonius giebt
nur äußerlich betrachtet mehr aus: carm. 2, 7, 3 mit andern,
3, 5, 10 mit anderen (Wortstellung gestört). 3, 25, 2 mit
anderen. 3, 27, 29. 3, 29, 37 mit Serv., 4, 11, 24 (epod. 4, 4).
epod. 5, 1 mit anderen, epist. 1, 18, 79 corrupt wie bei Pom-
peius. Dosith eus hat sat. 1, 1, 94 mit anderen, 1,2,44
cf. Prise; Ps. S ergi u s epist. 1, 15, 17 mit geänderter Wort-
stellung. Pom peius bringt carm. 1,9,5 mit Diom. (Jnd.
statt Particip für das Citat), 1, 18, 15 cf. Serv., 2, 7, 3 mit
anderen, 3, 1, 17 f. mit anderen, 3, 23, 3 mit anderen, epod.
17, 48 mit anderen, sat. 1, 10, 72, epist. 1, 18, 79 corrupt wie
bei Cledon. , ars 298 cf. Serv. Der Rhetor Rufinianus
citiert sat. 1, 10, 20, Ps. Rufinian de schem. lex. epist. 1, 1,
94—97. Der sog. Metrorius giebt den Vers epod. 12, 25, das
Carmen de fig. sat. 1, 5, 2^5, der Tractat de u 1 1 i m i s
*°) öeber Plin. und andere Quellen dieser Grammatiker vgl. oben
S. 266 Anm. 13.
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270
Vollmer,
syllabis carni. 1, 6, 1 mit anderen, 1, 7, 32, ars 350 (cf.
Serv.) und 377. Agr o e c i u s hat carm. 2, 13, 21 (cf. Serv.),
epist. 2, 2, 170 mit falscher Lesung und Interpretation. Ph o-
cas giebt nur aus älterer Quelle (cf. Char. Prob.) carm. 1,
4, 1 ; der Tractat de dubiis nominibus citiert carm.
2, 3, 6 f. (ausgelassen tc), 4, 6, 44 und sat. 2, 4, 33 (cf. Serv.).
Endlich hat eine Glosse des Placidus carm. 1, 33, 14 mit
dem Schreibfehler continuü statt detinuü.
Bedeutend ausgiebiger und wichtiger sind die großen Scho-
liensammlungen zu verschiedenen Autoren. Freilich ist dieses
Material nicht immer leicht zu benutzen: dieselbe Vorsicht,
welche bei der Verwertung von Scholiennotizen für litterari-
sche und sachliche Fragen angewendet werden sollte, leider
oft nicht angewandt wird, ist auch bei den Citaten von nöten:
unter den Einschiebseln und Anhängseln späterer, besonders
Karolingischer Gelehrter, von denen unsere Scholien strotzen,
sind auch solche mit Horaz-Citaten ; auch in den neuesten
Ausgaben, die mit der Vorlage des handschriftlichen Materials
nach den besten Quellen nur ihrer nächsten Aufgabe genügen,
liest man viel falsches Gut, das nie dem Serv. Don. oder Porph.
gehört hat. Besonders schlimm steht es mit den Scholien zu
Lucan, Juvenal und Persius, für die keinerlei verläßliche Aus-
gaben vorliegen: in den Persius-Scholien finden sich, soweit ich
sehen konnte, die Horazcitate fast nur in den Humanisten-
Hss. : ich habe sie darum hier und in der Ausgabe ganz bei-
seite gelassen , um nicht zu falschen Schlüssen zu verführen ;
auch die Citate aus deu Lucan Scholien habe ich auf die Com-
menta Bernensia Useners beschränkt, weil alles andere Mate-
rial unzuverlässig erschien.
Es bringt eine große Zahl von Horazcitaten zunächst
Donatus im Commentar zu Terenz 21). Hier finden wir
carm. 1, 1, 13 f. 1, 3, 1. 1, 5, 5—9 (Schreibfehler Et mirabi-
tur wie in 110). 1, 9, 17. 1, 12, 25. 1, 24, 19 f. 1, 35, 13 f.
3, 8, 5. epod. 5, 1 f. (mit Serv. Prise), sat. 1, 4, 7. 2, 3, 216.
2, 4, 44 (mit Fecundi, freilich nicht ausdrücklich, gegen den
") Die Citate sind für die Ausgabe bis auf "wenige , gekennzeich-
nete, nachgeprüft in der sorgfältigen und höchst nützlichen Ausgabe
von Wessner.
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
271
Bland.). 2, 6, 79—81. epist. 1, 10, 47. (1, 12, 19?). 1, 18, 69.
2, 1, 59. 2, 1, 81 (Schreibfehler der Hss.). 2, 2, 75 (zweimal),
ars 93. Dazu geben mit verschiedenen erwünschten Bestäti-
gungen strittiger oder in den Hss. schwankender Lesarten die
Excerpta de comoedia (Donat in Ter. ed. Wessner p. 25) die
Verse ars poet. 275—288. Keinen selbständigen Wert hat
das Citat der ars des Donatus zu carm. 1, 6, 6.
Nächst Priscian die wichtigste Quelle indirecter Horaz-
überlieferung ist der Commentar des Servius zu VergiL
Das erhellt klärlich aus der großen Zahl der angeführten
Verse, rund 300, die hier alle herzusetzen keinen Zweck hat22).
Ich berühre nur die wegen Varianten bemerkenswerten Stellen :
es zeigt sich , daß von den vielfachen Fehlern unserer Hss.-
Klassen (namentlich der Gruppe <I>) Servius völlig frei ist, denn
natürlich darf man nicht Fehler, die in jeder Hs. von neuem
vorkommen konnten, hier als Zeugen nehmen, z. B. colchos
statt tokos epod. 5, 21.
Ebensowenig können für die Geschichte der Ueberlieferung
verwertet werden nicht ausdrücklich bezeugte Varianten wie
carm. 1, 12, 11 Doctum statt Blandum, wo der Citierende nur
das Verständnis des Citats sichern wollte. Aehnlich Nec statt
Et carm. 1, 14, 5, Attollens statt Et tollem carm. 1, 18, 15,
carm. 1, 34, 6 im Gitat ausgelassen, 2, 16, 15. 3, 4, 77. 3, 10,
14. 4, 6, 26. 4, 7, 25. 4, 8, 6 Qualis, serm. 1, 2. 29 tegit, epist.
1, 2, 65 cervinam catulus statt tempore cervinam; Gedächtnis-
fehler scheint epist. 1, 3, 19 vulpecula ausdrücklich statt cor-
nicula.
An anderen Stellen bleibt unsicher, ob wir von Servius
gelesene Varianten oder Schreibfehler der Servius-Hss. anzuer-
kennen haben: so crepet carm. 1, 18, 5 statt crepat, 2, 6, 18
umbras statt brumasy 2, 14, 23 invisam cupressum statt des
Plurals, 4, 8, 6 prodidit statt protulit, serm. 2, 6, 27 multum
statt certum, ars 53 cadant, 334 Et, 339 Nec.
Sicher Fehler der Servinshss. liegen vor z. B. carm. 4,
") Die Sammlungen Keller-Holdere konnte ich nachprüfen an einem
mir von Rabbow und Dittmann freundlichst vermittelten index Ha gen s:
es zeigt sich auch hier die bewundernswerte Genauigkeit der Arbeit
Keller-Holden, denn nur ein Citat fehlte: carm. 1,28, 32 vices-ipsum
steht bei Serv. Aen. 2, 433.
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272
Vollmer,
8, 6—8 (Ordnung), serm. 2, 5, 39 Persitts statt Horatius ge-
nannt, 2, 5, 55 Plenumque, epist. 1, 13, 19 Valde statt Vade.
Aber von hohem Werte sind ausdrückliche Citate wie
carm. 1, 12, 41 iticomptis (gegen Quint.) 1, 13, 2 cerea gegen
lactca (Caper), carm. 2, 18, 30 sede gegen fine der Horazhss.,
3, 30, 12 regnavit, 4, 14, 28 meditatur.
Willkommen sind natürlich auch nicht ausdrücklich be-
zeugte Lesungen da wo die Hss. des Horaz schwanken z. B.
serm. 1, 5, 1 accepit Serv. gegen excepit der zweiten Klasse,
epist. 1, 7, 21 ingratos, 1, 8, 12 ucntosvs, ars 339 uelit.
Ja directe Fehler klären unsern Einblick in die Textge-
schichte: wenn Servius 3mal ars poet. 45. 46 in verkehrter
Ordnung citiert d. h. ebenso falsch wie unsere Hss. ordnen,
so geht dieser Fehler doch wohl auf die Ausgabe des Pro-
bus zurück. So enthalten die Servius-Citate , wenn sie nur
richtig interpretiert und gewürdigt werden, höchst schätzbares
Material *s).
Weniger zahlreich und minder wichtig sind die Horazci-
tate in den unter dem Namen des Servius gehenden rein gram-
matischen Schriften: vgl. zu carm. 2, 7. 3. 3, 1, 17 (auch Char.
Pomp.). 3,23,3. 3,24,21. epod. 17, 48 (mit anderen), ars
298; nur ars 100 wird die Bestätigung von volcnt gegen die
2. Hss.-klasse willkommen.
Hier führen uns die durch sehr alte Hss. überlieferten
Schriften de ccntnm metris und de metris Horatii (darin die
Fehler carm. 1, 27, 1 usus, 2, 13, 1 Molo statt llle) auf die
Metrik er überhaupt. Sie citieren alle ersten Verse der
Oden und der Epoden , dazu verschiedene andere : aber alle
diese Tractate tragen deutlich die Zeichen fortgesetzter Schul-
und GelehrtenbenUtzung, stehen zudem durch Quellen Verwandt-
schaft in engsten Beziehungen, so daß vereinzelte Zeugnisse
über Varianten sich meist als Fehler leicht ausweisen, jedenfalls
aufs schärfste zu controlieren sind. Daß sich trotzdem ein
-*) Ein Urteil wie bei Keller, Epilegomena S. 799 'Desgleichen
sind auch die bei verschiedenen untiken ^chriftatellern vorkommenden
Horazcitate , wofern sie von unserru Archetyp abweichen, öämmtlich
ohne Bedeutung für die Textkritik' war auch im Jahre 1879 kurzsich-
tig und unvorsichtig. Wie viel richtiger verfuhr doch schon Dillen-
burg er, Zeitschr. f. d. Gymn. Wes. II 1863 p. 322 ff. !
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Die üeberlieferuDgscreachichte des Horaz. 273
wertvolles Resultat aus ihnen gewinnen ließ, sahen wir oben
(S. 262). Ein anderes ergiebt sich zu carm. 8, 7, 1 wo Can-
dida bei Diomedes allein erhalten ist: es spielt sicher mit dem
Namen Asterie, während die candidi Favonii vergeblich von
den Erklärern mißdeutet werden.
Ich kehre zu den Scholiasten zurück. Die S c h o 1 i e n
zu Juvenal bringen carm. 1, 6, 17. 1, 38, 1. 2, 2, 5. 2, 5,
22 f. 2, 19, 1. 4, 4, 36 (wo ihr Zeugnis für Dedecorant mir
sehr verdächtig ist, wenn es überhaupt so tradiert ist), epod.
8, 19 f. sat. 1, 2, 6 (wo depellere aus der 2. Hss.-Klasse stammt:
also das Citat karolingisch ?). 1, 9, 10. 1, 9, 78. Schwierigkeiten
macht das Citat schol. Juv. 3, 192 proni Tiburis: in praeci-
piti posita, ut Horatius 'clivumque supinuni*, das man gerne
auf carm. 3, 4, 23 Tibur supinum beziehen möchte, zu dem
doch der Wortlaut nicht stimmt. Aber ein Horazfragment zu
statuieren reicht die Sicherung der Ueberlieferung nun und
nimmer aus (über Buch I s. u. Ö. 281 Anm. 37): es wird Con-
tamination von Citaten oder Namenverwechslung vorliegen.
In den comuienta Berne nsia Lucani finden
sich folgende Horaz- Stellen : carm. 1, 7,29. 1,10,19. 2,7,
26 f., 4, 9, 2 in andern Lucan-Scholien , die vielleicht nicht
minder echt, aber nicht verläßlich herausgegeben sind, carm. 1,
1, 25. 1, 10. 11. 2, 10, 9—12. epod. 1, 1 serm. 2, 4, 29. epist.
1, 1, 28. 1, 11, 22. ars 4. 50. 471: alles ohne bemerkenswerte
Varianten; nur serm. 1, 3, 27 liest man eine krasse Interpo-
lation im Voss. II., deren Alter ich nicht zu bestimmen ver-
mag: Ut lynx vel.
Autfallend viel Horazverse werden in den Scholien zu
Statius angeführt. Davon stehen einige auch bei Servius u. a.,
die Mehrzahl scheint von Placidus selbst herangezogen zu sein.
Ich zähle alle auf: carm. 1, 13, 3. 1, 1, 14. 1, 1, 24 mit ? de-
testanda. 1, 2, 26 dreimal. 1, 3, 20 dreimal mit Bestätigung
von acroceraunia. 1, 4, 4 (cf. Prise). 1, 7, 2 zweimal. 1, 7, 9
mit Serv., 1, 7, 10 (Ncc nie statt Me -nee). 1, 10, 3 nach Serv.
1, 12, 13 mit parentis. 1, 12, 37 (cf. Prise). 1, 12, 51. 1, 14, 1
(cf. Quint.). 1, 15, 5 (mit Proteus statt Nereus der Horazhss.
wohl aus Porph.). 1, 15, 22 (frei gestellt). 1, 17, 8. 1, 23, 11 f.
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271
Vollmer,
1, 27, 1 f. 1, 32, 14 2*). 2, 3, 24. 2, 9, 10. 2, 9, 21 f. 2, 12, 22
(cf. Serv.). 3, 2, 31 f. (cf. Serv.). 3, 4, 64 mit der Glosse (zu
Patarcus) Lycius statt Belius. 3t 4, 72 zweimal 3, 16, 5—7
mit dem Schreibfehler m'mssd. 3, 22, 7. 3, 29, 61 Addunt
statt Addant zur Vereinfachung des Citats. 4, 6, 21 — 24 mit
viäus. epod. 7, 17 mit der Glosse premunt statt agunt. 8, 11.
10, 1 (cf. Serv.). 15, 21 ai). serm. 1, 1, 68. 1, 2, 29 (cf. Serv.).
2, 1, 26. epist. 1, 2, 57. ars 158.
Bevor ich nun zu den reichen Horazci taten bei Priscian
übergehe, muß ich der zeitlichen Ordnung wegen die großen
Kirchenväter erwähnen. Von ihnen hat besonders Hierony-
mus den Dichter eifrig gelesen und gern citiert: wir lesen
bei ihm carm. 2, 10, 11 dreimal. 2, 14, 1 zweimal. 3, 3, 7 f. gar
viermal; weiter 3, 30, 1. serm. 1, 3, 1 — 2 frei citiert. 1,3, 68
zweimal; 1, 6, 66. 1, 8, 1—4 möglicherweise aus Lact, übernom-
men. 1, 9, 59 mit sinn verdeutlichender Umstellung. 1, 10, 1 frei
citiert. 1, 10, 84 zweimal, einmal freier citiert. 1, 10, 72 vertat
statt vertas der Deutlichkeit halber, epist. 1, 1, 99 und 100
der Bequemlichkeit wegen umgestellt. 1, 2,40. 1, 2, 55. 1, 2,
56. 1, 3, 31. 1, 4, 15—16. 1, 11, 27 bequem in den Singular
gesetzt. 2, 1, 114—117 zweimal, ars 21. 88. 94 desaeviet statt
delitiyat wohl der Deutlichkeit halber. 133 mit richtiger Wort-
stellung. 139 das Praesens bequemer. 147 Et statt Nec des
eigenen Zusammenhangs wegen. 359 frei citiert. 390.
Weniger oft wird Horaz verwendet von Augustinus:
bei ihm lesen wir carm. 2, 2, 9 — 12. serm. 2, 7, 86. epist. 1,
1, 36- 37 zweimal. 1, 2, 40. 1, 2, 69. 1, 7, 29 mit der höchst
wichtigen Bestätigung von vulpecula unserer Hss. ; 1, 10, 41.
1, 16, 55. ars 390 vielleicht aus Hier.
Zweimal nur gebraucht Symmachus Worte des Horaz:
epist. 1, 47 Circac poeula (cf. Hör. epist. 1, 2, 23) ist kein
wirkliches Citat, und ars poet. 1 wird frei umschrieben.
Dagegen nimmt Ausonius in seine eigenen Werke
hinüber carm. 1, 12, 33. 2, 3, 15. 3, 11, 38. 4, 7, 16. epod. 5,
27 f. epist. 2, 2, 4, citiert carm. 2, 16, 27. Gewiß keinen
**) Diese Verse resp. die Scholien mit ihnen fehlen in der auf un-
genügender handschriftlicher Grundlage gemachten Ausgabe Jahnkes.
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Die Ueberlieferungsgeachichte des Horaz. 275
Ueberlieferungswert hat ars Hl f. moenia bei Ps. Auson 445,
in den periocbae Odysseae.
Sidonius umschreibt frei carm. saec. 1, ars poet. 15
und 21, citiert wörtlich sat. 2, 1, 82 ohne Variante.
Nach Serviuß hat niemand eine so reiche Fülle von Ho-
razcitaten wie P r i s c i a n u s. Sie gehen natürlich zum über-
großen Teile auf ältere Grammatiker zurück, sind aber, wo
diese verloren gingen, für uns höchst wertvoll. Man findet
ein vollständiges Verzeichnis in Hertz' Priscian. II (gramm. III)
p. 535 ff., ich brauche also hier nur die Varianten betreffenden
Stellen zu berühren, carm. 1, 15.5 sichert Priscians Citat die
Lesung Nereus; carm. 1, 37, 23 ist cnscs statt ensem nicht
ausdrücklich bezeugt, also vielleicht Schreibfehler; 2, 2, 19 ist
die Wortstellung zur Verdeutlichung der Construction geändert;
2, 13, 5 patris statt parentis die Glosse statt des Textwortes
abgeschrieben; 2, 13, 40 ausdrücklich timidos gesichert; 3, 4,
69 wird wie 2, 17, 14 nicht ausdrücklich, aber durch zwei-
maliges Citat gigas gesichert ; 3, 6, 10 Non auspicatos bestä-
tigt gegen die erste Klasse; 3, 6, 11 ist leider das an sich sehr
gute nostris nicht ausdrücklich bezeugt, sonst würde ich nicht
anstehen, nostros in unsern Hss. für angeglichen an impetus
zu erklären ; 3, 6, 44 ist in aheunte nocte die Glosse zu abeunte
curru in den Text geglitten ; für 3, 14, 14 scheint die Stelle 4,
15, 18 zu beweisen, daß Priscians leider nicht ausdrückliches
Citat mit exigit (so auch n) zur Bestätigung der Lesung von
B exiget zu verwerten ist, während alle andern Hss. eximet
geben; freilich ist die Möglichkeit nicht abzuweisen, dass B
und 7i ihr exig- aus Priscian selbst haben. 4, 2, 10 Cum statt
Seu natürlich zur Verdeutlichung des Citates. carm. saec. 49
wird bobus bestätigt. Serm. 1, 2, 120 paulum Prise, vgl. S.
283 Anm. 42; 1, 8, 38 veniant statt veniat vielleicht richtig;
vivimus bestätigt ; 2, 1, 42 ferrum (nicht ausdrücklich)
statt telum; 2, 2, 121 tum mit <I> gegen tunc; 2, 3, 97 ne aus-
drücklich bestätigt gegen que; 2, 3, 117 die Tmesis unde-
odoginta ausdrücklich gesichert ; 2, 3f 163 zur Vereinfachung
des Citats ind. statt coni.; 2, 3, 310 maiore Schreibfehler der
Priscianhss. ; 2, 5, 26 partem statt artem dgl.; 2, 7, 109 peccauit
dgl; 2, 8, 2 Wortstellung leicht verändert; 2, 8, 10 ut bestätigt.
Phüologa«, Supplemontbuud X, zweite» Heft. 19
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276
Vollmer,
2, 8, 90 zum leichtern Verständnis edit in die Form seiner
Zeit edat geändert; ebenso epist. 1,6,63 Vlixis einmal der
KOrze wegen citiert, aber an einer andern Stelle ausdrücklich
Vlixei bestätigt; 1, 13, 6 urat flüchtig statt urä; 1, 17, 30
angui bestätigt. Besonders interessant ist das Gitat von carm.
3, 17, 4 wo uns zuerst von duplex scriptura und alii Codices
in der Horaztradition berichtet wird : Priscian sagt 6, 72 p. 256,
16 apud Horatittm duplicem invenio scripturam et 1 fastos*
et lfastus' . . . 'fastus' in aliis codicibus. Nun trifft es sich,
daß unsere Horazhss.-Klassen ziemlich reinlich sich scheiden:
die II. Klasse hat fastus, die I (mit ihr XIO, die oft aus ihr
corrigiert sind) hat fastos, wie auch Servius liest. Natür-
lich würde weit in die Irre gehen wer aus diesem Zufall fol-
gern wollte, Priscian habe bereits unsere beiden Hss.- Klassen
vor Augen gehabt: höchst wahrscheinlich besagt seine Notiz
weiter nichts, als daß in seinem eigenen Exemplar, das fastos
hatte, zunotiert war aL fastus.
Die Gitate des Eutyches, Priscians Schüler, sind we-
niger zahlreich und auch, weil ohne erhebliche Varianten, we-
niger wichtig. Citiert werden: Hör. carm. 1, 2, 7 (cf. Serv.).
1, 4, 4 (cf. Prise.). 1, 5, 13-16. 1, 34, 3—5. 2, 3, 18. 3, 27,
25—28. 4, 4, 34. epod. 12, 11. serm. 1, 2, 34. 1, 2, 45. 1, 3,
66. 1, 5, 24. 1, 6, 125 (cf. Serv.). 1, 8, 46 (cf. Prise). 1, 9, 76.
1, 10, 71. 1, 10, 79 (ind. zur Erleichterung statt coni.). 2, 2,
10 (coni. st. ind.). 2, 7, 35. epist. 1, 12, 8. 1, 18, 40 (zerstörte
Ueberlieferung). 2, 1, 33 (saltamus statt ludamur aus dem
vorhergehenden Citat). 2, 1, 126. 2, 2, 159.
Reihe ich hier noch an , daß B o e t h i u s sat. 2, 5, 59
citiert, so meine ich die für die Ueberlieferungsgeschichte be-
deutsamen Citate erschöpft zu haben. Denn, abgesehen von
zwei, wie ich denke, auch abgeleiteten Citaten bei Venant. Fort,
(ars 9) und bei Braulio (sat. 1, 4, 34), finden wir vom 6. Jahrh.
ab außer bei Golumba keine directen florazeitate mehr bis zu
den Karolingern. Doch davon später genauer.
Was lehrt uns nun, abgesehen von der Controle unserer
Hss. im einzelnen, diese indirecte Ueberlieferung? Vor allem
dies, daß die Tradition unserer Hss. im ganzen zuverlässig
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Die Ueberlieferun^geschichte des Horaz. 277
und sicher ist. Denn an wirklich ernsthaften Varianten, die
nicht in unsern Hss. auftauchen, lernen wir in Hunderten von
Versen durch die indirecte Ueberlieferung nur kennen sat.
1, 2, 27 = 1, 4, 92 BucciUus Seneca, carm. 1, 13, 2 lactea Ca-
per gegen cerea Hss. und Servius, 3, 7, 1 Candida (Diomed.)
statt candide, vielleicht 3, 14, 19 vagacem Char. (nicht direct
bezeugt), 2, 18, 30 sede Serv., 3, 6, 11 nostris Prise, (nicht aus-
drücklich bezeugt). Freilich trifft es sich, daß die schwersten
Wunden unserer Ueberlieferung in den Citaten nicht erschei-
nen ; aber wir würden noch viel öfter unsicher sein, wenn uns
nicht die indirecte Ueberlieferung im Wirrwarr der hand-
schriftlichen Varianten Führer und Licht wäre.
II.
Nun zu dieser directen handschriftlichen
Ueberlieferung des Horaz selbst. Natürlich kann von
einer umfassenden Beurteilung derselben überhaupt erst seit
Keller-Holders Ausgabe die Rede sein. Die ausführlichste
und verständlichste Darstellung dessen, was die Herausgeber
selbst gefolgert haben, finden wir in Kellers Epilegomena
zu Horaz S. 777 ff. Schon sie sahen ein 26), daß unsere Hss.
auf ein Archetypon zurückgingen ; freilich nahm Keller wieder
dieser Erkenntnis alle Wahrscheinlichkeit, indem er dies Arche-
typon ins erste 26) oder zweite Jahrhundert n. Chr. setzte : was
in aller Welt sollte denn damals Liebhaber und Schulmänner
veranlaßt haben, ihre Exemplare nur aus einem und demselben
Codex abzuschreiben? Und einen einzigen Codex für den
ganzen Horaz gab es doch damals überhaupt nicht. Also:
eine richtige Erkenntnis87) ad absurdum geführt durch eine
ganz unwahrscheinliche, weil unhistorische Erklärung.
Einen anderen Weg schlug Christ ein (Horatiana p.
114); er meint: 'die alten . . . Codices . . . gehen auf mehrere
") Denn das Märchen, Bentley habe geglaubt, alle unsere Hss.
gingen auf die recensio des Mavortius zurück (entstanden aus Bentley
praef. p. XXIV) tat ab Peerlkamp p. XX III.
,6) Die vermeintlichen Indicien für Neronische Zeit (Epileg. zu
carm. 3, 17, 1 und ars 387) sind phantastisch.
*7) Das Verzeichnis der den Hss. gemeinsamen Fehler (Epileg. p.
778) ist richtig begonnen: wie eB aussehen mußte, wird im folgenden
(S. 279) sich zeigen.
19*
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278
Vollmer,
mindestens drei Archetypi des Altertums und zwar des 5. oder
6. Jahrhunderts zurück'. Dabei sind übersehen oder nicht an-
erkannt diu allen unseren Hss. gemeinsamen Fehler.
Consequenter und durchgreifender ist der Versuch 28), den
Leo (a. a. 0.) bei Gelegenheit der Anzeige von Keller- Holders
zweiter Auflage macht, die Gesamtheit unserer Ueberlieferung
zu erklären. Daß diese eine 'einheitliche' ist, erkennt auch
Leo (S. 851 f.). Er folgert das in Ergänzung des Kellerschen
Beweises mit Recht einmal aus der trotz der Verschiebung
von ars poetica und Satiren doch im ganzen einheitlichen An-
ordnung der verschiedenen Bücher in den Hss., die um so be-
weiskräftiger ist, als sie auf Willkür beruht, d. h. weder so
weit wir wissen auf Horaz selbst zurückgeht 29) noch chrono-
logischer Folge30) entspricht, weiter aus der Gleichheit der
Büchertitel, die freilich, weil sie vom Dichter selbst herstammt,
i8) Nur als solchen will ihn Leo selbst gelten lassen ; vgl. S. 856 oben.
**) lieber die Frage einer Gesamtausgabe durch Horaz selbst rich-
tig Christ, Horatiana S. 87, der nur die Technik der Edition nicht be-
rührt. Horaz hätte selbst bei einer Gesamtausgabe seiner Werke kein
anderes Mittel gehabt ihre Folge dauernd festzulegen als sie durchzu-
numerieren. Es gab eben damals noch kein 'Buch' irgend welcher Art,
das alle Horatiana zugleich gefaßt hatte. Von einer Durchnumerierung
der Horazischen Gedichtbücher aber giebt unsere Ueberlieferung nicht
die mindeste Spur. Denn der Zungemeistersche Traum von einem Com-
mentar des Scaurus zu 10 Büchern Horaz ist eben ein Traum; die Ci-
tate sagen klipp und klar, daß Scaurus 10 Bücher Gommentar zur
ars poetica geschrieben hat, und das ist bei der Menge deB darin zu
besprechenden literarischen Materials durchaus glaubwürdig.
80 ) Ich halte für beinahe sicher, daß bei der definitiven Zusammen-
schreibung von Volumina in einen Codex wie bei den plautinischen
Stücken die (nur auf den ersten Buchstaben sich erstreckende) alpha-
betische Ordnung maßgebend war: dann wäre die in der U. Klasse
überlieferte Ordnung die althergebrachte:
C armina
De arte poetica »
£ podon
carm. saeculare
E pistulae
S ermones
Daß das kleine carm. saec. unstät bleiben konnte, zeigt ja auch Porph.
So würden sich am leichtesten die Ordnungsänderungen verstehen : Apo-
graphon I wurde von jemand gemacht, der sich besonders für die
lyrischen Metra interessierte (eine Parallele bietet die im Bernensis er-
folgte Umordnung sogar der einzelnen Gedichte nach den Versmaßen)
und darum die hexametrische Ars vor die Epist. u. Serm. zurückschob ;
über die auf Grund von Porphyrions chronologischer Notiz zu epist.
1, 1, 1 in späteren Vertretern von Klasse II erfolgte Umordnung von
epist. nach sat. s. unten S. 290 Anm. 70. Daß noch Nonius den Horaz
in einzelnen Rollen hatte, zeigt Fr. Marx, Lucilius S. LXXXIII.
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 279
nicht viel beweist, sodann aus den Titeln, Charakterisierungen,
Inhaltsangaben der einzelnen Gedichte, die in der Tat auf ein-
heitliche , nach-Horazische Formulierungen zurückgehen S1).
Endlich, und das ist das wichtigste, auch von Leo an erster
Stelle behandelte: aus den allen Hss. gemeinsamen Corrupteln.
Aber Leo interpretiert diese Einheitlichkeit' anders als
ich für richtig halten kann. Ich muß darum das von ihm
nur angedeutete Material vollständig vorlegen.
Wenigstens für die allen Hss. gemeinsamen Corruptelen.
Denn sie sind und bleiben 3*) unser schärfstes Mittel, der Ge-
schichte einer Ueberlieferung nachzuspüren. Titel und Scho-
lien sind ihrer Natur nach jeder Veränderung ausgesetzt: sie
werden verbreitert, gekürzt, geändert nach dem Belieben des-
sen, der sich die neue Hs. herstellt : nur was der Schreiber
nicht nach Willkür herstellen kann, verlorene oder bis zur Un-
kenntlichkeit verderbte Worte des Autors selbst können in einer
so verwickelten Ueberlieferung wie der des Horaz als untrüg-
liche Wegweiser angesehen werden.
Es folge also ein Verzeichnis der in allen unsern Hss.
sich findenden überlieferten Fehler im Texte des Horaz38).
carm. 1, 2, 39 mauri Hss. Porph., Marsi Bentley.
12, 31 quia (qui B) Hss. (Bland.)34), (metri-
scher Fehler), Verbesserung unsicher.
31 ) Darüber unten S. 315 Anm. 126.
8S) Trotz Christ, Horatiana p. 105.
ss) leb füge aus später zu erklärendem Grunde ausdrücklich, wo
er bekannt, den Bland, antiquissimus zu, desgl. Porph. und die andern
Scholien, natürlich nur die wirklich interpretierten Lesarten, nicht falsche
Lemmata und Zufälligkeiten. Bland, ohne Klammer bedeutet ausdrück-
liches Zeugnis des Gruquiua wie 'Bland, antiquissimus' oder '4. Bland.\
(Bland.) in Klammern allgemeiner gefaßte oder indirecte Bezeugungen.
**) Ich glaube, daß hier Porph. die letzte Spur des Echten bewahrt
hat, denn von einer Verschreibung wie quod in D1 (R1?) oder einer
Conjectur wie qua, die eine hier ganz unverständliche Beschränkung
des Gedankens einführen würde, darf ich wohl absehen. Porph. sagt:
'quia voluere' pro cum {con trad.) voluere. Eine merkwürdige Glosse:
quia verstand im 8. wie in späteren Jahrhunderten jedermann! Viel
eher bedurfte causales cum einer Glosse. Gewiü ist, wie so oft, das
Lemma in Porph. interpoliert und wir haben zu versuchen, ob nicht
aus der Erklärung das alte echte Lemma zu gewinnen sei. Ich vermute
Porph. schrieb: 'ut voluere* pro cum voluere; temporales ut, bei Horaz
gewöhnlich, bedurfte später der Erklärung. Es leuchtet aber, meine
ich, ein, wie gut ut dem simul v. '27 entspricht, das auch 1, 9, 9 im
gleichen Gedanken steht. Das quia der Hss. (quae O2 Conjectur) ist
nichts als schiefe Glosse für ut, das causal interpretiert wurde.
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280
Vollmer,
carm. 1, 20, 1") potabis Hss. Porph., potavi Vollmer 3C).
5 care Hss.. clare s
21, 13 Hic Hss., Haec Duhamel.
23, 1 Uitat Hss. (metrischer Fehler), Uitas
(comm. Cruq.) e
5 ueris . . . aduentus Hss. Bland. Porph.,
uepris . . . ad uentum Gongavinus und
Mure tu«.
25, 20 hebro Hss. Porph., mro z
27, 19 laborabas (laboras E50) Hss. Bland., la-
boras in g
31, 987) calena Hss., calenam lemma Porph.
s&) 1, 13, 2 halte ich trotz Bentley das von Serv. und auch wohl
▼on Porph. (d. h. schol. Ar) ausdrücklich bezeugte cerea für richtig.
Das Citat bei Gaper gramm. VII 98, 3 mit der Lesung lactea scheint
interpoliert, freilich vor dem 9. Jahrh., da es in unsern ältesten Hss.
schon steht.
M) Die Un Verständlichkeit des kleinen Gedichtes in der überliefer-
ten Form wird allgemein anerkannt und ist durch zahllose Conjecturen
für v. 10 Tu bibes (zuletzt Leo, Hermes 38, 306 Tu dares) zum Ausdruck
gebracht. Durch potavi lösen sich alle Schwierigkeiten ; natürlich ge-
hört nun der Temporalsatz datu* in tfieatro cum tibi plausus nicht zu
levi sondern zu potavi. Damit findet das ganze Gedicht verständliche
Veranlassung und Datierung: Horaz legt scherzend dem Gönner nahe,
ihn den Freudentag bei besseren Sorten mitfeiern zu lassen. — Aber
die Metriker lesen alle potabis? Nein, keiner bezeugt ausdrücklich
dies Wort, sie citieren nur um des Versmaßes willen, und ihre Ci-
tate sind nach den landläufigen Hss. des Horaz selbst abcorrigiert.
Darüber mehr zu carm. 1, 8, 2 S. 262. Aber Porphyrio bezeugt aus-
drücklich potabis mit den Worten Maecenatem ad cenam invitai u. s. w. ?
Das beweist nur das Alter des Fehlers. Darüber weiter unten im Zu-
sammenhange (S. 314 f.).
ST) Ich muß in diesem Zusammenhange auf einen alten, zuletzt
von L. Müller, Q. Horatius Flaccus. Oden und Epoden I S. 127 mit
Recht wieder hervorgehobenen Gedanken zurückkommen: sein nächster
Ertrag ist zwar die Fälschung der Pallavicini'schen beiden Oden ge-
wesen, aber zu Ende gedacht werden muß er doch ganz gewiß. Der
Bestand unsers 1. Odenbuches mit 38 Gedichten ist besonders auffällig,
da carm. 1, 38 Persicos odi puer apparatus, mit den kleinen Gebeten
carm. 1, 80 und 3, 22 das kleinste Gedicht, einen sehr lahmen Buch-
schluß gegen die deutlichen Schlußgedichte 2, 20. 3, 30 abgiebt. Wie
anders epod. 17, das Prachtstück, als letztes einer unregelmäßigen Ge-
dichtzabl! Man kann doch bei allem Respect vor der Tradition von
Jahrhunderten die Absicht der runden Zahlen
sat. I 10 Gedichte
carm. II 20 ,
. HI 30
epist. I 20
nicht verkennen: sollte da (die 17 Epoden stehen abseits) wirklich das
erste Buch carmina, das doch mit 11 und III zusammen redigiert ist,
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Die Ueberlieferungsgeachichte des Horas.
281
carm. 1, 31, 18 at Hss., ac *
2, 18, 30 fine Hss., sede Serv. Aen. 6, 152 aus-
drücklich.
3, 1, 39 et aasgelassen Hss.
14, 11 iam uirum expertae (schol. AT) male
(n)ominatis (Porph.) (omitiatis Bland.)
Hss., Verbesserung unsicher.
20, 8 Uli Hss. schol. T, illa Peerlkamp.
24, 4 Tyrr(h)enum oder IVVr-Hss., Terrenum
Porph. Lachmann.
25, 9 Ex(s)omnis Hss. schol. Ar, Edonis
Bentley.
26, 7 et arcus Hss., securisque Bentley.
27, 60 l(a)edere Hss., elidere Lambinus.
4, 2, 49 Teq. dum procedis Hss. Porph., Verbes-
serung ungewiß.
4, 17 r(a)eti Hss. Porph., raäis O1 Heinsius.
• 4, 22 Nescire Hss., Nec scire AO2 Porph. 38).
5, 18 Nutrit (r)ura Hss., Nutrit farra Bentley.
8, 15 ff. schwer interpoliert, nie zu heilen ; die
Scholiasten commentieren verschiedene
der unsicheren Verse.
4, 10, 5 ligurinum Hss., Ligurinc Torrentius.
14, 28 minitatur Hss., meditatur R Serv. zwei-
xnit n. 33 versiegen ? Langten des Dichters Scheden wirklich nicht zu
40? Ich wäre der letzte, die Nummern eines lyrischen Gedichtbuches
zn zählen, wenn ea nicht Horaz offenbar selbst getan hätte. Hinzu
kommt, daß ich von der Unversehrtheit von carm. 1, 38 nicht sicher
Überzeugt bin: ich verkenne nicht, daß neque te mintstnim dedecet myrtus
als verblümte Liebeswerbung die Pointe des kleinen Gedichts gewesen
•ein kann, muß aber durchaus die Möglichkeit offen halten, daß die
Myrten bei Herrn und Diener doch auf eine noch zu rufende Myrtale
oder Rhode berechnet sind. Es könnten also 21/» carniina fehlen. Den
Verlust auf ein ausgefallenes Blatt unseres Archetypons zu schieben
geht nicht an, da keinerlei antike Tradition, weder Grammatiker noch
Metriker, das etwa Verlorne kennen. Also müßte nicht nur die Ausgabe
des Porphyrio, sondern schon die Ausgabe des Probus den Verlust ge-
habt haben. Das ist so unwahrscheinlich, daß wir nach einer andern
Erklärung des Bestandes carm. I 1 — 38 suchen müssen. Horaz wird,
so meine ich, carm. I 4—88, d. h. 35 Gedichte schon vor der Redaction
von Buch I— III im Kreise des Maecenas bekannt gemacht haben: bei
der definitiven Ausgabe wurden dann 1 — 3 an Maecenas, den Caesar,
Vergil nach Gebühr vorangefügt und die metrische Ordnung getroffen.
M) Bei Porph. ist zu emendieren faa non est statt fas est non.
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282 Vollmer,
mal ausdrücklich, dieselbe Lesart geta-
delt von Porph., minatur (so) Non. in
Citat für diluvium 39).
epod. 1, 15 laborem Hss. (metrisch falsch), labore
Glareanus.
2, 27 Fontes Hss. (Porph.), Frondes Markland
(schol. A?).
4, 8 ter Hss., trium Barth.
5, 28 currens Hss. schol. AV, Laurens Hein-
sius.
37 Ex(s)ecta Hss. Bland.
87 magnum Hss. Porph., maga non Haupt.
7, 13 caceus Hss., caecos $
9, 16 Lücke nach v. 16 oder v. 17 verderbt
Ad hunc.
16, 61. 62 an falscher Stelle Hss. schol. TV.
serm. 1, 1, 81 adftixit Hss. (Bland.), adfixit $
88 Si Hss., sie 7
108 redeo nemon ut auarus Hss., redeo qui
nemo ut auarus Bland., redeo: cum ne-
mo ut auarus Keck40).
2, 45 41 ) quidam . . . demeteret Hss., euidam . . .
demeterent g
49 ut Hss., at c
63 ue Hss. (Bland.), nc sr
M) Diese Stelle ist nächst 1, 8, 2 eine der lehrreichsten zu zeigen,
wie genau die Grainmatikerzeugnisse abgewogen sein wollen. Die
alte echte Lesart meditatur ist schon vor Porph. und Non. glossiert
worden: ungefährlich, weil dem Verse nicht genügend, ist die Glosse
bei Nonius minatur, die gefahrlichere minitatur stand schon im codex
des Porph., der sie in seiner Schulmoisterweisheit vor dem guten medi-
tatur bevorzugte; sie hat Apographon 1 occupiert; Apographon II über-
nahm aus dem Archetypon meditatur mit der Glosse minitatur , daher
konnte in R meditatur gewahrt werden, während die andern Hss. der
Klasse II das glattere minitatur substituierten. Dies ist der einzige
Fall, wo eine Discrepanz unserer Hss. -Klassen schon in älteren Zeugen
erscheint (Porph. rechne ich hier nicht mit): daß er nichts für Zurück*
datierung unserer Klassenteilung vor Nonius beweist, ist klar (vgl.
S. 297 Anm. 80).
**) üeber diese Stelle siehe unten S. 311 f.
41) Serm. 1, 2, 27 rußllus Hss., buccillus Sen. epist ist oben S. 265 f.
behandelt.
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Die Ueberlieferungsgeachichte des Horaz.
283
serm. 1,
2, 82 48
• ")
est ausgelassen Hss.
3, 70 ")
conpenset Hss. (Porph.), conpensat Sa-
nadon.1
4,
94
capxtohnxs Hss. Capitolmi a Porph.
141
ueniat Hss., t*eme£ s
5,
51
ctow^ Hss. (Bland.), Caudi Porph. und D.
37
cogat Hss., ?r
68
ac Hss., mm* lemoia Porph. (nec Bland.).
102
peregre aut Hss., peregreue %
12b
rabio8i tempora signi Hss. Porph., cam-
pum lusumq. trigonem Bland. Goth.
131
patruus Hss. Porph., praetor Bücheler.
O,
•
15
gwo wortfo Hss., qua modo Bentley.
10,
86
mbuh Hss., Bibtüc Muretus.
2, 1,
31
gesserat Hss. (Bland.), cesserat %
2,
55
auidienus Hss. metrisch falsch, Aufidie-
nus g
112
puerum Hss., puer X Goth. (emendiert).
3,
234
In Hss., Tm Bentley.
4,
19
mixto Hss., musto g
5,
36
quassa Hss. (Bland.), cassa g
6,
54
ad Hss., at ? Goth.
epist. 1,
1, 57 u. 58
in falscher Ordnung Hss. , verbessert
in E g
2,
5
distinet (dest-) Hss. (Bland.?), detinä
Goth. z
3,
33
Heu . . Jim Hss. (Bland.) (exempla Va-
tic), Seu . . . seu g
5,
28
ad stimmam Hss. (Bland.), adsumam E c
6,
50
s(a)euuin Hss., scaewMm Pithoeus (/ac-
MM?» E
**) Serm. 1, 2. 120 paulo Hss., ixuihtm Priscian. 18, 245, aber das
Citat ist beschädigt, wahrscheinlich sind 2 Stellen contaminiert.
4S) 1, 3, 56 ist die Glosse cupimus in beiden Hss.-Klassen mächtig
geworden. Nur Spuren fähren auf das Echte : der cod. Goth. (Klasse
[) hat es erhalten: furimus, und daß in der andern Klasse B fugxmus
hat, ist eine nur durch einen Schreibfehler gestörte Bestätigung dieses
Echten.
**) 1,3, 128 ist die Glosse quomodo für qui die Ursache geworden,
daß in allen Hss. außer B zu lesen steht quo.
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281
Vollmer,
epist. 1, 7, 96 simul Hss. (Bland.), semel g
10, 25 fastigia (uest- Bland.), fastidia q
11, 3 Hss. (Bland.), we 7
13, 16 nc Hss., n«* ^
15, 43. 44 an falscher Stelle ARrc Goth. , corri-
giert in den übrigen.
16, 9 si ausgelassen AR, si ergänzten EOFX1.
et tz andere, (m Bland.?).
43 responsore Hss., res Sponsore Bland.
45 Inprorsum überliefert (so AR) daraus
Hunc prorsus Richtig verbessert In-
trorsum oder -us in aEO und jüngeren.
59 clare einmal ausgelassen Hss., zugefügt
in E g
17, 31 c(h)lamidem Hss., chlanidem Cruquius.
18, 37 ullius Hss., iüius g
nach 18, 90 Lücke.
19, 3 potioribus AERtc, potoribus richtig <E>0.
2, 1, 31 oleam Hss., olea g
69 l(a)mi aEORrc (Porph.), emendiert in 0>
zu Livi(i).
101 an falscher Stelle.
244 bottum Hss., boeotum a.
2, 18 ausgelassen oder übergeschrieben,
falsch gestellt in aER.
80 coutactu Hss. cantata Bland. : noch nicht
verbessert.
123 cakntia Hss. Bland., carentia DO*.
167 quotriam Hss. (Bland.), quondam £
175 Si (Sed 0) Hss., Sic 7
ars poet. 45. 46 in falscher Ordnung (3raal ebenso falsch
Serv.).
101 ad sunt" Hss., adflent £
197 peccare Hss., pacare y
458 Sic Hss., fc.
Diese Liste, die ich hätte bedeutend vergrößern können,
wenn ich mich nicht auf durchaus Sicheres hätte beschränken
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
285
wollen46), und die durch Emendation heute noch corrupter
Stellen in Zukunft wird wachsen müssen, bietet eine sichere
Grundlage für die Entscheidung der Hauptfrage bei der Ueber-
lieferung des Horaz 46). Was lehrt sie uns ?
Mustern wir die Art der Fehler, so zeigen sich zwei Grup-
pen: eine große Reihe solcher Corruptelen, wie wir sie ganz
gut einer alten Ausgabe 47) zutrauen dürfen, die auch zum Teil
durch die Scholien als alt bestätigt werden: so mauri, potu-
bis, veris adventus, liebro, Jam uirum expcrtae, Teque dum
procedis u. s. w. Aber daneben taucht eine andere Reihe auf
von solchen Fehlern, die unmöglich durch eine antike Ausgabe
sanctioniert und so weiter verbreitet worden sein können 48) : so
serm. 1, 6, 102 peregre aut, 2, 3, 234 In statt Tu, epist., 1, 3, 33
Heu . . . heu statt Seu . . . seu, 1, 16, 45 Inprorsum statt In-
trorsum, 2, 2, 123 calentia statt carentia, 167 quoniam statt
quondam, ars 197 peccare statt pacare, um nur die ganz deut-
lichen aufzuzählen. Diese gemeinsamen Fehler aller unserer
Hss. lassen für mich nur eine sichere und schlagende Er-
klärung zu: unsere ganze directe Ueberliefe-
rung des Horaz geht auf ein einziges anti-
kes Exemplar zurück 49).
46) Z. B. halte ich epist. 1, 15, 4 perriuor in AR:: d. h. den besten
Vertretern beider Klassen für verderbte Ueberlieferung, also PER1UOR
statt PERLUOR; in allen andern Hss. ist die Verbesserung perluor in
den Text aufgenommen.
**) Ich habe die verschiedenen Grade der Zuverlässigkeit unserer
Ueberlieferung, die im wesentlichen durch die Erhaltung der besten
Zeugen wie A B C R bedingt wird, in der Liste nicht bezeichnet, weil
sie für das Gesamtbild kaum in betracht kommen.
folgert (8. 851): «die gesammte handschriftliche Ueberlieferung hat
einen im späteren Alterthum zu suchenden gemeinsamen Urquell1 und
weiter (S. 852): es 'sind aus gangbaren grammatischen und rhetorischen
Tractaten die metrische und Gattungsbezeichnung einmal hinzugefügt
worden; einmal d. h. in einer Ausgabe, die nach der Natur dieser An-
gaben nicht älter sein kann als das 2. Jahrhundert'. (S. 853): 'diese
Ausgabe war eine commentierte Schulausgabe', (S. 854): 'es kann kein
Zweifel sein, daß der Horaztext deshalb einheitliche Ueberlieferung
hat, weil Probus ihn philologisch fixiert hat'. Gegen diesen letzten
Satz Leos habe ich einzuwenden, daß der Zustand unseres doch auch
von Probus rezensierten* Vergiltextes gerade nicht für weitgehenden
Erfolg der Sicherung und Einheitlichhaltung durch Probus spricht;
vgl. fiibbeck, Prolegomena S. 265 ff.
*9) Völlig beiseite lasse ich Fehler, die in jeder neuen Abschrift
von neuem gemacht werden konnten wie care, calena, raeti, nescire u. s. w.
*9) Mit dieser Folgerung gehe ich über Leo hinaus. — Mein Schluß
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286 Vollmer,
III.
Dieser Schluß wird manchem, der nicht gewohnt ist solche
Dinge zu erwägen, ungeheuerlich erscheinen: Horaz, der be-
liebteste römische Lyriker, soll uns nur in einem einzigen
Exemplare des Altertums Uberkommen sein ? Und doch zeigt
eine ruhige historische Erwägung, daß wir, auch wenn uns
die Fehler der Hss. nicht zwängen, diesen Fall als höchst
wahrscheinlich ansetzen müßten50).
Es ist eine noch nicht ins rechte Licht gesetzte Tatsache,
daß die Leetüre und Benutzung des Horaz nicht wie die des
Vergil in unabgerissener Kette Altertum und Mittelalter verbin-
det, sondern daß Horaz fast zwei Jahrhunderte
lang ganz ungelesen geblieben ist61).
Bekanntlich verdanken wir dem Fleiße von Martin
Hertz die Analccta ad carminum Horatianorum historiam
(ind. Vratisl. I 1876. II 1878. III 1879. IV 1880. V 1882),
eine Geschichte der Verbreitung und Wirkung der Horatiani-
schen Dichtungen bis zum 6. Jahrh., die freilich auf kritische
Ausnutzung des gesammelten Materials nur gelegentlich, nicht
systematisch Rücksicht nimmt. Die Arbeit von Hertz hat
dann, zum Teil auf Grund von dessen Materialien, M. Mani-
t i u s bis etwa zur Renaissance fortgesetzt in den Analek-
ten zur Geschichte des Horaz im Mittelalter, Göttingen 1893.
würde noch eine bedeutende Stütze erhalten durch die Betrachtung
der festen Bücherordnung unserer Hss. : vor dem 4. Jahrh. war doch
ein Codex, der den ganzen Horaz enthielt, höchstens eine Merkwürdig-
keit; die feste Folge der nicht durch Zahlenordnung zusammengehal-
tenen Bücher in unsern Hss , die weiter unten noch darzutun ist, ver-
langt den Ansatz eines Archetypon frühestens des 4. Jahrhunderts.
"Wenn aber, wie ich oben S. 278 Anm. 8o vermutet, die Ordnung der
Bücher alphabetisch ist, verliert dieser Schluß allerdings an Bündigkeit.
t0) Tatsächlich ist er gar nicht ungeheuerlich; Traube sagt
(Sitz. Ber. Bayr. Ak. d. Wiss. III. Kl. XXIV 1904 S. 14) 'der gewöhn-
lichste Fall, nämlich daß nur eine alte Hs. den Text forttrug und in
Karolingischer Zeit verschwand, nachdem sie ihn der mittelalterlichen
Tradition überwiesen hatte1.
61) Natürlich versteht sich diese wie ähnliche Behauptungen im
folgenden cum grano salis: daß z. B. factiscji im 8. Jahrh. in Italien
nirgend ein Horaz gelegen oder von niemand gelesen worden sei, wird
kein Vernünftiger zu beweisen sich unterfangen. Wohl aber fehlt es
an wirksamer Verbreitung und allgem einer Beachtung : nur so
ißt es zü verstehen, daß von unsern erhaltenen Hss. keine einzige auf
ein anderes antikes Exemplar zurückgeht als dasjenige welches zur
Karolingerzeit allgemein verbreitet wurde.
i
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Die Ueberliefenragsgeschichte des Horaz. 287
Aber fordert schon die Sammlung von Hertz oft zur Con-
trole und Ergänzung auf, so muß bei Manitius jeder Satz
und jedes Citat geprüft werden. Indessen darf sein Buch
wohl nach der negativen Seite als beweiskräftig gelten and nur
in diesem Sinne will ich es verwerten.
Es ist sicher : mit dem 6. Jahrhundert reißt überall die
Kenntnis des Horaz ab: weder in Afrika Corippus, noch in
Spanien Ba) Isidor, Braulio, Eugenius, noch in Gallien Alcimus
Avitus oder Venantius 6S) haben selbst den Horaz gelesen.
Nur in Italien64) hat Kloster Bobbio den Horaz besessen;
das beweisen Columbans Citate ; aber er ist frühe verloren ge-
gangen: der Catalog saec. X hat ihn nicht mehr55).
*s) Ich muß hier die Belege von Manitius S. 15 durchsieben:
Hor.carm. 1, 12, 3 b. Isid. orig. 16, 3, 10, vielmehr in Arevalos Note
dazu.
1, 16, 20 „ „ , 15, 2, 4 aus Serv.
1,20, 7 » „ „ 16, 3, 10, vielmehr in Arevalos Note.
2, 10, 11 „ „ rer. nat 30, 5 aus Hier.
2, 18, l „ , orig. 15, 8, 6 = 19, 12 aus Serv.
3, 18, 1 „ , , 8, 11, 104
4, 5, 23 „ „ . 11, 2, 14 = diff. 1, 448 also aus älte-
rer Quelle.
epod. 1, 1 „ „ , 19, 1, 12 sicher aus Schiffsnamen-
katalog.
2, 1 , , , 1, 39, 24 aus Metrikern.
12, 1 , „ , 16, 5, 19 aus Serv.
sat. 1, 6, 103 , , , 20, 12, 4 aus vollständigerem Serv.?
epist. 1, 2, 26 „ „ „ 12, 1, 25 aus Serv.
1, 17, 25 „ , „ 19, 24, 11 aas Serv.
ars 220 , „ , 8, 7, 5 aus Serv.
Es ist kein Zweifel : Isidor hat seine Horazcitate nicht aus dem Dichter
selbst, wenn wir auch an ein paar Stellen das Mittelglied der Verbrei-
tung nicht mehr kennen. Beweiskräftig scheint auf den ersten Blick
zu sein das Citat Faenum habet in cornu, longe fuge (sat. 1, 4, 34) bei
Braulio epist. 11 (Migne 80, 657 c); wer aber im gleichen Briefe liest
Eii dum urceum fingere volo, ut ait Terentius, amphoram finarit ma-
nus und vergleicht was ich zu dieser Stelle adnotiert habe (Mon. Gerra.
hist. auct. antiq. XIV 290, 12), wird mit mir glauben, daß Braulio aus
einer Verssammlung, nicht aus Horaz selbst schöpft. Die weiteren
Stellen bei Manitius beweisen nichts: Hör. carm. 1,6, 6 bei Julianus
stammt aus Gharisius.
M) Daß die Verse über Dichtkunst und Malerei (ars 9 f.) von Ve-
nantius (carm. 5, 6 praef. 7) zuerst citiert worden seien, ist doch auch
nicht zu glauben, obwohl wir heute keine Quelle nachweisen können.
Die andern Anklänge bei Hertz V 23 sind nicht beweiskräftig.
M) Zu Anfang des 6. Jahrh. hat zweifellos Maximian noch gründ-
lich seinen Horaz gelesen : Nachweise, besonders zur ersten Elegie, in
Wernsdorfs Anmerkungen.
") Aber eine Spur von seinem Vorhandensein geben sicher die
Fragmenta Bobiensia saec. VIII — IX gramm. VII 541 sqq., die vielleicht
zum Teil direct aus den Glossen dieser Hs. abgeschrieben sind.
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288 Vollmer,
Erst bei den Karolingern66) und zwar durchaus nicht bei
den ältesten67) finden wir wieder lebendige d. h. directe Be-
nutzung und Kenntnis des Dichters.
Das älteste Zeugnis nämlich, das wir für wirkliche Lee-
türe des Horaz in dieser Zeit haben, sind die JE x em pl a
diversorum Audorum, prosodische Beispiele wohl gegen Ende
des VIII. Jahrh. in der Lombardei gesammelt68). Die Horaz-
citate darin69) sind sehr interessant. Sie zeigen ganz deut-
lich, daß auch der Urheber der Sammlung keinen andern Ho-
raz kannte als den Archetypus unserer Hss. : die Fehler epist.
1, 3, 33 Heu . . . heu statt Seu . . . seu, 1, 13, 14 pyrria
reden ganz sicheres Zeugnis. Andrerseits tragen sie Spu-
ren der Entwicklung, welche die II. Klasse der Hss. ge-
nommen hat: während sie richtig geben epist. 1, 1, 76 quem,
1, 5, 19 Facundii 1, 16, 49 negitatque, fehlen sie schon mit
R5tc epist. 1, 6, 53 his statt hic, mit serm. 2, 2, 95 Occu-
pat, 2, 5, 7 aut qui und vor allem epist. 2, 2, 71 Flures statt
Pwrae, wo R Plurae hat. Einen Teil der Stellen des Flori-
legiums hat vor 825 M i c o n in sein gleichartiges Opus 60)
aufgenommen, auch 5 neue hinzugefügt, in denen aber charac-
teristische Varianten fehlen.
Mit dem 9. Jahrhundert sind wir dann mitten im vollen
Zuge der Wiederverbreitung des Horaz: die Hss.-Kataloge er-
wähnen ihn jetzt81) und unsere noch jetzt führenden Hss.
M) Daß auch Aldhelm und Baeda Horaz nicht ans eigener Leetüre
kennen, beweist wider Willen Manitius Sitz. Ber. Wien. Ak. 1886
CXII S. 563 und Analekten S. 17; die Citate Baedas stammen aas Pris-
cian, Augrustin, Hieronymus; nur für ars poet. 111 weiß ich den Ver-
mittler nicht anzugeben.
*7) Darüber siehe P. v. Wi n t e r f e 1 d, Rhein. Mus. 60, 1905, 33 ff.
Er beschränkt sich auf die indirecten Zeugnisse, hat die Horaz-Hss.
selbst nicht verhört: dennoch kommt sein Resultat so ziemlich der
Wahrheit nahe.
M) Ed. H. Keil, progr. Halle 1872 vgl. Traube PMA III S. 273
Rhein. Mus. 44, 479. Mündlich belehrte mich Traube, daß sie eventuell
doch erst in den Anfang des IX. Jahrhunderts zu setzen seien und daß
die uns erhaltene Hs. doch wohl aus Tours stamme.
") Liste bei Traube PMA III p. 782 f., darin auch die Miconstellen.
") Traube PMA III p. 280 ff.
••) Die ersten Erwähnungen sind die in Lorsch (IX. Jahrh.) Uber
Eoratii poetae in uno codice Becker, catalogi p. 110 n. 429 und in Ne-
vers; siehe Manitius, Philologisches aus alten Bibliothekskatalogen
Rh. Mus. 47 Erg. Heft S. 28 ff. Gegen die Annahme, Corvey habe im
IX. Jahrh. einen Horaz besessen, Traube PMA III p. 42 not. 3.
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Die Ueherlieferungsgeschichte des Horaz.
289
stammen aus dieser Zeit. Dies ins einzelne hinein zu verfol-
gen, kann nicht meine Aufgabe sein: dazu bedarf es anderer
Sammlungen als sie bis jetzt gemacht sind und als ich sie
machen könnte62): ich wende mich wieder meinem Hauptziele,
der Analyse der uns jetzt vorliegenden Ueberlie-
ferung zu.
IV.
Von dem Kellerschen 3-Klassen- System unserer Hss. brau-
che ich hier wohl nicht mehr zu reden. Der leise Nachklang
dieses Gedankens bei Christ (Horatiana S. 114) entbehrt der
Beweise. Schärfer hatte schon W. Teuffei durchgegriffen. Ein
neues 3-Klassen-System , wonach unsere erhaltenen Hss. in
2 Klassen zerfallen, die dritte vom Blandinius antiquissimus
gebildet werde, stellt Leo auf (S. 850). Die Prüfung dieser
Theorie verbindet sich mit der Begründung einer neuen.
Die eine alte Handschrift 63), welche aus Italien her den
Horaz der fränkisch-germanischen Bildung vermittelt hat, ist
zweimal selbst abgeschrieben worden und dann verloren
gegangen. Aus den beiden Apographa, die selbst ebenfalls
verloren zu sein scheinen, stammen alle unsere älteren Hss. fl4).
Diese zwei Apographa waren untereinander verschieden einmal
durch die Anordnung der Bücher, sodann durch eine Reihe
von Abschreibefehlern und durch den Scholien- und Glossen -
bestand.
Ein sehr wichtiges äußeres Kriterium nämlich für uns,
die Horaz-Handschriften zu sondern, ist die Anordnung der
Bücher'5), denn so leicht wie sich aus andersartigen Hss. ein-
zelne Lesarten übertragen Hessen, konnte- natürlich nicht die
ganze Ordnung der ursprünglichen Hs. geändert werden. Diese
Ordnung war in I, der ersten Klasse, folgende:
•*) Hinweisen möchte ich doch beispielshalber für die Erklärung
deB Zuatandes unserer zusammengeflickten Münchener Hs. (CE) auf den
Brief Froumunds bei Becker catalogi 40, 2.
•8) Wie sie aussah, wird unten noch auszuführen Bein.
•*) Ich berücksichtige aus der Masse der Kellerschen Hss. nur
A(a)BC(E)D Rund * = (FJXbt): es hat keinen Wert noch mehr Exem-
plare der jüngeren MiachhBS. heranzuziehen. Dazu tritt der Bland. ;
O ist jung und wertlos (s. S. 264 Anm. 5).
•*) Ueber sie, nicht durchgreifend und auch nicht verläßlich genug,
Christ a. a. 0. S. 89. Schärfer Leo S. 851.
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200
Vollmer,
C(E)
1. carm.
2. epod.
3. carm. saec.
4. ars
5. epist.
6. serm.
D
carm.
B
im
epod.
A
irm
epod.
epist.
serm.
carm. saec.
ars
serm.
carm. saec.
(epist.) 6W)
Von dieser Folge unterscheidet sich Klasse II im wesent-
lichen nur, aber doch deutlich genug, durch die Stellung der
ars poetica87). Hier finden wir nämlich geordnet:
RFXIStü
1. carm.
4. ars
2. epod.
3. carm. saec.
5. epist.
6. serm.
0
1. carm.
4. ars
2. epod.
3. carm. saec.
6. serm.
5. epist.
Porph. Bland.
1. carm. 1. carm.
4. ars 4. ars
3. carm. saec. 2. epod.
2. epodon 3. carm. saec.88)
6. serm. f s d 6. serm. 69)
5. epist. ^ 13 5. epist.
Es zeigt sich also, daß im Laufe des Fortlebens der
Klasse II noch einmal, und zwar auf Grund von Porphyrions
Notiz zu epist. 1, 1, 1, eine Umstellung vollzogen worden ist,
die Umordnung von epist. und serm. 70). Daß das kleine carm.
M) Die Epistelnverse in A von anderer Hand als die carmina.
67) Aus den Worten des Sidonius carm. 9, 221 non quod post sa-
tiras, epistularum sermonumque sales, novumque epodon, libros carminis
ac poeticam artem Phoebi laudibus et vagae Dianae conscriptis voluit
sonare Flaccus wird niemand eine bestimmte Folge in einer Hs. er-
schließen wollen, nicht einmal für ars poetica oder Carmen saeculare.
Mit keiner in Hss. sich findenden Ordnung deckt sich, daß Chans,
gramm. I 202, 26 und 201, 5 die ars poetica als in epistulis citiert,
während doch schon Quint, das gesonderte Buch kennt.
M) Es verläßt uns für die Stellung der ars im Bland, das positive
Zeugnis des Cruquius p. 3091: in codicibus Jilandiniis duobus . . . ante
libros 4toö5(Öv . . . locim habet. Aber das negative S. 308 I (s. Anm. 69)
genügt. Vgl. Mützell. Zeitschr. f. d. Gymn. Wes. IX 1855 , 868
Schweikert, Gruquiana p. 10.
e*) Die sonderbare Nachricht des Cruquius p. 308 1 Antiquissimus
. . . ex Bibliotheca Blandinia . . . habet, Q. H. F. Carmen sevulare expli-
cit: incipit Eclogarum Uber primus, maiuscuUs quibusdam (ita tarnen ut
aliquo modo legi possent) cfiaractcribus erasis , atque in earum locis de-
pictis aliis, qui lectori -zb Semionum exhibent besagt wohl in Wirklich-
keit, daß auch im Bland, zuerst EPISTULARUM libri folgen sollten
statt der SERMONUM; der Titel ECLOGARUM für die Satiren steht
in keiner Hs. Cruquius wird unter der Rasur gelesen haben was er
wünschte, ECLOGARUM statt EPISTULARUN.
70) Hiebei hat gelehrte Ueberlegung der Karolinger mit
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Die Ueberlieferungsgeschiohte des Horaz. 291
saec. bei Porph. seine Stelle mit den epod. vertauscht hat, ist
ganz unwesentlich, wie das Saeculargedicht denu »ach in der
mit dem sog. Porphyrio zusammen tradierten vüa Oratii nur
nachtragsweise genannt wird71).
Zu der Scheidung der Hss. nach der Bücherordnung stim-
men aber auch die Text Varianten. Ich verzeichne hier das
Charakteristische, ohne auf OrthogTapbica und ähnliche Klei-
nigkeiten einzugehen. Aber ich mache von vornherein darauf
aufmerksam, daß XI 7S) und 0 im ersten Teile (carm. epod.)
oft von Klasse I her interpoliert sind, hingegen E. ab und zu
und seltener ]> von Klasse II her beeinflußt wird, während der
ältere C73) rein die I Klasse widerspiegelt.
carm.
1, 3, 19 turbidumu) ADEX10 Bland, turgidum R*.
20 acroceraunia ADEO acrocerauniae R*.
7, 17 perpetuoß ADE (Serv.) perpebuo OK"«* perpetwus R1 ?
12, 2 clio ABDEIO c(a)elo R*.
15 ac ABU et EDR, auf <fr, qui 0.
schol. *(F zu epist. 1, 1, 1 'epistularwn Ubri" tUUmi sunt sui operis
libri, licet scriptorum uitio in multis codicibus locum sermonum occupaue-
rint. Das ist natürlich geschöpft aus Porphyrio z. d. St. Aber eben
bo sicher ist m. E. t daß man die Abschreiberphilologie des Porphyrio
überschätzte, wenn man aus seiner Notiz einen Beweis entnähme, daß
er, d. h. der Grammatiker des 3. Jahrhunderts, die serra. vor den
epist. gelesen hatte wie seine Hss. sie bieten; im Gegenteil: die Ord-
nung epist. serm, war der Anlaß zu der Notiz, die sich ja unmittelbar
aus epist. 1, 1, 10 ergab.
") Ob der Servius Fortunatiano dn gramin. IV 4t»8 überhaupt ir-
gend welchen, Ueberlieferungswert bat, ist mir äußerst zweifelhaft;
jedenfalls zeugt seine Notiz p. 472. 10 höchstens für die Ursprünglich-
keit der Folge epist. serm., für nichts weiteres. Daß ich in der Aus-
gäbe die übliche Anordnung belasse, wird mir hoffentlich niemand als
Verehrung des heiligen mumjmmus auslegen: wer zuc Vorstellung der
Entwicklung des Horaz eine gedruckte Folge nötig hat, dein ist ohnedies
nicht zu helfen, und im übrigen haben wir Philologen gerade genug
Citiernot und- arger.
7i) Diese Beeinüuüung zeigt sich außer der üebernahme der Ma-
TortiuB-Subscription in XI und 0 besonders in XI deutlich dadurch, daß
hier wie in A hinter Buch III der carmina derselbe index der griechi-
schen Odenbezoichnungen mit Erklärungen folgt: Erotice : amatorie, präg-
matice : causative u. s. w. In 0 scheint dies Stück nicht zu stehen. —
Vgl. ferner noch earm. 4, 14, 5 lux al(ii) Ubri sol X, lux (ve)l sol 1. —
0 ist übrigens, wie die entstellte Subscriptio zeigt, nächatverwandt mit
Brüx. 9776—8.
") Ich erinnere hier daran, daß bis carm. 3, 27, 1 in Kellers edi-
tio minor 1878 und auch in l2 1899 überall fälschlich im Apparate C
statt E gedruckt ist; der ältere Teil C beginnt erst mit diesem Verse.
74,l Die echten alten und richtigen Lesarten habe ich gesperrt, da-
mit um so leichter die gemeinsamen Fehler ins Auge springen. Bei
zweifelhaften Lesungen fehlt die Sperrung.
Philologu«, Supploinentbaiid X, zweites Heft. 20
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292
Vollmer,
1, 12, 57
15, 20
16, 3
19, 11
20, 3
29, 13
2, 5, 13
10, 6
3, 1, 44
2, 16
22
27
3, 7
4, 14
5, 10
54
6, 10
27
12, 11
14, 6
17, 4
24, 4
25,
27,
28,
29,
4, 1,
2,
6
14
5
10
71
6
9
2
6
8
34
57
9
18
20
2
14
27
3, 10
4, 7
36
65
laetum ABDE
Crines ADE Bland. 0^
Pones ABDEXIO
Auersis A, Versis E
leui ABDEO Porph.
nobilis AEO
currit ADE (Porph.)
obsoleti ABDEXIO
uites ABDEO
ue ABD
ire ADEXIO»
Vulgauit ADE
inlabetur AX1
acheront(h)iae ABE
et ausgelassen ABE
Diiudicata ABE
Inauspkatos ABX1
intermissa AE
et ausgelassen ABXlö
alto ABKO
8 acri 8 ABitO
fastos ABEXIO
ponticum A 13X10
consilio ABEXIO (Bland.)
naidum ABEXIO1
rumpat ABCXIO
inminentium ABCXIO
reddit ABCXl
et ABCXIO
inuicem ABCXIO
uermm ABCX1(0?)
Nec ABCO
iura ABC
alueo ABC RXIO«
africus ABCiO1?)
domo ABCXl
Largi ABC
citrea ABCO (Porph.)
Iule O) ABCXIO (Porph.)
Sanguine ABCXl
auis ABC
qua ACX1
Verni ABC
Dedecorant ABCO (schol. Juv.)
Mersu8 ABCXIO
5, 7 it ABCXl
34 Diffuso ABCXlre
6, 10 inpressa ABCXl
8, 15 celerti fuga ABX1
34 duccit ABX1
9, 8« ABXIO
31 sihbo ABXIO
foium RO*.
Cultua R*(0»?)
Ponw R*.
JE* uersts DRO*.
«fem R*.
nobile s R*.
eurrrt RO*.
o&«o/e<is R*.
uitis R*.
gut? ERO*.
t ter RO1* (Porph.).
Volgarit RO* (Porph.).
t n J a b a t u r ERO*.
acAm<n/tö« RO* (Porph.).
et haben Bland. RO* (Porph.).
Disiudicata (R«?)0*.
N on au spicatos ERO*.
inpermissa RO*.
et haben EROFic.
arto Bland. R*.
diuis ER* Porph.
fastu8 R* (Porph.).; cf. Prise.
publicum Bland. Rti1, opu-
ttcum E*0*.
concilio R*.
noio(J«m RO** (Porph.).
rumpit R*.
wmmtfMfMm R*.
reddet RO* Porph.
ac R*.
in uice8 R*.
uerso R* Porph.
Ne R*.
tu/^a RO* (Porph.).
aequore *0* T*).
africis RO* (Porph.).
Bornum RO* (Porph.)
Largis RO*.
cuprea R*.
Julie R*.
Sanguinem RO*.
api s RO*.
oua« O* (Porph.), otu R
Vernts (R?)Ol*.
Jndecoran* R* Porph.
Me rses R8 ilfe*«es «? Mer-
sae F.
ROöit (F ?).
Defuso Bland. RO»Fö.
inpulsa RO*.
et leres fugae RO*.
<2 u c 1 1 RO*.
ömc R*.
st/er» R*.
) Vgl. S. 289 Anra. 83.
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horas.
293
carm
4, 9,
10,
11.
13,
H,
15,
35
52
6
7
14
5
10
saec.
epod.
1, 21
Porph.
28
29
34
2, 25
que ausgelassen ABXl
peribit ABXl
in ABOX1
au et ABO
clari ABXl
lux AX1
euaganti An Porph.
Quod ABCX1 Bland. 0»
tothlem ABCX10
urbes ABCX10
ut adsit auxilii ABXIO
pascua ABCX1
ca[n)dens ABCX10
nepos ABCXIO1
ripis ABCX10
5, 8 aut ABCX10 (Porph.)
1$ iiiig ata ABCXIO (Porph.)
18 cupressos ABCX10
20 strigis nocturnae ABCX10
21 aut ABCX10
60 laborarunt ABCXIO
63 superba ABCXlOw
65 in/ectum ABCO
79 mar* ABCXIO5»
102 effugerint ABCXIO
6, 3 uertis ABCX1
petis ABCX1
5 lacon ABCO
7, 15 albus ora pallor ABCXIO
(Porph.)
10, 19 sinu notus AC Bland.
11, 2 per cu 8 sum AB (metrici)
12, 2 quid ABCO
3 mitU8 ABXl
8 er es et t ABCXIO (Porph.)
13, 11 cecinit grandi ABCX1
14, 3 utsi ABCXlnO1
10 JV(on) acreonta AB Acreonta C
15, 12 uiri ABCXIO Porph.
16, 12 Equi (EtquiB, Eque C) ABC
14 utdere ABCXIO1
38 perpremat ABCO1 (Porph.)
17, 5 Refixa ABCO
11 ii^erc ABCXIO1
18 Belatm ABCX1
22 awt'c/tt« ABCXIO1
57 sacrum ABCXlrVO1
60 proderat ABXl
64 laboribus ABCX1
72 innectes (-is O) ABCXIO
gu e RO*.
j>er»*re Bland. RO*.
in ausgelassen R*.
habet R*.
cari Bland. RO*.
8 o l RO*.
etuaganti RO*.
^mo» RO* Quo n.
totiensR (Cenaorin) potiens *.
urb em R*.
Mi sti auxili(i) R*, Mit sü au-
xili c 'quartus Blandinius'.
])a«c«is Bland. RO*.
tangens RFö(ic?).
ut nepos RO"*.
ripis rc1 risis R1 nu« Bland.
R**.
R*.
itnplicata R*.
cupressus R*.
nocturnae strigis R*
(Porph.).
a i ^ u c R* (Porph.).
lafcorartni Bland. R*.
sup e r b am Bland. R*.
tm6uUtn R* (Porph.).
tware RO1*
effugerit R* Porph.
turit« R1*1 Merte Bland. R*08*.
petis R1«1 pefc R20»*.
/aco R*.
ora paüor aßw« R*.
s i n u s noto {notu R) RO*.
perculsum RO*C.
cur R*.
mittis RO*C.
crescat R*.
grandi cecinit RO*.
Mit RO**.
inaerconta RO*.
uirium R*.
£jm«s RO*.
Mfderi RO?*.
perprimat RO**.
Defixa R*.
Unxere Bland. RO**.
jßelapsus RO* (Sacerd.).
amteta RO2*.
soera R'O'*.
proderit RO*C.
doloribus RO"* (Porph.) cru-
ciatibus O1.
20*
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Vollmer*
poouUm, R* (Porpk).
exitum RO* (Porph.),
sapiens (Bland.) Q2* Porph.
mal im RO1* (exempla Tat.)
optartm RO**i
depeüore RO**.
epod.
17, 80 pocula ABCX10
81 * xitus ABCX1
■erm.
1, 1, 88 paiiens aBDE RO1
55 maüem {-e B) BDEO*
79 Opturem aBDEO1
2, 6 i>roi>«Zicre aJBDEO1
Serm. 1, 2, 100 scheint Klasse II ausgelassen zu haben:
im WXl iet 100 falsch vor 99 gestellt, 100 ließen aus R*$.
Der Fehler hängt zusammen mit der Abirrung von circumdata
vi 96» auf circumdaUi v. 99 ; denn 99 haben <I>R nicht palla,
sondern nam te (aus 96) und R1 hat Lücke. Also ganz deut-
lich : Fehler eine» Abschrift, nicht einer Ausgabe.
Berm.
1, 2; 121? philodemuo aBDEO
124 dat aBE (Porph.)
127 uereor aBDE
130 Desiliat aBDE
8, ZI filix aBDEO*
4a 4 c BDE
56 incurtare BDE.
4, 15 4cctjw> tot» aDE")
25 elige aDE(0»?)
26 misera ambitione aDEO
30 tepe t aDEO schoK T
35 non hio aDEO
50- grandi aDEO
54< puris aDEO
bS uerbum aDEO»
65 efc 70 siWeins und sulci aDEO
79 Inquit aDE
96 $» otiac aDE (Porph.)
103 altud aDE
110 5atiw aDE Blandl
123 selecti$ aDO*
5, laccepit aCE (Serv. Porph.)
1« ausgeladen CDO> (Porph.)
78 dilapso aED O
97 dein aCDE
6, 4 imperitarint aCDEO*
6 ut DO8, ut E, a«* «< C
natos aK, natu« CD
7, 21 concurrunt aDE
8, 6 aDEO
1, 9* 52 atqui aDE O
62 uenis et aEO (Porph.)
66 bilis aDE O
10, 13 urbani aDEO
philodamus R* (Porph.).
RO* D.
rotfuo RO*.
Msmliat RO*i
/i/at O»* se).
Jtf O*.
tncr«8<af« O* Porph.
J.c cipiarm (Bland.) RO*
(exempla Vatio.) Porph.
erue RO**.
miser ambitione R*.
patet R*.
non non R*.
grandem R*.
pueris R<I>.
uerbum RO**.
sulgius und sw^i R*.
Inquis RO*.
s* owi RO*:
aliquid RO*.
Barus RO*.
efecfts RO1* «fecfi E.
exceptf (-«ptt R) RO* D.
R* aE.
delapso R* C.
<ie(Ä)tnc *OR» (Rl non liquet)
(Porph.).
hnperitarent RO**.
om* RO**a.
mtfum R20*.
j)rocwrr«n< RO*.
.Esf R*.
atque R*.
uenisset R* D:
ftc/fis R*.
«röane * Porph. urbem R*.
>erm. 1, 3, 28— -8& fehlt R.
") Von serm. 1, 3, 135 an fehlt B durch, serm. epiat
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Die Ueberlieferungegeschichfce des Horaz.
295
st-rm
1, 10, 24 ut aDEO Porph.
27 latini aDEO (BHmd.)
89 spectanda E) aDE
40 potes aDEO
44 ducit aDE (Serv.)
2, 1, 18 cum aDEO
22 gwc aDE
2, 30 tepetere (dep-E) aDE Porph.
35 4« o aDE (Porph.)
60 repotia aDEO*
99 «raus»«« aDEX
116 edi luce aDE
8, 4 ab ipsis aEXO (D fehlt)
88 teert aEO«
93 periret aDE
108 guto* discrepat DE
174 t'iMoma aDE
183 aut aDEO
213 ut'tt'o aDKl
«27 Et dicit aDE
235 wWfo aDEl
£40 «fe^ordc^et aDE
291 Magne (-ho £) aDE
292 ne aDE
4, 2 uinctmt aDElO
22 peragit aDE
6, 57 e< aE (D fehlt) O1
7, 18 doctw« aElO
19 acrior aEO»
84 fert ElO«
«< g*w E
1, 1, 48 Discere AEO
72 aut AEO*
101 putas AElö Porph.
2, 4 PiÄUtHS AKO*
« «««fug AEXO*
33 oi gut AEO
3, 4 turres AE Porph. FXlO«
6, 11 exterruit utrum AE '*)
18 Suscipe AEXltt
48 jprtwuÄ AEO1
53 Ate AEFX1
64 p atria AB?
68 nt* AE
7, 73 Ate AEO
8, 12 uento su s AE (Serv.) RO2
11, 24 Ut AEO*
to*m(a)e R*.
spectata RO*.
R*.
dueto R*.
dum * 7t).
ue O* (Porpfc.V
jrtrtri 4»0.
quid *, gi«xl O.
reportia «I'O1 (Porph.).
irawtM» *0 (Porph.).
ff edu/<% (<*e 7«ce X) * et di-
Juce O, (et) eduloe (Porph.).
at ip 8i* ♦ Bland,
uen/m *0'.
pt risset *0.
gut d»5Crep«<(BlanÄ.)0*a.
w(«i0s<mta *0.
et *.
ausgelassen *0.
E dicit *0.
uerri« (Bland.) O*.
tx(s)orberet 0*.
Jfane 0*.
gwe O*.
uificen* Bland. 4».
peraget O*.
doctor Bland. 4».
ac prior Oa*.
/<rrf O1*.
tcquis *, «cu* corr. in ec-
quis 0.
Dicere R*.
ausgelassen in II, denn
et KO'Ä«, oc FX1.
}*rfa{ R*, puta corr. in$wtes 0
P/emiw (Bland?) RO**.
aertum Bland. RO1*.
atque Bland. R*.
fm-os Bland. RO'Sic
txterret (-U R) utrumque RO*.
Suspice ROPd Porph.
j>r»mufn RO1*.
(/*)« R05tc <Ex. Vat.)
patri(a)e RO*.
ausgelassen R*, dafür est in-
terpoliert XI.
tttntaroi Bland. O1*.
Tu Bland. RO1*.
7S) Von sat. 2, 1, 16 an fehlt in den Satiren R.
•) Ich halte das für durchaus richtig: nur gehört utrum zuln fol-
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296
Vollmer,
donarat Bland. RO«*.
n i RO*.
benign[a)e RO*.
Suspectus R*.
toca RO1*.
an^rut R* Priscian.
fqui(<i) * Porph.
et Bland. RO1*.
pont'< (-af 7t) (Bland.) *.
extore R, ex ore *.
obtinet R*.
t'/fe R*.
Z>tcü ef R«, Dicat ei *.
nc R*Oa.
et idem Rn, ttero 0*.
et RO*.
nata R*.
plaudet R*.
ntffio 0* Porph.
l(a)eua RO'*.
fori
epist.
1, 15, 82 donofea« AEO*
16, 5 si AE (Porpb. lemma)
8 benigni AE
51 Suspectos AEO
17, 28 Joca AEO*
30 angue AEO
18, 82 et quid AE RO
107 ut AEO5 Porph.
111 dona< AE RO
19, 13 textore AEO Porph.
30 oblinat AE 0
47 ts*e (om. A) E O
2, 1, 27 Dictitet aO' Doctffef EOl
37 ju« aE O1
46 « t i a m aE Ol
73 et ausgelassen AE
153 lata aE 0
186 gaudet aE Bland. 0 (Porph.)
198 nimio aE Rrc Bland.
205 l (a) e u a e aEO*
226 eo rem uenturam aEO
2, 2, 8 imitaberi 8 aE Bland.
11 extrudere aEO
44 «ellm aEO2
63 tu quod aEeO
77 urbem aE Porph. 0
87 m t aEiO
112 /enmtur aDEsO*
49 ei ausgelassen aBC
76 inclusa est BCO
111 effert { eret B) aBCOö
117 uirentis aBCO
196 amic« aBCO
203 p a u c o aBC Porph. 0«
212 haben aBCO
223 Inlecebris aBCO
237 et BC Bland.1
279 Aeschy lus aBC
294 Praesectum BC Bland.
305 e4s)0rti7a aBC Rn
319 locis aBC Bland.
327 albani aBC
328 triens (/») e u aBC Bland. 0
339 ueht aBCO (Serv.)
400 h o n o r aBC
421 agri BC
In dieser Liste — sie wird nicht lang erscheinen, wenn man
bedenkt, daß sie abgesehen von den oben aufgeführten ge-
meinsamen Fehlern der Hss. und den Zeugnissen der indirek-
ten Ueberlieferung eigentlich den ganzen kritischen Apparat
zu Horaz birgt — sind für den, der sie zu lesen versteht, die
foretn uenturam Rtc, item fore
uenturum FX1.
imitabimur (-itur X10) RO*.
excludere Bland. R*.
possim (-em O1) RO1*.
quod tu R*.
urbes R*.
et R*.
ferentur RO1*.
et (Bland.) RO*.
iunctis (-us Rti) aus Vera 75 R*
et certi R*.
uigentis R*.
amici Ftc5 amicis RX1.
paruo R*.
lassen aus R*.
Incelebris R*.
an R Bland.« O*.
Aeschynus vel -inus RO*.
Perfectum RO*.
ex(s)ors ipsa 0*.
iocis RO*.
(al)bini RO*.
trienem Rä, triens est *.
uolet R*.
bonos RO*.
agris RO*a.
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Die Ueberlieferungggeschichte des Horaz.
297
wichtigsten Tatsachen der Ueberlieferung und damit die Richt-
schnur der recensio beschlossen. Ich will versuchen das zu
entwickeln.
Zunächst ist klar, daß diese Varianten nicht Ausgaben80),
sondern Abschriften bedeuten: ganz significante Schreibfehler
z. B. carm. 1, 12, 2 CELO statt CLIO, 3, 2. 22 IRE statt ITER, ■
4, 15, 10 ET VAGANTI statt EVAGANTI, epod. 14, 10
NACREONTA statt ANACREONTA, serm. 1, 4, 15 ACCIPE
IAM statt ACCIPIAM u. s. w. , dann eine Reihe von Wort-
unistellungen, ferner Abirrungen wie serm. 1, 2, 100, ars 76,
Auslassungen wie ars 212 ; ganz klar erkennen wir die Capi-
talschrift des Archetypons epist. 2, 1, 226 wo FOREM statt
EO REM in Klasse II übergegangen ist, vgl. auch epist. 1,
15, 32 DONARAT II und Bland, statt DONABAT.
Welche Abschrift ist die bessere? Das zeigt deutlich die
Verteilung des Sperrdruckes, der auf der linken Seite über-
wiegt : I ist zweifellos die getreuere Copie, aber auch sie wim-
melt von Fehlern und kann daher nur bei ganz gleichwerti-
gen Lesungen relativ größeres Ansehen beanspruchen. Es ist
ja überhaupt nicht die Aufgabe der Recensio, Lesarten nach
ihrer Güte zu zählen, sondern für jede einzelne Stelle den Ar-
chetypus zu rekonstruieren.
Und nun beginnen die Zweifel. Ist denn die oben ste-
hende Liste beweiskräftig, ist sie nicht willkürlich und un-
sicher? Niemand weiß besser als ich, wie schwer sie zusam-
menzustellen war, wie genau jede Stelle geprüft werden mußte,
mit wie viel verschiedenen Möglichkeiten zu rechnen war. Und
ich fühle durchaus die Verpflichtung, für eine Reihe von Stel-
len meine Erwägungen klarzulegen, damit mein Urteil nicht
als Willkür erscheine.
V.
Während im ganzen die Reconstruction der I. Abschrift
kaum Schwierigkeiten macht81), wird dieselbe Aufgabe für
eo) Nirgend« finden sich Sparen einer Recensionsarbeit wie z. B. in
den alten Plautusauagaben A und P ; auch werden die Varianten
dieser beiden Klassen nicht von antiken Zeugen be-
stätigt (über carm. 3, 17, 4 fastus oder fastos siehe S. 276), mit
einer Ausnahme, die ich oben S. 282 Anm. 39 behandelt habe.
") Diese erheben sich nur da, wo die führenden Hss. ABC nicht
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298
Vollmer,
Apographon II durch eine ganze Reihe von Umständen er-
schwert. Hier spielt mit die UnvoUständigkeit und Unzuver-
lässigkeit der Collation des Blandinianus vetustissimns , das
Fehlen von Ii in einem Teil der Satiren, der aber auch, wo
er erhalten, bisweilen durch Glossen und Varianten getrübt
ist. So müssen wir uns oft genug statt des sicheren Zeug-
nisses Bland. R<X> mit dem magern R$ oder gar <J> genügen
lassen84). Vor allem aber kommt in Betracht der Zustand
der Kerngruppe von Klasse II, der Gruppe Wäre sie so
wenig getrübt wie etwa i?, so würden uns Hunderte von Zwei-
feln erspart bleiben83). In Wirklichkeit ist aber die Gruppe
4>, in der sich zusammenschließen F (=^9)^71, lauter sicher
oder wahrscheinlich mittel französische Hss., ganz besonders
fehlerhaft und verderbt. Ihre Verwandtschaft im einzelnen histo-
risch zu erklären, muß ich einer besonderen Untersuchung über-
lassen; für mich genügt hier festzustellen, daß sie durch hun-
derte von gleichen Fehlem zusammengehalten werden und
daß nur in den Carmina und fipoden XI oft von der I. Klasse
her beeinflußt sind, wie sie auch die Mavortius-Unterschrift,
indirecter Herkunft, tragen. Ich muß aber hier wenigstens
die große Menge der charakteristischen Fehler zusammen-
stellen, damit das Zeugnis dieser Gruppe nicht länger über-
schätzt werde : die Gruppe ist zahlreich und mächtig geworden
vor aUem weil Heiric84) und sein Kreis den Horaz in dieser
Form kennen gelernt, nachgeahmt und verbreibet hat ; tatsach-
erhalten sind, also vor allem in den Satiren und Episteln, und auch
hier giebt in der Regel der Consensus aE, wo nicht Glossen die reine
Ueberlieferung gestört haben, den rechten Weg an.
ea) Unter den von Keller-Holder verglichenen Hss. habe ich nach
einem weiteren von 4> unabhängigen Vertreter gesucht, ober keinen
gefunden : auch u hängt von <£> ab: vgl. z. B. carm. 4, 4, 43. 4, 6, 17.
4, 7, 15. 4, 10, 5 u. a.
M) Die Fälle wo * allein das Ecbte bewahrt hat, sind selten: am
wichtigsten carm. 3, 29, 34 wo aequo* e für das glatte Flußbett (vgl.
Thes. Hng. lat. 1 1027, 32) in allen andern Hss. und natürlich auch
in den Ausgaben durch die Glosse aiveo verdrängt worden ist; 3, 27,
55 Defluat mag Conjectur sein; siehe noch serm. 2, 3, 183 et, 2, 7, 19
ac prior ; Uber ars 3ü5 vgl. unten S. 305.
8*) Siehe vor allem die schon von Traube PMA. III S. 424 Anm. 3
hervorgehobene Stelle carm. 2, 20, 13.
9b) Wo andere Hss. zu 4> hinzutreten, ist meist derselbe Schreib-
fehler oder dieselbe Gloeseninterpolation zwei- oder mehrere Male ge-
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
299
lieh ist dieser Zweig der Ueberlieferung der wildeste , aui
meisten durch Schreibfehler wie Interpolation entartet. Hier
in der Gruppe haben wir in der Tat eine Art von recensio
vor uns, freilich keine des Altertums, sondern eine des 9. Jahr-
hunderts und eine, in der die kühnsten Interpolationen neben
den törichtesten Schreibfehlern stehen.
1,
carcn.
2, 11 super iacto 4»
18 uelorum 4»
4, 8 urit») *0
7, 27 teucro") *DO
8, 2 hoc deos oro ötc
te deos oro FAlO
9, 6 Largiri poüs <t>
7 Depone 4>
10, 17 animas laetis <P
12, 18 parentum
statt
}
13,
M,
18,
25,
27,
28,
33,
37,
o
2, 2
FöitDO Bland,
marg. ••)
15 aut terram Förc
51 faÜ8 ausgelassen Fötc
57 regit Fbn
5 tum 4>D
5 actus <t»
5 increpat FöitEO*
15 Extollens {At t. «) FöitO1
5 faciles FörclO» Porph.
14 te ausgelassen 4>
3 UiuB * (ohne nl) o
19 et F8ä
6 torret Fö*
35, 17 *(a)ewa *0
26 fugiunt Fön
5 Antehanc 4» (Porph.)
7 a<7« *0 (Porph.)
28 exitium <t>0*
3 oresetf Föic
6 te<7me$s(a)e 4>0
5 Pompiii 4> (Porph.)
7 comptus FörcO
14 ad aerc Föit no a«r« t?eZ a*re O1
11 cedunt FötiO
10, 18 cytharae Fük
11, 24 comatn Fön
12, 25 Dum Fö-0
13, 8 Colchiea $ (Porph.) cofcÄw 0
23 discretoB FXln'O (Ö deest)
16, 13 j)atertK> Fr (ö deest)
31 fönet FönO2
17, 19 Loctalis Fön
4,
7,
9,
supetiecto
ultorein.
uisit.
teuer i.
hoc deos vere.
Large reponens.
Deprome.
laeäs animas.
parentis.
ac {et EDR) terra».
fatis.
reget.
tunc.
saucius.
crepat.
FA totlens.
facilis.
te.
torret.
serva.
(Jyffugiunt.
Antehac.
aget.
exilium.
teemesme.
Pompei.
Corona tus.
nere,
decedunt.
ciftliara.
Cum.
Colcha.
discripiaa.
pa
forsan.
macht, in den jüngeren Hss. wie 0 auch einfach aus * übertragen
worden.
M) Was sich die Abschreiber bei der Verbreitung dieser ganz tö-
richten Lesart gedacht haben, kann ich nicht erraten.
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300
Vollmer,
carcn.
2, 17, 25 alas auagelassen Fön
te Fön
18, 8 diente* #0
36 ,Retit(n >a»< Fön
20, 3 terra FönO
13 (ojct'or FönEO Heiric
8, 1, 43 DeUnit (-n« 0) *DO
3, 10 Innisus FönO
12 bibit FönOE (Porpb.)
4, 10 Jiroen ap«iia« <J>Oß (Porph.)
16 f«r«nti <t>0» (Porph.)
31 arentes Fön
5, 51 atnicos FönO
53 c/iCTitii»m 4»0 (Porph.)
6, 35 et ausgelassen FönO
8, 27 rape (spe n1) Fön
9, 9 riget 4>
21 Quamm« FökO*
10, 6 situm FönO (Porph.)
13, 11 sub uomere FönO'
16 Nymphae Fön
18, 7 creterrae * (Porph.)
19, 11 Munere Fön
14 attontfu« cyathos FönO
27 c/»Joe Fön
20, 3 paulum Fön
23, 9 alcido Fön
24, 26 aut FönO
27 quaerit Fön
60 hospitem FXnO
25, 16 fraxinu8 Fön (Porph.)
27, 7 guüJ öXlnO
37 culpa FnO* (Porph.)
3, 27, 55 Ltefluat richtig FönO
71 uisus <t»
29, 84 aequore richtig FönO*
62 Tum FönO
4, 1, 11 Comitabere FönO1
37 ego te Fön {te O1)
2, 6 Cum . . . saluere Fön Bland.
58 orbem öXln
4, 6 propulit ÖXlnO
41 artna 4>
43 M«i ausgelassen 4> (per F, efön)
6, 17 captis ausgelassen Fön
38 nocte lucem Fön (noctem lu-
cem O»)
7, 19 herebis vel -6»t 4>
8, 25 aequum Fön
10, 5 falsche Wortstellung FönO
12, 11 Delectante(m) Fön
16 mereberis Fön
14,. 5 Aeteme et Fön
15, 28 ut FönO»
statt cmwi.
r
-
-
-
Eeuexit.
tcrrw.
tioftor.
Enünis.
btbet.
litnitM j)ulltci€.
forenti.
urentes.
propinquos.
CO])C.
regit.
Quamquam.
satutn.
uomere.
Lymphae.
craterae.
M urenae.
cyathos attonitus.
rhode.
paulo.
ahjido.
et.
quarret.
fraxinos.
CM*.
culpae.
Defiuü.
inuisus.
alveo.
Tunc.
Comissabere.
eqo.
Quem . . . alucre.
ortum.
protuht.
alma.
noctilucam.
heredi8.
Delectantque.
Aeternet.
que.
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Die Ueberlieferungageschichte des Horaz.
curia, saec.
26 est ausgelassen FörcC1
61 imperet FÖXIUO»
57 honos <*»
epod.
1, 10 Quem 4*0
2, 19 gaudens Föic
5, 1 regis 4»0
21 colc{h)os *0
84 iitimcmori Fönl
55 dum FSk
6, 15 oppetiverit F (Ö1?) n1
IS, 9 cyllena Ftn
15, 17 tu ausgelassen Fö«
16, 33 fiauos FöitRO, saeuos XI
17, 17 circ(a)e FölnO
62 £• *0* Ps. Porph.
67 a#te FörcRO*
lerm.
1, 1, 88 at FXlöO»
91 campum FXlöO*
94 habebas 4>B*
105 6esei/* (ues- O1) *0*
2, 3 %iWt <K>»
12 /iwuitiM *0»
19 hoc FXlöO
34 Jfac FX13
51 Munificum <J>0*
71 ferbuit * 8T)
90 Kncew FX10 (Zynceis E)
93 depggis *aO
97 dum *
officiunt FXIO*
117 praesto aut <I>02 M)
133 jjy^c *
3, 29 actus <i>
33 pectore *0*
35 imederit * (Porpb. lemma)
38 «rnici 4»
64 {h)aut *
65 tnodesfua *
76 quatinus *
92 ante me 4>0
4, 32 ampftcrt «FX101
49 ttwamf *R
54 uerbum 4>
78 .Mm *
87 imus 4»
125 /raafc* 4»
126 «»de« *
131 Ignoscat 4»
189 Incumbo 4>Ol (Porph.)
5f 8 Itn$ru(a)e 4>0»
statt impetret.
g hotior .
* Qua-
„ gaudet.
• reati.
, Iokos.
„ inemori.
„ cuwi,
, cyllenea.
rauos.
fl Circa.
„ Scd.
„ aftfc.
, an.
„ campo.
" ^Lctti.
, ItycHi.
Fufidius.
> Äic.
» #MC>
, Munifico.
„ con/erfcuit.
„ Xynce».
„ depugis.
„ tum.
„ officient.
„ praesto.
„ pwaa.
, aptu«.
„ coi-pore.
, mscucrtt.
, amicae.
„ molestus.
„ quatenus.
„ ante mea.
, ampliet.
„ in*a«tt$.
, ueröts.
„ .ATcc.
„ ttwus.
, flagret.
„ atttdos.
„ ignoscas.
„ Iniudo.
„ Zowae.
87) ic fehlt von 1, 2, 70 ab in den serm.
M) Von serm. 1, 2, 114 fehlt auch 8, also <I> = FX1.
302
Vollmer,
1, 5, 26 anxyr *
40 uarus <M)
statt Anrur.
„ Varius (ebenso 93. 1, 6,
55. 1,9,38.1,10,44. 81).
71 rede «I-DO
rccta.
97 gratia *DO*
6, 65 aut <t»
Onatia.
ac
e.
73 et #0!
75 oc&mw . . . acta (-re 0 ') *0
83 seruabat *
octonos . . . acris.
28 mtiZfum <l>0
8, 9 uüis *Ol
96 «t *
7, 7 tumidusque $
Di ul to.
uili.
48 caZüwdrwm ♦ (Porph. 4 mal)
9, 12 agebam *E
13 ficos * Ps. Chans.
16 Proscquar 4>DO
63 *ewd»t *
12 eiprus 4>
eippus.
rahendrunu
<*iebam.
uic&S.
Persequar.
tendis.
1, 10, *1 — *8 diese falschen Verse sind
jüngeren Hss. ••).
nur in «I> erhalten und einigen
••) Diese Tatsache zwingt uns gegenüber den früheren Betrach-
tungen (zuletzt F. Marx, Rhein. Mus. 41, 1886, 552 ff.) die Frage zu
erwägen, ob es denn ganz undenkbar sei, daß diese 8 Verse in der
Karolingerzeit interpoliert worden seien. Höchst verdächtigend ist doch
außer der beschränkten hslichen Bezeugung 4er Umstand, daß Porphy-
rio sie nicht commentiert hat, ein Umstand, der nach der unten zu
erschliessenden Lage unserer Ueberlieferung fast völlig die Möglichkeit
abschneidet, daß die Verse aus dem Altertum überkommen seien. Und
daß die Verse, wie Marx meint, ursprünglich für einen andern Zweck,
ein literarhistorisches Gedicht oder als prooemium einer Luciliusrecen-
sion gedacht und gemacht und erst nachträglich der Satire vorgeflickt
seien, ist unerwiesen, unerweislich und bei dem Uebergang mitten im
Verse ut redeam illuc ganz unwahrscheinlich. Hinzu kommt eine wich-
tige Kleinigkeit: die übliche Emendation in v. 4 quo meUor vir (et)
est ist schlecht, wie auch Marx erkannte ; mit langt subtiüor fängt not-
wendig eine zweite, von quo unabhängige Apposition an. Vir an sich
ist gut, es gehört nicht zum Praedicat, sondern zu ille: hoc lenius iUe
vir quo melior est. Der Fehler vir aber zeigt uns m. £. deutlich, in
welche Zeit die Verse gehören; seit dem 5. Jahrh. werden einsilbige
Wörter, die auf Consonant ausgehen, verschiedentlich als Länge be-
handelt (z. T. natürlich nach Beispielen von Nachwirkung Ursprung,
licher Doppelconsonanz wie pes und par) : facf ac, cor, an, nee u. s. w-
und solche Dinge bildeten die Karolinger nach ; so haben wir bei H e i -
ric von Auxerre (PMA III p. 427 ff.) in der vita Germ. 1, 34 vel
(in thesi) und 1, 480 nec (in thesi); für vir selbst beweist der Vers 6, 6
hoc vir, hoc mulier, hoc u. s. w. nichts. Den folgenden Vers tese ich
mit Marx: qui multum pucrum et loris et funibus ussit Exoratus und
erkenne mit ihm eine Nachahmung von Juvenal. 6, 414 quae vicinoe
humiles rapere et concidere loris Exorata iolet Diese Nachahmung
Juvenals passt wiederum vortrefflich auf Heiric, der diesen Dichter
vielfach nachbildet, ihn sogar glossiert hat (Traube PMA III p. 424
Anm. 3). Kurz, ich halte Heiric für den Verfasser die-
raz gemacht worden sind, die wir in * erhalten haben und von der wir
des Ho-
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Die Ueberlieferungsgeschiehte des Horaz.
1, 10, 5
65
75
2, 1, 49
2, 22
38
41
58
65
95
99
114
2, 3, 21
39
41
63
72
96
98
108
12S
142
152
156
246
247
266
272
286
817
4, 3
11
14
47
num *Oa
urbanis <t>
miiibus WM
quis . . . ceriet 4>OD
tagonis * (Porph.)
raris 4» (Porph.)
fundere *
qui <t»0
Occupat <fr (eiempJa Vat.)
Asia que{t) *
metatum *
/oiwr * (O*?)
«et *
sitnilis cuncta Fl1
wra *aOa
contraxerit <K)
uefatin *
töte 4»
tu tneamie 4»
opimus *
guod vi«
empti <!>■
ut ausgelassen *0
postella (-lo V) «I»
habet ausgelassen Fl
Qui Fl
ttHtyo * wie ee scheint
tandem *Oa
utique (antique 1) <t>
cckbrabitw 4>
tawen * (om. 0)
statt nam.
urbanus.
uilibus.
quid . . .
lagois.
furo
quamqt
defundere.
qua.
Occupet.
As laquei.
metato.
uafer.
angit.
s» eriL
similem cunctum.
ius.
construxerit.
uehtti.
istis.
tun sarms.
( ))iItiS,
quid vis.
plostello.
Quid.
uulgus.
tantum.
Aniftique.
eelabitur.
cofübent.
sahen, daß eine charakteristische Lesart eben von Heiric in eigenem
Gedichte verwandt wurde (oben S. 289). Wie aber kam denn Heiric
zu solch ausgezeichneten Kenntnissen über Lucilius, Valerius Gato, Or-
bilius? Man beachte doch, daß alles was in diesen Versen erwähnt
oder gestreift wird, bei Sueton de gramm. steht oder aus dessen Noti-
zen zusammenphantaeiert werden konnte ; Suet. 2 (Lucilü saturas) U-
gisse 8e . . . apud Phüocomum Valerius Cato praeddeat, 11 das Capitel
Ober Cato, mit dem Lobe seiner Tätigkeit als Lehrer: er war eben ein
anderer und besserer Mann als der plagosus Orbilius (puerum ist na-
türlich Horaz , nicht Cato) ; aber von Cato stand auch der Vers bei
Suet. qui solus legit ac facit poetas : da haben wir das emendare parat
und den defensor de« Lucilius. Also Heiric kannte aus Fulda (vgl. Sue-
ton. ed. Reifferscheid S. 410 f.) her das kostbare Fragment über die- Ge-
schichte der römischen Grammatik: er fand in seinen Hbb. die 10. Sa-
tire des Horaz mit Nsmpe imomposito wie ihm schien abrupt beginnen
und dichtete nun unter der Maske des Horaz den falschen Eingang,
nicht ohne WH» und Geschick. Daß Heiric diese Verse machen konnte,
wird jeder zugeben, der in der vita Germani neben ausgeleierten Versen
un<l mancherlei Fehlern Reihen findet, denen man genau« Leotüre der
Morasiaoheu Satiren anfühlt auch ohne daß direote Nachahmung vorläge.
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304
Vollmer,
2, 4, 49
66
1,
5,
68
3
6
7
38
48
• 89
104
6, 27
38
40
61
89
106
105)
19
38
49
53
78
79
88
99
100
105
4
40
95
7,
8,
epist
1.
2,
4,
6,
7,
11,
15,
16,
6
14
76
10
13
34
59
11
26
51
3
22
52
57
93
7
45
46
14
ne8cit FX
quae 4>
addens 4>
dolosos <I>
redtat Fl
aut qui Fl (exempl. Vat.)
si (sis 0) F10
Arripe 4>
neuel Fla
multum FlO
iocut» *
tabellas Fl
proprior 4>a
Aorfi« 4>
auggelassen in F, an falscher
Stelle X1
ubi ausgelassen FX
aßlat FX
est melius 4>
«upino Fl
urgente Fl
Tecum Fl
«upra FXO*
est mos FXO1
potestne 4»
morientes FX
et ausgelassen 4>
gut dum Fl1
da FX
imis 4KX)1
atris (deest 1) 4>C
exomet FöXl
adJtctu« 4» (= FöXl«) 0 Porph.
quae 4»
Quod FöXlO1
Aforo 4>
eures FöXlO
iram 4»
modus et 4>
et uta FXlÖ
pondere 4>
sanum ausgelassen, teilweise
oo« FöXlO«
leui 4»
locum 4*0*
diccr« 4>R
gldbiis 4>
a/»Y> <I>
uo/to 4>
uJtfo ufe'iis 4»E0*
statt ft€ s»>rt.
Otto.
addes.
doloso.
redeam.
Adrepc.
neue.
locuto.
tabellis.
propior.
h<nis.
affcrt.
ieutus.
supinor.
turgentis.
Tu cum.
super.
uti mos.
ui tu.
»rot.
Afris.
exoret.
adductus.
uta.
pondera.
recteque interpoliert 4*0.
statt ait.
loco.
ponere.
gabiis; ebenso 1, 15, 9.
aio.
uillis.
aptrn et utilis °°).
•°) Diese Stelle ist sehr lehrreich : jeder ist zunächst geneigt das
pointierte utilis utilis als Horatianisch anzusprechen, und doch bezeugt
die Abwägung der Ueberlieferung , daß aptus et utilis (so ARO1«) im
Archetypon gestanden haben muß: in 4> ist der Fehler begangen und
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Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
305
epist.
1, 16, 45 Hunc prorsus * statt Inprorsum, richtig In-
trorsum.
61 iustum sanctumque FXIO „ iusto sanctoque,
63 Quo . . . quo <P (Qui . . . quo Ol) , Qui . . . qui.
17, 14. 15 Verwirrung in * und O wegen der gleichen Versschlüsse.
19 regibus FXl
38 peruencrit
18, 45 quoHensque (auoticns quoque
XI) duät (-et ä) <&
81 fidens est FXO»
19, 23 patrios *
20, 2 nudtM FXl
2, 1, 79 tte(c) *
91 Äatores *
98 Tunc *
149 tMtti co«j»t FXl
159 peperere FXIO1
207 »iwtare 4»
2, 71 Ptores <t> (exempl. Vat.)
83 cum lX8?c (c*riw 0*)
135 parentem *
199 procv* 4>
203 colore 4>
statt rcctius.
UTH.
18 /luttW *
154 plus oris 4> (O1?)
168 pemiutare <I»0
190 «pectafa XlörcO
462 proiecerü <f>0
<jiwtien8que educet.
ftdcntem.
Portos.
mundus.
necne.
haberet.
Nunc.
coepit uerti.
pepuiere.
Purae.
curis.
patentem.
domus procul absit.
loco re.
pluviu8.
plausoris.
mox mutare.
8pectanda.
deiecerit.
die Reconstruction der
Zu der Gruppe <I> treten nun füi
IL Abschrift91) Bland, und R. Für R wird die Zugehörigkeit
zur II. Klasse hinlänglich durch die Bücherfolge erwiesen ; im
übrigen reden die Varianten der Klassenliste. Doch muß ich
einige Stellen berühren, die in R aus Klasse II herausfallen,
serm. 1, 1, 38 muß patiens alte Glosse zu sapiens gewesen sein,
die apographon I occupierte und dann auch in R in den Text
drang; ebenso liegt die Sache epist. 1, 18, 111, wo donat
Glosse für ponit ist; über epist. 1, 8, 12 siehe unten S. 307
über carm. 4, 14, 28 medüatur vgl. S. 282; dieselben Schreib-
fehler sind 2mal gemacht in I und R epist. 1, 18, 82 et quid
statt ecquid, 2, 1, 198 nimio IRtc Bland, statt mimo; ars 305
wird ex(s)ortita IRtc zu ex(s)ors ipsa aus Scholien gebessert sein.
Schwieriger, aber doch auch mit vollkommen ausreichen-
verschliram bessert worden, daraus nach E übertragen. Anders und
doch für E gleichwertig 1, 16, 59 clarc (clare).
9t) Ich lasse O als zu junge und unselbständige Abschrift von
jetzt ab außer Betracht.
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306
Vollmei,
der Sicherheit läßt sich beweisen, daß auch der Bland, nicht
etwa, wie Leo (natürlich in anderem Sinne als ich) meint, ein
drittes Apographon ftir sich darstellt, sondern ans dem II. ge-
flossen ist. Zunächst der freilich nur für die Unabhängigkeit
von I, nicht für die Gebundenheit an II ziehende Beweis aus
der Büch erfolge92): aber auch Cruquius unvollständige Zeug-
nisse für die Varianten 93) genügen vollauf.
Ich zähle zunächst aus der Liste S. 291 ff. noch einmal die
Fehler auf, welche beweisen, daß der Bland, aus unserm ein-
zigen Archetypon stammt: carm. 1, 12, 31. 1*23, 5* 1, 27, 19.
epod. 5, 37. serm. 1, 1, 81. 1, 2, 63. 2, 1, 31. 2, 5, 36'. epist.
1, 2, 5. 1, 3, 33. 1, 7, 96. 1, 10, 25. 1, U, & 2, 2, 123. 2, 2,
167: natürlich nicht allo gleich beweiskräftig, aber in ihrer
Gesamtheit unerschütterlich. Die dagegen zu sprechen schei-
nenden Stellen, an denen der Bland, ganz allein das Echte
hat, werde ich weiter unten behandeln.
Die Ableitung des Bland, aus unserm II. Apographon be-
weisen mit Sicherheit folgende gemeinsame Fehler 9*) :
»■) S. oben S. 278 uud 290.
") Viel zu groß ist das Verzeichnis der Lesarten des Bland, bei
MeweB, FeBtscbr. d. Friedr. Werd. Gymn. Berlin 1881 S. 63 ff.» bes-
ser, aber auch noch nicht genügend gesiebt das bei Höhn, de- cod.
Bland, antiq. S. 27 ff. Ich habe selbst die Notizen des Cruquios noch
einmal durchgearbeitet und verwerte nur ganz ausdrückliche Zeugnisse :
sehen, mit dem von Kukula, de Cruquii codice vetustissimo Wien
1885; sein Verzeichnis der Leaarten des Bland, steht 8. 45 — 64. Zu
scharf urteilt Häussner, Cruq. und die Horazkritik S. 54.
**) Ausscheiden muß eine Beine von Stellen. Zuerst carm. 3, 24, 4
da hier der Bland, mit Rn das Richtige hat Die diplomatische Lage
an dieser viel behandelten Stelle ist folgende: Apographon I hatte
ponticum (AB; )JOl wie oft aus I), Apographon Ii publicum (so 12 Bland.
7t1), dafür interpolierte * mit metrischem Fehler apulicum, was die
jüngeren EO- recipierten. Ks sind also ponticum und publicum ganz
gleich gut überliefert: was Btoand im Archetypus? Durch Schreibfehler
aie eine Lesung aus der andern ableiten zu wollen wäre Spielerei. Die
Entscheidung giebt hier Porph., der (zu v. 1 non terrom tantum, verum
etüun maria occupantem) terrmum , Lachraanns glänzende Conjecfcur,
sichert. Excerpt aus Porpb. ist auch dus im Haupt-Porph. ausgelas-
sene Soholion A et mave publicum: omnibus patens mit dem Vergilcitat
Bezeichnend ist, daß Scbol. A die Discrepanz zwischen diesem Scho-
lion und der Lesart in A zu beseitigen suchte und ins Lemma des
Scholions ponticum hineincorrigierte. Also ist in Klasse I dieselbe In-
terpolation, die schon im Aochetypon Tyrrhenum aus Terrcnnm machte,
fortgesetzt und publicum in ponticum verderbt worden. Der Schol. V
(Karolinger) verwendet dann Tyrrhenum auch in der Erklärung neben
publicum, carm. 4, 13, 14 ist die Entscheidung zwischen cari und clari
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Die Ueberlieferungageschichte des Horaz. 307
carm. 4, 2, 6 Cum . . . saluere Bland. <2> statt Quem . . . aluere.
epod. 2, 25 WwsBland. R2 (risis R 1 ) <I> gegen Wpts ABCOXlrc1 96).
epod. 6, 3 M*rte Bland. R202<I> statt ueHis^O^^ABGW96).
serm. 2, 7, 18 etocfor Bland. <I> schol. T statt rfoctfi«? aElO 97).
epist. 1,2,4 Plenius (Bland.)98) RO1* gegen Planius
AEO*.
8 aestero Bland. RO»0 gegen aesto AEXO».
33 atque Bland. R4> statt atqui.
3, 4 terms Bland. R018tc statt turres").
8, 12 uenturus Bland. O1^ (Porph.) statt uento-
sus10») AERO* (Serv.) Schol. V.
11, 24 Tu Bland. RO1® statt Ut.
15, 32 donarat Bland. ROl<J> statt donabat.
18, 107 et Bland. RO1^ statt ut AEO2 Porph.
2, 2, 11 exdudere Bland. R0> statt extrudere.
Diese Stellen beweisen zur Genüge die Abhängigkeit des
Bland, von Apographon II, seinen Schreibfehlern wie Glos-
sen101). Dagegen beweisen nichts die Stellen, wo Bland, in
zu unsicher zur Verwertung in unserer Frage ; schol. A gemmarum
pretiis ist wohl interpolierter Porphyrio, nicht gemmis (Vatican.) ge-
kürzter, epod. 1, 21 ist unwahrscheinlich, daß der quartus Bland., der
das interpolierte uti sie auxili hat, der älteste ist. Vgl. Höhn, de
cod. Bland, antiq. Jenae 1883 p. 15; Mewes, de cod. Horat q. Bland,
voc. nat. atq. indole p. 59.
*6) Die Verteidigung von ripis durch Keller Epileg. p. 860 halte
ich für wohl begründet. Zu beachten ist, daß möglicherweise riuis nicht
einmal in Apographon II stand : A1 hat risis, was schon Keller richtig
als Mißverständnis aus ♦langobardiscber' , besser insularer Schrift er-
klärt, und ripis hatte auch **. Der Bland, wäre also hier schon von
secundärer Interpolation in n abhängig, genau wie an der folgenden
Stelle.
•*) Hier ist wohl auch dem II. Apographon unbedingt uertis, etwa
mit der Glosse uerte (zu quin uertis gehörig) zuzugestehen : R1«1 schrie-
ben noch das Richtige ab, die andern die Glosse.
fl7) Ob doctor wirklich schon im Apographon 11 stand , ist nicht
auszumachen, da R fehlt und 10 zu unselbständige Zeugen sind. Scho-
lion r ist hier natürlich karolingisch.
••) sie habent Bland. Divaei Martin. Nann. Codices Cruquius.
") Vielleicht hat hier Apographon II noch turres mit Glosse terras
gehabt, denn 1<\1 haben noch turres, was freilich auch aus Porph. re-
stituiert sein kann.
,0°) Hier möchte ich wegen des Porphyriocitats (s. u. S. 314) glau-
ben, daß wirklich der Schreibfehler umturus schon im Archetypon II
stand und daß in R daa Echte aus der Randglosse (= Schol. T) oder
aus Serv. restituiert wurde.
,01) Ich warne ausdrücklich davor, aus dem Umstände, daß nur
eine dieser significanten Stellen in den carmina steht, irgend etwas zu
Philologui, Supplomentbaud X, nvUcs Heft. 21
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Vo 1 lmer,
Falschem oder Wahrem gegen II zu I stimmt. Es sind folgende :
carm. 1, 15, 20 Crines Glosse statt Culius.
carm. saec. 5 Quod als Interpolation im Bland. , was in I
als Schreibfehler sich fortpflanzte102),
epod. 10, 19 sinu notus gleiche, naheliegende Interpolation
wie in L
serm. 1, 10, 27 laiini kann nach patrisque Schreiberverbesse-
rung statt des wie es scheint in II Oberlieferten latin{a)e sein.
epist. 2, 1, 198 nimio gleicher Schreibfehler statt mimo wie inl.
ars 237 et gegen an103).
ars 294 Praesedum gegen Perfectum 104).
ars 319 locis leichte Verbesserung statt iocis.
328 Trienseu gegen trienem10*).
Bleiben übrig folgende, für die eine sichere Erklärung nicht
auf der Hand liegt, vielleicht einfach directe Uebertragung der
Varianten von I, etwa gar erst dnrch Bland.9, anzunehmen ist106):
carm. 1, 3, 19 turbidum 'Bland, cod. omnes.'
serm. 1,4, 110 Baius 44. Bland.*
epist. 2, 1, 186 gaudet 'cod. Bland, antiquiss.'
epist. 2, 2, 8 imitaberis 'omnes Bland/
Es bleiben zu betrachten die Stellen, an denen der Bland,
allein von allen Hss. das Richtige bietet107). Das sind die
Stellen, denen die verlorene Hs. ihren Ruhm verdankt; Bent-
ley hat ihn begründet und seine Nachfolger108) haben ihn ins
Ungemessene und Unangemessene vergrößert. Die Frage ist,
wie weit ist dieser Ruhm verdient und wie erklärt er sich
aus den Tatsachen der Ueberlieferungsgeschichte?
folgern: diese Zufälligkeit würden wir zu prüfen haben, wenn wir die
Hb. selbst hatten ; die jämmerliche Collation des Crnquius verdient
kaum, daß man die Frage aufwirft.
i01) Bezeichnend ist, daß Schol. A die Lesart Quos erklärt. In O
stand zuerst Quo*, was die zweite Hand in Quod änderte (falsches be-
zeugt hier Wickham).
10S) Die Stelle zeigt, daß in Abschrift U die Interpolation an über-
geschrieben war: et nahm daraus noch richtig Bland.1, acceptierte dann
aber die Correctur an wie R04» (freilich ist Cruq. mehrdeutig).
104 ) Auch hier sind wohl R04> durch Glosse verderbt und pratsec-
tum stand noch im Texte von Abschrift U.
m) Auch hier wohl tu noch in Abschrift II.
,M) Immer vorausgesetzt die Richtigkeit der Collation des Gruqui-
us, Über die in einzelnen Fällen zu streiten ich nicht erst anfange.
,0T) Vgl. Höhn p. 44 ff. Kukulap. 67 ff.
,OT) Siehe besonders Haupt opusc. III p. 45.
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Die Ueberlieferungsgeschichte de« Horaz.
309
Ich greife gleich den Stier bei den Hörnern. Daß serm.
1, 6, 126 campum lusumque trigonem Bland, der echte Horaz
ist und rabiosi tempora signi (I H Porph.) krasse Interpolation,
brauche ich wohl nicht mehr zu beweisen Wie ist zu
▼erstehen, daß allein der Blandinianus (denn der ganz junge
Goth. ist von ihm beeinflußt) diese kostbare Lesart ge-
rettet hat? Hier ist einmal das Zeugnis des Cruquius un-
schätzbar, weil vollständig : sed supposita sunt puncta vulga-
taque lectio est adnotata. Wir erkennen deutlich den Sieges-
lauf der bestechenden Interpolation, welche die Erklärer der
Mühe enthob das schwere lusumque trigonem zu bewältigen.
Ein Zufall — statt der Expungierung Rasur im Bland. —
und das Echte war unwiederbringlich verloren. Niemand, der
meinen Auseinandersetzungen über Klasse U der Hss. gefolgt
ist, wird sich wundern, daß die Interpolation eben diese
Klasse II ganz occupiert hat: wie konnte sie aber auch Klasse I
ergreifen ? Hier muß ich einsetzen : es ist durch nichts zu er-
weisen, daß rabiosi tempora signi im Apographon I gestanden
hat; freilich haben es unsere einzigen Vertreter dieses Apo-
graphons heute aED, aber diese sind auch an anderen Stellen
vielfach interpoliert, die reinen alten Zeugen ABC feh-
len in diesem Teil der Satiren; hätten wir sie, so würde
ohne Zweifel der Bland, nicht allein stehen. Aber Porphyrio
bezeugt doch auch rabiosi tempora signi? Nein, wir haben
hier einfach zu folgern, daß die dürftige Glosse caniculares
dies dicit qui sunt caloratissimi und ihr Ableger im Schol. T
nicht echter Porphyrio 110), sondern karolingische Weisheit ist,
die natürlich, nachdem im Texte die alte Lesart verschwunden
war, auch das alte Scholion zu der Stelle verdrängte ni).
Wir sahen, wie sich diese Stelle, das 4Schiboleth' der Horaz-
kritik, im Rahmen unserer Ueberlieferungsgeschichte erklären
ließ: in ähnlicher oder anderer Weise sind andere Stellen zu
begreifen.
,w) Ich verweise einfach auf Bentley und auf Mewes, Progr.
Friedr. Werd. Gymn. Berlin 1882 S. 19.
no) Ueber die Abhängigkeit des Vaticanischen Porph. von Apo-
graphon II, seinen Fehlern und Glossen s. u S. 314.
"') Daß Porpb. das Wort trigonem erklärt hatte, ist sicher. Und
ich würde unbedenklich die Glossen trigone und trigona (Gloss. VII p.
H66) auf ihn zurückführen, wären nicht gleichartige Stellen aus Mar-
ti al vorbanden.
21 ♦
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310
Vollmer,
Zuerst epist. 1, 16, 43: res Sponsore 'sie habet cod. Bland,
antiquissimus' statt responsorc der anderen Hss. (AE ROO).
Dali das Zeugnis des Cruquius hier wahr sei, bezweifle ich
nicht, glaube auch mit Höhn (S. 43), daß Cruquius von selbst
nie an der Vulgata Anstoß genommen haben würde. Aber
die Stelle vermag ebensowenig für Selbständigkeit der Ueber-
lieferung des Bland, zu zeugen wie etwa carm. 4, 4, 22 Nec
scire (falsch Nescire BC M>) für Selbständigkeit von AO* oder
sat. 2, 7, 19 ac prior (gegen acrior aE) für die von <£02 n*).
Ist res Sponsore im Bland. Ueberlieferung, was ich durchaus
für möglich halte, so ist eben in Apographon I und den andern
Vertretern von II der äußerst nahe liegende Schreibfehler re-
sponsore öfters gemacht worden : ist es secundär, so kann es selbst
durch Schreiberirrtum, kaum durch Conjectur entstanden sein.
Eng verwandt sind die beiden folgenden Stellen sat. 2,
4, 44 fecundae leporis und 2, 8, 88 anseris albae: an beiden
hat allein der Bland, das fem. erhalten, richtig verteidigt von
Hoehn p. 45 ff. nach andern. Daß in den andern Hss., des
Horaz wie des Donat, das üblichere raasc. fecundi und albi
nterpoliert ist, kann nicht wunder nehmen: wahrscheinlich
aber würden wir doch auch anderswo das Echte erhalten ha-
ben, wenn nicht an diesen Stellen wieder die führenden codd.
beider Klassen ABCR fehlten.
Völlig ausscheiden muß meines Erachtens die Stelle serm.
1,7,17; wer in pigrior, der nüchternen Glosse des Bland,
echte Lesung anerkennt, beraubt den Horaz eines der nied-
lichsten Witze in diesem scherzhaften Gedichte:
aut si disparibus bellum incidat, ut Diomedi
cum Lycio Glauco, discedat — pulcrior
dann zieht den Kürzeren der — Langsamere: wie witzlos wäre
das: der Mann, der die eherne Rüstung gegen die goldene ein-
tauschte, T(p 5e <pplva; ££eAe*co Zeu;, war sprichwörtlich ob seiner
gutmütigen Dummheit, nein — der Schönere; das gentigte zur
Kennzeichnung des Typus wie der gleichartigen Zeitgenossen.
Wie man ferner aus der ganz fehlerhaften und unsicheren
Lesung des Cruquius serm. 1, 3, 131 chusaque ustrina Tonsor
"*) Vgl. noch etwa carm. 3, 14, H zeiget B, 4, 14,
sat. lf 3, 50 furimus Goth. (cf. B), zum Teil anderer A
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Die
des Horaz.
311
erat überhaupt hat Tonsor in die Horaztexte aufnehmen kön-
nen, verstehe ich nicht.
Verlockender war gewiß serm. 2, 3, 303 manibus in Er-
wägung der künstlerischen Darstellungen der Scene. Aber,
diplomatisch betrachtet, ist auch hier der Lesung des Bland,
unbedingt zu mißtrauen. Cruquius bezeugt für den Bland,
antiquissimus manibus portauit statt demens cum portat, d. h.
er verwechselt offenbar ein Glossem mit dem Texte; dagegen
beweist nichts der Gothanus mit manibus cum portat, im Gegen-
teil, er zeigt, daß im Bland, auch andere Leser als Cruquius
zwischen Glosse und Text nicht mehr zu unterscheiden ver-
mochten. Außerdem genügt portat vollkommen zur Schil-
derung des Bildes und demens im Vordersatze erhöht die Wir-
kung der im Nachsatze folgenden Frage ganz bedeutend. Und
wie in aller Welt sollte demens durch Verschreibung oder
Glossierung entstanden sein ?
Weiter carm. 4, 6, 21 flexus Bland, gegen victus der Hss.
Die Differenz kann nur aus Glossierung hervorgegangen sein.
Da ist aber doch wohl alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß
nicht ein verständliches flexus durch ein viel kühneres Bild
victus erklärt worden ist, was dann beide Hss. -Klassen occu-
piert haben müßte, sondern daß victus das Alte ist, für das
in einer einzigen Hs. die Glosse flexus in den Text glitt.
Aus dem Bland, wird in die üblichen Texte auch aufge-
nommen serm. 1, 3, 60 versemur statt versetur der andern Hss.;
aber versetur ist -scharf und richtig, versemur wird aus einer
allgemeiner gehaltenen Umschreibung (etwa wie beim Schol.
T) in den Text gedrungen sein.
Noch bleibt allein 11S) übrig die schwierige Stelle serm. 1,
1, 108, wo die Lesung des Bland, qui nemo ut auarus reci-
1,s) Denn carm. 1, 31, 18 kann ich ac nicht als genügend bezeugt
für den Bland, ansehen; natürlich würde auch dann die Stelle keine
Bedeutung haben. Ob sat. 2, 3, 313 tantum des Bland, gegen tanto
richtig ist, bezweifle ich sehr. In keinem Falle hat die Stelle entschei-
denden Wert für unsere Fragen, da sie sich leicht erklären ließe.
Vollends rein orthographische Differenzen wie at epist. 1, 10, 3; quoi{Tf)
ars 426 sind wert- und bedeutungslos. Daß Bat. 1, 6, 68 nec des Bland.
Irrtum oder ungenaues Referat des Cruquius sei, hat schon Bentley
▼ermutet ; Porph. hat richtig aut im Lemma; in Cruquius Notizen wird
wohl Lambins Conjectur anstelle der hB.-Lesart geglitten sein. Wert-
los sind auch Stellen wie serm. 2, 3, 189 at, epist 2, 2, 16 laedit, carm.
4, 4, 73 perficiunt.
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312
Vollmer,
piert zu werden pflegt. Alle übrigen Hss. BDEKO(I} haben
nemon (ne non DO<J>) ut auarus. Da diese Lesung vollkom-
men unsinnig ist ,14), so ist die Annahme ausgeschlossen, daß
sie sich wie etwa rabiosi tempora signi sieghaft ausgebreitet
habe. Zudem haben wir an unserer Stelle anders als serm.
1, 6, 126 von den reinen Führern der I Klasse wenigstens B,
so daß, sogar die Selbständigkeit des Bland, als III. Abschrift
vorausgesetzt, zwei Zeugen gegen einen stehen würden. Es
bleibt nichts übrig : qui nemo ut ist nicht Ueberlieferung, son-
dern aus serm. 1, 1, 1 leicht zu machende Conjectur sei es
eines Karolingers im Bland, oder seiner Vorlage sei es des Cru-
quius (man bedenke, daß Nannius mit cur vorangegangen war).
Und ich kann diese Conjectur nicht einmal für richtig halten :
Horaz stellt am Schlüsse des Sermo gar nicht mehr die Frage
qui fit ? das ist längst geschehen, und sie ist beantwortet ; er
faßt nur noch einmal die Tatsache in anschaulicher Schilde-
rung zusammen, um mit inde fit ut v. 117 die Bionisch-Epi-
kureische Maxime anzuknüpfen. Darum ist für mich kein
Zweifel, daß die Conjectur cum nemo , die ich mit K e c k 's
Namen bei Holder finde, richtig ist116). Wie dem aber auch
sei : als Ueberlieferung hat nur zu gelten nemon ut ; sie mag, (so
schon Keller, Epileg. 432), da die Schreibungen nemon, vin
u. ä. auch sonst im Archetypon gestanden haben, aus dem
Zwange hervorgegangen sein, den durch die Lücke entstande-
nen Hiat zu beseitigen11*5).
Somit hoffe ich erwiesen zu haben, daß keine Tatsachen
vorliegen, die uns zwängen, den Blandinius als III. selbstän-
diges zu Apographon oder gar als Vertreter eines II. Archetypon
anzusetzen. Vielmehr ist der Bland, eine der wichtigsten Stüt-
zen der II. Klasse unserer Hss.: R und Bland, zeigen uns, daß
das II. Apographon noch lange nicht so corrupt war als die
Gruppe <1> es erscheinen lassen würde, wäre sie allein erhalten.
m) Daß sie Bentley hat passieren lassen, ist historisch bedeutsam.
1,6j Zu beachten ist, daß auch Porph. zu v. 117 zusammenfaßt cum
nemo txto contentus sit . . . merito evenit, ut nemo sc feliciter vixisae credat.
Naturlich beweist dies allein nicht, daß Porph. noch cum nemo las,
aber es spricht doch auch nicht dagegen.
"•) Zusetzen möchte ich doch noch, daß ich ut avarus mit Porph.
verstehe a quibug dissentire tarnen avarum ait qui proposito suo gaudcat
solus (vgl. v. 66 f.), nicht mit den neueren Erklarern als utpote avarus.
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Die Ueberlieferungsgeachichte des Horaz.
313
VI.
Außer den Hss. haben wir noch einen Vertreter der II.
Klasse in den Lemmata unseres P o r p h y r i o 117 ).
Ich kann natürlich hier nicht die ganze Porphyrio-Frage
behandeln, muß aber einiges Wesentliche und Wichtige strei-
fen, da bis in die neuesten Abhandlungen hinein118) die Ge-
schichte der Horaz-Scholien sehr zum Schaden der Klarheit
und Wahrheit getrennt von der Geschichte des Dichtertextes
selbst behandelt wird
Was wir Porphyrio zu nennen gewohnt sind, die Scho-
liemnasse des Vatic. 3314 und Monac. lat 181, ist weder der
vollständige, noch der reine d. h. in seiner Gesamtheit echte
Commentar des Porphyrio : es ist vielmehr eine in der Karo-
lingerzeit wohl zu Lorsch iao) gemachte und dann weiter ver-
breitete121) willkürliche Sonderabschrift der Scholien einer
Handschrift der zweiten Klasse des Horaz. Daß darin echte
Porphyrio-Notizen in Masse fehlen, ist eben so natürlich und
sicher wie daß Karolinger-Zusätze in Masse darin stehen : wir
müssen uns nur gegenwärtig halten, daß dies Scholienconglo-
merat vor der Sonderabschrift eben als Randscholien eines
Textexemplars fortlebte, bei jeder neuen Abschrift mit neuen
Auslassungen weitergegeben, in jedem einzelnen Exemplar be-
liebiger Erweiterung und Interpolation ausgesetzt122).
Bei der Sichtung und Wertung der im Porph. steckenden
Horazüberlieferung ist nun principiell folgendes zu beachten:
nT) In der Ausgabe lasse ich diese Bezeugungen im allgemeinen,
weil sie secandär sind, unberücksichtigt: Kellers Angaben Pph. und
Porph. fQhren fast immer irre.
iia) Vgl. Graffunder, Rhein. Mus. 60, 1905, 128 ff. Ausgabe
der Scholia Pseud- Acronis von Keller II S. III ff. W e s s n e r , BerL
Phil. Woch. 1905, 249 ff.
Hier ist erst L e o S. 853 und 856 richtig vorgegangen.
"°) Vgl. das Zeugnis in B: pomponii expositionem in oratium quam
vidi in larashaim bei Holder, Porph. p. 612.
*") Wir finden sie saec. XII zu St. Bertin, zu Corbie, noch oder
wieder mit Horaz verbunden zu Salzburg (siehe Becker, catalogi
antiqui ind. s. v. Horatius), während die glosae super poetriam oder
super sermones, super odas wohl spätere Producte sind. Jüngere« bei
Manitius Philolog. a. alt. Bibliothekscatalogen S. 2D, darunter ein
Horaz cum commentario Seriii grammatici, natürlich Phantasie.
ns) Vgl. A. Kiessling, de personis Horatiania comm. ind.
■chol. Gryph. 1880 p. 6, W. Meyer, Porph. praef. p. VI.
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Vollmer,
im allgemeinen sind sowohl die Lemmata wie sonstige directe
Anführungen immer der Gefahr ausgesetzt gewesen nach dem
Texte des Exemplars, in dem die Scholien gerade standen, ab-
corrigiert zu werden ebenso wie die oben behandelten Metri-
kercitate: instructiv ist carin. 2, 7, 1, wo aus dem Texte von <X>
ad Potnpilium socialem corrigiert worden ist , während zu 2,
7, 15 das richtige Pompeium stehen blieb; oder epod. 16, 37,
wo ins Lemma hinein expers corrigiert wurde, während das
Scholion das richtige ex(s)pes erklärt, dem aber dann noch ein
Zusatz expersque virtutis angehängt wurde. Bis zu welchem
Grade diese Abcorrigierung der Lemmata ging, zeigt deutlich
serm. 2, 2, 116, wo der ganz unsinnige Schreibfehler et edulce
aus cj> in das Lemma von Porph. überging, obschon das Scho-
lion selbst deutlich auf luce hinwies. Andere Beispiele serm.
1, 3, 35 insederit mit im Lemma, inseuerit richtig erklärt,
serm. 1, 3, 92 me mit <$> im Lemma, mea richtig in der Er-
klärung, carra. 4, 14, 27 minitatur im Lemma, meditatur in der
Erklärung getadelt, serm. 1, 4, 139 Incubo im Lemma u. s. w.
in Mengen. Ab und zu springt die Interpolation auch weiter:
z. B. finden wir die falsche Lesung uenturus epist. 1, 8, 12 im
Citate des Porph. zu serm. 2, 7, 28123), während der echte
Porph. vielleicht in der Glosse T erhalten ist ventosus : fiuv-
tans. Ganze Scholien sind zu falschen Lesungen der Gruppe <!>
oder von ihr ausgegangener Interpolationen gefälscht worden
z. B. zu sat. 1, 6, 126 die Erklärung von rabiosi tempora signiliA),
zu carm. 3, 14, 6 diuis, zu epod. 17, 62 £i, zu serm. 2, 3, 201
quorum, zu epist. 2, 2, 83 Curii m) u. s. w.
Von diesen jungen, bei der Tradition mit Apographon II
entstandenen Fehlern und Interpolationen ist zu scheiden eine
ältere Gruppe von falschen Erklärungen, die sich an Irrtümer
aller unserer Hss. anschließen, deren Entstehungsart aber die
gleiche sein könnte, nur daß die Fälscher nunmehr im 4. — 5.
Jahrb. zu suchen wären. Natürlich kann man bei solchen
Fällen zweifeln, ob nicht Fehler der Vorlage des Porphyrio
"*) Vgl. oben S. 307 Anm. 100.
m) Vgl. oben S. 309.
Dien ein ganz besonders schlagende« Beispiel, weil Curi über-
haupt nur Schreibfehler für curia war.
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. j
I
Die Ueberlieferungsgeschichte deg Horaz. 315
oder Irrtümer des Grammatikers selbst die Ursache unserer
handschriftlichen Corruptelen sind. Und ich gestehe, daß mir
diese letztere Erklärung weitaus die einfachste erscheint, die
mit einem Schlage die Lösung zahlreicher Schwierigkeiten er-
möglicht. Nehmen wir an, daß Porphyrie« im 3. Jahrh.
eine commentierte Ausgabe 126) des Horaz besorgt
hatte, daß das Archetypon unserer Hss. aus dem 6. Jahrh.
ein Exemplar dieser Ausgabe war, so, glaubeich, haben,
wir alle Wege geöffnet, die zur Erklärung der Einzelheiten un- ' *
serer Horazüberlieferung nötig sind. So würde sich z. B. ver-
stehen die Zustimmung des Porph. zu den Fehlern carm. 1,
2, 39 mawro, 1, 20, 1 potabis, 1, 23, 5 ueris . . . adventus, 1,
25, 20 hebro, 4, 2, 49 Teque dum procedis, 4, 4, 17 raeti, epod.
2, 27 Fontes (?), 5, 28 currens Schol. AV, 5, 87 magnum,
serm. 1, 6, 131 patruus, alles Fehler, die ihrer Natur nach
recht alt sein können.
Diesem consensus der Fehler widerspricht natürlich nicht,
daß, während in einem späteren Exemplare der Ausgabe Text-
fehler sich einschlichen, im Commentar versteckt und unent-
deckt von den alles gleichmachenden Lesern das Echte sich
erhielt: solche Beispiele finde ich in carm. 1, 31, 9 calenam,
8, 24, 4 Terrenum, 4, 4, 22 Nec scire mit A, 4, 14, 28 tnedi-
tottir, serm. 1, 4, 94 capitolini, 1, 5, 51 caudi, 1, 6, 68 atd,
und Aehnlichem
"*) Einen Beweis für Entstehung de8 Porphyrio-Commentars in
Verbindung mit dem Text, also einer Ausgabe, hat schon W e s s n e r ,
comm. philol. Jenens. V 1894 p. 161 gefunden in dem schol ion zu serm.
1, 9, 52 ne neectse sit frequenter ostendere, quis quae verba habeat aut unde
meipiat loqui, hoc observandum est deineeps ut supra, ut, übt duo puneta
imerposita sunt, alter am personam loqui intellegas. Sicherer als diese
Notiz, die späteren Ursprungs sein kann, ja wohl sicher ist, scheint mir
der Umstand, daß Porph. die Sueton-vita seinem Commentar vorge-
schrieben hatte: das gehört zur Alexandrinischen Technik der Ixöooic.
Im allgemeinen vgl. jetzt über das Verhältnis antiker Commentare zum
Texte Biels, Didymos p. XXVII Leo, Nachr. Gött. Ges. 1904 p. 258.
— Auf diese Ausgabe des Porph. geht nun gewiß auch die ältere For-
mulierung der Gedichttitel mit z. Teil uns sonst unbekannten Perso-
nendaten (vgl. KieBsling de Horatian. carm. inscriptionibus ind.
Gryph. 1876) zurück : daß sie zum Teil nur in Apographon II erhalten
sind, ist nichts auffälliges.
Die in unserem *Porphyrio* erwähnten Textvarianten sind fol-
gende: carm. 2, 6, 24 legitur et 'vatis Orati\ carm. saec. 4 non 'tempore
prisco dicendum fuit, sed: tempore quo(d) priaca imitatur. serm. 2, 1, 79
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316
Vollm er,
Wie aber schon mehrfach angedeutet) ist das, was wir
heute Porph. zu nennen gewohnt sind, mit nichten alles, was
wir yon Porphyrio haben. Während unser 'Porph/ mit Apo-
graphon II und dann mit <I> sich verbreitete, gingen Excerpte
aus der in Apographon II noch vollständigeren Sammlung in
den Bland, über. Das wichtigste Plus dieses Armes ist die
außer in 4> auch im Bland, erhaltene vita Suetoni. Also hatte
Porph., der bekanntlich allein diese vita citiert (zu epist 2, 1, 1;
comm. Gruq. zu carm. 4, 1, 1) seinem eigenen kümmerlichen Ela-
borat (wenn es überhaupt sein eigenes ist und nicht späteres
Machwerk, denn das Citat zu serm. 1, 6, 41 könnte auch auf
die Suetonvita gehen) die Suetonvita vorausgeschickt. Jede
gute Nachricht, jedes Autoren-Fragment in dem commentator
Cruquianus geht auf die vollständigere Porphyrio-Sammlung
in Apographon II zurück.
Und genau so liegt, wie wir nach dieser Analogie ruhig
annehmen dürfen, die Sache mit den Scholien A und den übri-
gen Pseud-Acronischen Scholien: Apographon I wie Apogra-
phon II haben jedes ad libitum von den Porphyrionischen
Randscholien des Archetypon excerpiert 148). Mit dieser Er-
kenntnis ist der Weg zur Reconstruction des wirklich echten
und einigermaßen vollständigen Porphyrio-Commentars vorge-
zeichnet.
'diffingere' legitur et iäiffidere>. 2, 2, 50 'victor1 Ugitur et 'auctor'. 2, 3,
69 quidatn 'Anerio' ö?' iv legunt. 2, 3, 166 verum quidam legmt 'bara-
Ihrd ut veniat a nommativo barathrus. 2, 3, 288 'nocte citata* legitur et
lvocata\ epist 1, 11, 12 'uolet (legitur) et 'uouef. 2, 2, 54 ist die Va-
riante verloren (ne oder mZ?). 2, 2, 80 zu lesen: 'Et (xmt(r)acta 8. i*.
u.' legitur et >cont[r]actay : eaute impresso, ut ea sequendo conügerit Imi-
tator. 2, 2, 82 'insenuitque V legitur et 'wsonuie. Dazu die Conjectur
epist. 1, 3, 10 'haustu(8)' : num 'haustu'? Daß von diesen Varianten ir-
gend etwas auf Probus zurückgehe, ist unerweislich; die meisten sind
junge Schreibfehler und ihre Verbesserungen gewiß erst karolingisch.
Auch vovet epist 1, 11, 12 ist kaum alt.
m) Ein directes Zeugnis für dieses Verhältnis haben wir bei dem
Scholion r zur ars poet. 288. K i e s 8 1 i n g , (de pers. Horatianis p. 7)
wunderte sich mit Recht , woher der Scholiast solche Weisheit habe,
und meinte, der Pseudo-Acron habe Sueton excerpiert. Nun aber steht
ein Teil dieser Notiz im Scholion des alten Victorianus zu Ter. Haut
prol. 36 (S c h 1 e e p. 7(>) mit der Quellenangabe secundum Vorphyrio-
nem. Damit haben wir den unumstößlichen Beweis, dali Schol. TV
authentische PorphyrioScholien enthalten, die in unserem 'Porph.' ein-
fach fehlen. Vgl. noch im allgemeinen über das Verhältnis von SchoL A
und Schol. T Wessner, quaest. Porph. p. 167 ff. bes. p. 185.
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I
Die Ueberliefernngsgeschichte des Horaz. 317
Der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Hypothese
liegt darin, daß sich ebenso wie im 'Porph.' auch in den
Blandinischen und den übrigen Scholien echte Lesarten ver-
steckt erhalten haben : besonders lehrreich ist epod. 2, 27, wo
unser Porph.-Scholion gar nichts besagt und sicher späteres
Product ist, während Schol. AT durch das Vergilcitat, dessen
Subject saepes ist, für Frondes gegen Fontes eintreten, carm.
1, 23, 1 hat der comm. Cruq. das richtige Vitas statt Vitat
bewahrt (in der expos. metr. scheint es rückverbessert zu sein
wie in den jüngeren Hss.). Und derartiges wird sich wohl
noch mehr finden.
VII.
Es bleibt für die Geschichte der Ueberlieferung noch ein
Punkt zu besprechen. Wir sahen, daß die Hs. des Horaz,
welche in die Karolingerzeit übertrat, ein Exemplar der Aus-
gabe des Porphyrio war. Wir können es nun aber noch genauer
bestimmen. Es war nach der bekannten Subscription dasje-
nige Exemplar dieser Ausgabe, das nach dem Jahre 527 Vet~
tius Agorius Basilius Mavortius besessen und emendiert
hatte. Daß es eben diese Hs. selbst und nicht eine Abschrift
derselben war, wird mir durch die fehlerlose Erhaltung der
Sabscriptio wahrscheinlich 1 *9). Die Subscriptio ist uns be-
kanntlich hinter den Epoden mit dem Titel des carm. saec.
erhalten und zwar allein im Apographon I130) und hier wie-
der nur in A181). Daß damit kein Anlaß gegeben ist zu
glauben, Apographon II sei von Mavortius unabhängig, zeigt
- m) Gerade umgekehrt scheint es mit dem Puteaneus des Prüden-
tius zn sein: wenn der Name am Ende der Cathemerinon , wie doch
seine Stellung wahrscheinlich macht, Rest der subscriptio ist, so ist
der Puteaneus eine Abschrift des Mavortius-Exemplars, nicht dieses
,so) Denn ihr Erscheinen in XlOq Brüx, ist secund&r, wie wir schon
oben (S. 291) sahen ; für 0 vgl. Wickham Horace I p. 407. Daß diese
Hss. nicht direct aus A beeinflußt sind, zeigt neben Textvarianten ihr
richtiges EX COM. DOM. neben dem falschen EX COMEN. DOM. in A.
1S|) Da wir den Schluß von A nicht haben, da ferner das subscri-
bierte Exemplar, nach dem die Vorlage von XI und 0 abcorrigiert wor-
den ist, auch nur die carm. und epod. enthielt oder nur für die erste
Hälfte benutet worden ist, so wissen wir nicht, ob die Subscription
von Mavortius am Ende des ganzen Horaz wiederholt worden ist.
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318
Vollmer,
am besten das Beispiel des Vegetius, wo die subscriptio des
Eutropius auch nur in einer Hss.-Klasse (E) erhalten ist,
während die Abhängigkeit beider Klassen von einpni Urcodex
außer Zweifel steht132). Die Schreiber ließen eben ad libi-
tum die ihnen unnütz scheinende subscriptio fort. Unter die-
sen Umständen gewährt uns die Tatsache der emendatio durch
MavortiuB weiter gar keine Belehrung, als daß wir den ter-
minus post quem des Archetypon kennen : irgend welche Les-
arten als Mavortianisch zu erkennen, fehlt uns jeder Anhalts-
punkt.
Dies Exemplar des Mavortius, den Text und den Com-
mentar des Porphyrio umfassend 1S3), fand also (etwa in Bob-
bio?134) irgend einer der wohl von Kaiser Karl mit der Suche
nach einem Horaz beauftragten Gelehrten. Der Text war
noch in Capital is rustica geschrieben 185) , die Scholien etwa
in Cursive. Es wurde zweimal abgeschrieben, wie ich ver-
mute, beidemale in insularer Schrift18*). Während die für
die Schreiber der damaligen Zeit leicht lesbaren Abschriften
oft und schnell vervielfältigt wurden, ging das Urexempiar
zu Grunde. Die ersten Abschriften enthielten verhältnismäßig
noch nicht allzuviel Fehler, aber die Verderbnisse steigerten
sich in den jüngeren schnell : die hauptsächlichste Fehlerquelle
war das Eindringen der Glossen in den Text anstelle der
schwierigeren echten Lesarten187); seltener, aber doch nicht
,82) S. Vegetius ed. Lang' p. XVII.
18a) Um sich die äußere Einrichtung eines solchen Codex vorzu-
stellen, sehe man etwa das Bild eines Blattes von A (Chatelain, pa-
leogr. des class. lat. I planche 82) an.
™4) Vgl. oben S. 261. Daß der Bland, aus Rom stamme (Cruq.
p. 647 in Blandiniis tarn ante annoa septingentos aut circiter scriptis Ro-
tnaque Gandavum perlatis) ist natürlich naive Anschauung des Cruquius.
»") Vgl. oben S. 297.
18e) Vgl. für Apographon I: carm. 1, 19, 11 Auersis A statt Aut
versis, 3, 25, 14 naidum statt naiadum mit a unter der Zeile, 3, 29, 8
iura statt iuga, serm. 1, 3, 56 fugimm statt furimus, 2, 8, 93 periret
statt perisset, 2, 7. 19 acrior statt ac prior, epist. 1, 16, 5 m statt m
u. a. ; für Apographon II: epod. 2, 25 risis R1 statt ripis, epiat. 1, 8, 12
uenturus statt uentasus, ars 117 uigentis statt uirentis. Die Fehler sind
für I beweiskräftiger als für II ; ich halte nicht für unmöglich, daß II
westgotisch war, und erst * insular. Doch darüber mögen Kundigere
entscheiden, wenn die Frage überhaupt sicher aus den Fehlern zu ent-
scheiden ist.
"7) Ein paar der älteren Beispiele wenigstens seien hier zur Kenn-
zeichnung und gegenseitigen Sicherung zusammengestellt: carm. 4, 7,
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Die üeberlieferungsgeschichte des Horaz.
319
ganz ausgeschlossen sind directe Uebertragungen der Lesungen
der einen Has. -Klasse in die andere 138). So entstanden un-
sere Hss., die das historische Entwicklungsverhältnis vielfach
durch solche Correcturen verdunkelt haben.
Um nun kurz die Geschichte des Horaztextes zu recapi-
tulieren und anschaulich zu machen, setze ich ein Stemma her :
Horatius
editio Probi
editio Porphyrionis cum commento
I
exemplar Mavorti cum commento Porphyrionis
I cum schol. A
II cum Torph.' et vi-
ta Suetoni
B C E
D Bland. R
FX18tc Torph/
Damit bin ich am Ziele. Niemand verkennt weniger als
ich, daß im einzelnen zu dieser Untersuchung Nachträge und
Verbesserungen geliefert werden müssen, daß besonders für
die richtige und gesicherte Ordnung und Herstellung der II.
Klasse noch viel zu tun bleibt. Es muß eben ein Teil der
Arbeiten Holders und Kellers, die genaue Beschreibung und
17 vitae Bland. 09« statt tummat, 4, 14, 28 minitatur viele statt medi-
tatur, 1, 15, 20 crines I Bland. 0 statt cultus, 3, 29, 34 alueo ABC RX1
statt aequore, epod. 5,65 infectum ABCO statt imbutum, epod. 17,64
doloribus und cruciatibus statt laboribus u. s. w.
1M) Das deutlichste Beispiel ist die Abcorrigierung der Vorlage von
XI und 0 nach der ersten Klasse durch die ganzen Oden und Epoden
hindurch.
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I
320 Vollmer, Die Ueberlieferungsgeschichte des Horas.
Prüfung der Hss. unter historischen Gesichtspunkten
von neuem gemacht werden. Sollte diese meine Untersuchung
dazu anregen, so würde einer ihrer Hauptzwecke erreicht sein.
Aber ich hoffe, auch der andere wird gefördert werden: zu
einer von historisch begründeter Würdigung
der Ueberlieferung ausgehenden Nachprüfung
des Horaztextes einzuladen 139). Ich selbst habe schon,
niemandem zu liebe noch zu leide, eine Reihe von eingebürger-
ten Lesungen beseitigt oder verdächtigt, wahrhaftig nicht aus
Neuerungssucht. Aber ich meine allerdings: heute, wo wir haupt-
sächlich durch die mittellateinische Philologie gelernt haben
die Geschichte eines Klassikertextes wirklich nachzuerleben,
hat vor allem Horaz ein Recht darauf, daß man sich nicht
länger auf die Willkür früherer Kritiker, seien sie auch so
genial wie Bentley, verlasse, sondern methodisch die wirkliche
Ueberlieferung herstelle und prüfe.
Ich wollte gleichzeitig mit diesem Aufsatze eine kritische Ans-
gäbe, deren Ms. fertig bei mir liegt, erscheinen lassen, muß aber nun,
plötzlich vor neue große Aufgaben gesetzt, die Ausgabe um einige Zeit
zurückschieben. Den Aufsatz halte ich (auf die Gefahr einiger Ver-
sehen und Lücken hin) nicht länger zurück, um genauere Untersu-
chungen in Fluß zu bringen.
Inhalt.
Seite
Neuere Urteile über Horazkritik und •recensio. Die recensio ist
noch nicht gemacht 261
I. Indirecte Ueberlieferung . 264
xL Directe Ueberlieferung. Frühere Beurteilung. Verzeichnis
der allen Hss. gemeinsamen Fehler. Alle Hss. gehen auf
ein Archetypon zurück 277
III. Horaz im 7. und 8. Jahrh. verschollen, erst im 9. durch die
Karolinger wieder verbreitet 286
IV. Zwei Hss.-klasaen, d. h. zwei Apographa der Urbs. . . . 289
V. Das zweite Apographon schwierig zu reconstruieren : Ver-
derbnis der mittelfranzös. Gruppe *. Auch der Bland, ge-
hört zur 2. Klasse, ist nicht selbständig 297
VI Gemeinsame Fehler des Porphyrio und der Hss. : also das
Urexemplar eine commentierte Ausgabe des Porphyrio . . 313
VU. Die Urhs. das Einzelexemplar des Mavortius 317
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Inhalt.
S21
Notonda.
Soito
Buccillus: Rufillus 265
W. y. Chriat 261. 263 Anm. 2. 278
Anm. 29; 32. 281*
commentator Cruquianus 316
Gesamtausgabe d.Horaz 278 Anm. 29
Handschriften : einzelne :
alte zu Lorsch 288 Anm. 61
alte zu Bobbio 287. 318
A 317 Anm. 180. 131
B 264 Anm. 5
Bland. 279. Anm. 33. 290 Anm.
68 u. 69. 298. 806 ff. 318 Anm. 134
CB 289 Anm. 62. 291 Anm. 73
aE 297 Anm. 81
XI 291 Anm. 72. 817 Anm. 130
0 264 Anm. 5. 291 Anm. 72.
317 Anm. 130
B 298. 805
u 298 Anm. 82
* 298 ff.
Heiric von Auxerre 298. 802 ff.
Hertz 261. 286
Holder u. Kellers Auajjabe 262 f.
264 Anm. 5. 271 Anm. 22
mdirecte Ueberlieferung : 264 ff.
Agroecius 270
Aldhelm 288 Anm. 56
Augustin 274
M. Aurelius 268
Ausonius 274
Baeda 288 Anm. 56
Boethius 276
Braulio 287 Anm. 52
Cuesiua Baasus 266
Carmen de figuris 26'.*
Censorinus 268
Obarisius 269
Cledonius 269
Columbanus 287
Consentius 269
Diomedes 269
Donatus in Terentium 270
Dositheus 269
Eutyches 276
Exempla divers, auctorutn 288
Fl. Caper 268
fragmenta Bobiensia 287 Anm. 55
Fronto 268
GelliuB 268
glossae Placidi 270
gramm. de ult syllabis 270
gramm. de dub. nominibus 270
Hieronymus 274
Horatiua 265
Isidoras 287 Anm. 52
Iuvenalis 268
Lactantius 268
Seite
Macrobius
Maximianus
metriei
Metrorius
Micon
Nctiiua
Phocas
Plin. maior
Plntarch
Pompeius
Priscianus
Probus
Quintiiianns
Kuti iiianus
Sacerdos
Scaurus
schol. Juvenalis
schol. Lucani
schol. Statii
Seneca
Serenus
Ps. Sergius
Servius
Sidonius
Suetonius
Symmachus
Yenantius
Yictorinus
287 Anm. 54
262. 272
26S
270
266
269
275
267
266
269
268
268
273
273
273
265
268
269
271
275
268
274
287 Anm. 53
269
Juvenalis sat. 7, 226 267 Anm. 15
Keller (s. auch Holder) 277
Leo 263 Anm. 4. 278. 289
Manitius 286
Mavortius 277 Anm. 25. 317
monosyllaba gelängt 302
Nonius 278 Anm. 80
Ordnung der Horazbücher 278
Anm. 30. 285 Anm. 49. 289 ff.
Pallavicini's Oden 280 Anm. 37
Porphyrio 290. 313 ff.
in Lorsch 313 Anm. 120
interpoliert 81/5 ff.
Ausgabe des Horaz 315
zu c. 4, 4, 22 281 Anm. 38
zu sat. 1, 6, 126 809
Probus 266. 267. 285 Anm. 47
Prudentii cod. Puteaneus 317
Anm. 129
RufUlus: Buccillus 265
scholiasta A 316
Sueton de gramm. 3(X>
Sueton vita Horati 316
Titel der Bücher 278
Titel der Gedichte 315 Anm. 126
Usener 263 Anm. 2
Zahl der Gedichte in einz.
Büchern 280 Anm. 87
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322
Inhalt.
Genauer behandelte Horazstelleu.
Seite
Seite
carm. 1, 8,
12,
2
262
serm. 1, 1 108
311 f.
31
279 Anm. 84
2, 27
265
41
267
120
283 Anm. 42
13,
2
280 Anm. 35
3, 56
283 Anm. 43
15,
5
275
60
311
20
308
128
283 Anm. 44
19,
11 292.818 Anm. 186
131
810 f.
20,
1
280 Anm. 86
4, 92
26ä
23,
1
280. 317
6, 126
809
81,
18
311 Anm. 113
7, 17
310
38
281 Anm. 37
10, 1*— 8*
802 Anm. 89
Uber I nicht
unvollständig 281
2, 3, 117
275
Anm. 37
303
311
2, 17,
14
275
313
811 Anm. 113
18,
30
272
4, 44
310
3, 4,
69
275
7, 18
307 Anm. 97
6,
10
275
19
310
11
275
8, 88
310
7,
1
278
epist 1, 3, 4
307 Anm. 99
14,
14
275
6, 11
295 An in. 79
19 f.
269
63
276
17,
4
276
7, 29
274
24,
4
30ti Anm. 94
8, 12
807 Anm. 100
29,
34
298 Anm. 83
11, 12
316 Anm. 127
4, 4,
22
310
15, 4
285 Anm. 45
6,
21
311
16, 14
304 Anm. 90
18,
14
306 Anm. 94
43
310
14,
28
282 Anm. 39
45
284
carm. saec. 5
308
18, 111
305
epod. 1,
21
307 Anm. 94
ar8 poetica 45 f.
272
2,
25
307 Anm. 95
237
308 Anm. 103
27
317
294
308 Anm. 104
6,
3
307 Anm. 96
328
308 Anm. 105
serm. 1, 1,
38
305
Juni — Juli 1905.
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In demselben Verlage erschien:
Handlexikon zu Cicero
von
H. Merguet.
Erstes und zweites Heft (A— ^M) je 25 Bogen gr. 8°.
Preis pro Heft 6 Mlc.
Das Handlexikon gibt in einer Auswahl von Beispielen,
die den sämtlichen Schriften Ciceros, also auch den rhetori-
schen Schriften und den Briefen nach dem Wortlaut der
neuesten Texte unter Hinzufügung abweichender Lesarten ent-
nommen sind , eine Uebersicht über den gesamten Sprachge-
brauch dieses Schriftstellers. Diese Beispiele sind so gewählt
und gefasst, dass daraus die Bedeutungen und Konstruktionen
der Wörter, ihre phraseologischen Verbindungen, die sinnver-
wandten Ausdrücke u. dgl. zu ersehen sind, dass sie also Aus-
kunft über die verschiedensten Fragen der Bedeutungs-
lehre, Grammatik und Stilistik aus dem besten
klassischen Latein geben. Gleichzeitig sind die zahlreichen
Stellen von sachlicher Bedeutung dabei vorwiegend be-
rücksichtigt.
Durch diese Einrichtung soll das Buch sowohl Studien-
zwecken dienen, wie auch namentlich für den praktischen
Schulmann bei dem Unterricht in der lateinischen Sprache ein
leicht zugängliches, bequemes und ausgiebiges Hilfsmittel sein.
Das Handlexikon zu Cicero erscheint in 4 Heften von
gleichem Umfang zum Preise von 6 Mark für jedes Heft.
Da das Manuskript des ganzen Werkes fertig vor-
liegt, so wird seine Herausgabe in Jahresfrist beendet sein.
Die
Geschichte des griechischen Skeptizismus
von
Dr. Alb. Goedeckemeyer,
Frivatdü/i'tit «Irr 1* Ii i Ii..--« »j> h i «• in < ;.>n .'nvon.
V. 332 S. gr. 8». Geheftet Mk. 10.—, ^bun-len Mk. 12.--.
*
Der moderne Materialismus
als Weltanschauung und Geschicktsprincip
von
Dr. H. Schwarz,
PrivaUtozentfu il< r I" h 1 1< • ■ 1 1 1j 1 >• un d'-r I 'tu v> i --öl n' Milk :<. <1 v
fe». Mk. 2.- ; creb. Mk. 'J-CÜ.
In demselben Verlage erschien soeben :
Kaiser Hadrian
und der letzte grosse Historiker von Rom.
Eine quellenkritische Vorarbeit
von
Ernst Kornemann,
a. ö. Profe«8or der altcu Geschieht«? au der Lnivcnitit Tübingen.
VIII u. 136 S. gr. 8°. Mk. 4.20.
Inhalt«
Einleitung.
I. Zur Geschichte Kaiser Hadrians.
1. Hadrians Geburtsort.
2. Ist Hadrian von Traian adoptiert worden?
3. Zu Hadrians ersten Regierungsjahren (bis 120/1).
4. Zu Hadrians Reisen.
5. Die zweite Hälfte der Hadriansvita (14. 8—27).
II. Das Oeschichtswerk des Anonymus aus der Zeit des Alexander
Severus.
1. Der Anonymus und seine Ausschreiber.
2. Genaueres über den Umfang des Werkes und die Zeit seiner
Abfassung.
3. Die Tendenz des Werkes.
4. Stärken und Schwächen des Werkes.
5. Der Name des Anonymus.
Schluss.
Register.
Nachträge und Berichtigungen.
■
Untersuchungen
zur Geschichte von Eran
von
J. Marqnart.
Heft 2 (Schluss) Mk. 10.20.
(Philologus Supplementband X, 1).
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PHILOLOGUS
ZEITSCHRIFT
FÜR
DAS CLASSISCHE ALTERTHUM
BEGRÜNDET
von V. W. SCHNEIDEWIN und E. t. LEÜT8CH
HERAUSGEGEBEN
VON
OTTO CRUSIUS
IN MÜNCHEN
Supplementband X, Heft 3.
LEIPZIG
DIKTERICH'SCHK VERLAGS-BUCHHANDLUNG
THEODOR WEICHEU
INSELSTRASSE 10
1906.
Drittes Heft.
Seite
De 8enecae Hercule Oetaeo. Scripsit ÄemiUus Ackermann ... 323
Das Ausleben des Clauselgesetzes in der römischen Kuaatprosa.
Von Th. Zielinski 429
Ausgegeben am 15. August 1906.
-K*H
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DE
8ENECAE HERCULE OETAEO
SCRIPSIT
AEMILIUS ACKERMANN.
Philologus, Supplementband X, drittes Heft
22
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>
Iam iterum ac saepius disputaverunt viri docti, utrum
Hercules Oetaeus fahula nomine Senecae inscripta tota et in-
divisa sit tragoedia ab uno eodemque poeta scripta an diversis
ex partibos composita compluribus anctoribus originem debeat.
nec magis nimirum de poeta ipso constabat. alii enim non-
nullas fabulae partes spurias, alii totam tragoediam Senecae
abiadicandam, alii totam clarissimo Uli philosopho esse relin-
quendam demonstrare studuerunt. et magna est series virorum
doctorum, qui in Hercule Oetaeo tractanda operam ac studium
collocaverunt. quos cum Mich. Muellerus (in Senecae tragoedias
quaestiones criticae p. 1 sq.), Schanzius (Handbuch der klas-
sischen Altertumswissenschaft VIII, II 2 p. 39 sq. et p. 50),
G. Richterus (in editionis [1902] nota titulo subiecta p. 319 sq.)
diligenter enumeraverint , hanc quaestionem iterum ab ovo
tractare supersedeo et satis habeo nihil commemorare nisi
haec. Richtero, qui quondam totam tragoediam a Seneca
abiudicaverat (de Seneca tragoediarum auctore a. 1862 p. 31),
Melzerus probavit (de Hercule Oetaeo Annaeana a. 1890) fabulam
a Seneca breviter delineatam, non absolutam et perpolitam
esse, itaque Richterus iam ad id progressus est, ut in anno-
tationibus eis, quas memoravi, scriberet sententiam Leonis, qui
solam priorem fabulae partem a Seneca esse profectam statue-
rat (de Senecae tragoediis observationes criticae a. 1878), stare
non posse. sed Leoni non item Melzerus persuadere potuit.
Leo enim cum nuper dixerit (Göttingische Gelehrten- Anzeigen
a. 1903 fasc. 1 p. 5): kMan wird mir glauben, dass ich dieser
Jugendarbeit wie einer fremden gegenüberstehe; so darf ich
wohl sagen, dass ich fast alle gegen meine Beweisführung er-
hobenen Einwendungen für unrichtig halte', in pristina opi-
nione sua perseverat. Birtius autem, qui olim Herculem Oetaeum
spuriam fabulam esse contenderat (zu Senekas Tragödien, Mus.
Rhen. t. 34), per colloquium mecum communicavit se nunc
22*
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326 Aemilius Ackermann,
propensiorem esse in partem eorum qui genuinam eam esse as-
severent; certe unius poetae esse, itaque rogavifc me vir doc-
tissimus, ut ipse quoque huic quaestioni operam navarem. quae
cum ita essent, meum esse putavi denuo bas res excutere et
disputare, praesertim cum nonnulla me invenisse crederem ar-
gumenta adhuc a viris doctis neglecta. quaenam sunt haec ar-
gumenta? aut Leonem aut Melzerum recte dixisse comprobare
nolo ; solummodo demonstrare conabor argumenta eorum, qui
Herculem Oetaeum totam et indivisani tragoediam a Seneca
scriptam esse negant, parum valere. quae res tractanda tres
sibi requirit partes, primum enim de auctoritate, tum de uni-
tate, tertium de consilio buius tragoediae quaeram.
I. De Herculis auctore.
Quis igitur sit auctor Herculis Oetaei nunc considerandum
est. Leo, qui hanc quaestionem ex integro instituit, argumen-
tationem suam incipit bis a verbis (1. s. p. 48): habet autetn
lw.ec fabula quibus vel obiter intuenti a reliquis differre vi-
deaiur: titulum antiquitus praefert cum prima fabula commu-
nem; agitur primum ad Oechaliam^ dein Trachine; chori au-
diuntur duo; spatium complet reliquis fere duplo ampliorem (sie),
communem titulum vir doctissimus, quamquam ipse priorem
tragoediae partem (v. 1— 740)1) genuinam aestimat, argumen-
tum esse contendit. sed versus 1—740 quemnam titulum ha-
bent? Birtius qui traditi fabularum Annaeanarum ordinis causis
sciscitandis diligenter operam dedit (Mus. Rhen. 34 p. 532),
secundum res et titulorum naturam ordinatas esse tragoedias
recte dixisse videtur. sed cum Hercules alter et in re et in
tituli forma cum antecedente fabula egregie concordet (utro-
bique enim viri nomen est), non est cur cum Birtio Her-
culem Oetaeum spuriam esse credamus, praesertim cum Her-
culi priori fabulae in initio positae respondeat Hercules alter
in fine exstans. atque cum post Herculem furentem Semper bi-
narum fabularum tituli inter se congruant, non versimile esse
mihi quidem videtur Thyestein non habere quo spectet. prae-
terea Herculem Oetaeum non unicum exemplum esse puto quo
indicetur eundem poetam duas tragoedias eodem titulo prae-
*) Numeri« a Richtero editore adhibitia sum usus.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
327
scriptas fecisse. Sophocles enim duos Aiaces scripsit, Aiacem
(laoriYocpcpov et Aiacem Aoxp6v. atque in Aiacis superstitis hy-
pothesi legimus hanc fabulam Aiacem jAaortyo^opov nomina-
tam esse, ut ab altero Aiace discerni posset, nam iv Tal; 5t5a-
oxaXt'at; <|»tXffic Ata; dva^eypaTcxat. hac re mihi probatur Sopho-
clis Aiacibus eundern titulum (sc. Ata;) fuisse *). sed haec om-
nia, quae protuli, si falsa essent, cum infra (in tertia parte) dixe-
rim quibus causis commotas poeta iteram Herculem tractaverit,
non ita aegre ferrem8). reliqua Leonis argumenta, quae supra
(p. 326) commemoravi, cum Hercules Oetaeus sit öpa\i<x dva-
YVü>axtx6v (cf. part. alt.), nullius momenti sunt, sed ponamus
hanc fabulam in scaenam esse productam, tarnen in eo, quod
duobus locis res agitur, offendere non possumus. nemo enim
nescit et in Aeschyli Eumenidibus et in Sophoclis Aiace idem
fieri. ac Birtius vir doctissimus non solum in Curiatii Matemi
Domitio praetextata, sed etiam in Senecae Phoenissis scenam
mutari comprobare conatus est (p. 526 sqq.). quod duo chori
inducuntur, cum in Agamemnone idem deprebendamus, ab An-
naeano usu non abhorret. accedit quod Melzerus (1. 8. p. 12)
et Steinbergerus (commentationes Guilelmo de Christ dedicatae
p. 189) dubitant, an in Medea quoque duplex sit statuendus
chorus. nec est cur versuum multitudinem vituperemus. cum
enim Hercules alter ex versibus 1996, Hercules prior ex 1326
constet, differentia non tanta est, quae fern non possit. atque
cum Aristoteles dicat (ars poet. cap. 7) : xoO u^xoo; 6po;<ö>
H^v rcpö; xou; dyöva; %al x*jv afofbjatv, oo xf,; xlxvtj; eaxtv,
solummodo deliberandum est, utrum spatium, quod Hercules
Oetaeus complet, sit tantum, ut in scaenam produci non possit
an etiam aliae tragoediae eiusdem longitudinis inveniantur.
Sophoclis Oedipus Coloneus 1779 ex versibus composita est et
Euripidis Phoenissis sunt versus 1766. Iuvenalis ingentes fa-
bulas irridet I 4 sqq. :
impune diem consumpserit ingens
Telephus aut summi plena iam margine libri
scriptu8 et in tergo necdum finitus Orestes ? 4)
") Cf. G. Hippenßtiel de Gfraecorum tragicorum principum fabularum
nominibus p. 15 sqq.
s) De communi titulo etiam Melzerus disputavit p. 13.
*) Cf. Fried laenderum ad 1., qui duos alioB adnotavit.
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328
Aemiliue Ackermann,
itaque in Herculis alterius versuum numero haerere non pos-
sum ß) (cf. partem alteram et tertiam). aegre quoque tulerunt
Bentleius 6) et Leo 7), quod Hercules Oetaeus et Octavia fabulae
solae cantico terminantur. contra dici potest Annaeanas tra-
goedias omnes praeter Phaedram et Octaviam, in quarum initiis
monodia invenitur, a prologo incipere. hac re num Phaedram
esse spuriam probatur?
Multos vero Herculis Oetaei locos imitatione e ceteris Se-
necae tragoediis expressos esse contenderunt Goebelius8), Rich-
terus9), Leo 10), Birtius11), Tachavus12). sed haec res, cum et Leo
(I p. 49) et Tachavus (1. s.) lubenter concesserint iure optimo
obici posse Senecam solere semet ipsum exscribere etiam in
reliquis fabulis, praesertim ubi de rebus similibus agatur, sine
dubio cautionem habet, atque Melzerus, qui plurimos locos a
viris doctis collectos iniuria huc referri putaverit, quinque
tantum versiculos fortasse alicuius momenti esse dixit (p. 21 sq.).
ego autem reliquas fabulas Annaeanas perscrutatus aliam tra-
goediam inveni, in qua eadera licentia atque in Hercule Oetaeo
admissa est conferas enim inter se haec:
Med. 222: huc ferat et illuc
Hf. 999: huc eat et illuc
Med. 215: vidua Thermodontiis
Hf 246: vidua Thermodontiae
Med. 270: libera cives metu
Troad. 581: libera Graios metu
Med. 288: precor brevem largire fugienti moram,
dum extrema natis mater infigo oscula
Troad. 760: brevem morara largire dum offi-
cium parens
nato supremum reddo
6) Conferas etiam Melzerum p. 13.
•) Albert Stachelscheid, Bentleys Emendationen zu Senecas Traqoe-
dien, ann. Fleck 125, p. 492.
7) Die Komposition der Chorlieder Senecas. Mus. Rhen. 52 p. 512.
•) Quaestiones Horatianae, pars II in Muetzell, Zeitschrift für dos
Gymnasialwesen XVI, p. 738 adn. 1.
ö) De Seneca tragoediarum auctore p. 30 sq.
,0) Editionis vol. I p. 51 sq.
") L. b. p. 522 sqq. et p. 536.
") Zu Senecas Tragoedien, Philol. 46 [1887], p. 378 sqq.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
329
Med. 431: o dura fata semper et sortem asperam
Troad. 1056: o dura fata saeva miseranda
horrida
Med. 432: cum saevit et cum parcit
Phoen. 35 : cum occidis et cum parcis
Med. 446: totus in vultu est dolor
Ag. 128: totus in vultu est dolor
Med. 493: dum licet abire, profuge teque hinc eripe
Thy. 428: reflecte gressum,dum licet, teque eripe
Med. 531 : nunc summe toto Iuppiter caelo tona
Hf. 1202: nunc parte ab omni, genitor, iratus
tona
Med. 550: bene est, tenetur
Troad, 630 : bene est, tenetur
Med. 561: excidimus tibi?
HO 1332: excidimus tibi?
Med. 652: quamvis bene fata nosset
Phoen. 83: fata bene novi mea
Med. 896 : pars ultionis ista qua gaudes quota est?
Hf. 1191: cladis tuae pars ista quam nosti
quota est?
Med. 945: unicum afflictae domus
Troad. 462 : unica afflictae domus
Med. 1019 : bene est, peractum est
Oed. 998: bene habet, peractum est.
Hos locos si vidisset Richterus qui, cum in Hercule Oetaeo
octo tantum versiculos imitando eifectos exstare credidisset, di-
cere iam ausus est (1. s. p. 30): imitatoris imbecillitas vel eo
se prodit, quod multa ex aliis fahdis, imprimis ex Hercule
priore, in usum suum convertit, aut verbis imitatoris imbecil-
litas non usus esset, aut Medeam quoque spuriam putavisset.
itaque si Medea genuina est fabula, etiam Hercules Oetaeus
a Seneca scripta esse potest.
Sed ne dicas non satis diligenter me hac in re versatum
esse, versus iam affero hos:
Hf. 46: nec satis terrae patent
Hf. 605: non satis terrae patent
Med. 185: liberet fines metu
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330
AemiliuB Ackermann,
Med. 270: libera cives metu
Thy. 279: bene est, abunde est
Thy. 889: bene est, abunde est
Thy. 348: rex est qui posuit metus
Thy. 388: rex et qui metuit nihil1')
Hf. 522: infernus imo sonuit e fundo fragor14)
Thy. 262: imo mugit e fundo solum
Hf. 330: talis incessu venit
Troad. 465: talis incessu fuit
Hf. 1189: His etiam, pater,
quicquam timeri maius aut gravius potest?
Oed. 828 : malum timeri maius hisaliquod potest?
Hf. 1202: nunc parte ab omni, genitor, iratus tona
Thy. 1080 : com mitte et omni parte violentum
in tona
Hf. 953: quo, nate, vultus buc et huc acres refers
Troad. 1092: pro turre, vultus huc et huc
acres tulit
Hf. 1009: Megara furenti similis e latebris fugit
Phoen. 427 : vadit furenti similis aut etiam furit
Hf. 1283: fortis in pueros modo
Troad. 755: fortis in pueri necem
Hf. 1012: quo misera pergis?
Phaed. 142: quo misera pergis?
Phaed. 155: quid ille qui mundum quatit
vibrans corusca fulmen Aetnaeum manu
sator deoruni?
Oed. 1028: non si ipse mundum concitans dirum
sator corusca saeva tela iaculetur manu
Phaed. 258: decreta mors est
Phoen. 244: decreta mors est
Phaed. 525: non equidem reor
Troad. 868: non equidem reor
Phaed. 1271 : o dira fata, numinum o saevus furor
Oed. 75 : o saeva nimium numina, o fatum grave
Oed. 521: mitteris Erebo vile pro cunctis caput
Ag. 231: oppone cunctis vile suppliciis caput
»») Vernum delevit Leo voL II p. 251. ") Delevit Leo II p. 375.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
331
Oed. 868: dehisce tellos, tuque
Troad. 519: dehisce tellus, tuque
Bf. 1148: nescio quod auimus grande praesagit malum
Phoen. 278: magna praesagit mala
Paternus animus
Thy. 958: mens ante sui praesaga mali
HO 745lß) : nescio quod aniraus grande praesa-
git malum
Bf. 1138: quis hic locus, quae regio, quae mundi plaga?
Troad. 498: quis te locus, quae regio seducta,
invia
tuto reponet ?
HO 1797 1Ä) : quis me locus, quae regio, quae
mundi plaga
defendet ?
Alios locos collegit et cum Octaviae versibus composuit
Fr. Ladek (de Octavia praetexta. dissertationes Vindobonenses
III p. 52 sqq.). sed iam satis me demonstravisse credo ceteris
in fabulis locos imitatione expressos non minus raro quam in
Hercule Oetaeo inveniri. ac si tales loci in altero Hercule ali-
quanto crebrius exstarent, non multum valeret. tale quid etiam
alii poetae et scriptores sibi permiserunt. in fine Euripidis
Alcestis, Medeae, Andromachae, Baccharum, Helenae scriptum
videmus:
noXkaX popyal xtöv 6*acu.ovtu>v
TcoXXi &&i\nxta<; xpafvouac (rso:*
xal tdk Soxi^vx* oöx ixeXia&rj,
xtöv 8* dSox^xwv 7tcpov eüpe &e6;.
xoiovS' &K£$rj x65e np&y\ioi17).
ex Xenophontis Hellenicis totas paragraphos ad verbum fere
in Agesilaum translatas esse recte vidit H. Hagenius (de Xe-
nophonteo qui fertur Agesilao capita V p. 11). nec ab Dione
Chryso8tomo tales repetitiones sunt alienae ; confer H. de Ar-
'*) Leo solummodo veraas Bf. 1148 et HO 745 vidit (I p. 51);
pertinent aatem haec verba ad sermonem coitidianam , legimus enim
iam apud Terentiuru (Heautont 2H6):
sed nescio quid profecio mi animus praesagit mali.
ia) Non igitur in Hercule priore et altero fabulis solis haec verba
exatant. confer Leonem I p. 52.
") Hos versus non Bern per genuinos esse contendit Lindskog non
primus (Studien zum antiken Drama p. 17).
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332
Aemilius Ackermann,
nim Leben und Werke des Dio von Prusa p. 416 sqq. haec
omnia si animo complectemur, etiani Senecae eorundem verbo-
rum iterationem ' indulgebimus l8).
Nonnumquam autem verbis iternm usurpatis aliquid durius-
culi Tel obscuri et contorti inbaerere dixerunt D. Heinsius, Leo,
Birtius, Tacbavus. atque Heinsius (apud Scriverum p. 346)
Herculis Oetaei versus 661/62:
nec geinnriferas detrahit aures
lapis Eoa lectus in unda
rettulit ad Phaed. 391 :
nec niveus lapis
deducat auris, Indici donum maris.
credidit enim detrahit (HO 661) inepte pro deducit positum
esse, idem vituperavit Leo (p. 50 adn. 2), qui cum versus
1 — 740 genuinos aestimaret, hunc locum a Seneca esse scriptum
ipse contendebat. atque quam quam aures dcducere paulo melius
dictum est quam aures detrahere^ tarnen hoc non ita aegre fere-
mus, ut argumentum contra fabulae auctoritatem esse concedamus.
Plura Leo protulit (I p. 51 sqq.), sed numquam recte.
quamquam iam Melzerus argumenta eius diluere studuit (p. 22),
tarnen cum paene nusquam satis accurate contradixerit, aliqua
mihi erunt addenda. versus (HO 1048):
abrumpit scopulos Atbos
Centauros obiter ferens
facile intellegi possunt, nam vertendum est: 4Der Athos reisst
Felsen ab, auf denen er oben Centauren trägt', alii poetae
similiter locuti sunt cf. Claudiani Gigantomach. Qraec. v. 59 :
'EyxiXaSo; 6' oO Xfjye \idyr}^ dtva 5' Sjprcaae vf^ov
7ip6££i£ov rcoXeeaatv epeiSouivTjv öpieaat
v. 65 iv oi xe VTjacp
5sv5pea xat :roiau.o! Ofjpe; x'eaav öpvtOis xe.
et Apollin. Sidon. c. IX, 88:
Nec Flegrae legis ampliata rura,
ruissi dum volitant per astra montes
Pindus, Pelion, Ossa, Olympus, Othrys
cum silvis, gregibus, feris, pruinis
**) Addere poteram in Ariatophania Vespis (1030—36) eosdem versu«
exstare, qui in Face (752 sqq.) leguntnr.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
333
saxis, fontibus, oppidis levati
yibrantnm spatiosiore d extra.
Ad HO 1293: inter infernos lacus
possessus atra nocte cum Fato steti
Leo non recte adnotavit : Heiusius scribere voluit obsessus, recto
iudicio, nam de homine male dici sensit quod apte de rebus
dicitur. Melzerus iam attulit
Troad. 562: nate, quis te nunc locus
fortuna quae possedit.
praeterea conferendi sunt loci hi : Stat. Theb. VII 550:
Tene ille, beu demens, semel intra moenia clausuni
possessumque odiis Argiva in castra renrittet?
X 676 : iuvenis multo possessus numine.
carm. epigr. lat. 1243 v. 3 : quem numquam cupidae possedit
gloria famae. —
HO 1347: agnosce mater — ora quid flectis retro
vultumque mergis?
Leo negavit tnergere idem significare posse quod abscondere.
hoc iam notum erat N. Heinsio (adversariorum libri IV p. 279)
et ex lexicis satis superque constat.
HO 1392 : surgat Line illinc nemus
artusque nostros durus immittat Sinis :
sparsus19) silebo.
Leo aegre tulit partieipium perfectum sparsus, quod Melzerus,
cum duo Uli loci, quos attulit, in hanc rem omnino non quadrent,
non feliciter defendit. videas autem ipse:
Troad. 344: Illo ex Achille, genere qui mundum suo
sparsus per omne caelitum regnum tenet20).
poeta dicit Achillem genere suo per omne regnum sparsum
totum teuere mundum. Achillis corpus num Melzerus credidit
multas in partes divisum esse? alter locus est Med. 625 sqq.:
ille vocali genitus Camena,
cuius ad ebordas moduiante plectro
restitit torrens, siluere venti,
cum21 suo cantu volucris22 relicto
") Sparsus hoc loco idem est atque in partes divisus.
so) Hi» de vereibu« iam Leo dixit (G. G. A. p. lü adn. 1): Troad.
344 ist überhaupt anders.
ll) Tum praebet E. ") volucres E.
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334 Aemiliua Ackermann,
adfuit tot» comitante silva,
Thracios sparsus iacuit per agros.
at caput tristi fluitavit Hebro28:
contigit no tarn Styga Tartarumque,
non rediturus.
in sententia: Thracios sparsus iacuit per agros Orpheum esse
subiectum Melzerus contendit, quod tarnen prorsus incredibile
est neque enim Orpheus, dum canit, sparsus iacebat, neque,
cum magnitudo eius tot cubitorum non esset, per agros iacere
poterat, neque in partes divisus lyram modulabatur. atque
cum Melzero si in eadem sententia sumus, contextus sermonis
male interrumpitur. quid enim sibi volunt verba at Caput, quae
sine dubio ad antecedentia respiciunt ? re vera autem in versu
630 subiectum est Hebrus casus nominativus , qui ex dativo
in sequente versu exstante supplendus est. Seneca igitur
narrat fluminis prope Orpheum partem substitisse, Hebri caput
autem fluxisse. Similis locus in Hercule Oetaeo invenitur
(cf. p. 340). itaque cum Melzeri propugnatio non prospera
fuerit, alio modo huic participio perfecto sparsus excusatio
paranda est. legas autem, quae infra (p. tert) hac de re disputavi.
De 1556 quae Leo disseruit, cum optime a Melzero
(p. 23) refutata sint, sufficit commemorare, non Leonem pri-
mum, sed Peiperum post versum 1556 lacunam statuisse.
Hf. 745 sqq. Theseus de iudicibus infernis locutus
reges adhortatur, ne crudelitati assuescant. eandem bor-
tutionem prorsus inepte et xaxo^Xw; HO 1560 — 63 inser-
tam esse idem Leo autumavit, cui oblocutus est Melzerus verbis
his: HO 1556 sq. autem aliquis est rerum contextus: inter
inferorum iudices dehinc Hercules quoque erü; quanto igitur
gravior erü post mortem regum et tyrannorum poena, praeser-
tim cum illos potissimum ulcisci vivus solitus sit. liceat mihi
paulo accuratius banc rem explicare. poeta dicit (v. 1550 sqq.):
,nunc ad Acherontem vadit Hercules, quem Charonis cumba non
solum, sed una cum multis vilibus umbris transferet. tarnen
Hercules inter viles umbras non manebit, sed inter iudices in-
fernos sedebit
■ ■ * *
,8) Hoc coniecit Gronovins, traditum est in E: ad caput tristis
fluitavit Hebri, in A: ad caput tractus fluvialis Hcbri.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
335
facta discernens, feriens tyrannos.
proinde, o tyranni, iusti este ac ferrum tenete purum/ itaque
haec hortatio non prorsus inepte, sed plane apte inserta est.
cur autem auctor eam indiderit, infra (cf. tert. pari) dixi.
HO 1721 plane rustico obiurgio in Philoctetem invchüur
kis verbis: ,ignave iners inermis' ceterum composüus et man-
suetus, sed transtulit hoc ex Thy. 176 : jguave, iners, enervis\
hoc recte dictum esse Melzerus Leoni concessit, ego non item
concedo. in versu 1717 Hercules Philoctetem flammas poscit.
v. 1718 hortatur Philoctetem, ne segniter facem comprehendat.
sed Philoctetes segnis est. hac re iratus exclamat Hercules:
quid dextra tremuit et Philoctetae manum pavidam appellat
(v. 1719). etiam arcum reposcit. atque cum Philoctetes etiam
nunc cunctetur, periratum Herculem verba ignave, iners,
inermis adhibere non mirum est. neque quae sequuntur sunt
mansueti. dicit enim Hercules : en nustros manus quae tendat
arcus. inteilegenda autem haec verba sunt sie: haec tua ma-
nus, quae pavida et ignava est nec rogum incendere audet, no-
strum nunc tenet arcum omnibus populis notum. itaque obiur-
gatio illa et cum antecedentibus et cum sequentibus verbis
concinit. neque hoc loco neglegamus rem non ipsam in scaena
agi, sed a nuntio narrari. ceterum vide Melzerum.
Totam vero scaenam quae est HO 1399 sqq. ex Hercule fu-
rente male expressam esse contendit Leo, qui enixe operam dedit,
ut imitatons manum detegeret. statuit autem hanc de fu-
rore scaenam inepto loco fabulae immissam esse, cum dixit:
de calamitate sua multum multumque declamavit et decantavü
(sc. Hercules), de furore nihil audivimus ; nec quae novissimo
loco dicit magis sunt reliquis insana. subito docemur Alcme-
nae verbis furorem instar e:
1402 : ei mihi, sensum quoque
excussit illi nimius impulsus dolor,
quod Melzerus contra dixit, nihili est. multis autem annis
ante Melzerum excellenter de hoc loco disputavit vir doctissi-
mus Birtius (1. s. p. 516). recte enim ostendit ea, quae Her-
cules novissimo loco loquatur, sine dubio magis esse reliquis
insana. 'Plötzlich' inquit 'schlägt Herkules statt der (voran-
gegangenen) Klagen einen kampflustigen Ton an, indem er
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336
Aemilius Ackermann,
mit seiner Krankheit zu fechten verlangt:
v. 1399 : ubi morbus, ubinam est? estne adhuc aliquid mali
in orbe mecum? veniat, huc aliquis mihi
intendat arcus: nuda sufficiet manus.
Diese Herausforderung macht auf Alkmene mit Hecht den Ein-
druck des Wahnsinns', hoc recte dictum esse pro certo habeo.
De versibus 1408 sqq. satis bene disseruit Melzerus (p. 24).
nec vituperandus est locus 1415 — 1418.
Denique Birtius (p. 511) et Melzerus (1. s.) mihi probave-
runt in Megara v. 1452 memorata oflfendi non posse. quae cum
ita sint, iam in illa de Herculis furore scaena conexus verbo-
rum nusquam interrumpitur.
Neque verum est quod Leo ad versum 1406 : dolor isie
furor est : Herculetn solus domat adscripsit : huius enim coloris
gratia omnis de furore scaena inserta est. aeque perperam
Melzerus dixit (p. 23) : denique ne id quidem spernendum esty
quod Leo ipse adnotavit, ideo nostro loco Herculem fureniem
fingi, ut color ille magnificus (HO 1407) inseratur. veram
causam, quam in tertia huius libelli parte explanabo, viri docti
non deprehenderunt.
Birtium offendit (p. 532), quod in prologo Hercules nimis
se efferat et caelum expugnare in animo habeat. idem in Her-
cule priore fieri, ibi autem Herculem furore impulsum tale
quid loqui. cur poeta Herculem ita insolescentem fecerit, ibi-
dem (tert. p.) expositurus sum.
Ultimus Tachavus in Hercule Oetaeo sententias imitatione
male expressas animadvertisse se opinatus est **). ac primum
comparavit
HO 170: commoda cladibus
magnis magna patent; nil superest mali
iratum miserae vidimus Herculem
cum
Troad. 422: hic mihi malorum maximum fructum abstulit,
nihil timere.
dubitavit enim, num verba commoda . . . patent satis intellegi
possint et cum antecedentibus cohaereant. negavit autem vir-
gines, cum tempus futurum ignorent, dicere posse : nil superest
") Zu Senecas Tragoedien, Philol. 46 [1887] p. 378 sqq.
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De Senecae Hercnle Oetaeo. 337
tnali. in verbis commoda . . . patent quicquam obscuri non Vi-
deo atque verto: 'Großes Unglück ist zugänglich für große
Vorteile vel 'Großes Unglück ist oft von großen Vorteilen be-
gleitet', v. 119 — 142 virgines Oechalides de clade sua conque-
runtur; hanc cladein eis intulit Hercules, immanis ille heros
(143 — 170). tarnen unum commodum magnum hac clade nac-
tae sunt: nullum malum superest, nam iratum Herculem vi-
derunt, quo maius malum inveniri non potest (170 — 172). ita-
que verba commoda . . . patent cum antecedentibus conveniunt
atque conspirant et virgines, cum Herculem iratum omnium
maximum esse malum sciant, dicere possunt: nil superest mali.
Herculis iram haud dubie perquam horribilem poeta finxit, sed,
quod infra (p. tert.) demonstrare studui, non sine consilio ac
iudicio boc fecit.
Deinde Tachavus HO 107 sq. cum Troad. 150 contulit.
hac quoque de re inspicias quae in altera parte dixi.
Postremo vir doctissimus composuit
HO 122: felices sequeris, mors, miseros fugis
cum
Troad. 1171: Mors votum meum,
infantibus violenta virginibns venis,
ubique properas, saeva: me solam times
vitasque, gladios inter ac tela et faces
quaesita tota nocte, cupientem fugis.
credidit enim Tachavus Hecubam, cum diu mortem quaesivisset,
verba felices sequeris, mors, miseros fugis sane dicere potuisse,
sed virgines Oechalides, quae ante urbem expugnatam nondum
miserae fuissent, inepte sie loqui. hae sane argutiae ac spinae
sunt, fortasse autem, dum Hercules Oechaliam obsidet, virgi-
nes tot calamitates perpessae sunt, ut iam paulo ante urbem
penitus expugnatam miserae essent quaererentque mortem, quis
ita ut Tachavus cum poeta aget? nusquam ergo in Hercule
Oetaeo versus stolida imitatione ex ceteris tragoediis expressi
inveniuntur.
Consideremus nunc quo iure Herculis Oetaei scriptorem
stultum atque ineptum hominem esse dixerint primus D. Hein-
sius ineptias deprehendisse sibi visus est. adnotavit enim ad
HO 387: quiequid in nobis fuit
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338 Aemilius Ackermann,
olim petitum cecidit aut pariter labat.
aetas citato senior eripuifc gradu
materque multum rapuik ex illo mihi*5).
inepte redundat locus et puerilüer luxuriat (apnd Scriv. p.
347). at equidem tantam luxuriam non video. quod in ea-
dem sententia et eripuit et rapuit invenimus, non ab usu poe-
tico abhorret et rerum progressiv est planus neque ullaru
praebet offensionem. —
D. Heinsius si bis temporibus vixisset, versus 1792, 1890,
1697 sq., cum iam diu emendati sint, non reprehendisset (cf.
p. 345). et quia eidem viro doctissinio codex Florentinus nondum
notus erat, etiam in versibus 761 et 1599 haerere potuit
(p. 347 et 344). nec Richterus tunc, cum libellum quo de Se-
neca tragoediarum auctore agitur scripsit, Etruscum satis no-
vit (p. 26). ipse quoque in versu 1595 : passus an pondus ti-
tubavit Atlas? eadem de causa ac D. Heinsius offendit. credi-
dit enim Florentinum praebere lassus, editionein principern
passus. sed cum neque lassus neque passus ei placuisset, fas-
sus scribi voluit. opinionem suam ut defenderet, statuere de-
buit active positum esse tituhandi verbum pro quatiendo. haec
igitur coniectura prorsus reicienda est et nuper Richterus ipse
passus in textum recepit, quod sine dubio satis apte dictum est.
HO 424 : causa bellandi est amor.
totiens timebit Herculi natam parens
quotiens negavit, hostis est quotiens socer
fieri recusat : si gener non fit 26), ferit.
haec verba D. Heinsio nauseam moverunt (p. 347), sed quid
vituperandum sit, non dixit. quam ob rem de hoc loco verba
facere nolim.
HO 644: caespes Tyrio mollior ostro
solet impavidos ducere somnos
D. Heinsius caespitem somnum ducere posse negavit (p. 346),
sed iniuria; nam somnos ducere non solum dormire significat (hoc
modo loquitur Vergilius Aen. IV 560: nate dea,potes hoc sub casu
ducere somnos), sed etiam somnos afferre vel somnos inducere.
'*) Sic legend um esse mihi probavit M. Muellerua (in Senecae
tragoediaa quaestiones criticae p. 43 sq.).
**) Fit legimua ex coniectura N. Heinsii (1. s. p. 444); Codices
praebent est.
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De Senecae Hercule Oetaeo. 339
cf. Horat. epod. 14, 3:
Pocula Lethaeos ufc si ducentia somnos
arente fauce traxerim
et Ovid. Metam. II 735 :
ut teres in dextra, qua somnos ducit et arcet,
virga sit.
itaque poeta non dicit caespitem dormire, sed sopire.
Post D. Heinsium Swoboda nonnulla invenit quae vitu-
peraret *7). huius viri doctissimi opus ipsum, quod ut ex bib-
Hothecis mutuarer mihi non contigit, me non inspexisse con-
fiteor. sed Melzerus Swobodae argumenta, quae diluere studuit,
attulit p. 26. ac pauca Melzeri verbis mihi addenda sunt.
Swoboda aegre tulit (p. 335), quod Hercules HO 80 sqq.
stulta et ridicula promittat, simili ex causa haesit in versibus
1741 sqq. (p. 348). poetam autem cousulto Herculem adeo
intumescentem induxisse infra studui probare (p. tert.).
Aliud argumentum est hoc: HO 907 sq. ab Hf 1341 sq.,
cum hic Athenis, illic Cinyphio fönte Hercules Megarae et li-
berorum caedem expiasse feratur, ita dissentit, ut unus utrius-
que fabulae auctor statui non possit (p. 343). iam Melzerus etiam
in ceteris tragoediis tales sententias inter se pugnantes inveniri
conatus est demonstrare. sed Optimum exemplum, quod vidit
A. Pais (II teatro di Seneca p. 83), est hoc: Iocasta dicit
Oed. 1034: hoc iacet ferro meus
coniunx
et 8imiliter Oedipus loquitnr
Phoen. 105: ensem parenti trade, sed notum nece
ensem paterna.
iam legas Oedipodis verba
Oed. 768: redit memoria tenue per vestigium
cecidisse nostri s t i p i t i s pulsu obvium
datnmque Diti e. q. s.
nunc ense, nunc stipite Laium a filio suo interfectum esse
poeta dicit. nonnumquam igitur Seneca cum ee ipso discrepat,
Versus vero HO 1036—1099 ab homine insulsissimo et
absurdissimo scriptos esse Goebelius praepropere contendit
") L. A. Senecas Tragoedien übersetst und erläutert, Wien 1830,
III p. 335 sqq.
Philologtu, ßupplementband X, drittel Heft. 23
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340
Aemilius Ackermann,
(1. 8. p. 738 sq.). cuius argumenta cum iam Melzerus maxi-
mam in partem infirmaverit (p. 27), pauca adiungere verba suf-
ficit. vir doctissimus in eo offendit, quod poeta Bistones Hebrum
accolentes (v. 1042) et Getas in Rhodope habitantes (v. 1032,
1092) fecit. item credidit (p. 743) HO 161 Parthos prorsus
inepte commemorari, qua re simul contra temporum regionum-
que rationem peccetur 28). vir doctissimus si locos, quos Leo (I
p. 202 sq.), Melzerus (p. 28), F. Harderus30) (p. 451) attule-
runt, inspicere potuisset, talem neglegentiam a Seneca alienam
esse non dixisset.
HO 1040: et dum fluminibus mora est,
defecisse putant Getae
Hebrum Bistones ultimi.
Goebelius adnotavit: quid? quod Bistones Hebrutn defecisse
putant ! nimirum^ si totus fluvius tamquam persona stellt, non
aliter id fieri potuü, nisi ut continuum flumen staret a fönte
usque ad ostia, nec animo concipi potest usquam ita aquas
discissas fuisse, ut altera pars moraretur, altera flueret, sive
ut usquam aqua deficeret, intermiUeret. contra monendum est
poetam omnino non dicere totum flumen stetisse. undae, quae
prope Orpheum fluunt, cum morentur, fieri non potest, quin
flumen paulatim ex ostiis deficiat (cf. Melzerum p. 27). ac si
tibi mirum videtur alteram fluminis partem subsistere, alteram
fluere, revoco te ad Medeae locum, quem supra (p. 333 sq.) tractavi.
Vorsum HO 1059 : et serpens latebras fugit si ponamus
serpentes latebras raro relinquere solere, facile intellegi posse
Melzerus recte dixit (p. 27). sed cum exempla non addidit,
affero haec:
Oed. 152: perdidit pestem latebrosa30) serpens.
Med. 684: tracta magicis cantibus
squamifera latebris turba desertis adest.
Stat. Theb. 11 410: dixerat. ast illi tacito sub pectore dudum
ignea corda fremunt, iacto velut aspera saxo
comminus erigitur serpens, cui subter inanes
longa sitia latebras totumque agitata per artus
w) Idem iam D. HeinBius vituperavit (apud Scr. p. 848).
*•) Bemerkungen zu den Tragödien des Seneka. Aus der Festschrift
Johannes Vahlen zum 70. Geburtstag gewidmet.
*°) Significationem huius adiectivi exposuit Richterus (deS. tr. a. p. 28).
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Do Senecae Hercule Oetaeo.
341
convocat in fauces et squamea colla venenum.
Ad HO 1088: cantus praemia perdidit Goebelius in-
dignatus quaesivit (p. 740): quid faciens? at apertissime poeta
dixit: nec credens e. q. s. (1086). quia enim Orpheus non cre-
didit Eurydicem sequi, retro se vertit, quo factum est, ut con-
iugem perderet. in versu 1079 sie, non sed, in v. 1090 tunc,
non tum traditum est. atque haec pronomen demonstrativum
in versu 1092 optime positum est, quod iniuria negavit Goe-
belius. idem versus 1036 — 1099 spurios esse eo quoque con-
firmari putavit, quod eadem de Orpheo narratio et Hf. 569 sqq.
et Med. 625 sqq. legitur. hac eadem re pro Seneca auetore
pugnari Melzerus fortasse recte dixit (p. 28). chorum HO
163—172 ineptias proferre Goebelius contendit (p. 743), sed
argumentis nullis probavit. itaque boc omittamus.
Herculis Oetaei auetorem prave et perverse cogitantem
hominem fuisse etiam Leo studuit ostendere (I p. 53 sq.). at-
que ut poetam magnopere ineptire satis demonstraret , multa
collegit, sed omnia falso. ego, cum iam Melzerus (p. 28 sq.)
nonnulla recte contra dixerit, paucis rem absolvere potero.
HO 842 : factum est scelus,
natum reposcit Iuppiter, luno aemulum.
reddendus orbi est; quod potest reddi exhibe31:
eat per artus ensis exaetus meos.
Leo adnotavit: si superi Herculem reposcunt, non est Dei~
antrete scelus quo occidit; quod orbi illum reddendum putat
non est cur se ipsa interficiat. hunc locum Leo non intellexit.
Stein bergerus (1. s. p. 192) optime doeuit reposcere bic idem
esse ac morti eripere vel vitae reddere, non autem ad superos
vocare. reddere idem significare posse quod dare satis notum
est88). Deianirae hac in scena inconstantiam, qua ad ferrum,
quod bis capessit bisque improbat, ad extremum revolvitur
(v. 868), non miram esse Melzerus exemplis ex ceteris tra-
goediis collectis demonstravit (p. 29). praeterea conferas quae
diximus in altera parte.
A poetis numquam Herculei ensis mentionem fieri Leo
") Redde praebet E, sed reddi legendum esse mihi probavit Birtius
(1. s. p. 540).
•») Cf. Tachav. Philol. 48 p. 742 et p. 747 et Melzer. p. 29.
23*
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342
Aemilius Ackermann,
perperam putavit. Steinbergerus (1. 8. p. 193) vidit Aristopha-
nis locum, ran. 664 xal tö liyos y' ianäxQ jiaiveo&at 5oxtöv
(sc. TlpaxXfj;). Harderus attulit (L s. p. 456) Horatii versum
c. IV 4,61: non hydra secto corpore firmior. quin etiam
in Herculis furentis versu 1229 Herculeus ensis commemoratur.
Bentleius M) autem et Withofius Si), quos Leo (G. Gk A. p. 11
adn. 1) et alii secuti sunt, pro voce ensem coniecerunt arctan.
contra Melzerus (p. 4 adn. 2 et p. 29) et Harderus (L s. p. 455 sq.)
ensem hoc loco retinendum esse statuerunt quae res utut se
habet, certum est Herculis alterius auctorem ense Herculeo
commemorato non peccavisse.
Deianira mortis consilium his verbis confirmat (922) :
fruatra tenetur ille qui statuit mori,
proinde lucem fugere decretum est mihi,
Tixit satis quicumque cum Alcide occidit.
quo de loco Leo haec dixit: debuit: proinde frustra nie
tenetis. dixit: frustra tenetur qui mori decrevü, proinde
mori decrevi; frustra tenetur qui statuit mori, proinde mori
statui. sine dubio aliter haec verba intellegenda sunt Deia-
nira dicit v. 922: 'frustra mihi quae mori statui mortem dis-
suades, proinde moriendi mihi consilium non labefactatum est*,
quae interpretatio si tibi non placet, cum Melzero (p. 29) ver-
sum 924 ante 923 ponas.
HO 1268: quis dies fletum Herculis,
quae terra vidit? siccus aeruranas tuli.
tibi illa virtus, quae tot elisit mala,
tibi cessit uni; prima et ante oninis mihi
fletum abatulisti: durior saxo horrido
et chalybe voltus et vaga Symphlegade
rictus meos infregit et lacrimam expulit
Leo adnotavit : suum scilicet vultum superari non potuisse nisi
alio vultu etiam durior e putidus sensus est; quo quantopere
ineptiat scies si praeeedentem sermonis partem perlegeris.
nempe Herum iterumque questus est quod pestem quae fixa
meduUis lateat corpusque intus depopuletur videre nequeat
multumque divinavit serpensne sä an malum aliquod et Her-
M) Ann. Fleck. 125 p. 483.
**) Praemetium crucium criticarum praecipue ex Seneca tragico
p. 121.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
343
iam eins vuüu rictus suos infractos esse nuntiat.
Melzerus perperani concessit (p. 29) his versibus putidum
sen8um ineese. rectissime Steinbergerus (1. s. p. 193) vidit
Herculem non de aiio, sed de suo ipsius vultu cogitare. Leo
fortasse hunc in errorem non cecidisset, si in versu 1274 pro
meos 8criberetur snos, quod pronomen sane paulo melius in
sensnm qnadrat. sed id, quod nunc in codicibus exstat, cum
rictus illi et ad Herculeum vultum et ad Herculem ipeum
pertineant, ego facile feram, Birtius minus, qui coniecit : riäus
et os infregit et lacrimam expulit.
HO 1472 HERC. : Habet, peractum est, fata se nostra explicant;
lux ista summa est: quercus hanc sortem mibi
fatidica quondam dederat et Parnassio
Girrhaea quatiens templa mugitu specus86):
'dextra perempti victor, Alcide, viri
olim iacebis; hic tibi einen so freta
terrasque et umbras finis extremus datur.
in comparationem vocavit Leo Sopboclis locum (Trach. 1159):
i[Lol yosp Tcpocpavxov kx 7caxpö; TtaXat,
ävSpöv TCve6vx<j)v utjSevös fravetv ötco,
efcXX' 6oxi? "Atöou ^{{ievo; obdjxcop ireXoi.
55' oöv 6 {Hjp Kevxaupo;, xö freiov ifjv
frpo^avxov, oöxw £ä>vxa \i Ixxeivev O-avwv.
cpavö 8' iyü) xouxotoi ouu.ßai'vovx' taa
ijiavxeta xaivoc, xoc; rcaXat ^uvifjyopa,
ä xöv öps{o)v xal xanat*otxü>v
SeXXtöv £aeX(Kbv äXao$ elaeypoLty&prp
Ttpö; xffi rcaxp<j>a; xal TcoXuyXwaaou 5pu6;.
contendit autem vir doctissimus poetam Romanum duo oracula
a Sopbocle commemorata tarn claude (sie Leo) et oblique inter
se coniunxisse, ut de una tantum sorte loqui videatur36). ar-
gumenta, quae Melzerus protulit (p. 19/20), cum ad rem ip-
sam vix spectent, non nisi ambages sunt, facile autem Leo-
nis rerba refutari possunt, nam poeta Romanus satis aperte
86) Traditum est nemus. specus coniecit primus N. Heinsiiis (1. s.
p. 286), deinde Wilamo-witzius (cf. Leo I p. 55 adn. 5).
'*) Si Leo recte di risset, non multum valeret. talia enim Senecam
nonnnmqaam sibi indulsisse demonstravit HardeniB (Festschrift Johan-
nes Vahlen p. 451).
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344
Aemiliue Ackermann,
de duobas oraculis cogitat. dicit enim: quercus hanc sortem
mihi dederat et spccus (sc. hanc sortem mihi dederat). hanc
sortem singularem numerum poeta pro plurali posuit, ut ma-
gis fortiter et efficaciter loqueretur. et alterum oraculum est
hoc (1476) : dextra perempti victor , Alcide, viri olim iacebis,
alterum (1477): hic tibi emenso freta
terrasque et umbras finis extremus datur.
verba finis extremus non de morte, quod Melzerus voluit
(p. 20), sed, ut apud Sophoclem, de fiue migrandi et laboran-
di intellegenda sunt, differentia, quae in eo agnoscitur, quod
Herculi oraculum alterum datum esse a Iove Sophocles dicit,
ab Apolline autem poeta Romanns narrat, Leonis opinionem
confirmare non potest. nam poeta aut ita rem sibi finxit, ut
Hercules Iovis oraculum ore Apollinis acceperit (cf. Leo I
p. 55), aut, quod Seneca saepius sibi concedebat, ab exemplo
suo recessit. praeterea monendum mihi videtur cum Herculis
fama notissima esset breviter loqui poetae Romano licuisse.
HO 1595: Heu quid hoc? mundus sonat. ecce maeret,
maeret Alciden pater; an deorum
clamor, an vox est timidae novercae
Hercule et viso fugit astra Iuno?
passus an pondus titubavit Atlas?
an magis diri tremuere manes
Herculem et visura canis inferorum
fugit abruptis trepidus catenis?
Leo adnotavit: mundus sonuit: inde coniecturas capit cho-
rus; at ut conicere possit manes trepidare Cerberoque aufu-
giente tumuUum exoriri, fragorem imo de fundo audisse debety
ut Hf. 521: cur mugit solum?
infernus imo sonuit e fundo fragor.
hunc Herculis furentis versum fortasse aptissime allatum esse
dices, sed conferas , quid de eodem loco idem Leo iudicaverit
(II p. 375). hoc, inquit. rede dictum esset, si ex inferis nunc
demum Hercules emergeret; at per viam publicam ad Thebas
accedit. itaque in Hercule priore idem factum est quod in
Hercule altero. sed cum illum versum vir doctissimus deleret,
Herculis Oetaei locum anctori opprobrio dedit. adde quod Leo
plane perperam hunc locum tentavit, nam mundum non caelum,
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De Senecae Hercule Oetaeo.
345
sed rerum universitatem significare Melzerus recte vidit37) (p.29).
De cantico HO 1518 sqq. Leo dixit (G. 6. A. p. 9): Der
Schluß ist mißglückt, wie auch einiges im Liede selbst; ar-
gumenta a uteni vir doctissimus non addidit.
Deniqne Birtius in Hercule Oetaeo res insulsas deprehen-
disse sibi visus est.
HO 278 DEI. : Iole meis captiva germanos dabit
natis (Iovisque fiet ex famula nurus)?
non fiamma cursus pariter et torrens feret
et ursa pontum sicca caeruleum bibet.
vir doctissimus adnotavit (p. 535) : Hilflos verunglückt bei aller
Gesuchtheit ist z. B. folgender Vergleich (278—281). In
hohem Masse beeinträchtigt wird derselbe überdies durch die
zwischengestellten Worte , die in Parenthese stehen,
haec recte dixisset Birtius , si versus 280 sie legendus esset,
neque enim dubium mihi videtur, quin nonnulli Codices de-
teriores meliorem lectionem praebeant hanc:
num flamma cursus pariter et torrens feret88)
et ursa pontem sicca caeruleum bibet?
dicit igitur Deianira: 4prius flamma et torrens pariter cursus
feret et ursa pontum bibet quam patiar Iolam Herculi natos
parere et Iovis nuruni fieri.'
HO 1452: Megara appellatur clara. quod adiectivum non
satis apte positum esse Birtius suo iure contendit (p. 511).
similem locum inveni in Troad. 1112: siyna clari corporis**).
fortaase cum N. Heinsio (1. s. p. 285) scribendum est caru.
Itaque viri docti Herculis Oetaei auetorem esse hominem
ineptum ac stolidum iniuria dixerunt.
Aliud est, quod Herculis Oetaei scriptorem esse linguae
inopem et scribendi socordem poetam contenderunt40). iam
") Nonnumquam mundus idem est atque inferi cf. Macrob. I 16,
16—18, Festum (ed. Thewrewk) I p. 120 et p. 146-149.
38 ) Forma feret et in E et in A tradita retiDenda est. solent enim
nonnulli poetae, in quornm numero etiam Seneca est, verbi n. singularein
usurpare, si ullo modo tolerari poteat. exempla huius rei postea for-
tasse occasione data atferam.
M) Similis non similis est locus Phaed. 1247: huc, huc reliquias
vekite caris corporis.
40) D. Heinsius (ap. Scriv. p. 347), Goebelius (1. s. p. 740), Richte-
rn« (d. S. tr. a. p. 30), Leo (I p. 57), Birtius (p. 535, 537 sq.). in eo
quod Deianira Iolam novies captivatn vel paelicem appellat (v. 278—391)
Birtium haerere non debuisse probayit Melzerus (p. 80).
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346
Aemilius Ackermann,
Leo, qui ipse concessit (I p. 57) Senecam in tragoediia non
Semper curiosissimum variandi sermonis fuisse, ceteris ex fa-
bulis pauca exempla huc pertinentia collegit. multa autem con-
gessit Melzerus (p. 30). quae quamquara sufficiunt nonnulla
mihi liceat addere. in Troadibua inveni: v. 610 timent, 612
timere, 618 timet, 626 timor, 632 timorem, 642 timor; Oed.:
519 regia, 520 rege«, 524 rege, 525 regi, regno; Hf.: 1192
manus, 1196 manus, 1203 manum, 1211 manum, 1236 ma-
nus, 1260 manus (semper in trimetri fine), praeterea 1193
manus, 1244 manibus, 1255 manibus; in Thyeste: 434 timo-
ris, 435 timendum, timeo, 447 timentur, 449 timere, 468 ti-
memur, 473 timendum, 482 times, 483 timori, 486 timendum,
times et 414 regni, 425 regno, 432 regni, 442 regnare, 444
regnum, 470 regnum, regno, 472 regnes. quod non in versi-
bus 410, 415, 441, 451, 455, 458, 459, 463, 468, 489 et nec in
vss. 457, 460, 463, 465, 466, 471, 472 legitur, urgere nolim.
sed praeterea conferendi sunt versus hi: 529 regnum, 531 re-
giam, 534 regnum, 540 regna, 542 regni et 564 timuit, 572
timor, 580 timuere, 590 timuit, 595 timuere et 889 sat, 890
satis, 895 sat, 899 satis, 900 satisque, 913 satur. fortasse mi-
hi concedes Thyestis auctorem copiosiorem poetam scriptore
Herculis Oetaei non fuisse, praesertim cum ex eadem tabula
iam Melzerus alias voces saepe iteratas collegerit.
Neque vero repetitis tantum dictionibus incurioaam elo-
cutionem offendere, sed magis etiam sententiis neglegenter
constructis sive vitiose pronuntiatis contendit Leo (I p. 57).
sed omnia argumenta quae protulit aut a Melzero (p. 30/31)
aut nunc ab ipso (G. G. A. p. 10 adn. 1) refutata sunt41),
itaque eis, qui Herculem Oetaeum a Seneca abiudicaverunt,
iam multa argumenta erepta sunt
Iam vero metricas rationes inter hanc ceterasque fabulas
admodum aequales esse viri docti, qui hac in re versati sunt,
omnes concesserunt. nihilo setius nonnulla a Senecae arte ali-
ena in Hercule altero inveniri dixerunt. ac Leo protulit hoc
(I p. 59) : itaque in summa aequaliiate modo negleclam modo
duriorem in Hercule Oeiaeo synaloepham deprchendimus.
41 ) Ad HO 1604 quem tulit Poeans etiam comparandua est ver-
sus Hf. 494 : vel ex ooacta nobilem partum f e r a m.
praeterea confera« infra p. 376 Bq.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
.347
Schmidtius *a) et Leo (I p. 58) iam satis demonstrarunt in re-
liquis Herculis Oetaei senariorum locis eodem modo quo in
Annaeanis fabulis verba verbis coagraentari. de synaloepha
qnae in fine versuum admittitur plnra verba mihi facienda sunt,
sei licet in trimetrorum exitu omni um fabularum monosyllabum
cum antecedente vocabulo nusquam coalescit, nisi quod aphae-
resis vocis est saepius invenitur. conglutinatur autem est nus-
quam cum antecedente monosyllabo, contra cum bisyllabo in
Hf. sexies (55, 383, 952, 1172, 1191, 1268), in Troad. quater
(298, 787, 909, 997), in Phom. octies (55, 79, 288, 368, 378,
454, 598, 629), in Med. sexies (230, 448. 896, 921, 976, 1004),
in Phaed. sexies (358, 435, 636, 697, 711, 1239), in Oed. ter
(274, 834, 865), in Agam. qninquies (109, 152, 154, 426, 924),
in Thy. quinquies (205, 257, 449, 899, 906), in HO octies
(59, 236, 405, 824, 1242, 1258, 1806, 1820), in Oäav. quater
(108, 458, 604, 825). cum trisyllabo copulatur est Troad. 911,
Med. 25, Thy. 718, 1013, HO 882, 940, cum quadrisyllabo ver-
bo HO 1979, Oct. 442, 496, cum quinque syllabarum voce
Oed, 515.
Porro bisyllabum in senarii fine positum nusquam cum
antecedente vocabulo coalescit, contra trisyllabum, de quo in-
fra (p. 349 sq.) paulo fusius loquar, creberrime. etiam verbum
quadrisyllabum coalescit Med. 407, 471, Oed. 823, Agam. 787 ;
quinque syllabarum vocabulum Phaed. 580, 955, Thy. 911;
vox sex e syllabis composita Phoen. 133, 165, Oct. 446, 541, 870.
Monosyllabum in trimetri exitu invenitur Hf. 1162, Troad.
42, 56, 475, Phoen. 205, 234, 495, Med. 125, 692, Phaed. 713,
Oed. 938, 1016, HO 870, 939, 1206, 1351, 1354, 1826, 1858 *3).
monosyllabum in versus fine non ferri nisi antecedente mono-
syllabo dixit Leo (I p. 59). itaque vituperavit Herculis Oetaei
poetam qui scripserit v. 939: para laborem. scelera qnae quis-
(piam ausus est. neque enim animadvertit vir doctissimus Me-
deae versum 692: caelo petam veneria, iam iam4') tempus est.
") De emendandarnm Senecae tragoedii« rationibus prosodiacis
et metricis p. 17 sqq.
43) Non omnia exempla deprehenderunt Schmidt p. 89 et Leo I p. 59.
**) In £ iam semel exstat, in A legitur tarn nunc. Groaovium
autem recte iam iam scripsisse eo apparet, quod in E saepius ea vox,
quam bis positam esse poßtulamus, semel tantum tradita est. legimus
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US
Aemilins Ackermann,
quem si vidisset, non delevisset (I p. VII) Herculis furentis
trimetrum (1162):
quis tanta Thebis scelera moliri ausus est,
praesertim cum hic illi Herculis Oetaei senario (939) similis
sit. ter igitur his in fabulis monosyllabo non coalescenti ante-
cedit bisyllabum.
Porro Leo reprehendit quod auctor iratae sat est (HO
1354) et tanto sat est (HO 1558) scribere maluit quam iratae
est satis et tanto est satis (I p. 60). sed legat Oed. 938 : pen-
sabis ictu? moreris ; hoc patri sat est.
Bisyllabum non coalescens saepissime in trimetri fine in-
venies, item trisyllabum. verbum quadrisyllabum non coales-
cens exstat in Hf. quater decies (11, 92, 218, 232, 244, 325,
408, 484, 516, 626, 758, 908, 915, 997), in Troad. ter decies
(60, 183, 1^5, 222, 280, 325, 558, 652, 809, 901, 1069,
1080, 1106), in Phoen. sexies (129, 191, 206, 448, 550, 566),
in Med. undecies (14, 33, 39, 266, 268, 456, 512, 709, 713,
718, 731), in Pkaed. quater (384. 1023, 1225, 1229), in Oed.
quater (768, 812, 847, 1048), in Agam. sexies (137, 186, 566,
797, 928, 935), in Thy. novies (115, 195,679, 707, 745, 1012,
103«), 1055, 1060), in HO undecies (733, 804, 1135, 1227, 1237,
1273, 1380, 1389 1474, 1485, 1650), in Oct. bis (835, 837).
Richterus (de S. tr. a. p. 18) vidit Herculis Oetaei poetam a lege
qua cavetur, ne in trimetrorum exitu vocera quadrisyllabam prae-
cedat iambica, sexies recessisse (804, 1273, 1380, 1389, 1485,
1650). sed Richterus ipse concessit quinque exemplis (804, 1273,
1380, 1485, 1650) excusationem a nomine proprio paratam
esse, idem vidit legem illam etiam in Phoenissis bis (191,
206) *6) violatam esse, ubi nomen proprium veniam non praebet.
fortasse ex Agamemnone quoque versus 797 huc referri potest:
AGAM. : secura vive. CASS. mihi mori est securitas.
nam mori est, quia est cum mori coalescit, tamquam una vox est.
differentia igitur non exstat. quinque syllabarum verbum in
trimetri fine positum non coalescit Hf. 246, Troad. 861. Phoen.
223, Med. 215, Phaed. 229, 271, 852, Oed. 395. Agam. 660,
enim Troad. 191 ite pro ite, ite, 625 hac pro hac hac, 627 ite pro ite,
ite, 1141 tarn pro tarn iam, HO 753 iüe pro ille, ille, 1234 quid pro
quid, quid, 1506 quam pro quamquam 1980 fallor pro faUor, fallor.
*6) pro novo8 m E traditum eat non vos.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
349
TJiy. 23, 424, HO 21, 1642. vocabulum non coalescens, cui
sex syllabae sunt, invenitur Phaed. 1157.
Restant cretici in senarii exitu positi. Senecae in tragoe-
diis fere legitimum esse creticos hoc loco exstantes cum an-
tecedente vocabulo coalescere Schmidtius recte vidit (p. 37 sq.).
inter centenos trimetros clauduntur creticis coalescentibus in
Uf. 12, non coalescentibus 2, 1, in Troad. coalesc. 10, non c. 1, 19,
in Phoen. c. 10, non c. 1, 95, in Med. c. 12, 5, non c. 2, 29, in
Phaed. c. 10, 2, non c. 1, 05, in Oed. c. 9, 27, non c. 0, 67, in Ag.
c. 8, 36, non c. 1, 46, Thy. c. 11, non c. 1, 94, in HOc. 9, 6 non c.
1, 14, in Od. c. 7, 7 non c. 0, 52. Leo nunieros semper fere paulo
a meis recedentes coinputavit (I p. 58). qui vir doctissimus creti-
corum coalescentium usum in Octavia rariorem esse quamquam
recte dixit, tarnen hac in fabula plures inveniuntur quam ipse
in Agamemnone exstare sibi persuaserat. idem creticos non
coalescentes in Octavia prorsus evitatos esse contendit. sed
scriptos videmus tales v. 237, 457, 468. Leo cum solum ver-
sum 457 vidisset, perperam eum delevit (cf. Herrn. 10 p. 439).
atque ut opinionem suam nobis probaret aliis argumentis
allatis hunc versum inepte intercalatum esse demonstrare stu-
duit. Plane idem, inquit, hoc versu Nero dicit atque sequenti
et synaloepltae locus non est in personis mutandis. versus
Octaviae 456 — 458 sunt hi:
NER. ferrum tuetur principem. SEN. melius fides.
NER. decet timeri Caesarem. SEN. at plus diligi.
NER. metuant necesse est. SEN. quicquid exprimitur grave est
qui versus exstant in colloquio , quod inter Neronem et
Senecam habetur. Seneca ut imperator moderate regnet po-
stulat, contra Nero vi uti mavult. cum Senecae reclamatione
Caesaris animus magnopere concitatus sit, imperator ira im-
pulsus bis idem dicere facile potest. praecipue autem quae iam
dixit iterat, ut sua plurimum interesse timeri quam maxime
man i festet declaretque omnino non se curare amorem populi.
accedit quod Nero non plane idem his duobus versibus dicit, nam
gradatio inest in verbis: decet timeri . . . metuant necesse
est. hoc vidit Fr. Ladek (l. s. p. 102). praeterea conferas quae
Richterus editor adnotavit. ceterum hoc loco in personis mu-
tandis synaloepham admittendam esse equidem censeo. exstat
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350
Aemiliue Ackermann,
enim talis verboram conglutinatio etiam in Agamemnon] s
versu 794 :
AGA. credis videre te llium? CAS. et Priamum simul.
buic versui a Graeco nomine excusationem paratani esse, Oc-
taviae loco a Latino non item Leo dixit (I p. 59 adn. 8). sed
haec inter nomen Latinum et Graecum differentia minima est.
neque Fr. Ladek (1. s. p. 102) neque Lucianus Muellerus (ann.
philol. 89, p. 423) hoc discrimen statuere vohierunt. nescio
igitur, cur Octaviae versus in codicibus bene traditus, si Aga-
memnonis genuinus est, spurius aestimandus sit. itaque cum
Octaviae scriptor ter (237, 457, 468) trimetrum cretico non
coalescente terminaverit, nulla bac in re differentia exstat.
Sed in ceteris Senecae fabulis non coalescenti cretico Semper
syllaba longa antecedit, contra in Octavia semel (y. 393 gentis
impium) et in Hercule Oetaeo ter (v. 406 caret Hercule^ 757 ferar
obruta, 1847 darct Hercules") eadem sede bisyllabum bibreve
invenimus. parva igitur differentia artis sane adest. atque quam-
quam concedo hanc rem momenti alicuius esse, tarnen, si nihil
aliud accedit, minimum valere existimo. ei, qui hanc ob cau-
sam Uerculem alterum Senecae abiudicari vult, etiam Aga-
memno, cum non nisi in hac fabula et in Octavia synaloepha
in personis mutandis admissa sit, insitiva ducenda est. neque
putabit idem Phoenissas genuinam tragoediam esse, nam sex
syllabarum vox in senarii fine posita coalescit bis tantum in
Phoenissis et ter in Octavia (cf. p. 347). itaque illo argumento
uti iam non licet.
Cretico non coalescenti in Hercule Oetaeo nusquam ante-
cedere vocabulum, cui plus tres morae sint, contra idem in re-
liquis tragoediis saepissime admitti, contendit Birtius (p. 559 sq.);
itaque emendandum esse censuit versum HO 899: nemo «o-
cens sibi ipse poenas abrogat , praesertim cum sensus inep-
tissimus esset, vir doctissimus cum tradita verba intellegi non
possint Gronovium totum versum genuinum esse falso credi-
disse suo iure dixit *8). ipse autem coniecit : nemo innocens sibi
ipse si poenam abrogat. quae verba, quam vis bonum sensum
**) Exempla haec collegit Schmidtius (1. 8. p. 53).
4T) Inrogat legimus in A.
*•) üronovii sententiam iniuria defendit Tachavas, Philol. 48 p. 749.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
351
praebeant, tarnen cum nimis abhorreant a tradita lectione,
mihi non satis placent. aliam autem emendandi rationem in-
grediendam esse puto. Deianiram Nessi fraude deceptam Her-
etilem necare Birtius ipse vidit (p. 511 sq.). quod facinus morte
sua expiare constituit , ut se non nefariani aut perditam fe-
minam , sed dolo captam esse indicet. facinorosi hominis non
esse poenas sibi adrogare Birtius recte dixit. itaque Deianira,
81 poenas sibi vindicat, non scelerata femina est, sed, ut ma-
gistri mei verbis utar , eine tragische Heldin, quam ob rem
Hyllo dicenti: si te ipsa damnas, scelere te misera arguis
Deianira respondet:
nemo nocens49) sibi ipse poenas adrogat60).
adrogare idem fere significare quod vindicare notum est. ita-
que cretico adrogat antecedit tradita vox poenas, cui quattuor
morae sunt, iam legas HO 15:
quod terra genuit, pontus aer inferi.
aer habet quattuor moras. atque ne dicas verbum aer (= <&f)p),
cum accentum in altera syllaba habeat, facilius ferri posse, de-
monstrabo Senecae temporibus hoc vocabulum in priore syllaba
acutum esse, aer efficit spondeum. quodsi verba spondiaca in
secundo vel tertio vel quarto trimetri pede posita sunt, ictus
rhythmicos et verborum accentus inter se consentire necesse
est (cf. p. 358). iam intuearis
Hf. 677 : sie pronus aer urget atque avidum chaos
Hf. 704: immotus aer haeret et pigro sedet
Phaed. 474 : solis et aer pervius ventis erit.
haec exempla si cui non sufficiunt, afferre possum hexametros
daetylicos, quorum in fine eadem vox exstat61). conferas Ovid.
Met VI 47; Lucan. I 646; Stak Theb. II 3; VI 399; VI
617; VHI 413; XII 248. etiam verbum aether = alfrf)pM) et
nomina propria velut Theseus, Peleus Romani in prima syl-
laba acuebant.
Quod Birtius HO 445 pro propius exigat scripsit poenas exi-
gat (p. 514), cum ipse postea hanc coniecturam reiciendam esse
*•) Nocens hoc loco eum significat, qui sceleatus atque improbus est.
*•) Richterus per errorem scripsit in E traditum esse arrogat.
M ) Etiam in hexametri exitu verborum accentus cum versus nu-
inero concinere notum est.
61) Cf. Hf. 959; Phaed. 524; Oed. 220; Agam. 727; HO 52, 1764.
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352
Aemilius Ackermann,
dixerit (p. 559) , mihi auxilio yocare non possum. conceden-
dum autem est in Hercule Oetaeo creticum in trimetri fine
positum cum antecedente plus trium morarum voce non coa-
lescentem bis { 15, 899) inveniri. consideremus vero, quo modo
haec res in ceteris fabulis se habeat. antecedit cretico non
coalescenti vocabuluin, cui plus tres morae sunt, in Hf. duo-
decies (255, 397, 495, 641, 652, 657, 698, 715, 992, 998,
1042, 1333), vocabulum, cui duae tantum morae sunt58), de-
cies (265, 406, 654, 1139, 1197, 1246, 1252, 1290, 1323, 1329);
in Troad. illud septies (519, 523, 889, 898, 936, 951, 1112)
— hoc quater (8, 191, 224, 227); in Phoen. illud sexies (148,
249, 256, 285, 501, 619) — hoc septies (64, 163, 244, 279, 358,
491, 520); in Med. illud decies (127, 151, 152, 203, 547, 562,
572, 684, 700, 887) — hocquinquies (167, 412, 493, 735, 916);
im Phaed. illud septies (166, 213, 238, 563, 896, 1247, 1256)
— hoc ter (715, 884, 1170) ; in Oed. illud ter (12, 78, 965)
— hoc bis (89, 1014) ; in Aga. illud. sexies (252, 394a, 435,
472, 551, 802) — hoc quater (243, 280, 282, 783); in Thtfest.
illud quater (52, 320, 1011, 1061) — hoc undecies (59, 111,
176, 261, 280, 295, 334, 409, 1067, 1082, 1093); in HO illud
bis (15, 889) — hocnovies (43, 406, 465, 757, 965, 1143, 1218,
1750, 1847) 6'); in Oct. illud nusquam — hoc quater (237, 393,
457, 468). Octa\ riam fabulam, quae maxime a reliquarum usu
discrepat. ab anonymo quodam auctore scriptam esse constat.
vidimus autem Senecam ipsum sibi non constare. atque hac
in re Thyestes et Hercules Oetaeus vix inter se differunt. credo
igitur Birtii qnoque argumentum a me abolitum esse.
Senecam creticum in trimetri fine positum ubi longa syl-
laba antecedit fere Semper cum antecedente voce coalescentem
facere iam vidimus (p. 349). itaque consentaneum est creticorum
non coalescentium eos, quibus prima littera vocalis vel h est,
cum facilius coalescere possint, creticis a consonante incipien-
tibus rarius usurpari. exstat autem creticus non coalescens,
cuins prima littera vocalis vel h est, in Hf. quinquies (v. 397T
406, 657, 715, 1329), creticus qui a consonante incipit septies
M) Verbum tres moras habens nusquam antecedit cretico non co-
alescenti.
»*) Versus 445 dobius est; de versu 574 p. 353 disputavi.
i
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De ^enecae Hercnle Oetaeo.
decies (155, 265, 495, 641, 652, 654, 698, 992, 998, 1042,
1139, 1197, 1246, 1252, 1290, 1323, 1333); in Troad. ille
ter (227, 519, 898) — hic octies (8, 191, 224, 523, 889,
936, 951, 1112); in Phoen. ille quater (64, 148, 358, 491) —
hic novies (163, 244, 249, 256, 279, 285, 501, 520, 619) ; in
Med. ille quinquies (412, 493, 562, 735, 887) — hic decies
(127, 151, 152, 167, 203, 547, 572, 684, 700, 916) ; in Phaed.
ille bis (563, 884) — hic octies (166, 213, 238, 715, 896,
1247, 1256, 1170); in Oed. ille bis (89, 1014) — hic ter
(12, 78, 965); in Aga. ille quater (234, 252, 282, 472) —
hic sexies (280, 394% 435, 551, 783, 802); in Thy. ille ter
(280, 295, 1061) — hic duodecies (52, 59, 111, 176, 261,
302, 334, 409, 1011, 1067, 1082, 1083); in HO ille bis (15,
899) — hic sexies (43, 465, 965, 1143, 1218, 1750); in Od.
ille bis (237, 468) — hic semel (457). itaque Hercules Oetaeus
hac in re com Annaeanis fabnlis plane congruit, Octavia non
item, bis in Hercule altero creticum non coalescenteni a vocali
vel h littera incipere dixi, quamquam v. 574 vulgo legitur:
dum poscit Iolen; sed iecur fors horridum.
cum Herculis Oetaei poeta nusquam alibi fors, sed novies for-
san vel forsüan (361, 408, 473, 1781, 768, 912, 1398, 1429,
1791) usurpaverit, verisimile mihi videtur, etiam in versu 574
olim forsan exstitisse. atque quod creticus horridum ab h litte-
ra incipit, id indiciolum est, quo affirnietur horridum ab auctore
ipso cum antecedente voce conglutinatum esse, itaque cum in
optimo codice non fors, sed forsan traditum sit, re vera scri-
bendum esse forsam mihi persuasum est"), forsam vel forsitam
legimus carni. epigr. Lat. 1013, 4 et 1279, 12 66). in codicibus
saepius forsam vel forsitam esse scriptum multis locis allatis
demon8traverunt Ribbeckius B7) et Schuchardtius (1. s.). addere
possum etiam in Annaeanis tragoediis ter forsam exstare (cf.
Troad. 274, 660, Ag. 990). elisam autem alteram vocis for-
sam syllabam nusquam alibi inveni.
Haec omnia quae de synaloepha dixi si diligenter consi-
M) Sic emendandum esse per colloquium me docuit Birtius. coniec-
tura Melzeri forsan rude non probabilis est (p. 34).
M) Hunc locum iam vidit Schuchardtius, der Vokaliamus des Vul-
gärlateins I p. 117.
*7) Proleg. Vergil. p. 420 et ann. Fleck. 57 p. 188.
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Aemiliua Ackermann,
deraveris, fortasse concedes Herculis Oetaei poetain eodem
modo, quo Senecam, elisionibus usum esse.
Eundem non aliter ac Senecam caesuris usam esse expo-
suerunt Schmidtius (1. s. p. 55 sq.) et Richterus (d. S. tr. a.
p. 16). in caesurae loco hiatum facilius ferri mihi probavit
R. Klotzius (Grundzüge altrömischer Metrik a. 1890 p. 172).
quem virum doctissimum recte defendisse puto traditam lec-
tionem in versibus his:
Hf. 1284: pavidamque matrem? arma nisi dantur mihi,
Thy. 302: prece commovebo: hinc vetus regni furor,
HO 1201: sortis carerem. o ferae, victae ferae,
Oct. 516: tristes Philippi, hausit et Siculum mare,
praesertim cum hiatus semper littera h vel m molliatur.
Klotzium secutus est Gleditschius (Metrik der Griechen und
Römer8 p. 287 adn. 2), contra impugnaverunt L. Muellerus
(de re metrica3 p. 185) et Birtius (Mus. Rhen. 34 p. 12).
Thyestis locus est hic (296):
gnatis tarnen mandata quae patruo ferant
dabimus: relictis exui hospitiis vagus
regno ut miserias mutet atque Argos regat
ex parte dominus, si nimis durus preces
spernet Thyestes, liberos eius rüdes
malisque fessos gravibus et faciles capi
prece commovebo58): hinc vetus regni furor e. q. a.
haec Atrei verba sunt. Muellerus et Birtius singularem nu-
merum commovebo, cum non Atreus ipse, sed eius filii ii sint,
qui Thyestis liberos commoveant, non apte positum esse dixe-
runt. sed olim legi haec: Caesar castra posuit. at constat
Oaesarem non ipsum castra posuisse. ut Caesar castra poni, ita
Atreus liberos Thyestis commoveri iussit. sensus igitur satis
aptus est.
HO 1200: ubique mors me fugit, ut leto inclitae
sortis69) carerem. o ferae, victae ferae.
editio princeps habet pro ferae, victae ferae. hanc coniecturam,
tauietsi mihi magis placet ea, quam Birtius proposuit (ubique
M) Precommovebunt A ; preces movebunt editio Aid. ; pueri movebunt
Bentleius; prece commovebunt h. Muellerus.
*») Sic cum Leone pro tradito verbo mortia legi yelim ; fortis prae-
bet A.
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De Senecae Ilercule Oetaeo.
355
mors tne fugü. ut tiiulo inclitae mortis carerem, ceterae victae
ferae) e0), tarnen cum hiatus et a caesura et a littera m satis
excusationis habeat, accipere nolim.
In Hercule furente Hercules facinus voluntaria morte
expiaturus est; dicit enim (v. 1277):
Si vivo, feci scelera; si morior, tuli.
purgare terras propero. iamdudum mihi
mon8trum impium saevumque et immite ac ferum
oberrat: agedutn dextra, conare aggredi
ingeDs opus, labore bis seno amplius.
ignava cessas, fortis in pueros modo
pavidamque matrem? arma nisi dantur mihi e. q. s.
pro pavidamque matrem legimus in A pavidasque maires, quae
verba ab editoribus in textum recepta sunt, sed sine dubio
Etruscus, ut solet, lectionem meliorem praebet, nam verbis:
fortis in pueros modo pavidamque matrem Hercules aperte allu-
dit ad scelus, quod commodum in se suscepit. qui cum unara
matrem necaverit, dicere non potest pavidasque matres. itaque
etiam hoc loco hiatus admittendus est. eandem licentiam de-
prehendimus in Octavia (v. 516), ad quem versum viri docti
nihil quod persuadeat coniecerunt.
Accedit Herculis Oetaei locus hic (1399):
HERC. : ubi morbus, ubinam est ? estne adhuc aliquid mali
in orbe mecum ? veniat, huc aliquis mihi
intendat arcus: nuda sufficiet manus.
procedat agedum. ALCM. Ei mihi e. q. s.
sie versus 1402 et in E et in A traditus est. itaque etiam hoc
loco hiatus exstat, nam coniectura Avantii, qui huc post age-
dum inferre voluit, vacillat et Claudicat, superest locus unus,
qui vulgo sie legitur
HO 1260: quaecumque pestis sive quaecumque es fera,
palam timere! quis tibi in medias locum
fecit medullas? ecce direpta cute
viscera manus detexit; ulterior tarnen
inventa latebra est — o malum simile Herculi!
unde i8te fletus? unde in has lacrimae genas?
••) Birtio oblocutus est Tacharas. Philol. 48 p. 750. nuperrime Bhiius
editionem prineipem secutus esse videtar (cf. Pnilol. 63 fasc. 3 p. 431).
Philologus, ßupplomontband X, drittes Heft 24
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35G
Aerailius Ackermann,
invictus olim voltus et n um quam malis
lacrimas suis praebere consuetus (pudet)
iam flere didicit.
sed Etruscus praebet v. 1265 : unde has lacrimas gcrit. quam
ob rem hoc modo legendum est (1265) :
unde iste fletus? unde has lacrimas gerit
invictus olim voltus et numquam malis
lacrimas suis praebere consuetus? pudet:
iam flere didicit61).
hiatus vero, quem in versu 1265 deprehendimus, semiseptena-
ria •*) et h littera vocis /kis tolerabile fit. sexies igitur his in fa-
bulis admissus est hiatus, cui Semper et a caesura et a littera
h Tel m excusatio parata est. praeterea Birtius mihi probavit
(der Hiat bei Plautus p. 97 sq.) apud Terentianum Maurum
aliosque poetas hiatum non solum in caesurae sede, sed etiam
aliis versus locis /* littera molliri. itaque inter Herculem
Oetaeum ceterasque fabulas huius rei differentia non invenitur.
Pessimum vero esse versum HO 1298: votum spopondit;
nulla propter me sacro dixit Leo (I p. 60). desideravit enim
semiseptenariam qua, ut eiusmodi trimeter asperior leniatur,
effici putavit. hanc ob rem placuerunt viro doctissimo versus.
HO 299: pro me gerebas bella, propter me vagas,
Phoen. 336 : superate et aliquid facite propter quod patrem.
praeterea autem comparandi sunt senarii hi:
Troad. 500: quis proteget? qui Semper, etiam nunc tuos,
PJioen. 35: cum occidis et cum parcis, olim iam tuum,
176: eduxit oculos. haeret etiam nunc mihi,
Med. 278: lacerumque fratrem, quicquid etiam nunc novas,
520: fortuna Semper omnis infra me stetit,
567: quicquid potest Medea, quicquid non potest,
Oed. 618 : Pentheus tenetque saevus etiam nunc minas,
Aga. 197: patrique Orestes similis? horum te mala,
HO 724: vix ora solvi patitur etiam nunc timor.
atque in versibus Phoen. 176, Med. 278, HO 1298 non so-
lum caesura semiquinaria inest, sed post quartam arsin (Sen-
kung) etiam incisio (i. e. semiseptenaria) exstat. his autem
•*) Sic interpungendum et E sequendum erae mihi persnasit Birtius.
6>) Io venu 1265 semiquinariam maiorem vim habere concedo.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
357
trimetris, cum etiam cum nunc et propter cum me in unam
quasi vocem coeat, excusatio satis superque parata est83).
Perpauca porro de interpunctione dicenda sunt. Leo vidit
(I p. 59) HO 907 post arsin (Senkung) anapaesti primum
trimetri pedem obtinentis levem interpuuctionem positam esse,
quod cum idem Hf. 514, Med. 426, Oed. 927 inveniamus, a
Senecae arte non alienum est.
HO 465: quas Pontus herbas generat aut quas Thessala
sub rupe Pindus aluit (sie E): ubi inveniam malum
cui cedat ille?
Tersus 466 sine dubio corruptus est: interpolati Codices prae-
bent Pindus aut ubi, quod nihili est. Peiperus editor pro
aluit scribi voluit alit. hanc coniecturam si aeeipimus post
solutam tertiam thesin (Hebung) gravem exstare interpunetio-
nem nobis concedendum est. quod cum ßirtio non tolerabile
videretur, coniecit (p. 537): Pindus: tale ubi e. q. s. egoPei-
perum sequi malim, nam vidi Agamemnonis versum (969):
EL. Tuto quietus, regna non metuens nova :
iustae parenti satis CLYT. at iratae parum.
Post primam thesin solutam interpunetio gravis invenitur
Thy. 39; levis Hf. 504, Troad. 607, Med. 447, Phaed. 1180,
Aga. 660, Thy. 1089, Od. 146.
HO 981 vulgo legitur:
et quiequid aliud restitit: ab illis tarnen,
post priorem moram quartae thesis solutae interpunetio exstat
gravis, talem trimetrum sane pessimum neque alibi in Hercule
Oetaeo neque in reliquis fabulis inveni. atque cum in Floren-
tino pro restitit traditum sit cessit, in propatulo est versum a
poeta aliter scriptum esse. Leo tunc cum hunc locum tractavit,
de virorum doctorum coniecturis iudieavit (I p. 59) : quidquid
tentatum est, pingui Minerva tentatum est. uosae enim non
potuit Birtii qui cessit imbcllis scite coniecit emendationem,
de qua Tachavus dixit (Philol. 48 p. 746): die endliche Hei-
lung der mit vielen Konjekturen beglückten Stelle.
Ante ultimum senarii pedem levem interpunetionem cre-
•*) Itaqne paulo maiorem quam Seneca licentiam sibi concessit Au-
sonius, quem exempli causa affero, in hoc senario (epigr. 48):
cor ergo versus, immo Höfas non habet.
24»
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358
Aemilius Ackermann,
briuB invenire possuinus, gravein tantum Hf. 373, Troad. 1000,
1005, Phom. 205, 234, Med. 125, Phaed. 425, Oed. 697, 698,
Ag. 52, HO 1000, 1006, 1016, (fortasse v. 1267 cf. p. 356), 1806.
Ei quoniam omnia persequimur, volumus quidem certe,
etiam de accentu verborum cum nunieroruni rationibus exae-
quando dicendum est64), quae res quomodo apud veteres Ro-
manos se habuerit nos docuit Ose. Brugmannus (Quemadmo-
dum in iambico senario Romani veteres verborum cum numeris
conaoeiarint), qui in tertio pedcy inquit (p. 52), i. e. in medio
versu verborum accentus et ictus rhythmici Semper concinerent
oportuit, in altero et quarto, tertio proximis, sola fere iambica
verba ceteris quodammodo leviora admissa eranty pritno loco
et uUimiSy qui maxime distant a tertio, omni modo verborum
accentum neglegere licuU. Seneca, quem Brugmannus non ex-
cussit, hanc legem ipse quoque in Omnibus fabulis secutus
est ; conferas locos in tabula adiecta conscriptos **).
Verborum accentus cum numeris non concinentes.
in altero pede
12, 103, 310, 332. 359, 382,
395, 434,440, 446,492, 513,
644, 818, 939, 975, 1046,
1049,1149,1138,1156,1176,
1191,1193,1194,1208,1257,
1267,1276,1282,1303,1305.
(32 ex.).
12, 35, 61, 196, 207, 210,
261, 291, 307, 334, 336, 369,
417,426, 438, 451,498, 508,
513, 515,516, 547,587, 618,
626, 654, 676, 697, 702, 736,
741, 760, 861,882, 904,911,
961, 1003, 1057, 1087, 1129.
(41 ex.).
in quarto pede
1, 35, 46, 230, 258, 264, 298, 313, 829,
340, 349, 354, 871, 406, 412, 426, 427,
428, 448, 473, 474, 488, 603, 605, 614,
628, 633, 634, 645 , 656, 690, 707, 723,
927, 960, 996, 1027, 1031. 1150, 1151,
1167, 1161, 1172, 1173, 1175, 1177, 1220,
1232, 1234, 1272, 1273. 1275. 1288, 1292,
1294, 1309, 1321, 1828, 941; (59 ex.).
2, 28, 31, 46, 56, 167, 208, 209. 232,
242, 248, 279, 800, 315 , 318, 334, 847,
350, 360, 365, 413, 414, 419, 429, 457,
466, 474, 476, 482, 496, 490, 499, 522.
546, 548, 574, 577, 592, 595, 598, 601,
610, 646, 655, 661, 690, 694, 737, 740,
746, 749, 758, 763, 766, 777, 773, 78G,
788, 792, 803, 869, 881, 895, 913, 916,
972, 977, 979, 992, 993, 1005, 1008, 105S,
1059, 1072, 1090, 1095, 1109, 1110, 1135,
, 1188, 1143, 1144, 1152, 1157, 1162, 1168;
(87 ex.).
**) Perpauca hac de re disseruerunt Schmidtius (L a. p. 41 sq.) et
Richtern* (de S. tr. a. p. 18 sq.).
**) neglexit bis in quarto pede :
Oed. 766: superi inferique. ged animns contra innocens,
Thy. 415: fulgore non est quod oculos falso auferat
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De Senecae Hercule Oetaeo.
359
fabu- |
lae
in altero pede
Phoe-
nissae
Medea
Phae-
dra
Oodi-
pus
Aga-
mem-
nou
Thye-
stes
Hercu-
les
Oe-
taeas
82, 40, 49, 104, 105. 117,
134, 158, 166, 182, 201,204,
211,219, 226,235, 258, 308,
812, 323, 837,344,366, 386,
392, 400, 451, 469, 478, 500,
509, 525, 532, 604,612,623,
683, 684; (88 ex.).
in quarto pede
11, 23, 26, 28, 80, 39, 51, 66, 71, 78,
79, 149, 158, 168, 180, 190, 191, 195,
199, 202, 206, 233. 248, 271, 284, 289,
294, 800, 305, 357, 442, 447, 476, 477,
506, 507, 518, 535, 548, 552, 555, 557,
559, 563, 582, 599, 615, 645; (48 ex.).
3, 21, 155, 161, 163, 167, 19, 53, 126, 140, 141, 160, 168, 169, 186,
176, 180, 200, 207, 234,245,
271,280,288,406, 441, 442,
491, 539, 545, 564,567, 676,
681, 692, 911,912, 985,949,
1017; (31 ex.).
100, 115, 136, 139, 155, 215,
266, 880, 381, 388, 425, 584,
607, 637, 657, 663, 682, 690,
709, 998, 1012, 1039, 1166,
1281, 1235, 1240, 1267;
(27 ex.).
218, 221, 233, 240, 242, 245, 246, 2*',0,
262, 281, 380, 43«, 437, 453, 458, 474,
479, 483, 485. 488, 497, 536, 543, 574,
726, 728, 735, 881, 886, 901, 908, 915,
932, 971, 1006, 1010; (45 ex ).
92, 112, 119, 167, 178, 207, 251, 358,
365, 404, 412, 423, 441, 448, 452, 4;,3,
454, 479, 497, 498, 508. 519, 546, 618,
647, 656, 678, 683, 686, 690, 699, 847,
' 859, 868, 876. 892, 924, 930, 948, 1020,
1051, 1062, 1084, 1087, 1089, 1121, 1173,
1176, 1226, 1242, 1250; (51 ex.).
29, 249, 266, 294, 296. 328,
330, 834, 373, 398,511, 526,
663, 672, 776, 781,790, 792,
824; (19 ex.).
415, 524,697, 724, 726, 787,
791,802,991,1011; (10ex.).
13, 89, 42, 176, 210, 243,
263, 287, 296, 406, 407, 416,
418, 442, 454, 462,484,485,
489. 497, 508, 523, 526,682,
717,720, 723, 890, 893,896.
898, 970, 978,975, 991,992,
1029, 1031, 1035,1052,1075,
1082, 1084; (43 ex.).
34, 35, 54, 58, 79, 99, 258,
263, 272, 278,294,350,404,
405, 535, 560, 789, 743, 747,
752, 769, 811,820, 825, 886,
899, 910, 911,924, 945, 961,
15. 26, 68, 81, 263, 297, 347, 387, 390.
512, 518, 527, 550, 579, 614, 681, 682,
636, 655, 664, 666, 667, 673, 694, 695,
700, 766, 767, 770, 787, 795, 798, 814,
849, 864, 872, 940, 948, 953, 999, 1008,
1012, 1031, 1034; (44 ex.).
5,9,85. 47, 49, 112, 113, 124, 131,142,
145, 149, 151, 154, 188, 198, 199, 206,
218, 242, 246, 272, 280. 283, 286. 297,
801, 304, 898», 405*. 407* 414, 462, 481,
489, 555, 575, 587. 695, 699, 735, 742,
747, 799, 886, 931, 961; (47 ex.).
9, 19, 29, 37, 62, 86, 88, 106, 116, 200,
218, 219, 241, 244, 252, 254. 278, 279,
280, 286, 294, 299, 302, 804, 313, 314,
335, 410, 415, 417, 428, 430, 444, 481,
482, 483, 496, 499, 541, 625, 628, 629,
631, 634, 667, 677, 684, 687, 690, 713,
716, 719, 731, 749, 769, 782, 897, 899,
919, 973, 1001, 1036, 1088, 1092. 1096,
1099; (66 ex.).
7, 10, 18, 80, 48, 52, 56, 64, 98, 101,
266, 268, 273, 289. 805, 306, 808, 810,
311, 312, 313, 314, 827, 831, 334, 859,
367, 372, 377, 378, 395, 396, 401, 406,
427, 432, 484, 488, 489, 459, 463, 477,
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300 Aemiliua Ackermann,
fabu-
lae
in altero pede
in quarto pede
He reu-
le»
Oe-
taeus
1139,1172,1192,1224,1241,
1248, 1258, 1263, 1267, 1274,
1291,1307,1333,1435, 1488.
1491, 1502,1511,1678,161*3,
1697,1709,1710,1721,1723,
1726,1748,1786,1787,1797,
1805, 1825, 1830, 1836, 1855,
1859, 1975; (68 ex.).
488, 513, 532, 546, 547, 569, 574, 714,
750, 756, 760, 761, 804, 807, 823, 842,
844, 846, 848, 855, 857, 869, 889, 909,
917, 943, 955, 959, 965, 972, 976, 98(>,
991, 994, 1020, 1027, 1028, 1134, U65,
1166, 1168, 1183, 1201, 1244, 1264, 1268,
1290, 1295, 1296, 1302, 1309, 1328, 1325,
1328, 133(), 1349, 1372, 1376, 1380, 1389,
1406, 1408, 1402, 1415, 1419, 1434, 1436,
1444, 1457, 1462, 1469, 1486, 1613, 1629,
1646, 1650, 1698, 1716, 1719, 1722, 1739,
1745, 1760, 1774, 1778, 1781, 1782, 1802,
1803, 1809, 1814. 1822, 1827, 1845;
(136 ex.).
Cum illa regula a Brugmanno constituta non discrepat,
quod nescio verbum in tertio pede accentum rhythmicuin ter
in media syllaba habet cf.
HO 752: urit lues nescio qua; qui domuit feras,
Phaed. 1019: provolvitur: nescio quid onerato sinu,
Oed. 334: pudet deos nescio quid, huc propere admove.
verba nescio quid vel nescio qua tamquam unam yocem effi-
ciunt. neque hac re tragoedias inter se differre neque multi-
tudine locorum, ubi verborum accentus ictui rhythmico repu-
gnat, ex tabula illa apparet, cum senarios singularum fabula-
rum nuraeran8 Herculem Oetaeum penitus cum reliquis An-
naeanis congruere videas. iam Richterus hunc numerum iniit
— non semper subtil iter executus (d. S. tr. a. p. 16).
Seneca, qui aut secundo aut quarto pedi creberrime vocem
ita immisit, ut praeter linguae consuetudinem acueretur, simul et
in Becundo et in quarto pede eiusdem versus verborum accentus
a numeris abhorrere noluit. cuius rei perpauca exempla exstare
videntur:
Troad. 334: quod non vetat lex, hoc vetat fieri pudor,
Phoen. 158: totus noce'ns sum; qua voles mortem exige,
Med. 245 : hoc est penes te. si placet damna ream,
Thy. 973: satias dapfs me nec minus Bacchi tenet.
et in secundo et in tertio trimetri pede verborum accentus
neglecti sunt bis:
Oed. 334: pudet deös nesefo quid, huc propere admove,
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De Senecae Hercule Oetaeo.
361
HO 752: urit lu^s nescfo qua; qui domuit feras.
ex quibus locis discimus Romanos pronuntiasse re vera pencs
te et nocens sum. item uni triam syllabarum voci respondent
verba non vetat et nec minus, de versibus Oed. 334 et HO
752 p. 360 dixi.
Vocabula proceleustnatici vel paeonis qnarti mensurä com-
prehensa cum Roman i temporibus Plautinis in prima syllaba,
postea autem in secunda acuerint66), mihi examinandum est,
utrum Herculis Oetaei scriptor eodem modo quo Seneca talia
quadrisyllaba ictu percusserit necne. inveniuntur autem haec
verba in trimetri initio et exitu et medio in senario iambico.
si in initio exstant, Semper in secunda syllaba accentum habent,
si in fine leguntur, semper in prima acuta sunt, ergo is
poeta, qui tales voces in versus initio rarius quam in fine po-
suit, in prima syllaba eas acuere maluit; contra is, qui sae-
pius in initio eas posuit, secundam acuere solebat. cum medio
in senario baec verba modo in prima modo in secunda syllaba ac-
centum habeant, nobis numerandum erit, utrum acuendi genus cre-
b riu s usurpatum ait. exstant autem eius modi vocabula in initio un-
decies (Med. 53, 172, 272, 433, 490, 556, Phaed. 619, Oed. 278,
Agam. 14, 194, 283), in fine quinquies (Hf. 408, Med. 266,
268, 471, Oed. 847). medio in trimetro acuit poeta has voces
in Hf. in prima syllaba bis (757, 1183), in secunda semel
(1050); in Troad. quater (195, 607, 752, 757) — ter (329, 330,
429); in Phoen. quinquies (61, 108, 242, 331, 533) — ter (88,
105, 240); in Med. quinquies (253, 499, 559, 561, 925) — bis
(249, 450) ; in Phaed. septies (161, 240, 242, 732, 937, 1082,
1186) — quater (732, 1002, 1230, 1247); in Oed. quinquies (35,
515, 821, 879, 1030) — quinquies (240, 245, 768, 937, 1021);
in Ag. septies (7, 25, 115, 165, 169, 449, 929) — ter (145, 288,
403*) ; in Thy. semel (641) - ter (298, 307, 897), in HO octies
(433, 754, 877, 953, 1467, 1756, 1823, 1829) - ter (361, 432,
1305). Hercules Oetaeus igitur melius quam Thyestes cum
reliquarum usu convenit. sed mirum est, quod poeta haec
quadri8yllaba verba saepius in initio (quo loco accentus in se-
M) Cf. W. M. Lindsay, über die Verabetonung von Wörtern wie
faciliun in der Dichtung der Republik, Philol. 51 [1892] p. 364 8 q.
et Fr. Stolz, LateiniBche Grammatik« p. 101.
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362
Aemilins Ackermann,
cunda syllaba haeret) quam in fine posuit, contra medio in
genario primam syllabam crebrius acuit. quin etiam semel (in
Thyeste) medio in trimetro secundam acuere maluit atque in
Oed. quinquies prima, quinquies secunda accentum habet hac ex
re sine dubio concludi potest Senecae temporibus genus acuendi
anceps et incertum fuisse. fortasse autem cum hae voces, si
omnia exempla computamus, undequinquagies in prima, unde-
quadragies tantum in secunda syllaba acutae sint, etiam tunc
prius illud acuendi genus, quod postea desiit esse, magis quam
alterum floruit. boc non ab omni probabilitate abborrere ap-
paret ex usu Pbaedri, qui paulo ante Senecam scripsit. hic in
initio senarii tale quadrisyllabum verbum nusquam posuit, con-
tra in fine undenonagies (I pr. 5 ; 5, 1 ; 17, 1; 19, 8; 20, 4; 22,
6; 24,9; 25,1; 27,5; 28, 1 ; 29, 5; 30, 9 ; II pr. 10; pr. 15; 2,
8; 3,2; 4,2; 4,3; 4,5; 6,2; 7, 13; 8,1; 8,26; III pr. 23;
pr. 25; pr. 44; 1, 6; 2, 17; 3, 6; 5, 6; 7, 22; 10, 14; 10, 24;
10, 30; 10, 32; 10, 34; 11,4; 14, 10; 15, 16; 16,6; 17, 8;
18, 2; 19, 1; ep. 3; ep. 5; ep. 15; ep. 35; IV pr. 1; pr. 19;
1, 3; 2, 4; 5, 21; 7, 26; 11, 4; 11, 16; 11, 20; 15, 1; 19, 3; .
19, 5; 20, 16; 21, 3; 22,3; 22,7; 22,15; 22,23; 25,3;
25, 19; ep. 2; ep. 10; V 4, 10; 4,11: 5,34; 7,23; App. 2,10;
3, 11; 3, 13; 4, 23; 5, 6; 6,4; 10, 15; 13, 19; 13,27, 15,12;
16, 7; 17, 5; 26, 5; 27, 3; 28, 8 ; 29, 9). medio in versu acuit
haec verba Phaedrus in prima syllaba quaterdecies (1 1, 2; 19, 4;
19, 10; 20, 6; 26, 6; III 3, 1 ; 10, 21; IV 5, 36; 7, 16; 11,9;
V 4, 3 ; App. 3, 1 ; 13, 15 ; 16, 6), in secunda vicies quinquies
(Ipr. 7; 31, 13; II pr. 9; 1, 12; 3,3; 5, 7; III 4, 2; 7, 13;
10, 8; 13, 8; ep. 1466); ep. 26; IV 2, 15; 6, 5; 24, 13; 25, 2;
25, 12; V pr. 5; 4, 12; App. 8, 28; 10, 7; 13,8; 18, 1; 29,3;
29, 10). apud Phaedrum centies ter prima syllaba, quinquies
et vicies secunda acuta est. quam ob rem versimile videtur
Romanos etiam Phaedri ac Seneae temporibus voces quibus
mensura proceleusmatici vel paeonis quarti erat, in prima syl-
laba acuere maluisse quam in secunda.
In Herculis Oetaei canticis synaloepham longarum voca-
lium magis etiam quam in reliquis vitatam esse ea docere,
M) Versus III epil. 14, in quo ceUrius legimua, fortasse spurius est.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
quae Schmidtius (p. 25 sq.) composuerit, dixit Leo (I. p. 60).
sed hoc omnino verum Don est, nam differentia nulla exstat
nisi haec: »longa vocalis cum brevi copulata his in tragoediis
semel tantum invenitur (HO 1956 certe ego)'. Senecam cum
in metris lyricis etiam lenissimo atque usitatissimo genere
coniungendarum vocalium abstineret, hoc loco semel licentiam
sibi permisisse concedendum est. esto igitur hoc singulare,
sed etiam in ceteris tragoediis nonnulla aeque singularia in-
veniuntur; vide Troad. 191, Thy. 233, Phoen. 426, Ag. 146
(cf. Schmidt p. 12 sq.).
R. Bentleius (opuscula philologica, Lipsiae a. 1781 p. 232 et
p. 228/229) argumentum esse voluit, quod nonnumquam in
Hercule Oetaeo anapaesticum versum tribracho terminari vidit.
at si nunc viveret, hoc non proferret. sciret enim Agamemno-
nem fabulam, quam eodem vitio67) laborare ipse deprehendit,
a Seneca scriptam
Goebelius (1. s. p. 740) aegre tulit, quod HO 1060 phe-
recrateus versibus glyconeis insertus est. si non satis consta-
ret hunc versum delendum esse, afferrem Phaedrae locum (v. 783),
quo versus glyconeus intra systema asclepiadeum exstat68).
In anapaestum tema vocabula perraro admissa sunt69),
HO 173 (at ego infelix) , 186 (vel in Eridani), 191 (vel in
Edonas), Thy. 827 (quidquid id est), 963 (quidquid id est), Hf.
1090 (sed ut ingenti)70), Med. 815 (atque eadern est), differentia
igitur quae Richterum offendit (de. S. tr. a. p. 23) non adest.
In anapaesticis versibus verbum dactylicum in secunda
syllaba acutum voci anapaesticae anteponere boni poetae no-
luerunt. haec lex bis in HO (186 fingite superi, 1883 Area-
des obitus), semel in Hf. (1064 solvite superi) frangitur (cf.
r Leo I p. 60).
HO 151 ; mdlis vülneribus pervia membra sunt, asclepia-
deum versum monosyllabo terminatum vituperavit Leo (1 p. 60).
sed legas Horatii versus (c. IV 13, 1 et 6):
•7) Hanc rein re vera Vitium esse, cum ultima syllaba veraus ana-
paestici apud Senecam aneep« sit, credere non poBaum.
••) Corruptua versus 10&0 Goebelio non vituperandus erat; accedit
quod in E integer glyconeus traditus est.
> M) Exempla haec praeter quod in Medea exstat iam vidit Schmid«
tiUB (1. s. p. 68).
» 7Ä) Hic Iocub non emendanduB est.
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364
Aemiliu« Ackermann,
andivere, Lyce, di mea vota} di
et lentum sollicüas: ille virentis et.
praeterea simile Vitium iu Thyeste invenitur. Seneca enim
vitare studebat, ne versum anapaesticum monosyllabo clauderei.
quod sibi concessit semel in Aya. (v. 78) et quater in Thy.
(827, 883, 963, 968). si vero in anapaesti fine monosyllabum
posuit, Semper aliud monosyllabum antecedens fecit. bisyllabam
autem antecedit semel in Thy. 968. ceterum illud argumen-
tum leve esse Leo cum priorem Herculis Oetaei partem genui-
nam putaret, ipse confessus est (I p. 70).
Birtius iure aegre tulit (1. s. p. 516) locum hunc HO 198:
sibi Tantalis est facta super stes, quo in versu anapaestico vox
dactylica in prima syllaba acuta (Tantalis) exstat. quamquam
hoc apud Senecam sane nusquam alibi inveni, tarnen non ab
omni arte metrica alienum esse cognosces, si videris Terentiani
Mauri versus hos (6. L. ed. K. VI p. 379) :
atque ille poeta Faliscus
cum ludicra carmina pangit
,uva uva sum et uva Falerna
et ter feror et quater anno'
libro quoque dixit eodem
undae unde colonus eoae
a flumine venit Oronti.
itaque non soluin Terentianus ipse bis in eodem versu {ludicra
carmina) verbum dactylicum posuit in prima syllaba acutum,
sed etiam Faliscus ille poeta, quem Annianum esse Lachmannus
nos docuit (ad Terent. Maur. p. XIII), similiter peccavit (flu-
mine). praeterea conferas versus hos:
fuge moenia iam Telamoniade,
date Pierides mihi carmina doctiloquorum,
sua munera fert Venus alma rosas iuveni Cinyreidae,
date vina mihi, date serta, iuvat dare tempora tota Lyaeo.
haec exempla inveni apud Servium (G. L. ed. K. IV p. 462).
concedo autem versus a me allatos paulo diversos esse ab Her-
culis Oetaei loco, quo, si prorsus singularis esset, cum etiam
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■f
modo non facit (cf.
phartftra
pttter
rä
1234
993
55
280
678
817
825
433
503
1151
192
541
I
I
I
;
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De Senecae Hercule Oetaeo.
305
in ceteris fabulis haec Tel illa a commnni usu abhorreant (cf.
Leo. I p. 71), nihil probaretur 71 ).
Breviter, ut ad res prosodiacas transeamus, de syllabarum
natura brevium ea productione disputandum est quam mutae
cum liquida coniunctio efficit. qua de re praeclare disseruit
Schmidtius (1. s. p. 32 sq.). qui fabulas Annaeanas, praeter-
quam quod verba Hebrus, Cyclas, hydra, fibra correptis sylla-
bis prioribus non nisi in Herc. Oet. posita essent, omnes inter
se congruere recte vidit7*). de mensura nominis Uebri cuius
syllaba prior semel in HO (v. 19) correpta est, in reliquis
autem tragoediis tantummodo in primi vel tertii pedis arsi
(Senkung) invenitur, omitto quaerere. vocabulorum Cyclas,
hydra, fibra syllabae priores in ceteris fabulis semper productae
sunt, quam rem tarnen noli putare quantulumcumque contra
Herculis Oetaei auctoritatem indicium. nam apud Senecam
mutae cum liquida copulatio modo positionein facit, modo non
facit. quod ut demonstrarem verba ad hanc quaestionem per-
tinentia collegi et conscripsi in adiecta tabula, ex qua, quanta
sit inter singulas tragoedias differentia, facile cognosci potest.
Tide modo quatenus e. g. in Toce patris patrem Medea discordet
cum Herc. für. et in Toce retro Agam. cum eodem Herc. für. vel
utrumqae producta prima non occurrere nisi in Phoenissis.
itaque eo , quod Terborum Cyclas , hydra , fibra syllabae
priores nonnumquam in HO corripiuntur, nihil efficitur. quo
argumento perperam usus est Leo (I p. 61).
Contractae perfecti formae Telut abit, perit, quas his in
tragoediis in senario saepius adhibitas, a metris Tero lyricis
exclusas esse Schmidtius monuit (1. s. p. 10), ter admissae sunt
in anapaesticis versibus Herculis Oetaei (1865 perit, 1868 pe-
rit, 1911 abit) et semel in glyconeo (1062 adit). contra dicere
pos8um in verbis deesse et deerrare similem contractionem
fieri, quae crebro in trimetris, semel tantum in canticis inve-
nitur Hf. 832 dcrat Jwc solum numcro laborum. locos,
quibu8 hae contractae formae exstant, collegit Schmidtius
(1. s. p. 11).
7I) Oeterum monoo eoa versus vitio metrico laborantea, quos non
tetigi, aut correctos eaae ant certe emendatione indigere velut 368,
1176, alioa.
") Trimetri soli a Schmidtio hanc in quaationem vocati sunt.
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366 Aemilius Ackermann,
Richterus aegre tulit (de S. tr. a. p. 15) quod HO 1095
quattuor bisyllabum est at si tunc yidisset locos, quos Geor-
ges (s. v. quattuor) attulit , et verba legisset, quae Fr. Stoi-
zius fecit (Lateinische Grammatik 8 p. 33/34), fortasse hoc ar-
gumenta non usus esset, praeterea iam Schmidtius (p. 13) de-
prehendit in Agamemnone u vocalem vocis suapte ad consonan-
tem depressam esse v. 250. atque in Ovidii quae feruntur
Haiieuticis milvus bisyllabum efticit v. 95. talia igitur Sene-
cae temporibus73) non inaudita erant.
Quae Richter U8 de nominibus propriis velut Oechalia,
Electra^ Phaedra et de o vocali in ablativo gerundi casu cor-
repta disputavit, cum Hercules Oetaeus his in rebus penitus
cum Annaeanis fabulis consentiat, nullius momenti sunt (cf.
Richter de S. tr. a. p. 15) 7<).
HO 782: hic rupe celsa, multa quam nubes ferit,
annosa fulgent templa Cenaei Iovis.
ut stetit ad aras omne votivum pecus e. q. s.
poeta cum in vereu 783 templum commemoret, sequenti au-
tem arae mentionem faciat, continuationem sermonis inter-
mittere videtur. hanc ut restitueret, Birtius templum et aram
hoc loco unum idemque esse nobis probare voluit (Mus. Rhen.
34 p. 533). sed mihi quidem viri doctissimi sententia non
placet. nam scriptor non soluin aram sed etiam templum in
illa rupe exstitisse dicit76). quam ob rem bene res se haberet,
si legeremus: 4ut stetit ad aras templi Cenaei Iovis omne
e. q. s.' et quamquam haec verba (templi Cenaei Iovis) re vera
in venu 784 non scripta videmus, tarnen ex antecedente fa-
cile audire possumus. duae igitur atque inter se diversae res
sunt templum et ara. itaque huius fabulae poeta, cum So-
phocles templum non commemoret (cf. Trach. v. 238 et v. 993),
ab exemplo suo recessit. nunc vide versus
HO 101 sqq. : vos pecus rapite ocius
") Piacent enim mihi Birth' verba haec : innotuüse Halieutica dix*
mus simul atque edita sunt post nonum Plini librum et ante tricesimum
alterutn neque post Vespasiani aetatem neque ante Neroneam (De Haii-
euticis Ovidio poetae falso adscriptis p. 159).
'*) addere posaum Phoen. 558: petendo patriam perdis?
ex poetae verbis (annosa fulgent) sequitur, ut templum hoc
loco non x«|x«vo;, sed aedificium sit.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
367
qua templa pollens ara Cenaei Iovig
austro tiinendum spectat Euboicum mare.
quaeritnr quid sibi velint verba templa pollens ara. Birtius
vertit (p. 533) : der Altar vertritt den Tempel, at non solum
aram sed etiam templum illo loco fuisse iam vidimus. prae-
terea hanc significationem verbi pollendi nusquam alibi inve-
nimus. bis tantum pollere idem est quod valere, wert sein (cf.
Birt), nam in Agamemnonis versa 805 cunäa pollens dictum
est pro omnipotens. verba templa tollens ara in codicibus de-
terioribu8 (A) tradita sensum non praebent. quibus de causis
hic locus emendandus est. iam anno MDCXVIII Rutgersius
coniecit (cf. Variarum lectionum libri VI p. 92) templa toUens
acta Sopboclem (Tracb. v. 237) secutus. sed non recte conie-
cit, nam vocis adae, cum esset Graecum verbum <£x-nfj, casu
Tiotninativo Kotnani non utebantur. itaque fortasse tibi place-
bit emendatio haec: qua templa tollens ora Cenaei Iovis. ora vox
simillima est arae et templa tollens in A traditum facile mutari
poterat in templa pollens. conferendi autem sunt versus hi:
Phaed. 1042 : opima cervix arduos tollit toros,
Stat. Silv. V 2, 70 : silva comas tollit,
Hf. 662: Spartana tellus nobile attollit iugum,
Phoen. 602: binc nota Baccho Tmolus attollit iuga,
Ag. 729 : geminumque daplices Argos attollit domus. —
Transeo ad
HO 746 : regna triumphi, templa Iunonis pete :
haec tibi patent, delubra praeclusa omnia.
verba regna triumphi^ sequentibus {templa Iunonis) apposita,
non scite dicta sunt pro regna ubi Inno triumphal, accedit
quod hic versus, cum a vocalis verbi regna producta sit, prop-
ter metrum quoque suspectus est bis de causis Birth qui
pigeat triumphi scripsit (p. 538) emendationem accipio; nam
ceteri viri docti quod coniecerunt, id mihi non probaverunt
si vero tradita verba retinere mavis, tibi concedendum est bre-
vem vocalem ante duas consonantes sequens verbum incohan-
tes productam esse, poetam autem propter hoc reprehendi no-
lim, quia exempla huius rei exstant haec:
Hf. 950 : hiemsque gelido frigid« spatio refert,
PJiaed. 1026: immugit, omnes undique scopuli adstrepunt.
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368
Aemilins Ackermann,
praeterea Leo apud Tibullum, Lucanum , Statium , Manilium
scriptos vidit sepfcem locos huc spectantes (cf. I p. 203 adn. 4).
Haec omnia cum ita sint, constat rationes metricas et res
prosodiacas Herculia Oetaei nusquam cum Senecae usu dis-
crepare.
Quo constitnto properemus ad ea virorum doctorum ar-
gumenta consideranda quae ad orthographiam pertinent. talia
autem argumenta sine dubio levissima sunt, nam fortasse Se-
neca ipse nunc hoc, nunc illo modo scripsit et quid verisimi-
lius est quam scribas has rationes arbitrio suo mutavisse?
Richterus (d. S. tr. a. p. 27) formam abbreviatam viden pro
viäesne nusquam invenit in his tragoediis nisi HO 1207 vi-
den ut laudis conscia virtus. sed hic locus, cum in E traditum
sit videt, non satis certus est. Phoen. 394 legimus in E viden,
sed etiam bic locus corruptus est. quod tarnen sufficit ut de-
monstretur Richterum hoc argumento uti non debuisse. atque
cum ipsa forma videsne in Senecae fabulis omnino non exstet,
nescimus utrum videsne maluerit scribere poeta quam viden
necne. ac ne dicas formam viden non nisi ad sermonem vul-
garem pertinere tecum communico Statu locum hunc:
Theb. X, 812 : haec erat, haec metuenda manus ferrumque
quod amens
ipsa dedi; viden ut iugulo consumpserit ensem?
similis forma satin 76) exstat Oed. 956 , contra satisne le-
gimus Phaed, 635.
Idem Richterus contendit (1. s. p. 27) in sola hac fabula
bis adiectivorum in ts, e formatorum inveniri ablativum , qui
e pro i adsumsperit (v. 1450 quäle (sc. stipite) et 1844 inco-
lume nato). neque enim vidit Agamemnonis locum 807 (sup-
plice fibra), neque novit verba haec: Zuweilen haben jedoch
die Dichter, namentlich Ovidius nach Bequemlichkeit des
Versmasses den Ablativ auf e zugelassen (cf. Neue- Wagener,
Lateinische Formenlehre3 II p. 54, ubi permulta exempla con-
gesta sunt), eundem librum (p. 529) si inspexeris dativum toto
pro toti etiam a bonis poetis velut a Propertio et Ovidio non
evitatum esse primo obtutu cognosces. itaque Senecae quoque
hoc indulgebimus (cf. Leo I p. 61).
7e) traditum est statim, quod Leo correxit
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De Senecae Hercule Oetaeo. 369
Substantivs domus et colus in Hercule Oetaeo praeter
Senecae usum plurali numero quartam declinationem sequi di-
xit Leo (I p. 61). sed domus quarto casu semel tan tum exstat
y. 1916, nam locus v. 1633, quem vir doctissimus huc rettulit,
cum in E et in A traditum sit nemus et recentiores Codices
domos praebeant, nimis incertus est. domos autem scriptum
videmus HO 1870. itaque in HO nunc forma domus, nunc
domos usurpata est. ac si Leo recte dixisset substantivum do-
mus plurali numero apud Senecam nusquam quartam declina-
tionem sequi, tarnen hoc argumentum non esset. Statins enim
domus adhibuit Theb. V 97 et IX 798, domos V 107, 149,
427. sed re vera invenitur domüs apud Senecam :
Ag. 729 : geminumque duplices Argos attollit domus,
Hf. 239: post haec adortus nemoris opulenti domus.
quo loco altera manus domus in domos mutavit. colos tradi-
tum est Hf. 559, HO 372, 668 colus HO 218, 768, 1084 78).
modo igitur habemus formam colos, modo colus. velut Statius
scripsit colus Silv. III 1, 172, Ach. I 582 et 635, Theb. X 649,
colos Silv. I 4, 64, Theb. V 150. ac mihi persuasum est Sene-
cam si saepius in reliquis fabulis quartum casum substantivi
colus plurali numero adhibuisset, nonnumquam colus scriptu-
rum fuisse. idem Leo contendit (I p. 61 adn. 9) HO 520 vocem
tabum usurpatam esse contra usum Senecae, qui tabes prae-
tulerit. tabes traditum est: Phoen. 164, Med. 641, Oed. 652,
HO 528, 716, 738, 1194, Oct. 512, tabum Hf. 785, HO 520,
786. Statius voce tabum decies usus est : Theb. VII 765, IX
19 et 72, X 290, 29S, XI 87, 582, XII 283, 567, XIII 701 ;
formam tabes inveni ter: Theb. II 14, 677, III 129.
Sequitur scriptura quom. Leoni concedendum est in liac
fabula sola formae quae est quom certa vestigia comparere:
v. 587, 596 quum, 607 quem, 610 quom, 301 qum, 209 quin.
quod argumentum vir doctissimus cum priorem tragoediae par-
tem, in qua hae formae exstant, genuinam aestimaret, nihil va-
' lere ipse credidit. apud Statium, qui alibi Semper cum scripsit, ter
") HO 668: altera manus colus fecit ex coIob.
7S) versus HO 1097 et 1180 non iure Leo huc revocavit, nam 1097
colus est genetivus singularis (velut Oed. 985), et v. 1 180 legimua in E
turpe scelm.
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370
AemiliuB Ackermann,
in Silvia legimus quom (I 4, 29 ; I 5, 39 79), II 3, 69) ; hac re
nnm comprobatur Silvas non a Statio profectas esse?
Praeterea Leo sibi persuasit Herculis Oetaei auctorem fere
ubique volgus, voltus, inclutus scripsisse, contra Senecam Sem-
per vulgus , vulttts, inclüus. ezempla antem vir doctissinius
non attulit, neque enim potuifc afferre. nnsquam volgus in HO
traditum est80), ter tan tum exstat vulgus 605,806, 1745. in-
clitus legimus: Hf. 339, 347, Troad. 236, 463, Phoen. 185, 536,
Med. 130, 226, 367, 511, Aga. 125, 310, 400a, Tliy. 123, 190,
HO 422, 1200, 1984, inclutus: Hf. 134, Troad. 714, Oed. 221,
Ag. 309, 918, HO 332, 882, 1415, 1427, 1481, 1515, 1882.
itaque si severe agere volumus, Oedipus, cum nusquam inclüus
habeat , maxime a ceteris fabulis abhorret. vttUus vel voltus
in Hercule Oetaeo invenitur tricies bis (v. 165, 170, 199, 227,
230, 247, 251, 356, 483, 700, 705, 808, 1017, 1258,1266,1273,
1290, 1296, 1348, 1489, 1555, 1574, 1603, 1608, 1645, 1684,
1708, 1724, 1726, 1753, 1978, 1992). sed dubii sunt loci 356,
808, 1753, uam 356 traditum vultumque depravatum videtur
esse ex multumque, quod in A legimus. 808 scriptum videmus
vultus , sed prior u exstat in rasura alterius manus. versus
1753 in E omissus est. supersunt igitur loci undetriginta. inter
quos voltus legimus terdecies (251, 1258, 1266, 1273, 1290,
1296, 1489, 1603, 1608, 1645, 1708, 1724, 1992), vuUus sexies
decies (165, 170, 199, 227, 230, 247, 483, 700, 705, 1017, 1348,
1555, 1574, 1084, 1726, 1978). itaque auctor non fere ubique
voltus,, sed saepius vultus scripsit. boc cum constet, facile cre-
das etiam dubiis illis locis (808 et 1753) olim vultus exsti-
tisse. ergo duodevicies formam vultus deprehendimus. itaque
Ricbterus, si iterum Senecae tragoedias edendas curabit, locis
quibus vultus traditum est, non scribet voltus, quod nuper
fecit (cf. v. 247, 1348, 1684, 1726, 1978), sed quibus voltus
exstat, vultus in textum recipiet. dicet aliquis: differentia
quam vis parva inter Annaeanas tragoedias et Herculem Oetae-
um profecto exstat, nam non nisi in hac fabula nonnumquam
") I 5,39: traditum est quoque. Vollmerus editor coniecit cum-
que. sed apertum videtur hoc loco olim quomque exstitiaae. quomque, ut
pauca exempla afferam, legimus Plaut Bacch. 252, Capt 856, 924, 926,
927, Truc. 451, 516, Terent. Andr. 63, 488, Heaut. 578.
,0) cf. etiam Birt (1. b. p. 516).
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De Senecae Hercule Oetaeo.
371
voltus et quarto pluralis casu colus scriptum est. itaque mihi
liceat addere perpauca "quibus demonstratur in ceteris tragoe-
diis rem orthographicara non '{melius se habere, ablativum sin-
gularis vocis lattrus legimus Ag. 779 lauru, Thy. 54 autem
lauro. suboles scriptum est Troad. 463, 528, Phaed. 468, so-
boles Ag. 157. semel sä pro sed traditum est Oed. 1009. vae-
cors exstet Phoen. 291, MedM22, Phaed. 1155, Oed. 1005,
Ag. 734, HO 1408, contra vecors Troad. 285. vaesanus legi-
mus Phoen. 584, Med. 123, 738 Ag. 724, HO 1930, vesa»«*
2//*. 1095. decumus deprehendimus Troad. 76, decimus Ag. 502.
claudere iuveni J?/". 306, 986, Troad. 167, Phoen. 246, .Med.
458, 464, PAa<?d. 222, 534, 781, 863, 939, 1226, Oed, 505,
Ag. 109, 559, 718, 889, Thy. 335, 491, 1068, HO 956, cZh-
dere Hf. 281, Troad. 139, 186, 317, Phoen. 148, 467, Med.
820, PAaed. 47, 2%. 232, 916, 1041, HO 599, 1441 81). cui haec
noa sufficiunt, inspiciat indicem orthographicum editionis Rich-
terianae, ubi plura huc pertinentia collecta sunt.
Ne quis miretur quod HO 771 Äocwc82) et 1243 haecne
invenitur, affero locos hos: Phaed. 1269 haecne ; Stat. Theb.
1 173 hancne, I 189 hicne, V 633 hocne, VII 20 /ticne, VII 705
Ätcwe, IX 421 huncne, IX 715 haecne.
Iam absolvimus atque redarguimus omnia argumenta ad
res orthographicas spectantia. sed haec leviora, illa vero gra-
via atque magna sunt, quae ad usum loquendi pertinent. pri-
mus, quod sciam, huic rei operam ac Studium navavit D. Hein-
sius (apud Scriv. p. 344 sqq.). qui quae de usu verborum
idus et ambo disputavit, ea bene diluta sunt a Leone (I p. 66)
et a Melzero (p. 31). recte autem vidit HO 150 (vetare So-
lem) et 1624 (vetare Phoebum) vetare pro arcere positum esse,
hunc usum ut excusaret Melzerus (p. 32) attulit Statii locum
Theb. XII 558: quos vetat ignc Creon h. e. rogis et igne
supremo interdicit. praeterea autem comparandi sunt loci hi:
Valer. Flaccus VIII 303: nec longius inter
quam quod tela vetet, superest mare,
Stat. Silv. III 1, 173: avertam luctus et tristia damna vetabo,
8I) cludere, ut hoc addam, etiam repperi luven. VII, 26, Stat. Silv.
III 4,11; IV 6,67; V 1, 168; Theb. II 6; II 307; VI 727; VII 434;
VIII 198; X 451 ; XI 58;
M) in E traditum est Iwccine, sed res metrica poscit hocnc.
Philologus, Suppleraontband X, drittes Heft. 25
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372
Aemilius Ackermann,
Tacit. ann. XI 20 : inter Mosam Rhenumque trium et vi-
ginti miliam spatio fossam perduxit (sc. Corbulo), qua incerta
Oceani vetarentur.
D. Heinsiiis aliique aegre tulerunt, quod HO 1586 (quam
tuas laudes populi quiescant) quiescendi verbum accusativuni
recipit. Melzerus dixit apud Plautum et apad Statium idem
inveniri, sed exempla non attulit Georgium secutus. loci au-
tem Plautini qui huc referri possint, non satis quadrant, nam
Most. 1173 (tu quiesce hatte rem modo petere) non accusativus
sed infinitivus e quiesce pendet et Mil. gl. 927 (quiescas cetera)
cetera fortasse adverbii vicem tenet. apud Statium quiescerc
semel active positum est
Theb. IV 432: hic late iaculis circum undique fixis
effusam pharetra cervicera excepta quiescit.
accedit quod Servius ad Verg. Ecl. 8, 4 adnotat: quiesco du-
plicem habet significationetn ; et aliter dico quiesco ego et ali-
ter quiesco servum.
HO 987 (Deianira alloquitur Hyllum) :
ignave dubitas? Herculem eripuit tibi
haec, haec peremit dextra cui debes patri
avum Tonantem. maius eripui decus,
quam in luce tribui. si tibi ignotum est nefas,
a matre disce.
hoc loco in luce tribuere male pro purere dictum esse credidit
idem Heinsius. neque enim vidit Deianiram verbis maius eripui
decus quam in luce tribui non in Universum loqui, sed Hyllum
compellare. ad eripui et tribui semper supplendum est tibi.
itaque Deianirae verba hoc modo intellegenda sunt : maius do-
num nunc tibi eripui quam tunc tibi tribui cum te in lucein edidi.
HO 517: tum longum ferens
harundo vulnus tenuit haerentem fugam
mortemque fixit.
fixit pro intulit usurpatum D. Heinsio displieuit. sed vulnera
figere legimus apud Martialem (ei»igr. I CO, 4) :
alta iuvencorum vulnera tiget ubi?
Non iniuria D. Heinsius in eo haesit quod genus quater
pro genere bumano positum est HO 03, 760, 1810, 1863. hoc
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De Senecae Hercule Oetaeo. 373
prorsus singulare esse concedimus, quod tarnen excusatione non
caret. legas Phaed. 466:
providit ille maximus mundi parens,
cum tarn rapaces cerneret Fati manus,
ut damna Semper subole repararet nova.
excedat agedum rebus humanis Venus,
quae supplet ac restituit exhaustum genus:
orbis iacebit squalido turpis situ,
vacuum sine ullis piscibus stabit mare,
alesque caelo derit et silvis fera
solis et aer pervius ventis erit.
pro ,exhaustum genus1 Codices deteriores praebent ,humanum ge-
nus' non recte, nam genus non de genere humano solo, sed de Om-
nibus animalibus dictum est, quod ex sequentibus verbis apparet.
itaque Seneca similiter atque Herculis Oetaei auctor peccavit 8S).
HO 1883: flete Herculeos, Arcades, obitus,
nondum Phoebe nascente genus.
D. Heinsius adnotavit : ,nescit (sc. poeta) quid dicat\ vir doc-
tissimus ipse non cognovit hoc loco ablativura absolutum («on-
dum Phoebe nascente) e substantivo [genus) pendentem ad-
missum esse, quam ad rem infra redibit disputatio (p. 376 sq.).
Quae Goebelius de usu adiectivi immemor dixit (1. s. p. 740),
refutata sunt a Melzero p. 31/32.
Richterus vidit (de. S. tr. a. p. 25) HO 1861 quamquam
non ad verbum finitum accedere. idem HO 1506 fieri depre-
bendit Leo (I p. 62). perperam autem Richterus contendit (1. s.
adn. 1) solos recentiores scriptores et poetas sie locutos esse, iam
Georges attulit exempla haec : Sallust. hist. I fr. 48 § 2 : nam
bellum atque arma, quamquam vobis invisa, tarnen quia Lepido
placenty sumunda sunt et Cicer. de finib. V § 68: nec vero
umquam summutn bonum assequi quisquam posset, si omnia i/Zo,
quae sunt extra, quamquam expetenday summo bono contineren-
tur. praeterea repperi Statii locos hos : Silv III 3, 70 ; V 2, 103 ;
Theb I 669; IV 820; V 300; VI.41 ; XI 399; XII 206, 394.
Richterum id quoque offendit quod genus ter (HO 40,
1699, 1884) nationem significat. sed hanc significationem sae-
pissime inveniri inter omnes constat. quae Richterus de loco
8S) Phaed rae locum iam Richterus vidit (p. 26 adn. 1).
25*
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374 Aemiliua Ackermann,
*
HO 1849 (aliqua mater) disputavit, a Leone (I p. 66) et a
Melzero (p. 82) profligata sunt et verba sua de versibus 191 et
482 facta nuper in editione vir doctissimus ipse tacite in irritum
vindicavit. nec magis valent, quae de HO 520 (tabum) disse-
ruit (cf. Leo II p. 383).
Sonandi verbum pro praedicari positum (HO 692) aegre
tulerunt Richterus (p. 26) et Birtius (p. 516). Ovidius scrip-
sit 84) te carmina nostra sonabunt (unsere Lieder werden dich
preisen), apud Senecam legimus (Oed. 402): Carmen sonet
(ein Lied soll gesungen werden), modo igitur transitive,
modo intransitive usurpatum est sonare. atque cum Mar-
tiaBs dicat I 61, 6: Nasone Paeligni sonant (die Paligner
werden wegen Naso gepriesen), verba: felix alias magnusque
sonet (ein anderer mag glücklich und groß gepriesen werden)
non adeo raira sunt, praeterea Birtius ipse dixit etiam
apud Nemesianum sonare idem significare quod praedicari.
accedit quod locus non ita bene traditus est, ut certissime aliquid
affirmari possit. Codices enim deteriores pro sonet praebent volet.
Porro Richterus in eo haesit (p. 26), quod HO 668 colus
per synecdocham pro lana et 1661 nodos pro clava dictum
est. tales translationes notissimas atque omnibus poetis usi-
tatissimas esse contendit Melzerus (p. 31). addo Val. Flacci
verba 6, 645: diva supremas rumpit iniqua colus.
HO 887 : quicumque fato ignoscit et parcit sibi,
HO 982: parce iam, mater, precor.
ignosce fatis; error a culpa vacat.
Richterus adnotavit (p. 26): singulari dcinde phrasi poeta
utitur, fatis ignosce, id est delirium fati culpa commissum non
vindicare. similem locum in Troadibus inveni v. 22 :
stat avidus irae victor et lentum Ilium
metitur oculis ac decem tandem ferus
ignoscit annis.
cf. etiam Melzeri verba p. 33.
Denique Richterus, qui Oedipum quoque et Agamemnonem
fabulas spurias existimabat, attulit (p. 29) edisserendi verbum
non nisi HO 1617, Ag. 966, Oed. 787 exstare. nobis qui scia-
mus has duas tragoedias genuinas esse, hac re nihil probatur.
**) hunc locum Ovidianum esse testatur Georges.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
375
idem credidit in his solis fabulis vocabulum paedor inveniri.
sed legitur Hf. 628 85). autumare non solum in Hercule Oetaeo
et Oedipode, sed etiam in Phaedra (257) exstare Richterus ipse
vidit. adiectivum altisonus HO 530 traditum praeterea rep-
peri Ag. 582 et Phaed. 1134. adiectiva in ficus terminata neque
in HO neque in Thy. exstant (cf. Rieht, p. 29 et p. 3 adn. 2).
praepositionem propter etiam Phoen. 336 usurpatam esse iam
Leo deprehendit (I p. 66). cf. Rieht, p. 25.
Iam Leonem audiamus. qui vir doctissimus aegre tulit
(I p. 56) quod HO 1600 magis pro potius positum est. iam
Melzerus (p. 34) hoc leve argumentum diluit.
HO 1652* victrice felix, iuvenis, has numquam irritas
mittes in hostem; sive de media voles
auferre volucres nube, descendent aves
et certa praedae tela de caelo fluent.
Leo reprehendit (I p. 62) quod v. 1653 sive secundo loco tan-
tum diiuncti8 sententiae membris apparet86). ac Birtius ad-
notavit (p. 549) : Unmöglich richtig aber ist das sive, da kein
zweites sive daneben steht, dem es entspräche, cum Leoni, qui
lacunam statuit (cf. editionem), sententia per sive incohata
fuisse videretur (velut sive eris in ade), Birtius pro sive de
coniecit si vel e. quam viri doctissimi emendationem appella-
verunt Tachavus 'eine evidente Textverbesserung' (cf. Philol. 48
p. 745/46) et Melzerus egregiam coniecturam (p. 34). mihi
autem carus magister meus sententiam suam non probavit.
nam certum videtur hoc loco praepositionem de retinendam esse.
8imillimus enim locus exstat in
Phaedra (816) 87) aut si tela modo spargere Parthico
in caelum placeat, nulla sine alite
descendent, tepido viscere condita
praedam de mediis nubibus afferent,
praeterea compares HO 1621: nube de media vocat, HO 1655:
tela de caelo fluent,
Med. 799 : tibi d e medio rapta sepulchro
fax nocturnos sustulit ignes.
•*) quod vidit Habruckerus (quaeationum Annaeanarum capita IV
pars I p. 6).
$e) moneo in E non sive, sed si traditum esse.
8J) attulit Leo (I p. 51).
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876
Aemilius Ackermann,
itaque censeo particulam sive seryandam esse. Hercules enim
sagittas Philoctetae dat, ut vel faostes vel aves interficiat. et
legi apud Draegerum (Historische Syntax der lateinischen Spra-
che 2 II p. 148) : sive ,oder wenn' ist zuweilen in vel si auf-
zulösen, so dass vel von si getrennt gedacht, zu einem Satze ge-
hört, von dem der Bedingungssatz mit si abhängt, ac non solum
Draegerus ipse, sed etiam CFW. Muellerus (Ueber den Ge-
brauch von sive p. 9 sq.) locos collegerunt, ubi particula sive
secundo loco tantum exstans hanc significationem habet. Muel-
leri libellum si inspicies facile cognosces Terentium, Horatium
(ter), Vergilium, Tibullum (bis), Propertium (ter), Ovidium,
Persium eandem licentiam atque Herculis Oetaei auctorem sibi
permisisse. hoc igitur non argumentum est, quo aliquis uti
possit. ceterum concedendum est Senecam tragicum particulam
sive hac significatione alibi non adhibuisse.
VerBus HO 1592 et 1830 Leoni, cum ipse videret Her-
culis Oetaei poetam Iiis locis ab usu aliorum non abhorrere,
non afferendi erant88).
HO 1760: o quanta, Titan, ad nihil moles abit.
A praebet: in nihil. Leo adnotavit (I p. 63): noverat inter- -
polator (sc. autor lectionis A) constantem Senecac aliorumque
usum; praecipue ex Ovidii transformationibus notissimum est
abeundl verbum translato sensu, quod idem significat quod
mutari, cum in pracpositionc comunctum. mihi non verisi-
mile videtur hoc loco abire pro mutari positum esse, verba
ad nihil abire per analogiam orta sunt ex locutione quae
fuit abire ad plurcs, ad inferos (= mori) 89). simüiter Cicero
dicit Tusc. I § 32: abiit ad dcos Hercules, ceterum ne id
quidem veri dissimile est hoc loco praepositionem ad, quae in
codicibus deterioribus non tradita est, librariis iraputandam
esse, praesertiin cum HO 962 (in Jianc abire coningum turbam
Übet) verbum abeundi, quamquam sensum translatum non habet,
tarnen cum in coniunetum sit.
Neque plus valet quod bis90) in HO (975 teque languenit
M) HO 1592 Richteruß fortasae recte coniecit impendens et ad HO
1830 comparandua eat ///. 605 : atque in labores non satis terrae patent
89) cf. Birt, Das Arvallied, Archiv fttr Lexikographie XI p. 166,
168, 18S.
™) iniuria huc rottulit Leo HO 1500, ubi vulgo legitur sive
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I
I
De Senecae Hercule Oetaeo. 377
manu Non audit arcus et 1884 flete Her cutis , Arcades, obi~
tuSy Nondum Phoebe nascentc genus) ablativus absolutus sub-
stantivo obnoxius invenitur (cf. Leo I p. 57 et p. 62). facile
enim intellegitur quid poeta dicat. de loco HO 975 optime
disputavit Melzerus p. 31. verba 1885 nondum Phoebe nascente
genus dicta sunt pro: Arcades iam genus erant cum Phoebe
nondum nata esset, quam ob rem poetae hunc ablativum ab-
solutum bis tantum adhibitum ignoscemus.
Quod pronominis personalis casus genetivus interdum ad
substantivum ita accedit ut ultro cum pronomine possessivo
mutari possit vituperaverunt Leo (I p. 64) et Birtius (1. s.
p. 516). loci, quos iam Leo vidit, sunt hi: HO 557 perbibat
formam mei (Jlammas mei A), 954 nunc veram tui (tuam A)
agnosce prolem, 1216 nam quis dignus necis Herculeae super-
est auetor nisi dextra tui?y 1502 licet sit falsa progenies mei
(mihi A). versus 949 reeipe me comitem tibi (tui A), 1242 haec
moles mea est (mei est A), 1966 quiequid in nobis tui Mortale
fuerat ignis evictus tulit Leo afferre non debuit. nam verba
tibi (v. 949) et mea (v. 1242) in E tradita satis apte dicta
sunt et v. 1966 genetivum legi necesse est; pendet enim tui
e quiequid 91). primum moneo locos, cum modo in E, modo
in A pronominis personalis genetivus pro possessivo pronomine
exstet, non satis certos esse, deinde Leo ipse concessit huius
genetivi usum qui mediae latinitatis scriptoribus frequentatus
sit, certe plerumque librariorum culpa ortum esse, tum apud
Senecam rhetorem, Ovidium, Vergilium, Catullum eandem li-
centiam admissam esse idem vir doctissimus vidit. et nescio
an baec sufficiant, ut loci Uli excusentur. sed pauca addere
possumus. Melzerus recte dixit (p. 32) genetivo pronominis
personalis personam gravius premi quam pronomine possessivo.
hac de causa Deianira dicit (555):
si quas decor
Ioles inussit pectori Herculeo faces
extingue totas, perbibat formam mei, (non Ioles).
bac de causa chorus Herculem alloquitur verbis his (1216) :
nascente Hercule Nox illa certa est. sed in E traditum est sioe nas-
centem Herculem e. q. 8. et A praebet sive nascente Hercule Non illa
certa est. itaque hic locus nimis dubius est.
9I) locum recto interpretatus est Mekerus p. 9 adn. 2.
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378
Aemilius Ackermann,
uam quis dignus necis Herculeae
superest auctor nisi dextra tui?
nam Hercule dignus auctor Herculeae necis solummodo Her-
cules ipse ist. hac de causa Deianira certior facta quantum
facinus commiaerit dicit (952) :
adde me comitem tuis,
Threica coniunx, sceleribus; natam tuam,
Althaea mater, recipe, nunc veram tui
agnosce prolem.
prolem tui, quae sceleratissima femina fuisti.
ßestat locus 1502 licet sit falsa progenies mei (mihi «4),
qui simili excusatione caret. itaque credo hoc loco mei ex
mihi depravatum esse, talis enim error facillime evenire po-
terat, yelut HO 949 legimus in E recipe me comitem tibiy in
A auteui comitem tui. fortasse eo quoque, quod hic tibi in E
traditum est, opinio mea paulum aflfirmatur. itaque etiam hoc
argumentum refellimus, quod levius esse Leo ipse concesserat
(I. p. 70). praeterea alia causa inveniri potest, cur huic pro-
nominis personalis usui venia tribuenda sit (cf. part. tert.).
Age nunc illa videamus quae Birtius castigavit. qui vir
doctissimus ad HO 104 (par ille est superis cui pariter dies
Et fortuna fuit) adnotavit (p. 533) : wo fast unverständlich
fuit gesagt ist statt esse desiit9S). sed iam N. Heinsius dixit
(1. s. p. 436) traditam ledionem non temere sollicitandam esse,
vidit enim duos Vergilii locos hos : sed fortuna fuit (Aen. VU
413) et fuimus Troes, fuit Bium (Aen. H 335). nonnumquam
igitur fuisse idem significat quod esse desiisse. conferas etiam
Melzer. p. 32/33.
In Hercule Oetaeo verborum quota est et vitam reddere
usum, qui Birtio displicuit (p. 533 et p. 534), ab Annaeano
non abhorrere demonstravit Melzerus (p. 32). vide etiam infra
(p. tert.).
Idem Birtius in plurali popnli haesit p. 537/38: Ueber-
haupt, inquit, braucht der Dichter dieses Herkules fast ständig
bombastisch den Plural populi cf. v. 1586, 1818, 1811 und
1536 sogar Arcades populi vetusti, 1018, 1918, 1993, 1335,
855 und sonst, seltener den Singular wie 1541; dagegen hat
»-) hoc Tacbavo quoque moleatum erat, Philol. 46 p. 381.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
379
Seneka meist den Singular und würde ihn auch in der Mehr-
zahl der angeführten Stellen angewandt haben, vituperavit igi-
tur vir doctissimus quod poeta pluralem singularis loco posuit,
nam in Universum si rem consideramus, Seneca huius vocis plu-
ralem saepius singulari usurpavit93). cum Birtius contenderet
Med. 58, 484, 794, Phoen. 614, Troad. 772, Hf. 1241, Phaed.
158 pluralem adhibitum esse, quia singularis intelligi non
posset, Melzerus non solum Thy. 648 et Ag. 602, sed etiam
Med, 58 et Troad. 772 pluralem pro singulari legi dixit (p. 31).
Troad. 766 sqq. Andromacha filium suum alloquitur, quem
mox necatum iri seit ac magnopere lamentatur misera mater,
quod Scaniandrius numquam rex et dominus fiet. dicit enim
v. 771 :
Iliaca non tu seeptra regali potens
gestabis aula, iura nec populis dabis
yictasque gentes sub tuum mittes iugum,
non Graia caedes terga, non Pjrrhum trahes.
sane Birtio concedendum est hoc loco singularem populo intel-
legi non potuisse ; nara Andromacha non tarn de Troiano po-
pulo quam de omnibus eis populis cogitat, quos Astyanax rex
in dicionem potestatemque suam redegerit.
Med. 56 chorus canit:
Ad regum thalamos numine prospero
qui caelum superi quique regunt fretum
assint cum populis rite faventibus.
etiam hoc loco Birtium quam Melzerum sequi malim. verba
enim in Universum dicta sunt, itaque cum legamus ad regum
thalamos, poseimus pluralem cum populis. contra recte attulisse
videtur Melzerus locos Thy. 648 et Ag. 602. nec desunt alia
oxempla. HO 1916 poeta Alcmenam inducit quaerentem quo
loco Hercules mortuus versetur:
M) pluralis exatat in Hf. novies (191, 230, 293, 557, 560, 667, 708,
775, 1241), angularis ter (169, 382, 838); in Troad. bis (772, 1137) —
qoater (893, 1009, 1083, 1120); in Phoen. ter (265, 325, 614) — semel
(551); in Med. ter (58, 484, 794) — bis (604, 977); in Phaed. aexies
(150, 494, 529, 562, 759, 911) — bis (488, 983); in Oed. bis (573, 607)
— septies (33, 76, 396, 589, 744, 784, 874) ; in Aga. semel (602) — semel
(181); in Thy. bis (88, 648) — aexies (188, 204, 206, 411, 644, 875);
in HO dnodevicies (27, 420, 607, 608, 612, 672, 855, 1018, 1335, 1536,
1586, 1605, 1811,1818, 1871, 1876,1918, 1993) - ter (1541, 1810,1824).
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380
Aemiliua Ackermann,
iamne Elysias, o nate, domus
iam litus habes
ad quod populos natura vocat?
pluralem populos reprebendit Birtius. sed conferas
Bf. 186: nimium, Alcide, pectore forti
properas niaestos visere manes:
certo veniunt tempore Parcae.
nulli iusso cessare licet,
nulli scriptum proferre diem:
recipit populos urna citatos.
Bf. 707: Quid ille opaca qui regit sceptro loca,
qua sede positas temperat populos leves ?
praeterea afferre possum Bf. 293, Phoen. 265, Phaed. 529,
Oed. 573. maxime idoneus locus est Troad. 1136, ubi in versu
892 Helena ab Andromacha appellatur pestis cxitium lues
utriusque populi (sc. Graecorum et Troianorum) ; similiterque
nuntius dicit (1160) : uterque flevit coetus. at in versu 1136 le-
gimus : f error attonitos tenet utrosque populos. haec verba sine
dubio bombastisch dicta sunt, compares etiam quae infra hac
de re disputavi (p. tert.). differentia ergo non adest.
Tachavus haesit (Philol. 46 p. 380) in voce ultimus; cf.
BO 107: quisquis sub pedibus fata rapacia
et puppern posuit fluminis ultimi.
hoc enim loco contra usum Senecae, qui Phaed. 98, Oed. 869,
Bf. 1107, Troad. 146 adiectivum imus adhibuerit, ultimi pro
imi vel inferni positum esse. Oed. 869 legimus:
Dehisce tellus, tuque tenebrarum potens,
in Tartara ima, rector umbrarum, rape
retro reversas generis ac stirpis vices.
exstat autem similis locus Troad. 519 :
Dehisce tellus, tuque, coniunx, ultimo
specu revulsam scinde tellurem et Stygis
sinu profundo conde depositum meum.
ultimus specus idem significat quod Tartara ima. praeterea,
quod summum est, Tachavus omnino non recte contendit BO
108 ultimi pro imi dictum esse, ultimum flumen est der letzte
Fluss. homines dum vivunt multa flumina transire et saepius
in mari navigare solent. si vero mortui sunt, ultimum flumen
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De Senecae Hercule Oeiaeo.
381
(sc. Acheron) eis transeundum est. quo traiecto numquam post-
hac flumen ulluni transgredi possunt, nam Acherontis undae,
ut Vergilii verbis utar, irremeabiles sunt04).
Iara pervenithaecdisputatio ad particularum usum, qui ubi de
auctore quaeritur magni momenti est. nec tarnen necesse est Sene-
cam omnes particulas, quibus uti solebat, in omnibus tragoediis
adhibuisse (cf. Melzer p. 33). itaque si discrimen non nisi parvum
exstat, circuinspectiu8 nobis iudicandum est. etiam particulaui in
omnibus ceteris fabulis usurpatam in HO prorsus desiderari et
bis tantum (v. 710, 724) etiamnum legi contendit Ricbterus
(d. S. tr. a. p. 24). inveni etiam in HO 1406, qui tarnen lo-
cus corruptus est. Senecam hac particula perraro usum esse
iam Melzerus vidit. exstat eniin seinel in Phoen. 427 , semel
in Oed. 678, semel in Ag. 983, bis in Med. 499, 678 bis in
Phacd. 226, 705, Thy. 889, 896; quater in Hf. 492, 965, 1189,
1261, quater in Troad. 303, 570, 670, 733. itaque non differentia,
sed similitudo Richtero statuenda erat, etiamnum tradituni est
in Hf. semel 936, Troad. semel 500, Phoen. ter 176, 273, 368,
Med. bis 278, 1012, Oed. bis 618, 680, TJiy. bis 257, 914,
HO bis 710, 724, Phacd. nusquam. itaque cum Melzero quaero:
hac re num contra Phaedram suspicio nobis movebitur?
Idem Richterus aegre tulit quod saltcm septies in HO
(87, 932, 1259, 1317, 1374, 1416, 1914) legitur , in ceteris
ter tantum Med. 1015, Ag. 492, Hf. 1204 (hunc locum primus
Melzerus vidit). contra dico particulam nupcr in bis omnibus
fabulis vitatam semel exstare in Phaedra 788.
Porro Richterus in eo haesit, quod in HO particula nenipe
paulo crebrius quam in ceteris tragoediis invenitur. ncmpe
enim scriptum videmus in Hf. semel 44, Troad. ter 325, 340,
744 ö5), Phoen, bis 522, 523, Phacd. bis 244, 645, Oed. semel
76, Ag. semel 702, Thy. semel 412, HO decies 332, 353, 363,366,
369, 374, 437, 903, 1911, 1912 (cf. Melz. p. 33). Phoenissae
fabula composita est ex versibus 664, contra Hercules Oetaeus,
quae ex 1996 versibus constat, triplo maius spatium complet.
w) Vergilium hoc loco (Aen. 4, 425) non de Acheionte, sed de
Styge loqui mihi non ignotum est.
96) Troad. 933 pro sicrs perperam Richterus coniecisse videtur
ncmpe cf. Syinbola Doctorum Jenensis Gymnaaii in honorem Gymnasii
Iaenacensis collecta, particula prior p. 32.
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382
Aemiliu8 Ackermann,
itaque si sexies tantum nempe in HO exstaret, Hercules alter
optime cum Phoenissis conveniret. nunc autem, cum decies96)
ncmpe in HO legatur, auctorem huius tragoediae Richterus
vituperare ausus est. quam ob rem memorabile esse mihi vi-
detur nempe bis (HO 332 et 437) in E omissum et locum 369,
cum in Floren tino traditum sit nempe Thespides vacant, in A
autem mene Thespiades vocant, non satis certum esse 9T). prae-
terea et Leo (I p. 66) et Melzerus huic particulae id quoque
praesidio esse contenderunt, quod v. 351 — 379 quiuquies quasi
in una periodo membra argumentationis conectat. iam vero
particulas autem, ceu, comminus, nonnumquam, proprie non nisi
in Troadibus inveni (cf. v. 927, 20, 348, 904, 435). neque ta-
rnen Troades spurias dices.
Fere particulam a Senecae usu alienam bis tantum in
HO (407, 452) adhibitam esse Richterus dixit (p. 25). pri-
mum moneo fere in Etrusco omnino non traditum esse, nam
versus 407 omissus est et v. 452 fare invenitur. deinde exstat
fere Troad. 438 et fortasse 1143. qui locus corruptus est:
legimus enim in A et fere, in E autem effcrt, quod nihili est
et metrum delet. maxime igitur verisimile est Codices deterio-
res meliorem lectionem praebere.
Forte quater in HO positum (500, 522, 722, 929) offen-
dit eundem Richterum. nisi forte scriptum vidi Ag. 960 et
Phaed. 628 98). adde quod neque nusquam invenitur nisi semel
in Oed. 381. iamne concludi potest Oedipum insitivum esse?
Donec non solum semel in HO 429, sed etiam quater in
Oed. 622, 745, 760, 960 exstare Richterus ipse vidit. accedit
quod versus HO 429 in E non traditus est.
Palam legimus Ag. 258, HO 1261, 1516, 1517"). Rich-
tero displicuit quod palam Ag. 258 praepositionis vicem tenet,
contra in HO Semper adverbium est. at inter omnes constat
palam adverbium poetis et scriptoribus prosae orationis usi-
tatissimum esse, palam autem praepositionem perraro inveniri.
•9) Richterus ipse noviea tantum nempe deprehendit, recte autem
nuineravit Melzerus p. 33.
®7) HO 374 N. Hein8ius pro nempe üla certrix scribi voluit Ne-
meaca cervix (1. s. p. 442).
*•) Agamemnoni» locum iam Richterus vidit
••) locos HO 1516 et 1517 non attulit Richterus.
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De Senecae Hereule Oetaeo.
383
atque Ag. 258 (ultimum est nuptae tnalum, Palam marita pos-
sidens paclex domum) iam prima manus marita correxit in
maritij quod Richterus nuper ipse in textum recepit. differen-
tia igitur non exstat. sed pro corollario addo praepositionem
coram seniel tantum usurpatam esse Hf. 1264 (genitore coram).
Potius, quod Hf. 1265 Thy. 522, Phoen. 110, 494, Phaed.
613, 655, 622, Med. 507, Troad. 355, 694, Oet. 76, 580 re-
periatur, nusquam in HO, Oed., Ag. legi Richterus dixit.
re vera autem haec particula invenitur : Hf. 427, 1014, 1094b,
1265, Troad. 351, 650, 690, 1059, Phoen. 110, 494, Med. 507.
Phaed. 443, 612, 655, 622, Oed. 629, Ag. 308, 882, Thy. 413,
522, 1021, HO 852 (i. e. in ea parte quam Leo spuriam
aestimat) , Od. 177, 578. Hercules Oetaeus , cum etiarn in
Med. et Oed. semel tantum potius admissum videamus, pror-
sus cum Annaeanis fabulis consentit
Interim legimus Troad. 997, Phaed. 1274, HO 409 481,
930. atque cum haec particula Troad. 997, Phaed. 1274, HO
409 proprio sensu usurpata sit, habet HO 481 et 930 notionem
particulae interdum, quod vituperaverunt D. Heinsius (ap. Scr.
p. 340 sq.), Richterus (p. 25), Birtius (p. 516). sed hunc usum
in Senecae scriptis prosa oratione conditis frequentatissimum
esse vidit Melzerus p. 34. quod solummodo in HO bis in-
terim pro interdum positum est, cum haec particula rarissime
in tragoediis inveniatur, sine dubio casui tribuendum est.
adiungo particulam aäutum semel tantum in Phaedra (624)
exstare.
Hauddum HO 80 pro nondum positum esse contendit Leo
(I p. 65), qui ipse vidit (I p. 30) in E non hauddum, sed haud
traditum esse101):
HO 79: si post feras, post bella, post Stygium canem
haud astra merui, Siculus Hesperium latus
tangat Pelorus, una iam tellus erit.
ego quidem hos versus intellegere possum. neque sensus neque
res metrica postulat ut hauddum scribamus. neque alibi Her-
culis Oetaei poeta usquam hauddum usurpavit, contra nondum
septies 201, 213, 546, 774, 1159, 1614, 1884.
m) versus 409 in E desideratur.
10 ') A praebet nondum.
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384 Aemilius Ackermann,
Ultra HO 1245 idem significare quod posthac Leo recte
dixit (I p. 62). sed legas Phacd. 945:
En perage donura triste, regnator freti !
non cernat ultra lucidum Hippolytus diem
adeatque Dianes iuyenis iratos patri.
Leonera usum particularum hinc et inde Herculis Oetaei
auctori perperam crimini dedisae demonstravit Melzerus p. 34.
Bis in HO (859 et 1408) deinde ad particulam interroga-
tivam ita accedit, ut non temporis progressum indicet, sed id
quod ante dictum est cum vi quadam repetat. hunc usum sin-
gularem esse Leoni concedendum videtur (cf. Leo I p. 63 et
Melz. p. 34). sed etiam reliquae tragoediae nonnulla a com-
muni usu aliena habent. particulae ilico, citra^ iniro10*) non
nisi in Oed. exstant (v. 598, 951, 557). in Medea sola in-
veniuntur perpetuo, priusquam, quippe (v. 196, 298, 256 l03)
438). solummodo in Phaedra leguntur minime, pone, verum,
vero (v. 895, 1046, 428, 1082).
Leo (I p. 64) et Birtius (p. 516) vituperaverunt fors HO
574 pro forsan positum, a Seneca alienum. hoc loco non forsy
sed forsam legendum esse iam Birtius mihi persuasit cf. supra
p. 353. praeterea Leo ipse concessit (I p. 70) hoc argumentum
non multum valere.
Forsitan vel forsan a poetis saepe cum indicativo futuri,
multo rarius cum indicativo praesentis vel praeteriti coninngi
dixit idem Leo (I p. 63). itaque cum bis tantum in reliquis
fabulis, quater autem in HO forsitan vel forsan cum indicativo
praesentis vel praeteriti coninnctum esse animadverterit, Her-
culis Oetaei poetam contra Annaeanum usum peccavisse con-
tendit. Leo ipse apud Vergilium, Ovidium, Propertium, Tibullum,
Lucanum, Statium, Valerium deprehendit tres et triginta locos,
quibus idem admissum est104), ac non omnes poetae forsan vel
forsitan cum indicativo futuri coniungere maluerunt. Statius
enim has particulas e quibus sexies indicativum praesentis vel
praeteriti pendere vir doctissimus vidit, non nisi quater, quan-
tum scio, indicativo futuri adiunxit (cf. Silv. I 3, 62 ; 11 3, 63 ;
l01) traditum est antro.
,0*j Med. 250 quippe in E omissum eat
,04) apud Ovidium solum inveniuntnr tredecim exempla.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
385
V 3, 154; Theb. X 447). in HO forsan vel forsitan cum in-
dicativo futari coniunctum est quinquies 408, 473, 574, 912,
1429, cum indicativo praesentis vel praeteriti quater 361, 1781,
768, 1398. dubius locus est v. 1791, quo futurum legendam
esse mihi Melzerus satis probavit (p. 34). constat igitur Her-
culis Oetaei auctorem forsan vel forsitan saepius cum indica-
tivo futuri coniunxisse quam cum indicativo praesentis vel
praeteriti. itaque cum Leo ipse viderit bis106) in ceteris tragoe-
diis (Thaeä. 238, Thy. 747) et in pedestribus Senecae sermonibus
haud raro eandem licentiam inveniri, contendere audeo hac in re
Herculem Oetaeum cum Annaeano usu omnino non discrepare.
Aliud Leonis argumentum est hoc (I p. 66): pro Seneca
saepius ita adhibuit, ut ad mimen testemve qui invocatur pro-
crime accedat. Hercules Oetaeus eo a reliquis rccedit, ut pr o
non invocandis tantum numinibus addat, sed subinde idem non
arte cum alia voce conexum ut o aliasque exclamandi particulas
pönal. In Herc. Oet. pro ad numen testemve accedit v. 290,
966, 1173, 1175, 1275, 1364, 1531, non accedit 219, 770, 965,
1231, 1419 bis, 1803 10e) (cf. Melz. p. 34). itaque si rem ad
calculos vocare placet pro septies ad numen testemve accedit
et septies exlamandi particulae vicem tenet. Melzerus recte
vidit pro etiam Ag. 35 et Oed. 19 ut exclamandi particulam
positum esse, pro facinus scripsit Seneca de brevit. vitae 12, 2107).
apud Statium pro fere Semper particulae o vicem tenet cf.
Silv. I 1, 101; Theb. II 92; III 308, 370; V 324, 674, 718;
IX 14, 180; X 270, 874; XII 382. adde quod desuper, tan-
tisper non nisi in Thyeste inveniuntur (v. 163, 451, 280).
neque tarnen spurius est Thyestes.
Iam unum argumentum nondum refutatum superest inter-
,w) perperam addidit Melzerus Med. 290 et Thy. 316, quibua loci»
non forsan vel forsitan, sed fortasse exatat.
%w) HO 211 pro in A traditum in E omiaaum eat. hoc loco olini
a exatitisae coniecit Wilamowitzius. cum Iole in aequenti versu patrem
appellet, fortaaae \tHri supplendum estt (tibi si tumulum fata dedissent).
— HO 1201 traditam particnlam o retinendam esse aupra (p. 354 aq.)
expoaui. — bene Melzerus de veraibuB 1231 et 1803 diaputavit (p.
34/35). — EO 1778: o nimis felix nimis, HO 1803: pro nimis felix
nimis. hia exempliB uaum particulae pro optime illustrari Leo credi-
dii legat vir doctissimus HO 1827: o misera pietas et Oed. 19: pro
nrisera pietas.
,07) hoc exemplum et alia vidit Birtius (Philol. 03 fasc. 3 p. 430 sq.).
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:38G
AemiliuB Ackermann,
iectionem ei mihi sexies (1024, 1172, 1181, 1205, 1402, 1784)
in HO, in reliquis fabulis nusquam legi dixit Leo (I p. 69). sed
duo loci 1181 et 1205 nimis dubii sunt; nam 1181 in E tra-
ditum est potuisset mihi et in A potuissem mihi, atque cum
Lipsius potuissem ei mihi coniecisset, Birtius placuissei mihi
scribi maluit (p. 541). HO 1205 in E legimus: perdidi et
mortem mihi totiens honestam, in A perdidi mortem hei mihi
e. q. s. ,08) itaque quattuor tantum loci satis certi sunt: 1024,
1172 109), 1402 no), 1784. Leoni concedendum est hanc inter-
iectionem ceteris in tragoediis nusquam usurpatam esse, parva
igitur differentia exstat. sed cum hoc fere solum argumentum
sit quod non infirmari potest, non credibile videtur hac una
particula effici, ut Herculem Oetaeum spuriam esse cuiquam
persuadeatur (cf. Melz. p. 35). an credis etiam Herculem füren-
tem, Phoenissas, Agamemnonem fabulas non a Seneca scripta«
esse? inveniuntur enim particulae mox, furtim, istuc111), raro
undecumgue non nisi in Hercule furente 112). agite, ideot mem-
bratim, subinde in Phoenissis tantum leguntur ns). atque in
sola Agamemnone exstant oMamen 403*IU), hodie 752, 971,
interea 965, posthac 964, siquidem 306, extra 967, encliticom
-pte (suapte) 25011&). addere liceat interiectionem ei mihi bonis
poetis usitatam esse (cf. Leo I p. 67 sq. ).
Quis igitur sit auctor Herculis Oetaei noniam incertum
esse credo. omnia enim argumenta virorum doctorum, qui fa-
bulam hanc a ceterarum poeta abiudicaverunt, refellisse ac di-
luisse mihi videor. itaque cum traditum sit Herculem Oetaeum
tragoediam a Seneca profectam esse, eruditissimo illi Neronis
magistro relinquenda est.
,08) perdidi et dictum est pro et perdidi. quare verba in E tradita
retinenda esse puto.
,09) in A pro impendo ei mihi exstat impendo male.
no) A praebet et mihi.
m) traditum est istum.
ut) v. 458, 1179, 1029, 325, 1011.
n9) v. 834, 304, 170, 232.
114 j vidit Richterus (d. S. tr. a. p. 27).
"*) suapte deprehendit Schmidtius (1. s. p. 13).
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De
387
II. De unitate tragoedia e.
Deinceps, ut erat propositum, exaniinanda sunt argumenta
eorum qui Herculem Oetaeum totam et indivisam tragoediaui
esse negaverunt. exstiterunt enim qui hanc vel illatu fabulae
parteiu spuriam aestimarent. ac Swoboda quidem canticum
illud, quod legitur 1031 — 1130, cum reliqua tragoedia non
cohaerere se perspexisse opinatus est (1. s. p. 344) 11Ä). in eodem
cantico haesit Goebelius (1. s. p. 738 sq.). qui vir doctissiraus
versus 1036—1099 ab Herculis Oetaei scriptore abiudicavit
causis commotus his. verba, inquit, ,i7ftws stetü ad modos
(v. 1036)1 nequaquam cohaerent cum praecedentibus, et verstts
1092 sententiam, quae ab initio legitur (103 1 sq.) foede iterat;
versibus autem 1093 — 1099y quamquam plane vix explicari
possunt, extenuari tantutn ac debilüari verba 'aeternutn fieri
nihil (1035)' in promptu est; nec vero versus 1099 tnagis ad
ceteros quadrat; namque quid sibi vult oratio quae vocatur
directa? quid futurum poterit ? Swobodae et Goebelii argu-
menta Melzerus non satis accurate refellit (p. 20 et 27). neque
enim negavit versibus 1036—1099 digressionem contineri, neque
operam dedit, ut demonstraret totum canticum cum reliqua
tragoedia artissime cohaerere. — In scaena illa v. 742 sqq., ut ad
rem ipsam accedamus, Hyllus matri narrat Herculem brevi
spatio interiecto moriturum esse, qua re cognita chorus ma-
guopere miratus quod viribus pollentissimus ille heros, Iovis
filius, morti obnoxius est quaerit, quomodo hoc fieri possit.
quaerenti autem venit in mentem Orphei, qui, quamquam om-
nia cantu suo vicerat, mortem superare non potuit. nonne ar-
tissime canticum cum antecedentibus versibus cohaeret? nunc
quoque elucet in glyconeis 1036 — 1099, quibus chorus ma-
gnam Orphei cantus vim describit, digressionem non inesse.
hac enim re chorus probare id ipsum studet Orpheum non
minus potentem heroem fuisse quam Herculem et nos addu-
cere ut, cum vocalis ille vates mortis vincula solvere non
potuerit, nunc etiam Herculem e vita discessurum facilius cre-
damus. ubi igitur poeta a proposito digressus est?
"•) Hac de re certiorem me fecit Melzerus (p. 20).
Philologe», Supplementband X, drittel Heft. 26
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888
AemiliuB Ackermann,
Sententia quae ab initio (1031 sq.) legitur, non foede, sed
commode iteratur 1092. primum enim comperimus Orpheum
cecinisse aetemum fieri nihil, tum certiores fimus, quantus
heros Orpheus fuerit, deinde quo tempore cecinerit. cf. etiam
Melzer p. 27.
Versibus autem 1093 — 1099 extenuari tan tum ac debili-
tari verba aetemum fieri nihil quis credat? solus versus 1099
ad 1085 respicit et sine dubio bene respicit. sed cum etiam ex
ultimo Goebelii argumento appareat eum versus 1093 sq. non
satis intellexisse paulo accuratius de eis loquar.
HO 1093: Leges in superos datas
et qui tempora digerit
quattuor praecipitis deus
anni, disposuit vices;
nulli non avidi colus
Parcas stamina necfcere:
quod natum est, poterit 11 7) mori.
M. Muellerus (1. 8. p. 54) agnoscendam esse censuit sententiae
conformationem hanc : leges in superos datas et vices disposuit
qui deus tempora digerit anni. mihi verisimile videtur hos ver-
sus intellegendos esse sie : deus, qui leges in superos datas et
tempora quattuor praecipitis anni digerit^ disposuit inces e. q. s. :
quae verba verti velim hoc fere modo : Der Gott, welcher die
für die Himmlischen gegebenen Gesetze und die vier Zeiten
des schnell enteilenden Jahres anordnet, verteilte die Rollen.
So befahl er den Parzen jedem Menschen ein Gewebe gierigen
Fadens zu knüpfen. Darum muß alles Geborene sterben, recte
disseruit M. Muellerus de verbis avidi colus. colus est avidus
sui ipsius consumendi, quia hac re simul hominis vita consu-
mitur 118). non item bene Muellerus de versibus 1097 — 99 dis-
m) Quin poterit (1099) perperam traditum sit, non dubito.
"•) Verba avidi colus sie intellegenda esse negavit Koetschau (Phi-
lol. N. F. 15 p. 153). neque enim credidit fieri posse, ut colus 8ui ipsius
consumendi avidus sit quam ob rem pro avidi coniecit rapidi, sed boc
loco poeta usus est notissima illa figura quam vocant enal lagen attri-
buti. haec autem a poetis saepissime usurpata est. ac perlegas exem-
pla quae Friedlaenderus ad Martial. I 15, 7 et ad Juvenal. II 170 ad-
notavit Statins Theb. V 274 stamina appellat crudelia, sed re vera non
stamina crudelia, sed Parcae crudeles sunt praeterea affero Oed. 164,
flf. 555, Phaed. 439.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
389
putavit, quos hoc fere modo verti vult: 'Gott befahl den Par-
zen jedem Menschen die Möglichkeit des Todes zu geben.
Daher wird alles Geborene sterben können', credidit igitur ver-
bum poterit (1099) recte traditum esse, quod omni probabili-
tate caret m). in vereibus 1090 sq. legimus Orpheum cecinisse,
ut desiderium suum coniugis iterum amissae solaretnr. sed
quäle est solacium id quod omnes homines mori possunt?
Orpheo, si de Eurydices morte se consolari volebat, sine dubio
dicendum erat omnes homines mori necessarium esse190),
itaque suo iure Goebelius haesit in voce poterit. sed fere om-
nes viri docti, qui hunc locum tractaverunt, verbum poterit
corruptum esse concesserunt. pro poterit coniecerunt N. Hein-
sius (1. s. p. 587) patüur, Birtius quem Leo secutus est quod
erit, Richterus (Symbola Doct. Ien. Gym. p. 28) opus est,
Koetschau (p. 154) toleret. N. Heinsium et Richterum recte
indicativum praesentis desiderasse mihi quidem persuasum est.
nec video cur Goebelius orationem directam improbaverit. poeta
dicit :
nulli non avidi colus
Parcas stamina nectere:
ex quo sequitur:
quod natum est, (debet) mori.
Richten emendatio mihi placeret, si melius cum traditis litte-
ris conveniret. equidem credo legendum esse properat, quod
facillime in poterit depravari poterat. properat autem bene
alludit ad verba avidi colus. cum colus sit avidus, homines
mori properant. atque adiuvant me Tachavi verba haec (Pin-
iol. 48 [1889] p. 728) : wie denn Seneka properare häufig in
Beziehung auf den Tod gebraucht wie Hf. 674, 487 Oed. 129,
HO 1525, Troad. 1173, Phoen. 99. addere possum Hf. 873
et 178 m), qui locus aptissimus est :
dum fata sinunt, vivite laeti :
properat cursu vita citato
volucrique die
Muellerus contendit (p. 55) verba quod natum est, poterit mori
(1099) ideni v alere atque aeternum fieri nihil (1035), sed omnino verum
non est
1M) Hoc recte monnit Koetschau (p. 154).
in) Vidit primus M. Muellerus (1. s. p. 54).
26*
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390
A emiliug Ackermann,
rota praecipitis vertitur anni;
durae peraguut pensa sorores
nec sua retro fila revolvunt.
si versus HO 1093 sq. cum bis conferes niagnaui similitudi-
uem deprehendes. in utroque loco legimus verba praecipitis
anni, in utroque Parcae commemorantur. itaque cum II f. 178
scriptum videamus properat cursu vita citato, mihi proba-
tur etiam HO 1099 olim exstitisse quod natum est, prope-
rat mori. iam in cantico illo (1031—1130) omnia plana sunt.
Alium autem locum tentavit Goebelius, cum versus
163—172 spurios esse stotuit (p. 743). verba, inquit, v. 173 sq.
aptissime respondent versui 162, sed nihü eis rei est cum se-
quentibus versibus (163 sq.), quos etiam mtdtis aliis de causis
esse respuendos apparet , praeterquam quod contra lugentium
naturam pwjnant quae, quicumque versus 163 — 172 excndit,
chorum Oechaliarum virginum amplius diceniem indueü. nam,
postquam pairiam urbem ab Hercule captam esse atque ever-
sam pronuntiaverunt, consentaneum erat conticescere ac luctui
se tradere, sed non tales ineptias proferre. haec Goebellii ver-
ba vix digna quae redargnantur facülime refeilere potuit Mel-
zerus (p. 28).
Peiperus et Richterus cum olim opinarentur fabularum
harum cantica in strophas dividenda esse saepius nonnullos
versus spurios esse cogebantur statuere. sed cum nunc inter
omnes constet strophicam distributionem deprehendi non posse
bac de re verba facere non opus est
De Llabruckeri libello (quaestionum Annaeanarum capita
IV pars II), quem neque bibliothecae neque librarius mihi tra-
dere potuerint, tantummodo Leonis iudicium referre possum.
Habruclcerus, inquit (I p. 71), coniecü (p. 47 sq.) fabulae ini-
tium (1—232) et finem (1691 sq.) ab alio quodam solido Se-
necae operi adsuta esse, honoris causa iUutn nomino et ut
hanc laudem incolumem habeat. namque argumenta quae pro-
tulit non multum valent nec difficuUaium quas et alii et nos
cognovimus idla coniectura ista eliminatur; finem vero tragoe-
diae ponit quo terminari omnino nequü, id quod et ipsum iam
concessurum puto ; denique, quod summum est, pessimam par-
tem vitiisque refertam Senecae relinquü, quo digna habet Her-
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De Senecae Hercule Oetaeo.
391
cults Jatnent(t mdiijYiam AXcmaxac de nati reliqHtis (fec?(MWfl*
tionem : quae ab uno eodemque profecta esse quovis pignore
adfirmarim. itaque cum Leo, quamqaam ipse Herculem Oetaeum
indivisam tragoediam esse negavit Habruckeri, argumenta repu-
diaverit, facilius ferri potest, quod libellum viri doctissimi ip-
sum non inspexi.
Quid autem Leo ipse se detexisse opinatus est? qui cum olim
(I p. 71 sq.) crederefc post versum 705 non eandem Deianiram
comparere quae cum nutrice colloquinm v. 256 sqq. habuit,
versus 706 usque ad finem (v. 1996) a reliquae tragoediae auc-
tore, Seneca scilicet, abiudieavit. nunc autem, cum Birtius
(p. 511 sq.) et Melzerus (p. 15) post yersum 705 eandem Dei-
aniram in scaenam prodire penitus demonstrayerint se a vero
aberrasse Leo coactus est confiteri (Gr. G. A. p. 7 adn. 1). ita-
que maximura argumentum viro doctissimo ereptum est. atque
quamquam concessit priorem et alteram fabulae partem in re
inter se non dissentire, tarnen in virtute poetica prorsus inter
se discrepare perrexit contendere. et nunc versus 740—1996,
quos a Senecae arte alienos putavit, spurios esse statuit. sed
cum argumenta quibus ad tragoediam Senecae abiudicandam
usus est, omnia a nobis profligata sint, nemini non conceden-
dum est et in re et in virtute poetica duas eins partes plane
inter se congruere. et si Leo recte dixisset in posteriore plura
quam in priore cum Senecae usu discrepantia inveniri, id ta-
rnen, cum altera pars fere duplo amplius spatium compleat,
non multum valeret, nam pluribus in versibus etiam plura
singularia exstare consentaneum est.
Ipsam priorem partem, quam Senecae reliquit, conseusu
atque unitate carere idem Leo affirmare conatus est. integral*
inquit (I p. 74), de Herculis morte tragoediam scribere Seneca
in mente non habuit ; singulas scaenas scripsit, alteram de vir-
ginibus ex Oechalia abduetis, alteram de Deianirae zelotypia.
atque opinionem suam probare studuit argumentis his (I p. 73) :
primum enim duas scaenas habemus inter se viat cohaerentes:
siquidem unam fabulam duobus locis agi a Senecae arte cete-
rum constanter observata alienum est. deinde captivas quae
v. 135 sq. nondum sciant Trachina an Thebas abducantur,
v. 233 dudum intrassc Deianirae domum a probabilitate ni-
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392
Aemilius Ackermann,
miutn abhorret ; denique quod tantum non singulare est, in se~
cuttda scaetia alius chorus iuducitur. de primo et tertio Leo-
nis argumenta iam supra (p. 327) satis superque diximus. secun-
dum fortasse alicuius momenti esset, si Herculem Oetaeum in
scaenam productam esse crederemus. sed vel sie haec fabula
ab Annaeano usu non aliena est. Melzerus enim optime de-
in onstravit (p. 13) solere Senecam in eis quae extra scaenam
gerantur rebus temporis rationem parum diligenter instituere.
quamquaui exempla quae Melzerus attulit, sufficere videntur,
tarnen pauca ex aliis poetis addere mihi liceat. In Euripidis
Helena dum chorus tertium canticum canit pugna navalis coni-
mittitur et in Andromacha Orestes Pthia Delphos proficiscitur
eodem fabulae loco. similis yel maior licentia admissa est in
Euripidis Electra122). his igitur Leonis argumentis Herculis
Oetaei primum et secundum actum inter se discrepare nequa-
quam probatur. ac ne quis illud proferat quod Richterus edi-
tor (p. 320) statuit in Hercule altero quattuor persona^ in
scaenam procedere, moneo in Agamemnone idem fieri122*.
Melzerus, qui recte vidit versus 195 (resonetque malis
asper a Tr achin) et 224 (sed iam dominae teäa petantur) non
nisi Trachine ante regiam pronuntiari posse, prologum, post
quem scaena mutanda sit, cum reliqua tragoedia cohaerere ne-
gavit (p. 11). Leo autem, cum versus 126 (hoc ducet peeudes
e. q. s.) et 135 (ad Trachiva vocor) legisset, haec verba solum-
modo in Euboea dici posse statuit (G. Gr. A. p. 9). quam ob
rem prologum et priorem cantici partem in Euboea, alteram
partem Trachine agi credidit. Richterus (cf. edit p. 324
adn.) adnotavit: In prologo Euryti regnum in Euboea habes
(v. 100) , tum virgines captae patriam Oechaiiam proßentur
Aetolam (125 sqq.), loles lamenta Traeliine audiuntur ante re-
giam (v. 195. 224). en diver sa primi actus lineamenia! et
recte quidem statuerunt viri docti prologum in Euboea agi.
dicit enim Hercules v. 99:
Sed tu, comes laboris Herculei, Licha,
perfer triumphos, Euryti victos lares
stratumque regnum. vos pecus rapite ocius
,J*) Cf. Lindskog, Studien zum antiken Drama p. 11 adn. 2.
"=•) Cf. Kiesslingii adnotationem ad Horat., de arte poetica v. 192.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
393
qua templa tollens ora Cenaei Jovis
austro timendum spectat Euboicum mare.
huic loco concinunt verba Hylli (v. 775 sq.), qui matri narrat
Herculem pallam illam perniciosam in Euboea prope templam
Cenaei Jovis induisse. Herculem igitur in Euboea versantem
poeta inducit. chorus autem iam alibi est. legas v. 125:
iam gelidus D o 1 o p s
hac ducet pecudes qua tepet obrutus
stratae qui superest Oechaliae cinis.
illo Thessalicus pastor inops loco
indocta reterens carmina fistula
cantu nostra canet tempora flebili ;
et dum pauca deus saecula contrahet,
quaeretur patriae quis fuerit locus.
felix incolui non steriles focos
nec ieiuna soli iugera Thessali:
ad Trachina vocor, e. q. s.
apertissimum est chorum non ad Oechaliam Aetolam, sed apud
Oecbaliam Thessalam versari. dicit enim perspicue felix in-
colui iugera soli Thessali et iUo loco (sc. quo olim Oecha-
lia stetit) Thessalicus pastor nostra tempora canet et
hac qua nunc Oechalia obruta iacet, Dolops pecudes ducet.
Dolopes autem in Thessalia sedes habebant l8s).
Iolen paulo post ante Deianirae domum Tracbine loqui
iam supra (p. 392) diximus. is qui etiamnunc contendet Hercu-
lem Oetaeum ita scriptam esse, ut in scaenam produci possit,
satis fatuus est. sed forsitan quispiam dixerit cum prologus
in Euboea, cantici primi pars prior in Thessalia, pars altera
Trachine agatur, male inter se has scaenas cohaerere. re vera
autem prologus et duae cantici partes artissime inter se cohae-
rent. in prologo enim Hercules de rebus gestis gloriatur atque
narrat se Euryti regnum perdidisse. tunc chorus in scaenam
procedit et de patria urbe ab Hercule deleta querelas facit.
itaque in re ipsa canticum cum prologo consentit atque con-
"*) Itaqne poeta dicit in prologo Oechaliam Euboicam, in cantici
priore parte Oechaliam Thessalam ab Hercule everaani esee. cf. Här-
der 1. b. p. 462.
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394
Aemilins Ackermann,
cordat. neque quae Iole dicifc discrepaut cum antecedentibus
verbis. incipit enim his a versibus:
A t e g o infelix non templa suis
conlapsa deis sparsosve focos,
nafcis mixtos arsisse patres
bominique deos, templa sepulchris,
nullum querimur commune malura:
alio nostras fortuna vocat
lacrimas, alias flere ruinas
Me fata iubent.
nonne apertissime Iole ad antecedentia chori verba respicit?
chorus collapsa templa et interfectos homines questus est. at
Iolae non hac de re, sed de sua fortuna lamentandum est,
nam regis filia nunc captiva et paelex facta est. iam vides
Herculem, chorum, Iolam ita loqui velut si scaena omnino
non mutetur. quomodo autem hoc fieri potuit? Hercules
Oetaeus non fabula dytovtaxtXT) est, sed dpäjioc dvayvworixov.
nunc scaena in u tan da, nunc duplex chorus, nunc quarta per-
sona, nunc multitudo versuum satis habent excusationis cf. su-
pra p. 327 sq. et infra p. 412. nec iam dici potest nimium a
probabilitate abhorrere captiras, quae 135 nondum sciant
Tracbina an Thebas abducantur, v. 233 dudum intrasse Dei-
anirae domum. neque offensionem praebet quod poeta dum no-
naginta chori versus decurrunt (HO 1518 — 1606). mg entern
rogum exstructum et Herculem crematum esse finxit m). nunc
tolerabile est quod palla illa media in scaena ac luce Nessi
sanguine illinitur tenebris tegendo186). atque intellegere possu-
mns Deianiram, quae nutrici dicat (v. 475):
sed te per omne caelitum numen precor,
per hunc tiraorem : quicquid arcani apparo
penitus recondas et fide tacita premas,
a choro non item taciturnitatem postulare. quod Sophocles,
cuius fabulae in scenam producebantur, sibi non indulsit, cf.
Trach. 596: pövcv iwep' öp&v eü oreyotp€\r'. oxoxtp
x£v odaxpdt rcpaoaYj;, oötcox' aiayJjviQ Tieast "•).
1M) Hoc vituperavit D. Heins ius (ap. Scr. p. 325 sq.).
tn) Qnod offendit Melzernm (p. 6 sq.).
Leo tunc, cum putavit Deianiram non innocentera Neesi fraude
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Pe Senecae Herculo Oetaeo.
395
nunc id quoque feremus quod moritarus Hercules dilaceratus
in scaenam prodit ibique paulatim veneno succumbit m). ita-
que neminem non concessurum spero Herculem Oetaeum esse
Späfia dvayvcoattxöv. fortasse autem poetae ignosci non Tis
quod in eadem fabula Oechaliam Euboicam cum Oechalia
Tbessala confudit. sed bic error non tantus est, quantus vide-
tur. narrabant enim antiqui de Oechalia Thessala idem ac de
Ocbalia Euboica. legas Eustathium (ad Iliadem ed. Lipsiae 1827
p. 242): SfjXov 5£ frei EöpuTov ßaaiXea OtyaXta; ol uiv Tfjs
OercaAtxfj; eteov, ol Bk e. q. s. idem iam Strabo conimemorat
(VIII p. C 339). atque iam supra (p. 339) vidimus Senecam
nonnumquain cum se ipso discrepare. in una Oedipode fabula
dicit Laium ferro (v. 1034) et stipite (v. 769) necatum esse,
plura eiusmodi exempla collegit Harderus (1. s. p. 451 sq.).
itaque etiam haec discrepantia a Senecae arte tragica non alie-
na est.
Sequitur ut consideremus argumenta Tachavi, qui versus
104—172 spurios esse studuit probare (Pbilol. 46 p. 378 sqq.).
quia enim primos versus (1Ö4 — 106) non satis intellexit, sen-
tentiarum progressum versibus 107 — 117 turbari credidii ver-
tit autem 104—106 sie: 4 Wer bis an sein Lebensende glück-
lich ist, ist den Göttern gleich; dem aber ist das Leben ein
langwieriger Tod, wer es verseufzen muß.1 at ante Tachavum
iam Birtius rectissime vidit (p. 534) vertendum esse hoc fere
modo : 4 Wer zugleich mit dem Qlück auch das Leben verliert,
ist den Göttern gleich; für den aber, der das Leben unter
Seufzen langsam dahin schleppen muß, ist es dem Tode gleich.'
hoc poeta confirmat versibus 107 — 110: 4is, inqnit, qui mor-
tuus est, quiequam mali noniam perpeti potest'. itaque versus
107 — 110 optime cohaerent cum antecedentibus l88). nec locum
111 — 118 Tachavus intellexit. dixit enim chorum laudare eum
qui post cladem gravem aeeeptam se ipsnm vita privet. quare
captam, sed mendacem et dolosam fem in am esse, chorum consulto ab
ea neglegi et deeipi contendit. dixit enim (1 p. 72) nec quod nutrice
abseilte Amori preces fundit {sc. Deianira), td ex animi ütam sententia
facere credas : adstant enim mulieres quas sibi ex patria comües duxtrat
(v. 581).
Hoc loco Birtium (p. 529) sequor.
1W) Quam ob rem non per stolidam imitationem ex Troadibusex-
pressi sunt dicendi. cf. supra p. 837.
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396 Aemilius Ackermann,
aegre tulit quod virgines in cantici fine non consilium capiunt
se ipsas interficiendi. re vera autem chorus eum celebrat qui
in ipsa clade accipienda mortem non fugit. et haec sane alia
res est virgines eo tempore quo Hercules Oechaliam expugna-
vit mortem neque fugerunt neque nactae sunt, itaque apte
dicunt129) (v. 121):
nos non ilamma rapax, non fragor obruit:
felices sequeris, mors, miseros fugis,
stamus e. q. s.
stare idem sonare ac vivere conteuderunt Birtius et Melzerus
(p. 11), negavit Tachavus. qui vir doctissimus non recte dixit
stare Semper idem significare quod vigere vel florere. conferas
enim Valer. Flacc. VII 353 nee notis stabat (= erat) conten-
ta venenis (sc. Hecate).
Denique Tachavus haesit in versu 143. sed ipse concessit
hunc versum si cum Leone post 150 traicimus offensioni non
esse, itaque versus 104 — 172 Herculis Oetaei auctori relin-
(juemus.
Iam poscit nos Melzerus. hic vir doctissimus statuit Her-
euleni Oetaeum fabulam a poeta breviter delineatam, non abso-
lutam et perpolitam esse, composuisse eum singulas scaenas,
antequam de totius fabulae consilio et ordine satis ei consta-
ret, nam et plures inveniri eiusdem consilii scaenas et male
cohaerentes et inter se pugnantes neque dubitandum videri
quin Seneca si extremum perpoliendi operis hiborem adhibuis-
set, gemellis locis deletis in solitum versuum numerum tragoe-
diam fuerit contracturus (p. 3 et p. 13). ac primum quidem
dicendum est de eis scaenis, quas bis in HO exstare Melzerus
deprehendisse sibi visus est (p. 3 sqq.). comparavit autem HO
256 sqq. cum 410 sqq. , quia aegre tulit, quod Deianira et
v. 256 sq. et v. 435 sq. de interficiendo marito cogitat l80).
sed ego non video cur Deianira bis de eadem re loqui non
possit. atque commode Leo contra dixit (6. G. A. p. 8) : 'In
•»•) Hoc negavit Tacbau.
1M) Prius necia conailiam a Deianira haud aperte significatum eexe
Melaerua perperam contendit. quid enim hac re apertiua eese potest?
Deianira aicit
v. 305 qui dies thalami ultimua
nostri est futurus, hic erit vitae tuae.
cf. etiam v. 880.
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De Senecae HercuK« Oetaeo.
397
der großen Scene mit der Amme liegt es durchaus im Gange
des geschilderten Affekts, daß der zu Anfang das Weib be-
herrschende Mordgedanke durch die Reden der Amme, die ihn
scheinbar dämpfen, wieder angefacht wird.' hoc igitur bene
est. nec vituperare debuit Melzerus quod Deianira in poste-
riore loco propalam dicit se Uerculem necare in animo habere,
iterum enim recte contendit Leo (1. s.): 4daß Deianira den Her-
kules hatte töten wollen, konnte Seneka nicht deutlich genug
ausmalen, da es den späteren unabsichtlichen Mord vordeutet'131),
deinde Melzero displicuit quod nutrix bis ab iisdem verbis
(perimes mariium) incipit loqui (v. 315. 436). iam tertium
Leo auxilio mihi vocandus est. qui vir doctissimus recte vidit
haec verba in versu 315 prorsus aliter accipienda esse quam
in v. 436. priore enim loco {perimes tnaritum cuius e. q. s.)
poeta sententiam relativam efferri vult, posteriore vocem mari-
tim, quod ex Deianirae responso (paelicis certe meae) aperte
elucet denique Melzerus contendit extrema Deianirae verba,
quibus ampliori orationi finem faciat, simile praebere argu-
mentum: languere dolorem eam sentire et ut servet impetum,
se adhortari (v. 307 sq. v. 434/5). cum Melzero obloqui super-
fluum esse Leoni visum sit m), pauca mihi contra dicenda sunt,
de priore loco (v. 307 sq.) Melzerus recte disseruit. sane Dei-
anira cum dolorem mitigari animadvertat, se admonet ut ani-
mi violentiam integram habeat. sed haec admonitio frustra
est, nam lenior ae placidior fit Deianira, quod Melzerus ipse
concessit (p. 3). itaque in posteriore loco non sentit dolorem
languere, sed seit dolorem languisse et se non adhortatur ut
servet impetum, sed ut recuperet 133).
Porro Melzerus inter se componi voluit versus 845 sq.,
858 sq., 868 sq. ; offendit autem in eo, quod Deianira ter ferrum
eligit, ter improbat et bis (v. 846/47. 870) similis causa cur
,S1) Haec Leonis verba nemo non mirabitur. ia qui statuit versus
740 sqq. spurios esse, hoc loco dixit Senecam Deianiram de Herculis
nece tarn aperte loquentem fecisse eo consilio, ut hanc ad rem, quam
actam eaae postea (▼. 742 sqq.) audimus, animos praepararet.
IM) Dies, inquit, schien mir eines Wortes wert zu sein ; die übrigen
.Wiederholungen* nicht
tas) Ac Melzerus iam cognovit cur poeta eandem rem bis tracta-
verit. quod cum nos sciamus omnino verum non esse inutile est con-
siderare.
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398
Aeroiliug Ackermann,
ferrum improbetur additor I5U). vir doctissituus animum huma-
nuni non satis novit ; constat enim homines ira perquam con-
citatos eam rem, in qua haerent, iterare solere. ac revoco te
ad Octaviae locum, de quo aupra (p. 349) locutus aum. ridicu-
lum mihi quidem videtur argumentum hoc: accessü, quod et
Vergili locus Didonis mortem describenHs (Aett. IV 494) et
Horaii Od. III 27, 37 (levis una mors est = HO 866) ani-
mum scribentis movebant. credidit igitur Melzerus Senecam.
quem Herculem Oetaeum scripsisse non negat, tarn inibecil-
lum ac 8tolidum poetam fuisse, ut quia verbis Vergilianis et
Horatianis locum dare voluit eandem rem bis vel ter tractare
cogeretur. quis credat praeter ipsum?
Alias rerum repetitiones Melzerus repperit in versibus
884 sqq., reprehendit autem quod ter eadem sententia ab Hyllo
profertur errorem culpa vacare (885 sq. 900 sq. 983) et bis
legitur voluntaria motte Deianiram ipaam de se fateri (889.
898) et bis Deianira dicit voluntaria morte innocentiam pro-
bari (890. 899). sed mihi maxime consentaneum videtur Hyl-
lum semel iterumve idem dicere. Deianirae certum ac decre-
tum est mortem sibi asciscere et cum Hylli verbis aurem non
praebeat, hic facere non potest, quin eadem verba saepius pro-
ferat. atque cum Hyllus bis dicat Deianiram voluntaria morte
se ipsam scelere commisso arguere, etiam bis Deianira respon-
det voluntaria morte innocentiam probari. opinionem suam
Melzerus eo affirmari voluit, quod contendit iustam senten-
tiarum Seriem versibus 895/96 male interrumpi et verba qui-
bus Hyllus sperari posse dicit etiam ex hoc certamine Hercu-
lem ut soleat victorem discessurum esse (v. 911 sq.) melius legi
post eos versus, quibus vivere adhuc illum Hyllus pronuntiet
(v. 893/94). si in loco aliquo contextus dicendi intermittitur
verisimile est locum male traditum esse, itaque correctura
hic locus Melzero sanandus erat, iani multis annis ante Mel-
zerum Birtius vidit (p. 540) in versu 897 pro virum sequeris
scribendum esse virum sequaris. ac sane recte Birtius emen-
davit, habeo enim similem locum, quo Phaedra dicit (Phaed.
254) virum sequamur, morte pracvertam nefas. nec de Hylli
'•*) Talia tolerabilia esBe MelteruB ipse contendit p. 29. cf. ropra
p. 341.
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De Seaecae Hercnle Oetaeo. 399
verbiß quicquam veri statuit Melzerus. cum Deianira in yersu
892 dicat vitam reimquere et Alciden sequi in animo se ha-
bere, Hyllus apte respondet ei non sequendum esse virum qui
nondum mortuus sifc. in versibus 910/11 Deianira, quia Her cu Iis
necis culpam sibi attribuit, de se interficienda cogitat. iure oblo-
quitur Hyllus: ,tibi culpa ulla omnino non attribuenda est,
nam Hercules non morietur, sed malum vincet atque ipse vi-
vet1. itaque utroque loco Hylli verba optime cum antece-
dentibus conveniunt ideo perperam dixit Melzerus his rebus
certe efficüur, ut haud ita bette singula disposita esse putemus :
scripsit nimirum poeta, ut quaeque cogitanti se obtulerunt.
Idem Melzerus baesit in versibus 970 — 1002. vix enim,
inquit (p. 5), ferri potest, quod post longas Utas de mortis
dubitationes denuo Deianira eodem revolvitur. quae si
sola leguntur, optima sunt, si post illa (845 sq.) legentes defati-
gant. Utrum hoc recte dixerit necne sane dubium est; nam
alii eisdem rebus delectantur, quae alii fastidiunt. cur autem
poeta Deianiram ita conquerentem induxerit infra (p. 412)
dixi. et id quod vir doctissimus contendit versus 970 — 1002
non apto loco collacatos esse ad irrituui redegi p. 404 sq.
Melzerus etiam aliam scaenam bis elaboratam se inve-
nisse credidit. comparavit enim versus 1131 sqq. cum 1336 sqq.
et iudicavit sie : priorem scetiam scripsit Sophocletn secutus qui
solum fecit Hereulem lamentantem. mox in cogitationem inci-
dit optimam novandi aliquid praeberi oecasionem Alcmena in
scenaan missa. Itaque posteriorem composuit. Sed ingenio
quanwis uberrimo in üla scribenda exhausto, quid adderet novi,
non habuit. iam vir doctissimus novem locos in priore scena
exstantes cum novem quae in posteriore inveniuntur conferri
voluit non cognoscens, quibus causis impulsus poeta Alcmenam
dolentem in scaenam produxerit. noimullos locos inter se simi-
les exstare mihi consentaneum ac necessarium esse videtur.
conferas autem quae hac de re infra (p. 412) exposui.
Canticum (v. 1518 sqq.) duas inter se simillimas partes
coutinere Melzerus satis fortiter contendit (p. 6), tarnen om-
nino id verum non est. virum doctissimum si legere potuisset,
quae Leo contra dixit (G. G. A. p. 8/9) hoc argumento non
usurum fuisse verisimile est.
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400
A e m i 1 i u 8 Ackermann,
Item falso credidit (p. 10) poetam locum (v. 1758—1831)
postea (v. 1840 — 1939) iterum tractavisse186). dixit autem a
versu 1840 tamquam de novo Alcmenam ordiri lamentari et
multa lM) hic repeti, quae iam antea legantur. qnod si Melzerus
reputasset, quid omnino sibi velit Hercules Oetaeus fabula,
hoc argumentum non protulisset (cf. infra p. 412).
HO 51 in E traditum est pars quota est Perseus mei ?,
in A pars quota est quam prosequor?. adnotavit Melzerus
(p. 12) In tarda lectionum diver sitate num aÜeram ex altera
ortam esse putabimus ? miniine vero : neque enim errore oriri
potmty cum utraque optimum praebeat sensum neque scribae
emendatione, cum non esset, cur emendaretur aut cur sie emen-
daretur. Sed ita, ni fallor, res se habet : scripsit Seneca pri-
tnum: tpars quota est Perseus mei?i fortasse postea locum illu-
straturus pluribus exemplis additis. Cum autem procedente
opt re eo pervenisset, ubi eos etiumerare placuit, qui minoribus
virtutibus caelestem sedem meruerunt, ÄpoUinem, Bacchum, Per-
seum (v. 92 sq.), priora respiciens delcvit Uta verba, apposuit :
'pars quota est quam prosequor?' 136 ) haec Melzeri verba in dul-
cedinem fabulae composita sunt, sed a vero satis abhorrent. Co-
dices deteriores non solum depravati, sed etiam interpoiati sunt,
atque auetor lectionis A non scriba stultus, sed homo doctus
erat, quod (ante Melzerum) iam Leo cognovit (I p. 1 sq.). nec
Melzerus potuit intellegere, cur auetor lectionis A hunc locum
emendaverit. sed constat eos versus eraendari solere qui cor-
rupti sunt, itaque in eo exemplari, quod interpolator ante oculos
habebat, hic locus depravatus erat, haec res num nimis mira est?
Aegre id quoque tulit Melzerus, quod vidit Herculem bis
(v. 30. v. 52 sq.) dicere: mundum exhaustum Iunoni feras ne-
gare in se mittendas. hanc ob rem poetam non vituperandum
esse, infra (p. 411) explieavi187).
Melzerus etiam vidit qua de causa poeta eandem rem bis trac-
taverit: ttenim, inquit, ingenium satis fecundum nondum ex hauser at , sed
multa et praeclara, quae äiceret habebat. haec multa et praeclara con-
stant ex sex versibus a Melzero allatis.
m) Sex inter se sinnlos locos invenisse sibi visus est.
m') Verba pars quota est quam prosequor a Seneca, qai creticos
non coalescentee perraro in trimetri fine posuit (cf. supra p. 349), pro-
fecta esse veri dissimile est.
m) Coloria inferendi causa Senecam falso bis idem scripsisse Mel-
zerus credidit.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
401
Proximum est, at consideremus, quibus de causis Melzerus
dixerit inveniri in Hercule Oetaeo nonnulla quae parum inter
se concinant (p. 6 sq.). illud primum argumentum, quod media
in scaena palla Herculi mitten da Nessi sanguine illinitur
(v. 565/66), iam supra (p. 894) refutavimus. et corruptum ac
lacunosum locum (v. 715 sq.) quisquam cum Melzero argu-
mentum putabit? praeterea viro doctiasimo displicuit, quod
non satis apparet. utrum forte casuque, ut in Sophocle, an
praesagiente animo ut rem experiatur Deianira vellus, quo
Testern Herculi miasam tinxerat, solibus exponat sed hoc ar-
gumentum idem est atque antecedens, nam loci corruptione fac-
tum est, ut hanc rem nesciamus.
Etiam in Hylli moribus describendis poetam certum con-
silium aut non habuisse aut non tenuisse idem Melzerus con-
tendit (p. 7). haesit enim in eo, quod Hyllua praesente matre
paulo placidioribus verbis quam absente ea utitur (cf. v. 914 sq.
et y. 1027 sq.). sane concedo Hyllum antea (v. 914) dixisse
matrem suam cum Nessi fraude decepta sit scelus non com-
misisse. contra in versibus 1027 sq. sie loquitur:
o misera pietas: si mori matrem vetas,
patri es scelestus; si mori pateris, tarnen
in matre peccas — urget hinc illinc scelus.
inhibenda tarnen est, verum ut eripiam scelus.
tarnen non recte Melzerus aduotavit pulcherrimus kic locus
esset, si scelere matris patrem mori Hyllus putaret ; nunc inep-
tissimus est, cum Nessi fraude illum iacere sciat. legas Hylli
verba (v. 1030):
inhibenda tarnen est, verum ut eripiam scelus,
ex quibus elucet Hyllum voluntariam Deianirae mortem maius
scelus putare quam Herculis necem a Deianira commissam.
postea Hyllus dicit (v. 1421) : scelere matemo hie perit, Fraude
illa capta est. ergo Hyllus quam vis probe sciat matrem fraude
deeeptam esse, tarnen facinus eins appellat scelus. in Hercule
furente Hercules amens liberos et coniugem necat. et Amphi-
tryon quamquam privignum suum furore impelli vidit (cf.
v. 952 sqq., 973 sqq., 991 sqq.), tarnen in versu 1004 Herculis
factum scelus appellat:
scelus nefandum, triste et aspectum horridum.
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402
Aemiiiue Ackermann,
idem Amphitryon dicit v. 1200 :
Luctus est istic tuus
crimen novercae: casus hic culpa caret
et v. 1237: Quis normen usquam sceleris errori addidit?
quamquam ipse addiderat. itaque Amphitryon idein facit qnod
Hyllus, nam Hercules cum furat facinus eius scelus appellat.
cum autem Hercules animi compos sit, errori nomen sceleris
addendum non esse dicit ac revoco Melzerum ad se ipsum
(p. 28) : ita enim, inquit, solebant veteres iudicare, qui ex facto
et deorum numine nullam putabant sceleris esse excusationetn.
Aliam atque maiorem discrepantiam in HO admi&sam esse
idem vir doctissimus statuit verbis bis (p. 7) : Quoniam enim in
<hta morüunis Hercules scena elatus erat, duabus omnino ra-
tionibus fabula continuari ac finiri potuit: aut narranda erat
Herculis mors et apotheosis aut ipsi erat in d-eoXoyslq) apparen-
dum. utrumque in Hercule Oetaeo fieri videmus. quae si Mel-
zerus recte dixisset, poeta sane vituperandus esset, sed re vera
Herculia apotheosis omnino non narratur. in versibus 1607 —
1757 nuntius nusquam huius rei mentionem facit quam ob
rem vir doctissimus nobis probare conatus est in ea lacuna,
quam Leo post versum 1754 statuit, Herculis consecrationem
olim narratam fuisse. quod ut demonstraret attulit versus 1645,
1703, 1709, 1725, 1603, 1610 — 16. singulos locos tractare
non opus est, nam alteri138) prorsus nihil valent139), de alteris
infra (p. 410 sq.) disputavi. recte statuit Melzerus hoc Sed aut
combustum et mortuum esse Herculem dicendum erat aut ipso ex
solo ad astra illum ascendisse. itaque satis bene viri doctissimi
argumenta refellam, si demonstrabo nuntium (i. e. Philoctetam)
13s) Cf. verba Leonis (Gr. G. A. p. 9): 'Aber dazu muß er annehmen,
daß der verlorene Schluß des Botenberichts die Apotheose enthalten
habe ; wahrend alles vorher und nachher, das Gespräch des Boten mit
dem Chor wie die Klagen Alkmenes und die Erzählung selbst, nichts
enthalten, als daß Herkules mit unerhörter Tapferkeit den Tod erdul-
det hat. Die Apotheose haben die Menschen nicht gesehen' e. q. s.
iwj HO 1608: chorus dicit:
laeto venit ecce voltu
quem tulit Poeans umerisque tela
gestat et notas populis pbaretra».
Herculis beres.
Melzerus quaerit An laeto voltu Philoctetam ab Herculis funer e venturum
esse ptitamus (v. 1603), nisi victor ignes evasisset heros? sed in propatulo
est Philoctetam eo gaudere quod Heroulis sagittas hereditate accepit.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
apertissime dicere Herculem mortuum esse, quaerit chorus
v. 1607:
Effare casus, iuvenis, Herculeos precor
voltuque quonam tulerit Alcides necem.
respondet nuntius quo nemo vitain. supplendum igitur est
Hercules eo vultu necem tulit quo nemo vitam. itaque apertissime
Philoctetes Herculis mortem narrat, quod Melzerum nunc con-
cessurum spero. ipse iam hunc locum vidit et adnotavit quod
autem chorus primis verbis Philodetam interrogat ,quonam vultu
tulerit Alcides necem (v. 1608)\ non obstat huic opinioni. miram
enim rem suspicari non potest. praeterea vel ideo ita interrogari
voluit Seneca, ut responderi possit egregie (v. 1609) : ,quo nemo
vitam'. lubenter concedo eo, quod chorus illo modo interrogat,
nihil probari ; sed Philoctetae responso probantur omnia. acce-
dit quod chorus suspicari potujt Herculem in caelum recep-
tum esse, est enim suspicatus in versibus 1564 sqq. et v. 1595 sqq.
dubitavit, utrum Hercules in caelum an ad inferos ierit. quin
etiam Senecam coloris expingendi causa inducere nuntium plane
falsa narrantem Melzerus videtur contendisse, quod tarnen ne-
minem uro quam approbare credo. nec magis Melzero fides
h abend a est cum dixit Denique quod non ante omnia intei' deos
receptum esse Herculem nuntius pronuntiat, inde factum esse
videtur, quod totum Senecae animum occupaverat color ille : inter
labores Herculeos ignem quoque abisse. an Senecae aniraus ita
mediocris erat? sine dubio Melzeri argumenta nonnumquam
satis mira sunt et qoamquara huic rei obloqui operae non pre-
tium esse videtur, tarnen infra (p. 410) pauca verba de hoc
argumenta feci140).
HO 1831 sqq. Hyllus per octo tantum versus loquitur.
quare Melzerus dixit (p. 10) Quae vero media leguntur Hylli
et Älcmenae verba (v. 1831 — 9), ipsa quoque scenam faciunt
aut non perfcctam ab auctore aut misere traditam. Pauca
enim haec Hylli verba non sufficiunt. Sed etiam si excidisse
(juaedam, ut supra diximus (p. 9 adn.), putemus, male haec
cum ultima fabidae scena coneinunt, in qua, quamquam non
est, cur weisse Hyllum existimemus, nullus respicitur : at prae-
"°) Sex illaa cauaas quibus comniotum Senecam Herculis apotbeo*
sim de&cripsisse Melserus putat, noniam opus est considerare.
Philologe, Supplementband X, drittes Heft. 27
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404
Aemilius Ackermann,
sentem filium neglexisse divum patrein vix par est. utrum
pauca Hylli verba sufficiant necne, in dubio relinquo, natu cer-
tum est post versum 1839, qui cum sequenti omnino non cohae-
reat, lacunam exstare. atque in ultima scaena Hyllus sine
dubio adest. ante versum 1940 in £ legimus inscriptionem
vox Herctdis et idem (sc. Alcmena, Hyllus), in A Hercules
Alcmena. Melzerus saepius eo peccavit quod lectiones E et A
idem valere credidit. Hercules autem Hyllum non corapellat,
quia ei iam non cum filio sed cum matre verba facienda
sunt1*1), venit enim quasi deus ad terras, ut dicat (v. 1972):
praesens ab astris, mater, Alcides cano:
poenas cruentus iam tibi Eurystheus dabit;
curru superbum vecta transcendes caput.
me iam decet subire caelestem plagam:
inferna vici rursus Alcides loca.
Scaenas vero male inter se cohaerentes in HO bis inveniri
Melzerus opinatus est. statuit autem hoc (p. 5) : adde quod ne
loco quidem apto coUocata sunt (sc. haec verba). nam r. 9H6
—963 ad inferos iam descendisse Deianira sibi visa est, poe-
nam sociasque sibi elegit, neminem sui parem inveniri doluit.
haec 0})time continuarentur v. 1002 sq., quibus furios praesentes
se videre opinatur. v. 964 — 970 eo nimirum consilio inserti
sunt, ut de morte Herum verba possent fieri ; cum eis, quae ante-
cedunt, vix cohaerent. primum igitur vir doctissimus dixit ver-
sum 963 optime continuari versu 1003, deinde versus 964 —
970 tan tum insertos esse, fortasse per iapsum calami scripsit
970 pro 1003, sed non satis certus sum. non invitus concedo
et v. 936 sq. et v. 1003 sq. Deianiram de inferis loqui, sed inter
hos duos locos magna est differentia. priore enim loco scele-
rati homines, qui apud inferos poenas dant, enumerantur, po-
steriore ei nobis ante oculos proponuntur, qui poenas accipiunt.
atque utroque loco Deianirae verba plane cum antecedentibus
congruunt. postquani nequissimarum mulierum mentionem
fecit dixitque (v. 962) :
in hanc abire coniugum turbam libet;
sed et illa fugiet turba tarn diras manus,
) Hyllus, quem divua pater non appellet, loqui non audet.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
405
8e re vera minus noxiam fenrinam esse quam illas bene affir-
mat verbis his (v. 964):
invicte coniunx, innocens animus mihi,
scelesta manus est. e. q. 8.
iu vsb. 984 sq. Deianira a filio necem petit. atque cum dixe-
rit (1000):
patet ecce plenum pectus aerumnis: feri.
scelus remitto, dexterae parcent tuae
Eumenides ipsae
aptissime ei in mentem venit ipsi furias instare poenas acci-
pientes.
Prologum, post quem scaenam mutandam esse censuit, cum
reliqua tragoedia non cohaerere Melzerus perperam contendit
(p. 10 sq.). sed quomodo haec res se habeat, iam supra satis
superque explicavimus (p. 392 sq.). vidimus enim Herculem
Oetaeum esse opapa Xexxixöv. contra dicet aliquis hac re satis
demonstrari Herculem Oetaeum a Seneca, qui tragoedias non nisi
populo spectandas scripserit, esse abiudicandam. quid Leo de
Phoenissis ? itaque, inquit (1 p. 82), hanc scaenam non scripsit
Seneca eo consilio, ut solidam inde tragoediam faceret nec populo
spectandam nec amicis audiendam, verum ut aptum declamationi
suasoriae142) argumentum, locastam scilicet filios suos ab ultimo
discidio dehortantem, versibus tractaret. si Seneca hanc scaenam
neque spectandam neque audiendam scripsit, legi eam voluit.
8Ünili consilio ac Phoenissas Herculis Oetaei scaenas Leo, cum
versus 1- 740 tantum genuinos agnoverit, originem debere
statuit (I p. 82). versibus 1 — 740 continentur actus primus,
secundus, tertii prima scaena. supra vidimus (p. 393 sq.) hos
actus nequaquam inter se discrepare. si igitur Leo concessit
Senecam scaenam unam vel tres actus tragoediae in uBum lec-
tionis scripsisse, etiam concedere debet Senecam tragoediam
legendara totam dare potuisse. sed fuerunt qui totam Hercu-
lem Oetaeum fabulam spuriara iudicarent. atque hi fortasse
argumentum esse volent, quod HO in scaenam produci non po-
test. sed certe a Graecis poetis Spaptaxa avayvwaiixa scripta esse
inter omnes constat (cf. Griech. Litteraturgeschichte ed. Christ 3
,4t) Cf. Leo 6. G. A. p. 6 adn. 2.
27*
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406
Aemilius Ackermann,
p. 279). utrum poetae liomani talea fabulas fecerint necne,
non satis certo 9cimus. et quamquain Birtius mihi penitus
probavit (p. 528 sq.) Senecae tragoedias in scaenam produci
non posse, tarnen Schanzius nuperrime (a. 1901) in litterarum
Romanorum historia (II 2 p. 52) contrarium contendit. itaque
anquirendum est, num in Senecae tragoediis ipsis indicia in-
veniri possint, quibus affirmetur eas in scaenam produci non
{»osse. atque affero Leonis verba haec: 'Immerhin beweisen auch
bei dieser verschwindend geringen Teilnahme des Chors an der
Handlung die Scenen, in denen der Chor mit einer Person
redet oder Wechsellieder singt, das 8 auch in diesen Stücken
Chor und Schauspieler auf gleichem Boden agieren. Senekas
Stücke sind, gleichviel ob für Aufführung bestimmt oder nicht,
für die römische Bühne gedacht, die für Chor und Schauspieler
Platz hatte; sie könnten natürlich auch vor dem hellenischen
Proskenion gespielt werden' (cf. Mus. Rhen. 52 p. 513). si cum
Leone statuimus Senecae tragoedias in scaenam produci posse,
etiam credendum est chorum partes suas egisse eodemque
loco quo histriones versatum esse, atque revoco te ad Phae-
dram Annaeanam. iam mirabile est, quod nescimus, utrum
chorus ex mulieribus an e viris constet143). sed alia sunt magis
mira. legas haec (v. 824):
Quid sinat inausum feminae praeceps furor?
nefanda iuveni crimina insonti apparat.
en scelera! quaerit crine lacerato fidem,
decus omne turbat capitis, umectat genas:
instrnitur omni fraude feminea dolus14*),
chorus igitur Phaedrae facinus damnat, contra in Hippolytum
benevolus est, quod ex versibus quoque 821 sq. aperte elucet.
atque hic idem chorus, qui Phaedrae delictum scelus appella-
vit, adest in ea scaena, qua Phaedra Theseo narrat se ab
Hippolyte vi affectam esse, quid facit chorus? nonne Hippoly-
tum defendit? immo vero omnino nihil dicit, silentio contentus
est. idem chorus, quamquam Hippolytum favore amplectitur,
tacet, cum Theseus a Neptuno tristissimnm illud donum petat.
us) Cf. Leo (1. b. p. 411 adn. 3).
U4) Id quod chorus hoc loco de rerum progreasu refert Leo ipse
•Stilwidrigkeit' dixit (1. s. p. 512 adn. 3).
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De Senecae Hercule Oetaeo.
407
hic chorus, qui Semper silentium tenet, cum lingua uti maiime
nece8se sit, num partes egerit in tragoedia eodemque loco ste-
terit atque histriones ? fac te esse spectatorem. audivisti cho-
rum nonnumquam cum histrionibus locutum esse (cf. v. 358.
404). audivisti eum deos rogavisse, ut Hippolytuni tutarentur
(cf. v. 821). audivisti eum Phaedrae factum valde vituperare
(cf. v. 824 sqq.). cum autem res maxime flagitet, ut chorus
loquatur, operae non pretium esse putat pauca verba facere,
quamquam nihil obstat ; neque enim antea promiserat se taci-
turum esse, quae si ante oculos fieri videres, Phaedram inep-
tam fabulam esse diceres. ac tale quicquam non commisit Eu-
ripides, quem in Phaedra componenda Seneca secutus est,
Euripides ille ab Aristotele vituperatus, quod chorum non satis
participem actiouis reddat 146). apud hunc poetara chorus Phae-
drae promittit se nihil proditurum esse (cf. Hipp. v. 710 sq.),
tarnen postea, ut Hippolyt um defendat, valde operam dat (cf.
v. 891sq., 8998q., 1036 sq.). perperamne igitur Leo contendit cho-
rum Annaeanum personae partes agere atque eodem loco quo hi-
striones versari? non prorsus falso hoc vir doctissimus dixit, nam
saepius chorum cum persona aliqua loquentem Seneca fecit. ita-
que modo partes suas agit chorus, modo non agit. quod non
tolerabile fit, nisi Phaedram putas esse 8p£u.a Xexxtxov. ac nunc
saue chori taciturnitatem ferre possumus. accedit alterum ar-
gumentum, quod iam Birtius vidit (p. 529): 'Theseus {Pliaed.
1247 sqq.) singulas lacerati filii corporis partes diligenter spec-
tat atque perlustrat, ut eas agnoscere totumque corpus resti-
tuere possit'. talem fabulam in scaenam produci Oskar Wilde,
cuius Salome horrorem movet ac taedium, fortasse vellet, sed
Senecam idem sibi permisisse incredibile videtur. his de causis
concedendum esse censeo Phaedram esse tragoediam lectioni
destinatam. adde quod etiam in ceteris fabulis nonnulla indicia
eodem spectant. in Agamemnone non solum duplex chorus in-
ducitur, sed etiam quarta persona procedit. Oedipus fabula
sex constat actibus. alia argumenta collegit Birtius (p. 529 sq.).
Ac Pais (II teatro di Seneca) Phoenissas, Oedipodem, Agamem-
,4*) Ars Poet. c. 18: xal xöv yopbv Bk Iva isl GnoXaßalv töv özoxpaöv
xai fidptov etvat xoö £Xoo xai ouva-fW^sofrat &OT*p E'jpiTtiÖij dXX' »orsp
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408
Aemiliu8 Ackermann,
nonem, Herculem Oetaeum tragoedias propterea potissimnm
spurias esse statuit, quod eas in scenam prodaci non posse
sensit, itaque fortasse nemo negabit Herculem Oetaeum eo,
quod est 5pä(ia dvayvtoaxtxov, a Senecae fabulis non abhorrere.
III. De consilio poetae.
Qnibus rebus expositis satis me demonstravisse spero Her-
culem Oetaeum totam et indivisam a Seneca scriptam esse
tragoediam, quam non spectari sed legi poeta voluit. alia vero,
ut tertiam opusculi partein aggrediamur, est vis fabulae lectae,
alia in scaenam productae. at fortasse quispiam quaeret: ksi
Seneca non e scaena animos spectatorum movere in animo
habuit, quäle fuit eius consilium, cur similem rem atque in
Hercule furente iterum tractavit' I46) ? Seneca non solum poeta
tragicus, sed etiam Stoicus pliilosophus erat, ac pbilosophia haec
fortasse nobis suppeditat consilium, quo ille Herculem Oetae-
um scripserit. iam de parte morali et huius sectae et Cynicae
institutionis perpauca mihi referenda sunt. Cynici, ut postea
Christus, imprimis plebem adibant. virtutem esse praedicabant
<fpovrjaiv, quae labore conciliaretur. voluptateiu a plurimis ho-
minibus exoptatam, qua cpp6v7jatg in periculum adduceretur,
maxime vilem esse atque noxiam. contra bonum putandum
esse laborern plurimis odiosum, nam eo cppövyjatv impetrari.
his de causis Cynici Herculem tutelam et exemplum imitan-
dum credebant. neminem enim tarn negotiosam et molestam
vitam tarn fortiter et audacter communis utilitatis causa egisse
qualem praestantissimum illum heroem (cf. Zeller, Griech.
Philos. II 1* p. 306 sq.). propinqui autem erant Cynicis et
finitimi Stoici philosophi (cf. Zeller III l8 p. 350). Stoici
quoque ab hominibus postulabant, ut numquam disisterent
omnibus civibus prodesse (cf. Zeller 1. s. p. 237) ; et una de
nmltis virtutibus erat «pcXorcovia (cf. Zeller 1. s. p. 241 adn. 2).
Stoicus pliilosophus altior esse debebat omni incommodo. pau-
,4Ä) Herculem Oetaeum fabulam post Herculem furentem ortam
esBe mihi probavit Leo (I p. 53).
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Do Senecae Hercule Oetaeo.
409
pertas, dolor, morbus, contuiuelia, mors animi constantiam
fraugere non poterant; contra voluptas contemnebatur (cf. Zeller
1. s. p. 215 sq.). vir vere Stoicus cupiditatum expers, beatus
ut Iuppiter ipse , nulla re indigebat, nullo malo premebatur
(cf. Zeller 1. s. p. 251). talem perfectissimum hominem re
vera rarissime vel numquam vixisse cum Stoici ipsi non igno-
rarent, exemplum autem optimi viri desiderarent , Herculem
specialen philosophi vere Stoici esse statuebaut, hunc enim
putabant, ut ait Seneca (de const. II 1), invictum laboribus,
contemptorem voluptatis et victorem omnium terrorum (cf.
Zeller 1. s. p. 269 et p. 334). atque in nodum difficillimum
incidebat, cui nodus Herculaneus expediendus erat; cf. Senecae
epist. 87, 33. itaque et Cynici et Stoici Herculem exemplum
ad imitandum sibi ante oculos proponebant. quare consenta-
neum est hos philosophos insignis berois robur ac virtutes
illustravisse et celebravisse. auctor est Diogenes Laertius
(VI 16) Antisthenem scripsisse tres hos libros : HpaxXf); 6
jui£ü)v f) nepl iayuot; , 'HpaxXVj; rt Mtöa; , 'HpaxXfj; icepi
^poWjaews t) taxuo; 147). ab eodem traditum est (VI 80) Dio-
genem Sinopeum HpaxXea tragoediam fecisse148). nec non
memorabilia mihi videntur Teletis philosophi (in fine tertii
saeculi) verba haec : xa! 'HpaxXea jiev d>s äptarov avopa ysyc-
vöxa i7ratvoöuev (cf. Teletis reliquiae ed. 0. Hense p. 20).
perpauca igitur de Hercule scripta ante Christum natum orta
memoriae prodita sunt, sed summi momenti est tragoedia illa
'HpaxX^s, quam scripsit Diogenes, plura imperatorum Roma-
norum temporibus apud Stoicos philosophos invenimus. legi-
mus apud Senecam (de beneficiis I 13, 3): Hercules nihil sibi
tricit; orbem terrartim transivit non concupisccndo, sed iudicando,
quid vinccrä, malorttm hostis, bonorum vindex, terrarum maris-
quepacator. Cornutus Leptitanus capite tricesimo primo libri, qui
£jriSpouj) iwv xaxa tt^v 'EXXijvixTjv $£oXoy:av TCapaSeSouivwv in-
scribitur, Herculis gloriam exornat. Epictetus Hierapoli Phrygia
natus occasione data Herculis industriain atque laborem laude de-
corat (cf. manuale I 6, 33; II 16, 44—45 ; III 22, 57; IV 10, 10).
unde unus locus afferendus videtur 11126,31: 6 £' cHpaxXf^
147 ) Hercules minor fortasse spurius erat.
Hanc tragoediam genuinam faisse non satis conatat.
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410
Aemilius Ackermann,
a7iao7}£ yf)5 xai {raXaiTTj^ dcpxwv xal f/yejKbv f/V, xafrapTTj; aot-
xia; xaE dvouias, etaaywyei); 6e dixouoauvrj; xal öoiottjto; xai
xauxa £rcotsi xal yujivö; xai p,6vo£. Heraclitus Honieri inter-
pres capite tricesimo tertio twv 'Üjirjpixtöv dXXTjyoptöv Her-
culem tractat. saepius Dio Prusensis, quem Chrysostoraum
vocant, Herculis nientionem facit (cf. indicem editionis Arni-
miani II p. 355). cuius oratio octava maxime nobis opem fert
atque auxilium. mihi enim probaverunt E. Weber (de Dione
Chrysostomo Cynicorum sectatore p. 140) et Arnim (Leben
und Werke des Dio von Prusa p. 265) Dionem hac oratione An-
tisthenis Herculem maiorem imitari. itaque Herculis exemplo Dio
affirmare studet laborem booum esse atque a paragrapho XXX.
usque ad XXXV. Herculis labores, propter quos superatos heroem
post mortem deum creditum esse dicit (§ 28), enumerat et illustrat.
nec hoc satis, sed etiam £yxwu.lov 'HpaxAeou; idem Dio scripsit
(cf. Suidas s. v. A. et Arnim, Leben und Werke p. 155) 148').
lam suspicainur, cur Seneca Herculem Oetaeum compo-
suerit. nam in Hercule furente nil fere nisi ipsum furorem
nimirum descripserat; iam vero etiam sublime exemplum viri
vere Stoici legentibus proponere voluit. hoc si in animo ha-
buit, Herculem quam maxime laudibus efferre debuit; quod
studiose diligenterque exsecutus est. enixe enim operam dedit,
ut aerumnis invictum praedicaret. quin etiam omnia fere ex-
aggeravit, adauxit, cumulavit; sie enim itur ad astra; sie
homo deus fit. agitur de summis rebus Stoicae religionis.
quare etiam illam de furore inseruit scaenam, ut Herculem
furorem quoque faceret vincentem 149). eandem ab causam
Herculem in rogo positum dolores et mortem prorsus contem-
nentem (v. 1741 sq.) finxit 160). eadem de re Herculis aerum-
nas iterum iterumque commeraorare non cessavit lM) et nun-
tium insuper induxit compluriens dicentem ignem quoque ab
Hercule perdomitum esse l62). etiam divinis laudibus Seneca
Herculem ornavit velut Christum Christiani, ut quasi religionem
Herculeam poeta tradere et propagare dicendus sit. sei licet Her-
**•*) Arnimium sequor.
tt9) Cf. Bupra p. 336. 1M) Cf. supra p. 339 et Melzer p. 27.
Hoc aegre tulerunt D. Heinsius (ap. Scr. p. 347 aq.) et Rich-
terus (de S. tr. a. p. 80).
"») Cf. supra p. 403 et 402.
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De Senecae Hercule Oetaeo
411
cules Christusque sunt dei et ruulieris mortalis filii. uterque
est acoTTjp dtvä-pamtüv. cum enim Christus peccata mundi in se
8usceperit, Hercules sibi proposuit consilium hoc HO 1701 :
si pace tellus plena, si nullae gemunt
urbes nec aras impias quisquam inquinat,
si scelera desuut, spirituui admitte hunc, precor,
in astra.
Christus cruci sufh'xus, Hercules flammis consumptus est. in
rogo lovis filius, quia dolores vicit, astris dignum se praebuit
(cf. HO 1713). etiam in eo cum Christo comparari potest,
quod post mortem inferna loca superavit (cf. HO 1976) et
deus quoque factus est (cf. HO 1942). iam certum videtur
Senecaru Herculem prorsus singulari modo collaudare voluisse.
quod ex aliis quoque rebus elucet. legas HO 1390 (Hercules
loquitur) :
hinc taurus minax
cervice tota pulset et quidquid fuit
solum quoque ingens; surgat hinc illinc nemus
artusque nostros durus immittat Sinis:
sparsus silebo — non ferae excutient mihi,
non arma gemitus, nil quod impelli potest.
re vera hoc loco perfectum sparsus pro futuro si sparsus ero
positum est. sed huic heroi numquam victo per hyperbolen
licet adhibere perfectum 16a).
Hercules laboribus vinci non potest, quia viribus pollen-
tissimus est. ac robore suo fretus dicere audet se caelum ex-
pugnare1*4) et Iovem ipsum superare posse166). tanti herois
iram perquam horribilem esse necessarium videtur166). neque
aegre ferimus, quod idem aliquotiens dicit mundum exhau-
stum Iunoni feras negare in se mittendas m). vindicem facino-
rum et scelerum Hercules eo se praestat, quod iudex infern us
de malis hominibus et de cruentis regibus mortuis poenas re-
petit. hanc ob rem Seneca inseruit illam adhortationem, ne
reges crudelitati assuescerent l58).
IM) Cf. supra p. 333 sq.
1M) Cf. supra p. 386 et p. 839.
1M) Cf. Melzer p. 8 et supra p. 402.
Cf. supra p. 337.
I57) Cf. supra p. 400. 1M) Cf. supra p. 384 eq.
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412 Aemiliua Ackermann,
Melzerus non perspexit, cur poeta Alcmenam in scaenam
produxerit neque quibus de causis Seneca Alcmenam et Dei-
aniram tantopere lamentantes fecerit. sed hac re data est oc-
casio Herculis virtutum iterum atque iterum tractandarum
valdeque laudandarum 169). praeterea Alcmena ipsa dicit, cur
ita conqueratur, cf.
HO 1849: deriguit aliqua mater, ut toto stetit
succisa fetu, bisque septenos gregem
deplan xit una: gregibus aequari meus
quot ille poterat? matribus miseris adhuc
exemplar ingens derat: Alcmene dabo,
itaque Alcmena exemplo suo omnes matres docebit, quomodo
amis8io liberorum ferenda sit. hac enim re matres orbas con-
solabitur. cui haec deliberanti iam non venit in mentem Ma-
riae, miserae Christi matris? itaque poeta non vituperandus
est, quod Alcmenam, cuius verba instar praedicationis et con-
solationis sunt, in scaenam misit.
Denique his rebus factum est, ut fabulae ambitus solito
maior fieret; iam vero propter pondus rerum tractatarum et
unicam gravitatem etiam versuum multitudo exuberans excu-
sabitur 160). immo de ambitu tragoediarum Seneca ipse iudicium
tulit (epist. 72, 20) : 'quomodo fabula, sie vita ; non quam
diu, sed quam bene acta sit, refert' 161).
Haec omnia si accurate considero de poetae consilio mihi
iudicandum est hoc modo. Herculem invictum heroem, qui
communis utilitatis causa plurimos labores maximosque dolores
perpes8u8 post mortem inferis superatis deus in caelum reeeptus
sit, inducit Seneca, ut lectoribus Herculem exemplum ad imi-
tandum proponat. hoc enim exemplo animos gravi bus calami-
tatibus afflictorum et debil itatorum erigere studet atque indu-
cere, ut omnes huius vitae molestias ac miserias ipsamque mor-
tem fortiter patienterque perferant. Herculis exemplo com-
probare intendit auetor homines, si res postulet, nec labori
nec periculo parcere debere, ut bono publico serviant.
Antiquishominibus, imprimis plebi, mors terrorem maximum
ineutiebat. itaque consentaneum est religiones esse ortas, quae
,69) Cf. supra p. 399 »q. ,<w) Cf. supra p. 327 aq. et p. 394.
,M) Hunc locum opportune attulit vir doctissimus Birtius.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
413
tales sollicitudines animis eximerent. sed cum timor mortis
non deleatur, nisi sperare possumus animas nostras numquam
morituras, necessarium est eas ita institutas fuisse, ut homines
mortuos perpetna vita beata donarent. huic rei aptas se esse
asserebant complures religiones. velut Orphici credebant ani-
main esse imraortalem. vitam piam et sanctam degentes co-
lebant Dionysum salutis auctorem , qui sectatores suos post
mortem in caelum ad se recipiebat. ritus babebant singula
scelera expiantes ; qua expiatione is, qui propter peccata com-
missa ne mortuus poenas pateretur timebat, efficere poterat,
ut culpa libraretur inveniretque solacium. ac recte Blassius
deOrphicis dicere videtur 168): 'wenn man auf den allertiefsten
Grund geht, so ist hier allein ein Versuch, den Menschen mit
der Gottheit, der er zunächst durch eigene Schuld entfremdet
ist, zu versöhnen und in enge personliche Beziehung zu setzen,
und hier allein etwas, was man Gemeinde und Kirche nennen
oder damit vergleichen kann/
Magnam vim Orphici habuerunt ad Eleusinia sacra in-
stituenda. homines haec in sacra receptos credebatur post mor-
tem beate ac feliciter apnd deos yivere, contra non admissos
apud inferos in luto versari (cf. Blass 1. s.).
Mithrae cultus homines misera vita et improborum ma-
litia liberabat et mortuos vita prope deum beata perpetna
donabat lÄS). id quod in multis sepulcris hominum Mithriacis
sacris initiatorum legimus renatus in aeternum, testatur haud
pauco8 credidisse se sacris his servari posse et participes fieri
beati deorum regni (cf. Niebergall, Welches ist die beste Reli-
gion in Schiele, Religionsgeschichtliche Volksbücher Vt p. 54
et 56).
Maxime hominum animos commovebat religio Christiana,
cui qui adhaerebant hunc cultum solum terrorem mortis pe-
nitus vincere et aeternam vitam beatam praebere posse puta-
bant. cuius rei pauca argumenta aiieram. Iesus dicit Kaxa
'Iwdvrjv 8,51: dtuijv aui,v Aeyw Ou-tv, iav xt£ xöv eu.öv Xcyov
,aI) Die griechische Religion in Weber, Die religiöse Entwicklang
der Menschheit im Spiegel der Weltliteratur p. 59.
iU) Fr. Cumont, Die Mysterien des Mithra p. 121 sq. et p. 102 sq.
et A. Dieterich, Eine Mithrasliturgie p. 95 sqq.
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414
Aemiliu8 Ackermann,
xr^aiß, fravaiov oö |xt] ftetopifjag et; xöv atöva. atque 7^c;
KopcWh'ou; a 15, 55 scriptum videmus: xaxe7i&fy 6 fotvaxo«
eig vixo;. noö aou, ä-avaxe, xö vfxc;; tcgö aou , -i^avaxs, xg
xevxpov; v. 57 x$ 5£ x<*pt; x$ StÖovxt -j^p-tv xö vlxo; Öta
xoö xupt'ou Vjuöv 'Irjaoö XpiaxoO. ergo mors Christianis non
terribilis videbatur; sciebant enim se post mortem in vitam
redituros esse. cf. rcpö? Kopivfrtou; od 15, 12 sqq. Christiane
mortuo non solum vita aeterno sed etiam summa felicitas ob-
tingebat. cf. rcpö; ^»tXciii^aiou« 3, 20 sq. et cbwxaAw|K; 'Iwivou
7, 14 sqq.
In sepulcris saepe expressam videmus imaginem Amoris
defunctos reddentis beatos. ac Semper fere Amor nonnulla fert
Bacchi et Veneris insignia, ut indicet, quibus ex rebus mortui
yoluptatem capere possint. Amor dormiens ad beatum de-
functorum somnum alludit. convivii Corona, quae crebro in eius
collo suspensa est, rursus sigoificat vini usum. eodem spectat
quod nonnumquam ebrius fictus est. talibus in imaginibus
mortui vice functus mortem esse beatam ostendit. in sepul-
crorum Romanorum anaglyphis saepe expressi sunt A mores,
qui laete et feliciter se gerentes de beata post mortem vita
alludunt (cf. Furtwaengler in Roscher s. v. Eros).
Alia religio, quae homines immortales se reddere posse
promittebat, est Herculanea, cuius certa vestigia permultis
sepulcris 164) impressa sunt, in antiquo Florentiae sarcophago
Hercules Alcestim ex inferis reducit (cf. Clarac, musee de sculp-
ture, t. V p. 36 nr. 2018 pl. 801). in cippo sepulcrali expres-
sum videmus simul et Herculem et Medusae caput, quod est
Signum terroris mortis166), in alio sarcophago Hercules in cae-
lum receptus deus sedet inter deos Olympios (cf. Stephani,
Der ausruhende Herakles p. 197). sine dubio oninia haec ar-
tificia Herculem mortis victorem fingunt
Post mortem Hercules vitam degit laboribus et doloribus
liberam, voluptatum plenam. itaque in sepulcris heroem saepe
quieti se tradere videmus (cf. Stephani 1. s. p. 195). permultis
sepulcris duodecim illae res ab Hercule gestae impressae sunt
,M) Sepulcra, quae commemoro, plerumque primis post Christum
natum saecalis orta sunt.
«•») Cf. Stephani, D. a. R p. 197.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
415
(cf. Stephani 1. s. p. 199 sqq.). quas imagines qui contempla-
batur eum recordari necessarium erat postea beatam vi tarn
huius vitae labores secutam esse; qua re ipse confirmabatur,
ut omnes iniurias ac dolores patienter perferret.
Non solum dulcis quies, sed etiam variae voluptates ma-
nebant defunctos, qui cibo post mortem et potione et amore
corpora delectabant. cuius rei multa indicia inveniuntur. in
collectionis Torloniae sarcophago Hercules ciavam in porci ca-
pite collocat, quod si quis intuebatur colligebat se post mor-
tem epulis se dedere posse (cf. Stephani 1. s. p. 183 et 117).
creberrime Hercules in sepulcris socius Bacchici thiasi fictus
est. ac saepe ebrium heroem videmus scyphum et convivii coro-
nam gerentem (cf. Stephani 1. s. p. 197 sqq.). idem agitur
in tabula Albana et in aliis artis monumentis 16&). vinum igi-
tur mortuos sumere solere credebant antiqui. id quod Hercules
compluriens manum Maenadi affert, defunctos venere quoque
delectari indicat (cf. Stephani 1. s. p. 198).
lam concedendum esse videtur Herculeam religionem ido-
neam fuisse, quae hominum animos accenderet, ut omnes la-
bores et ipsam mortem fortiter perpeterentur. quod aperte
elucet ex imaginibus, in quibus Hercules ipsius defuncti locum
obtinet. in sarcophagi operculo maritus cum coniuge fictus est.
ac iacet vir in pelle leonina scyphum et convivii coronam ge-
rens, prope eum pharetra est plena sagittarum (cf. Furt-
waengler, Intorao a due tipi d'Amore in Bull, dell' Inst. 1877
p. 125). in tabula marmorea Musei Neapolitani Hercules et
Omphale sculpti virum atque uxorem mortuos significare vi-
dentur (cf. Stephani 1. s. p. 202 sqq.). pueros quoque mor-
tuos Herculis vice functos esse demonstrat Furtwaenglerus
(1. s.). qui vir doctissimus recte iudicat sie: *E certo, era un
pensiero molto consolante il vedersi identificato con quell'
eroe vincitore della morte e che per la sua forza era arrivato
aU' immortalita >«7).
Nonnumquam Hercules Amoris specie in sepulcris fictus
,Ä6) Cf. Jahn, Griechische Bilderchroniken, p. 39 sq. et tabula Bub
litter a J publicata.
,6T) Hoc loco id quoqne afferri potest, quod Iustinus gnoaticus Hei-
culem prophetam, quo Jesus solus praeetantior erat, cultui Christiano
inseruit (cf. Wilaniowitz, Heraclea * I p. 103).
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Aemilius Ackermann,
est. nudus puer (Amor- Hercules) pelle leonina indutus clavam
et scyphum gerere solet. pauca exempla afferam.
I. sarcophagi tabula in palatio Mattheiano asservata. ct.
Stephani 1. s. p. 197.
II. fragmentum in Vaticano repositum. cf. Platner, Be-
schreibung der Stadt Rom II 2 p. 45 nr. 100.
III. sarcophagi fragmentum in Museo Lateranensi. cf.
Benndorf et Schoene, Die antiken Bildwerke des Lateranen-
sischen Museums nr. 82.
IV. anaglyphum sepulcrum significans in Museo Latera-
nensi. cf. Benndorf et Schoene 1. s. nr. 344 (p. 215).
V. cippus sepulcralis in Louvro. cf. Furtwaengler , Bull,
dell* Inst. 1877 p. 126.
VI. dulcis pictura parietaria Campana in opere inscripto
Pitture (VErculatw t. II p. 39, ubi Amor cervum domat cor-
m bus arreptis, quae imitatio est cervum domantis Herculis Pa-
normitani ; similia plura 167\
Iam nobis considerandum est, quomodo factum sit, ut
Hercules cum Amore confunderetur. supra (p. 415) vidimus
piieros mortuos nonnumquam Herculis specie fictos esse. 'Dali'
altro canto sappiamo che era Fuso di rappresentar i fanciulli
e ragazzini morti sotto l'immagine di Amori, ciö che mostrano
e statue che danno ad Eros i tratti di un fanciullo reale (p.
es. Fröhner Notice n. 368) e tanti sarcofaghi' (cf. Furtwaengler
1. s. p. 125 sq.). modo igitur puer mortuus fictus est Her-
cules, modo Amor, qua ex re necesse est secutum esse ut
Hercules cum Amore confunderetur. quae confusio oriri non
poterat, nisi religio Amoris Herculeae simillima erat, ac iure
dicit Stephani (1. s. p. 198): "Herakles, das Vorbild des Men-
schen Uberhaupt, ist hier Träger ganz desselben Gedankens,
den wir anderwärts durch einen Knaben oder Eros . . . ausge-
sprochen fanden.' parva tarnen differentia exstat. is qui Her-
culis imaginem sepulcris imprimebat, indicare volebat aeternam
vitam beatam esse praemium huius vitae laborum dolorumque
(cf. Stephani 1. s. p. 198).
lflT*) Adde sarcophagi tabulam quae fuit in palatio Giustiniano.
Hercules vir tenet facem, proprium Amoris insigne. quae tarnen fax
fortasse poatea addita est. cf. Stephani 1. s. p. 199 nr. 10 et p. 198 adn. 1.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
417
Iam vero sepulcralis religio Herculea, quam commodum lu-
stravimus, inagis apta erat pauperibos ac miseris, minus felici-
bus et potentibus, quibus mors quicquam grati aut iucundi dare
non poterat. quo factum est, ut homines beati et pollentes Her-
culem venerantes aliuni Herculem colerent. viro patienti ante-
ponebant heroem vincentem et pollentem, quod ex multis te-
stimoniis apparet. in inscriptionibus Hercules crebro appella-
tur Victor vel Invictus vel KaXXtvtxo?. cf. CLL. I 541, II
1568, 1660, III 877, 1340, IV 733, V 5508. VI 328 legimus
Herculi Vidori Pollenti Potenti Invicto. Macrobins narrat
III 12, 1 : et sane ita Menippea Varronis adfirmat , quae in-
scribitur 'AXXos oOxo; 'HpaxXfj^, in qua, cum de Invicto
Jlarcule loqueretur, cundem esse ac Martern probavit. alia
Herculis cognomina sunt Sandus, Tutor, Conservator, Pater
cf. CLL. VIII 2496, X 3799, VIII 2346, 4634. pacis auetor
celebratur Hercules inscriptione bilingui CLL. X 5385: eüyjj
lHpaxXfl, fraXXocpopü) , Uptb , eöaxouaxq) . . . A. KopviQXio; . . .
HeraiJi paeifero, invido, saneto sacrum ... L. Cornelius
in nummis quoque Hercules appellatur paeifer. cf. Stephani
1. s. p. 181 adn. 3 et Peter (in Roscher s. v. H. p. 2986 sq.).
comparandus est locus Vergilii, Aeu. VI 801 :
nec vero Alcides tantum telluris obivit,
fixerit aeripedem cervam licet aut Erymanthi
pacarit nemora et Lern am tremefecerit arcu
et Claudiani, de raptu Pros. II prol. 9 :
Sed postquam Inachiis Alcides missus ab Argis
Thracia p a c i f e r o contigit arva pede . . .
quin etiam Dionysius Halicarnassensis Herculem propagasse cul-
tum atque humanitatem dicit cf. antiquitates I 41 : 6 5' dcX^ea-
ispo;, ü> rcoXXoJ xfi>v sv foxoptas ay^u-ax: xa; Ttpöc^et* auxoö StTjyr^-
aauivtov lygipwzo, xoi6;5c. (b; oxpaxrjXarrj; yevojJLevo; dt7iavxü)v
xpaxiaxo; xöv xa&' aOxöv rHpaxX?J; xai 5uvau.eü)£ TcoXXfj; Y)yo6u.s-
vo; dfaaaav ^7rf]X0-s ttjv evxö; 'Qxeav&ö, xaxaXuiov piv e: xt$ efy-
xupavv^ ßapeia xa! XuTtrjpa xot; apxouivo'.; >j rcoXtc Oßp'^ouaa
xat Xwßwuivirj xd; 7r£Xa; y) u.ovat av$pü)7t(DV flcvTjuipq) otaixiß
xai ^evoxxovfa'.; diteu-iTCG'.; xpwuivwv, xatkaxa; 5s vouipiou; ßa-
aiXeia; xa> awcppovcxa 7coXtxeuu.axa xa! ßiwv eÖT] cpiXavO-pwxia
%<xl xotvoTiaö^. cf. Epicteti verba quae p. 410 attuli.
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418
Aemilius Acker mann,
• In nobiliuin igitur aestimatione Hercules erat invictus,
pollens, sanctus, pacifer heros, legum defensor, humauitatis
auctor; cui qui similis vel aequalis erat cum summis lau-
dibus dignus putaretur, non mirum est exatitisse, qui vel
a se vel ab aliis cum Iovis filio compararentur 168). scrip-
tum est de Alexandro Magno et Commodo apud Athenae-
um XII cap. 53: rcoXXaxts Bk xal Xeovtfjv xal pörcaAov öa-
rap 6 'HpaxXfJ; (sc. ecpopct *A>ij;av8poc). xi ouv ftauu-aatöv
et xat xafr' Vjuas K6u.u.o$o; 6 auxoxpaxwp knl xöv öx^uäto»
napaxetU£VOV efyev xb 'HpdtxXetov foTiaÄov ÖTicorpwjiivrj; aotö
Xeovtfjs xai 'HpaxXfj; xaXelafrai -Jj^eXev, 'AXe^avSpou toO 'Apt-
atoxeXtxoO xooouxot? auxov <£<pofJLOtoövxos {teol;; conferas etiam
Baumeister, Denkmäler I p. 398 168*). De Pompeio Pliniu6
(n. h. VII 95) narrat: verum ad decus imperi Romani,
non solum ad viri unius pertinet victoriam, Pompei Magni
titulos omnis triumphosque hoc in hco nuncupari, aequaio non
modo Alexandra Magni verum fulgore, sed etiam Hereulis
prope ac Liberi patris. M. Antonius genus suum, ut pro
Hercule se gerere posaet, ab Antone, Hereulis ficto filio, de-
duxit. cf. Plutarchus, Ant., cap. 4 et 36. etiam M. Vipsanius
Agrippa cum Iovis filio comparabatur. cf. Peter 1. s. p. 2982 169).
Multo maioris momenti erat, quod imperatores Romani cum
Hercule componebantur. Caesarea Augusti 170) re vera pollentis-
simi ac potentissimi erant et saepiua victores ac paeiferos se
praebebant. ut Herculi in commemorata inscriptione (CLL. VIH
4634) cognomen p a t e r datum est, ita Augustua appellabatur
pater patriae, cum baec imperatorum cum Hercule comparatio
in consuetudinem ac morem venire coepisset, imperator idem qui
Hercules putabatur et publica quaedaui religio Herculea orta est.
Augustum vere anni XXIV. ex Hispania Romam
168) Omnia fere, quae hac de re commemoro, apud Peterum (in
Roscher a. v. H.) inveni. conferas etiam G. Wisaowa, Religion and Kul-
tus der Römer p. 83 et p. 229.
,wu) De Alexandri cum Hercule aequatione cf. etiam Seneca, de
benefieiis I 13, 1 sq.
I6e) Brutus moriturue cevaßo^oxg xoöxo 5rj tö fH p d x X » t o v
w xXf(jiov dpsxr,, Xdyog dp' ijad-*, dy«'» 54 ot
Ipyov Tjoxoyv au Ö1 dp' üoüXsue^ v'ixv
napexdXsoi xtva xöv ouvövxtov, Eva aütov drcoxxsiv^. cf. Cass. Dio 47, 49.
170 ) In compluribus inscriptionibus Hercules appellatur Augustus.
cf. CLL. II 1303, 1304, VHI 2346.
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De Senecae Hercule Oetaeo.
419
redeuntem Horatius celebrat cum Hercule comparans
c. III 14, 1 : Herculis ritu modo dictus, o plebs,
morte venalem petiisse laurum
Caesar Hispana repetit penatis
victor ab ora.
ad quem locum Kiessimg editor recte adnotasse videtur : wenn
v. 4 victor so emphatisch gestellt ist, so dachte jeder römische
Leser dabei an die beliebteste Gottheit der plebecala, den Her-
cules Victor der ara maxima, der sich auf der Heimkehr von
Iberien mit den Rindern des Geryones diesen Dienst gegründet.
Caligula Herculem imitatus xorf £67taXov %al Xeovxfjv
iqpopei. cf. Cass. Dio 59, 26, 6.
Cum Nero ex Graecia reverteretur, popuius exclamavit :
'OXuu.7«ov£xa ooa, IIufrtovExa oöä, Aöyouare AöyouoTe , Nepam
Tip 'HpaxXeC e. q. s. cf. Cass. Dio 63, 20, 5. apud Suetonium
(Nero, cap. 53) legimus: destinaverat etiam, quia Apollinem
cantu, Solan aurigando aequiperare existvmaretur , imitari et
Herculis facta; praeparatumque leonem aiunt, quem vel clava
vel brachiorum neanbus in amphitheatri arena spectante populo
nudus elideret. Neronem in nummis quoque Herculis specie
fictum esse ostendunt Peter 1. s. p. 2982 et Stephani 1. s. p. 192.
Hercules in nummo fictus G a 1 b a m significare videtur.
cf. Peter 1. s. p. 2982.
Domitianus in via Appia aedificavit Herculis tem-
plum, in quo collocatus est herois statua imperatoris vuitum
praeferens. cf. Martial. ep. 9, 64, 1 :
Herculis in magni vultus descendere Caesar
Dignatus Latiae dat nova templa viae
et ep. 65, 1 : Alcide, Latio nunc agnoscende Tonanti,
Postquam pulchra dei Caesaris ora geris,
Si tibi tunc isti vultus babitusque fuissent e. q. s.
et 101, 1: Appia, quam simili venerandus in Hercule Caesar
Consecrat, Ausoniae maxima fama viae.
Martialis adeo Domitianum maiorem Alciden celebrat ; minor est
Hercules ipse cf. 9, 101, 11. in nummis Herculem huius im-
peratoris locum tenere contendit Stephani 1. s. p. 192.
In nummo quodam Herculis facta cum rebus a Traiano
Philologua, Supplementband X, drittel Heft. 28
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420
Aemilius Ackermann,
gestis composita esse dicit Peter 1. 8. p. 2983. fortasse Trai-
anus quoque Hercules in nuuimis fictus est. cf. enndem 1. s.
In clipeo Hercules ora H ad r i a n i gerit rursus in num-
mis heros imperatoris vicem tenet. cf. Peter 1. s. p. 2984 sq.
et Stephani 1. s. p. 192 et 157 171).
Antoninum Pium in nummis Herculis specie ficbum
esse demonstrat Stephani I. s. p. 157 et p. 192.
Praecipue pro Hercnle se gerebat Commodus, qui se
ita coli iußsit, velut si Iovis filius re vera esset, voluitque no-
minari Romanus Hercules, cf. CaBs. Dio 72, 15. idem auctor
de statuis narrat hoc: %aX yip xoO xoXooooö (sc. K6|ijio5o;)
t*jv xe<paX*jv äitoxepwv xal £xspav iauxoö dvti9>s^ xat £67taAov
5ou? Xiovta T6 xtva xa**°° öiw&el? u>; 'HpaxXct iotxivai,
iypa^ev Aouxio; KöujioSos 'HpaxXffc (cf. 72, 22, 3) et xal dv-
Sptavtc; auxoö TCau.itX/jftet; iv 'HpaxXeou* oyi^iaxt iovrpav
(cf. 72, 15, 6). talis statua nobis servata in Vaticano repo-
sita est. cf. Clarac 1. 8. t. V p. 253 nr. 2471 pl. 963. etiam
in nummis Hercules Commodum significat. plura eiusmodi
collegit Peter 1. s. p. 2987 sqq.
Septimius Severus, Q arac a 1 1 a, Qeta, Alexander Severus
Herculem et Bacchum colebant deos patrios. Caracalla, post-
quam multos apros cecidit nec leonem fugit, Hercules dic-
tus est172), cf. Peter 1. s, p. 2992 sq. Caracallam in nummis Her-
culem fictum esse dicit Stephani ]. s. p. 192.
Maximinns I. propter corporis robur Hercules vel
Antaeus appellabatur173). cf. Peter 1. s. p. 2994.
Imperatores Gallienum, Postumum, Probum
in nummis Herculis specie fictos esse docent Stephani 1. s. p. 192
et Peter p. 2995 et p. 2997.
Maximianum Herculium appellatum esse auctor est
Ammianus Marcellinus, qui exc. § 1 narrat Diocletianus cum
Herculio Maximiano imperavii annos XX. unde copiarum quo-
l7i) HiBpani maxinie colebant Herculem G ad i tan um. Prellerus (R.
M.s II 2 p. 299) dicit : Später sind es besonders die Kaiser von spa-
nischer Abkunft, Galba, Trajan und Hadrian, auf deren Münzen
und Denkmälern der göttliche Heros als Sinnbild zugleich ihrer Hei-
mat und ihrer Taten erschien, itaque Senecam id quoque, quod Cor-
dubae natus erat, ad Herculem fabulam tractandam induxit.
m) Cf. Ael. Spart., v. Carac 5, 5.
Hoc traditum est apud Jul. Capitol., Maxim, duo 6, 9.
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De Senecae Hercule Oetaeo. 421
que pars quaedam nominabatur Herculiana cf. Ammian. 22, 3, 2
et Claudian. de hello Gild. v. 418 m). Herculem in nummis Ac-
tum Maximianum esse docent Peter 1. s. p. 2997 et Stephani
1. s. p. 192.
Denique Constantio Chloro cognomen erat Her-
culius llb) cf. Peter 1. s. p. 3001.
Ita propagata per saecula Herculis veneratione factum est,
ut etiam post annum CCCC. et post Christianae fidei victoriam
carmen scriberetur de laude Herculis. cf. Birt, Claudian.
p. 399 sqq.
Gontemplati sumus Herculem virtutis exemplum, qui visuB
est Senecae, populo, imperatoribus. deprehendimus autem ali-
quara certe yeuerationis differentiam. sepulcralis enim Hercules
mortuos donabat aeterna vita beata, de qua vix cogitabat Stoi-
cus pbilosophus, qui Troad. 371 sqq. chorum induxit can entern :
Verum est an timidos fabula decipit
umbras corporibus virere conditis,
cum coniunx oculis imposuit manum
supremusque dies solibus obstitit
et tristis cineres urna cohercuit?
non prodest animam tradere funeri,
sed restat miseris vivere longius ?
an toti morimur nullaque pars manet
nostri, cum profugo spiritus halitu
immixtus nebulis cessit in aera
et nudum tetigit subdita fax latus?
et v. 397 post mortem nihil est ipsaque mors nihil,
neque vero liberali atque philosophia exculto Senecae ani-
mo placere poterat illud Herculem imitandi genus, quo non-
nulli imperatores velut Caligula et Nero utebantur. itaque ipse
ad imitandum exemplum proposuit et deo aequiperavit eum
Herculem, qui communis utilitatis causa labores omnes suscipe-
ret, dolores vinceret. cognoverat enim philosophus hoc: *die
höchste aber der Tugenden ist die Menschenliebe gegen Alle.
I74) Claudiani locus est hic Herculeam suus Alcidcs Ioviamque
cofwrtem Rex ducit superum. Alcides est Maximianus. ceterum vide
Birtii praefationem p. XXXII adn. 3.
m) Traditum est apud Lactantiam , de mortibus persecatorum,
cap. 52, 3.
28*
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422 A e m i 1 i u s Ackermann, De Senecae Hercule Oetaeo.
Keiner ist schlechter als der andere, auch nicht der Sklave.
Und endlich: sei hilfreich selbst deinen Feinden' (cf. Birtius,
Eine römische Litteratnrgeschichte a. 1894 p. 161).
Celebrare ac praedicare Herculem Senecae fuit consilium.
hanc ad rem perficiendam adinvit scriptorem id, quod scholis
declamatoriis et oratoriis interfuerat. atque ut consilium suum
consequeretur, artem rhetoricam auxilio sibi arcessivit176). huc
pertinent quae viri docti de verborum pompa ac tumore et de in-
flata ac turgida oratione dixerunt177). at non temere hoc genere
loquendi Seneca usus est. ut Leo ipse concessit (I p. 65), rhe-
toris est pronominis personalis genetivum pro pronomine pos-
sessio usurpare l78). rhetoris est pluralem vocis poptdi per
superlationem pro singulari ponere179). rhetorem decent, quod
iam Birtus vidit (p. 533), interrogativa verba 180) pars quota est ?
similia plura. arte igitur rhetorica adhibita Seneca effici puta-
vit, ut Hercules quam maxime laudibus efferretur. itaque poeta
in hac fabula componenda, cum Herculis gloriam et apotheosin
exornare studeret, certum consilium habuit.
Cum iam nihil quod ab eius ingenio atque indole alienum
videri possit in Hercule Oetaeo superesse credam satis confir-
masse mihi videor tragoediam hanc totara et indivisam a Se-
neca eo consilio scriptam esse, ut Herculis laudem praedica-
ret, mortem celebraret hominibusque imitandum fortissimi viri
exemplum ante oculos proponeret. habes igitur, candide lec-
tor, meum de Hercule Oetaeo iudicium, quod aut sequeris aut
falsum aestimabis, si aliud est tuum. tu autem, si tibi ea, quae
disputata sunt, minus probabuntur, ipse denuo hanc fabulam
pertractes velim.
Cf. K. M. Smith, de arte rhetorica in L. A. Senecae tragoediis
perspicua.
m) Cf. Birt p. 532 et Leo G. G. A. p. 10.
"•) Cf. «upra p. 377 sq. "•) Cf. supra p. 378 sqq.
'••) Cf. anpra p. 878.
Berichtigung.
Seite 380 zeile 10 v. u. ist Corusca zu lesen statt corusca.
Seite 347 zeile 6 t. n. ist tragoediarum zu lesen statt tragoediis.
Seite 380 zeile 19 v. o. ist „bombastiach- zu lesen statt bombastisch.
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Herculis Oetaei versus qui afferuntur vel explicantur
V.
1 —
740 p. 326, 332,
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108
405.
V.
111-
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V.
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*
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353.
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p. 349.
V.
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p. 879.
Y.
143—170
Y.
SO
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V.
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V.
31
tob.
V.
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V.
161
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p. 373.
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V.
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-106 p. 395.
V.
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-172 p. 395, 396.
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V.
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107-
-117 p. 895.
V.
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p. 896.
p. 837.
p. 893.
p. 392,
p. 392, 394.
p. 396.
p. 337.
p. 371, 396.
p. 363.
p. 340.
p. 341, 390.
p. 870.
p. 336, 370.
p. 337.
p. 363.
p. 363.
p. 363, 374.
p. 392.
p. 864.
p. 370.
p. 383.
p. 869.
p. 385.
p. 883.
p. 369.
p. 385.
p. 392.
p. 370.
p. 370.
p. 894.
p. 347.
p. 370.
p. 870.
p. 391, 896.
p. 359.
p. 359.
p. 859.
v. 268
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v. 310
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v. 830
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y. 332
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v. 334
v. 849
v. 350
y. 851—379
v. 353
v. 356
v. 359
v. 361
385.
v. 363
y. 866
v. 367
y. 868
p. 859.
p. 859.
p. 359.
p. 845, 859.
p. 345.
p. 345.
tab.
p. 359.
p. 885.
p. 359.
p. 356.
p. 869.
p. 359, 396.
p. 359.
p. 897.
p. 859.
p. 859.
p. 359.
p. "859.
p. 359.
p. 859.
p. 397.
p. 859.
p. 896.
p. 359.
p. 370,381,
p. 359.
tab.
p. 859.
p. 882.
p. 881.
p. 870.
p. 359.
p. 353, 861,
p. 381.
p. 381.
p. 359, tab.
p. 365.
») Ubi tab. adscripsi, ai^nificatar tabula illa ad p. 365 pertinent,
qua continentur verba, in quibus mutae cum liquida copulatio modo
positionem facit, modo non facit.
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424
Aemilius Ackermann,
v. 869
v. 372
v. 374
v. 377
v. 378
v. 387
v. 395
v. 396
y. 40 1
v. 404
v. 405
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359.
v. 407
v. 408
v. 409
v. 410
v. 420
v. 422
t. 424
v. 427
t. 429
v. 432
v. 433
v. 484
v. 434/5
v. 435
436
v. 487
v. 438
v. 439
v. 445
y. 452
v. 459
v. 463
v. 465
357.
466
v. 478
v. 475
v. 477
v. 481
v. 482
v. 483
v. 488
v. 500
v. 513
v. 517
v. 520
v. 622
v. 528
530
531
7. 532
t. 535
v. 54€
v. 547
p. 381,882.
p. 359, 869.
p. 381,382
p. 359.
p. 359.
p. 837.
p. 859.
p. 359.
p. 359.
p. 359.
p. 847, 859.
p. 850,852,
p. 382.
p. 358, 385.
p. 383.
p. 896.
p. 379.
p. 370.
p. 338.
p. 859.
p. 382.
p. 359,361.
p. 361.
p. 359.
p. 397.
p. 396.
p. 397.
p. 381, 882.
p. 359.
p. 359.
p. 351, 352.
p. 382.
p. 359.
p. 359.
p. 352, 353,
p. 357.
p. 353, 385.
p. 894.
p. 359.
p. 383.
p. 374.
p. 870.
p. 860.
p. 882.
p. 360.
p. 372.
p. 369,374.
p. 382.
p. 869.
p. 875.
tab.
p. 860.
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V.
P~ mT mr
555
p. 377.
T.
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V.
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V.
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r- n r- i /»/»
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p. 401.
V.
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V.
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8 0 3
T.
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V.
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V.
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V.
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V.
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V.
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p. 870.
V.
Oll
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V.
60/
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V.
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p. 879.
V.
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V.
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V.
612
p. 879.
V.
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V.
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T.
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p. 387, 397.
V.
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1824
p. 879.
V.
182;)
p. 360.
V.
1826
p. 847.
V.
1827
p. 860, 385.
V.
1829
p. 361.
V.
1830
p. 860, 376.
V.
1831
p. 403.
V.
1832
p. 370.
V.
1836
p. 360.
V.
1839
p. 404.
V.
1840
p. 400.
V.
1840- 1939 p. 400.
v
• *
1844
p. 368.
V.
1845
p. 860.
V.
1847
p. 350, 352.
V.
1849
p. 374,412.
V.
1855
p. 360.
V.
!85H
p. 347.
V.
1859
p. om
Digitized by Googl
Res quae tractantur.
427
V.
1861
p. 873.
V.
1890
V.
1863
p. 372.
V.
1911
▼.
1865
p. 865.
V.
1912
1868
p. 865.
V.
1914
ir
V.
1 R7Ö
p. ooy.
V.
1 »10
V.
1871
p. 379.
V.
1918
V.
1876
p. 879.
V.
1930
1H83
p. 368, 373.
V.
1940
V.
1884
p. 373, 377,
V.
1942
383.
V.
1956
V.
1885
p. 377.
V.
1966
p. 338.
p.865, 381.
p. 381.
p. 381.
p. 369, 379.
p. 379.
p 848,871.
p. 404.
p. 411.
p. 863.
p. 377.
v. 1972
v. 1975
v. 1976
v. 1978
v. 1979
v. 1984
v. 1992
v. 1993
v. 1996
p. 404.
p. 860.
p. 411.
p. 370.
p. 347.
p. 370.
p. 370.
p. 379.
p. 891.
Res quae tractantur.
Prooemium p. 325 sq.
A. DeHerculisauctore p. 326—386.
titulus p. 326 sq.
scaenae mutatio p. 327.
duplex chorus p. 327.
multitudoversuum1) p. 327 sq.
canticura in fine
exatana p. 328.
loci imitatione e ce-
teris tragoediia
expreasi p. 328 sqq.
loci stolida imita-
tione expressi p. 332 sqq.
ineptiae p. 337 sqq.
linguae inopia p. 345 sq.
sententiae neglegen-
ter constructae p. 346.
rationee metricae p. 346 sqq.
res pro6odiacae p. 365 sqq.
orthographia p. 368 sqq.
usus loquendi p. 371 sqq.
B. De unitate tragoe-
diae p. 887—408.
argumenta Swobo-
dae et Goebelii
refatantor p. 387 sqq.
argumenta Peiperi
et Richten refu-
tantur p.
argumenta Habruc*
keri refutantur p.
argumenta Leonis
refutantur p.
Hercules Oetaeus est
5pA(iadvaYvci)orixiv p.
argumenta Tachavi
diluuntur p.
argumenta Melzeri
diluuntur p.
Senecae Phaedra est
dp&|i«dcva7V(i)axixöv p.
G. De consilio poetae p.
Herculem et Cynici
exemplum imi-
tandum sibi ante
oculos propone-
bant p.
philosophorum de
Hercule scripta p.
Senecae consilium p.
nonnullaereligiones
antiquae p.
religio Herculea p.
Senecae ars rheto-
rica p.
ConcluBio p.
390 sq.
391 sq.
392 sqq.
395 sq.
396 sqq.
405 sqq.
408-422.
408 sq.
409 sq.
410 sqq.
412 sqq.
414 sqq.
422.
422.
») cf. etiam p. 394 et 412.
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428
AemiliuB Ackermann, Index vocabulorum.
Index vocabulorum.
Abire (ad, in)
abit (= abiit ; similia)
adrogare (v. 899)
alere (▼. 466)
aliquis (= quidani v.
1849)
altisonus
ambo
autumare
Bistones (Hebrum ac-
colentes v. 1042)
claudere (cludere)
colus
, (= lana)
cum (quom)
Cyclas (y)
tl ei nde
detrahere (= deducere
v. 661)
ilomua
donec
ducere (d. somnos =
eopire)
ediasere
ei mihi
etiam
etiamnum
fere
ferre (= gignere)
fibra (I)
figere (= inferre)
fül s
V-
P-
P-
P-
P-
P.
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P.
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P
P-
376.
365.
351.
357.
374.
375.
371.
376.
340.
371.
809.
374.
365.
384.
332.
369.
382.
374.
386.
381.
381.
382.
346.
365.
372.
P-
forsam
forsan
forsitan
forte
fuisse (= esse desiisse) p.
genus (= g. humanum) p.
, (= natio) p.
Getae (in Rhodope ha-
bitantes)
haud
hauddum
Hebrus (ex ostiis de
fecit) _
Hebrus (e)
Herculeus (ensis v. 869)
(Herculis) sors (v. 1473) p
, voltus(v. 1273) p
hinc p
hocne (= hoccine ; si-
milia)
ictus
ignoscere (fatis)
imbellis (v. 981)
immemor
inclitus (inclutus)
p. 353, 384.
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P-
P.
P-
382.
378.
372.
378.
340.
383.
383.
340.
365.
341 sq.
343.
342.
384.
371.
371.
374.
357.
873.
370.
incolume (Abi. r. 1844 ;
similia) p. 368
inde p. 384.
interim p. 383.
uiagi8(=potiusv. 1600) p. 375.
Megara (v. 1452) p. 336, 345.
mergere (= abscondere
v. 1348) p. 333.
mundus p. 344.
nempe p. 381.
nodus (= clava) p. 374.
nondum p. 383.
obiter p. 332.
paedor p. 375.
palam p. 382.
Parthus (v. 161) p. 340.
pati fv. 1599) p. 338.
populi (= populus) p. 378 sq., 422.
possidere (v. 1294) p. 333
potius p.
pro (particula) p.
proinde (v. 923) p.
propter p.
quamqnam p.
quattuor (bisyllabum
v. 1095) p.
quiescere (active usur-
patum) p.
qnotus p.
reddere (= dare) p.
, (r. orbi = r.
vitae) p. 341.
reddere(r.vitam=mori) p. 878.
regnum (regna tri um-
pbi v. 746) p.
saltem p
serpens (raro latebras
relinquit v. 1059) p.
sive (secundo loco tan-
tum exstans v. 1653) p. 375.
sonare (= praedicari) p. 374.
spargere (v. 1394) p. 333,411.
stare (= vivere) p. 396.
tabes p.
tabura p
tollere (templa tollens
ora v. 102) p
toto (Dativus) p
tribuere (in luce v. 990) p. 372.
ultimus p. 380.
ultra (= postbac) p
vaesanus (v. 1980) p
vetare (= arcere) p.
viden (= videsne v.l207)p
volgus p
vultus (voltus) p
3^3.
385.
S42.
375.
373.
366.
872.
378,422.
341.
367.
381.
340.
369.
369, 374.
368.
384.
371.
871.
368.
370.
370.
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I
0
DAS AUSLEBEN
DES CLAUSELGESETZES
IN BEB RÖMISCHEN KUNSTPROSA
VON
TH. ZIELINSKI.
i
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Das Ausleben des Clauselgesetzes in der römischen
Kunstprosa.
I. Die Panegyriker.
1. Im Folgenden biete ich zunächst eine Formenstatistik
für sämmtliche Panegyriker mit Ausschluß des Plinius. Zu-
grunde gelegt ist die Ausgabe von Bährens: doch bin ich
überall dort, wo der große Textverderber durch eine seiner
willkürlichen Conjecturen die Clausel zerstört hat, stillschwei-
gend auf die Ueberlieferung zurückgegangen. Ueberhaupt ist,
um das nebenbei zu bemerken, auch für Bährens das Clausel-
gericht zu einem Gottesgericht geworden.
Die statistische Tabelle ist, um die Vergleichung zu er-
möglichen, ganz nach dem Muster derjenigen entworfen wor-
den, die ich für Ciceros Reden ausgearbeitet und meinem 4Clau-
selgesetz' beigefügt habe; nur sind der Vereinfachung wegen
für M, S und P überall nur die Summenzahlen angegeben
worden. Was über diese Classen im Einzelnen zu sagen ist,
wird später nachgeholt werden. Die Kenntnis des genannten
Buches setze ich, um Wiederholungen zu vermeiden, überall
voraus.
Was einem zunächst auffällt, ist eine große U n i f o r-
m i r u n g der Clausel bei diesen Spätlingen. War bei Cicero
der Procentsatz der V-Clauseln 60%, bei Plinius gar nur 50%,
so steigt er hier auf 66%. Ganz zurückgegangen ist der Pro-
centsatz der selteneren Clausein M, S und P: bei Cicero um-
faßten sie immerhin 12,7%, bei Plinius gar 18,1, hier nur
4.9. Aber die Uniformirung ist tatsächlich noch viel größer,
als es darnach scheinen könnte.
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432
Th. Zielimki,
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15 0,8
Summa ~J\ 12 133j 87 Tl5|l07|l76jl 18)l98|325j30S45lj2T25 100
Die Fixirung der W e r t c 1 a 8 s e n ist aus Cicero ge-
wonnen und hier der Bequemlichkeit wegen beibehalten; das
Verhältnis hat sich indessen gewaltig verschoben. Bei Cicero
waren in der Tat die fünf Clausein der V-Classe die 'bevor-
zugten' : der seltensten unter ihnen (2 : 7,2%) schloß sich die
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Das Ausleben des Clauselgesetzes.
433
häufigste der L-Classe (l2) erst mit 4,3% an. Aber schon
bei Plinius ändert sich die Sache. Infolge des 4Entwickelungs-
gesetzes' ('Clauselg.' 64) werden die schweren Clausein immer
seltener; schon bei Plinius hat es $ nur auf 4%, 2 gar nur
auf 1,8% gebracht und sind beide hinter die besten der L-
Classe, l8 (7,5%) und la (4,4%) zurückgetreten. Bei den
Panegyrikern hat sich die Bewegung in derselben Richtung
noch weiter vollzogen : $ ist mit ihren 2,3 % nicht nur hinter
ls und l8, sondern sogar hinter l1 zurückgetreten, und gar
3 selbst hinter einigen Ableitungen der Hauptformen II und
III. Der für Plinius aufgestellte Satz, daß für ihn 1, 2, l3,
3 und la die bevorzugten Clausein sind, gilt — nur in et\va.s
andrer Reihenfolge — auch für die Panegyriker: auch hier
haben es uur die fünf genannten Clausein je über 100 Fälle
gebracht und umfassen zusammengenommen 1670 Fälle, d. h.
fast 80%. Das ist somit erst der wahre Ausdruck für die
Uniformirung der Clausel bei den Panegyrikern.
Uebrigen8 ist die Clausel l8 zwar noch immer (im Gegen-
satz zu Cicero, der l2 bevorzugte) die beste unter den L-Clau-
seln, aber doch nicht mehr im selben Grade wie bei Plinius,
bei dem sie sogar 3 überflügelte: sie steht mit ihren 8,] %
weit hinter 3 (16,2%) und 2 (13,7%) und nicht allzufern
von la (7,9%). So bleibt Plinius mit seiner Bevorzugung
von ls vorläufig isolirt; es ist noch zu untersuchen, ob diese
Bevorzugung eine Eigentümlichkeit seines individuellen rhyth-
mischen Gefühles ist, oder ob er sie mit seinem Zeitalter teilt.
Und nach dem Zurücktreten von l3 und 1* bleiben 1, 2 und
3 die bestbevorzugten — eben dieselben, aus denen sich der
mittelalterliche Cursus entwickelte. Dabei hat die weibliche
3 der männlichen 2 den Rang abgelaufen und umfaßt mit
der gleichfalls weiblichen 1 nahezu 50% gegenüber den 13
der männlichen 2; eine gewiß recht auffällige Vorliebe für
tönende Periodenschlüsse.
2. Zur Typologie. Dieselbe Uniformität, von der die
Formenstatistik Zeugnis ablegt, waltet auch in der Typologie.
Hier sei zunächst ihre Tabelle für 1 mitgeteilt, wobei wir der
bequemeren Uebereicht wegen die Procentsätze für Ciceros
Reden nachfolgen lassen.
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434
Tb. Zielinski,
II
III
IV
V
VI
VII VIII IX X
XI XII
Sutmtia
/o
Cicero
la
2
3
3
1
13 2 3
5 8
31
5
12,4
ß
4
6
5
8
5
15 8 12 24
26 25
138
20
27,2
Y
30
22
14
30
24
43 30 38 77
49 101
458
66
49,2
9
3
7
3
1
1
3 3 5 15
10 13
64
9
10,2
e
l
— 3
4
1
Summa
39
39
22
42
31
62 44 57 119
90 150
695
100) 100 1
Der Caesurtypus ly, der bei Cicero als der bevorzugte
immerhin nur die Hälfte aller Fälle umfaßte, hat es bei den
Panegyrikern auf rund zwei Drittel gebracht; ihm gegenüber
sind die Typen a und ß, nicht aber 5, merklich zurückgegangen.
Bei a nimmt es uns nicht wunder: schon Quintilian fand diesen
Typus, dessen Vorkommen bei Cicero nur vom Häufigkeitsge-
setz geregelt wird, qualitativ anstößig ('Clauselg.' 60). Mog-
licherweise ist diese Erscheinung im Anschluß an de Jonge
(s. u.) daraus zu erklären, daß diese zwei Typen (a und ß) in
der Clausel nur einen Hauptaccent bieten.
Doch birgt der Typus lß noch eine interessante Ueber-
raschung, die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen. Hier
folge der Anfang des Registers, der die 138 Fälle umfaßt:
II 11 dexte)rib gubernatis
12 ocea)num petiturae
ocea)nus redundavit
14 mani)bus resolvatis
5) III 1 debi)ti repraesentem
7 gaudi)o triumphare
9 radi)i sequebantar
10 Hercu)les adorari
12 mutu)um reversuri
10) 14 cum relinquuntur
IV 9 conciliabu)lum juventutis
medi)u8 Camenarum
10 praeeci)ua futuroram
18 inco)liB freqaentari
Hercu)lis renascuntur
V 4 similitudi)nem requirebat
6 recep)tu recursuque
10 omnijbus careretar
11 ocea)num videretar
20) 18 omnt)bas videretar
Es ist kaum nötig fortzufahren. Soviel sieht jeder Leser:
wo die ß-Stelle nicht durch ein Monosyllabon ausgeführt wird
(wie in Nr. 10), ist das Anlaufswort ein Proparo-
x y t o n o n. Davon weisen die 20 angeführten Fälle nur eine
Ausnahme auf, nämlich Nr. 17, die indessen auch sonst nicht
einwandfrei ist; Bährens hatte für receptu — recessu vorge-
schlagen, was die Sache clauseltechnisch nicht besser macht.
Im Ganzen finden sich unter den 138 ß-Fällen nur fol-
gende Ausnahmen:
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Das Ausleben des Clause! pesetaee.
435
V 6 recepttu recursuque f 10) 20 bel)lo lacesserunt f
VII 12 su)ä fatigarunt 29 majnu teneretur f
VIII 3 iuncjtus peroravit 30 re)rum figurandi f
8 e)ras haberemus XI 19 bo)nor petitus sit
5) IX 9 non de)cet laborare 21 hono)rum petendorum
13 non e)rat reservasti 15) XII 13 mo)dum coerceri
20 fo)re spopondisti exem)plis abundantem
21 ti)bi reaervavit 28 laujdie videbatur
X 15 gra)du reponantnr 32 do)mi reliquisses
Also 18 Fälle, darunter 4 kritisch unsichere, 2, fllr die
auch eine andre Form concurrirend in Frage kommt (Nr. 7
und 8: bei pyrrhichischer Messung des ersten Disyllabons
Ll!ß) und 2 (Nr. 5 u. 6), die gar keine Ausnahme bilden,
weil non decet und non erat je einem Proparoxytonon gleich
kommen; strenggenommen demnach nur 10 Ausnahmefalle,
darunter 6 mit jambischem, 4 mit spondeischem Anlauf. Da-
mit vergleiche man die 'Clauselg/ 30 gegebene Tabelle für
Cicero Bd. III, wo auf 208 lß-Fälle 138 mit spondeischem An-
lauf kommen, dazu 18 mit jambischem, und die proparoxyto-
nirten Anläufe zusammen nur 52 Fälle umfassen !
Wir haben demnach ein für das Ausleben der Clausel-
technik charakteristisches Anlaufsgesetz vor uns; fragen wir
nach seinem Sinn, so hilft uns die Wahrnehmung weiter, daß
unser Gesetz fü r die lßÖ-Fälle offenbar keine Gel-
tung hat, sondern nur für die reinen lß. In der Tat, man
vergleiche die vorhandenen Fälle:
III 3 cae)li rapit solem XI 19 seditio)nem manus emp-
8 volu)cres dedit cursus tae
IV 3 nie sciens fallo 10) XII 6 fortu)nae snae par est
V 18 cu)ris vacant gentes 8 quae tibi debes
5) VI 11 deside)rent novas vires 27 homi)ni novum fatum
14 Constanti)no pater deest 41 nol)let licet posset
VII 14 8uspen)8a manu tractem 44 soller)tes manus ducant
X 32 defaeca)tum statim pu- 15) 45 mater)no sinu clausit
rumst
Unter 15 Fällen — oder, mit Abzug der 2 Monosyllaba-
Fälle Nr. 3 und 11 — unter 13 haben wir 10 mit paroxyto-
nirtem, 3 mit proparoxytonirtem Anlauf — ein ähnliches Ver-
hältnis wie bei Cicero.
Soweit hatte ich die Frage im Sommer 1904 gefördert,
indem ich mir für die Panegyriker clauseltechnische Notizen
machte. Dann erschien 1905 das wichtige Buch de Jonge's
über die Clausein bei Cyprian, und dort fand ich S. 60 f. eben
Philologu», 8oppleraentb»nd X, drittes Heft. 29
Digitized by Google
436
Th. Zielineki,
dieselbe Beobachtung betreffs der Anläufe in lß und ljfö bei
diesem Autor. Auch bei Cyprian ist somit der proparosyto-
nirte Anlauf bei lß obligatorisch, während 1(35 darin keiner
festen Regel unterworfen ist. Es ist somit billig, daß wir
unser, für die späte Eunstprosa sehr wichtiges Gesetz das de
Jongesche Anlaufsgesetz nennen.
Was seine Erklärung anbelangt, so scheint mir de Jonge
auch darin auf dem rechten Wege zu sein, daß er es mit dem
obenerwähnten, von ihm gleichfalls entdeckten Gesetz der
zwei Accente in Verbindung brachte. Seine Erweiterungs-
theorie jedoch, die uns noch später beschäftigen soll, kann ich
mir nicht aneignen; vielmehr denke ich mir die Sache so.
Eine lßS-Clausel wie cu)ris vacant gentes hat in ihrem Körper
zwei Hauptaccente ; für sie ist daher der Accent des Anlaufs-
wortes gleichgiltig. Anders lß solijbus perurendam: da sie
es im Klauselkörper zu einem zweiten Hauptaccent nicht
bringen kann, so verlangt sie mindestens einen möglichst kräf-
tigen Nebenaccent. Nun haben nur die Proparoxytona auf
der Endsilbe einen kräftigen Nebenaccent; daher diese hier
fast obligatorisch sind.
Es erübrigt noch, für 2 und 3 eine möglichst kurze Ty-
penstatistik zu geben; es geschieht im Folgenden.
II
III
IV
V
VI
VII VIU IX
X
XI XII
Summa
°/o
Cicero
2Y 10
17
10
16
12
18 10 23
28
33 52
299
78,7
48,8
Ö 6
2
2
2 3 2
18
16 5
56
19,2
83,3
3&ßS —
1
2 - —
2 1
6
2,1
11,1
Summa 16
20
10
18
12
22 13 25
46
51 58
291
100
87,7
Wie jeder sieht, ist die typologische Uniformirung hier
noch weiter gediehen, als bei 1; und nun noch die Diäresen-
clausel 3. Doch bedarf es für diese nicht einmal einer Ta-
belle: das Diäresengesetz wird fast ausnahms-
los eingehalten. Eine gewisse Freiheit in der Hand-
habung dieser Clausel finden wir — seltsamerweise — erst
beim spätesten der Panegyriker, Pacatus, der auf 70 Fälle die
Diärese nur 58mal einhält, während von den 12 restirenden
9 die Caesur s bieten, die 3 Übrigen sich auf ß, y und y£ vor«
teilen. Sonst habe ich mir 2 Ausnahmen bei V notirt (a), 1
bei VIII (y), 2 bei IX (t) und 2 bei XI («).
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Das Ausleben des (JlauBelgeaetzes.
437
Zu bemerken ist übrigens, daß Ton der Syllaba anceps
vor der Diärese ein ausgedehnter Gebrauch gemacht wird ;
▼or der Doppelzeitigkeit der ersten Silbe der Basis soll noch
im Folgenden die Rede sein.
Was endlich die schweren Clausein anbelangt, so ist ihre
Behandlung viel freier: von den 23 2- Fällen entbehren 7 der
Cäsur, von den 48 3-Fällen gar 25 der Diärese, von welch
letzteren wiederum auf Pacatus der Löwenanteil kommt.
8. Die seltenen Clansein. Von den 27 Fällen der S-
Classe kommt die größere Hälfte, wie zu erwarten, auf SS;
merkwürdig ist aber, daß von diesen 14 Fällen volle 12 dem
Mamertinus gehören (XI), sodann 2 dem Claudius Mamertinus
in seinem Genethliacon, während sie in den übrigen 9 Reden
nicht vorkommt. Die übrigen 13 Clausein der S-Classe seien
im Folgenden angeführt:
81: X 18 Constantinum oase! XII 2 lon)geque proapecti
Xil 25 fortunae vultu sunt
82: VI S gentium praeseatant 38 fi)dea laboratura
XI 2 lae)teris, ingratus sis 10) SS: IX 7 expe)rimentum no-
5) 5 glori)ae refutarentur viisent
26 optima» judex est , ut de te sperarent f
31 merajisse, cum faetua S 8 : XII 10 vide)ras jam Bistro
sis praetendebas f
12 candi)dati ne declaretur f
Von der einzigen Nr. 3, die gut ist, abgesehn, haben wir
es mit den drei späteren zu tun; da erweist man ihnen wohl
zu viel Ehre, wenn man sie ernst nimmt. Mir scheinen die
Nr. 1, 2, 5, 9 und 10 als VI intendirt zu sein (Nr. 10 kann
auch durch die Schreibung -mewfo geholfen werden), die übri-
gen, bis auf die kritisch unsicheren, als V2. Und wer weiß,
ob nicht auch die 12 S3-Fälle des XI eigentlich als V3 ge-
meint waren?
Wir fahren mit der M-Classe fort.
1": IV 6 adyta tranatulerit
X 10 quia nibü similest
23 operia erigitur
XI 31 oneris impositum
5) l9*: VII 22 facta benefici»
VIII 10 commen)dare bene-
2>:
10)
XII
11
beneficia
bene-
II 4 va)atator imitatua
est
8 Diocleti)anus imi-
tatus est
III IS ab)esae videamini
IV 16 noetra celebranda
sunt
VII 16 quis quis imitatua est
VIII 2 Subve)nire aapiratia
est
29»
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438
Th. Zielinski,
15)
20)
25)
IX 10 vicit apad Actium
nomen habitura sit
X 16 umbra comitata sit
27 ajcervus oneroiiior
6 vi)cere patientiam
XI 26 impera)toriaopulentia
29 ef)frena superaverant
XII 19 can)dore proficiacitur
24 in) junge patientiam
p auper )tate satia vimus
31 tu)ique reputatio
41 tra)bente properatio
28: XII 47 praedi)care quae pro-
pria sunt
3*: XII 33 funibus vela tacnit
8':llll5quod spem ubertate
superas
XII 21 mirantee explet ocqIos
SO)»1*: III 8 equus aut velivola
na vis
III 6 invi)cem pietate Colitis
XII 33 subjiciamus oculis
S«r: XII 1 partici)pant videri
posse video
41: X 33 dif)ficilia exiatimatioet
35) 36 habet eorumque fra-
5 : X 35 praebeat aed benigni-
tati
5*: XII 9 est labor sine necessi-
tate
45)5:11 4 nomi)ni juxta prin-
cipem su bist i
X 33 ar)cessendae gratula-
tioni
XII 30 fi)dem vincendi ne-
cessitatem
fi': IV 8 vigilanti)aepatientiae
magi8tras
XII 9 cum deerant quibus
juberent (?)
50) &*: III 12 indi)ciumperturbatio-
nis oculi
£tr: XII 2 imperato)rem decet
quam quem minus
6 : VII 13 tempo)rarius ille tran-
aitua fuit
61 : XII 30 temeritas aed neces-
aitas erat
G: VIII 14 amo)ris noatri contu-
meliam feres
55)S'»:XI 4 pe)riculi plenum ne-
gotium fuit
XII 45 aurium Baltim mole-
atia luit
S: VIII 12 venturia pensitationi-
bus neget
MS2": IX 22 tu)am aequitur
fortuna
MS3'r: VIII 12 in futuro securos
60) MS31: XII 25 rabiem parte
irritabant f *)
MS34: XII 12 cum potest nun-
quam voluit
MS3»r; VIII 14 muneris abste
4': XII 12 be)ata quia non eram
tua
4tr: II 7 so)luto animo ac libero
sumus
IV 12 conten)tae meritia
conscientiae
VI 4 principiis consecutus
68
40)#1:III 10 ho)minibusque accep-
tiora aunt
4ltr:IX 12 vir)tutis etclementiae
tuae
X 4 au)daciorem veritas
facit
•
Hier mache ich zunächst auf die Clausel las aufmerksam.
Bei Cicero ('Clauselg.' 58) kam sie nicht vor und konnte auch
nicht vorkommen — warum, ist ebendort erklärt. Der cicero-
nianische Accent folgt dem Viersilbengesetz ; das Wort bene-
ficium trug den Accent auf der viertletzten Silbe, eine Clausel
wie, acta bineficiis hätte das Harmoniegesetz verletzt. Das
ist nun anders geworden ; das Dreisilbengesetz kam zur Herr-
') Der ganze Satz lautet in den Hften: erescebat in dies Jtabendi
famea et parandi rabiem parta irritabant. Der Concinnität wegen än-
derte Bährens parandi in pariendi] die Clauseltechnik lebrt, dass viel-
mehr umgekehrt parta in parata zu ändern ist (S3 intendirt als V3).
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Das Ausleben des Clauselgesetzes.
439
schaft, der Accent von beneficium verschob sich auf die dritt-
letzte Silbe, und nun stand der Clausel l23 nichts mehr im
Wege. So genau folgt die Entwicklung der Clauseltechnik
der Entwicklung der Accentuation ; so wichtig ist die Kenntnis
der ersteren für die richtige Beurteilung der letzteren.
Das Register soll uns im folgenden noch beschäftigen;
jetzt lassen wir die letzte, die P-Classe nachfolgen:
PI : III 2 protulit in lucem
19 praemia fatornm
IX 20 eecu)ros adorirentur
X 32 significaturus
5) 38 ambiti)one sui gaudent
XI 19 probrojsissimum adula-
bant
20 pecuni)ae coacervandae
23 herba)rnm vicem olus
vulgoBt
P2 : III 18 esse pacem colere
10) IX 6 missilijbus sed faastis
gladiia
XII 10 semper exercitus es
P3:V 14 gentium proveniebant
X 10con)cordiaecommoditates
PS»:IX 19 moli)mine currüs inve-
beretur
15) X 34 prin)cipe tarn sero fru-
erentur
Doch dürften die wenigsten also intendirt worden sein.
Falsche Messungen vermute ich in Nr. 1 (= Ll'y), 3 (= Via),
4 (= Via), 5 (= VlßS), 6 (V3 m. Syll. anc), 7 (= Via), 8
(VlßS), 11 (V3y), 12 (= L33), 13 (== Via), 14 (= Via).
4. Tonik statt Quantität. Im folgenden seien zunächst
die choriambischen Clausein der dritten Hauptform — also
L3*
X
für die letzten drei Panegyriker zusammengestellt:
1 judicia perleguntnr
2 spes volucres constiterunt
4 si)bi similes intuetur
6 perseque)ris , miseros li-
berasti
5) 12 de te alind non licebat
15 labo)ris pretium respuis-
sent
ne«otio)rum ratio metien-
dust
24 ingenio repperisti
▼ulneribus interissent
10) 28 extenta acies pertineret
31 seryitium sustinebat
32 quam quae oculis hanri-
untur
33 eximiä fortitudo
34 honesta)tem referendam
arbitremur
15) 35 utilitas singulorum
perdomit ac condiderunt
37 quam facilis supplicanti
38 frangen)di8 vitiig consti-
tutae
simplicita)tis laqueos per-
diderunt
20) XI 4 invidiam congerebat
5 vulneribus sauciasse
6 nefan)di8 stimulis exci-
tasse
7 Hi)strum placnit navigari
8 sideribus consecrasti
25) 13 verticibus perferatis
14 Con8tan)tinopolim pervo-
las.se
, diivini animus praevidebat
15 face)res etiam non meren-
tem
16 di)gnumfacerenondeceret
30) 17 desidiae non refugi
18 me fieret post repulsam
obtinuit arbitratnr
23 nominibii8 abstinebant
24 amico)rum paria profe-
runtur
35) militibus diligaris
30 principiis commodorum
32 officiis sempiternis
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440 Tfa. Zielinski,
XII 8 icientia medicos aaepe vidi 22 tu)is populie te videri
4 excutio veritatem 50) 24 interitum Gratiani
40) 7 luxuria vindicavit 25 a)miBsa meta relliqaorum
praeterito perdidisti 26 atque inhians exigebat
8 optas)«ent facere, dum do- 27 munificus imperator
cerent 28 Gallaicus eruiseet
9 consilio re juvabas 55) 29 corporibus impiabant
11 excidiutu Galliarum 35 agi poterant occuparaut
45) 14 an)gu8tua erat noster orbis 37 et crotalis personaoant
16 non etiam diligebat 38 attonitug avolabat
redunda)vit nisi dandi vo- 45 pot)est etiam non timeri
luptas 60) 46 de)cernere posses trinm-
19 «ujperfuerat orbitati phum
Was hier zunächst auffällt, ist die große Zahl der choriam-
bischen Clausein: 60 L3* gegenüber 122 V3 (ich bitte, diese
Zahlen einstweilen nicht an der Tabelle zu controliren) ist ein
ganz unvernünftiges Verhältnis, wenn man bedenkt, daß bei
dem doch viel freieren Cicero auf 1787 Clausein V3 nur 433
L3tr, also noch kein Viertel kommen. Aber auch die 9 er-
sten Panegyriker widerlegen unsre Zahl: sie bieten auf 150
V3 nur 21 L3tr, also gerade soviel, als wir bei diesen uni-
formen Gesellen erwarten durften. — Dazu kommt indessen
noch folgendes. Von den angeführten 60 Clausein haben nicht
weniger als 15 eine Syllaba anceps vor der Diärese (Nr. 1,
7, 9, 13, 29, 32, 34, 39, 40, 42, 48, 53, 54, 55, 58); nun
wissen wir aus Cicero, daß die Clausel 3tr die Syllaba anceps
vor der Diärese überhaupt nicht gestattet. Nun konnte man
freilich überall die Syllaba anceps vermeiden, man brauchte
nur z. B. Nr. 1 anijmorum judicia perlcguntur als 58 zu lesen.
Aber damit würde man die Zahl der schlechten Clausein M5°
(cf. das Register S. 438) von 5 auf 20 bringen, was nicht
die geringste Wahrscheinlichkeit hat. Einen letzten Beweis
liefert die Typologie. Von den angeführten 60 Fällen halten
nur 2 — Nr. 47 und 60 — die Diärese nicht ein, die übrigen
sind alle 3tr5- Clausein ; ganz natürlich bei der bereits fest-
gestellten Uniformität unsrer Redner. Es ist indessen auf-
fällig, daß von den 58 3tr6-Clauseln nur 2 den Einschnitt ß
geben (Nr. 45 und 51), kein einziger den Einschnitt y: wir
haben fast nur (27) und reine 5-Fälle (29). Diese über-
wogen freilich auch bei Cicero, aber doch nicht in dem Maße;
bei ihm war eine andre rhythmische Feinheit maßgebend.
Fragen wir nun, was die ßl5- und reinen 5-Fälle in der
L
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Das Ausleben des Clauselgesetzes. 44 1
Basis gemeinsam haben, so finden wir auch die Aöatc der ganzen
Aporie : es ist die Verwendung der Proparoxytotia
apee völucrea conatiterunt
lio repperiati,
Ist dem aber so, so haben wir in den angeführten 60
Clausein überhaupt keine choriambischen, son-
dern gewöhnliche V3-Clauseln mit tonischer
Basis:
völucres cönstitänint,
in)geniö repperisti.
Die Clausel VB hat demnach bei den drei letzten Pane-
gyrikern die Form w — ' ^ || — ^ — w. Nun hat auch die Syll.
anc. in der Diärese nichts Auffallendes mehr: sie ist in der
Clausel V3 gestattet, selbst bei Cicero, und ist bei tonischer
Rhythmisirung erst recht legitim.
Was machen wir indessen mit den Nr. 45, 51 und 60,
die die Einschnitte ß und y bieten? Es ist zu betonen, daß
sie alle drei dem Pacatus zukommen, der auch sonst, wie wir
gesehn haben, in der Clauseltechnik freier ist. Wir haben
sie in der Tabelle als unzweifelhafte 3tr-Fälle notirt, die übrigen
zu V3 geschlagen.
Nun aber weiter. Ist einmal die Clausel ^ ^ — || — w — w
als V3 anzunehmen, so ist nicht einzusehn, warum sie durch-
aus einen langen Anlauf haben muss: war aber der Anlauf
kurz ^ x II — >- — ^, so gibt sie sich äußerlich als L31.
Wir müssen also gewartig sein, auch diese Clausel bei den
letzten Panegyrikern übermäßig vertreten zu finden ; und das
trifft auch zu.
X 5 i tiner ig non habetis 10) 29 an)te licuit experiri
20 ad aciem detolerunt XII 5 hominibua praedicantur
25 babuerit dignitatem 25 es)ae miserum nec videri
avidior quam salutia 34 culpae)que documentum
5) 27 potueris evocare fuerunt
XI 4 addic)tadominiaserviebat 36 continua)re jaculia occu*
cineribus excitavit pare
12 age)requam aliis imperare 15) vel in acervo jacere
15 comitio conaulatua 40 sibi aliquä vindicabit
Auch hier dasselbe numerische Mißverhältnis — 16 Fälle,
während die 9 ersten Panegyriker zusammen nur 7 bieten, —
auch hier dieselbe Verteilung auf ß1^- (9) und reine 5-Fälle
(7), wobei die ersten, als 31 gemessen, das Auflösungsgesetz
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442
Th. Zielinnki,
aufs härteste verletzen. Kurz, es unterliegt keinem Zweifel,
daß wir auch die scheinbaren I^-Clauseln vielmehr als V3-
Clauseln mit tonischer Basis anzusprechen haben. Darnach
sind auch die Zahlen in der statistischen Tabelle S. 432 ge-
geben.
Also: mit Nazarius (X) beginnt das tonische Princip in
der Baais von V3 das quantitative zu verdrängen; wir haben
ein Mittelding zwischen der classischen V3 und dem mittel-
alterlichen cursus velox. Es fragt sich indeß: wie sind die
9 ersten Panegyriker zu beurteilen ? Hier fehlt uns das Haupt-
argument für die Annahme einer tonischen Basis: das nume-
rische Mißverhältnis. Die 21 L3tr-Fälle nebst den 7 L31
können recht gut als solche bestehn. Qualitativ freilich haben
wir dieselben Erscheinungen, wie bei X— XII : auch hier ver-
teilen sich die choriambischen Clausein auf ß*5- und 5-Fälle
(bis auf V14 credere te navigante yS und VII 6 proditionis
suorum e), auch hier haben wir unter den Clausein L31 nur
eine der tonischen Messung widerstrebende (III 14 niaria plena
esse vcstri), während zwei umgekehrt bei quantitativer Messung
das Auflösungsgesetz verletzen (V21 rurjsus habeat condito-
rem und VIII 9 umenti)bus oculis eminentem). Ich habe es
für das Sicherere gehalten, bis auf weiteres die Rubriken L31
und L3tr beizubehalten.
Noch bemerke ich, daß das Gesagte auch auf 4 ange-
wendet worden ist, die bei der geringen Anzahl der Fälle keine
selbständigen Schlüsse gestattete. Auch hier ist demnach für
I — IX quantitirende, für X — XII tonische Basis angenommen
worden.
Doch bietet die gesammte Grundform IV nebst VI und
VIII auch sonst bemerkenswertes, weshalb wir ihre Vertreter
folgen lassen — die Clausein der M-Classe aus deren Register
S. 437 f. wiederholt.
4: II 7 nominia conaecutua est 5 gloriae || exitum ferunt
13 sub Renio et Romulo tuis magni)tudine congrnentia
III 11 limina || imminentibus 10) XI 5 oculoa providentiae
VII 2 qoi te am ant, plurimum 14 commodia publicis vacat
sciunt 21 in)dignior ^udicabitur
5) IX 4 sanguinis gratulatio 24 fi)dehum diligentia
23 vi)ciaae tarn prodigos sui 25 innocentiaaimum legis
X 4 sunt amorem invicem cre- 15) 30 Julianum recepimus
ant 31 debitus restitntns est
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Das Ausleben des Clauselgesetzes.
443
24 fece)runt affecto innocen-
tiam
40 com sit quae vicerit tna
41: X 33 dif)ficilis existimatioat
36 habet eoruraque fratribus
4V:XII12 be)ataquia non eram tua
4tr: II 7 so)luto animo ac libero
IV 12 conten)tae meritia con-
scientiae
VI 4 principiis consecutus es
«'•.III 10 hojminibusque acceptiora
Bunt
41 tr:IX12 vir)tutis et clementiaetuae
X 4 au)daciorem veritas facit
6: VII 13 tempo)rarius ille transitus
fuit
':XII30 te)meritas sed neceasitas
erat
G.VIII14amo)ri8 nostri contume-
liam feres
Btr:XL4 pe)riculi plenum negotium
fuit
XII 45 aurium saltim molestia
luit
8:V1II12 venturis pensitationibus
neget
XII 12 vi)xisse te legibus tuis
29 etiam in osculis erant
11 im ) per i um deprecatus es
20) 14 priva)tim sui poenitentia
20 osculo consecratus est
indigere arrogantia
21 numinis conscientiam
25 no)bilibus solitudines
25) 41 consule et vota conveni
45 hauriet innocentiam
41: II 3 deduxe)rint quae victoriae
auxerint
5 exerci)tu sed paucis co-
hortibus
1X14 armis non pulverem pati
30) X 24 conciliatri)ces pacis lacri-
mas daret
30 conse)cratos in litteria
habet
31 i)psius taeterrimum caput
XI 5 ge)nus quod nullus refel-
leret
26 clau)sae sunt omnes bonos
habet
35)XII 7 sine exempli periculo
10 impera)tori pugnare te tibi
16 impo)nendumst provin-
ciae caput
Man beachte den letzten Einschnitt. Wir finden ihn:
bei 4: in 6 15, in e 1, in ? 1, in tj 8mal
„4 jj 1 „ 3 „ 1 , 9 „
* — »1 » 4 in y 2mal
» » *~ »6 » »
ist die Häufigkeit des Einschnitts in
tj: zusammengenommen umfaßt er 27 Fälle, d. h. die volle
Hälfte ; bei Cicero war sein Procentsatz in 4 auf 14, in 4 auf
22, also durchschnittlich auf 18% beschränkt. Das hängt,
wie 'Clauselg.' 123 erklärt worden ist, mit der Aversion gegen
jambische Schlußwörter zusammen. Daß diese bei den Pane-
gyrikern noch größer geworden ist, beweist das fast vollstän-
dige Fehlen von 2e (oben S. 436), die von dem ciceroniani-
schen Procentsatz 1 1 % auf 2 % zusammengeschrumpft ist ; wie
ist unter diesen Umständen die Beliebtheit der jambischen
Schlußwörter hier zu erklären ? Diese Beliebtheit, — verbun-
den mit der Tatsache, daß die ganz schlechten Clausein VI f.
sämmtlich das jambische Schlußwort aufweisen, — legt die
Vermutung nahe, daß wir auch hier das Eindringen des
, IV0 ,2
. VI+V1II „ -,
Was hier auffüllt,
Digitized by Google
444
Th. Zielinski,
tonischen Princips zu constatiren haben. Darnach
hätten wir in den angeführten 27 Fallen keinen jambischen,
sondern einen trochäischen Auslaut: plnrimüm sciunU prodigbs
süi u. s. w. = Clausel V 1. Fraglich würde freilich bleiben,
ob diese Annahme auf die 3 letzten Panegyriker zu beschränken,
oder auf alle auszudehnen sei, da der Procentsatz der ^-Schlüsse
bei II — IX um nichts geringer ist, als in X — XII, ist eine
Entscheidung kaum möglich. Wir haben daher in der stati-
stischen Tabelle mit diesem Resultat nicht gerechnet.
Mit dem Eindringen des tonischen Princips hängen wohl
auch die 'falschen Messungen' zusammen, die wir oben S. 437
und 439 vermutet haben; verallgemeinern läßt sich diese Be-
obachtung jedoch nicht.
5. Prosodisches und Grammatisches. Indem ich auf
den entsprechenden Abschnitt in meinem 'Clauselg.' 171 ff.
verweise, lasse ich in aller Kürze das für die Panegyriker no-
tirte nachfolgen.
1. Positio debilis: Verlängerung IV 12 rctniseris
lucrumst (VIS : M6) ; VII 16 lucra contempsit (Vir : PI);
VI 5 patre potiorem (LI2: PI3); X 12 tenebras non imbibi-
stis (VB : LS1). Unbestimmt X 24 conciliatri)ces pacis la-
crimas daret (L4 : L22, vielleicht aber VIS, cf. oben S. 443).
Sonst kurz.
2. S i m p u r a : unbestimmt. IX 20 fore spopondisti
(Vlß:Lll, oben S. 485).
3. Synizese: XI 20 pecuni(ae coacervandae? (Vlß:
PI, vielleicht aber Via, cf. oben S. 439).
5. Die Vorsilbe red. X 24 ingenio repperisti (V3 :
PP3); IX 13 sed aciem rettudÜ (L21 : P22); XII 25 amissa
metu relliquorum (L3tr:P3*); VIII 13 relliquis haereamus.
Zweifelhaft XI 28 serena refundi (Vir : PP3; nicht aufg.).
6. Suffix -c u l u m : XII 14 pericla rapuissent (LI* :
PI8), sonst periculum.
7. ö e n. S i n g. v o n -ium. Hier ist die Wandelung
interessant. Die Panegyriker stehen unter dem Einfluß einer-
seits der classischen Tradition, die 4 verlangt; andrerseits ihrer
Umgangssprache, die -n angenommen hatte; so ist denn der
Gebrauch schwankend. Die classische Form III 5 veniam si-
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Das Ausleben des Clauselgesetze*».
445
lentt petam (V2 : Mfl8, vielleicht aber VI mit tonischer Ca-
denz) ; III 8 desideri celerüate (L3S : M33tr) ; vielleicht auch
XI 32 expectes vicem benffici (M23 : M65, nicht aufg.). Die
vulgäre VI 7 pignus imperii (Ll3y:L4Q; VII 15 esset imperii
(Ll'yiMÄ1»); XII 2 silentii redimant (Ll35:P2).
8. Endvocal i und o. In mihi etc. beliebig : X 25
qui tibi cedunt (VIS : P3), dag. X 23 ipse tibi sumis (LI2:
PI). Bemerkenswert ist die eingerissene Kürze des Schluß-o :
1) im Nom. sg. : II 9 Simüitudo sed III 18 Juno pla-
cata, V 7 necessitudo sumpsisset, X 16 magnüudo testetur, 26
nemo servaret, 25 formido sanare, XI 15 ambago celaret (Vif:
82 und noch schlechtere) ; VII 20 nemo potuisset, VIII 5 cow-
suetudo cohibebat, X 28 longitudo tenuarat, 22 mansuetudo ra-
tionem, XII 26 vorago revomebat (LP: P3); VII 4 sermo ju-
stitiae, XI 29 amplitudo quam tribuis (Lls : P2); XI 5 dis-
simüüudo discordiam, pulcritudo praestantior, XII 45 nemo
post maximum (V2 : V2, die indessen bei den Panegyrikern
keine V-Clausel ist, oben S. 433); XI 24 curamus ut nemo
possü (V3 : SS) ; Ausnahme XII 2 accusatio vocabatur zweifel-
haft, da vielleicht tonisch VS; — 2) in ambo: III 7 ambo se-
niores (LI* : PS); — 3) in der 1 P. sg. der Verba: VII 1
dicabo sermonem (Vly : MS2) ; II 7 prospicio Romanus, III 1
facio jacturam (Li *y : MS2tr) ; III 18 quaero rationem, VII 24
confido placuisse (LI*: PS); V 5 celebrabo temporibus, VII 14
expeäo consilium (Ll3:P2); XII 47 dispensato miracula
(V2 : V2). Keine Ausnahme III 14 audeo praedkarc (V3
m. Syll. anc.), eher noch VIII 12 queo satis dicere (V2 : L21) :
— 4) in den Adverbien: XI 27 quando mutabunt (Vly : S9);
sero reparandum (Lla:P3); continuo si velles (LVy : MS2tr).
Dag. XII 35 ultro videret lacessi (V3 : L3tr) ; — 5) besonders
bemerkenswert im Gerundium : V 3 participando tutelam, 6
veniendo fecisti, VI 4 oriendo fecisti, XII 36 festinando tar-
darey 38 frustrando differret (V2 : S2 u. ä.): II 11 consen-
tiendo retinetis, VII 3 nascendo meruisti, IX 16 inchoando vio-
laret, XII 5 enumerando tenuere (LI8: P3); III 15 vinde-
miando deßeimus (Ll3:P2tr); XII 37 occupando clementiam
( V2 : V3). Sonst ist das o im Dat. Abi. sg. natürlich lang ;
VIII 12 in futuro securos, die einzige Instanz dagegen, ist
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446
Th. Zielinski,
wohl mit falscher Messung von sec. als VS intendirt.
10. -ri- in fut. ex. und conj. p f . nach classischer
Tradition lang : III 12 publicae viceritis (V3 : P2), 4 vestri
sinum secesseritis (L3tr : P2tr).
11. Synkopirte Verbalstämme: XI 20 rejcie-
bcUur (VI : PI).
12. Einzelne Wörter IV 12 promiscus et vilis est
(V2:L2tr); XI 11 poculo fortuito (V3 : P2).
6. Elision. Die Frage nach Hiatus und Elision wird sich
bei diesen späten Classicisten mit ihrer angelernten Technik
schwerlich ganz zum Austrag bringen lassen. Nach der clas-
sischen Tradition ist Hiatus nur bei den Clausein 3 ff. in der
Diärese gestattet; diese wird im allgemeinen eingehalten, bei
den ersten sogar streng. Aber VII scheint andren Principieu
zu folgen: wenn ich nicht irre, elidirt er nur vor est (7 videö
gratissimumst 16 praemiumst imperator); man vergleiche 10
prospicit quam \\ ignoscit (VI : S2), 13 firmitatem habitura
(Ll*:PP3; freilich ist mit falscher Messung auch V3 mög-
lich); cf. auch 22 ora circumeat (LI8). Ebenso VIII: 2 voto
quam || ingenio (LI8 : P2). Die übrigen sind wieder strenger.
Zu beachten bei Pacatus (XII) — vielleicht auch schon
früher — die facultative vulgärlateinische Abstoßung des s in
der Endung us, weshalb diese vor Consonanten kurz bleibt;
besonders auffällig 38 credo me Galliae? sed invisu' sum. Hi-
spaniae committo? sed notu' sum (Construction : V2 1( V2).
Doch bleibt der Umfang dieser Erscheinung noch zu unter-
suchen.
II. Cyprian.
Die Clauseltechnik des hl. Cyprian hat Ed. de J o n g e
neulich zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung ge-
macht. (Les clausules metriques dans Saint Cyprien. Louvain-
Paris 1905). Der erste Teil seines Buches enthält eine kri-
tische Besprechung der modernen Theorien, der zweite speciell
die Clausein Cyprians, der dritte die Lehren der antiken Theo-
retiker. Ich werde es hier hauptsächlich mit dem zweiten Teil
zu tun haben.
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Das Ausleben des ClauselgesetseB.
447
Mein 'Clauselgesetz* wurde dem Verfasser erst nach Voll-
endung seines Buches benannt; in einer besonderen Nota S.
149 — 153 setzt er sich mit ihm auseinander. Auch diese Nota
soll uns im Folgenden beschäftigen.
Vor allem freue ich mich meine weitgehende Ueberein-
stimmung mit dem Verf. zu constatiren. Ueber die Methode
sind wir einig: im Unterschied einerseits von der einseitig ty-
pologischen Methode Bornecques sowohl wie von der einseitig
morphologischen E. Müllers u. a. bekennen wir uns zur syn-
thetischen, die beide Momente gleichmäßig in Betracht zieht.
Auch im einzelnen werde ich vielfach Uebereinstimmung zu
constatiren haben. Dem gegenüber haben die Divergenzen
nicht viel zu bedeuten ; sie erklären sich, wie ich meine, daraus,
daß dem Verf. ein qualitativ wie quantitativ einfacheres Ma-
terial vorlag (bei ihm anderthalbtausend, bei mir achtzehn-
tausend Clausein), und ich hoffe mit der folgenden Bespre-
chung zur Ausgleichung beizutragen. Ich bemerke, daß meine
Beobachtungen über die Panegyriker von seinem Buch unab-
hängig gewonnen sind: obgleich er seine Untersuchungen
damals z. T. bereits im Musee Beige gedruckt hatte, waren
sie mir dennoch nicht zur Hand, und ich habe sie erst nach-
träglich vergleichen können. Natürlich wird die Bedeutung
der Ueberein8timmungen dadurch wesentlich erhöht.
1. Formenstatistik. Der relativ geringe Umfang des
behandelten Autors gab dem Verf. die Möglichkeit, auf S. 86
bis 59 alle Clausein der Reihe nach aufzuführen ; zu Grunde ge-
legt hat er die Hartelsche Ausgabe und eine Clausel dort an-
genommen, wo Härtel eine schwerere Interpunction hat. Eine
Nachvergleich ung des I. Tractats ergab, daß dort auf lb8
Clausein nur 4 offenbar übersehn worden sind : Kap. 4 sanctus
animarä und omne quod possumus, 4 ubique divisa und 11
exitus turpis; da somit die Zuverlässigkeit hinreichend war,
glaubte ich für alles übrige die de Jongeschen Tabellen zu-
grundelegen zu können. Auch die Messungen waren fast überall
richtig; von dem offenbaren Lapsus I 9 abgesehn, wo delin-
quüur minus est als 2 statt als l3 notirt ist, hätte ich fol-
gendes einzuwenden. I 10 ist quis inier haec verö subveniat
unstatthaft da vero — Dat. von verum; wir haben somit
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Th. Zielineki,
nicht l8, sondern P2 ; III 19 ist nach Cicero cottidie zu messen,
die betr. Clausel somit 1$; IV 30 decöre deformis est wahr-
scheinlicher als decören die Clausel daher 2y, nicht 21 ; V 23
paria fecerimus sicher, nicht -r-imus (oben S. 446), die Clausel
somit 3, nicht l13 (bei de J. irrtümlich 21).
De Jonge unterscheidet bei Cyprian nur 9 Clauselformen,
nämlich die drei bestbevorzugten VI, V2 und V3, sodann
die drei besten der L-Classe ll, la und l3 nebst 21 und noch
2 der M-Classe l13 und 22. Die übrigen (im Ganzen 74) be-
zeichnet er als - anomal" und behandelt sie besonders. Von
ihnen läßt sich eine Anzahl aus diplomatischen Qründen —
augenscheinlich richtig — unter die gewohnten Schemata bringen,
die meisten jedoch sind widerspenstig und sollen uns noch be-
schäftigen.
Uebrigens ist es nicht ganz richtig, daß unter den von
de Jonge angenommenen normalen Clausein sich unsre V3
befindet; de Jonge erkennt eine solche (d. h. - ~ — — w — _.)
nicht an, sondern nur eine ditrochäische (d. h. die Cadenz
allein, — — — ^), die er als C bezeichnet. Seine Bedenken
gegen meine Theorie entwickelt er S. 151 f. ; es ist notwendig,
hierauf einzugehn.
Im Grunde ist es nur ein Bedenken — die Freiheit der
kretischen Basis. In der Tat gestattet ihr ihre Pathologie
alle möglichen metrischen Formen anzunehmen, ausgenommen
den Trochäus ; und geht dem Ditrochäus ein Trochäus Torauf,
so wird er eben zur Cadenz geschlagen, wir erhalten 5 statt 3,
und das Spiel beginnt von neuem : meine Theorie peut s' op-
pliquer ä tonte prose et, par consequent, ri en explique ancune
par eile tneme. — Dies Bedenken habe ich eigentlich schon
'Clauselg.' S. 15 entkräftet; ich will es jetzt zahlenmäßig tun.
Vor dem Ditrochäus, sagt de J., ist jedes beliebige Ge-
bilde zulässig. Sehn wir zu. In Ciceros Reden finden wir vor
dem Ditrochäus
den Creticus (_ w _ _ w _ — V3) 1787 mal = 85,7 %
„ Moloaaua ( _____ = v«) 1586 , 31,7 ,
, PRon I w — — ~ — ~ = LS1) 192 , 8,8 „
, lonicus a min. ic^, — w — w = L»1) 226 , 4,5 ,
. Päon iv [z ^f: - : z : = . w .
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Das Ausleben des Clauselgesetzes.
449
den Ionicus ainai.1, ^ _ T.« 9Aq ,O0/
Paon II P — ^ — _ = LS*) 248 „ 4,9 %
-
Choriambus ( — — — ~ — w = L8tr) 433 „ 8,7 ,
Epitrit III (— w w = L«") 807 , 6,1 ,
Trochäus ( ~ — ~ — ~ = V-fVII etc.) 199 . 4 „
Summa 4995
Ich denke, diese Zahlen reden ? Die reine kretische
über ein volles Drittel, mit ihrer schweren Parallelform zusam-
men über zwei Drittel aller Fälle; das genügt doch wohl, um
von Grundformen und Ableitungen zu reden? — Und wie steht
es denn mit der Hauptform II? Gleich mir und andren läßt
de J. die doppelkretische Clausel — w - - «— — als solche
gelten, d. h. er verlangt für die kretische Cadenz auch eine
kretische Basis. Warum begnügt er sich nicht mit dem einen
Creticus? Wir haben doch vor dem Schlußcreticus :
den Creticus ( — _ —
, Moloasus (
, Paon I
, Ionicus a min. ä
Päon IV
— ~ — = V2) 1991 mal = 39,4 %
— ~- = V») 1297 , 25,4 n
— ~ — = L21) 190 „ 3,9 ,
— w — = L»1) 26*5 , 5,2
■ — = M2*:
— ^ ^ — ^ — = M4S etc.: 48/ 65 * 1,3
! Pa^Vmai'}<--^ = L*> 127 . 2,5,
, Choriambus (— ~~ — — ^ — = L2»*) 239 , 4,7 „
, Epitrit III ( — ~— = LZ") 207 , 4,1 „
„ Trochäus ( — ~ — w — = IV, VI etc. 729 , 14,3 ,
Summa 5111
Also auch hier die reine kretische Basis über ein Drittel,
mit ihrer schweren Parallelform zusammen zwei Drittel aller
Fälle. Und damit ist zahlenmäßig eins von beidem erwiesen :
entweder nimmt man — w-- --- — - als normale Clausel an
— und dann ist man gezwungen, auch — w — j — w — w als
normale Clausel anzunehmen. Oder man beschränkt sich hier
auf den Ditrochäus (— w — w) — und dann ist man gezwungen,
auch dort nur den Creticus als Clausel gelten zu lassen.
Das ist der eine, der statistische Grund. Dazu kommt je-
doch der von Norden erwiesene historische: wie der mittelal-
terliche Curaus tardus ± ^ .v ; ^ w ~ auf die doppelkretische
Clausel, so geht auch der Cursus velox ^ w ^ \ x w -l . w auf
die kretisch-di trochäische, nicht einfach auf die ditrochäische
Clausel zurück. Wie dieser Uebergang durch die Uniformität
der Spätlinge sowie durch das Vorwalten des tonischen Prinzips
vorbereitet wurde, haben wir an den Panegyrikern gesehn
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450
Th. Zielinski,
dort hat (oben S. 439 ff.) die Glausei V3 bereits die Form
^ w *r< \ _ ^ quantitative Cadenz mit tonischer Basis ; und
wie steht es mit Cyprian ? De J. sagt es selbst, S. 64 : wenn
die Cadenz heil ist (und das ist die Oberwältigende Mehrzahl
der Fälle), cettc finale est regulierement precedee d'un poly-
syllabe a penuUütne brive, d. h. die normale Clausel ist
±: ^ ^ _ w _ w, ganz wie bei den Panegyrikern. Allerdings
bildet nach de J. die Heilheit der Cadenz die Vorbedingung
dazu; das wollen wir sofort untersuchen, einstweilen sei con-
statirt, daß nach de J. selber von den 360 ditrochäischen Aus-
gängen über 300 den tonischen Creticus in der Basis bieten.
Ich denke, das sollte gentigen, um auch für Cyprian ^ w >n •
- w — w als die normale Clausel gelten zu lassen.
In der Tatsache sind wir einig, in der Erklärung gehn
wir auseinander. Warum der tonische Creticus? Ich sage:
weil er sich ganz natürlich aus dem quantitativen Creticus der
classischen Prosa entwickelt hat. De J. sagt (S. 68) : weil die
heile Cadenz nur einen Accent bietet und die Clausel deren zwei
verlangt ('Gesetz der zwei Accente1 oben S. 436) so hat sich bei
heiler Cadenz die ditrochäische Clausel zu einer kretisch ditrochäi-
schen 'erweitert'. Warum gerade zu einer solchen? Die Frage
findet keine Antwort. — Aber nicht einmal die Beobachtung ist
richtig. Sie wäre es, wenn wir sagen könnten: die kTetische
Basis findet sich bei einaccentiger, nicht aber bei zweiaccen-
tiger Cadenz : um uns von letzteren zu überzeugen, wollen wir
die zweiaccentigen Fälle aufFühren (NB. : Clausein wie ecclesia
non haberet, bei denen die eine Silbe der Cadenz durch ein
Atonon gebildet wird, schlagen wir, gleich de J., zu der Haupt-
masse mit heiler Cadenz).
I 4 egomet saepe mecum 33 sacrificia Deo dixit esse
III 5 solidum pars tenetur VII 14 sperare quos tu tueris
8 in domo |l una edatur 15 ab eis quos tu adoras
IV 6 gentilibus membra Christi 25 nostri salutare niunus
5) V 31 tui memor ipse non sis 10) poenitentia nulla serabt
VIII 18 possunt peccata tergi
Von den 11 einzigen Beispielen bieten 5 (Nr. 1, 2, 4, 7,
10) ohne weiteres die kretische Basis, 2 weitere die auch von
de J. als äquivalent anerkannte, aus Monosyll. Jambus beste-
hende (Nr. 3, 8), und auch Nr. 11 widerstrebt nach seiner
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Das Ausleben des Clauselgesetzes. 451
Theorie nicht: wenn S. 65 dolori sti et pudori gut ist, ist es
auch pössunt peccäta tergu Wie man daraus sieht, hat das
Gesetz der 2 Accente auf die Basis der di trochäischen Claus el
keinen Einfluß: sie ist in jedem Falle kretisch.
Kurz: auch Cyprian beweist, daß die di trochäische Clausel
nur als kretisch -ditrocbäische normal ist. So glaubte ich denn,
die de J.'sche Formenstatistik auf S. 58 durch eine eigene er-
setzen zu müssen, wobei ich den Rahmen der obigen für die
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1
2
1
2
167|161
187|272
187|272|l62137|l73jl38|126jl08|l631
Philologun, Snpplomentband X, dritte« Heft.
— I 1
1
1
7
1
— t 1
11
4
37.9
11,2
19,7
71,4
428 26,2
5
26
8
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452
Th. Zielinski,
Panegyriker entworfenen (S. 432) wiederhole,
sehen und metrischen Correcturen de J.'s habe ich mit aufge-
nommen, die kleinen Differenzen in den Summen rühren daher,
daß ich ein paar zweifelhafte Clausein nicht berücksichtigt
habe.
Für Cyprian als solchen ist die Tabelle zu complicirt: für
ihn würden 6 Rubriken genügen, nämlich die drei bestbevor-
zugten (VI, 2 u. 3) und die drei einfachen Ableitungen von
VI (LI1, l2 und l8); zusammengenommen umfassen sie von
den 1631 Clausein volle 1503. Ich habe dennoch, um die Ver-
gleichung zu ermöglichen, den früheren Rahmen beibehalten.
Soviel sieht man sofort: Cyprian ist noch uniformer als die
Panegyriker. Der Procentsatz der V-Clauseln ist von 66 auf
71 gestiegen und speciell der von V 1 von 31 auf 38. Und
noch eine Eigentümlichkeit fällt auf : die Vorhebe für LI1,
die den beiden andren Ableitungen gleichberechtigt an die Seite
getreten ist. Doch soll davon noch unten die Rede sein. Die
schweren Clausein treten den Panegyrikern gegenüber noch
mehr zurück. Weiteres mag man der Tabelle selbst ent-
nehmen.
2. Die Typologie. Ihr hat de J. einen besondren Ab-
schnitt gewidmet (S. 60 ff.: les cesures); leider kann ihm hier
der Vorwurf nicht erspart werden, daß er die Statistik voll-
ständig vernachlässigt hat. Unter A (= VI) führt er 9 ver-
schiedene Cäsuren arten auf, ohne zu sagen, wie oft jede vor-
kommt, so daß der Leser sie für gleichberechtigt halten muß.
Auch hätten die Atona- Einschnitte billig ignorirt werden
können; dadurch wäre die Zahl der Typen von 9 auf 5 zu-
rückgegangen. Hier gebe ich meine Statistik für VI:
I II III IV V VI VII VIII IX X summa % Cicero Paneg.
la 1 1 — 2 3 — 1 - l 1
ß 5 9 8 24 12 7 6 6 10 8
ßö 445 5626 43-
y 48 87 51 65 43 86 52 36 27 17
9 23 12 13 265 982
10
95
39
412
62
1,6
15,4
6,3
66,6
10
12,4
[27,2
49,2
10,2
5
20
66
Q
Summa 60 54 76 109 66 51 70 55 49 28 I 618
100
ioo : ioo
Wie man sieht, ist die Typologie nahezu dieselbe, wie
bei den Panegyrikern — ein erfreulicher Beweis für die Con-
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Das Ausleben des Clauselgesetze».
453
stanz der typologiscben Erscheinungen. Nur einen Unterschied
finden wir, und der betrifft den unwesentlichsten Typus, la:
bei Cyprian ist er noch mehr zurückgegangen, als bei jenen.
Die Unbeliebtheit erklärt de J. aus seinem Gesetz der zwei
Accente (S. 69); ich glaube, mit Recht.
Der interessanteste Typus ist lß verglichen mit lß$; an
ihm hat der Verf. das Gesetz entwickelt, das ich oben (S. 436)
das 'de Jongesche Anlaufsgesetz' genannt habe. Die kleine
Modification in der Erklärung, die ich vorschlagen zu müssen
glaubte, bitte ich ebendort nachzulesen; denn freilich, de J.
möchte auch hier seine Erweiterungstheorie herbeiziehn. Die
C lau sei lß bietet im Klauselkörper nur einen Accent; um zwei
zu haben, hat sie sich zu — w — | w <— - erweitert. Nach-
dem sich jedoch diese Theorie für V3 als unstatthaft erwiesen
hat. wird man auch hier an ihr nicht festhalten wollen s). Doch
das ist nebensächlich ; die Beobachtung selbst ist wichtig und
fruchtbar.
Ich lasse die Tabelle für V2 folgen:
Y
i ii Iii iv v vi vn vm ix x
2-1 1 —
22 16 13 18 12 12 16 5 7 9
9756645 6 25
4
130
55
1 2,2
,68,7
29,1
Cicero
43,3
33,8
Paneg.
78,7
19,2
Summa
31 23 18 24 20 16 22 12 9 H
189
1 100
|...
100
Die Uniformirung ist Cicero gegenüber noch immer sehr
groß, aber doch nicht so groß, wie bei den Panegyrikern, und
der Typus 25 ist stärker vertreten als dort.
Dafür ist V3 gegenüber das genannte Uniformirungs-
streben reichlich ebenso groß ; die Diärese ist obligatorisch,
an Ausnahmen habe ich notirt : 3e in III, IV, V, VL, VII und
X je lmal, 3y in V und 3ߣ in VII je lmal, alles in allem 8.
Freier ist, wie gewöhnlich, 3, die freilich an sich sehr selten
*) Eine dritte Erklärung erwähne ich nur unter dem Strich, weil
ich ihr nicht zustimmen kann; sie könnte aus dem Hereinragen des
tonischen Princips geschöpft werden. Man nehme eine Clause! Iß mit
ihrem Anlauf ce)teri saginantur; die richtige Betonung des Cadenz-
wortes ist bei quantitativer Accentuution natürlich saginantur, ganz
wie es VI verlangt. Bei tonischer Accentuation mußte daraus aber
säninäntur werden, und das ist eine V8-Cadenz; kein Wunder, daß
sie nach einer kretischen Basis verlangte, eben nach ceteri. — Aber
darf in VI bezw. in der Cadenz von V3 ein Hereinragen des toni-
schen Princips angenommen werden?
30*
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454
Th. Zielinaki,
ist; sie ist mit y 2, mit e 6, mit £ lmal vertreten, was zu-
sammen 9 diäresenlose C laosein ergibt.
Nun die Ableitungen von VI. Was LI* anbelangt, bei
Cyprian die häufigste, so hat de J. ganz richtig ihre Mono-
typie (als l*y) beobachtet (cf. mein 'Clauselg.' 44). Bei Cy-
prian (wie übrigens auch den Panegyrikern) drängte sich die
Beobachtung auf, da bei ihm die Concurrenzform 3S ganz ab-
geht. Die Monotypie selber erklärt er aus dem Auflösungsge-
setz, das er S. 73 im wesentlichen richtig formulirt Dasselbe
gilt natürlich auch für die viel seltenere 2a.
Complicirter ist LI1, die Cyprian so gern anwendet; es
verlohnt sich, ihre Typologie zu geben:
I II III IV V VI VII VIII IX
X
Summa
%
Cicero
Paneg.
r
4326522 2 1
3 16 8 14 11 7 3 3 5
5
6
32
76
29
71
29
56
18
82
Summa
7 19 10 20 16 9 5 5 6
11
108
100| 85
100
Die Zahlen sind für die Panegyriker: l*ß 15, l*y 71,
d. h. das Plus des Cyprian entfällt ausschließlich auf den Ty-
pus llß. Wir wollen diesen Typus etwas näher in Augen-
schein nehmen
V 1 vo)luit et audiri
2 mo)nuit et instruxit
8pirita)liter adoremua
20) 12 adai)dua repurgemna
35 prejcibus et oremua
VI 17 ju)dice coronatur
VII 4 defectio)ne sit et in fine
I 8 faci)nora
9 conscien)tia satis non sit
10 ju)dice pavor nullua
12 pertina)citer adbaerere
5) II 10 8pirita)libus abundaret
21 in)Hcit ut occidat
23 caele>8tia DeuB miait
III 26 po)tius et angemaa
o)pere fidea nullaat
10)IV11 terre)atribu8 inhaererent
ne)xibas inhaeserunt
18 aed et obest lapais
25 a)nima fatebatur
cri)raine fefellerunt
31 incen)dia quieverunt
85 cri)mine minor non sit
15)
11 jo)dice metua nallus
25) VIII 22 caele)8tibus honorantar
24 caele)atia recepturi
IX 24 timen)tibu8 honoremur
X 7 i)gnibua inardeacit
10 e)ruit et abacidit
80) 14 ex)citat et hortatur
16 inve)niat et armatum
II 24 fa)cite magisterinm (l1*).
Hier sind es die Accente der ersten Silbe, die uns auf-
fallen, facinora, conscientia — sprach man zu Cyprians Zeit
so ? Und wenn nicht — wo bleibt bei facinora recensere der
Charakter der Clausel gewahrt? Wenden wir uns zu Cicero,
so finden wir in der Theorie der Nebenaccente die Erklärung ;
zu seiner Zeit wurde in der Tat im Redefluß conscientia ge-
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Da« Ausleben des Clauselgesetzes.
455
sprochen (mein 'Clauselg.1 230). Nimmt man für Cyprians
Zeit dasselbe an, so wären alle Fälle gerechtfertigt, wo der
ersten Clanseisilbe ein langer 4 Anlauf vorhergeht, also im
Ganzen 21 (Nr. 2—7, 10, 11, 14, 16, 19, 22—30) aber es
würden (vom anlauf losen 12 abgesehn) 10 ganz schlechte Ic-
tuirungen facinora, potius, opere etc. zurückbleiben. Ich glaube
daher, daß wir de J. darin Recht geben müssen, daß in allen
diesen Fällen das Hereinragen des tonischen Prin-
cips anzunehmen ist: facino)rä recensere, conscienti)ä satis
non sit etc. Es wären somit alle diese Fälle einer tonischen
Abart von Vlß zuzurechnen: ~ - oder vielmehr,
da die Proparoxytonese des Anlaufswortes obligatorisch ist,
>" w ) | w . * w. Zu dieser Proparoxytonese ist das oben
S. 434 Gesagte zu vergleichen. Der Clausel Li1 ist aber nur
der Typus y gut zu schreiben.
Hier sind freilich die meisten Fälle von der Art spatia
frenantur und daher nicht besonders aufzuführen; andre aber
sind für jenes 'Anlaufsgesetz' wichtig , das ich 4Clauselg/
35 ff. entwickelt habe. De J. ist S. 150 auf dies Gesetz ein-
gegangen ; da er sich zu ihm etwas skeptisch verhält, muß
ich die Hauptmomente der Beweisführung wiederholen. Ich
hatte wahrgenommen, daß in Fällen, wo die Clausel l1 (21
u. s. w.) nicht mit dem Wortanfang beginnt, die ihr unmit-
telbare voraufgehende Silbe (= 'Anlauf) bei Cicero lang sein
muß; so kommt in l*y auf 80 Clausein von der Art 'jajdicia
nur zwei von der Art kmZ)moria - w\ Die Beob-
achtung zieht de J. natürlich nicht in Zweifel, wohl aber die
Erklärung. Ich hatte S. 42 f. drei Erklärungsweisen vorge-
schlagen und mich unter Ablehnung der beiden ersten für die
dritte entschieden; de J. scheint geneigt, sich der ersten an-
zunehmen. Sehn wir also zu.
Die erste geht auf das Gleichgewichtsgesetz zurück. Die
Clausein ll, 21 u. s. w. beginnen mit drei Kürzen; kein Wun-
der, könnte man da sagen, daß man unmittelbar vorher eine
Länge bevorzugt. Wohl, das würde für l1, 21, 31 genügen,
nicht aber für 21 und 31, die nur mit zwei Kürzen anfangen
und auf sie drei Längen folgen lassen, mithin das Gleichge-
wichtsgesetz durchaus nicht im Sinne der Kürzenhäufung ver-
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! 456 Tb- Zielintki,
letzen. Ist demnach das Anlaufsgesetz aas dem Gleichgewichts -
gesetz zu erklären, so darf es auf 21 und S1 keine Anwen-
dung erleiden ; nun lehrt aber die Beobachtung, daß auch in
21 und 31 die kurzen Anläufe in der verschwindenden Min-
derzahl vorhanden sind. Das ist doch, sollte man meinen, ein
bündiger Inductionsbeweis, an dem Bacon und J. St. Mill ihre
Freude gehabt haben wurden ? Dennoch will ihn de J. nicht
anerkennen (8. 151); pour moi, sagt er, les dausuks 2ß et
3ß (vielm. 9'ß et 8*ß) gut reUvent dejä pour deux cause* de
la pathologie constituent un faxt accessoire. Das verstehe ich
nicht: sie sind doch einmal da, für das rednerische Bewußt-
sein ist 2l eine Clausel mit L'ängenhäufung, und man sieht
nicht ein, warum da das Gleich gewich tsgesetz eine weitere
Länge verlangen sollte. Nein, ich kann nur bitten, es mit den
Regeln der inductiven Logik streng zu nehmen : durch sie
wird das Gleichgewichtsgesetz ab Erklärung des Anlaufsge-
setzes eliminirt.
Und was hat denn de J. gegen meine eigene Erklärung
einzuwenden? Das Anlaufcgesßtz, hatte ich gesagt, erklärt
sich aus dem Harmoniegesetz, welches die Coincidenz von Ictus
und Accent verlangt ; nun verlangt in 1 *y der Clauselictus die
Betonung des Anlaufswortes auf der drittletzten Silbe, und das
paßt wohl für den Typus judtcia, nicht aber für den Typus
memoria, der vielmehr die Betonung auf der viertletzten Silbe
hat (Viersilbengesetz). Das Harmoniegesetz als solches hat
de J. auch seinerseits, unabhängig von mir gewonnen und
fruchtbar gemacht (S. 67 ff.); leugnet er vielleicht für Cicero
das Viersilbengesetz? Er sagt es nirgends und es dürfte ihm
auch schwer fallen, da es S. 234 ganz unabhängig vom An-
laufs gesetz durch das Ueberge wicht von über 150 Fällen gegen
7 gewonnen ist. Ich darf also meine Beweisführung nach
wie vor für unerschüttert halten.
Und jetzt sind wir dank Cyprian in der Lage, die Gegen-
probe zu veranstalten. Daß nämlich zu Cyprians Zeit das
Viersilbengesetz längst durch das Dreisilbengesetz ersetzt war,
ist für niemand zweifelhaft : es wurde nicht mehr memorxa(m),
sondern mem6ria(m) betont. Dadurch kamen Wörter vom
Typus memoria(m) für den Accent gleich judicia (-is) zu stehn.
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Das Ausleben des Clauselgesetzes.
457
Haben wir daher unser A n lau f 8 g e b e t z mit Recht (fttr
Py) in letzter Linie aus dem Viersilbengesetz hergeleitet, so
ist zu erwarten, daß es fttr Cyprian keine G i 1-
tigkeit haben wird.
Und nun schauen wir zu:
I 8 ho)miniba8 obrepat IV 25 Ti)sceribus eropit
II 1 neg)ligere letale 15) V 6 hu}milibas ignovit
14 di)abolus invenit 8 do)cuerat orare
15 ar)tificis offensam 24 hajbnerat et
5) 17 di)abolu8 infecit VI 2 in)cipere
20 di)abolu8 obrepit 19 in)fremuit et dixit
21 i)tinera vitate 20) 22 con)tigerit exire
28 ho)ipitia demonstrat 21 re stitoit et regno
III 3 i)tineria errore desi)deria majora
10) 8 domi)cilia ccmdentem VII 25 i)tinera monstramns
IV 14 per)üdia praevenit 18 o)peribuB insistat
15 me)moria Bublataat 25) VIII 19 ne)quitia possedit
16 perjveniat inlidnnt 20 ma)teria consummat
X 6 materia culparnm
Also in 14 Fällen (Nr. 2, 4, 8, 11, 13, 14, 18-22 und
25—27) haben wir den langen, in 13 den kurzen Anlauf; ein
klarer Beweis, daß für Cyprian zwischen ho-mimbus und neg-
ligere kein Unterschied bestand, daß für ihn das Anlaufsgesetz
nicht gilt. Die Gegenprobe ist somit geliefert.
Bei der Gelegenheit sei es erlaubt, noch auf andre Wir-
kungen hinzuweisen, die das Schwinden des Viersilbengesetzes
fßr Cyprian zur Folge gehabt hat. Ich weise noch einmal
auf 4C1auselg.' 234 hin ; dort habe ich die Clausein formen zu-
sammengestellt, die bei Cicero das Viersilbengesetz erweisen;
es sind zunächst die Basen in 1*5, 2*5 u. s. w. (reficerent
tnentem etc.), sodann die Cadenzen in 2* u. s. w. (gaudium
reficerent etc.). Nun, alle diese Formen und Typen
sind bei Cyprian verschwunden: sie haben eben
das Viersilbengesetz zur Voraussetzung. Andrerseits sehe man
sich das Gesetz der Proparoxytonese an in der tonischen Basis
von V3 und dem tonischen Anlauf von Vlß: es wirkt streng
nach dem Dreisilbengesetz, Domino receptura ist ebenso be-
handelt wie itineris scüutaris^ Döminl prosiliret ebenso wie
faänorä destiterunt.
Hier bleibe ich stehn ; andre Fragen, die Clauseltechnik
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458
Th. Zielinski,
Cyprians betreffend, lasse ich beiseite, da sie bei de Jonge ge-
nügend erläutert sind. Dafür mögen einige Bemerkungen all-
gemeiner Art hier Platz finden.
Die Clauseltechnik dieser Spätlinge wird von zwei Kräften
bestimmt, die sich störend kreuzen : die eine ist die rhetorische
Tradition, die in den Gesetzen der ciceronianischen Zeit, be-
wußt oder unbewußt, wurzelt ; die andre der Zustand der zeit-
genössischen Sprache, die seit Cicero eine gewaltige Evolution
durchgemacht hatte. Aus dieser Zwiespältigkeit erklärt es sich,
wie falsch es war, die Schriften dieser Periode zum Ausgangs-
punkt zu nehmen : die Irrtümer Havet's, W. Meyers und auch
de Jonges erklären sich aus dieser unglücklichen Wahl.
Gewiß, wären wir frei in unsrer Wahl — auch Cicero
hätte uns nicht genügt. Die Reden des älteren Cato, oder doch
des Gaius Gracchus hätten die Fundstätten hergeben müssen,
aus denen wir das Material für clauseltechnische Schlüsse ent-
nommen hätten. Nur die Zeit, die confringo gleich colligo
betonte, läßt uns die Parallelisirung der leichten und schweren
Basen hinreichend begreifen ; schon Cicero zeigt uns die Tra-
dition im Kampf mit dem Sprachgebrauch der Zeit, es tritt
das Verschiebungsgesetz auf, das uns confringo über confringo
nach confringo und confringo überleitet. Damit ist über die
schweren Clausein das Urteil gesprochen: von Cicero zu Pli-
nius, von Plinius zu den Spätlingen sind sie in stetem Schwin-
den begriffen (Entwickelungsgesetz).
Immerhin ist die ciceroniauische Technik noch verhältnis-
mäßig einheitlich und rationell; und da seine Reden für uns
das erste größere Denkmal der römischen Kunstprosa darstellen,
so war eben an ihnen und nirgendwo sonst das System der
Clausellehre zu gewinnen. Das ist in meinem Buche über das
kClauselgesetz' geschehn ; die vorliegenden Untersuchungen hatten
ihren Zweck darin, für das dort gewonnene System die histo-
rische Gegenprobe zu liefern. Das bewährte Hilfsmittel der
Statistik musste auch diesmal zur Anwendung kommen; sind
unsre Schlüsse nicht trügerisch, so ist jener Zweck erreicht.
Ist er es aber, so erwächst daraus für die Fachgenossen
die Verpflichtung, sich ihm gegenüber einer größeren Urteils-
strenge zu befleißigen, als es bis jetzt vielfach geschehen ist.
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Da§ Ausleben des Clause] gesetzes. 459
Meine Untersuchungen über die oratorische Rhythmik sind
durch und durch empirischen Charakters ; ich gehe ganz voraus-
setzungslos zu Werk und lasse die Zahlen reden ; meine ryth-
mischen Gesetze sind nichts als in Worte gekleidete Zahlen-
verhältnisse und ebenso unwiderlegbar wie sie. Es ist nun
bezeichnend, daß es Gelehrte englischer Zunge waren, die meinen
Resultaten zuerst Beachtung und Zustimmung zollten: A. Clark
in der Classical Review (1905 Nr. 3, 164—172) und K. Fl.
Smith im American Journal of philology (1905 453 — 463).
Man sieht, der Geist Bacons und J. St. Mills wirkt und zeugt
weiter. In Deutschland habe ich mit Freude die principielle
Zustimmung des Archegeten auf diesem Gebiete notirt, E.
Norden, sowie gewiegter Ciceronianer, wie L. Gurlitt und Th.
Stangi; auch die längeren Anzeigen Luterbachers und beson-
ders Ammons und Kornitzers fielen ganz oder doch in der
Hauptsache beipflichtend aus. Anderswo freilich war auffälliger
Mangel an Verständnis zu coustatiren, so bei Blass, May, Hä-
berlin und Kroll. Bei der Neuheit der Sache ist es geraten
auf ihre Einwände des näheren einzugehen.
Zwar Häberlin gegenüber (Lit. Cbl. 05, Sp. 1434 f.) wird es
schwer fallen: meine Untersuchungen führen ihn in eine »völlig
fremde Welt", und er muß darum meine Ergebnisse „a limine
abweisen". Das heißt, ohne Untersuchung ; für einen Kritiker
ein seltsames Verfahren. Und warum ? Man höre: „ Cicero
hat eine übermäßig große Anzahl von Reden ausgearbeitet,
gehalten und veröffentlicht, oft mehrere unmittelbar hinterein-
ander. Wo blieb da für ihn die Zeit, die rhythmische Feile
überall anzulegen ? Hat er denn nicht auch einmal reden
dürfen, wie ihm sozusagen der Schnabel gewachsen war?" —
Wie nun, wenn ihm der Schnabel sozusagen rhythmisch ge-
wachsen war? . . . Doch lassen wir den Scherz; die Sache ist
ernsthaft genug. Mit solchen Einwendungen glaubt H. meine
statistischen Nachweise widerlegen zu können! Das ist nun
wieder für mich eine „ völlig fremde Welt*, in der ich um
alles nicht heimisch werden möchte.
Gehn wir zu denjenigen Kritikern über, die sich die Sache
weniger bequem gemacht haben, so ist an erster Stelle Fr.
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460
Th. Zielinski,
ßlass zu nennen (die Rhythmen der asianischen und romischen
Kunstprosa 1905, S. 113), dessen versöhnende Eingangsworte
ich mit den gleichen Gefühlen erwidere. Seiner polemischen
HaltuDg meinen Ergebnissen gegenüber liegt ein doppeltes
Mißverständnis zu Grunde. Erstens, daß er sich das Clausel-
gesetz als angelernte Theorie vorstellt: ,sie ist doch vielen
gemeinsam gewesen, genialen und auch ganz mittelmaßigen
Köpfen; dann aber ist sie notwendig auch einfach und faß-
lich gewesen*. Von diesem Standpuncte aus siebt er mit vollem
Recht in meiner Untersuchung »das Aeußerste an unwahr-
scheinlicher Subtilität". Hier Ist eben die Grundvoraussetzung
falsch: das Clauselgesetz ist keine theoretisch angeeignete Ta-
bulatur, sondern ein pr actisch es, unbewußtes Ueben, und Ci-
cero hat das Correspondenz-, Zweikürzen-, S-Gesetz etc. eben-
sowenig gelernt, wie die Gesetze der consecutio temporum und
oratio obliqua, die bekanntlich auch nicht das Ideal von Ein-
fachheit und Faßlichkeit darstellen. Mau nehme nur ein Bei-
spiel — ein handgreifliches. Wie meine Tabellen mit ihren
überwältigenden Zahlen Verhältnissen unwiderleglich lehren, ist
bei Cicero der Procentsatz der strengen Clausein (vom J. 69 an
bis zum Tode 62% mit ganz geringfügigen Schwankungen)
ein fest normirter; wie mag er das erreicht haben? Hat er
nach Ausarbeitung jeder Rede die »rhythmische Feile ange-
legt*, den Procentsatz ausgerechnet und dann, wenn er etwa
80% betrug — 18% V-Clauseln zu L-, M-, S- und P-Clau-
seln verdorben, wenn er dagegen nur 50% erreichte — dann
12% der andren C lassen zu V-Clauseln eingerenkt? Ich denke,
hier läßt sich das automatische des ganzen Vorgangs ad oculos
demonstriren. Die nähere Ausführung muß ich mir hier er-
lassen ; ich bitte, sie in dem eignen Aufsatze nachzulesen,
den das 4 Archiv f. d. ges. Psychologie' 1906 bringt. Aber
zu betonen ist auch hier, daß die Subtilitat und Complicirt-
heit, die unsre Untersuchung des Clauselgesetzes auf-
weist, für das Bewußtsein der Uebenden nicht vorhanden
war. Richtig und fein bemerkt Clark (a. O. 168) : A Roman
'lisped in numbers, for the numbers came'. Es ist ja freilich
nicht von jedem Philologen zu verlangen, daß er Fechner,
Wundt u. a. studirthabe; allmählich müßte aber die Erkenntnis
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Das Ausleben des Clauselgesetzes.
461
des Wesens psychologischer Vorgänge soweit durchgesickert
sein, um solche elementare Mißverständnisse unmöglich zu
machet).
Das zweite Mißverständnis meines Kritikers ist, daß er
mir vorwirft, ich sähe die correspondirenden Clausein nicht ;
ich denke, es genügt, meine Definition des constructiven Rhyth-
mus gleich zu Anfang (S. 6) zu beachten, um sich zu über-
zeugen, daß ich sie sehr gut gesehn habe. Hab' ich doch
auch eine Menge Beispiele gebracht, die jeder leicht finden
kann, wenn er die im Index s. v. 'constructiver Rhythmus1
angegebenen Seiten nachschlägt. Die Untersuchung über das
Clauselgesetz ist der erste Teil der ora torischen Rhythmik; die
Untersuchung über den constructiven Rhythmus wird den zwei-
ten bilden. Blassens Ausführungen concurriren in keiner Weise
mit dem erschienenen ersten Teil, sie schlagen durchaus in
diesen zweiten ein ; aber freilich, aus den paar Fetzen, die er
analysirt, läßt sich sein System nicht zusammenschneidern, dazu
gehört hier, wie dort, das vollständige Material.
Dasselbe ist auch May (Woch. f. kl. Phil. 1905, 316 ff.)
zu erwidern, der mir gleichfalls den Vorwurf macht, daß ich
den ersten Teil meiner Untersuchung nicht mit dem zweiten
confundirt habe. Daraufhin hält er sich für berechtigt, meine
Gesetze d. h. die tatsächlichen Zahlenverhältnisse, schlankweg
'abzulehnen'. Mit demselben Recht und Erfolg könnte er das
Einmaleins 'ablehnen'.
Was Kroll anbelangt (Berl. phil. Wft. 1905, 1659 ff.),
so beruht die Hauptmasse seiner Einwendungen auf seiner
eignen falschen Berichterstattung, die ich denn auch in der-
selben Zeitschrift rectificirt habe; hier soll von den übrigen
die Rede sein. Zunächst wirft er mir vor, daß ich nur den
Periodenschluss berücksichtigt habe, nicht auch Kola- und
Satzschlüsse ; daß der constructive Rhythmus der Satzschlüsse
von der Periodenclausel verschieden ist, glaubt er mir nicht,
hält daher mein Material für unvollständig. Da wäre ich nun
neugierig, die statistischen Gründe seines Unglaubens zu er-
fahren. Mein 'unvollständiges Material enthält sämmtiiche
Periodenschlüsse, rund achtzehntausend Clausein ; das 'vollstän-
dige' mit Einschluß der Satzschlüsse und Kola würde rund
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462
Th. Zielinski,
hundertundzwanzigtausend umfassen; hat er sie unter Dach
und Fach gebracht? Ich freilich auch noch nicht; aber doch
einen guten Teil. Und da erkläre ich nochmals : die Perioden-
clause! hat ihre Eigenheiten, die von Satzschluß und Kolon
nicht geteilt werden. So ist die Clausel 2 nebst 2 nur im
Periodenschluß eine Cäsurclausel gleich 1, sonst eine Diäresen-
clausel gleich 3. So ist 15 nur im Periodenschluß ein ge-
miedener Typus; im Satzschluß wird er häufiger, im Kolon
sehr häufig. So ist l2 (esse videatur) nur im Periodenschluß
die beliebteste aller 'erlaubten1 Clausein, im Satzschluß tritt
sie hinter l1 und ls zurück, im Kolon ist sie recht selten.
So ist S2 nur im Periodenschluß eine ganz seltene Clausel,
im Satzschluß und gar im Kolon ist sie ganz gewöhnlich. Das
genügt doch? Es war daher methodisch ganz richtig, daß
ich die Periodenclausel zunächst für sich betrachtete und für
sie das Material vollständig gab ; die andre Methode hatte nur
zur Confusion geführt.
Der zweite Vorwurf betrifft das 'System kabbalistischer
Zeichen', durch das ich 'daB Verständnis meiner Schrift arg er-
schwert' haben soll. 'Auch solche Philologen, die einen sprö-
den und trockenen Stoff nicht scheuen, werden nicht ohne Ueber-
windung an das Studium von 3ltr, MS&1 herangehn und, am
Schlüsse angelangt, die Bedeutung dieser xapaxxfjpe; teilweise
bereits wieder vergessen haben1. Das ist nun psychologisch
falsch: das Verständnis meines Zeichensystems wird auf jeder
Seite vorausgesetzt und mit Hilfe der Tabelle, die die Auflösung
gibt und aufgeschlagen danebengehalten werden kann, fortge-
setzt geübt; wie soll es sich da gegen den Schluß verflüch-
tigen ? Aber auch abgesehn davon empfinde ich den Vorwurf
als den denkbar ungerechtesten ; jeder einigermaßen ausführliche
kritische Apparat stellt für einen einzigen Text weit größere
Anforderungen an das Gedächtnis des Lesers, als mein Zei-
chensystem für das ganze Gebiet der prosaischen Rhythmik. Und
was hätte ich denn tun sollen ? Jedesmal das metrische Schema
wiederholen? Man denke sich das etwa in den textkritischen
Partien S. 190 ff. durchgeführt, wo ich jetzt mit einem 'V3:
P3' eine ganze Streitfrage entscheide und damit (weil V 'be-
vorzugt1 und P 'verpönt' bedeutet) viel mehr sage, als wenn
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Das Ausleben des Clauselgesetzes.
463
ich — w w — w : — — — ww — w schriebe und dem
Leser Überließe, über den relativen Wert dieser Schemen selber
schlüssig zu werden. Und wer hat denn in der Clansellehre
gearbeitet, ohne ein Zeichensystem! 'Aber die andren waren
einfacher'. Aber auch viel weniger umfassend. Man hielt
sich an die häufigsten Clausein, an die V-Classe; sodann tropften
allmählich einzelne der L-Classe hinzu. Deren sind nun, wie
die Statistik lehrt, 18; das macht mit den 5 der V-Classe 23
und mit S3, die gleichfalls häufig ist, 24; nun, und wenn
man die bezeichnet hat, dann fallt der Rest nicht mehr schwer.
Ich habe an meinem System lange gearbeitet, habe es oft ge-
ändert, so sehr, daß mir nieine ursprünglichen Notirungen
fast unverständlich geworden sind ; erst Nachdem ich über ein
Jahr lang nichts mehr zum Nachbessern gefunden hatte, glaubte
ich es auch den Fachgenossen zur Benutzung empfehlen zu
können. Da darf ich zum mindesteu erwarten, daß der Tadler
mir sagt, wie ich es hätte besser machen sollen.
Die Syllaba anceps in der Diärese (bei V3) soll ein 'Un-
ding' sein: warum? Ich postulire ja nichts, ich beweise aus
Zahlenverhältnissen, was ich aufstelle ; worin ist der Beweis
S. 96 ff. unecht? Die prosaische Rhythmik ist für uns ein
neues Gebiet ; da ist es doch geratener, vorsichtig tastend vor-
zugehn und die Tore der Erkenntnis offen zu halten, als im
Allwissenheitswahn von vornherein über wahr und falsch ab-
zuurteilen.
Ich soll zur Accentfrage 'keine klare Stellung genommen
haben13). Ich pflege überhaupt nicht 'Stellung zu nehmen',
sondern zu beweisen; alles, was ich in der Accentfrage be-
•) Umgekehrt wirft mir der liebenswürdige Recensent der Revue
critique (1905 Nr. 51; das Epitheton ist älteren Andenkens) vor, ich
wäre willkürlich von der vorgefaßten Meinung einer Identität von
Wortaccent und Clauselictus ausgegangen. Ich gehe von nichts aus
als von den Zahlenverhältnissen; jene Identität ist nicht eine Voraus-
setzung, sondern ein Ergebnis, das S. 225 ff. eben aus Zahlenverhalt-
nissen gewonnen wird. Schließlich findet der Kritiker bei mir nur eins
zu loben — mein angebliches Gesetz quand la clausule ne commence
pas avec un mot, m. Z. observe que la syllabe prec^dente est breve,
ei la clausule commence par une longue, et longue, si eile commence
par une breve. Das soll wohl mein Anlaufsgesetz sein; ich habe es
mit Mühe wiedererkannt. Konnte der Kritiker für meine Ausführungen
wirklich nicht mehr Aufmerksamkeit übrig haben?
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464
Th. Zielini ki,
weisen zu können glaubte, ist S. 225 ff. gegeben. Da wird
z. B. aus Zahlenverhältnissen bewiesen, daß Cicero reficeretti
betont hat; das gibt auch Kroll zu. Und genau aus densel-
ben Zahlenyerhältnissen wird bewiesen, daß der oratorische
Accent mit dem poetischen identisch gewesen ist; das soll nun
wieder 'eine Ungeheuerlichkeit* sein, 'welche allein geeignet
ist, die Verdienste von Z.'s Arbeit aufzuheben'. Die letztere
Auffassung ist seltsam ; m. E. zahlen in der Wissenschaft nur
die Treffer. Die Hauptsache hat Kroll unerwähnt gelassen:
meine Theorie der Nebenaccente. Daß sie vorhanden waren,
konnte kein ohrbegubter Mensch bezweifeln ; wo sie zu suchen
sind, lehrt eben die Glauseitechnik. Aber freilich nur für den,
der — ich wiederhole es — die Tore der Erkenntnis freihalt,
nicht für den, der sie durch vorgefaßte Meinungen und Kraft-
wörter versperrt.
TL Zielinski.
I. Inhaltsübersicht1).
Seit«
I. Die Panegyriker ... 481
§ 1. Formenstatistik (432). — Uniformitat Cicero ge-
genüber (481). — Verschiebung der Werte! assen (432).
— Zurückgehn der schweren Clausein ('Entwicklungs-
gesetz' 433). — Bevorzugung der weiblichen Clanseln.
§ 2. Typologie (433). — Uniformitat auch darin. —
Typologie von VI (434). — Anwachsen von \y auf Ko-
sten von la und Iß. Proparozytonese des Anlaufswortes
in lß ('de Jongesches Anlaufsgeeetz' 434). — Ihre Er-
klärung (436). — Typologie von V2 und VS. Syllaba
aneeps in V3 (437).
*) Die folgenden Register sind ganz nach dem Schema des im
'Clauselgesetz' gegebenen entworfen, zu welcher Hauptschrift die vor-
liegende als eine Art Supplement zu betrachten ist. Die Paginirung
habe ich diesmal unverändert gelassen, da einige Fachgenossen sich
über die Aenderung im 'Clauselgesetz' beschwert hatten. Der Vorwurf
ist berechtigt Jetzt wird verschieden citirt, je nachdem der Citirende
Supplementband oder Separatausgabe vor «ich hat Um die Redne-
tion zu erleichtern, bemerke ich, daß die Differenz 588 beträgt
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Das Ausleben des Clause! gesetzes.
465
§8. Die seltenen Clausein (487). — Die S-Classe.
— Falsche M essungen. — Die M-Classe. — Die Clauael
l,a (438l. — Die P-Classe (439).
§ 4. Tonik statt Quantität. — Statistik von L3tr bei
den 3 letzten Panegyrikern. — Scheinbares Uebermaü
dieser Clauseln (440). — Es sind Y3-Clauseln mit to-
nischer Basis (441). — Statistik der Bauptformen IV,
VI und VIII (442). — Bevorzugung deB iambischen Schluß-
wortes (443). — Ihre Erklärung aus dem tonischen Prin-
cip.
§ 5. Prosodisches und Grammatisches (444). —
Positio debilis. — S impura. — Synizese. — Vorsilbe
red-. — Suffix -culwn. — Gen. sg. von -«um. — Endvo-
cale » und o (445). — -rt- in fut. ex. und conj. pf. (446).
— Synkopirte Verbal stamme. — Einzelne Wörter.
§ 6. Elision. (446). Einhaltung normal. — Sonderstellung
von Pan. VII und V1IL — Abstoßung des * (in -us) bei
Pan. XII.
Die Untersuchungen de Jonges (446).
§ 1. Formen Statistik (447). - Die Clausel VS (448).
— Ditrochäisch oder kretisch-ditrochäisch ? — Zahlen-
mäßiger Beweis für Cicero. — Für Cyprian (450). —
Widerlegung der de J. 'sehen Erweiterungstbeorie. — Sta-
tistische Tabelle (451). — Uniformität (452).
§ 2. Typologie (452). — Statistik für VI. — Ueberein-
stimmung mit den Panegvrikern. — De J.'sches An lauf a-
getetz (453). — Statistik für V 2 und V 3. — Die Form
LI1 (454). — Scheinbare Bevorzugung von l'ß. — Ihre
Erklärung aus dem tonischen Princip (455). — Der Ty-
pus l'y und das Viersilbengesetz. — Mein 'Anlaufsge-
setz* und de J.'s Bedenken gegen seine Erklärung. —
Gegenprobe an Cyprian (456». — Verschwinden aller
Formen und Typen, die bei Cicero das Viersilbengesetz
zur Voraussetzung haben (457).
Allgemeineres (457). — Zweispältigkeit der Clausel-
technik bei den Spätlingen (458). — Modernität und
classicistiBche Tradition. — Das clauseltechnieche System
nur an Cicero zu gewinnen. — Einwendungen Häberlins
II. Clauseinindex.
vi
la
434. 452
453
434. 453
Ml" 438 V«
V2 436. 449. 453. 462 L*'
L21 455 ff. S
V» 433. 487. 462 S»
LS« 455 ff. IV
V3 436. 448. 458 VI
L3» 441. 455 ff. VIII
L3t' 439 P
433. 437. 453
455 ff.
454 ff.
433. 454. 4«2
433
435
4'52
437
462
442
443
443
489
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466
Register.
III. Sachlicher Index.
Abi. gerund, auf -ndo 445
Adverbia auf -ö 445
atnbo 445
Anlaufsgesetz 455. 463
„ de Jongeeches 436. 453
Auflösun^stfesetz 441
Cicero 434 f. 438. 440. 448 ff. 454
Claudius Mamertinue 437
Constanzgesetz 460
constructiver Rhythmus 461
cotttdU 448
Curaus 442. 449
Diäresengeaetz 436. 453
Ditrochäus schließend 448
Elision 446
Entwickelungsgesetz 433. 458
1 Pers. sg. auf -o 445
Falsche Messungen 437. 439
fortuito 446
gen. sg. it ; I 444
Gesetz d. zwei Accente 486. 450. 453
Gleichgewich tagesetz 455
Harmoniegesetz 438. 4f>6
Hiatus 446
Kretische Busis 448
Mamertinus
♦niAl, tibi etc.
Nazarius
Nebenaccente
nom. sg. III auf -Ö
Pacatus
peric{u)lum
rlinius d. J.
Positio debilis
prom%8cu[u)8
rroparoxytoneae
437
445
442
454. 464
445
436. 441. 446
444
433
444
446
434. 441. 450
Psychologische Grundlage 460
Quintiiianus 434
rqjcio 446
relliquus 444
repperiy rettudi 444
■rimu8, -rite 446. 4V48
8 impura 444
Syllaba anceps 437. 440. 4U>3
Synizese 444
Tonik 441. 443 f. 450. 458. 455
üniformität 431. 433. 452 f.
us : u' 446
Viersilbengesetz 488. 456 f. 464
Weibliche Clausein 433
IV. Stellenregister.
Cypr. IV 30
Pan. V 6
, 1X7
448
434
437
Pan. X
20
29
30
485 Pan. XII 10
435 „ „ 25
435
437
438
^ Google
j
DiKTERiCH'sche Vkblagbbuchiiakdluxg, Tiu<:<
ISOCRATIS OPERA OMIN
RECENSUIT
SCHOLIIS TESTIMONIIS APPARATÜ CRiTICO
INSTRÜXIT
ENGELBEKTUS DRERUP
VOLUMEN PRIUS.
Isokrates, als Jufctndbüdncr der glückliche Rivale Piatons, als politischer Schrift-
steller einer der einflußreichsten M&nner st tner Zeit, „mit dessen Schriften daher jeder
beginnen muss, der die griechische vd-sehtchte im 4. Jh. verstehen w ill" (Ed. Meyer),
hatte trotz mehrfacher Anläufe eine ausreichende kritische Bearbeitung, bis heute nicht
gefunden. Die Kritik der Handschriften 211111:1 1 war. von ^ering.ÜL,:gen Ergänzungen ab-
gesehen, immer noch auf das von 1mm. Bckker in seinen Ouinrts Atiiei ittj-j ges.un-
melte Material angewiesen, das an Vollständigkeit wie au Zuverlässigkeit sehr vieles zu
wünschen übrig lies*. Die vorliegende Ausgabe s«)Il db-sem Man„'d abheilen. 1 ür feie
sind alle Isokrateshandschrifien I is zum 17. Jh. ciuschlie.vdieh, /uj.niiinni 1 + 2, mit ver-
schwindenden Ausnahmen (die nicht erreichbar warm) geprutt und ^cin htct wordin,
sodass eine Bereicherung des h.indschnltbt In 11 Apparates ansgest 'blossen erscheint. Ide
beiden ersten Kapitel der l'raetatio geben die gt uauc II« -< hudbung und Ria' ..- irik.uion
dieser Handschritten, zu denen 10 mehr oder «ciiiLrcr vollständig erhaltene Papyri hiiirn-
kominen. Der Herausgeber ist in der gln. blichen Lage, a Papyri des berliner Museums,
vou denen einer, zwei DrutriU- d--r Rede an Demoiiikus umfassend (j, Jh. n. Chr.), zu
den interessantesten Stucken der Ucdicrlicierimg gebort, zum ersten Male der gelehrten
Welt vorleben zu dürfen, Das dritte Kapitel de r Vorrede bringt eine nustührliche Unter-
suchung über die Wertung tl c r verschiedenen Handschriftc-tiksassrn, unter denen der cod.
Urbinas tu = f~ — eine l'apynisliaud-ehntt des 1. j. Jas. n. C hr. repräsentierend — -
eine herrschende Stellung einnimmt: l-csiätigt wird das durch die Ucberliefcruiig der
Papyri und der mit alier Sorgfalt gesammelten indirekten Le-bcrlictc nmg. l>ic gesamte
Isokratesüberlicferur.g aber tuhrt auf einen Ardieiypns det trüben Ale.vandrinerzeit zu-
rück, der u a. bereits die gross, n Ijit.-rp'd.itiouen di r Rede au NikokU-s aufwies ; die
Verderbnis der sogenannten .ViilgathandM'hrtueu dagegen gebort im w..aentlu heu der
späteren Alexandriner- und Kidm i/-i-:t an. Im vi« jten Kapitel legt der Heran- geber,
nachdem er die Notwendigkeit ena-r Neuordnung 'irr bsukratist ben Schraten begründet,
«um Zwecke dieser Neuordnung . in vier <dnip| en na. h der zeiiib heti 1 c. ! ^ . - j xu-.aiuim-ii-
fassende Untersuchungen über l , ■ 1 . 1 ! 1 - • 1 1 , Ki.-m-. .'im.:szidt und Zw eck jed-r < :r,. . lum Red<?
vor, deueu jeweils eine genaue 1 ■ 1 1 d 1 1 1 rapli i r d> r j.ieraut bi-z-.iv.ii-.il! w A i ■ ! 1 r 1 . ' b 1 1 1 ;« vi bei-
gegeben ist. Ein funacs Kapitr I en-Ki- '1 bf.-ehn ibt a-.studr .. !> dir I • ..!:. .acsaus;.- d-c 11
vom Erstdruck H<t>, bis .ml i.l'.-a re 'bat..; in:;: l-t (in 1 il ,: ■ • _ r . . - j 1 , : - .. ,\ . . Li': I -
Verzeichnis jener 3;; itic-amt- und Sp. /.i.d-i Aufgaben, die bei d. r Kiiiil-; : 1 -.tri
tigung gefunden h.u • a, so.vie de r auf bi-l-.r.in bez-aglb-hcn kriii-chen Arb.-iten.
Für die Ko!-..-;iiul'-i ung -h > 'lest. -. «dnd z'uiur.de g' d< gt g<-:r..:e K'-]\ m-n vi'm
codd. Urbinas m ig. u\ Ja. - |~. Lunr. bXX.WIl 14 i 15. J!i 1 - <->. V.r.'.,:. ..4 . v u f ; >
= Vi Paris. a.y.;... ( ,s. jh.i =. fj : mir tur vor K- d'-n, l.aur. I.V ; und l'..r^. u, 1. j : . Jb.'i
= £ und Y: »ur tur die Rede an 1 »■ lnuni'.;. s. \".eie. i'vt-u !-;,<'■ — <J, • i--ir tur di«
Briefe. Am Rande d<-^ 'IVxtes sind die wie btig-u-u l'ar.db • :vl.-n a-as den R.:di:--v ^-d -t
und aus Schriaii- llein seinei Zeit viTi;u 1 ki ; d!-: z.d.d r-.. den tr-,U iv^mdua i.-ils c.r
sinngemässe n I-0U1 ate -,z:iai<- späterer S._ in : d-icner mit i:i..:;< b< rb i l'..r.db-;-f.-;.«-r. d in
den Tcstimonia unter dem Te vto zn< a:rni\<'i-..-etr >.,< 11. I *>-r S.rui^l--.-: .\ pp.,rat irn;a--t dir
wichtigeren Lesarten der H:.»d:u briln-ij, l'a.ivri i.r.d Id : -i i 1 ii"i.i .1 , a.-is mit knr.-- .-ter I :<•-
griimbing der kritischen Knisr.h'-jd m^ ; h.ur!.... hnü indi - < 'lusuuidi n uagi-gen. SeHvi-j die
meisten Konjeklnren li'-uerer t.end.rter wurden zur i.riti a>iu..g des At.par lies 111 <::il-
Appemlix entn.a verwiesen. Ziel e.e"< 1 1 <• r.ui~-_- «: I- er ; w ar es d .iai, ,d : .■■ --eiat d'-
samte Leistung der iif-uei-u Iv.-J.- r:m -kritiK von d.T J'-'.i'.bs i>ni.-c[-s .111 in for/e-ter L •••ra
zu verzeb l.;'e:i. s.d.o, ein buk in .\|.pa:..| m:d Appen-.:, x Inr j. de .Sr.-lle d.s Teva >
über das Urteil •.au:dn '-..-r sr 1h-,. .di-.b ^ n J ler..-i-:.- V- t und k::ii-<:,,n l'.c i:i eiter
tiert : die bundsteur j-dor Koii;.-k:ur ist ge-üa-i n.-.i. -t. Ik.iu >. r<\- a 1 lande, der au-s-r
der Praefatio die beid.n ersten Redetet uppeu 1« .-.-ri- b:-r< .'•■•> : Kubr-inicn un 1 l'aräm ■in')
sind Phötoty [d-.Ti v on einzelnen S-di.Ti d< r • • [~ ni.-i \/ b.-i.a .;i i> -I! ; d»T zw ;tt
Band, iler die po litis. Iii u k>--leii und «de l'rirt <-. s-- v. :e d ih i 1 ai:s.st«:U'.nde K .1
der Pracf-itn über \ Argumente un-1 S.--ho':i«. u -> a den 'id \teu,i bringen wird, d.r:i-
noch im Laufe du nächsten j.dircs die I'r-.-s ,e sei de. sin.
Digitiz©
466
erlagsbuchhdlg., Theodor Weicher, Leipzig.
Die Geschichte
de.
Griechischen Skeptizismus.
Von
Dr. Alb. Goedeekemeyer,
l'ri vutdo7.ent <l<-r Philosophie in Güttingen.
1905. IV. 382 S. gr. 8°. Geheftet. M. 10.—, gebunden M. 12.—.
Inhalt.
1. Die Vorläufer des griechischen Skeptizismus.
1. Xenophanes.
2. Demoerit.
3. Die Schule Demoerit*.
a.) Metroclor. bi Anaxarch.
II. Der griechische Skeptizismus.
1. Der dogmati-iche-phaenomenaliatische Skeptizismus.
a) Pyrrho. b) Tinion.
2. Der absolute-eulogiatische Skeptizismus
a) Arcesilau*. b) Lacydes. c) Telecles. Kuandrus und Hegesinus.
3. Der abaolute-probahilistische Skeptizismus.
a) Carneades. b) Carneades Polem. und Crates. c) CUtomachns.
d) Die Schule des Carneades und die Neuerungen des Clito-
machns, (Hagno, Charmadas, Metrodor, Aeschines u. andere).
e) Philo, f) Cicero g) Eudoru». h) Arius Didytnus. i) Didy-
nius AteiuH und Celsinus.
4. Der ab.solute-iiiaioriütische Skeptizismus.
a) Einleitung ^Ptolemacus, Sarpedon und Heraclides). b) Aene-
sidemus. c) Acnesidems näcliKte Nachfolger: Zeuxippus, Zeuxia
und Autiochus; ferner Apollonidea, Mnaseas und Philomelua.
ö. Der dogmatifiche-positivistische Skeptizismus.
ai Einleitung: Agrippa. b) Menodotus, Exkurs: Favorinus. c)Von
Menodot bis Sexfiis (Ciissius, Theudas, Theodosius, Herodotus).
6. Der abdolute-pofcitivistische Skeptizismus,
a) Sextus Empirien*, b) Saturninus.
ÄES( Hl N IS QUA E FK HUNT HR EPISTÖLAE
KIHTHT
ENGKLBKRTUS DUKRUP.
Gr. 8°. 70 S. Mk. 2,40.
Die Einzelausgabe der Aeschineshriefo rechtfertigt sich durch die
eigentümlichen lleberlieferungsvcrhältnisse , denen der Herausgeber
seine besondere Aufmerksamkeit zugewendet hat. Von den 48 ihm
bekannt gewordenen Handschriften gehört ein Teil zur Aeschinesäber-
lieferuug, ein anderer selbständiger zur Epistolographenüberlieferung
{Archetypus i^t hier der neu gefundene eod. Harleianus 5610 saec.
XIII. XVI ), deren vortrel'tlicher Text eine Kontrolle der mehr oder minder
verderbten Aesehiiiesüberliefeniug ermöglicht. Die hiernach durchge-
führte Neugestaltung de« Textes, für welche alle wichtigen Hand-
schrifien verglichen, die Codices C (=f). P (= in), V, B (= Barb.)
zum erstenmale herangezogen wurden, ergab zalilrciche Verbesserungen
ueifi-nüber den alteren Ausgaben.
Antike I>emostlieiiesausgabeii.
Von Engelbert Drernp.
r>8 S. 85. M. 1.40. (Sonderdruck aus dem Philologu*)
,.I)ie ganze Arbeit ist ein tüchtiger und verdienstlicher Bei-
trag zur Textkritik des Deinosthcnes.' Literar. Centralblatt.
Iii utk vrm H. L «tipp rr Tu TtitinHcn.
Digitize
ZEITSCHRIFT
FÜR
DAS CLASSISCHE ALTERTHUM
BEGRÜNDET
von F. W. SCHNEIDE WIN und E. y. LEUTSCH
HERAUSGEGEBEN
VON
OTTO CRUSIUS
IN MÜNCHEN
Supplementband X, Heft 4.
LEIPZIG
DIETERICH'SCHE VERLAGS-BUCHHANDLUNG
THEODOR WEICHEB
INSELSTRASSE 10
1907.
Viertes Heft
Seit«
Die Philostrate. Von Karl Münscher 469
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. Von
K. Funk 561
Zum Sprachenkampf im Römischen Reich. Von Ludwig HaJm . 675
Ausgegeben am 10. August 1907.
Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung,
Theodor Weicher in Leipzig.
Kürzlich ist erschienen:
Rom und Romanismus
im gTiechisch-römischen Osten.
Mit besonderer Berücksichtigung der Sprache.
Bis auf die Zeit Hadrians.
Eine Studie
von
Dr. FiiMlwig Hahn,
Professor am Neuen Gymnasium in Nürnberg.
XVI u. 278 S. gr. 8°. M. 8.—, geb. M. 10.—.
Prof. Paul Wendland in Lietzmanns Handbuch z. N.T.
I. 2 S. 1 : „(lera.de noch hinweisen kann ich auf das bedeutende
und gedankenvolle Buch von L. LI ahn. Es gibt eine auagezeich-
nete Ergänzung meiner Darstellung, besonders auf politischem Ge-
biet. Den Theologen kann diese genussreiche Lektüre nur dringend
empfohlen werden/
[Vgl. Besprechung im Literarischen Zentralblatt von 6/1V 1907.]
Ate Ergänzung dient die in Sonderabdrücken beziehende Skizze
— 'Zum Sorucheukttttwf im römischen Reich' . —
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T . . . II« ■ X X «- l UMIM^^^I . ^A^H
DIE PHILOSTRATE
VON
KARL MU EN SC HER
Philologui, 8upplementb»nd X, viertes Heft
31
Inhaltsübersicht.
1. Der Verfasser der vita Apollonii und der vitae sophistarum . 469
2. Der Verfasser des Heroikos und der Eikonee 495
3. Die PhiloBtrate bei Saidas 515
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Durch die Untersuchungen Bergks (Die Philostrate, in
Th. Bergks Fünf Abhandlungen zur Geschichte der griechi-
schen Philosophie und Astronomie, herausgeg. von G. Hin-
richs, Leipzig 1883, S. 175 ff.), Rohdes (in der Recension dieses
Bnches, Gotting, gel. Anzeigen 1884, I S. 82 ff.) und Fertigs
(in seiner Würzburger Dissertation de Philostratis sophistis,
Bamberg 1894) schien das Ergebnis gesichert, daß die erhal-
tenen Philostratischen Schriften unter mehrere Trager des
gleichen Namens zu verteilen seien, wenn auch die Zuteilung
im einzelnen noch unsicher blieb '). Dagegen sind Schmid
(im IV. Bande seines Atticismus, Stuttgart 1896, S. 1 ff.)
wegen der einheitlichen Sprache und Jüthner (der Verfasser
des Gymnastikos, in der Festschrift für Th. Gomperz, Wien
1902, S. 225 ff.) wegen der gleichmäßigen gymnastischen Kennt-
nisse, die in den Werken zu Tage treten, geneigt, zur Ansicht
Kaysers, des Herausgebers des Philostratos, von dem einen
Verfasser des Philostratischen Schriftencorpus (abgesehen von
der einen Dialezis, den jüngeren Bildern und vielleicht dem
Nero) zurückzukehren. Es ist daher nicht unnütz, festzustellen,
was wir von den Philostraten wissen und wissen können. Dass
dabei vieles langst Bekannte erwähnt werden muß, ist nicht
zu vermeiden.
1. Der Verfasser der vita Apollonii und der
vitae aophistarum.
In den ßtot oo^iotöv wird das Werk xdt 'AtcoXawvcov *)
citiert: xoöxo u£v 8*] (das Liebesverhältnis des Apollonios mit
~*) Vgl. Hirzel, Der Dialog II 1895 9. 887 ff. Christ4, Gesch. d. griech.
Litt, S. 752 ff. Aeltere Ansichten stellt Fertig a. a. 0. p. 8 ff. zusammen.
Eine kurze üebersicht Aber den Stand der Frage gab Weinberger,
Philol. 57 (18H8) 8. 885 ff.
') üeber den Titel des Apolloniasromans Tgl. Leo. Die griech.-röm.
Biographie, Leipzig 1901, S. 261. Apollonios wird in den Bio! noch
31*
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470 Karl Münscher,
der schönen Mutter des Sophisten Alexander Peloplaton) bnoaots
tp&TCot; efcmlravov, Etprjxat oa<p6>; Sv xot; 'ArcoXAümov (p. 77, 5
in Kaysers kleiner Ausg., I 1870. II 71, nach der ich durch-
gehen da citiere, vgl. v. Ap. p. 13, 4 sqq., auch 252, 24 sqq. und
217/8). Der Schluß auf den einen Verfasser der beiden
Schriften ist schon langst aus dieser Anführung gezogen wor-
den. Bereits in der Epitome Väticana der v. soph. (ed. Kayser,
Heidelberg 1838, p. XIII sqq. ; cod. Vatic. 96, saec. XHI) ist
dem Titel <£iXoarpaTou ßtoi acxptaxöv die Bemerkung beigefügt
(p. XXVIII Kays.): toutou toö OtXoorpaxou iotxsv elvai xcd
xi ii xöv Tuav£a 'AtcoXXümov • iv xooxq) yäp x$ ßißXi'q) pipYqxat
xöv zl<; x&v Tuavia 6 OtXoaxpaxo;. Eunapios führt im An-
fange seiner Sophistenbioi (p. 454, 10 und 21 der Didotausg.
von Boissonade) beide Werke seines Vorgängers an: er nennt
ihn OiXcoxpaxo; 6 Avjuvtoc8).
Den Sophistenbiographien geht ein Widmungsbrief voran
an Antonius Gordianus; der Verfasser nennt sich darin selbst
Flavios Philostratos. Seine Herkunft aus Lemnos, die uns
Eunapios a. a. 0. und anderweitige Anführungen bestätigen 4),
ergiebt sich mit Sicherheit aus v. Ap. 6, 27 p. 242, 24, wo
er eine fabelhafte Geschichte mit den Worten einleitet: olBa
yap xaxa xyjv Afjjivov xöv &}xauxoO xtva ta7jXtxü)v oö xxl. Den
Ortsangehörigen läßt auch die genaue Lokalangabe bei der Er-
zählung eines in Lemnos geschehenen Unglücksfalles v. soph.
erwähnt p. 7, 20 und 35. 6. — Daß es unmöglich ist, hei Behandlung
der Pbilostratfrage von Suidas auszugehen, hat schon Schmid a. a. O.
8. 2 hervorgehoben.
■) Nach Saida« wiesen 'einige' die Bioi (getrennt von der v. Ap.)
einem iüngeren Phil. zu. Die Ansicht älterer Philologen (vgl. Fertig
p. 8), daß beide Werke zu trennen seien, hat noch Heyne vertreten
(Fertig p. 10) und später noch der Theologe Baur, Apollonius von Tyana
und Christus, im Sonderabdruck (aus der Tübinger Ztschr. f. Theologie),
Tübingen 1832, S. 125 Ann». = Baur, Drei Abhdlgn. z. Gesch. d. alten
Philosophie u. s. w., berausgeg. v. Zeller, Leipzig 1876, S. 122.
4) Synesius, Dio c. 1 (in Arnims Dio II p. 318, 86) und de insom-
niis p. 155 b; hier heißt der Verfasser der Bioi (die p. 86, 31 genannten
itfijuspftsc werden erwähnt) einfach 6 A^uviog cotfurnfc, ohne daß der
Name genannt wird ; ebenso nennt Suidas s. v. Apollonius Tyaneug
und Krates (Kynikos) den Verfasser der v. Ap., Suidas s. v. Herrn ogene.s
und Michael Apostoles in der Subscriptio cod. Paris. (Mitte saec. XV.,
vgl. Kaysers gr. Ausg. praef. v. soph. p. II Anm. 7) den der v. soph.
Vgl. auch Suidas s. v. ooqpianfc. dazu Bergks Aenderung a. a. O. S. 176
Anm. 1 a. E. — Die lemniscbe Abkunft des Flavios Phil, bestritt
Weinberger a. a. 0., dagegen Schmid, Philol. 57 (1898) S. 503.
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Die Philostrate.
471
p. 28, 28 sqq. ntpl xb xoXoujievov Kipou; xffc v^aou, tö B£
Xwpcov xoOto Xt|ifjv fcoxtv l{ xepatas irctoxpe^wv Xercxcxs 5) er-
kennen. Jener Widmungsbrief liefert den terminus post quem
für die Abfassung der Bioi. Die wechselnde Anrede des
Adressaten, der erst Xau-Tcpöxaxos örcaxos, dann dEptoxe ävd-urox-
x(i>v genannt wird, lehrt (s. Kayser v. soph. Heidelb. 18S8
p. XXVI und große Ausg., Zürich 1844, praef. d. v. soph.
p. I), daß das zweite Consulat des älteren Gordianus, das er
mit Severus Alexander im Jahre 229/80 bekleidete, verflossen
und die Dedikation des Buches während des dem Consulate
unmittelbar folgenden Proconsulates in Afrika (Capitol. Gord.
2, 4. 4, 1. 5, 1) erfolgt ist. Die Abfassung der Bioi wegen
jenes Schwankens in der Anrede geradezu in die Jahre 230/ 1
zu verlegen, wie das F. Rudolph, de fontibus, quibus Aelianus
in varia historia componenda usus sit, Leipziger Studien z. kl.
Phil. VI 1884, p. 4 sq., getan und auch Fertig a. a. 0. p. 19
gebilligt hat, wäre voreilig. Auch Kaysers Annahme, die Bioi
seien noch zu Lebzeiten des Kaisers Severus Alexander, also
vor 284 geschrieben, entbehrt sicherer Begründung. Sie ruht
auf der Angabe Pbilostrats (v. soph. p. 125, 29), der Sophist
Aspasios (über ihn unten S. 509) habe ßaotAet xe Juvä» xai xad-'
£auxöv jiexaßatvwv viele Länder gesehen. Weder beweist der
Ausdruck, daß der betr. Kaiser noch am Leben sein müsse,
noch ist damit Alexander Severus gemeint, der als Knabe den
Thron bestieg und erst in seinen letzten Regierungsjahren
gegen Persien und an den Rhein zog, sondern Antoninus Cara-
calia6). Nach Antipatros, der bald nach Caraeallas Regie-
rungsantritt starb (s. S. 475), nennt Phil, nur noch Aspasios
(p. 126, 21) als Inhaber des Amtes ab epistulis Graecis (Dessau,
Inscr. Lat, sei. I 1666 ff. Suet. Claud. 28, tat xfcv 'EXXrjvcxöv arco-
*) Vielleicht = der Kerosbucht an der Ostkaste von Limnos, s. die
Skizze auf Tafel I bei Conze, Reise auf d. Inseln des thrak. Meeres,
Hannover 1860.
•) An Alexander bei der Philostratstelle zu denken, war Kayger,
wie Clinton, Fasti Rom. I 1845 p. 255, veranlaßt durch den Text des
Olearius ßaoiXst xs guvibv 'AAsgdvöfMp xal etspotc, dem die hdscbr. Be-
glaubigung fehlt. Auch Kleba, Prosopogr. imp. Rom. 1 p. 169 folgt
dieser Annahme. W. Schmid im Artikel Aspasios bei Pauly-Wisaowa II
1723 umgeht die Frage, welcher Kaiser gemeint sei. Das richtige steht
schon bei Westermanu, de epistularum scriptoribus gr. I, Leipzig 1851,
p. 8.
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472
Karl Manscher,
xptjiaxtöv Paton-Hicks, The inseriptions of Kos, 1891, 345, 4).
Also ist dieser der von Caracalla erwählte Nachfolger Anti-
paters gewesen, da Nichtbesetzung des Amtes unter Cara-
calla nicht anzunehmen ist, ebensowenig, daß Philostrat den
Inhaber der Stellung, der damals stets ein Sophist war, nicht
genannt habe. Im Gefolge Caracallas, von dessen weiten Zügen
wir noch sprechen werden, hat Aspastos viele Länder besucht,
wenn er auch das Amt de« £ictaxoXe6c noch unter Caracallas
Nachfolgern (Suidas sagt deshalb von ihm yeyovwc &nl 'Aae-
Eav&pGu toö Mau,a£a;), behielt und den Lehrstuhl für Rhetorik
zu Rom noch in hohem Alter mit Zähigkeit behauptete
(s. S. 509). So bleibt der einzige sichere terminus ad quem
für die Abfassung der Bioi das Frühjahr 238, in dem der
Proconsul Gordian als achtzigjähriger Greis den Purpur anzu-
nehmen sich gezwungen sah und kurze Zeit darauf durch
Selbstmord endete. Immerhin legt jenes Schwanken in der
Anrede seines Gönners bei Philostrat die Vermutung nahe,
daß das Consulat Gordians noch nicht lange zurücklag 7).
Philostratos vermeidet zwar in den Sophistenbioi absicht-
lich chronologische Angaben, doch reiht er die Vertreter der
zweiten Sophistik im großen und ganzen in zeitlicher Abfolge
aneinander (vgl Perizonius, praef. zum Aelian p. XX der Ausg.
der var. hist. v. C. G. Kuehn I, Leipzig 1780); die jeweilige
Besetzung der rhetorischen Lehrstühle zu Athen und Rom so-
wie die Berufungen zum Amte eines kaiserlichen Sekretärs
boten dafür bequeme Anhaltspunkte. Je näher Phil, in seiner
Darstellung seiner eigenen Zeit und dem Ende seines Werkes
kommt, um so mehr dürfen wir erwarten, daß er mündlich
Erfahrenes, eigene oder fremde Erinnerungen zur Ergänzung
des ihm schriftlich vorliegenden Materials benutzt und uns da-
durch zugleich Nachrichten über sein eigenes Leben über-
mittelt a).
Im ersten Buche der Bioi beruft sich Phil, nur einmal auf
7) Jothner a. a. O. läßt die v. soph. 289 geschrieben sein, weil
Clinton, Fasti Rom. 1 1845 p. 255 das Leben Phil.s unter diesem Jahre
behandelt!
•) Vgl. Leo, a. a. O. S. 254 ff. Die Skepsis, mit der Leo (S. 257) die
Berufungen PhiLs auf Zeitgenossen betrachtet, kann ich nicht teilen.
8. unten S. 494.
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Die Philostrate.
473
einen Zeitgenossen als Gewährsmann. Ein gewisser Arfetaios
soll ihm von der Begegnung des zur Zeit Hadrians blühenden
Sophisten Dionysios aus Milet mit Polemo erzählt haben; um
Zweifeln an der Möglichkeit wichen Berichte« zu begegnen,
sagt er (p. 37, 17): 'Apwrafou . . . itpeoßuTatoe xöv ^ät' lui
cEA^fyv»v rtal itXetoxa 67i£p ooqpeotöv ttöotos. Häufiger sind
die Berufungen auf Angenzengen im zweiten Buche. Eine
* Notiz tiber Herodes Atticne verdankt er einem Athener Kterf-
demos (p. 69, 12). Ueber ArietHes nnd Adrianos hat er Tön
ihrem Schüler Damianos Kunde (p. 87, 20. 88, 20. 107, 24
—30). Zweimal beruft sich Phil. *uf die rcpeoßutepoi (p. 74, 8
und 84,27). Wen wir darunter zu verstehen haben, lehrt
p. 90, 2, wo er statt dessen sagt : d)£ . . . x©v epaoTOÖ Sio^kj-
xgüLü)V ijxouov.
Phil, wird die damals übliche dreistufige (vgl. Apul. Flor.
20 p. 97) höhere Schulbildung genossen haben. Die beiden
ersten Stufen , den Elementarunterricht beim Ypajifiaxcortjs
(ütterator) nnd die Schule des ypau.puxTix6c hat er vielleicht
noch ki Lemnos, seiner engeren Heimat, absolviert, vielleicht
schon in Athen, wo schon sein Vater, wie wir sehen werden,
als Sophist und Litterat sich einen Namen gemacht hatte. Daß
er dem rhetorischen Universitätsstudium zunächst zu Athen ob-
lag, wo seit Marc Aurel wie in Rom Professoren mit kaiser-
licher Besoldung neben den aus der Stadtkasse bezahlten Rhe-
torik docierten, war für ihn als geborenen Lemnier selbstver-
ständlich. Bildete doch Lemnos vereint mit Imbros nnd Skyros
noch in der Kaiserzeit wie in der langen Zeit seit dem Königs-
frieden») den hauptsachlichsten auswärtigen Besitz der Stadt
Athen. Die Lemnier steuerten nach Athen (Vitr. 7, 7, 2) ;
wie die Kleruchen, die einst zur Besiedelung entsandt wurden,
im Verbände ihrer athenischen Demen und Phylen geblieben
waren, gehörten auch damals die Lemnier zur Bürgerschaft
Athens10). Die Zeugnisse dafür, daß auch die Familie der
•) Allerdings mit einigen Unterbrechungen, vgl. U. Köhler, Ueber
- den auswärtigen Besitzstand Athens im II. Jahrh., Mittlgn. des d. arch.
Inst in Athen I 1876 8. 257—268; dazu 8. Shebelew, zur Gesch. v.
Lemnos, Beitr. z. alt Gesch. her. v. Lehmann II 1902, 8. 36—44.
,0) Vgl. BCckh, Staatshaushalte d. Athener, 8. Aufl. v. Frankel I
1886 b, 505.
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Karl Münscher,
Philostrate athenisches Bürgerrecht besaß, werden uns noch
später begegnen.
Proklos von Naukratis bezeichnet PhiL ausdrücklich als
seinen Lehrer (p. 104,27). Sein 'Wir'bericht (p. 116, 21) Aber
die Entgegnung des Larissäers Hippodromos auf Proklos'
Schmähschrift gegen alle Sophisten läßt uns in diesem einen
zweiten Lehrer Phil.s erkennen. Beide gehörten durch ihre
Lehrer Chrestos und Adrianos der ausgebreiteten und be-
rühmtesten Schule der Sophistik, der des Herodes an. Proklos
lebte noch mehr als 90 Jahre alt (p. 106, 16) mit ungeschwäch-
ter Gedächtniskraft, als Phil, seine Bioi schrieb (sonst würde
eine Nachricht über Tod oder Grabstätte nicht fehlen); er
war also um 140 geboren. Hippodromos, der Sohn des reich-
sten thessalischen Pferdezüchters jener Zeit, Tier Jahre lang
Inhaber des kaiserlichen Lehrstuhls für Sophistik in Athen
(p. 117, 21), zweimal der Leiter der pythischen Spiele (p. 115,21)
als e£XXa6ipxi)£ xfi>v 'A|i<ptxTo6vu>v, davon einmal zur Zeit der
Belagerung von Byzanz durch Septimius Severus, also der
Pythien des Jahres 195 (Clinton, Fasti Born. I p. 197), trat
noch im Jahre 213 neben seinem Schüler, dem jüngeren Phil.,
dem ,Lemnier4 (s. unten S. 494 f.), in Olympia mit einer Epideixis
auf: er starb 70 jährig (p. 120,4), also fallt seine Geburt
nach 143 und wahrscheinlich eine beträchtliche Reihe von
Jahren später, da Phil, ihm gegenüber den Proklos als npe-
oßutepoc (p. 116,26) bezeichnet Damit rückt der Beginn seiner
Lehrtätigkeit in das letzte Viertel des EL Jhhs.
Als dritten Lehrer Phils dürfen wir (p. 109, 2 'OXonm-
xouc xe ^uiv 8t^€t %al üava^valxou;) Antipatros aus Hiera-
polis in Syrien betrachten11). Zu Athen in der Sophistik
durch Adrianos und Polydeukes, die beide den &p6voc inne
hatten, in der technischen Rhetorik durch Zeno12) gebildet
") V. soph. II 24. Der Satz p. 109. 20 xol feftv ÖtÖdoxoXov sxa-
Xoüusv a&röv sv xol£ inaJvotf t9)c ixpodatco^ bezieht sich auf Vorträge
Antipaters, die er als Glied des kaiserlichen Hofstaates gehalten und
Phil, als solches gehört bat, nicht auf die Studienzeit Phil.s.
"*) Zeno wird ah rhetorischer Theoretiker (kein ocxpKmfa) von Phil,
nicht behandelt. Vgl. Syrian. in Hermog. it. <rcdo. p. 60, 11 R., n. it.
p. 18, 9 (Cmouvrjuaxa xöv ATju.oodsvixÄ>v Xd^wv). Walz, rhet. gr. VI p. 21, 3.
111, 27 u. a. Ihn meint 8uidas s. v. Zi^vcov Kius(>c; der Zusatz ruht
auf Verwechselung mit dem alten Zeno, der auch über Rhetorik ge-
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Die PhiloBtrate.
475
(p. 108, 28 sqq.), wurde dieser der Laufbahn des sophistischen
Docenten durch seine Berufung an den Hof des Septimius
Severus entzogen. Seine syrische Abkunft wird dabei nicht
ohne Einfluss gewesen sein ; finden wir doch an Severus1 Hofe
in den höchsten Stellen vorwiegend Volksgenossen der aus
Syrien stammenden Kaiserin Julia Domna. Antipatros wurde
der Leiter der griechischen Kanzlei des Kaisers, wurde der
Erzieher der kaiserlichen Söhne Bassianus und Geta, erhielt
das Consulat und war kurze Zeit Statthalter von Bithynien18).
Er gehörte zu den vertrautesten Freunden des Kaiserhauses;
der Hofarzt Galen (de theriaca 2 tom. XIV ed. Kuehn, Leipz.
1827, p. 218) weiß zu rühmen, wie fürsorglich Severus auf
das Wohl seines Antipatros bedacht war. Zum Danke für
die ihm erwiesenen Ehren unternahm dieser es, die Taten des
Kaisers als Geschichtsschreiber zu verherrlichen (p. 109, S).
Als nach Severus' Tode Caracalla seinen Bruder Geta in den
Armen seiner Mutter hatte ermorden lassen, erregte eine einiger-
maßen freimütige Aeußerung Antipaters Caracallas Verdacht
und Zorn: Antipater gab sich deshalb, wie es scheint, selbst
den Tod durch Erhungern 14). Man darf vermuten, daß er
. noch 212 starb, 68 jährig; seine Geburt fallt demnach ins
Jahr 144 15).
Die Zeit, da Phil, bei Antipatros studierte, muß vor dessen
Eintritt in das höfische Amt liegen. Dafür haben wir einen
terminus ante quem. Antipatros1 häßliche Tochter ward mit
dem jungen Sophisten Hermokrates vermählt, doch wurde der
schrieben hatte (Striller, de Stoicorum stud. rbet., Bresl. phil. Abhdlgn.
I 2, 1886 p. 5 — 7) und noch in der Bp&teren rhetorischen Litterat ur
citiert wurde (v. Arnim, Stoicorum veterum fragmenta I 1905 fr. 74 — &4).
Andere Rhetoren dieses Namens bei Strabo 12, 8, 16 p. 578. 14, 2, 24
p. 6b0. Sulp. Vict rbet. p. 813, 8. — Ueber eine rhetorische Schrift
Antipaters s. unten S. 539.
") Von dieser Stellung wurde er bald wieder enthoben, Öcgac ixo.-
(iöxspov xp^Jo^at t$ giqpsi sagt Phil. p. 109, 15, was man (vgl. Duruy,
Gesch. d röm. Kaiserreichs, übers, von Hertzberg, IV 1888, S. 265) auf
übereilte Todesurteile gegen Christen deutet.
"J So interpretiert Kayser, Heidelb. Ausg. p. 369, wohl richtig Phil.s
umschreibende Worte p. 10^, 18 Xsyskxi da dito&avelv xapxspcqf ufiXXov ^
vöoq>. Den Inhalt des verhängnisvollen Schriftstücks skizziert Phil,
p. 109, 28 sqq.
»») Vgl. W. Schmids Artikel Antipatros bei Pauly-Wiseowa I 2517.
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Karl Manschet-,
widerwillige Bräutigam nur durch den Einfluß des Kaiserg zum
Eingehen der bald wieder gelösten Ehe bewogen, and zwar
zur Zeit als das kaiserliche Hoflager sich im Orient befand
(p. 111,11). Ob der frühere (194—196) oder der spätere
(197 — 201) Orienteug des Severus gemeint ist, laßt Phil.s
jeder Genauigkeit abholde Ausdrucksweise nicht erkennen:
aber vor 197 oder bereits vor 194 war demnach Antipatros
kaiserlicher irciaToXeo; geworden18).
Die Studienzeit Phil.s wird demgemäß in das Ende der
80er oder den Beginn der 90er Jahre fallen; sie weiter zu-
rück zu verlegen, hindert uns die Nachricht des Suidas {s.
unten S. 516), daß er gu>c fttAimcou (244—49) gelebt habe.
Nehmen wir an — ein hohes Alter war ihm offenbar be-
schieden — , er sei etwa 75 — 80 Jahre alt geworden, so fiele
sein 20. Lebensjahr, das er bei Beginn seiner akademischen
Studien eher noch nicht erreicht als überschritten hatte 17),
zwischen 184 und 194.
Schließlich müssen wir der Reihe der Lehrer Phil.s noch
den schon erwähnten Ephesier Damianos anfügen 18). Von ihm
erklärt Phil, seine Nachrichten über Aristides und Adrianos
zu haben (p. 107, 29), und im Leben des Adrianos sagt er
(p. 00, 1) : (S>£ . . . Tfi>v feuautoö SiSaaxdXwv fptouov : vor allen
gehört folglich Damianos zu diesen. So spricht denn PhiL
auch von einer dreifachen Jjuvousta (p. 108, 19), die ihm Da-
mian gewährt habe, wobei es unklar bleibt, ob wir darunter
eine dreimalige Unterbrechung seiner athenischen Studienzeit
verstehen sollen, oder ob — was doch wohl wahrscheinlicher
Kayser, gr. Ausg. praef. p. VII (dem %. B. Götteching, Apollonias
Ton Tyana, Diss. Leipzig 18^9, S. 54 folgt) läßt Antipater sein Amt
als iRioroXsOg 197 antreten ; wodurch gerade dieses Jahr bestimmt sein
soll, weiß ich nicht. Hertzberg, Gesch. Griechenlands unter d. Herr-
schaft «1. Römer, III (H75) 8. 19 sagt, Antip. habe die griech. Kanzlei
'namentlich seit dem J. 198 (ja vielleicht schon seit 196)' geleitet.
Schmid läßt die Frage unberührt.
1T) Die rhetorischen Studien wurden meist in sehr jungen Jahren
begonnen; ich erinnere nur an das Wunderkind Hermosrenes, das 15-
jährig ein berühmter Sophist war soph. p 83. 4), an den 'Lemnier'
Phil., der 2Jjährig in Olympia auftrat (s. unten S. 499). — Bergk
a. a. 0. S. 179 IftUt Phil, etwa um 171, Clinton, F. R. I p. 267 (zu spät)
um 181 geboren sein.
18) In der Aufzählung der Lehrer Phil.» wird er überall (s. B.
Kayaer, gr. Ausg. praef. p. III u. s.) übergangen.
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Die PhiloBtrate.
477
— wenigstens die beiden letzten guvouofot als kürzere Besuche
in der späteren Lebenszeit Phil.s anzusehen sind.
Das für den weiteren Verlauf seines Lebens entscheidende
Ereignis war Phils Eintritt in den gelehrten Hofstaat der
Kaiserin Julia Donina, der Gemahlin des Septimius Severus.
Cassius Dio (75, 15, 7. Xiphilin. p. 813, 15. Suidas s. v.
'louXla AÖYOuoTa) berichtet von den Verdächtigungen, mit
denen Plautianus, der Gardepräfekt, lange Zeit der Günstling
und TwtpaSuvaorsutov tü> Scßifjpq) (Xiphilin. p. 311, 30), die
Kaiserin verfolgt habe, und bringt mit diesen Intriguen die
v Beschäftigung Julias mit der Philosophie in ursächlichen Zu-
sammenhang. Wie dem auch sei, die ebenso schöne1*) als
geistvolle Frau hat einen Kreis von gebildeten Männern
um sich versammelt, in dem ein reger Gedankenaustausch
über die damals die Welt bewegenden litterarischen, wissen-
schaftlichen und vor allem auch religiösen Fragen stattfand.
Dio (Xiphilin. a. a. O.) spricht von acxpiaxa:, mit denen sie ver-
kehrt habe, Phil, bezeichnet den Hofstaat der Kaiserin als
einen xuxXo; (v. Ap. p. 4, 2—3), in dem yewuiTpa: (d. h. Astro-
logen, vgl. Manetho 4, 128 sq. 210. Maass, Die Tagesgötter
1902, Kap. 1, 7) und <ptXöaocpot (darunter versteht er natür-
*l. lieh vor allen die Sophisten) vereinigt gewesen seien (v. soph.
p. 121, 26), aus dem Tzetzes, Chiliad. 6, 306, einen yopbz
j$T)Tcpti>v xs xa: x&v ypapLfAaxeuovTWv macht. Phil, belegt Julia
mit dem Ehrennamen V) cp'.Xöoocpo; (vgl. auch unten S. 537) und
rühmt von ihr, sie habe für alle frjiopixo: Xoyo'. Interesse ge-
habt. Papinian und neben ihm Ulpian und Paulus, die großen
Juristen, Cassius Dio und Marius Maximus, die Historiker,
Serenus Sammonicus und Galenos, die Mediciner, Gordianus
und Oppianos, die Dichter, Aspasios, Antipatros, Ailianos,
Philostratos, die Sophisten, können wir als Glieder dieses
glänzenden Hofstaates namhaft machen: Duruy (a. a. 0. S. 129)
schließt seine anmutige Schilderung dieses Kreises, dem auch
Bernouilli, Röm. Ikonographie II 3 (1804) S. 35-47, dazu Taf.
XVI -XIX; der zweifelhafte Kopf der Münchner Glyptothek (Bernouilli
8. 45, Taf. XIX) in Furtwangler* Beschreibung fl900) Nr- 354 '» 100
Tafeln nach den Bildwerken der Glyptothek (1903), Taf. 7o\ Wie ihre
Toilettenkünste sogar auf ihre Statuen Ubertragen sind, hebt Ilberg
hervor (Aus Galens Praxis, Leipzig 1905, S. 29).
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478
Karl Manscher,
der Kaiser selbst nicht fernblieb, mit dem Bemerken, man
werde unwillkürlich an die italienischen Fürstenhöfe der Re-
naissance erinnert.
Wann Phil, in diesen Kreis um Julia Domna eingetreten
ist, läßt sich nicht mit völliger Sicherheit feststellen. 196/7
befand er sich jedenfalls noch nicht in den Hof kreisen: von
dem Wettkampfe, den der Kaiser in einem dieser Jahre in
Rom zwischen dem Sophisten Apollonios, dem Abgesandten
Athens, und dessen Rivalen, dem Lykier Herakleides veran-
staltete, kann Phil, nur von Hörensagen berichten 20). Daß
er während des zweiten großen Orientzuges des Severus an
den Hof gekommen sei, ist, wenn auch nicht unmöglich —
Julia Domna residierte zumeist wohl in Antiocheia — doch
wenig wahrscheinlich. Dagegen spricht, wie mir scheint,
folgende Erwägung: 199 ging Severus nach Afrika und be-
suchte zunächst das Wunderland Aegypten bis hinauf nach
Aethiopien, weniger aus politischen Rücksichten ab aus Wiß-
begier. Sein Leben lang erinnerte er sich mit Vergnügen an
diese Reise, die ihm die Kenntnis so vieler Merkwürdigkeiten
der Natur wie seltsamer Religionsgebräuche und wunderbarer
Bauwerke verschafft hatte (Spart. Sept. Sev. 17,4. Xiphilin.
75, 13, 1 — 2, p. 331). Julia war die treue Begleiterin ihres
Gatten auf seinen Feldzügen (mater castrorum heißt sie un-
zählige Male) ; daß sie ihn auch auf dieser friedlichen Fahrt
begleitet hat, ist zwar, so viel ich sehe, nirgends bezeugt,
aber sicher zu vermuten Ä1). Auch dort in Aegypten wird sie,
wie sonst auf ihren Reisen, ihren litterarischen xuxXoc um sich
gehabt haben, und indirekt wird dies durch eine Stelle der
*°) V. soph. p. 113, 30 cpaolv aötdv oxs&oo Xöyou ixitsottv. Vgl.
p. 103, 21 sqq. Diese Ttpsoßeia des Apollonios nach Rom fand vor Severus'
zweitem Onentzuge statt (p. 108,27), also 196 oder 197 (vor oder nach
dem Entscheidungskampfe mit Clodius Albinus in Gallien), p. 114, 7
nennt Phil, als Grund für den Misserfolg des Herakleides auch sein
Mißtrauen gegen Antipatros, folglich war dieser damals schon am Hofe ;
das stimmt zu obigem Versuche, seinen Amtsantritt zeitlich zu fixieren.
") A. de Ceuleneer, Essai sur la vi« et le regne de Septime Severe,
Bruxelles 1880, S. 125 und Röville, Die Religion zu Rom unter den
Severern, übers, v. G. Krüger, Leipzig 188H, S. 191 lassen Julia und
Caracalla den Severus nach Aegypten begleiten; als ein Zeugni» dafür
kann die Inschrift, die die Neueröffnung von Steinbrüchen bei Philae
im J. 21)3 preist (C. J. L. III 75), wohl kaum gelten.
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Die Philostrate.
479
v. soph. (p. 103, 28) bestätigt, an der vom Aufenthalt des
Kaisers in 'Libyen'8*8) gesagt wird : ixet xcd xä<; feg Andorf yfj;
dpetÄ^ ouvfjYsv. Phil, aber war damals wohl noch nicht am
Hofe, da er nirgends persönliche Kenntnis Aegyptens zeigt,
die er z. B. bei Schilderung der Reise des Apollonius zu den
Gymnosophisten bequem hätte verwerten können *Sb). Damit
wird es wahrscheinlich, daß er bei Hofe — vielleicht durch
* seinen Lehrer Antipatros — erst in den Jahren nach 202 ein-
geführt worden ist, in denen Severus nach Niederwerfung
seiner beiden Rivalen und den gewaltigsten Feldzügen im
Osten und Westen des Reichs in Ruhe zu Rom regierte.
Am Schlüsse der v. Ap. erklärt Phil, er habe nirgends
ein Grab des Apollonius angetroffen, xai'xot tt}; yfft, 6tc6otj
iar(v, iraX&wv TtXgforqv. Von jeher hat man mit Recht diesen
Ausdruck dahin gedeutet, daß Phil, hauptsächlich im Gefolge
der Kaiserin Julia seine Länderkenntnis erworhen habe. Da-
bei ist zu berücksichtigen, dass Julia auch nach Severus1 Tode
ihren fürstlichen Hofstaat beibehielt. Sie gewann bei Cara-
callas Abneigung gegen die Regierungsgeschäfte erhöhten Ein-
fluß; sie hat auch ihren Sohn auf seinen Zügen begleitet, sie
**•) Darunter versteht Phil, hier Afrika einschließlich Aegypten,
das man sonst, gewöhnlich, wie v. Wilamowitz-Moellendorff, Die Text-
geschirhte d. gr. Bukoliker, 1906, S. 163 bemerkt, nicht zu Libyen rechnet
,,b) Seine Beschreitung des Memnonskolosses als eines unlädirten
Bildwerkes (v. Ap. 6, 4 p. 208, 3 sqq. ; vgl. im allgemeinen Drexler bei
Roscher, Mythol. Lex. II 2, 2661 ff.) erweckt durchaus nicht den Ein-
druck, als habe er es jemals gesehen. Daß aber der Memnon an dieser
Stelle wie auch Imag. 1, 7 p. 805, 20 und Heroik, p. 168, 2 als der
•klingende' behandelt wird, ist för keins der Werke chronologisch ver-
wendbar (vgl. Schmid, Philol. 57, 1898. S. 504 gegen ReVille a. a. 0.
S. 2u2 Anm. 8). Die Restauration des Kolosses, die man seit Letronnes
Abhandig. (la statue vocale de Memnon, Paris 1833; vgl. Momrasen,
C. J. L. III p. 9) als ein Werk des Severus betrachtet, das er wahrend
seines ägyptischen Aufenthaltes anordnete, nahm jedenfalls Jahre in
Anspruch, und noch mehr Zeit mußte vergehen, ehe man zu der Ueber-
zeugung gelangte, daß seit der Restauration wider alles Erwarten der
Memnon verstummt, in Wahrheit das natürliche Phänomen unmöglich
geworden sei. Daß auch Kallistratos in seinen Ekpbrasen, die sicher
nach dem Werk des jüngsten der Philostrate, wahrscheinlich im IV.
Jhh. geschrieben sind (vgl. Schenkl-Reisch, praef. p. XX.II Bq.), die
Memnonstatue ruhig als die 'tönende1 behandelt (am Schluß von Kkphr.
1 und in Nr. 9). erweckt nicht eben großes Vertrauen zur 6des des
Verfassers, für die die neusten Herausgeber (p. XLVIII sqq.) nach an-
deren so energisch eintreten. Einen Msuvov hatte Dio geschrieben,
den Synesios im Dio (p. 318 Arnim) zweimal neben der TsunÄv qppdoic
(vgl. Aelian, v. hist. 3, 1) erwähnt.
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480
Karl Münscher,
hat mit Klugheit und Energie an seiner Stelle tatsächlich das
Reich regiert. — 208 trat Severus seinen letzten Feldzug nach
Britannien an, Juli» begleitete ihn (Herodian 3, 15, 6. Dio
C. 76, 16, 5). Auf Phil.t Teilnahme an dieeer Expedition
läßt vielleicht seine Angabe (v. Ap. p. 166, 9) schließen, er
habe Ebbe und Flut des Oceans, Aber dessen Entstehung eine
Theorie, angeblich des Apollonios, mitgeteilt wird, nzpi Kea-
xob{ gesehen. — Aus dem Beginn der Regierungszeit Cara-
callas (212) erzählt Phil, als Augenzeuge die für die Stellung
Julias und ihres Kreises zum neuen Kaiser überaus charak-
teristische Geschichte vom Auftreten des thessalischen Khetors
Philiskos, eines Verwandten des Hippodromos, vor dem kaiser-
lichen Gerichtshofe zu Rom M). — Ende des Jahres 212 ging
Caracalla nach Gallien; die Kaiserin-Mutter und ihr literari-
scher Hofstaat befanden sich dort im Lager, als der Sophist
Heliodoros erschien, ein Araber, als Vertreter seiner Heimat
ans Kaisergericht gesandt Hatte den Philiskos sein Mißerfolg
vor dem Kaiser die Abgabenfreiheit gekostet14) (nur die athe-
nische Professur hatte er behalten), so gewann Heliodoros zum
größten Aerger der zünftigen Sophisten des Kaisers Gunst,
Ritterwürde für sich und seine Kinder und die erste Stelle
eines kaiserlichen Anwalts in Rom"). — Nachdem er zu
Pergamon bei Asklepios Heilung gesucht, zu llion als neuer
Alexander dem Achill gehuldigt hatte, brachte Caracalla den
Winter 214/5 in Nikomedeia an der Propontis zu, mit mili-
tärischen Rüstungen zum Partherfeldzuge beschäftigt. Die
Regierungsgeschäfte überließ er seiner Mutter, ihr Name stand
neben dem des Kaisers auf den Erlassen an den Senat. Trotz
dieser Geschäfte, so erzählt uns Dio, der selbst in Nikomedeia
M) V. soph. II 80 p. 121. Clinton I p. 221. Herteberg a. a. O. III
S. 16 ff. — Ueber die Heord&er, mit denen Philiskos im Streite lag, s.
Kuhn, stadt. und bflrgeri. Verfaesg. d. rüm. Reichs II, 186r>, 8. 406. Sie
besaßen das Privilegium, daß materaa origo censeatur (ülp. dig. 50, 1,
1, 2. Kahn a. a. O. I, 1864, S. 18). Außer llion, Delphi, den Städten
von Pont äs, die Ulpian (bez. Oelsus) nennt, besaß später auch Antio-
cheia dies Privileg, dem es Julian verlieh (Zosim. 8, II, 5).
») Nach Mod. dig. 50, 4, U, 4 hat Caracalla den Elementarlehrern
(qni primis litteris pueros induount) Oberhaupt die Steuerfreiheit entzogen.
**) V. soph. II 32 p. 124. Dae Amt eines advocatus fisci wurde
zumeist mit juristischen Fachleuten besetzt; vgl. Mitteis, Reichsrecht
und Volksrecht, Lpzg. 1891, S. 193. Aber auch der Sophist Quirinus er-
hielt tT/v xoö xauutou TXörwv (v. soph. p. 120, 24).
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Die Philostrate.
481
anwesend war (78, 8, 4), habe Julia noch mehr als sonst mit
den eiste» Geistern »philosophiert4 (Die G. 77, 18, 1—4). Für
• Nikomedeia dürfen wir also die Anwesenheit PhiLs vermuten,
wie für Pergamon ; Autopsie Phil.s hat für Pergamon bereits
Göttsching a. a. a S. 58 ans der mehrfachen Erwähnung des
dortigen Aaklepiosheiligtums (t. Ap. p. 131, 7 sqq., v. soph.
p. 111, 24) gefolgert8'). In das Jahr 215 fallt auch das Auf-
treten des ,Lenioiersl Phil, vor Caracalla, das in Asien, wohl
auch in Nikomedeia, stattgefunden haben muß (s. unten S. 500).
— Schließlich finden wir Julia Domna in Antioc heia. Dort,
in der Hauptstadt Syriens und des Orients in damaliger Zeit,
der dritten Stadt des Kaiserreichs, weilte sie, während ihr Sohn
den parthischen Feldzug antrat (216), und erledigte für ihn
die Regierungsgeschäfte (Dio C. 78, 4, 2—3). Dort empfing
sie die Nachricht von der Ermordung Garacallas, dem sie frei-
willig m den Tod folgte, um nicht aus dem Glänze des Thrones
in das Dunkel einer Privatexistenz hinabsteigen za müssen,
(Die* G. 78, 2^. Herodian, 4, 13, 8). Auf Phils Aufenthalt in
Antiocheia zu jener Zeit kann man unbedenklich seine Worte
aus dem Widmungsbriefe vor den Bdoi an Gordian beliehen:
* |A«t*VT)uivo$ 8e Ttal töv xorc* 'Avxwxeiav oicoudao^ivxwv xoxe
^|ifv bnkp <jo<piar<&v ev t$ toö Aacpvetou lepty*7). Ueber Daphne
weiß er deshalb antiochenische Lokalsage zu berichten (v. Ap.
I 16 p. 16. vgl. Paus. 8, 20, 2. Sozom. hiet. eccl. 5, 19).
Nach Julias Tode (217) löste sich natürlich der Kreis,
der sich um sie vereint hatte ; ihre Schwester Maisa ging mit
ihren Töchtern und Enkeln auf Befehl des Macrinus nach
Emesa, dem ererbten Sitze ihrer Familie, zurück. Phil, blieb
selbstverständlich nicht dauernd in Syrien. Indessen scheint
auf einen längeren Aufenthalt in dieser Provinz e i n Umstand
hinzuweisen. Photios nennt in der Bibliothek cod. 44 den
") In den 8tftdten Klemaaien« zeigt sich Phil. Oberhaupt gut be-
kannt. Er igt in Ilion bekannt (v. Ap. p. 133, 19). Ueber Ephesus
a. oben S. 476, Tyana unten 8. 485, Erjtbrae 3. 491. Von Pargo in
Pamphylien (v. soph. p. 82, 24), desgl. von Selenkeia in Kilikieu (v.
soph. p. 76, 30) spricht er aus Autopsie. Die Berufung auf Aüxiot
\öfo: (v. Ap. p. 825, 25) sengt auch vom Verkehr mit Einwohnern
Lykiens. — Gleiche Kenntnis Kleiuasiens zeigt der 'Lemnios', s. S. 498.
*') Von Gordians Aufenthalt in Syrien wissen wir sonst nichts;
Capitol. Gord. 9. 1 sagt nur plurimia provinoiis . . . ante (tot dem Pro-
consulat in Afrika) praefuerat.
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482 Karl Münscher,
Verfasser des Arjolloniosromans <&tX6atpaTos Topios*8); den
gleichen Beinamen erhält er im Scholion zu Lukians Ikaro-
menippos 1 (ed. Jakobitz IV p. 197), das wir der Hand des
Bischöfe Arethas verdanken »), und schließlich nennt Tzetzes
in den Chiliaden 6, 303 den Flavios Philostratos auch T6pto*
f^xcap, wo gleichfalls der Verfasser der v. Ap. gemeint ist
(er setzt hinzu äXXoq 5' £ortv 6 'Arcixos). Demnach gab es
unzweifelhaft Ausgaben der v. Ap., auf deren Titel Phil, als
Tyrier bezeichnet war, bez. sich selbst bezeichnet hatte so). So
konnte sich aber Phil, nur nennen, wenn er das Bürgerrecht
von Tyros erworben hatte 81), natürlich durch seinen Aufent-
halt daselbst, den er benutzt haben mag, mit seiner sophisti-
schen Kunst zu glänzen. Daß er Tyros zu seinem Wohnsitze
wählte, seit Hadrian die |A7]Tp67ioXi£ Syriens (Suidas s. v. üaüXoq
Tuptos f^Kop. vgl. Cod. Just. 11,22), von Severus als Haupt-
stadt der neugegründeten Provinz Syria Phoenice durch das
ius Italicum (Ulp. dig. 50, 15, 1 pr. Paul. dig. 50, 15, 8, 4)
und den Beinamen colonia Septimia (vgl. Höfner, Untersuch-
ungen z. Gesch. d. K. Sept. Sev. I, Gießen 1872, S. 166) aus-
gezeichnet, die spien didissima Tyriorum colonia . . . , nobilis
regionibus, serie saeculorum antiquissima , armipotens, wie
88 ) Die längere Epitome cod. 241 trägt nur die Ueberschrift: 4v>
syvcüafW) ix toO sl? töv 'AnoXXdmov &nb (ptovfjg 4>iXoffrpdxoo.
*•) Vgl. E. Maass, Melangea Graux, Pari« 1884, S* 759 ff. Daß
auch die Scholien zu Phil., besonders im Laurentianus LXIX 33 saec.
XI, auf Arethas zurückgehen, macht R. Müller, de Lesbonacte gram-
matico, Dies. Greifswald 1X90, p. 109—112 wahrscheinlich.
M) Vgl. Bergk a. a. 0. S. 176 Anm. 1, dein der Zuname Topioc
rätselhaft erscheint. Kaysera Vermutung (Heidelb. Ausg. d. v. soph.
p. XXXII), T6pio£ sei aus Süptog entstanden, erleichtert die Deutung
nicht Andere Deutungen (Meursius dachte an Phil. Aegyptius aus
der 2. Hälfte des letzten Jhh.s v. Chr , soph. 15 p. 6, 19), und Aen-
drrungen (Voss: Mupivatou; vgl. Fertig p. 52 Anm. 1) sind ebenso un-
möglich wie falsch. — Ein anderer ist der von Joseph, antiqu. 10,11, 1
erwähnte *iXöotpaxog 4v xalc 'Iv&xats auxoiJ xal «Doivtxixals toxopiat?; der-
selbe c. Ap. 1, 20; vielleicht auch Plut. frg. 6 Bern, ix töv sl« 'Ho(oÄov
&Tco(ivT)u.dx(Dv (ein anderer sollert. anim. 8 p. 965 '4>. Rußosu;'). Dieser
ist bei Pape- Benseier fälschlich mit dem Tyrios bei Photios cod. 44
identifiriert, weil er gerade als Quelle für Tyrische Geschichte citiert
wird. Ferner ist wohl zu trennen der Philostratos Tyrios, den Photios
cod. 150 als Verfasser eines Xe£ix6v töv rcapa xotc Mxa p^xopoiv Xigttov
xaxa atotxstov neben Julian und Diodor erwähnt.
M) Daü gerade Künstler und Gelehrte nicht selten das Bürgerrecht
in mehreren Städten besaßen, zeigt Schmid, Philol. 57, 1898, S. 503 f.
an einer Reihe von Beispielen.
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Die Philostrate.
483
Ulpian seine Heimat preist, und nicht Antiocheia, hatte ge-
wiß seinen Grund in der bekannten Mißachtung, die die An*
tiochener gegen Kunst und Wissenschaft an den Tag legten
(vgl. Mommsen, Rom. Gesch. V 4 S. 459 ff.) ; läßt doch PhiL
seinen Geisteshelden Apollonios mit kräftigen Worten die An-
tiochener als dvfrpcüTCOus ^{itßapßapou; xai dfiouaou? geißeln
(p. 16, 24. vgl. auch p. 124, 22 iffc 'Avxtoxeta^ ouv^d-ü)? ußpir
'irJj~r^ xac [irfiiv kov fEXXr/Vixü>v ea7touÖ*axu£a{) ; auch mochte
das tragische Ende Julias ihrem Schützlinge Phil, den Auf-
enthalt in Antiocheia verleidet haben.
In Tyros scheint also Phil, das große Werk, das er im
Auftrage seiner hohen Gönnerin unternommen, die 8 Bucher
v tos ig xöv Tuavia 'AnoXXibvtov, vollendet und herausgegeben zu
haben. War Julia Domna auch gewiß nicht die Trägerin und
Leiterin großer religiöser Reformbestrebungen, zu der man sie
hat machen wollen 32), so ist doch leicht begreiflich, daß in
jener Zeit des allgemeinsten, alles umfassenden Synkretismus
die geistig hochstehende Syrerin an einem Apollonios von
Tyana Anteil nehmen konnte. Es ist für uns schwer, über
Leben und Art dieses Mannes sicheres zu ermitteln, denn schon
damals, ein Jahrhundert etwa nach seinem Tode, schwankte
sein Bild zwischen Licht und Schatten je nach der Auffassung
des Beschauers. Die einen erklärten ihn schlechtweg für einen
Betrüger und Zauberer (Lukian. Alex. 5. Dio C. 77, 18, 4
y6*)g xal u.ötyo;) 88), die große Masse dagegen, und nicht bloß
M> Jean Räville in seinem bereite (Anm. 21) erwähnten, etwas über-
schwenglich gehaltenen, aber ausgezeichneten Buche, Cap. VI und VII;
dagegen bes. Göttsching a. a. 0. S. 74 ff., der seinerseits wieder allzu
unkritisch geneigt ist, allen Klatsch der historia Augusta zu glauben.
'*) Die Lukianstelle ist das älteste Zeugnis über Apollonios (vgl.
bes. Ed. Müller, War Ap. v. T. ein Weiser oder ein Betrüger . . .?,
Liegnitz 1861 S. 7 f.), da Apul. apol. 90 der neuern Kritik zufolge weg-
fallt. Falsch bezieht Jessen, Ap. v. T. u. i. Biograph Phil., Hamburg
1885, S. 36 Dio Prus. 31, 122 statt auf Musonius (vgl. Arnim, Dio v. Prusa,
1898, 3. 152) auf Apollonios. Vor Phil.s v. Ap. fallen wahrscheinlich
nur noch die Erwähnungen des Apollonios bei Dio C. (vgl. Schwartz
in Pauly-Wissowa III 1686), außer der genannten noch 67, 18. Hier
erzählt Dio ziemlich übereinstimmend mit Phil. v. Ap. 8, 26 p. 339 des
Apollonios hellseherische Verkündigung der Ermordung Domitians,
mit der Versicherung toÖto uiv oütwc lyivtxo, xdv uupidxts u$ dTtwTiJo^;
war des Traum- und Wundergläubigen Dio Gewährsmann hierfür etwa
Phil., durch mündliche Mitteilung? Die Geschichte wird bei den Byzan-
tinern oft nacherzählt: Job. Antioch. frg. 107 a. E. (F. H. G. ed. Müller
Philologe, Snpplementband X, viert«» Heft. 32
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484 Karl Münscher,
die der Ungebildeten, sah in ihm mindestens einen unverächt-
lichen Philosophen, das Haupt des Neupythagoreiamus zu-
meist einen wahrhaft verehrungswürdigen Weisen oder gar
ein mit fibermenschlicher Kraft begabtes Wesen: kulturelle
Verehrung ward ihm hier und da zu teil88). Es gab Werke
des Mannes, echte wie unechte *•), es gab eine Litteratur Uber
ihn, in der die Gläubigen wie die Skeptiker zu Worte ka-
men87): Gründe genug, das geschärfte religiöse Interesse der
Kaiserin dem seltsamen Manne zuzuwenden. Vielleicht waren
es auch äußere Umstände, die zuerst Julias Aufmerksamkeit
weckten. Ueber Tyana, Apollonios' Geburtsstadt, die zweite
Stadt der 10 kappadokischen Aemter (s. Mommsen, Rom. Ge-
sch. V4 S. 306), am Tauros {npb<; Ta6p(p heißt sie auf Münzen,
und der schreitende Stier ihr Münzbild), wenig nordlich der
kilikischen Tore gelegen, führte die große Heerstraße aus
Kleinasien nach Syrien, auf der wie schon Kyros mit seinem
Griechenheere (Xenoph. Anab. 1, 2, 20) und Alexander der
Große (Aman. Anab. 2, 4, 3. Curt 3, 9, 1—2. vgl. Strabo
12, 2, 9 p. 539) noch in der Kaiserzeit die römischen Heere
IV p. 580). Zonar. 11, 19 p. 582*. Gramer Anecd. gr. Paris. II (1839)
p. 29, 1 ff. (napl fotßouXAv xcttdc ßooiXiov ysyovoUBv) nach Dio, Ephraem
chron. 49—52, Tzetz. Chil. 2, 962-969 nach Phil.
M) Vgl. z. B. Amm. 21, 14, 5. Themist. or. 6 p. 72* nennt töv
ix Ti>dvo)v (ohne Namen) neben Plato und Musonius.
3£>) Miller, Pauly-Wissowa II 147. Für die Verbreitung des BildeB
des Ap. zeugt noch die Umschrift (Ap)oloniua Thyaueus (C. J. L. VI
29828 = Dessau I 2918) um sein erloschenes Medaillonbild an der Wand
eines römischen Nymphäums (vgl. Maas*, Die Tugesgötter. 1902, S. 50).
") Miller a. a. O. II 148. — Die auf ihre Authentie noch kaum
geprüfte Briefsammlung hat, ob eoht oder unecht, als fast einzige
Quelle über Apollonios neben Phil, den größten Wert; Ansätze, sie in
dieser Hinsicht auszubeuten, bei Jessen a. a. O. 8. 32 ff., Götteching
a. a. O. S. 125.
,7) Ueber die bereits Phil, vorliegenden e. unten S. 486. — Aus
späterer Zeit kennen wir noch einen ßloc 'AitoXXo>v(ou xoü Tuavfa>c von
dem unter Diocletian blühenden Soterichos (Suidas s. v.) aus Oasis
(Steph. Byz. Taoic, TtdXtc Atßuijc* Xsystoci xal "Oaoic). Eine lateinische
Bearbeitung des Lebens des Ap. stellt Vopiscus (Aurelian. 24, 9) in
Aussicht Eine solche lieferte (Ende saec. IV) Virius Nicomachus Fla-
vianus, der Vorkämpfer für die alte Religion neben den Symmachi
(vgl. Schanz IV 1, 1^04, S. 83 f.); daraus fertigte eine Abschrift der
Freund der jüngern Symmachi und Liviusemendator Tascius Victorianus
(vgl. Traube, Paläographische Forschgn. IV, Abhdlgn. d. K. bayr. Ak.
d. Wies. III. Kl. XXV, 1, Mönchen 1904, S. 16), die der Bischof Sido-
nius Apollinaris (epist 8, 3, 1) seinem Freunde Leo auf Wunsch über-
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Die PhiloBtrate. 485
(vgl. z. B. Vopisc. Aurelian. 22, 5) wie die einzelnen Reisenden
(z. B. Libanios or. 1, 14. Itin. Bardig. p. 16, 18) über das
Taurosgebirge nach der Ebene von Tarsos hinabstiegen. Auch
Julia Domna hat also Tyana öfters berührt. Einen längeren
Aufenthalt des Kaisers Severus daselbst, ob während des ersten
oder zweiten Orientzuges ist ungewiß 3B), veranlaßt durch eine
Erkrankung des Prafekten Plautianus, erwähnt Dio C. 75, 15, 4 8*).
Welche große Fürsorge Caracalla der Stadt Tyana zu teil wer-
den ließ, lehren die Münzen: unter seiner Regierung erhielt
sie den Titel colonia mit den Beinamen Antoniniana und Au-
relia (Imhoof-Blumer, Kleinasiatische Münzen II 1902, S. 499) ;
ihm zu Ehren feierte sie einen Agon (ATQN. ANTQNINIAN.,
Eckhel, Doctr. numorum III 1794 s. v. Tyana p. 194/5). Nach
Dio G. (77, 18, 4) erbaute Caracalla dem Apollonias ein Heroon,
offenbar dasselbe Heiligtum, das Phil, am Schlüsse der v. Ap.
p. B44, 4 erwähnt als fepdk TuavaSe ßaatAefois &c7cenoci}uiva
xiXeatv ; es war erbaut an der Wiese, auf der Apollonios nach
der Lokaltradition geboren sein sollte (v. Ap. p. 5, 4) 40). Phil,
erzählt mancherlei nach den mündlichen Angaben der Tyaneer
(vgl. p. 5, 16 und 22): am Heimatsorte des Apollonios hat er
also geweilt und seine Erkundigungen eingezogen, und allen
Umständen nach zu urteilen, werden wir seinen Aufenthalt in
Tyana mit einem der Kaiserin daselbst in Zusammenhang
M) Ceuleneer a. a. 0. S. 75 Anm. 1 verlegt diesen Aufenthalt in
den ersten Orientzug gegen Pescennius Niger. C. Fach«, Gesch. d. K.
L. Sept. 8er. (Wien 1884, Untersuchen, z. alt Gesch. Heft 5) S. 89
vielleicht mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die Rückreise aus dem
zweiten im J. 2o2. Vgl. auch Höfner a. a. 0. S. 248.
") Bereits Baur a. a. 0. S. 126 Anm. (= S Abhdlgn. S. 122) be-
nutzte die Dioe teile in gleichem Sinne; vgl. auch Göttsching a. a. 0.
S. 77.
*•) V. Ap. p. 5, 4 konjiciert Jessen a. a. 0. S. 5 Anm. 1 mit Recht
dy.Tisfcobrtat. Nach quaestio 34 (24) der quaestiones et responsiones ad
orthodoxe*, die Harnack, Texte und Unterschgn., N. F. VI (XXI) Heft 4,
Leipzig 1901, neuerdings wieder für Diodor von Tarsos in Anspruch
nimmt, wurde eine wundertatige Bildsäule des Apollonios von den
Christen zerstört; vielleicht in Tyana? Harnack denkt (S. 38) an Anti-
ocheia; die vom Fragenden erwähnten tsXio^ata sind sicher die anti-
ochenischen (s. S. 486 Anm. 41), von dem Standbilde, das der Ant-
wortende erwähnt, ist Antiocheia aber keineswegs als Standort sicher. —
Am Concil von Nicaea nahm Bchon ein Bischof von Tyana, Eupsychios
(Patr. Nicaen. 1, 96. 2, 95 u. s.), teil (s. Rhein. Mus. LXI, 19u6 8. 65).
Im J. 366 tagte in Tyana ein christliches Concil, Cassiod. hist 7, 28
p. 109QC Migne, vgl. Manei 8, 894 sqq.
32*
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486
Karl Mflpscher,
brimzen. Im Frühiahr 215 zog Caracalla von Nikomedeia
aus nach Syrien : wohl möglich, daß ein Aufenthalt des Hofes
in Tyaua anf diesem Zuge Caracallas und Julias Interesse für
den Tyaneer weckte : da erhielt der im Gefolge anwesende Hof-
sophist Phil, den Auftrag, das Leben des Wundermanns zu
verherrlichen. Erinnert sei auch noch daran, daß im Daph-
nenm zu Antiocheia eine Tradition Ober Apollonios 41) sich
erhalten hatte, die der Kaiserin bekannt werden konnte (v.
Ap. 1, 16-17. ygl. auch p. 249,25).
Phil, nennt (v. Ap. p. 4) drei Schriften über Apollonios.
Davon stimmten die 4 Bücher des Moiragenes, wie es acheint,
nicht in den Chor der Bewunderer des Apollonios ein, Phil,
lehnt sie deshalb ab; ihre Existenz wird bezeugt durch
die Anführung bei Origenes (c. Cels. 6, 41. Die Erwähnung
bei Tzetzes. Chil. 2, 974 stammt wohl aus Phil. 4a). Maximus
von Aegae, nach p. 11, 29 kaiserlicher Imorotäx; (welches
Kaisers ist ungewiß), hatte die Jugendzeit des Apollonios, die
dieser großenteils in Aegae zugebracht hatte, behandelt; ihm
folgt Phil, im Anfange seines Werkes (p. 6-11). Das dritte
sind die u7io|AVT}fAaia des Damis aus Ninive, die Phil, im wesent-
lichen seiner Biographie zu Grunde gelegt und nur stilistisch
umgestaltet haben will. Man nimmt heute ziemlich allgemein
*») Allerdings entstammten die tsXiouata selber, die nach byzanti-
nischer Tradition zu Antiocheia (wie zu Gonstantinopel) bestanden,
d. h. verzauberte Bildwerke (vgl. Diele, Elementum, 1899, S. 56), die
als Talismane irgendwelche Gefahren bannen sollten, wohl dem Glauben
einer späteren Zeit. Es ist das Verdienst Millers (Philol. N. F. V 1892
S. 581—4 und Pauly-Wissowa II 146), die byzantinischen Quellen heran-
gezogen zu haben. Nur stammen die Nachrichten gewiß nicht, wie
Miller meint, aus einer Biographie des Apollonios, sondern aus antio-
chenischer bez. byzantinischer Lokaltradition : Malalas, der sie am aus-
führlichsten giebt (p. 268, 18—266, 11 Bonn.; vgl. Kedren. I p. 431,
14 sqq. und I p. 73, 9 sqq. Cramer, Anecd. gr. IV, 1837, p. 240) war
Antiochener, 'sein Werk erscheint geradezu als eine (antiochenische)
Stadtchronik' (Krumbacher », Gesch. d. byz. Litt S. 327). Interessant
ist, daß sogar in dem livre des talismans, das in arabischen Quellen
dem Baiinas = Apollonios beigelegt wird, der talisman que j'ai fait
ä Antioche contre les punaises erwähnt wird (S. 129 bei Leclerc, de
l'identite* de Baiinas et d'Apollonius de Tyane, Journal Asiatique, VI.
•ene, tom. XIV 1869 S. 111—131).
**) Die Identificierung dieses Moiragenes mit dem in Plut. quaest
conv. 4, 61 als Mitunterredner vorkommenden lehnt Zeller, Philos. d.
Griech. III 2» S. 183 Anm. 2 wohl mit Recht ab.
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Die Philostrate.
487
an, daß Damis und sein Buch eine Fiktion sei (£. Schwarte,
Fünf Vortrage über d. griech. Roman, 1896, S. 126. Leo a. a. 0.
S. 261. v. Arnim, Pauly-Wissowa IV 2057). Und in der Tat sieht
das, was Phil. Aber die Art nnd Weise mitteilt, wie er bez. die
Kaiserin Julia in den Besitz des Boches gelangt sei, daß näm-
lich ein Verwandter des Damis die bis dahin unbekannten
SeAxot jener (mo\i^\tax<x, der Kaiserin fibergeben habe, zunächst
gttr sehr ans wie Fiktion, mit der Absicht, der Erzählung
größere Autorität zu verschaffen. Aber bei Phil, setzt von
p. 19 an unverkennbar die Benutzung einer neuen Quelle ein
(das voranliegende, das auch nicht aus Maximus stammt, Füllt
die Lücke schlecht genug aus; außer eigenem, bes. p. 16, re-
prodociert Phil, da vielleicht Moiragenes, vgl. Miller Philo!.
51, 1892, S. 583); Phil, folgt von da ab — aus eigener Lek-
türe fortwahrend sophistische Exkurse einschiebend und über-
all erweiternd — einem Reiseberichte; und warum sollte dies
Schwindelbuch, dem Phil, blindlings folgt, nicht den Verfasser-
namen Damis getragen haben? (vgl.Rohde, griech. Roman 8. 439
Anm. v. Gutschmid, EL Schriften V, 1894, S. 548). Ja, sogar die
Geschichte von der Auffindung und Ueberreichung des Buches
erscheint mir nicht so ganz unglaubhaft, wenn ich mir als Akteure
ein paar geriebene Priester — etwa vom Apolloniosheiligtum
in Tjana — denke, die auf diese Weise die Wißbegier und
den Glauben der Kaiserin ausnutzten. Dagegen ist kaum zu
glauben, daß Phil, den Kamen der Kaiserin als Deckmantel
für eine Fiktion sollte mißbraucht haben (vgl. Göttsching
a. a. 0. S. 71). — Nicht innerer Drang trieb Phil., des Apollonios
Leben zu schreiben ; er hatte keine philosophischen, geschweige
religiösen Interessen ; Wunsch und Willen der Kaiserin erfüllt
er ift seiner Weise, er ist Sophist: als solcher bearbeitet er
den gegebenen, im Grunde ihm gleichgiltigen Stoff, putzt ihn
auf durch Einfügung zahlreicher geistreich und gelehrt sein
sollender Einlagen, — Geschichten wie sie Ailianos aneinander-
zureihen liebt — und schafft dadurch erst nach seiner Mei-
nung ein lesbares Buch: das Vorhandene |i£xaypi^ai und rf};
änccffeXiou; . . . iTitptcXij^fjvat (p. 4, 4), das ist seine Aufgabe,
seine Leistung. Wie verkehrt es war, einem solchen Manne
eine christenfeindliche Tendenz unterzuschieben, liegt auf der
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483
Karl Münscher,
Hand48). Der Dünkel des griechischen Sophisten ging ahnungs-
los vorüber an der damals schon die Weit umspannenden Ge-
meinde der Christianer, von deren Lehen, Lehre und Schriften-
tum er in Antiocheia vor allem hätte Kenntnis gewinnen können,
wo neben der größten orientalischen Ueppigkeit und Sitten -
losigkeit eine der ältesten und bedeutendsten Christengemeinden
bestand. Er stand verständnislos den syn kr etis tischen Be-
strebungen des Kaiserhauses selbst gegenüber, die eine Julia
Mamaea (der Domna Nichte) den Origenes nach Antiocheia
rufen (Euseb. hisi eccl. 6, 21), ihren Sohn Severus Alexander
Christi Bild in seinem Lararium aufstellen und Christus unter
die Zahl der zu verehrenden Götter rechnen ließen (Lampr.
Alex. 29, 2. 43, 6). Eine spätere Zeit erst spielte Apollonios
als heidnisches Gegenstück zu Christus aus, und Hierokles,
der als erster die Parallele zwischen Apollonios und Christus
zog (in diocletianischer Zeit) griff dabei auf Phil.s Werk zu-
rück. So lange der Streit zwischen Christus und den alten
Göttern währte, figuriert von da an der Magier von Tyana ,
im apologetischen Material der Heiden und Christen, daneben
blieb er als Zauberer mit seinen -zekloponot bis ins Mittelalter
hinein eine Gestalt des Volksglaubens, und auch in der Neu-
zeit hat er stets das Interesse, besonders der Theologen, er-
weckt44) und hat als Träger christenfeindlicher Tendenzen
mehrfach Neuer weckungen erfahren46).
Die Vollendung des in ihrem Auftrage von Phil, unter-
nommenen Werkes hat Julia Domna46) nicht erlebt: der
*8) Auf die y. Ap. naber einzugehen, ist im Rahmen dieaer Unter-
suchung unmöglich, ist auch ungleich wichtiger für Apollonioa als für
Phil. — Die Uebereinstiinmungen, die man zwischen der v. Ap. und
den christlichen Evangelien aufgezeigt hat, beruhen schwerlich auf
Absicht, und wenn doch, so war das nicht eine Absicht Phils, sondern
der früheren Apolloniosbiographen. Ueber diese handelt jetzt geistreich
R. Reitzenstein in seinen Hellenistischen Wundererzählungen, Leipzig
1906, S. 40 ff., die mir erst während des Druckes zugehen. Den Damis
halt auch R. keineswegs für fiktiv.
u) Die neuste, mir noch nicht in die Hand gekommene Bearbeitung :
ApolloniuB von Tyana, der Magus ans Osten, von R. Meyer-Kramer
steht in den Monatsheften der Comeniusgesellschaft 15, 1. Vgl. auch
Th. Whittaker, Apollonius of Tyana and other Essays, London 1906.
*•) Ueber diese Litteratur vgl. bes. Jessen a. a. 0. S. 3.
*•) Schwartz, a. a. 0. S. 131, verwechselt Julia Domna mit Julia
Mamaea. — Der Aufsatz von Mary Gilmore Williams Ober Julia Domna
im Journal of Archaeology 1902 war mir nicht zugänglich.
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I
i
Die Philo* träte. 489
lebenden hätte Phil, gewiß sein Bach gewidmet, der toten
konnte er nnr durch seine Worte (s. oben S. 477) ein Denkmal
setzen. Nach 217 ist also und wahrscheinlich von Tyros aus die
Apolloniosbiographie ediert, vor den ߣoi ao^toxöv (s.obenS. 469).
Dies spätere Werk gibt uns auch über das spätere Leben
des Verfassers erwünschten Aufschluß. Am Ende des ganzen
Buches (p. 126, 31 sqq.) nennt Phil, noch drei Sophisten, Über
die er ablehnt, sich weiter auszulassen, xai fdp 5v %al dmcrrTj-
ftefyv &s x*?10*^0^ V>oi <ptX£a npb; aöiou? ^v. Diese
drei sind Philostratos der Lemnier (der uns alsbald beschäftigen
* wird), der Athener Nikagoras und der Phönikier Apsines *7).
Von Nikagoras kennen wir durch Suidas den Namen
seines Vaters Mnesaios, der selbst schon Sophist war, seinen
Sohn, den jüngeren Minukianos *8), dessen Blüte Suidas unter
Gallienus (253/68) setzt, und ein paar Büchertitel, darunter
einen itpeoßeiraxös itpö$ Oi'Xmrcov xöv Tctyiafav ßaotX£a : unter
Philippus Arabs (244-9) verlegt deshalb Suidas, bez. He-
sycbius, seine Blüte. Apsines aus Gadara in Syrien, den Phil,
den Phoinikier nennt, ist der bekannte Verfasser rhetorischer
Schriften und der uns erhaltenen x^xvrj. Er blüht nach Suidas
unter Mazimus (235/8). Dazu tritt ergänzend die Notiz Ober
den Sophisten Maior aus Arabien bei Suidas s. v. : ouvexpo-
vtofi 'A^fvn xorf Ncxayopqc iizl «DiX^tttcou toO Ka(aapos %al iicava).
Bis gegen die Mitte des IIL Jhhs. hat also auch Apsines49)
neben Nikagoras in Athen gewirkt. — Mit diesen beiden und
Phil. Lemnios war Fl. Phil, befreundet, als er zwischen 280
und 238 seine ßtot schrieb: deshalb schon möchte man ver-
* muten, daß er in dieser Zeit neben seinen Freunden in Athen
lebte und tätig war. Die Vermutung wird zur Tatsache er-
hoben durch Suidas s. v. Op6vT<i>v 'EpuaTQVös pfpwp. Dieser
hat unter Severus in Rom geblüht, danach h ti \A{Wjvats
4T) Selbstverständlich sind diese drei noch am Leben znr Zeit, wo
Phil, das schreibt, trotz des imperf. p. 127, 7; vgl. z. B. p. 126, 29.
Hammer, de Apsine rhetore, progr. Guntian. 1876 p. 4 bereitet sich
unnötige Schwierigkeiten duroh die Annahme, Phil, bezeichne den
Apsines hier als kürzlich verstorben. Den gleichen Irrtum begeht F.
Rudolph a. a. 0. p. 5.
*•) Vgl. Glöckner, qnaestiones rhetoricae, Bresl. phiL Abhdlgn. VIII,
1901, p. 22 sqq.
«•) Vgl. Hammer a. a. 0. und bes. Brzoska, Pauly-Wissowa II 277 ff
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490 Karl Mttnsoher,
ävteiratö'euae OtXoorpflExqi Tfy irpuVccö xal 'AtylwQ -rtp Totfopef.
Der Phil. 6 rcpöxo; (über die Zählung 8. unten 8. 518) kann
nur der von uns behandelte Fl. Phil, sein (vgl. Rohde, Gött.
gel. Anz. a. a. 0. S. 35 Anm. 2), mit dem wie mit Apsines
jener Fronto za Athen in Konkurrenz trat.
Von Tyros ist also Phil, nach längerem Aufenthalt wieder
nach Athen zurückgekehrt. Hier lebte er nun als ein leben-
diges Beispiel dafür, was an Ruhm und Ehre ein Sophist ge-
winnen könne, er, der langjährige Vertraute des Kaiserhauses.
Mit Stolz nannte man ihn nun 'Afrjvatoc *) ; er scheint selbst
diesen Beinamen gern gebraucht und die Bezeichnung als
Lemnios seinem jüngeren, aufstrebenden Verwandten überlassen
su haben. Hierokles (wörtliche Citate aus seinem ?tX-
aXVjfrrjt bei Eusebios p. 371, 13 und 406, 29 in Kaysers kl.
Philostrat- Ausg. I) und Eusebios (im dvTtppr/Ttxb$ 7ipö; t&
lepox>iou{ p. 371, 24 und 373, 5) nennen ihn den Athener.
Und die Athener bewiesen sich dankbar gegen ihren berühm-
ten Mitbürger: wir besitzen noch die Inschrift des Standbildes,
das ihm in Olympia errichtet wurde: 'Af<x&ü töxtj. A6yu«Tt
Tifc 'OXufiTctxfjc ßouXfjs OX(<*ßtov) <&iA6<JTparcov 'Afrnvtfov r) Xau-
«poraxn iwzpiz (Olympia, Ergebnisse V, Inschriften, Berlin
1896, Nr. 476 = Dittenberger », Sylloge I 412). Auch den
Demos wissen wir zu nennen, dem die Familie der Philostratoi
angehörte; denn der L(ukios) Fla(vios) Philostratos Steiriens61),
*•) Das athenische Bürgerrecht hat Phil, nicht erat jetzt erworben,
wie W. Schmid, Philo». 57, 1898, S. 503 will, das besaßen die Philo-
strate von Hause aus als geborene Lemnier; s. oben S. 473. — Seine
genaue Ortskenntnis in Athen zeigen manche Stellen: v. soph. p. 55,
13. 104, 23. 106, 29. 122. 32. Ueber Lebadeia in Boeotien gtebt er
mündliche Lokaltradition (v. Ap. 8, 20 p. 336, 16). — Wir beobachten also
die seltsame Erscheinung, daß derselbe Mann uns mit 3 Beinamen ( A^jmoc,
Töptog, 'A*rjv«loc) begegnet. Es spricht sich darin das Streben aus,
durch die Beinamen die verschiedenen Philostrate zu unterscheiden;
und wie es scheint, ist Phil, selbst mit dieser wechselnden Bezeichnung
vorangegangen, deren Mannigfaltigkeit freilich die Unterscheidung der
Personen in Wahrheit erschwert hat.
") Der älteste Phil, aus Athen, den wir kennen, ist der Arist equ.
1069 erwähnte xovaXc&wjg. Der Name Phil, begegnet in vielen att.
Demen.: Alfcovsuc C. J. A. 1766. 'AX«s<»c C. J. A. 338. 'Apct^vios C.
J. A. 469, 102. 'Axapvsftc C. J. A. 465 und 791, 80. Ktj<pwisö6 Ditten-
berger, syll. 173, 5. Ko&üxiÖTjc C. J. A. 812 b 63. KoXe>v*)&sv C. J. A.
803 f 37 tptijpapx0«- [Demosth.] 59 , 22 Ehetor. Otyfrsv , Vater des
Philosophen Polemo: Diog. L. 4, 3, 1 und Suid. s. v. Polemo. UaXXrp9f>e
[PlutJ X erat. v. Antiph. 1. 76 (Wettenn. Biogr. p. 238). Dittenberger,
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Die Philostrate.
491
der als Archon im Ephebenverzeichnis (C. J. A. III 1202, 1)
der 35. Panatbenais (wahrscheinlich = Olymp. 260, 2 = 262/3,
oder 254/5 oder 258/9 nach der Berechnung Dittenbergers,
die attische Panathenaidenära , Commentat. Mommsenianae
1867, p. 242— 253; vgl. Klebs, Prosopogr. imp. Rom. II p. 71 sq.)
vorkommt, ist sicherlich ein Nachkomme oder Verwandter des »
von uns behandelten Fl. Phil.62). Seine Familie lehrt uns
eine Inschrift aus Erythrae kennen (Dittenberger2, Sylloge I •
413 nach Pottier im Bull, de corresp. hellen. IV 1880 S. 153);
sie wurde einem Fl. Capitolinus ouvyevf) xal dSeXcpbv %cd {relov
auvxA7p.xä)(v) von der Bule der Erythräer 6S) als ihrem xpocpt-
jios und EuepYivriq, gesetzt, der vorher bezeichnet wird als :
(t)öv toO aö^pioroO 4>X(aßtou) <S>ikoaxpdxo\3 xal Tfjc xpaTt'arnc
AOpTjXfa? MeXtTfvrj; u£6v. In dem Vater sieht Dittenberger mit
Recht den berühmtesten Phil., den wir behandeln. Der Stein
gibt uns den Namen seiner Gattin, des einen seiner Sohne (das
a5eXcp6v zeigt, daß Capitolinus mindestens noch einen Bruder
hatte) und lehrt, daß die gesamte Familie senatorischen Rang be-
saß ; diesen wird Fl. Phil, während seines Hoflebens erhalten haben. *
In Athen hat also Phil, sein zweites großes Werk voll-
endet, die ߣoc aocptoröv, in dem er den Trägern jener höch-
sten Blüte der Kultur, die er in den Sophisten sah, ein immer-
hin glänzendes Denkmal errichtete. Er widmete sein Werk
einem Freunde und Gönner aus der Glanzzeit seines Lebens,
jenem greisen Antonius Gordianus, dem Proconsul Afrikas,
der in den schöngeistigen Hofkreisen gewiß eine bedeutende
Rolle gespielt hatte: wie mit Cicero und Vergil war er mit
syll. 606, 51 (a. 333—322). Hsisawis C. J. A. 962. Ilöptoc Dittenberger,
syll. 728, IL XoXapytös Alkiphr. cpist. 1, 9, 2. — Yal C. J. A. 945
and 959 c 2. — Der Frauenname Philostrate begegnet C. J. A. 1774 (ans
Algwv^), 1879 (aus 'AvdqpXuoxoc), 2480 (aus ntttoc). — E» ein selt-
samer Zufall, daß die einzige dem 3. Jhh. v. Ohr. angehörende In-
schrift, die C. Fredrich auf der kleinen, südlich von Lemnos liegenden
und heute wie im Altertum zu diesem gehörenden Inselchen Hagio-
strati, die Fredrich nach Kieperts Vorgange mit dem antiken Halonnesos
identifiziert, als Weihenden einen Philostrat nennt: Q>i\6Tzpzzo$
*H(*H. Vgl. Fredrich, Halonnesos, Progr. Posen 1905, 8. 11. — Die
Koischen Inschriften weisen auch zwei Phil, in gleicher Zeit auf (Paton-
Hicks 10 a 57. 10 c 13).
•*) Wahrscheinlich ist es sein Neffe, der 'Lemnier', s. 8. 515.
M) Für die Beziehungen der Philostrate zu Erythrae werden wir
in den Briefen noch eine Bestätigung finden; s. S. 534.
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492
Karl Münscher,
Plato und Aristoteles vertraut (Capitol. Gord. 7,1); in seiner
Jugend hatte er neben anderen epischen Versuchen in einer
Antoninias von 30 Büchern die Taten des Antoninus Pius und
Marcus Aurelius besungen (ibid. 3, 2 — 3), sich rhetorischen
Studien gewidmet, audientibus etiaru imperatoribus suis dekla-
miert (3, 4).
Was Phil, mit seinem Bache wollte, spricht ein Satz des
Widmungsbriefes deutlich genug aus: er wünscht seinem
Gönner — Ippwao u-ouar^xa grüßt er ihn am Schluß — mit
seinem Werk die Sorgen zu vertreiben (xö <y p6vxtap,<% xoOxo . . .
xal xds &x&ri aot xoocptet xift yvü)fiT)s), kein gelehrtes und, was
dadurch gegeben wäre, formloses öic6{ivT3jia will er schreiben,
sondern ein Buch, das man seiner Form wegen, nicht etwa
bloß des interessanten Inhalts wegen liest. Er schreibt geist-
reichen Feuilletonstil. Wie er dabei mit Absicht und Erfolg
die gegebenen Formen des grammatischen Bios möglichst
durchbrochen und verkleidet hat, hat Leo a. a. 0. S. 254 ff.
gezeigt. Auf zwei Bücher hat er die Reihe der Sophisten
verteilt (p. 1, 2 ao^taxd; is 6*6o ßißXta dvbfpatyd aot) 64). Im
ersten schickt er den eigentlichen Sophisten die sophistisch
tätigen Philosophen voran (Eudoxos von Knidos, Leon von
Byzanz, Dias64*) von Ephesos, Karneades, Philostratos den Ae-
gypten Theomnestos, zuletzt Dio und Favorinus). Es folgen die
eigentlichen Sophisten, erst die 'älteren', 'philosophierenden' von
Gorgias bis Isokrates, dann als Begründer der 'neuen1 Sophi-
stik (und zugleich der Stegreifrede) Aischines, und von ihm
springt er über mehrere Jahrhunderte hinweg (p. 24, 14 örap-
ßafcvxes & 'Aptoßap^avrjv xöv KAixa xaE Eev6cppova xöv StxeXtw-
xtqv yal üettotYÖpav xöv 1% KupVjvr^ — für uns leere Namen)
a Saidas (s. S. 516) giebt den Bioi 4 Bücher. Wenn das nicht
Verschreibung ist, muß es eine andere Ausgabe, die wohl nicht
von Phil s eigener Hand stammte, gegeben haben. Buch I der Hdschr.
ließe sich bequem in 2 Teile zerlegen, da mit Gap. 19 (p. 24, 14) ein
neuer Teil, die Schilderuug der zweiten Sophistik, beginnt In Buch II
tritt nirgends ein derartiger Abschnitt hervor. Ueber doppelte Buch-
einteilung der Kikones s. S. 554. — Die Grande, die Kayaer, Beiclelb.
Ausg. praef. p. XXI für die Lückenhaftigkeit unserer Bioiüberlieferung
vorbrachte, wird niemand mehr als stichhaltig ansehen; vgl. dagegen
bes: die Einleitung der (Jebersetzung der Bioi von Christian (in der
Osiander-Schwabschen Sammlang) 8. 1146 ff.
"•) Schreibfehler für Ar^?, s. Natorp, Pauly-Wissowa IV 2446.
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Die Philostrate.
493
auf Niketes von Smyrna im 1. Jhh. der Kaiserzeit. Damit ist
er zu seinem eigentlichen Thema gekommen, der Geschichte
jener Sophistik, die wir uns gewöhnt haben die 'zweite1 zu
• nennen. In chronologischer Folge (vgl. ohen S. 472) reiht er
die Sophisten aneinander, während er eigentlich chronologische
Daten meidet. Im ersten Buche bildet Polemo den Glanz-
punkt, das zweite wird eröffnet mit dem in den Augen jener
Leute bedeutendsten Manne der Zeit, mit Herodes Atticus;
zugleich ist das eine erneute Huldigung für Gordian, der mit
Herodes verwandt war. Geführt wird die Reihe bis zur eigenen
Zeit des Verfassers. Tiefer gehende Studien hat PhiL für
seinen Zweck nicht gemacht — wie sollte er auch auf einen
solchen Gedanken gekommen sein — , das zeigt besonders jener
kurze Teil Uber die alte Zeit: Nachrichten, die er bequem ein
paar Handbflehern Aber Philosophen und Redner entnahm,
hat er mit Reminiscenzen aus der eigenen Lektüre, hes. Plato,
verbrämt (vgl. Leo S. 258) 66) ; es sind Kenntnisse, wie sie
jeder Gebildete in damaliger Zeit ungefähr besaß oder sich
auf leichteste Weise verschaffen konnte. Ein anderes Gesicht
zeigen aber doch die Bioi der 'zweiten' Sophisten. Zwar hat
er auch da sicher ein biographisches Sammelwerk benutzt, das
Notizen über Abstammung, Herkunft, Lehren, Werke, Tod
u. s. w. mit Varianten der Ueberlieferung enthielt, wie ein
gleiches Hesych-Suidas den entsprechenden Artikeln des Lexi-
kons zu Grunde gelegt hat aber diese Quelle bot doch nur
ein totes Schema, das Phil, oft genug überhaupt nur teilweise
übernommen hat (namentlich hat er zumeist die Angaben über
die Werke ganz bei Seite gelassen; so gibt Suidas diese an
bei Aristokles, Adrianos, Pollux, Pausanias, bei denen Phil,
sie nicht nennt). Das Lebensvolle in seinem Bilde der zweiten
Sophistik, das uns mitten hineinversetzt in das wunderliche
") Zum Leben des Hippias 8. jetzt Norden, Hermes 40, 1905,
S. 523 Anm.
* « *•) Das Verhältnis der Suidasartikel za Phil, hat Leo a. a. 0. S. 257
unzweifelhaft richtig dargetan; beide benutzen die gleiche (oder min-
destens eine nahe verwandte) biographische Quelle. Daneben ist Phil,
direkt hier und da von Heaych ausgeschrieben, so im Artikel Damianos
» * wie unter Aicov Bu£dvttog, Iooclog 6 vtovtspot, HpaxXsiörjs 6 Aöxu>c (aus
t. soph. p. 26, 6), 'EpuoYsvrjc. Mehr als die Hälfte der Vertreter der
• • zweiten Sophistik, die Phil, anführt, fehlt allerdings bei Suidas ganz.
i
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494
Karl Manscher,
Treiben dieser Redekünstler, deren Personen wir mit allen
Vorzügen und Schwachen, Eitelkeiten und wirklichen Leistungen
kennen lernen, entstammt dieser Quelle nicht, sondern den zwei
anderen, die Phil, tu benutzen in der Lage war: der unend-
lichen Folie ihm vorliegenden Materials an Heden, die teils
von den Sophisten selbst ediert, teils wenigstens in steno-
graphischen Nachschriften 67) verbreitet waren, und der in den
Rhetorenschnlen sich mündlich forterbenden Anekdotentradition,
— zur Ergänzung der letzteren diente PhiLs eigene Erinne-
rung an eine langjährige sophistische Tätigkeit, die ihn mit
der Mehrzahl der lebenden Sophisten hatte in Berührung
kommen lassen (s. oben S. 474 ff.)./ Gewiß war das ganze So-
phistenwesen Trug und Schein: man berauschte sich an der
schönen Phrase, mit der man die vergangene, alte, große Zeit
wieder zu erwecken meinte: vergessen wir aber auch nicht,
daß viele dieser Sophisten wirklich die tüchtigsten Borger
waren, die materiell wie ideell zur Hebung ihrer Heimatstädte
bedeutend beitrugen. Wir spüren in Phil.s Buche den Pnls-
schlag seiner Zeit — das ist und bleibt sein Verdienst: er
schrieb kein nüchternes biographisches Handbuch; dadurch
lernen wir ein paar Menschen kennen, die uns sonst tote
N.imen geblieben wären.
Schließlich antieipieren wir eine ergänzende Nachricht des
Siridas (8. unten S. 516), der diesen Phil, ansetzt &id Eeftypou
,T) Ueber die Verwendung von Tachypraphen zur Publication der
Declamafcionen handelt ausführlich v. Arnim, Leb. u. Werke des Dio
v. Prusa, 1898, S. 172 ff.; auch die betr. Zeugnisse der Bioi sind dort
im Zusammenhange verwendet; Phil, bezeichnet p. 80, 25 derartiges
als ooqptotdv 4nojiv7jp,ov£ÜpÄta (vgl. auch Schmid, Atticism. IV S. 543
Anro.). — Andere Werke — außer den Reden — nennt Phil, nur selten,
und er benutzt kaum solche, abgesehen von der Correapondenz des
Herodes Atticus, die offenbar publiciert war (Briefe des Herodea p. 48,
11. 60, 82. 70, 81, an Herodes p. 53, 26 von Polemo, p. 70, 10 vom
Kaiser Marcus). An Büchern erwähnt er nur den Ntxiyrrjc xsxa&apuivoc
des Lykiers Herakleides (p. 26, 6) die toropCa des Antiochos (p. 76\ 21)
und Antipatros (p. 109, 3), von Herodes außer den Briefen und Reden
ftt?7]|isp{8eG und ivxsipCöia. Die Rede eines Demostratos gegen Herodes
wirdp. 63, 11 verwendet. Litterarische Echtheitskritik übt Phil. p. 87,9.
40, 29; unberechtigte Stilkritik weist er ab p. 99, 8 ff.; in wie weit er
in diesen Dingen selbständig ist, ist schwer zu sapen. — Die Geschichte
von dem Smyrn&er Megistias und Htppodromos (v. soph. II, 27, 5
p. 118, 7 sqq.) beruht wohl eher auf mündlicher als auf schriftlicher
üeberlieferung.
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Die Philostrate. 495
♦
xac g(t>{ «DcMrrcou (244—9). Das stimmt zu den oben ge-
gebenen Nachrichten über seine Freunde Nikagoras und Ap-
sines. Er starb hochbetagt (s. S. 476) um die Mitte des III.
Jbhs., jedenfalls in Athen.
2. Der Verfasser des Heroikos und der EJikones.
Wie die Sophistenbiographien und das Leben des Apol-
lonios gehören die Eikones und der Heroikos zusammen. Das
bezeugt uns der Khetor Menandros in seinem Traktate nepi
irctSeixitxöv (Rhet. gr. ed. Spengel III p. 390, 2). Er nennt
als Muster der dbcXoootlpa xal dytXearlpa kiarfteXla die Schreib-
weise des Xenophon, Nikostratos, Dio Ghrysostomos und Phi-
lostratos xoö xöv Hpauxöv ttjv l^j-pjatv 68) xa2 täs efxovas YP<*"
4>avxc^. Offenbar will Menander, daran ist doch wohl nicht
zu zweifeln, durch diesen Zusatz einen Phil, bestimmen und
von andern Autoren gleichen Namens unterscheiden. Nun
fragt es sich, welche Bilder er meint, die ältere oder jüngere
der beiden erhaltenen Sammlungen. Bergk (a. a. 0. S. 179)
dachte an die älteren, Rohde (a. a. 0. S. 37) an die jüngeren.
Entscheidend für die Frage ist, wie Schmid (Attic IV. S. 2
Anni.) bemerkte, der bestimmte Artikel bei e?xöve?: Menander
spricht nur von einer derartigen Schrift, kennt also die jün-
geren Bilder nicht Diese Unkenntnis fände schon dadurch
ihre genügende Erklärung, daß das jüngere Buch im Alter-
tum überhaupt gänzlich unbeachtet geblieben ist, keinen lit-
terarischen Erfolg gehabt hat : es wird kaum jemals angeführt
(Kaysers gr. Ausg. praef. p. 8; ed. Schenkl-Reisch 1902, praef.
p. IX Anm.), nur in zwei von einander abhängigen Handschrif-
ten (ibid. p. IX u. XI) ist es uns überliefert, während für die
ungeheure Beliebtheit der älteren Gemälde schon die Falle der
Handschriften (bei Kayser 59, in der Wiener Ausg. 66) be-
redtes Zeugnis ablegt69). Viel wahrscheinlicher ist es indessen,
M) Die Ueberlieferung schwankt zwischen xo5 xfiv 'Hpaxxöv rijv
ä^yijoiv und toö xov 'HpoKxdv; vgl. Kayser, gr. Ausg. praef. Her. p. IV
Anm. 10. — Ein Sophist Metropnanes ans dem boiotiachen Lebadeia
schrieb nach Saidas «spl xßv x*P<xxTifc<i>v UXkzuyos, Bsvoqpövtoc, Nixo-
orpdxou, ftiXoorpdxou.
M) Tfiv ©vottdta>v druxÄv ixXoytv SxXsysIoav inb -rtjg xsxvoXoyiac töv
siwJwv xoö *ao<rcpdxou fertigte Manuel Moschopulos, vgl. Kayser gr.
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Karl Münacher,
daß Menanders Unkenntnis durch die Zeitverhältnisse bedingt
war. Der Verfasser der jüngeren Bilder, der sich selbst als
Enkel des Verfassers der älteren bezeichnet, hat wohl erst
nach dem Jahre 274 geschrieben, das mit ziemlicher Sicher-
heit als das Jahr der Abfassung jenes Menandertraktates er-
mittelt ist *°). Weiter führt eine Bemerkung des bereits erwähn-
ten Epitomators der Bioi (Kays. Heidelb. Ausg. p. XXXVIII).
Dem Satze toutou toö <X>tAoarpaTou (des Verfassers der ßtot)
Sotxev eJvai -ml t& tlq xöv Tuavea 'AtwXXu>vcov xt£. läßt er die
Worte folgen: toö tl Atj{iv(ou ^tXooTpfltxoo, toö xd^ cfcovoc
Ypa<|>avto£ uiu.v7]T<xt o3xo$ iv xo6xq> x$ ßifftt'q) ircatvöv xöv <Jv-
8pa; auch hier läßt der Artikel xa$ nur an eines, das ältere
der beiden Bücher denken. Die Kombination beider Stellen,
die Bergk zuerst gewürdigt hat, ergiebt also : die älteren Ei-
kones und der Heroikos sind (nach Menander) von einem
Verfasser und zwar (nach dem Epitomator) von jenem Philo-
stratos, den Flavios Phil, in den v. soph. mehrfach erwähnt
und zur Unterscheidung den lLemnier' nennt. Es fragt sich
nun: wird dieses aus litterarischen Notizen gewonnene Re-
sultat durch andere Indicien bestätigt oder widerlegt? | Fertig
a. a. 0. S. 36 ff. hat eine Reihe von merkwürdigen sprach-
lich-stilistischen Verschiedenheiten zwischen v. Ap. und v. soph.
(und Gymnastikos) einerseits, Her. und Imag. andererseits zu-
sammengestellt (Gebrauch von 9p statt ictv, indv, xäv, Ver-
wendung der Redensarten xaxa xou; XP0V0U£ xflriHaraad'ai
iauxöv oder xtva efc, iyd) ötjXüxjü), $7)X&oai ßouAojxat, 5e5^Xa)xa,
die im Her. und den Eik. fehlen). Und durchmustert man Schmids
Zusammenstellungen im IV. Bde. des Atticismus, so zeigt sich 61)
trotz aller Einheitlichkeit des Sprachgebrauchs doch überall ein
AuBg. praef. Eik. p. VI Anm. 11. Ein Londinensis entb< Ix**1* £*C
xb nepl elxövcov &Xooxp&tou tmb T£st£oo (Phil. min. ed. Schenkl-Reisch,
praef. p. X).
M) Nitsohe, der Rhetor Menandros, Progr. Leibnizgymn. Berlin
1883, bes. S. 12 — 14; der erste Traktat ist wahrscheinlich von Geneth-
lioe 273 oder 274, der zweite 274 von Menandros geschrieben. Bursians
Aufstellgn. (Abhdlgn. d. bayr. Akad. XVI, 3, 1882, S. 1 ff.) sind un-
•*) So urteilt auch Jüthner a. a. O. S. 226, meint aber diese Unter-
schiede 'ans zeitlichen Differenzen beim gleichen Autor' erklären zu
können. Seine zeitlichen Ansätze sind aber hinfallig, v. Ap. und v.
soph. sind nicht die altere, Her. und Eik. nicht die spatere Schriftengruppe.
haltbar.
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Die PhiloBtrate.
497
grösserer Grad von Uebereinstimmung zwischen jenen Gruppen,
v. Ap. und v. soph. (zu denen der Gymnastikos hinzutritt) auf
der einen, Her. und Eik. auf der andern Seite •■). Somit be-
stätigen die Unterschiede des Sprachgebrauchs, die schwerlich
für sich allein eine Trennung der Schriften nach den Verfas-
sern (vgl. Schmid S. 5. 125. 187) begründen könnten, das Re-
sultat der Interpretation der litterarischen Zeugnisse: dieses
muß so lange als sicher gelten, als keine durchschlagende
Gegeninstanz geltend gemacht werden kann63).
Der Heroikos bietet durch die Erwähnung eines Athleten
Helix die Möglichkeit zeitlicher Fixierung. Phil, erzählt von
ihm (p. 147, 15 sqq.), nachdem er M\p ix 7tat'8ü>v im Ring-
kampfe gesiegt hatte, habe Helix in der nächstfolgenden Olym-
piade zugleich am Ringkampfe und am Pankration in Olympia
sich beteiligen wollen. Die Eleer suchten ihn von beiden
Kämpfen auszuschließen und bekränzten ihn schließlich nur
im Pankration. Denselben Mann und dieselbe Geschichte er-
wähnt Cassius Dio (79, 10, 2 — 3) — er nennt ihn allerdings
AdprjXio; A?X:?, aber an der Identität ist kein Zweifel — und
fügt hinzu, was er schon in Olympia versucht habe, nämlich
im Ring- und Allkampfe aufzutreten, sei ihm bei den Capi-
tolinischen Spielen Elagabals in Rom wirklich gelungen (öore
7K&7jv xe <Sfp,a xal Tccrpcpixiov iv xfl 'OAuiiirtf fltyü)vtoaa{Vat iH-
Xfjaat, x&v xocg KaittTwXfot? xai <2u.<pa> vwcyjaat xx£.). 219 fan-
* den diese Spiele in Rom statt, der Zwischenfall in Olympia
ist also auf eine der vorangehenden Olympienfeiern (217 oder
213, der Sieg dvrjp ix rcatöcov 213 oder 209) zu verlegen").
•») Die »achliche Differenz, daß v. Ap. 2, 13 p. 54, 26 im Gegen-
satz zu Juba den Elefanten nicht xspaxa, sondern döövxsg yindiciert
werden, dagegen Eik. p. 809, lh schlechtweg nach Juba (vgl. die Stellen
bei Schmid S. 589 Anm. 2) von xipaxa gesprochen wird, tritt bestäti-
gend hinzu.
M) Als solche wird Jüthner die in allen Schriften sich zeigende
Kenntnis der Gymnastik selbst nicht hinstellen wollen. — Ueber Gym-
nastisches in PhiLs Eikones hat Jüthner bereits Eranos Vindobonenaia
S. 809 ff. gehandelt
•*) Die Angaben aber Helix bei Dio nnd Phil, sind bisher nie
scharf genng oder falsch interpretiert worden. Jüthner verlegt den
olympischen Sieg des Helix ins J. 221, was unbedingt falsch ist; er
fällt nicht unter Elagabals Regierung. Er folgt darin J. Rutgera,
Sex. Jnlii Africani *OXo|inidöo)v dvaypacp^ (Leyden 1862) p. 97 sq. und
H. Förster, die olymp. Sieger II, Progr. Zwickau 1892 (I 1891) S. 21.
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498 Karl Manscher,
213 trat der Verfasser des Heroikos selbst in Olympia mit
einer 4mSei£i; auf (s. S. 499 f.): man kann bequem kombinie-
ren, daß er damals den Sieg des Helix selbst miterlebte.
Von dem römischen Poppel-Siege des Helix weiß Phil,
offenbar nichts: d. h. der Heroikos ist vor 219 verfaßt und
nach 213 6&).
Giebt der Her. auch keine unmittelbare Auskunft über
seinen Verfasser, so verleugnet er doch nicht dessen lemnische
Abkunft. In der ausführlichen Erzählung über Philoktet (p.
171) benutzt er lemnische Lokaltradition; er berichtet die Ent-
sühnungsbräuche wegen der A^ivia £pya (p. 207, 26 sqq.); er
beschreibt unter andern ein Eiesenskelett, das Menekrates 6
2jT£tpieu£ auf Lemnos ausgegraben hatte (p. 139, 13 sqq.) ;
das war ein Freund und Demengenosse des Verfassers, haben
wir doch die Zugehörigkeit der Philostratfamilie zum Demos
Steiria schon festgestellt (S. 490) ••). Wie in Lemnos ist der
Verfasser in Imbros bekannt (p. 139, 23 sqq.), er erzählt eine
Sagenvariante von Skyros (p. 198, 17 sqq.), Lokalsagen von
Chios (p. 215, 4) und Lesbos (p. 172, 9. 181, 16), diese auf
Grund seines Verkehrs mit Lesbiern (p. 173, 2). Uion und
und das Vorgebirge Sigeum kennt er persönlich (p. 138, 14
und 190, 4), wohl auch Smyrna (p. 160, 25). Denn alles dieses,
was die Dialogfigur des Winzers von sich erzählt, dürfen wir
— Die Diostelle ist ausgeschrieben Anecd. gr. Paris, ed. Cramer II 1839
*x töv Eoosßiou xpovtxdv p. 155 mit dem Zusatz 6 d»XTrri)C 4*1 Se^poo
xo ü afrcoxpdTopog YeY°™*>C«
66) Leider ist die zahlenmäßige Zeitangabe npb 4-cöW noo Tstrdpwv
p. 210, 14 nicht zu verwerten. Ein Verbot des Purpurhandels soll den
thessalischen Handel mit dieser Waare (Lucr. 2, 500 sq. Sidon. epist.
9, 13, 5 yers. 15 sqq.) schwer geschädigt haben. Seit Caesar (Suet
Jul. 43) war der Gebrauch der conchyliata vestis wiederholt durch
kaiserliche Edikte eingeschränkt worden, doch ist uns von einer Er-
neuerung oder Verschärfung dieses Verbots unter Caracalla sonst nichts
bekannt (vgl. Ad. Schmidt, die gr. Papyrusurkunden der Kgl. Bibliothek
zu Berlin, 1842, S. 173 ff.). Unter Severus Alexander war der Purpur-
handel allerdings, wie es scheint, mit schwerer Steuer belegt (Schmidt
S. 175. Ein procurator domini n. M. Aur. Severi Alexandri . . . pro-
vinciae Achaiae et Epiri et Thessaliae rat(ionis) purpurarum C. J.
L. III 536 = Dessau I 1575). Man hat aus der Phil.-Stelle geschlossen
(Hertzberg a. a. O. IH S. 72 Anm. 24), daß diese Steuer unter Cara-
calla eingeführt worden sei.
•*) Ein anderer Freund ist der Tuvwog von Peparethos (p. 188, 82
sqq. 47ttnf}&6tcßg uoc Sx^v), der Besitzer von Kos. Als böser Nachbar er-
scheint der Chersonesite Xeinis (p. 132, 8).
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Die Philostrate.
unbedenklich auf den Verfasser Phil, übertragen s7). Von ihm
hat der Winzer auch den Zug, daß er ev dfoiet studiert hat
(p. 132,22). Zwei Hinweise auf athenische Verhältnisse fin-
den sich p. 187, 18 und 188, 21. Bemerkenswerter ist die
Anspielung auf einen stadtrömi sehen Vorgang, die kostenlose
Verteilung von Nahrungsmitteln auf dem forum suariuni
(p. 129, 12) iii der VII. regio Roms 68). Diese Singularität läßt
* beim Verfasser persönliche Kenntnis Roms vermuten.
Genauer werden wir über ihn in den Sophistenbioi des
Fl. Phil, unterrichtet. Zwar hat dieser aus verwandtschaftli-
chen und freundschaftlichen Rücksichten (s. S.489) dem Lemnier
keinen eigenen ß:c£ gewidmet, er hat aber genugsam in denen an-
derer Gelegenheit gehabt, den Ruhm dieses Trägers seines Namens
zu verkünden. — Zum ersten Male erwähnt er ihn in der Bio-
graphie seines eigenen Lehrers Hippodromos. Auch der Lem-
nier war des Hippodromos Schüler (Yvo>pt{ios, p. 117, 12) ; zu
Athen oder auch zu Larissa kann er seinen Unterricht genossen
haben ••) ; daß er £v äaxti studiert hat, hörten wir schon von
ihm selbst. 22jährig trat er bereits in Olympia mit einer ex-
temporierten Rede vor der Festversammlung auf, freudig aner-
kannt von Hippodromos selbst, der aber die Aufforderung, un-
mittelbar danach sich hören zu lassen, mit den liebenswür-
digen Worten abwies, er werde doch nicht gegen sein eigen
Fleisch und Blut kämpfen (oox £7wcTCo6uaou,<zi xotg £u.<xutgü
07cXayxvot;). Schon bei jungen Jahren hatte also Phil. Lem-
nios das höchste in sophistischer Kunst geleistet, und auch
der äußere Erfolg blieb nicht aus. Mit Stolz wird (v. soph.
p. 122, 19 sqq.) erzählt, Camcalla habe dem Lemnier doch Ab-
gabenfreiheit gewährt, entgegen dem Grundsatze, den er bei
der Verhandlung über Philiskos' Atelie ausgesprochen hatte;
und zwar erhielt der Lemnier diese Auszeichnung schon als
24jähriger junger Mann ini fieXix^, d. h. nachdem der Kaiser
•7) Sein Großvater hat ihm vom Aufenthalte Hadrians zu Ilion
(im J. 124 nach Dürr, Reigen des K.8 Hadrian, Abbdlgn. d. arch.-epigr.
Seminars d. l'niv. Wien, Heft 2, 1881. S. 55) und die vom Kaiser ver-
anlaßte Bergung der vermeintlichen Gebeine des Ajax erzahlt (p. 137, 20).
w) Es unterstand der Aufsicht des praef. urbi, C. 1. L. VI 1771.
Ulp. frg. Vat 236. dig. 1, 12, 1, 11. Novell. Valent. 35, 1, 2. Cod.
Theod. 14, 4, 3. Vgl. Marquardt, Rom. Staatsverwaltg. II 3 S. 137.
Vgl. Hertzberg a. a. 0. UI S. 110 Anna. 2.
Philologus, Supplemeutband X, viertel Heft. 33
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500
Karl M ti n scher,
trotz seines Widerwillens gegen das Sophistentreiben eine seiner
Epideixeis wohlgefällig angehört hatte. Die Auszeichnung war
um so bemerkenswerter, als Phil, damals schwerlich eine amt-
liche Stellung irgend welcher Art inne hatte, die einen An-
spruch auf Steuerfreiheit begründen konnte70). Anfang des
Jahres 212 hatte Philiskos mit seinem Auftreten vor Caracalla
Fiasko gemacht (s. S. 480), später, aber auch durch Caracalla
(— 216) erhielt der Lemnier die Atelie im 24. Lebensjahre; das
22. Lebensjahr, in dem er zu Olympia auftrat, hat er also in dem
Zeitraum von 210—214 erreicht : 213 (Olymp. 248/4) wurden
die Olympien gefeiert, da war Phil. 22 Jahre alt, 215 erhielt
er die Atelie, 191 war er geboren, etwa 15 — 25 Jahre jünger
als sein älterer Verwandter71).
Es ist wohl selbstverständlich, daß der Hofsophist FL Phil,
seinem jüngeren Verwandten (über das Verwandtschafts Ver-
hältnis 8. S. 518) bei Hofe die Wege geebnet, ihm Zutritt und
Gunst zunächst in den ästhetischen Kreisen um Julia Domna
verschafft hat. Der Lemnier wird also, nach früher Beendi-
gung seiner Studien in Athen, sich nach Rom gewandt und
dort an seinen Verwandten angeschlossen haben; eine Bestä-
tigung seines frühen Aufenthaltes in Rom ist jene Beziehung
auf die autov fltyopa, die sich schon im Heroikos findet. Sein
Auftreten vor Caracalla kann aber nicht in Rom, muß im
Osten des Reichs erfolgt sein. Schon im Frühjahr 215 brach
der Kaiser nach dem Innern Asiens auf: wahrscheinlich hat
also der Lemnier während des längeren Winteraufenthaltes des
Hofes in Nikomedeia (am 4. April feierte Caracalla dort noch
seinen Geburtstag, Dio C. 77, 19, 3) seinen Erfolg vor dem Kaiser
errungen. Des Fl. Philostratos Anwesenheit daselbst im Ge-
folge der Julia haben wir schon vermutet (S. 481), in seiner
Begleitung wird der Lemnier dem kaiserlichen Hoflager auch
dorthin gefolgt sein.
Diese Vermutung ist von Wichtigkeit für den Heroikos
und wird andererseits durch ihn bestätigt. Dies merkwürdige
Buch ist ein Dialog, zwar kein philosophischer, aber — so
I0) Hertzberg a. a. O. III S. 111 vermutet, er sei als 'junger Docent'
in Athen 'habilitiert' gewesen.
71> niese Daten vom Leben dee Lemniers ebenso bei Clinton Faeti
Rom. I p. 225 u. 8.
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Die Philostrate.
501
darf man sagen — zur Hälfte religionsphilosophisch. Der
Verfasser macht darin den ernsthaften Versuch, Existenz und
Wirksamkeit der Dämonen, die mit den Heroen der Sage
identifiziert werden, zu erweisen. Dieser Versuch ist mit einem
scheinbar völlig heterogenen zweiten Teile verbunden, mit einer
Darstellung der Wahrheit über den trojanischen Krieg, für die
der Heros Protesilaos die Garantie übernehmen muß. Damit
tritt der Heroikos ein in die lange Reihe der seit Hellanikos'
Troika beliebten Trojaromane und Erzählungen : Dios Trojana71")
war ein naheliegendes Vorbild, Dictys-Septimius 72), Sisyphos,
Dares u. a. seine Nachfolger. Die beiden Teile des Inhalts
kommen auch in der äußern Anordnung des Dialogs deutlich
zum Ausdruck. — Das einleitende Gespräch (bis p. 135,9 rei-
chend) giebt die Exposition. Wir werden mit den beiden Ge-
sprächspersonen bekannt gemacht, einem Winzer, der am Hei-
ligtum des Protesilaos bei Elens auf dem thrakischen Cher-
sonnes sein Landgut hat (auch von seinem früheren Leben er-
fahren wir einiges) und einem phönikischen Seefahrer, den
widrige Winde an der Weiterfahrt ins Aegeische Meer hinein
zurückhalten (einen Traum, den er gehabt, der auf den Inhalt
des Gesprächs schon vorausdeutete, erzählt er nebenbei). Bald
tut der Winzer seines wunderbaren Verkehrs mit Protesilaos
Erwähnung, der Fremde äußert sein Erstaunen und seinen
Zweifei bez. des Wiederauflebens und Wirkens der Heroen
überhaupt und bittet um Belehrung darüber. Der Winzer
willfahrt und führt seinen Gast von der Stelle seines Land-
gutes, wo der Phönikier ihn bei der Arbeit getroffen hat, in das
Innere seines Besitztums, bis in unmittelbare Nähe des Hei-
ligtums des Protesilaos — die landschaftliche Scenerie erfährt
dabei die im Dialog seit dem Phaidros beliebte breite Aus-
malung. — Das Hauptgespräch beginnt. Der Phönikier prä-
7U) Ueber Dios Vorgänger Dapbitoü vgl. v. Wilamowitz, Cornmen-
tariol. gramm. III, Göttingen lK*y, p. 10 sqq. Crusius, Pauly- Wissowa
IV 2134.
") Die Ansicht, daß einen griechischen Dikty« wirklich gegeben
bat, gewinnt mehr und mehr Anhänger. *Ür die. Zeitbegtinimung dieses
griech. Dixtvs dürfte es von entacueidender Bedeutung »ein, wie die
l eberein8timmunffen '/.wischen t'hil.s Heroikos und dem (lateinischen)
Dictys, die bes H. Dunger, Dictys-Septiiniuu, Progr. den Viutiiumschen
Gymn.t», Dresden lÖ7ö, 44 ff., aufgezeigt h it, tu erklären sind.
33 *
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502 Karl Manscher,
cisiert seine Wünsche um Aufklärung (p. 135, 10 sqq.) genauer
dahin : 1) welche Bewandtnis es mit des Winzers Verkehr mit
Protesilaos habe (ttjv ^uvouatav, ^ti£ iozi aoi 7;p&£ töv üpcuxe-
ot'Xeü)v xal otcoio; fytei), 2) ob des Protesilaos Aeußerungen
ntpl tü>v TpüKxtöv zur Darstellung Homers stimmen oder nicht.
Sein Bedenken, ob Protesilaos, der doch als erster auf troja-
nischem Boden gefallen sein sollte, vom eigentlichen trojani-
schen Kriege Kunde haben könne, wird als eftyfres durch den
Hinweis auf Protesilaos' Wesenheit als otioSö? fl-eöv abgelehnt
(p. 135, 17—136, 18). Die erste Frage des Phönikiers wird
zuerst beantwortet, zugleich die ganze Dämonen- und Heroen-
lehre behandelt. Der Phönikier wiederholt, er habe seinen
Kinderglauben an alles mythische verloren, besonders unglaub-
lich und lügenhaft erschienen ihm aber die Angaben über die
Größe der Heroen. Deren übermenschliche Größe wird nun
vom Winzer bewiesen, und zwar sozusagen experimentell, durch
den Hinweis auf die an vielen Orten zu Tage gekommenen,
über gewöhnliches Menschenmaß hinausgehenden Gebeine
(p. 137, 8—140, 25), an deren Auffindung in damaliger Zeit man
durchaus nicht zu zweifeln braucht73); erst giebt er Beispiele
aus altvergangener, dann solche aus jüngst verflossener Zeit.
Der Phönikier dankt für die Belehrung und mahnt, nunmehr
von Protesilaos selbst zu berichten. Der Winzer spricht des-
halb von Protesilaos' Grabmal und Heiligtum auf dem Cher-
sones74), von seinem Aussehen, der Häufigkeit seines Erschei-
nens, seiner Liebe zu Laodamia, deren er auch jetzt noch ge-
nießt, seinen gymnastischen Uebungen u. a. (bis p. 145). Be-
7S) Die Auffindung »solcher Gebeine wird mehrfach erwähnt; vgl.
Schmid IV S. 572 Anra. 22 und außerdem Paus. 1, 35, 5—7. X, 29, 3—4
(ö, 5, 1); «u Herodot 1, 68 vgl. Gell. 3, 10, 11. Preger, script. orig.
Constant. p. 34. 15. Buresch, KlaroB p. 41 und 48. Man versuchte
die Größe der Heroen auch ander» zu berechnen nach Gell. 1, 1. Sam
Wide fand in einem mykenischen Grabe bei Aphidnae 'das Skelett
eines dort begrabenen Riesenmannes, dessen Gebeine kolossale Ver-
hältnisse zeigen', Berl. philol. Wochenschr. 1894 Sp. 1628, angef. v.
Schmid a. a. O.
74) Die Erneuerung des Kults der trojanischen Helden bezeugt
für das II. Jhh. auch Lukian, deor. conc. 12, speciell auch den des Pro-
tesilaos auf dem Chersones sowie den des Hektor in Ilion, des Am-
philöchos in Kilikien, die Phil, auch weiter unten erwähnt; Aristid. or.
38, 21; Maxim. Tyr. diss. 15, 7. Die Stellen über den Protesilaoskult
bei Pape-Benseler s. v. Vgl. auch Crusius, 'Sagonverschiebungen'
(Sitzungaber. d. Bayr. Ak. 1905), Exkurs I.
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Die Philostrate.
503
sonderen Wert legt der Winzer auf das glückbringende Wir-
ken des Heros durch Prophezeihungen, die er mehrfach Athleten
erteilt hat (— 147, 29), Krankenheilungen u. a. (—148, 30).
Nachdem so des Fhönikiers Unglaube bez. des Protesilaos be-
seitigt ist, wird er Ober das Wirken der übrigen Heroendä-
monen belehrt, erst einer Reihe anderer, des Amphiaraos, Am-
philochos, Ifaron, Rhesos (bis p. 149, 27), dann der in und
bei Troja wirkenden, des Ajax, Hektor, Palamedes, Achilles,
Antilochos, Patroklos ( — 155, 22) ; dabei werden aber die aus-
führlichen Mitteilungen über Achill auf seine gesonderte Be-
handlung (am Schlüsse des ganzen Gesprächs) verschoben. Da-
mit ist der erste kürzere Teil abgeschlossen : der Phönikier hat
mehrfach zwischenein seine vollständige Um Stimmung und
nunmehrigen Glauben an das Wirken der Dämonen ausge-
sprochen.— Der zweite Hauptteil folgt: nzpl xöv Tpunxöv
(p. 155, 23 sqq.). Er zerfällt in 3 Unterabschnitte. Im ersten
werden die Kämpfe der Griechen in Mysien gegen Telephos
und seine Verbündeten ausführlich erörtert (bis p. 160, 27) —
seltsamer Weise der einzige Teil des trojanischen Feldzuges,
der in zusammenhängender Erzählung wiedergegeben wird.
Nichts davon steht im Homer : ein Exkurs erörtert die Frage,
ob Homer absichtlich oder unabsichtlich diese Dinge unbe-
rührt gelassen (p. 160,28 sqq.); sie wird in einem
(161, 15 sqq.) und zahm gehaltenen 4^Y°£ (P* 163,2 sqq.) da-
hin entschieden, daß der Dichter mit voller Ueberlegung seinen
Absichten entsprechend seinen Stoff geformt habe. — Es folgt
der zweite Teil der Troika (164, 30 sqq.) : einzeln werden die
trojanischen Helden abgehandelt, erst die Griechen, mit Nestor
beginnend, dann Diomedes und Sthenelos, Philoktet, Agamem-
non und Menelaos, Idomeneus, Aiax der Lokrer, Chiron, mit
besonderer Vorliebe Palamedes 6 aocptanfj; (p. 181, 3), mißgünstig
Odysseus, ruhmvoll der Telamonier Aiax, schließlich wird noch
Teukros kurz erwähnt. Ein Katalog der Trojaner folgt
(p. 189, 3 sqq.) ; Hektor eröffnet wie billig die Reihe, Aeneas,
Sarpedon, Alexander folgen, kürzer Helenos, Deiphobos, Poly-
damas, schließlich Euphorbos"). — Nur Achilles fehlt: ihm
7») Daß das Proömium des Pseudoxenophon tischen Kyneeetikos ein
Produkt der 2. Sophistik ist, leuchtet jedem ein, der ea nach Nordens
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504
Karl M ün 8 c h e r,
ist der 3. Teil der Troika allein gewidmet. Die lange schwung-
volle Erörterung über Achill, in der zugleich sein Freund Pa-
troklos (p. 203, 22) sowie sein Sohn Neoptolemos (p. 206, 26)
besprochen werden, die mit allerlei Lokalsagen durchwebt, so-
gar mit der Wiedergabe zweier Lieder, deren eins von Achill
selbst stammen soll, geschmückt ist, wird (wie die invsischen
Geschichten vom nachfolgenden) vom vorangehenden Heroen-
katalog durch einen zweiten Exkurs über Homer getrennt, der
in dem gleichen Gedanken gipfelt, Homer habe zwar die Wahr-
heit gekannt, u,eTex6auTyoe oh rcoXXa xö aujicpepov xoO X6you,
Sv OTCefrexo (p. 195, 28). Die Beantwortung der Frage nach
der Heimat Homers wird dabei abgelehnt, da Protesilaos, ob-
wohl er natürlich auch hierüber das richtige weiß, sich darüber
nicht geäußert hat (p. 195, 30 sqq.). Gesondert wird schließ-
lich Achills Verehrung als Dämon, besonders in Thessalien,
und sein Leben und Wirken auf der Insel Leuke im Pontos
(p. 211,13-219,6) geschildert; damit lenkt Phil, wieder zu-
rück zum Inhalte des ersten Teils und ergänzt die dortigen
Angaben über den Heroenkult. — So sind wir am Ende des
Gesprächs angelangt (p. 219, 7 sqq.) : der Phönikier preist den
Winzer ob seiner Götterfreundschaft; von seinen Zweifeln ist
keine Rede mehr. Er regt — in alter Dialogmanier — ein
neues Thema an: Protesilaos' Kenntnisse und Bekenntnisse
über die Unterwelt wünscht er zu vernehmen. Der Winzer
lehnt die Fortführung des Gesprächs ab mit dem Hinweis auf
den hereingebrochenen Abend, verspricht aber Antwort am
nächsten Morgen. Mit dem Wunsche des Phönikiers, Poseidon
möge ihn nicht eher abreisen lassen, als bis er auch diese
zweite Rede vernommen habe, schließt der Dialog.
Es drängen sich die Fragen auf: wodurch ward Phil, ver-
anlaßt, eine theoretische Begründung des Dämonenglaubens
zu liefern? Weshalb verknüpfte er sie mit den Troika? Weshalb
traf er unter den Sagen des trojanischen Krieges gerade diese
Auswahl und gab ihr eine so eigentümliche Anordnung? —
Die Beantwortung dieser Fragen hat schon Kayser angebahnt
Bemerkungen (Ant. Kunstprosa I S. 432 ff.) gelesen hat. Belege ftkr
die Bekanntschaft Phil s mit dem dortigen Heroenkatalog kann ich
aber nirgends entdecken.
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Die Philostrate. 505
durch seine Vermutung (gr. Ausg. praef. Heroik, p. III), Phil,
habe diesen Stoff gewählt aus Rücksicht auf Caracalla, den
neuen Alexander und Achilles. Wir könneu es bestimmter
und treffender fassen: der Heroikos setzt Caracallas Aufent- *
halt in Pergamon und Ilion im J. 214 voraus, ist nur aus den
damaligen Vorgängen an jenen beiden Orten zu verstehen,
durch sie erklärt sich sein Inhalt wie seine Form.
c Von Thrakien kommend überschritt Caracalla 214 den
Hellespont: die stürmische See ließ ihn dabei sogar Schiff-
bruch leiden (Dio C. 77, 16, 7. Spart. Carac. 5,8). Er eilte
nach Pergamon, Heilung suchend von schwerer Krankheit bei
des 'Retters' Asklepios weltberühmtem Heiligtume (über dessen
Kult in Pergamon vgl. Thraemer, Pauly-Wissowa II 1661 u.
1674): willig und inbrünstig flehend unterwarf er sich allen
vorgeschriebenen Ceremonien (Dio C. 77, 15, 5 — 7. vgl. die
Bestimmungen über den Eintritt ins ivxoiu^xfjptov , Frankel,
Inschrn. v. Pergamon II 1895, Nr. 264); auch ihm sollte
die Inkubation (dvetpaxa Herodian. 4, 8, 3) Heilung bringen.
Pausanias (5, 13, 3) entnehmen wir die wichtige Nachricht,
daß dem Eintritt ins Asklepieion vielfach Waschungen (wohl
mit dem heilbringenden Wasser jenes Brunnens, den Aristides
or. 49 preist, s. Z. 3 der gen. Inschr.) und Opfer an Telepbos76),
den mythischen Repräsentanten des Pergamenischen Reiches,
der TrjXecp:^ yac^ (Dio C. 77, 16, 8), dessen Bewohner in dem
Pestorakel (Kaibel, Epigrammat. Gr. 1035, 11. Inschr. v. Perg.
II S. 239) als Telephiden angeredet werden, vorangingen ; in
den Hymnen, die im Asklepieion gesungen wurden, ward des
Telephos an erster Stelle gedacht (Paus. 3, 26, 10). Dio ver-
sichert, daß Caracalla auch bei Asklepios, wie auch sonst nir-
gends, keine Heilung gefunden habe (77, 15, 5); die Stadt Per-
gamon, die dem Kaiser einen Tempel weihte, Inschrn. v. P.
Nr. 299), ließ Caracalla das nicht entgelten : sie erhielt neue
Privilegien von ihm (Dio C. 78, 20, 4); und dieArvalbrüder ver-
sammelten sich auch zu feierlichem Opfer, daß der Kaiser salvus
(atque incolumis) das Winterquartier in Nikomedeia bezogen habe
(Act. arv. a. 214 b 5). Auf dem Wege dahin besuchte Caracalla
^ Ilion : dort ließ er Alexanders Vorbilde folgend seiner romanti-
") Telephoakult auch auf dem Parthenion in Arkadien Paus. 8, 54, 6.
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500 Karl Mansche r,
sehen Achillesverehrung freien Lauf : er bekränzte das Grabmal
Achills, veranstaltete feierliche Umzüge der Truppen bei dem-
selben, verteilte Geldspenden an die Soldaten, als hätten sie ruhm-
voll das alte Ilion eingenommen, errichtete dem Heros eine eherne
Bildsäule, bestattete als neuer Achill seinen Freigelassenen
Festus mit prunkvoller Leichenfeier nach dem Muster der ho-
merischen *£Xa inl ITaTp6xX(p (Dio C. 77, 16, 7. Herodian.
4, 8, 3—5). — Von all diesen Vorgängen ist allerdings im
Heroikos kein Wort gesagt, und man ist im ersten Augen-
blick versucht, dies als einen terminus ad quem für die Ab-
fassung des Heroikos zu betrachten : ohne Zweifel ist aber das
chronologische Verhältnis das umgekehrte. Von Caracallas
Besuch in Pergamon und Ilion braucht Phil, nichts zu schrei-
ben; das war damals in aller Munde, und des Kaisers excen-
trischer Achilleskultus hatte gewiß bei vielen Verwunderung
und Widerwillen erregt. Unter solchen Voraussetzungen schreibt
Phil, sein Buch: er führt den Beweis für die Fortexistenz und
die Wirksamkeit der Heroen in der Gegenwart und rechtfer-
tigt so die Heroen Verehrung, deren der Kaiser sich beflissen.
Namentlich Achills Wirken wird natürlich ausführlich behan-
delt, ihm deshalb ein besonderer Abschnitt gewidmet, dabei
auch jenes für Caracalla vorbildlichen Opfers gedacht (p. 209, 32),
das Alexander der Große dargebracht hatte, als er 'gegen
Darius ziehend sich den Achilles in Troja zum Bundesgenossen
machte'77). Nun wird uns auch verständlich, weshalb Phil,
von allen Trojasagen gerade jenen Kampf in Mysien ausführ-
lich und an besonderer Stelle behandelt hat: dem Telephos
hatte Caracalla geopfert, über Telephos unterrichtet Phil, den
Kaiser und zwar, wie wir heute wissen, in überaus authenti-
scher Weise, mit Hilfe der pergam emschen Lokalsage, wie sie
für jedermann sichtbar am inneren Fries, an der Rückwand
der Säulenhalle des großen Altars, im Relief dargestellt und
vielleicht in einem höfischen Epos eines pergam enischen Gram-
matikers erzählt war. Bekanntlich ist mit Hilfe Phil.s die
Deutung mehrerer Reliefs jenes Frieses auf Telephos und die
7T) Dies Opfer bildete den Stoff einer Schrift Dikaiarchs, nspl
iv 'IX(<p »uotetc Athen. 13, 80 p. 603A, die Hirzel, Dialog I S. 319 (auch
311 Anm. 2) als Dialog ansieht. — Auch Apollonios «ollte am Grab-
hügel Achills geopfert haben, Ap. 4, 11 p. V.tt, 12 sqq.
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Die Philoatrate.
507
Kaikosschlacht, die Teilnahme seiner Gattin Hiera und seiner
Bundesgenossen am Kampfe gelungen78). — Zwei Heroen,
Achilles und Telephos boten die Tatsachen dem Phil, zur
Behandlung dar; ihre Verbindung hatte ein Bedenken: die
Telephossage fehlte bei Homer. War sie deshalb minder wahr?
Mit nichten; weshalb aber hatte Homer sie dann bei Seite
gelassen? So ward es notwendig für Phil., Homers Stellung
zu seinem Stoffe zu erörtern, die Gründe darzulegen, weshalb
er das eine dichterisch verwertet, das andere verschwiegen
habe. Dabei sollte natürlich an Homer keine harte Kritik
geübt werden (s. p. 161, 82 toi>? u,t) £pövras aötoö u.a{vea{tet) :
seine Abweichungen von der 4 Wahrheit' mußten aus seinen
besonderen dichterischen Absichten erklärt werden. Für diese
'Wahrheit' aber mußte ein möglichst glaubwürdiger Gewährs-
mann gewonnen werden: Phil, ergriff den Ausweg, der schon
oft genug betreten worden war79), durch eine Fiktion seinem
Berichte überTroja den Stempel der Authentie aufzuprägen:
einen der Heroen selbst machte er zum Verkünder der neuen
Wahrheit über Homer, Protesilaos. So findet der zweite Teil
des Heroikos seine Erklärung, die Absonderung der Telephos-
nnd Achillessagen von den übrigen trojanischen Helden und
ihre Stellung am Anfang und Ende der Troika, sowie das Ein-
schieben der beiden Exkurse über Homer. Aber auch der
Heros Protesilaos selbst war für PhiL — und damit schließt
sich die Kette der Beweise für die Beziehungen des Heroikos
auf das J. 214 — durch die damaligen Ereignisse gegeben.
Oaracalla wollte ins Winterlager nach Nikomedeia, trotzdem
setzte er nicht über den Bosporus, sondern über den Helles-
pont nach Asien über. Die Wahl dieses Weges war nicht
bloß durch die Absicht Pergamon zu besuchen veranlaßt, mehr
™) Diese Entdeckung verdanken wir C. Robert, Beitrage zur Er-
klärung des Pergameniscben Teleph'os-Frieeea, Jahrbuch des deutschen
arch. lnst.8, II 1887, S. 255 ff. Dazu E. Tbrämer, Pergamos, Lpzg. 1888,
im Exkurs 8. 382 ff. Vgl. Führer durch das Pergamon-Mroeuiii, Berlin
1904, 8. 30 ff. Neuerdings Brückner in seinem Vortrage der archäol.
Gesellschaft zu Berlin 'Wann ist der Altar von Pergamon errichtet?',
Berl. philol. Wcbschr. 1905 Sp. 267 ff. (300 ff. 33i ff.). Der Kampf des
Telephos mit Achill war auch am Tempel der Athena Alea in Tegtia
dargestellt, Paus. 8, 45, 7.
7g) Wie beliebt solche Fiktionen waren, ist bekannt; man denke
nur an Apions Schwindeleien ; (Mommeen, Rom. Gesch. V 4 S. 517 Anm. 2).
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508 Karl Mü nach er,
noch durch das Beispiel Alexanders des Großen (vgl. P. v. Rohden»
Pauly-Wissowa II 2448). Seit er Thrakien betreten, war Ca-
racalla 'Alexander' (Herodian. 4, 8, 1). Nun wissen wir, daß
dieser von Sestos kommend nach Eleus zog und dort am Grab-
mal des Protesilaos opferte : Sic xod UptöxeoiXaoc, 7cpöxo; £56x£i
exßfjvai ig ttjv 'Aotav töv eEAXr4v<i>v töv dEjia 'AYauiu-vovi kg
"IXcov axpaxeuaavcwv (Arrian. Anab. 1, 11, 5). Die Vermutung
ist unabweislicb, daß Caracalla auch hierin seinem großen Vor-
bilde gefolgt ist und dem Protesilaos in Eleus seine Verehrung *
bewiesen hat. Diesen Heros, den ersten der drei, denen Caracalla
huldigte, machte Phil, zum Vermittler der Wahrheit über die
homerischen Helden; so erklärt sich die breite Schilderung
der dämonischen Wirksamkeit des Protesilaos (besonders seiner
Prophezeihungen, die er Athleten gegeben, zu denen sich Ca-
racalla ja mit Vorliebe zählte), ebenso seine geflissentliche
Bevorzugung in der Beschreibung der Kaikosschlacht.
Sind meine Ausführungen zutreffend, so ist damit der
Heroikos, für dessen Abfassung wir oben die Jahre 213 — 219
feststellten, genau datiert. Im Winter 214/5 ward er von Phil,
begonnen — und vielleicht auch vollendet. Letzteres ist frei-
lich nicht mit Sicherheit zu behaupten, aber es mußte doch
Phil, daran gelegen sein, mit seinem Buche dem Kaiser auf-
zuwarten, solange dessen Erinnerung an das Erlebte noch
frisch, seine Alexander-Achillesbegeisterung noch nicht ver-
flogen war. Wir wissen, der Lemnier gewann 215 in Niko-
medeia die Gunst Caracallas durch eine u^XeTq. Entweder
hatte er sich vorher schon durch den Heroikos bei Caracalla
empfohlen, oder er stattete damit seinen Dank für die erhal-
tene Auszeichnung ab, oder aber — und das erscheint mir
am einleuchtendsten — \iikivr^ ist in der Bioistelle nicht im
speciellen Sinne von Rede (Controversie oder Suasorie) im Ge-
gensatz von StaXe^, sondern allgemeiner als 'Vortrag' zu fas-
sen, und jene Melete ist nichts anderes als der Heroikos selbst,
dessen Recitation vor Caracalla Phil. — man denke an Lu-
kians öffentlich vorgetragene Dialoge — die Atelie einbrachte,
dann wäre der Heroikos sicher im J. 215 verfaßt.
Was wir des weiteren über das Leben des 'Lemniers' Phil,
erfahren, weist uns zunächst nach Rom und Italien. Eine
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Die Philostrate.
509
Anekdote in den v. soph. (p. 123, 16 sqq.) bringt ihn mit
Ailianos zusammen. Nach Elagabals Tode traf Phil, diesen,
wie er mit zornerfüllter Stimme eine xanjyopta toö yuvvtSo;
recitierte: höhnisch genug bemerkte Phil., ich hätte dich be-
wundert, wenn du ihn bei seinen Lebzeiten angeklagt hättest.
Das Geschichtchen fällt also ins J. 222, den Anfang der Re-
gierung des Severus Alexander. Nach Italien versetzt uns auch
das Proömium der Eikones. Eine Neapler Gemäldegalerie giebt
Phü. vor zu beschreiben ; als Veranlassung seines Aufenthaltes
in Neapel nennt er den musischen Agon, der, wie wir wissen
{vgl. Vollmer, zu Stat. silv. 2, 2, 6), in vierjähriger Periode an
fc den Augustalien veranstaltet wurde. Daß der Rhetor solche
Festfeier wirklich besucht hat, ist nicht zu bezweifeln80). Of-
fenbar hat der Lemnier, angereizt durch seine Erfolge am
Kaiserhofe (während sein älterer Verwandter sich in Syrien
aufhielt), in Rom versucht dauernd festen Fuß zu fassen. Es
ist ihm mißlungen. Es war verhängnisvoll, daß er mit jenem
Ravennaten Aspasios, der wie wahrscheinlich schon unter Ca-
racalla auch noch unter Alexander die kaiserliche griechische
Kanzlei und den rhetorischen Lehrstuhl in Rom, den nptbxog
• • ttpdvo; (vgl. Bücheler, Rhein. Mus. 61, 1906, S. 140), inne
hatte, dem der letzte der Bioi gewidmet ist (vgl. oben S. 471),
sich verfeindete. Phil, scheint gehofft zu haben, den alternden
Aspasios aus seiner Stellung verdrängen, seinen Platz selbst
einnehmen zu können. Aspasios wollte aber noch nicht in den
Ruhestand treten (p. 125, 32 yrjpaaxwv £üv atita toö u.^
sieptp d7ro3rfjvat ßouXead-at), und Phil, verließ Rom. In Klein-
asien (ev 'Iwvt'a sagt Phil. p. 126, 3) 8l), wohin sich der Lem-
nier zunächst gewandt haben muß — wir erinnern uns seiner
Bekanntschaft mit den Städten KL- Asiens und der Beziehungen
der Philostrate zu Erythrae — wurde das Zerwürfnis mit Aspa-
sios und seinem Anhang verschärft, in welcher Weise, ist nicht
80) In Ueberein»timraung damit sagt er p. 365. 20 xöv 'EyxdXaiov
iv 'Ixxlix xa-i-qj. Bereits der Heroik, enthalt eine Erwähnung Neapels
und des Vesuv (p 140, 10 sqq.).
**) 'Ionien' ist bei Phil, da« Küstenland Kl.-Asiens. Vgl. mit der
Stelle p. 126, 2 die wörtlich Obereinstimmende p. 10, 14, sowie 46, 13
und 24; 89. 30 (iv 'lam* im Gegensatz zu Mysien); 101, 5 (Geg. Athen
und Italien); im gleichen Sinne p. 101,22 'iomxij tiea, 119, 11 'iomxTj
dxpdao'.;.
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510 Karl AI ttn scher,
klar, durch zwei andere Sophisten Aurelius und Cassianus81),
. über die Fl. Phil, sich deshalb — schwerlich ganz unparteiisch
— sehr abfällig und mißgünstig äußert. Dieser scheint selbst
in den Streit, natürlich zu Gunsten seines Verwandten, mit ein-
gegriffen zu haben, wenn wir (vgl. auch Schmid IV S. 543)
eine Hindeutung auf eine uns sonst unbekannte Schrift mit
Recht in dem Satze finden (p. 126, 9) rapl . . . toO zp&nou Tffc
tü>s deo^Xcnuiva. Jener Cassianus scheint damals in Konkur-
renz gegen den Lemnier seine Ernennung zum kaiserlichen
Professor in Athen durchgesetzt zu haben : der Lemnier kehrte
dahin zurück — ohne Professur.
Ein Erzeugnis dieses, wie schon des älteren Phil. Schrift
zeigt, zum Teil wenigstens litterarisch angefochtenen Docen-
tenstreitea, erwähnt Fi. Phil., eine £maxoXyj rep: xoO kw; de?
(X7iooriXXetv, einen offenen Brief des Lemniers gegen Aspasios ;
npbt; töv "Ao7caa:ov Teivei heißt es p. 126, 20, d. h. der Brief
nannte keinen Adressaten83), durch seinen Inhalt polemisierte
er gegen Aspasios. Nun ist in einigen codd. der den Namen
Phil, tragenden Briefsammlungen den übrigen ein Brief über
den £7ri<rroX'.xö$ xapaxiTjp xoö X6you angefügt (die Mynashdschr.
des Gymnastikos läßt ihn diesem folgen, s. S. 553 Anm. 160);
im Paris. 1696 mit der Ueberschrift 'Aanxaia (Phil, epist. ed.
Boissonade, Paris 1842, als epist. 1, wie in den älteren Ausgg.,
bei Kayser II p. 257 als OLaXe^s l herausgeg.). Daß dies eben
jener in den Bioi erwähnte Brief des Lemniers sei, ist längst
erkannt worden (vgl. Boissonade p. 50), schon von dem Leser, der
in seiner Handschrift das 'Astasie) (wofür *A<j7ta<j:a nur Ver-
schreibung ist) hinzufügte. Kayser (gr. Ausg. praef. epist.
p. V) hat diese Identificierung für trügerisch erklärt; sie wird
als richtig erwiesen durch eine Vergleichung der Inhaltsan-
gabe, die die Bioi von dem Briefe des Lemniers geben, mit
dem erhaltenen Schriftstücke. Nach Aufzählung von muster-
giltigen Epistolographen, unter denen der Tyaneer (d. i. Apol-
lonios) nicht fehlt, stellt der Brief 4 Forderungen auf für den
**) Ueber beide wissen wir sonst nichts; a. Schmid, Paoly-WiaBowa
II 2432 Nr. 10. III 1H67 Nr. 9.
M) Da« betont OleariuB, bei Boissonade p. 49. 2.
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Die PhiloBtrate.
511
Briefstil84): erstens die Mitte zu wahren zwischen gewöhnli-
cher und kunstmäßiger Ausdrucksweise, sachlichen, aber nicht
die Eleganz vernachlässigenden Stil zu schreiben, und zweitens
die passende Figuration der Rede zu erreichen durch Meiden
der Figuren. Die zwei letzten, am breitesten behandelten For-
derungen, Meiden kunstvoller Periodisierung, die zur Rede, nicht
zum Briefe passe (dytüvtartxwiepov yap yj xaxa ETOaioX^v tööto
p. 258, 18), und unbedingtes Erstreben der aacpfjveia, decken
sich mit den beiden in den Bioi erhobenen Vorwürfen, des
*Aspasios Kaiserbriefe seien teils ayümortxuVcepov toü Slovtos,
teils o'j aa<pd>{ verfaßt Wie des Aspasios Name in dem Briefe
nicht genannt wird, wird auch die Schlußfolgerung, daß näm-
lich, wer die Gesetze des Briefstils nicht kenne, nicht kaiserlicher
£7UGTGA£0£ sein oder bleiben sollte, dem kundigen Leser über-
lassen — eine formell feine, wie sachlich scharfe Art der Polemik !
Dieser Brief (so nennen die Bioi das Werkchen, und es
ist falsch, es mit Kaysei* als aaXe?:; aufzufassen) 8 *) tritt also
als drittes erhaltenes Werk des Phil. Lemnios neben den He-
roikos und die Eikones. Es wäre eine starke Instanz gegen
die Giltigkeit dieses Ergebnisses, wenn auf richtiger Beobach-
tung beruhte, was Schmid, Atticismus IV S. 8 Anm. 7 schreibt:
'nur durch sorgfältige Vermeidung des Hiatus unterscheidet
* sie (nämlich die Dialexis, wie Schm. nach Kayser den Brief
nennt) sich wesentlich von den Werken des zweiten Philostra-
tus\ Der Brief enthält nach Abrechnung der auch sonst bei
Hiat meidenden Schriftstellern gestatteten Vokalzusammenstöße
(nach dem Artikel p. 258, -i. 6. 12. 21; nach xat p. 258, 7
u. a.; uij 11 und 12; in der Pause 15) sowie der durch
Elision beim Sprechen beseitigten (Se Z. 2 u.s.w. ; Tipoetp^uiv'
ft4) Was wir von antiker Theorie über Epistolographie wissen,
stimmt sachlich ziemlich überein. wie das Hadurmacber im Kommentar
zu Demetrius de elocutione p. 109 ausgesprochen hat. Vgl. etwa zu
Phihs dritter Forderung Demetr. 229, zur ersten 231 und 235, sowie
190 über das tcxv^v, zur vierten und zweiten 191.
"*) Ein Citat daraus bei Proklos wspt i«iotOAijia(oi> xaPax~?iP°C*
Kpistologr. gr. ed. Hercher p. 7, und zwar wird der Autor treffend
*iXö<rcpatos d Ar,|mo€ genannt. — Der Schlußsatz xöv vor^vctuv x4 jisv
xotvi xouvftc cfpdo(i)}isv, x& ds xouvi xcivü>£ (vgl. Lukian Hipp. 8) ist eine
Variation der durch Isokrates (4, 8. vgl. Nr. 9 der Apophthegmen, Isoer.
ed. Blass II p. 27b) allgemein verbreiteten, bereits von Teisias und
Gorgias (nach Plat. Phaidr. p. 267 A) gebrauchten Antithese.
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512 Karl Münscher,
tj 21; %aV inioxolty 19; ü>pai£otT* 2; 16) vier schwere Hiate
(Z. 16 ßpa^uXo^ta <bpat£oiTO, 17 atevt) oOaa, 26S€<o sureXeia;,
19 (Aifj reu in!) in 29 Zeilen Teubnertext, auf 7 — 8 Zeilen
einen Hiat. Das ist keine sorgfältige Meidung des Hiatus,
ebensowenig wie sie in andern Philostratischen Schriften zu
verspüren ist 8C). Gleich sehr oder gleich wenig, sogar schein-
bar noch sorgfältiger Hiat meidende Partien sind leicht in den
andern Schriften zu finden; z. B. Eik. 1, 6: nach Abzug der
erlaubten (zu denen auch der nach izepl p. 302, 14. 803, 4
und der nach Ott 304, 13 gehören würde) bleiben als feste
Hiate 302, 2 axpwuvT) etvat, 302, 11 zpvact evfoi;, 302, 29
Kbbou apxovxat, 303, 11 oOxen oi loinol £/vouaiv, 303, 29 rai-
pwvTai auiov, 303, 30 'Acppo&rn fjotarov, 304, 1 a Siexe, 304,
16 nepövat ai, von denen wohl noch ouxeit oi (303, 11) nach
Heroik. 219, 13 durch Elision und ä §Texe (304, 1) durch Zu-
sammenziehung (vgl. Isokr. 12, 3 ayw) zu beseitigen wären,
d. h. 7 (bez. 9) Hiate in 93 Teubnerzeilen, auf 13 (bez. 10)
Zeilen ein Hiat. Etwa das gleiche Verhältnis liefert der
Schluß des Heroikos (von p. 216, 6 an), in 122 Zeilen 12
(oder 13) Hiate, auf 10 (bez. 9) Zeilen ein Hiat. An diesen
Stellen ist an bewußtes Vermeiden des Vokalzusammenstoßes
nicht zu denken, ebensowenig aber auch in dem Briefe.
Zeitlich wird dieser etwa in die ersten Jahre der Regie-
rung des Severus Alexander gehören. Ueber die Abfassungs-
zeit der Eikones ist genaueres gleichfalls nicht zu ermitteln.
Nur soviel läßt sich sagen: der Verfasser spricht von sich
selbst im Proömium als einem bekannten und berühmten
Manne, um den sich, wenn seine Anwesenheit in einer Stadt
bekannt wird, die Menge der Studierenden neugierig drängt
(p. 295, 16 sqq.). Die 'Bilder* sind also nicht das Werk eines
aufstrebenden Jünglings, sondern eines Mannes auf der Höhe
seines Ruhmes. Wir werden daher mit Recht ihre Abfassung
nicht nur nach der des Heroikos ansetzen, sondern auch nach
ö<1) Lediglich in der Verteidigungsrede des Apollonios (v. Ap. 8, 7
p. 301, 32 sqq.) ist vielleicht absichtliches Meiden des Hiates (aber auch
ohne strenge Observanz) anzunehmen; vgl. Schiuid IV S. 469 f.; da
verlaüt Phil, seine sonst immer geübte dcfsXsta. Als Curiosum sei er-
wähnt, daß C. H. Cobet diese Rede als echt, d. h. wirklich von Apol-
lonios gehalten ansah (Mnemosyne VIII, 1859, p. 150 sqq.).
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Die Philostrate. 513
jener Zeit längeren Verweilens in Rom und Italien, also auch
nach dem Streit mit Aspasios und nach dem 'Briefe'. Neapel
iste, wo ihn die lernbegierige Jugend so umschwärmt haben
soll, für Griechenland aber und in Griechenland schreibt er,
wenn er sagt: 6 iwtpi xoi; NsaicoMtai; dtywv, 8e kö\i$ ev
TcaXt'a $xt<rca'. yevo; "EXAtjve; xcrt aTcuxot; in Athen also, wo
der Lemnier später neben seinem älteren Verwandten tätig
war (s. S. 489), werden die Eikones verfaßt sein (vgl. Kayser
gr. Ausg. praef. Eik. p. V).
Die Bilderbeschreibungen gehören unter den Begriff £*/.-
cppao:;, in der damaligen Rhetorik eins der Tcpo^uu-vaa^axa;
ypacpixfj; spytov extppaa:; nennt der Verfasser der jüngeren
Eikones (p. 390, 10) das ihm vorbildliche Werk seines Groß-
vaters. Doch ist es bemerkenswert, daß die Progymnasmatiker
Theon und Hermogenes (ihnen folgend auch Aphthonius)87) bei
Behandlung der Ekphrasis die Beschreibung von Bildern oder
Statuen mit keinem Worte erwähnen. Die Praxis hat da die
Theorie überflügelt und in der Gemäldebeschreibung die be-
quemste Form der am höchsten bewerteten jaixit) exqppaaf.£ ent-
deckt, die mehrere der einfachen Ekph rasen von 7ip6ao)7ia,
Tipayuata, xotzo: und XP^vo: umfaßt. • Beispiele von Ekphraäen.
die wirklich vorhandene oder fingierte Gemälde oder Statuen
beschreiben, haben wir nicht wenige bei Lukian, Apuleius u. s.
(vgl. darüber Matz, de Philostratorum in describendis imaginibus
fide, Bonn 1867, p. 9 sqq.). Phil.s Vorgänger in der Edition
einer Ekphrasensammlung in Buchform war der Makedonier
Nikostratos, den Suidas als Zeitgenossen des Dio und Aristides
unter Kaiser Marcus ansetzt**). Die einzelne Bilderbeschrei-
B7) Erst bei Nikolaos (Spengel III p. 492) stehen detailirte An-
weisungen für «He Ekphrasis von sixövs? und aydiX^aTa; in seinen Muster-
progyninasinen enthält das Vi. Kapitel (Walz 1 p. 394-414) unter 11
Ekphrasen 10 Beschreibungen von Bildwerken; die Ausnahrae int Nr. 7
-cocwvog äx^pao:; (vgl. 1-ibanio«, Heitske IV p. 1078). In Libanios Pro-
gymnasruenaainiulung sind Bilderbeschreibungen dünn gesät (Keiske IV
p. 1048. 1057. 1056. letztere ganz in Phil.s Art; s. Z. 4 iuiXXat« rt
Ypa^Tj -et Ixri, p. 10^5, 6 ^TjXwost, . . . xat xb uiTpov 6 Xiyoj), zahl-
reicher Statuen beschreibungen (IV p. lt>66. lot?8. 1081. 1 1>82 u. ».). Bei-
npiele von Ekphrasen aller Art behandelt Leo, de Statii Silvia, (Böttingen
1893. p. U sqq.
88) Wenigstens wenn der Titel s:.r.&vs; itn speziellen Sinne von B i 1-
d e r beschreibungen zu ver»tehen ist (bei Fronto epist. 3,7 und 8 steht
aixttiv in weiterer Bedeutung für Sx?pcwi$ überhaupt. Suet. grauim. 4
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5U Karl Münscher,
bung ist ein rhetorisches Musterstöck, die Gesamtheit der
Eikones aber, das ganze Buch, stellt sich bei Phil, als ein
einheitlicher Lehrvortrag dar, den er dem 10jährigen Sohne
seines neapolitanischen Gastfreundes sowie andern Zuhörern
hält. Der Schluß der Einleitung des Werkes erscheint als
kurze dialogische Einführung in die Situation, dann folgt der
Vortrag des Meisters, der nur an einer Stelle (p. 363, 29)
durch eine Antwort des Zuhörers unterbrochen wird (hierüber
die praef. d. Wiener Ausg. p. XX sq.). Phil, benutzt also
die bekannte00) Form des philosophischen Lehrvortrags mit
dialogischer Einkleidung und, um sein Rivalisieren mit der
alten Feindin der Rhetorik, der Philosophie, erst augenfällig
zu machen, nennt er seine Dialexeis mit dem von alters her
bei Philosophen üblichen, nun auch bei den Christen ange-
wandten Ausdrucke für belehrende Vorträge (vgl. Norden, Ant.
Kunstprosa II 1898 S. 541): 6u.cXtai (imag. p. 295, 11; im
gleichen Siune auch v. Ap. p. 93, 20. Vgl. Schmid, Atticis-
nius IV S. 367), wie er im Heroikos die Form des philosophi-
schen Dialoges benutzt.
Eine interessante Notiz über das Leben des Verfassers
geben uns noch die Eikones. In der Einleitung, in der einige
allgemeine Bemerkungen über Malerei vorangeschickt werden,
nennt Phil, einen Aristodemos aus Karlen, der, selbst aus-
übender Künstler, über Maler und ihre künstlerischen Erfolge
geschrieben hatte (vgl. Brunn, Gesch. d. griech. Künstler, II
braucht dafür paraphrasis ; rhet. 1 fehlt die Ekphraais in der Aufzählung
der Progymnasmata). Die Btxövsg des Nikostratos nennt Suidas zwischen
den Buchtiteln dsx<x|iu$-£a und itoXuji'j&la (vgl. Hermog. it. 18. p. 420, 14);
waren das auch Sammlungen von Progymnaamen? (Der Mythos ist bei
Theon und Beinen Nachfolgern das erste Progyninasma). Nik. gilt als
Muster der dq?4Aeiot, vgl. Uaener, Dionysii Hai. qu. f. ars rhet., 189*>
praef. p. VI. s. oben S. 495). Nach Suidas und Schol. Lukian. de Bai-
tat. b'9 p. 144 (Jakobitz IV) gehörte er neben PhiL zu der jüngeren
Dekas von Sophisten, von denen es aber in Wahrheit einen 'Kanon'
(Phil. v. soph. p. 72.10. Anth. Pal. 7,573.2, dazu Stadtmüllers Note)
niemals gegeben hat (vgl. Steffen, de canone qui dicitur Aristopbanis
et Aristarchi, Lpzg. 1876, p. 51). — Mit der sophistischen Bilderbe-
schreibung haben nichts zu tun die Imagines Varros und des Atticus
(Teuttel-Schwabe, 160,5 und 172, 2 d). Kürsts Vermutung (Philol. 61
p. 886 Anm. 35), daß 'die Schilderung der körperlichen Erscheinung
eine nicht geringe Rolle* in deren prosaischem Texte gespielt habe, ist
schwerlich richtig; statt dessen waren eben die Porträts selbst beige-
geb6M) Vgl. Schmid, Attic IV S. 535.
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Die Philostrate.
515
1889, S. 208). Mit diesem hat Phil., wie er sagt, 4 Jahre
der Malerei zu Liebe in Gastfreundschaft zusammengelebt, ihn,
wie es scheint, in seinem Hause gehabt90). Das ist nicht nur
ein Beweis für große Wohlhabenheit Phil.s, noch mehr fttr
seine wirklich künstlerischen Interessen. Daß er also bei seinen
'Bildern' auch Reminiscenzen an vorhandene Kunstwerke, die
er gesehen hatte, mit verwendet hat, ist überaus wahrschein-
lich, wie es andererseits sicher erscheint, daß die Einkleidung
des Buches eine Fiktion ist und die einzelnen Ekphrasen nach
dichterischen Vorbildern komponiert sind91).
Sonstige Ueberlieferung lehrt über den Lemnier nichts;
nur Tzetzes sagt vom Verfasser des Heroikos (Posthomer. 503)
$Xawoc (i>c ipeet (mit Bezug auf den Tod der Polyxena,
Heroik, p. 205, 5 sqq.). Ist das keine Verwechselung mit
dem älteren Fl. Phil., dem Verfasser der v. Ap. und v. soph.,
so wird dadurch wahrscheinlich, daß der in dem schon ange-
führten Ephebenverzeichnisse (S. 490) genannte Archon Lukios
Flayios Philostratos aus Steina eben der im allgemeinen als
'Lemnier' bezeichnete Phil. ist. Er hätte dann also im 72.
(oder 63. oder 67.) - Lebensjahre das Archontat bekleidet.
Suidas (s. S. 517) enthält noch die Angabe, daß dieser Phil,
in seiner engeren Heimat Lemnos gestorben und begraben sei.
3. Die Phiiostrate bei Suidas.
Wenden wir uns nun an Suidas! Er behandelt (natürlich
nach Hesychius Illustrius) 3 Philostrate; sein Artikel lautet:
tf>tX6<jTpaxos, <E>tXoorpc£xou xoö xal BVjpou, Atj(iv(ou ootptaxoö,
xa* aöxbs Seurepos aoqjKxrfa, oo<piaxe6oac £v 'Aä^vac;, e?ia iv
Tüiug, inl SejHjpou toO ßaaiX£(i>; xal §ü>c OiXctctcoo. lypa^e
\uUxaq. imoxoXac £p(imx<*s. eJxöva; fjtot Ix<pp4aetc £v ßtßX£otg
8'. Suchet;, afyas % ntpl aOXoö. 'ATwXXamou ߣov toO Tuavlwc,
M) Phil, sagt: 8v iy<b snl OYpacpCqt gsvov srcotrjodjnjv frcöv TSTxdpwv.
Die Uebersetzung bei Westennann: in cuius ego pictnrae causa per
quadrienninm hospitio fai scheint mir den Sinn gerade umzukehren.
9l) Die neuere Litteratur über den zwischen Fnedericha und Brunn
geführten Streit über die Realität der Philostratischen Gemälde ver-
zeichnen die beiden Wiener Ausgg. derEikones, Phil, mal p. XXVIII,
iun. p. LIV. Auf den extremen Standpunkt, den Friederichs einnahm,
stellt sich C. Robert, Studien zur Ilias, 1901, S. 19.
Philologu», 8«pplemoDtband X, Tiorte» Heft 34
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516
Karl Münsche r,
iv ßißXfotc if. äyopav. ^ptoixov. ßtcu; oxxptaxöv, £v ßißXtotg 8'.
£7Ctypaiiu.axa xal äXka xiva. rcX*jv rcptöxo; 6<pecXEi xetad-a:
<I>tX6oxpaxos 6 7cpöxo;, Aifjuvioc, ucö; B^pou, iwexfjp Sfc xoö
6eox4pou 4>iXooxpaxou, oocpiaxtjc xal aux6;, oo<pioxe6aa; iv 'AxHj-
vat?, yeyov&c inl Nepwvo;. Iypa<|>e Xoyou; xavT)yupixoüc 7cXetoxouc
xac Xoyooc 'EXeuaiviaxoü; 5'. ueXexac i^xooueva rcapa xot;
f^xopot. ^xopixa; d<popu4c. rccpl xoö dvouaxo;* £<rct oe itpöc
xöv oo^toTfyv 'Avxtrcaxpov. izepl xpaycpStas ß:ßXta y'. yuu-vaaxi-
xöv • soxi 5e Tcepi xöv fev 'OXojiTutqt ^mxeXouuivcov. Xidtfyva>u.ix6v.
nptöxea. xuva f) oocptoxifjv. Nepu>va. freax^v. xpay(p£ta£ jiy'.
X(t>(iq>§i'a£ tS% xai exepa rcXeloxa xai Xöyou <£5ia
0tX6axpaxo€, Nspßiavoö, aoeXcpörcaiöo; OtXoaxpaxou xoö
5eux£pou, AVju.vtoc xal aöxös aotpioxTjS xai rcatoeoaac £v 'AJHj-
vaic, xeXeuxVjaa« 5& xai xacpei; iv Aifjjivq), dxoüaxVjc xe xai yap.-
ßpö; yeyovu); xoö 5eoxepou OiXoaxpaxou. iypa^ev etxövas. 7tav-
afbjvat'xov. Tpuxxov. 7capa<ppaatv ri); 'Ou^pou domoo;. iieXixa;
e'. xcvig 6& xal xou; xtöv ocxptaxtöv ß{oo; in' aoxöv dvacpepouatv.
Der bei Suidas voranstehende Phil, ist identisch mit dem
von uns zuerst besprochenen Fl. Phil., denn unter seinen
Schriften nennt Suidas die v. Ap. und v. soph. (über die Ver-
schiedenheit der Buchzählung s. S. 492 Anm. 54). Am Schluß
des Artikels Ober den dritten PhiL wird noch die unbedingt irrige
Meinung 'einiger' erwähnt: xtve; S£ xai xoüs xöv oo<pioxu)v
ßiou? in' aüxöv dvacpepouaiv. Wir erfahren also den Namen
des Vaters, des Fl. Phil., der selbst Phil, hieß und Sohn eines
Yerus war. Schon der Vater war Sophist (Atjuviou ao^toxoö),
deshalb heißt es von Flavios: xai aöxö; 5euxepo£ aoyiovffc.
Dann die Orte seiner Wirksamkeit, Athen und Rom; hier fehlt
sein syrischer Aufenthalt und die spätere Rückkehr nach Athen.
iizl Seß/jpoo xoö Kacoapo; xai OiXtrcuou (244 — 249); die
letzte Angabe ergänzt unser Wissen (s. S. 494).
An zweiter Stelle spricht Suidas vom Vater des Flavios;
da dieser der II. der Zeit nach, ist der Vater natürlich der I.
Von der chronologischen Reihenfolge ist also im Suidasartikel
doch wohl absichtlich Abstand genommen und der am be-
deutendsten Erscheinende der Philostrate an die Spitze gestellt
worden; diese Abweichung ist aber hinreichend deutlich hervor-
gehoben durch die Worte, die dem an zweite Stelle gerückten
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Die Philostrate.
517
Artikel über den ältesten Phil, vorangestellt sind: ftXrjv Tcptö-
to; ApsOci xeioöm»*). Von Phil. I., dem Vater des Fl. Phil. IL,
erfahren wir nur noch, daß auch er bereits in Athen tätig
war, und zwar Y«Y0Va)S inl Nepwvos, d. h. blühend unter Nero.
Diese Angabe ist unweigerlich falsch, und auch Gronows Kon-
jektur knl N£po6a; vermag daran nichts zu bessern93). Die
Lebenszeit des Sohnes bestimmt auch die des Vaters. Und
Suidas widerlegt seine Angabe selbst: er nennt im Schriften-
verzeichnis dieses Phil, ein Werk 7tspl toO ovou-atot* lern 8e
Ttpö; xöv oo^pioTTjV 'AvttTcaipov ; damit ist eben jener Antipatros
gemeint94), dessen Beziehungen zu Phil. Ii. und dem Kaiser-
hause wir betrachtet haben; Antipatros ist 144 geboren, eine
gegen ihn gerichtete Schrift muß mindestens 20 — 30 Jahre
später fallen. Der Sohn des Phil. I., Phil. II., ist um 170
geboren. Das ergiebt als Lebenszeit für Phil. I. auch die
2. Hälfte des II. Jhhs., seine Geburt wird noch vor 150 fallen.
In dem kurzen Verzeichnis der Schriften des III. Phil,
bei Suidas stehen eixöveg und Tp<i>:x6c, was eine Verschreibung
oder auch Umnennung für 'Hpo)tx6{ zu sein scheint96). Das
ist also der von uns bisher als 'Lemnios' bezeichnete Phil. Zu
den uns bekannten Tatsachen stimmen Suidas* Worte: A^u,vios
xo! aüTÖ$ oocpiaiijs xcd 7tat6e6aas iv 'Afrifjvats ; neues lehrt uns
der Zusatz (s. oben S. 515) *ceXeuT^oa; 8£ xal xa^e^ iv A^vtp.
Außerdem macht Suidas noch zwei Angaben über die ver-
•*) WeBtermann, Biogr. gr. p. 857 sq. und Bekker in seiner Saidas-
aasgabe (denen auch Fertig p. 6 sq. gefolgt ist) haben die beiden ersten
Artikel des Suidas umgestellt, sodaß der zeitlich erste auch bei Suidas
voransteht Die Lösung des verworrenen Knotens haben sie durch diese
scheinbare Verbesserung nicht gefördert.
") Der Versuch Kaysers (de gymnastica ed., Heidelberg 1840, p. XII,
wiederholt gr. Ausg. p. 335) das unmögliche y«Yov6>C ä7tl N4ptovo$ durch
Ausfall einer Zeile uou 8k nspt dpuxfa 100 'lod-uoö T*Y0Vt>t«€ *** Nspw-
vog) hinter Nepoava, Versetzung des unverstandlichen Restes (ysyovuIoc
ini Nsptovo;) an den Band, .Wiedereinsetzung an anderer Stelle mit
der Konjektur f&yav&t, su erklaren, ist zu künstlich, als daü er über-
zeugend «ein könnte. Christ4 S. 752 glaubt noch an den Phil, unter
Nero.
«) Daß der Dio or. 18, 12 erwähnte Antipater nicht gemeint sein
kann, hat Schmid, Atticism. IV S. Ö Anm. 1 bemerkt
•*) 'HpcaiKöc lautet der Titel Laurent LVIIl 32, in den andern
Hdschr. 'HpoKxd, vgl. Kayser gr. Ausg. praef. Her. p. V. Thomas Ma-
gister citiert auch iv 'HpoKxotc (p. 48,7. 98,17. 126.5 der Ausg. v.
F. Ritsehl, Halle, 1882). Ueber die schwankende U eberlief erung der
Mtnanderatelle s. S. 495 Anm. 58.
34*
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Karl Münscher,
wandtschaftlichen Beziehungen dieses Lernniers: am Anfange
heißt es 4>iX6oxpaxos Nepßiavoö töelycnaßoi OiXooxpaxou xoö
§eux£pou und am Ende der Nachrichten über das Leben: dxou-
ovtfi xe xort yau-ßpö; yeyovü)« xoO Seuxepou OiXoaxpaxou. Ist in
beiden Fällen der von Suidas als Ssuxepo; oxxpioxVjs bezeichnete
(aber an erster Stelle bebandelte) Verfasser der v. soph. und v.
Ap. gemeint, so ergiebt sich, daß Phil. HL, der Lemnier, Sohn
des Nervianus, Enkel einer Schwester 96) des II. Phil., Schüler
seines Großonkels, Phil. IL, gewesen ist, und dessen Tochter,
also seine eigene Tante, geheiratet hat. Wenn auch etwas
kompliciert, sind diese verwandtschaftlichen Verhältnisse doch
keineswegs unmöglich. Sie sind aber von je her den Philologen
so bedenklich erschienen, daß sie mit Konjekturen sie zu ver-
bessern suchten. Meursius schrieb dSfiX^oicat; (statt -rcxtSos),
wodurch die Sache dahin vereinfacht wird, daß Phil. DI.,
Schwestersohn des Phil. II., dessen Tochter, d. h. seine Cou-
sine geheiratet hat. Rohde a. a. 0. S. 35 erreichte ein ähnliches
Resultat dadurch, daß er an erster Stelle für xoö Seuxepoo
setzte xoö itp&xoo ; dann wäre Phil. III. der Sohn des Nervianus,
des Schwestersohnes des Phil. L, der seines Onkels Phil. IL
Tochter heiratete. Vielleicht ist aber aus dem Suidastext, ohne
ihn zu ändern, etwas anderes zu entnehmen, als oben ange- 4
deutet wurde. Darauf führt mich jener Suidasartikel Op6vxü>v
'Euxcnjvos, den wir oben (S. 489) benutzten. Von diesem
Fronto hieß es: yeyovü); knl Seßifjpou xoö ßaaiXeo); £v Twu^*
Iv $i 'AOifjvatc dvxercatSeuae OiXoaxpaxq) x<j> 7tpü>T<p xal 'A^tv^ x$
TaSapet. Wir sahen, daß mit diesem Phil, den Zeitumständen
nach nur der Verfasser der v. soph. und v. Ap. gemeint sein
kann (s. S. 490); diesen nennt Suidas hier OtXoaxpaxoc 6 7tpa>-
xoc, obwohl er der Chronologie nach der II. ist und von Sui- f
das 8. v. «EiXooxpaxoc richtig als Seuxepo; oocpiax^s bezeichnet
wird, doch wohl aus keinem anderen Grunde, als weil dieser
seiner Bedeutung halber in der Reihe der drei Suidasartikel
an erster Stelle steht. Wir beobachten also bei Suidas ein
♦
i
") Saidas bez. Hesych legt nur Wert auf die Zugehörigkeit des •
Phil. III zur Familie der Philostrate ; des Nervianus Vater, offenbar aus
anderer Familie, wird nicht genannt, folglich ist döeX^onooc hier so-
viel wie Schwestersohn.
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Die Philostrate. 5l9
Schwanken in der Numerierung der Philostrate, je nach dem
er die chronologische Reihenfolge der Phil.e oder die Reihen-
folge seiner drei Artikel berücksichtigt. Liegt dieses Schwanken
nun vielleicht auch im dritten dieser Artikel selbst vor? Dann
hätte Suidas das Wort öeoxepoc in doppeltem Sinne gebraucht.
Ncpßtavoö d5eX<p67wct5os OiXosTpatou xoO Seuxepou, d. h. des
an zweiter Stelle genannten Phil, (der chronologisch der L),
flbtooorVjs xe xal yaußpöc ye^ovo)? xoO Seux^pou OcXoaxpaxoo,
d. h. des chronologisch II. (der aber an erster Stelle behandelt
ist)97). Das ergäbe: der Lemnier Phil, hatte eine Tochter des
Fl. Phil. (II.) und der Äurelia Melitine zur Frau, eine Schwester
des Fl. Capitolinus. Erinnern wir uns nun, daß der Verfasser
der zweiten Bildersammlung den Verfasser der ersten als seinen
Großvater mütterlicherseits bezeichnet, und daß jene Inschrift
von Erythrae den Fl. Capitolinus als aufrev^ und d§eXcp6;
und auch als felos von Personen senatorischen Ranges nennt,
so erhalten wir folgenden Stammbaum der Familie der Philo-
strate:
Philostratoe (I). Tochter,
ia Melitine oo Fl. Philostratos (II). Nenrianus
Sohn. Fl. Capitolinus. Tochter oj (Fl.) Philostratos Lemnios (III).
Solin. Tochter.
Philostritos (IV).
•') Erscheint jedoch obiger Erklärungsversuch zu gekünstelt, so ist
im Saidas nichts zu ändern außer im Artikel «Spövrwv statt x$ npob-np
mit Hemsterhuis x$ dtuxepcp zu schreiben. Schematisch dargestellt er*
gäbe sich dann folgendes Verwandtschaftsverhältnis:
Venia.
Philostratos (I).
Fl. Philostratos (II). Tochter.
„ I
Nervianu».
Oü (Fl.) Philostratos Lemnios (III).
lostrato
Poclter
■
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520 Karl Münscher,
Die Betrachtung der Schriftenverzeichnisse der einzelnen
Philostrate bei Saidas und damit zusammenhängend der übrigen
erhaltenen Werke steht noch aus.
Den berühmtesten Phil. IL hat Suidas vorangestellt. Seine
Bedeutung erscheint noch gesteigert, da ihm — wie wir sagen
dUrfen — zu Unrecht auch ehcöve; und Vjpwtxo; zugewiesen
werden, die Phil. III. gehören, bei dem sie Suidas gleichfalls
erwähnt. Zwei andere der genannten Schriften, dyopa und
aiyec ^ nspl aOXoö, sind nicht erhalten. Der Doppeltitel würde
gut zu einem Dialoge passen (vgl. S. 547 Anm. 149), in welchem
Zusammenhange die Flöte aber mit den Ziegen gestanden
haben könnte, ist nicht zu ahnen. Außerdem aber nennt
Suidas \iz\txou; und 8ta3i£e:£T die beiden Arten sophistischer
Reden, die damals üblich waren. Der Unterschied zwischen
beiden ist im Grunde kein anderer als zwischen den Oitod-eoeit
und fliaecc (quaestiones finitae und infinitae) der Hermagorei-
schen Rhetorik; ersteren entsprechen die u-eAexat, nach dem
ins deliberative oder judiciale Genus gehörenden Stoffe contro-
versiae oder suasoriae: erhaltene Beispiele der Art sind die
Sammlungen des alten Seneca, die Quintilianschen, die des
Calpurnius Flaccus in der lateinischen, die Suasorien des He-
rodes Atticus98), Polemon und Aristides (die Keils I. Bd. ent-
halten wird, außer 1 — 4) in der griechischen Litteratur. Letz-
teren (den infinitae) entsprechen die 5taXe£ei£ (oder XaXuzt), Vor-
träge allgemeinen, philosophischen, litterarhistorischen, oft auch
rein persönlichen Inhalts (Ober die XaXia und ihre TtoXuaxiSVj*
Xpeta vgl. die Ausführungen Menanders, rapi irctSeixTixtöv Rhet.
Gr. III Sp. p. 388 sqq.). Das persönliche Moment trat besonders
dann in den Vordergrund, wenn die Dialexis als rcpoXoXta (prolo-
cutio) der eigentlichen, wohl vorbereiteten oder extemporierten
Epideixis voranging. Apuleius* Florida und de deo Socratis98),
Dions sophistische Reden, Aristides1 (Bd. II Keil) und Maximus
Tyrius' Dialexeis sind erhaltene Muster der Gattung. Für
jegliche Art sophistischer Reden bietet gleichermaßen Beispiele
Die Echtheit von Herodes' Rede rcspl woXtrsiac ist neu gesichert
durch Schmid, Rhein. Mus 59 (1904) S. 512 ff.
»») De deo Socratis ist eine ÖtttXsgtc (vgl. 5, 129. 6, 132. 14, 150.
20,166) und zwar eine extemporierte (11, 145), die natürlich spater im
♦Stenogramm1 zur Publikation überarbeitet sein wird.
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Die Philostrate.
521
Lukianos 10°), der große Verhöhner der Sophistik. Für den Zeit-
geschmack ist es charakteristisch, daß als das bedeutendere
durchaus die (ieX^t?) erscheint, schon deshalb, weil darin die
Redner ihre Kunst im auxooxeSta^eiv, im Extemporieren Uber
ein Tom Publikum gewähltes Thema101) zeigen konnten: das
war die höchste Leistung; überboten konnte sie nur noch
werden, wenn der Sophist, wie Apuleius10*), fähig war, bei einer
Epideixis in beiden Sprachen der damaligen Welt zu brillieren.
Unser Werturteil würde dem jener Zeiten durchaus wider-
sprechen: wir freuen uns, daß Dio vor dem öden Spiel mit
Worten in fieX^xac durch seine Philosophie bewahrt blieb
(jedenfalls ist nicht bekannt, daß er solche gehalten hatte,
vgl. Arnim, Dio v. Prusa S. 180).
Von Phil.s jieXexai ist uns nichts erhalten, eine Probe
seiner 5taA££et; besitzen wir. Es ist unter Phil.s Namen in
2 Hdschrn. (bei Kayeer II p. 258, vgl. Kaysers gr. Ausg.
praef. epist. p. V) als appendix zu den Briefen eine Ausein-
andersetzung Uber vcfto; und cpuots erhalten, natürlich keine
vollständige Dialexis, vielmehr ein einer solchen entnommener
tokos ; wie gern man solche Glanzstellen aussonderte, sammelte
nnd herausgab, ist durch Apuleius1 'Blutenlese' und Stücke der
Dionischen Redensammlung (z. B. or. 65, dazu Arnim S. 270)
bekannt. Das Thema des Philostratischen Stückes war seit alter
Zeit in der sophistischen Rede beliebt. Der Eleer Hippias scheint
(nach Plato Protag. p. 337 CD) zuerst den Gegensatz von vöjjlos und
(puotc, Menschensatzung und Naturgesetz, scharf gefaßt und er-
,ü0) 8taX<5iic Lukians sind (teilweise rcpoXaXtaf vor der Recitation
von Dialogen) : evincvtov. «pöc x6v »teövTa TJpouYj&suc sf sv Xö-rotg'. Zeuxis.
Harmonides. Scythes. Hippias. Dionysos. Herakles. itspl xoO fjXix-
■tpou u. a.; usXixai sind, und zwar controversiae : xopawoxxövoc. diwxw-
purcou-tvoc . (vgl. die Ueberschriften in F), suasoriae: Phalaris I und II.
Ueber die Chronologie der Lukianschriften s. W. Schmid, Pbilol. 50,
1891, S. 297 ff. — Ueber die StaXegtc handelt mit zuletzt wohl Dörr,
Untersuchgn. zu d. Dialexeis de» Maximus v. Tyrus, Pbilol. Suppl. VIII,
8. 5, wo auch Litteraturangaben.
iai) Die Fülle der Themen scheint schier unendlich, in Wahrheit
reducieren sie sich aber fast alle auf nicht allzuviel« Gruppen : solche
sind für die Suasorien: Die Perserkriege, Demosthenes, Alexanderzug,
Cicero u. a., für die Controversien gruppieren sie sich nach den Rechte-
fallen : Enterbung, Tyrannenmord, Madcbenraub, Ehebruch, Incest u. a.
*•') Vgl. das zweite der vor Socr. stehenden, von v. d. Vliet mit
Recht mit den flor. verbundenen Stücke, ein Uebergangsstück vom
griechischen zum lateinischen Teil einer Rede.
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522
Karl Münscher,
örtert zu haben 10S). Von der Verwendung des Gemeinplatzes haben
wir noch mehrfache Proben: der aus Iamblichs Protreptikos
gewonnene Sophist preist in Ekloge 7 (Diels, Fragmente der
Vorsokratiker, 1903, S. 579 f.) die Vorzüge menschlicher eövo|ua
vor der ävouia. Aehnliche Abschnitte fügt der Verfasser von
PS. Demosth. xax' 'AptoxoyEitovoc a (XXV) ein, die sich zu
einem £yxü>u.iov vöu-ou, der Kultur im Gegensatze zur Natur,
zusammenschließen (in den §§ 15—20. 22. 24. 27 lM). Noch
Hermogenes n. 25. p. 289, 20 sqq. Sp. giebt Proben der Be-
handlung dieses Gegensatzes. Aus Dios sophistischer Zeit
(vgl. v. Arnim, Dio von Prusa, 1898, S. 155 ff.) sind uns
zwei eng zusammenhängende 5iaXe£etc erhalten, or. 75 rcepl
v6|iou, or. 76 ntpi gftou;; erstere ein fepubpcov des alles be-
herrschenden veno;106), im weitesten Sinne gefasst als Menschen-
gesetz, sei es geschriebenes oder ungeschriebenes Herkommen,
wie als Natur- und Weltgesetz, letztere ein iyx&l*107 des un-
geschriebenen Gesetzes, der Sitte, im Gegensatz zur von Men-
schen gemachten Satzung. Umgekehrt preisen die §§ 140 — 144
seines Khodiakos das Gesetz auf Kosten der Sitte. — In eigen-
artiger Weise hat Phil, das Thema angefasst. Er giebt zu-
nächst die Meinung derer wieder, die den Gegensatz von
Natur und Kultur betonen: der <p6ai? Werke sind Tiere, Ge-
stirne, Flüsse u. s. w., des vopvoc Werke Mauern, Schiffshäuser,
Schiffe, Schilde u. s. w.; jene sind unvergänglich (&p&apxoL
p. 259, 7) wie Meer, Erde, Aether, Gestirne, und auch bei den
vergänglichen einzelnen Lebewesen bleibt durch deren dauernde
Neugeburt der Anschein der Unvergäuglichkeit gewahrt, alle
vom vöjio? durch Menschenhand geschaffenen Dinge aber sind
^ü8)~Vgl.~]^Dümmler, Akademika, 1889, S. 252 ff. Die Spuren des
Problems im V. Jhb. sammelt aus Dichtern, Philosophen und Sophisten
Dümmler, Kl. Schriften I 1901 8. 181 ff.
»•*) Darauf machte Wendland im Hermes 89, 1904, S. 501 Anm.
1 aufmerksam.
m) § 2 ßaoiXs&c slx<fao£ dvOpcoroov xal &e&v xsxX^xat nach Pindar
frg. 169 Bergk, den schon Herodot 3,38, dann Plato Gorg p. 484 B
und Nom. 4 p. 714 E benutzte. Vgl. Alkidamas bei Aristot. rhet. 8,
3, 1406 a 22. — Dümmler laßt Dio für seine beiden Reden das von
ihm postulierte syxcöutov vduoo des Hippias durch Vermittlung einer
'kyniseben Quelle', 'die erst der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts
angehört und sichtlich Gorgianisch beeinflußt ist1, benutzen (Kl. Schrif-
ten I S. 92) : mit solcher Quellensuche drückt man doch Dio auf das
Niveau eines gar su elenden Skribenten herab ; Dio spricht in Gedanken
und Stil eines alten Sophisten, schreibt aber nicht ab.
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Die Philoetrate.
523
yergänglicli (yfyapxd p. 259, 13); die Kultur kann keins der
Naturprodukte (ein £<j>ov lu.<|/uxov, <2orpov u. a.) hervorbringen,
während die qpöotc den vom vofios geschaffenen Formen Gleichen-
des bildet (xtjv qpuoiv Öl 6u.ocoOo8m noXkocyp^ T0*C 100 vfyiou
eßeot): Mauern und Häuser bildet sie nach in festen Plätzen
und Hohlen, durch Felsen und Wolken menschliche und
tierische Gestalten wie die Bildhauerkunst, im Monde das Ge-
sicht des Menschen 10e). Dieser communis opinio stellt Phil,
seine eigene Ansicht entgegen: Natur und Kultur sind keine
Gegensätze, sind vielmehr nahe verwandt und ähnlich und
gehen in einander über; jene ist der Anfang (V) <£pX*i)i diese
das Folgende (xö &tcöu£Vov). Dieser Gedanke von der höheren
Einheit von 96015 und v6jio; wird nicht übel erläutert: kein
Kulturwerk (sei es konkreter oder abstrakter Art) entsteht
. ohne die Grundlage der Natur, die Schätzung des Menschen
verschafft den natürlichen Dingen erst Wert, die Natur er-
schafft den Menschen als vernünftiges Wesen, die Kultur er-
zieht ihn und schafft dem nackt und bloss ins Leben getre-
tenen alles Notwendige; und selbst der Ruhm der Unsterb-
lichkeit gebührt (wie den natürlichen Dingen) den vergäng-
lichen Werken der Kultur — in der Kunst (*&yyvj). Zum
Schluss konstatiert Phil., es gebe noch ein Drittes neben
96015 und v6u,of. das Losreissen einer Insel vom Festlande,
die Verbindung des Festlandes mit einer Insel, das Durch-
brechen des Peneios durch den Olympos, das sind nicht Werke
der Natur noch Kultur, das ist etwas zwischen beiden Stehen-
des, ein ouü.ßeßYjx6s (ein Zufall), wodurch die Kultur der Natur
ähnlich wird und die Natur in die Kultur übergeht. — Im
Ausdruck (vgl. über das oujißeßijxo; bei Aristoteles Zeller,
Philos. d. Griech. H 2* S. 143, bei Epikur III l2 S. 372)
und in den Gedanken macht Phil, hier Anleihen bei der Philoso-
phie; unter dem crjpißeß7]xö? scheint er etwas ähnliches zu
verstehen wie die Stoa unter eEjiapuivn,, doch bin ich in der
philosophischen Litteratur nicht bewandert genug, um Phil.s
Quelle nachspüren zu können.
*00) Die beiden letzten Beispiele sind ungeschickt gewählt: in
Menschen- und Tiergestalten kopiert die Natur nicht Werke der Kultur,
sondern ihre eignen.
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524 Karl Münscher,
Phil.s Autorschaft wird bestätigt durch die Erwähnung
eines absonderlich geformten, eines Drachen Gestalt wieder-
gebenden Felsgebildes in Letnnos (p. 259, 28) und eines ähn-
lichen in Kreta, dessen Phil, auch in der v. Ap. 4, 34 p. 15:4, 5
Erwähnung tut107). Die Antithese von v6|io; und 960t; findet
sich auch v. Ap. p. 265, 26 sqq. 293, 26.
Unmittelbar hinter den ueX£xat nennt Suidas ein weiteres
echt sophistisches Werk : imaxoX&z ipwxtxa;. Es ist uns eine
Reihe von 73 Philostratischen Briefen erhalten, zu denen als An-
hang der bereits besprochene des Lemniers über den Briefstil
und die eben behandelte Dialexis hinzutreten. Diese Samm-
lung bildet mit ihrer eigenartigen Ueberlieferung ein nicht
uninteressantes Problem für sich. Als einer Briefsammlung
ist natürlich ihre Echtheit in Zweifel gezogen worden, und
es ist sogar W. Schmid, der im IV. Bande seines Atticismus
sein verdammendes Urteil durch nicht wenige verstreute Be-
merkungen in der Darlegung des Philostratiscben Sprachge-
brauchs zu begründen sucht. Die Beurteilung kleiner stili-
stischer Unterschiede, ihre Verwertung für Echtheitsfragen ist
stets mißlich; das subjektive Moment Bpielt dabei eine zu
große Rolle. Und so wird auch die Frage nach dem Autor
der Philostratischen Briefe schwerlich aus dem Sprachgebrauche
entschieden werden können. Beim Lesen von Schmids Zu-
sammenstellungen hat man jedenfalls durchaus nicht den Ein-
druck, daß die Sprache der Briefe sich irgendwie sonderlich
von der der andern Schriften abhebe; Überall begegnen wir
Ueberein8timmungen mit den Übrigen Werken, in überwiegen-
der Zahl mit der Gruppe v. Ap. und soph. Die Briefe ent-
halten zwar eine Fülle von Worten, die den andern Schriften
fehlen (dahin gehören auch die von Schmid hervorgehobenen
Fälle S. 123 ijieXst zweimal in den Briefen, sonst nicht; S. 35
die singulare Imperativform ^xw) , die gleiche Erscheinung
haben wir aber bei jeder der Philostratischen Schriften. Auch
daß den Briefen eine Reihe von Wendungen fehlen, die man
wohl als besonders beliebt im Stile der Philostrate bezeichnen
darf (wie z. B. ä.Kbyjpr\ und dtaxeofrai S. 134 Schm., dtpixviouA;
10r) Zu dritfc nennt er ^ ßouxpavo; ^ icp*cX(ip; seine Bekanntschaft
mit der klein asiatischen Küste berührten wir oben S. 481 Anm. 26.
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Die Philoatrate.
525
S. 141, ipxeofo« l<; S. 171, u-earos S. 195, «potxaw S. 240
u. a.) durfte bei dem geringen Umfang der Briefe und der
sonstigen Uebereinstimmung des Sprachgebrauchs noch keine
Instanz gegen ihre Echtheit bilden. So bleiben schließlich die
Abweichungen, die Scbmid als besonders wichtig notiert hat.
Davon haben die orthographischen und formellen (S. 12 Schm.
zweimal lapog in den Briefen, während sonst ^po? überliefert
ist, das aber auch epist. p. 225, 22 steht; S. 17 einmal 'AtwX-
Xwva neben dem sonst — auch epist. p. 245, 28 — gebrauchten
'Atc6XXü>; S. 27 Öfters &eAa> neben £diXo>, das die gewöhn-
liche Form, aber 3mal auch &£Xü> im übrigen Phil.; S. 35 rj?
einmal neben VjoÖa; S. 37 xdcco statt xaita; S. 38 <i)6(atqv statt
$ut]v; S. 124 äv, icev und rjv nebeneinander, während £v nur
5 mal in v. Ap., sonst y)v, das im Her. und imag. fehlt) doch
wohl kaum viel Gewicht; nicht mehr alles übrige, wie das
Fehlen von Sprichwörtern (S. 498), dagegen Fülle von poe-
tischen Metonymien (S. 494), mehrgliedrige Anaphora (S. 500),
öftere Hypophora, sowie Ausruf mit (I) (S. 529). Alles dies erklärt
sich wohl zur Genüge aus der intensiven Benutzung poetischer
Vorbilder für die Abfassung der größten Teils erotischen Briefe
(vgl. F. Wilhelms Tubulluntersuchgn, Philol. 69, 1901.579ff.,
Rhein. Mus. 59, 1905. 280 ff.). Ich bin geneigt, die Gesamtheit
der Briefe als echt zu betrachten, solange nicht das Gegenteil im
einzelnen Falle mit durchschlagenden Gründen bewiesen wird.
Den mit Suidas' Angabe übereinstimmenden Titel OiXo-
OTpdxou InioToXal eptoTixat trägt die in der II. Handschriften-
klasse (nach Kaysers Klassifikation) stehende Sammlung von
53 Briefen (vgl. die Zusammenstellung des Inhalts der ver-
schiedenen Handschriften in der praef. epist. p. VI— VII gr.
Ausg.). Die gleichen Briefe nur in anderer Reihenfolge und
zum Teil in kürzerer Fassung enthält auch die I. Handschriften-
klasse bis auf 6; in Kaysers Ausg. sind es die Briefe 1 — 39.
46. 47. 3ö. 54—58., dazu 59— b4 in H. (im Urbinas 106 U.,
der sonst zu I gehört, sind diese 6 aus II am Ende der Samm-
lung nachgetragen und deshalb von Kayser der in I erhal-
tenen Briefreihe angehängt108). Diese Sammlung, wie der
1M) Dieselben 6 (59—64) enthalt auch die Hdachr.-Oruppe y bei
Kayser, die aber überhaupt nur besteht aus Nr. 28 -39 (unter Ein-
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526 Karl Münscher,
Titel in II besagt, durchweg erotischer Briefe liegt also in
doppelter Recension vor109). Für beide Recensionen nahm
Kayser Entstehung von der Hand Phil.s an; die kürzere (in
I) ist nach seiner Meinung das ursprüngliche Jugend werk, die
ausführlichere (in II) die überarbeitete Ausgabe des Alters: illa
vividior est, brevior et concisior ; haec magis contemplativa, diffu-
sior et verbosior; illa multum in exemplis ex vita et historia et
mythologia petitis versatur et plura habet accommodata,
haec passim yvwjia« adspersit magisque accedit ad 6*ifltXe£:v
(praef. gr. Ausg. p. I). Das ist Kaysers Urteil, das Wester-
mann, de epistolarum script. Ghr., pars VI, 1854, p. 19 sqq.
billigt (vgl. seine PhiL-Ausg., Paris, Didot 1846, praef. p. VI),
auf wenig Tatsächlichem ruhend. Beispiele aus dem Leben,
der Geschichte, der Mythologie enthalten die in I fehlenden
Teile von II nicht minder (vgl. z. B. die längere Fassung der
Briefe 8. 34. 36 xct£ AeoxiTimÖac, besonders 38). Die yvwjiij
ist überhaupt ein Charakteristikum dieses geschraubt-rhetori-
schen Stils, der durchaus geistreich sein soll; sie findet sich
in der kürzeren Fassung (fast jeder Brief enthält eine Be-
gründung in gnomologischer Form) wie in den Zusätzen der
längeren. Der Behauptung aber, die längere Fassung sei die
Arbeit des bedächtigeren Alters, muß man unbedingt wi-
dersprechen ; schwerlich wird ein Mann im höheren Alter sich
gedrungen fühlen, so stark der Sinnlichkeit huldigende Zu-
sätze zu machen, wie sie etwa Brief 60 oder die längere Fas-
sung von 34 aufweisen. Angenommen also, beide Recensionen
Schiebung von Nr. 23 hinter 34). 54. 46. 55. 63. 47. 50. 56. 59. 58. 64.
62. 60. 61, und zwar sind von Nr. 54 an die Briefe als getrennte Gruppe
mit dem Titel tfiAoorpätou »moroXal «Taipixai Überliefert Man sieht,
aus der ursprünglichen Masse hat man Auswahlen nach verschieden-
artigen Gesichtspunkten getroffen.
1M) In beiden Hdschr.-Klaesen tragen die Briefe sämtlich Ueber-
8chriften, zumeist rwauxt oder pstpaxbp, bez. t$ a&t$ oder xfl afrrfj,
hier und da noch Zusätze wie ja. dvuno&iq) (18), y. nöpvg (19), frcsptz
y. (23), y. düjiou^ivg (2b), Y*>va£q> (28) u. a., die eben wegen ihrer
Allgemeinheit gewiß nicht vom Autor selbst, sondern von späteren Lesern
stammen. In II stimmen sie durchaus aberein mit dem Inhalte (verein-
zelte zweifelhafte Fälle berühre ich unten), in 1 trägt Br. 54 (= 2 in II)
die unbedingt verkehrte Ueberschrift impaxUp (vgl. p. 250, 14 und 16).
Andere Abweichungen der Ueberschriften wie bei £ (= 4 in II) erklären
sich aus den verschiedenen Anordnungsprincipien der beiden Recen-
sionen (s. unten S. 529).
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Die Philostrate.
527
stammen von einem und demselben Verfasser, so ist mir die
Priorität der längeren vor der kürzeren weit wahrscheinlicher
als das umgekehrte Verhältnis. — Eine andere Erwägung
fahrt mich zum gleichen Resultate. Die kürzere Fassung ist
* vollständig (bis auf verschwindend geringe Abweichungen)
in der längeren enthalten. Nun ist es leicht verständlich und
natürlich, daß jemand, der ein Litteraturwerk verkürzen will,
lediglich Streichungen vornimmt, den Rest in seinem Wort-
laute aber unberührt bestehen läßt; umgekehrt aber ist weit
weniger glaublich, daß jemand, der ein vorhandenes Werk
durch Zusätze erweitern will, sich bemüht, diese dem vorhan-
denen, ohne es zu ändern, anzupassen; zumal wird der Autor
selbst, wenn er der erweiternde ist, nicht so ängstlich auf Er-
haltung des früheren bedacht sein. — Daß aber in der Tat die
längere Recension die ursprüngliche ist, beweist mir der Brief
19 (51 in II), wohl der einzige, der in beiden Fassungen eine
erhebliche inhaltliche Verschiedenheit aufweist. In der kür-
zeren von I richtet er sich an die Geliebte (vgl. den Anfang
itwXetc aeaux^v), in der längeren an den schönen Knaben (twd-
Xet$ oeaux6v und der in I fehlende Satz fcxefvoi? jxe £p£oxei€,
8xt yu^vö; &ro)xa; xt£.). Die Hingabe an jedermann wird in
echt sophistischer Weise durch rein äußerliche Parallelen oder
Beispiele gebilligt und empfohlen, hier zunächst zwei aus dem
täglichen Leben genommene: n. a. xal yap ol (uafoyöpot' xal
TtavTÖc sl xoö StSovxo; • xal yap ol xußepvfjxai. Diese Beispiele
sind ausgewählt mit Rücksicht auf den Knaben; nur für ihn
geben die sich verkaufenden Söldner und Steuerleute ein Vor-
bild. Mit was für Beispielen der gleiche Gedanke für das
Mädchen ausgeführt wird, zeigt am besten der Parallelbrief 38
(50 in II)110): da sind die entsprechenden Beispiele : Danae, die
Gold, Artemis, die Kränze angenommen, Helena, die sich Hirten
u0) In diesem ist dem Ueberarbeiter seine Arbeit besser gelungen.
Von den Sätzen xal xi&ap <p9ol£ X*P^TJ ' °& M^-^C np&C t&v* ArcöXXa> ßXi-
«oiKJ« in II hat er nur xal xid>ap<p5tfg stehen lassen und mit dem vor-
hergehenden Satze 4) &k 'EX4vt) xal itotjiioi verbunden: der xoijitjv, dem
sich Helena ergeben hat, ist natürlich Paria; auf ihn kann man aber
auch xifrapcpdolg beziehen, von seiner Beschäftigung mit der Kithara ist
seit II. 3, 54 oft genug die Rede (z. B. Lykophron. 189 sq. und d. Schol.
zu d. Stelle, Hör. carm. 1, 15, 15. Plutarch. Alex. 15. Aelian. var. hist.
9. 88).
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528 Karl Münscher,
überlassen bat. Und man wird kaum in einem der andern
der W e ib e r liebe geltenden Briefe Beispiele finden, die
nicht ihrerseits das weibliche Geschlecht betreffen. Kon-
cipiert ist also der 19. Brief in der längeren Fassung von II
dem Knaben geltend, umgearbeitet in I zu einem Briefe an
ein Mädchen durch Weglassen jenes Satzes bteivoi; |ie xxl.
und Aenderung von oeauxfcv in oeocut/jV, aber unter Beibehalten
der aus dem Geiste der Knabenliebe heraus gewählten Beispiele.
Diese ungeschickte Aenderung erweist nicht nur die län-
gere Fassung als die ursprüngliche , sondern lehrt zugleich,
daß der Verfasser der kürzeren schwerlich der Autor der Briefe
selbst ist. Zur Gewißheit wird das durch eine Betrachtung
des in jeder der Recensionen befolgten Anordnungsprincipes.
In II sind möglichst paarweise solche Briefe nebeneinander
gestellt, in denen der gleiche oder ein ähnlicher Gedanke in
dem einen bez. der Knaben-, in dem andern bez. der Weiber-
liebe ausgeführt wird. Es ist nicht eben bequem, sich mit
Hilfe der Kayserschen Tabelle die Briefe, wie sie in II ein-
ander folgen, aufzusuchen. Darum sei das Princip der An-
ordnung hier im einzelnen erläutert. —
Nr. 1 — 12 variieren in raannichfacher Weise das Thema
von der Rose als Liebeszeichen. Es entsprechen sich die bei-
den ersten: der Knabe soll sich mit Rosen schmücken 1 (3
bei Kayser), das Mädchen soll sich nicht nur mit den ge-
schenkten Rosen zieren, sondern auf ihnen ruhen 2 (54). 3 (1)
begleitet die dem Knaben gesandten Rosen, 4 (2) einen Kranz
für das Mädchen. 5 (40) lobt den Knaben, daß er die Ronen
als Lager verwendet, 6 (20) dagegen tadelt das Mädchen, daß
sie allein das Rosenlager benutzt habe. 7 — 10 bilden eine
Gruppe: die blühenden sind beim Knaben verwelkt 7 (9), die
welkenden beim Mädchen wieder aufgeblüht (dvaßtuxjavia) 10
(63), die rasch welkenden Rosen mahnen, den Liebhaber die
ebenso rasch welkende Schönheit genießen zu lassen 8 (55)
an die Geliebte, 9 (17) an den Knaben. Das letzte Paar der
Rosenbriefe lehrt, der blonde (£avfr6c) Knabe 11 (4) wie das
blonde Mädchen 12 (21) bedürfen nicht des Schmuckes der
Rosen. Paare zusammenhängender Briefe folgen: Der Knabe
ist schön trotz seinem vernachlässigten Aeußern 13 (27), das
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Die Philostrate.
Mädchen schön auch ohne Schmuck 14 (22). Woher auch die
spröden Geliebten stammen mögen — 15 (5) an den Kn. , 16
(47) an das M. — , jeder Ort hat in seinen Geschichten Beispiele
glücklich Liebender: denen sollen sie folgen. Der kurzen Klage
über die spröde Geliebte in 17 (6) (oder ists der Knabe? — in
II überschrieben yuvaix£, in I j«ipax£q>) folgen wieder zwei
Paare, deren erstes, 18 (7) Kn. und 19 (23) M., den armen
Liebhaber, das zweite, 20 (8) Kn. und 21 (28) M., den Frem-
den als Liebhaber empfiehlt. 6 gleichartige Briefe folgen : der
Liebhaber ist zornig auf seine Augen, die ihm die Schönheit des
Knaben zeigen und dadurch von allem andern abziehen, 22
(11), 24(10) und 2(5(56); den gleichen Gedanken bez. des
Madchens enthalten 25(12)m) und 27(29), während er in
23 (50) 112) den Augen des Mädchens zürnt, die ihn verlocken.
Der Zorn entstellt Knaben 28 (24) und Mädchen 29 (25). Zwei
Briefe folgen, jeder in seiner Art zur Liebe mahnend: der
30. (57) sucht des Knaben Scheu vor dem ipyov zu fiberwin-
den, der 31. (2r>) des Mädchens Strenge, das dem Liebhaber
seinen Anblick entziehen will. Von den nächsten 6 Briefen
bilden die 3 an den Knaben gerichteten eine geschlossene
Gruppe: 33(13) rät, zögere nicht, schon sproßt der Bart;
35 (58) lobt des Knaben Bemühung, sich sein bartloses Gesicht
zu erhalten, während 37 (15) den gegensätzlichen Gedanken
ausführt, daß des Knaben Schönheit erst mit dem sprossenden
Bartflaum vollkommen wird. Von den entsprechenden Briefen
der zweiten Reihe drängen die beiden ersten — 32 (30) und
34 (31) — zur jiotxeia, der dritte 36 (59) spielt mit dem in
der Liebespoesie altbeliebten Gedanken , die Geliebte sei aufs
Land entflohen. Es folgen drei Briefe — 38 (60) , 39 (33),
40 (32) — zum Preise der Schönheit der Geliebten, die in ihnen
als xohitjXc; (copa) erscheint 118). Das folgende Brief paar giebt
dem Schmerze des Liebhabers über das geschorene Haupt des
Knaben 41 (16) und des Mädchens 42 (61) Ausdruck. Die
n>) Es hindert nichts, den Brief eo zu deuten; eine bestimmte Be-
ziehung auf das Geschlecht des Adressaten liegt nicht vor; in II fuvouxl
überschrieben, in I jjtsipaxfcp.
"*) In II yuvaixC, in I aör$; Entscheidung unsicher.
"') 38 (60) ist deshalb in II Überschrieben yuvatxi xaici)M&, 89 (33)
und 40 (32) x$ oöx^, diese beiden in I yvvouxi xaft7)X(8i und tf} otöxf.
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530
Karl Münecher,
nächsten zwei, 43 (34) und 44 (62), — mit 38—40 gewisser-
maßen korrespondierend — enthalten erneutes Lob der Geliebten ;
beide spielen mit dem Gedanken, daß der Liebhaber als neuer
Alexander über die Schönheit zu urteilen habe; letzterer114)
auch dadurch besonders bemerkenswert, weil er allein der Ge-
liebten einen Namen, Eoltctct), beilegt, der uns mehrfach im
Mythos (Parthen. 3. Apollod. bibl. 2, 18 und 19. vgl Roschers
Lexikon d. Mythologie I 1399 f.), aber seit Hermesianax von
Menaikas' unglücklicher Liebe zur Euippe sang (Rohde, Gr.
Roman S. 78), auch in der Liebespoesie (Anth. Pal. 5, 228, 4.
Xenophon Ephes. 1, 2, 5) begegnet. Als der bittende Lieb-
haber erscheint der Verfasser wieder in 45 (14) gegenüber dem
spröden (örcep^qpave p. 232, 4) Knaben und dem sich sträubenden
Mädchen gegenüber in 46 (35). Eine Dreiheit zusammengehöriger
Briefe folgt : in 47 (36) wird die Geliebte ermahnt, wie Aphrodite
ihre Füße unverhüllt zu lassen, in 48 (37) sie gelobt, daß sie
diesem Rate gefolgt sei; der 49. (18) giebt dem Knaben die
gleiche Mahnung : xl oöx dvuTc65exo€ ßa5t£et; ; der 50. (38) ver-
teidigt das Recht der Hetäre, sich allen hinzugeben, der 51. (19)
das gleiche für den Knaben (in I, wie wir sahen, dem Sinne
von 50 angeglichen). Den Beschluß der Sammlung macht
eine Bitte 52 (39) des in der Verbannung lebenden Liebhabers,
nicht auch aus dem Herzen der Geliebten verbannt zu wer-
den, und eine letzte Mahnung 53 (64) an die Flüchtigkeit der
Zeit für den Knaben mit der Schlußfolgerung: xx^aat cp&ou;
rcptv !pY]u.ov yevioO-at.
Diese kunstvolle — und deshalb originale — Anordnung
der Briefe, wie sie die Handschriftenklasse II bietet, ist in
der kürzeren Fassung von I beseitigt. Statt dessen ist ver-
sucht, die der Knabenliebe einerseits, der Weiberliebe anderer-
seits geltenden Briefe zusammenzustellen, ohne daß in den
beiden dadurch entstandenen Brief reihen ein weiteres Anord-
nungsprincip ersichtlich wäre. Auch ist es dem kürzenden
Umarbeiter nicht gelungen, sein einfaches Anordnungsprincip
streng durchzuführen (oder soll man dafür die Unsorgfalt ir-
n4) Die von Dilthey, De Callimachi Cydippa (Lp*g. 1863) p. 114
Anm. 1 vorgeschlagene Aenderung ist schwerlich richtig, Cobets x4f«
ce" wohl eine wirkliebe Emendation.
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Die Philottrate. 531
gend welcher Handschriftenschreiher verantwortlich machen?),
jedenfalls erscheinen die Briefe in I in folgender Ordnung: 1—18
(bei Kayser) behandeln die Knabenliebe, desgleichen noch 24. 27.
46 und 56—58; die Liebe zum anderen Geschlecht dagegen
19-23. 25-26. 28-39. 47. 50 (in I allerdings überschrieben
T$ aÖT<p). 54 (Ueberschrift [Utpaxi'q)) — 55 (die ausgelassenen
Nummern 40 — 45, 48 — 49, 51 — 53 bei Kayser, die in einem
Teile von I stehen, stammen aus anderer Ueberlieferung ;
darüber sogleich); es sind also zwei Reihen von 24 und 23
Briefen115).
Nach alledem vermag ich in der kürzeren Fassung der
Briefsammlung nicht eine 2. Redaktion des Autors selbst zu
erkennen, sondern eine später von einem Leser vorgenommene
Umschreibung und Umstellung, bei der er zugleich ihm nicht
zusagende Stellen und ganze Briefe fortließ. Ein künftiger
Herausgeber wird also, wie ich meine, bei dieser Sammlung
erotischer Briefe von der Kayserschen Scheidung der zwei
Recensionen zum Abdruck der vollständigen, originalen Fassung
der II. Handschriftenklasse zurückkehren müssen116).
Ueber ihren Verfasser geben die Briefe sonst keinen Auf*
Schluß, nur eine Stelle zeigt seine Bekanntschaft mit der Reichs-
hauptstadt (p. 250, 25 etöov fcv To>|qj zobq dvfoxpopoos xp4-
Xovia; m), ein Zug, der auf den älteren Fl. Phil., den Hofmann,
U5) Die Hdschr.-Gruppe ß (p -f- u) von 1 enthält nur 40 Briefe wieder
in völlig veränderter, soweit ich sehe, principloser Anordnung; ver-
einzelt sind darin die Paare oder Gruppen von II gelassen, z. ß. Br. 4
und 21 als 2-3, 36. 37. 18 als 33-35. Kaysers Tabelle enthalt übri-
gens einen Fehler; die Nummern von ß gehen bei ihm bis 42, aber
12 und 41 fehlen ; entweder enthält ß also nur 40 Briefe, oder 2 von
42 darin vorhandenen sind bei Kayser nicht notiert.
"*) Zu meiner Freude kann ich für die eben begründete Ansicht
einen gewichtigen auctor anfahren : Rud. Hercher schreibt in der praef.
der Epistologr. gr. (Paris, Didot, 1873) p. 59: 'Philostrati epistolas cum
exscribi ita iussissem». ut relicta duplici quam Kayserus statuit recen-
sione ad veterem unitatem reverterer, obstinatio typothetidum Parisi-
narum effecit ut exemplar Westermannianum, quod cum mutationibus
meis tramiseram, ad verbum litteramque me invito repeteretur'.
»") Schon Olearius (vgl. Boissonade, Phil, epist., Paris 1842, p. 104)
hat das auf die Floralien bezogen; gewiß richtig. Wenn auch, soweit
ich sehe (vgl. Wissowa, Relig. und Kultus d. Römer, 1902, 8. 163) von
einem 8p6u.oc der dvtocpopoi oder floriferi (Gloss. III 227, 81. 291, 34)
keines der bekannten Zeugnisse etwas berichtet, so zeigt doch Ovid,
welche große Rolle die Blumen und besonders die Rosen bei dem Feste
spielten, fast. 5, 335 ff. Sogar der Gedanke des Philostratischen Briefs,
PbilologQ». Supplementband X, vierto« H«ft. 35
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532
Karl Hflnscher,
vorzüglich paßt. Es liegt überhaupt kein Grund vor, diesem
diese Sammlung erotischer Briefe abzusprechen. Die Blütezeit
der zweiten Sophistik war zugleich die der sophistischen Brief-
sammlungen, die den alten Schatz erotischer Motive der Dich-
tung in neuer gefalliger, aber prosaischer Form darboten: rofcv
tö xöv äfximxtöv £tttaToAöv yevo; ipümxfj; ttvos Xoyoo
notVjoettc Irdv sagt Athenaeus (14, 43 p. 639 A). Alkiphrons
Sammlung 11 8) lag vielleicht schon vor, Phil. 8 Zeitgenosse Ailia-
nos ließ seine ''Afbjvoctot yewpfoL' ihre Erfahrungen, zumeist auch
erotischer Art, in seinen dypotxtxai imazohxi aussprechen119).
Der älteste Vertreter der Gattung ,,0)1 den wir nennen können,
bleibt noch immer jener Lesbonax aus Mitylene, den Lukian
(de aalt. 69) erwähnt, dessen äXkai frjxopixa! u£Xexat Bischof
Arethas (Schol. zu Lukian p. 144, Jakobitz IV) den Werken
des Nikostratos und Philostratos gleichwertig erschienen, vor
allen aber seine ipomxort inioxoXal koXXt^ ttjv ix xöv Xo^cdv
öbcooTöctJouaai yjooWjv m). Diesen allen schließt sich Phil, mit
die Vergänglichkeit der Böse mahne zum Genuß der flüchtigen Jugend-
blüte (ein Gemeinplatz der Liebespoesie, vgl. z. B. Anth. Pal. 5,73 und 117)
hat in der Ovidischen Festbeschreibung seine Stelle, V. 853 sq. Die
Anthophoren bei Phil, lassen vielleicht die Verrianische Erklärung
des alten Festnamens (Paul. Fest. p. 91) fiorifertum dictum , quod eo
die spicae feruntur ad sacrarium (Florae, fügt Wienowa hinzu) richtig
erscheinen. Vgl. auch die Gloss. III 9, 6 dvtoqpöpoc Flora (= 168, 19).
118 ) Wenn er wirklich Ailians Vorbild war, vgl. H. Reich, de AI-
ciphronis Longique aetate, Diss. Königsberg 1894, p. 39 sqq., doch s.
Bohde. Gr. Roman p. 502 Anm. 3\
"•) Christ« Zweifel an der Echtheit der Ailianbriefe wegen des
Stils (Gesch. d. gr. Litt.4 S. 762) ist unbegründet Im Schlußsatz des
letzten Briefes bekennt sich der Verfasser nicht als Athener, nur al>
Atticist.
Undatierbar, aber jedenfalls später Zeit angehörend sind die
beiden von Suidas erwähnten Epistolographen Zonaios (ipomxat und
Aypotxixal) und Melesermos (ixaipcxat, äfpcixixai u. a.). — Einen um
Jahrhunderte zurückliegenden Vorläufer hat diese Litteraturgattung in
den ipomxal ircurcoXal Uhrysipps, aus denen die Homilien des Clemens
Romanus (5, 18. frg. 1072 bei Arnim) die auch sonst für Cbrys. bezeugte
(vgl. frg. 1071 und 1073/4 Arnim) obscöne Geschichte von Zeus und
Hera anführen, die Chrys. allegorisch auf 07ispjiaxtxöc \6yo$ und OXr,
deutete. Daß aber die Briefe nicht etwa bloß philosophischen Inhalts
waren, beweist Diog. 10, 3, wo erzählt wird, die Stoiker hätten in ihrem
Haß gegen Epikur diesem 50 lascive (doeXysle) Briefe zugeschrieben und
xd eig Xpöotnrcov dvatpspdjisvot i7ucrt©Xta <bg *E7ttxoupou zusammengestellt.
m) Die Trennung des Lesbonax bei Lukian von dem vom Scho-
liasten genannten, die Rohde (gr. Rom. S. 341 Anm. 3) befürwortete,
ist wohl nicht gerechtfertigt, vgl. Rud. Müller, de Lesbonacte gram-
matico, Diss. Greifswald lb90, p. 102 sq.
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Die Philostrate.
533
seinen erotischen Briefen an. Wie in Ailians Briefen (vgl. H.
Reich a. a. 0. p. 27) werden wir auch in denen Phil. 8 ein
Werk jüngerer Jahre zu sehen geneigt sein; vielleicht ist es
das älteste der erhaltenen Werke von seiner Hand.
Von diesen erotischen Briefen ist nach Form und Inhalt
wie der Ueberlieferung nach der Rest der Philostratischen
Briefe zu trennen. Es sind nach Kaysers Zählung die Num-
mern 40—45. 48—49. 51—53. 65—73. Sie stellen eine
Sammlung sehr verschiedenartiger Briefe dar, ganz kurzer
Billets wie umfänglicherer Schreiben, die offenbar alle unter dem
Namen Phil, umliefen. Nirgends ist uns aber diese Sammlung
vollständig erhalten, am vollständigsten noch im Laurentianus
LIX 30 saec. XIII (9 bei Kayser), der außer Brief 48, 53 und
73 sie alle enthält, in welcher Reihenfolge ist aus Kaysers
Angaben nicht ersichtlich. Die gleichen, aber ohne 51—52,
jedoch vermehrt um 48 und 73 ia2) enthält nach Kayser der
von Konstantinos Laskaris geschriebene Matritensis 63, der
Reihe der äporaxai von II vorangestellt, und zwar, da die von
Markos Musuros (fol. 400T) besorgte Aldina der Epistolographi
Graeci von 1499 ein Abdruck des Matritensis sein soll, in der
Reihenfolge: dial. I. 40—44. 65—66. 49. 45. 67. 48. 73.
68 — 72 (wie sie also bei Boissonade und den älteren Heraus-
gebern der Briefe einander folgen). Schließlich ist ein Teil
der kleinen Sammlung, die Briefe 40—45. 48 — 49. 51 — 52
und der in beiden andern Zeugen, cp und dem Matritensis,
fehlende Br. 53 in einen Teil der Ueberlieferung I der erotischen
Briefe, die Gruppe a (R r 7t c) bei Kayser eingedrungen. Diese
dreifache Ueberlieferung, deren jeder Zweig uns etwas beson-
deres, den beiden anderen fehlendes, bewahrt hat, weist uns
zurück auf einen Archetypus dieser ergänzenden Sammlung
Philostratischer Briefe.
Schon äußerlich heben sie sich von den ipomxac deutlich
vn) Hier enthalten Kaysers Angaben wieder (p. IV) einen Wider-
spruch: bei qp wird Br. 48 nicht genannt; dieselben Briefe wie <p soll
der Matritensis enthalten; aus ihm soll die Aldina ein Abdruck sein;
diese enthält aber Br. 48 (als Nr. 12): Wo steckt da der Fehler? —
Schanz Urteil Über Kayser als Kritiker, Rhein. Mus. 38, 1883, S. 305,
findet dadurch leider eine Bestätigung. Eine neue Ausgabe der ge-
samten Philostratischen Werke auf handschr. Grundlage ist heute ein
dringendes Bedürfnis.
35*
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534 Karl Münscher,
«
dadurch ab, daß sie fast sämtlich nach der Ueberlieferung
einen Adressaten mit Namen nennen. Eine Ausnahme davon
macht jener 53. nur in a erhaltene, der in R r die farblose
Ueberschrift yuvatxt xivt (daher in den älteren Editionen yu-
vatx£) trägt1"), und der 48., der in der Aldina petpaxty, in
R r Irat'pw ttvt überschrieben ist. Beide schließen sich inhalt-
lich den erotischen an; der 53. steht jenem Briefpaar am
nächsten, das Ton der entstellenden Wirkung des Zornes handelt
(oben S. 529); der 48. ist eine kurze Klage über die Unzu-
gänglichkeit des Knaben wie etwa der 14. (= 45. in II).
Auch mehrere der andern Briefchen sind noch erotischen In-
halts. Der Frauenliebe gelten: 40 Bepevfotfl m), gegen das
Schminken; 44 'Aärjvatöt, ein witziges Spiel mit Gedanken des
Platonischen Phaidros; 51 KXeovcöt}, ein *Rosenbrief an eine
Schöne, die die erste Jugendblüte schon überschritten hat; 52
NtxifjTTQ, eine kurze yvwutj mit einem Wortspiel über £päv und
opfiv. Während diese trotz der Namen den erotischen völlig
gleichen, versprengte Stücke derselben Art sind, macht der
Kest der kleinen Briefe einen ganz anderen, weit persönlicheren
Eindruck. Mit dem lp(0£ beschäftigen sich zwar noch Br. 41
und 43, sie sind aber nicht, wie alle der erotischen Sammlung,
an die Geliebten gerichtet, vielmehr spottet der 41. über einen
zu Korinth lebenden Athenodoros, weil er ohne persönliche
Kenntnis, nur flbtofjv orozaa; einen ionischen Knaben liebe, und
der 43. giebt einem gewissen Aristobulos (so die Aldina, in a
töricht t<j> aöx<j) überschrieben) die Lehre, es sei atö^povicrxepov
als Liebender Enthaltsamkeit zu üben als überhaupt nicht
zu lieben. Zwei sind kurze Begleitschreiben bei Uebersen-
dung ländlicher Gaben, von besonders guten Erythräischen125)
Aepfeln an einen Diodoros (45) und Feigen an einen Nestor (Al-
dina, in a x<j> «0t$, 49) m). Drei richten sich an eine und dieselbe
"*) In <x sind auch die Namen der Adressaten der anderen Briefe
zum Teil verschwunden und durch xfy aisc$ ersetzt, also den hand-
schriftlichen Ueberschriften der erotischen Briefe angeglichen.
Nach dem über die Ueberlieferung dieser Briefe gesagten ist der
Name Bspsvtx^ durch die Aldina so gut bezeugt wie die der andern Briefe
durch qi ; das gleiche gilt von den Ueberschriften der Briefe 42, 84 und 49.
m) Beziehungen der Philostrate zu Ervthrae konstatierten wir schon,
s. S. 491.
**•) Auch diesen beiden kann man erotischen Sinn beilegen, als
Begleitschreiben von Liebesgaben an den geliebten Knaben. So sind
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Die Philostrate. 535
Person, einen 'EtcIxt^to; (42, in a ganz verkehrt mit T(p aüiqj
bezeichnet, auch hier der Name in der Aldina, 65 und 69);
alle drei warnen vor dem Ueberschätzen der Gunst des Volks
und zwar des Athenischen; der 69. meint bitter genug, der
Beifallalarm der Athener lasse den Epiktet vergessen, wer er
sei und von wem er abstamme: gewiß ist es ein Sophist, ein
Konkurrent, dem der Verfasser diesen ernsten Zuspruch zu teil
werden läßt. Eine noch härtere Verurteilung erfährt ein Rhetor
Chariton, der da hofft, seine würden auch nach seinem
Tode den Griechen im Gedächtnis bleiben, im 66. Briefe;
Schunds ansprechende Vermutung (Pauly-Wissowa III 2170),
Phil. s Worte könnten dem Romanschriftsteller Chariton gelten,
den er ins beginnende III. Jhh. versetzen wollte (verschiedene
Stilprincipien hätten Phil.s hartes Urteil veranlassen können,
Chariton huldigt nämlich nicht der &yl\tia) ist durch den
Fund eines Papyrusfragments II. Jhhs. des Chariton-Romans
(vgl. Bursians Jahresbericht Bd. 108 S. 270) widerlegt worden,
der Romanschreiber ist noch älter127) und also mit dem bei Phil,
erwähnten nicht identisch. Brief 68 empfiehlt einem alternden
Ktesidemos die Lektüre erotischer Dichter. 67 und 71 sind Em-
pfehlungsschreiben : letzteres empfiehlt einem IIXetaxapeTiav6( (so
der Name in 9, in der Aldina A£prctay4j>) in zierlichster Weise
einen erotischen Dichter KeXooc zu gastfreundlicher Aufnahme,
ersteres einen Tpaytpoc; (Dichter oder Schauspieler ?) Diokles einem
Philemon. Brief 72 erheht gegen einen Antoninus den Vorwurf,
sich ein Haus widerrechtlich angeeignet zu haben (wenn ich damit
den Sinn der Worte richtig treffe). Der 70. endlich, ein Antwort-
schreiben an zwei Imbrier, Kleophon und Gaius, mit der Mit-
teilung, daß ihre, nicht genannten, Wünsche teils schon erfüllt
seien, teils baldigst erfüllt werden sollen: iyw y&p Af,(ivto; &v
sie jedenfalls aufgefaßt worden von dem, der die erotischen dieser
Briefreihe an die in a erhaltenen erotischen Briefe anschloß (Nr. 40—45.
48 — 49. 51—53); nur der ganz anders geartete 42. ist ihm versehent-
lich mit hineingeraten. — Casanova (conf. Boissonade p. 62) wollte in
dem Nestor jenen Epiker wiedererkennen, der eine llias \6uzoypd\i\vctio$
jj-coi ioroixetüKc; und Metamorphosen gedichtet hat ; das ißt eine zwar
nicht unmögliche (der Epiker olühte nach Suidas int Stßifcou toO ßawi-
Xiu>c), aber durch nichts gestützte Vermutung.
n7) v. Wilamowitz, die Griech. Litteratur, 1905, S. 182, setzt Cha-
riton in die Neronische Zeit.
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536
Karl MünBcher,
rcaTpföa ijiauxoO xa! t)jv "Iußpov i^yoöjiat, auv47üi(i)v eovofy xai
Keine der genannten Personen ist uns sonst bekannt, der
Rhetor Chariton nicht, ebensowenig der Tragöde Diokles118) und
der Dichter Celsus. Gerade aber diese Fttlle persönlicher
Beziehungen drückt den Briefen den Stempel der Echtheit
auf; sie sind Produkte des Mannes, der im 70. selbst als seine
Heimat Lemnos nennt, also doch wohl PhiLs. Publiciert frei-
lich wird die Sammlung, wie sie vorliegt, von ihm nicht sein.
Irgend jemand scheint die hier und da unter Phil.s Namen
kursierenden Briefe gesammelt, bez. aus den umlaufenden Briefen
sich diese Sammlung von flores Philostratischen Briefstils an-
gelegt zu haben; denn daß wir es, die Authentie vorausgesetzt,
teilweise nicht mit vollständigen Briefen, sondern mit aus
solchen genommenen Glanzstellen zu tun haben, bedarf wohl
keines Beweises; die an Epiktet gerichteten z. B. sind ja nur
kurze Gnomen, Apophthegmen.
Für die Authentie dieser Florida sprechen besonders noch
die zwei größeren Stücke, die der Sammler ihnen angeschlossen
hat. Es ist erstens der schon besprochene Brief des Lemniers
Phil, an Aspasios, der aber auch in anderen Hdschrn., nicht
nur denen der Briefe, sich findet (vgl. Kayser p. V), und der
73. an die Kaiserin Julia Domna129), den Norden, Antike
Kunstprosa I (1898), S. 380 f. erläutert hat. Er enthält eine
aus dem Geschmack der Zeit am manierierten Stil sich erklärende
Verteidigung des Gorgias. Diese wird geführt durch Auf-
zählung seiner Schüler und Nachahmer. Voran steht der
Gedanke, auch Plato sei nicht — wie manche falschlich meinten
— den Sophisten abhold gewesen, sondern habe selbst den
Gorgias, Hippias, Protagoras imitiert. Um so weniger dürfe
das mißgünstige Urteil Plutarchs über Gorgias gelten: dieser
Schlußgedanke wird recht sophistisch-höfisch in eine Bitte
,w) Ein Diokles TpaY<pWs aus dem III. Jhh. v. Chr. in einer del-
phischen Inachrift, Dittenberger8, Sylloge II 691,55; vgl. Pauly- Wis-
se wa, V 798, Nr. 11.
,w) 'looXiqf. Zeßaovö lautet die Anrede des Brief«; p. 257,21 w pW.-
Xtia. Für die litterarischen Interessen der Kaiserin noch besonders
interessant die Bemerkung p. 257,13 AizyJLvr^ 6 Ä7ti w3 Stoxpdrooc,
OTtip o5 TtpwTjv toTtoüSatsc ä>$ oöx d?avfi>; ioi>; öiaXöyouz xoXd£ovco{ xxi.
Ueber dessen Thargeliarede s. Hirzel, der Dialog I S. 140 Anm. 2.
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I
Die Philostrate. 537
verkleidet, die Kaiserin möge selbst versuchen, den Plutarch180)
von seinen verleumderischen Aeußerungen Aber die Sophisten
nnd besonders Uber Gorgias abzubringen ; gelinge das nicht, so
wisse sie selbst in ihrer Weisheit (ola 00t* 0091a xal u-fjTcc
p. 257, 24 ; vgl. oben S. 477), welcher Name dem Verleumder
gebühre (etwa xaxo^s, Norden denkt an ißiXiepo;). Daß
Plutarch in einer verlorenen Schrift dem Gorgias vorgeworfen
hatte, das echte, einfache Attisch verdorben zu haben, lehrt
das Citat bei Isidor von Pelusium (epist 2, 42, Migne 78,
484 c): gegen die gleiche Schrift richtet sich wohl PhiLs An-
griff. Diese versteckte Beziehung — sie ist zu fein für einen
Fälscher — wahrt dem Briefe seine Echtheit, die zu bezweifeln
man sonst leicht geneigt wäre wegen der zahlreichen wört-
lichen Ueberein8timmungen des Briefes mit den ersten Kapiteln
der Sophistenbioi181). Da der Brief noch zu Lebzeiten der
Kaiserin Julia, also vor 217, geschrieben ist, können wir nur
konstatieren, daß Phil, in den 15 und mehr Jahre später ver-
faßten Bioi sich in Gedanken und Worten eng an den früheren
Brief angeschlossen hat oder vielmehr dieselbe Quelle über
die alten Sophisten zweimal benutzt hat.
Das letzte, was Suid. vor seinem abschließenden xal deXXa
xtva (dazu würde z. B. die Schrift über den Streit zwischen
Aspasios und dem Lemnier gehören, s. S. 510) von Werken
dieses Phil, nennt, sind intypajiuaTa. Ein einziges in der
Anthologia append. Planud. 110 trägt Phil. s Namen, das aber
in zwiefacher Hinsicht interessant ist. Die 4 Distichen efc tl-
xova TqXsipou xeiptouivou sind keine Aufschrift mehr im eigent-
lichen Wortsinne, sondern eine Beschreibung eines Kunstwerkes,
wie solche von Gemälden und Statuen unendlich oft in der
Anthologie sich finden. Auch Phil.s Epigramm gilt einem
Gemälde (wie das bereits Heyne aus dem letzten Distichon
gefolgert hat, vgl. d. Anm. bei Dübner, Anth. Pal. II 1872
1S0) Selbstverständlich ist an keinen anderen, jüngeren zu denken,
wie das Norden S. 381 Anm. 1 betont.
18t) Vgl. zu p. 256,20/21: v. soph. p. 4,1. p. 256, 31/32: p. 14, 19
und 3,25. p. 257,3/4: p. 3,2 und 18,25. p. 257,8/9: p. 12,5/6. p. 257,
18/19 : p. 1 1 , 30. Zu den an den beiden letzten Stellen ale Gorgianisch
angeführten Schemata (dnooxctostc und itpooßoXai) vgl. die Zusammen-
stellgn. in Ernestis Lexikon technologiae Graec. rhetoricae (Lips. 1795)
S. V. dltdOTOOlC.
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538
Karl Manscher,
p. 619): wir sehen ihn also in älterer Manier dichterisch be-
handeln, was sein Neffe in modernste Form, in Prosa, umgoß.
Andrerseits ist die Wahl gerade dieses Sagonstoffes nicht
minder bemerkenswert: auch darin berührt er sich mit dem
Lemnier, von dessen ausführlicher, eigentümlicher Behandlung
der Telephossage nach pergamenischer Tradition wir schon
gesprochen haben. In Pergamon ist die Telephossage heimisch :
man ist versucht, mit des II. Phil, dortigem Aufenthalte im
J. 214 (vgl. S. 481) auch die Entstehung dieses Epigramms
in Verbindung zu bringen.
Erscheint dieser berühmteste Phil, in allen seinen Werken
(auch der v. Ap.; die Dialexis mit philosophischem Anstrich
fällt dabei nicht ins Gewicht) lediglich als aoqKaxf^, so lehrt
das Schriftenverzeichnis' des ältesten der Philostrate uns einen
vielseitigen, nicht bloß dem Wortgepränge, auch der Wissen-
schaft dienenden Mann kennen. — Voran stellt Suidas aber
auch bei Phil. I. die Werke, die ihm die Bezeichnung 'Sophist'
eingetragen haben : eypa^ev Xdyouc rcavyft'uptxoüs itXefaxou; %al
Aoyoos 'EXeoatvcaxoos 5', u-eXexas. Wir sehen, es sind die
beiden Arten der Vorträge der damaligen Prunkredner, \neXixxi
und 5taX£$et£, denn zu den letzteren gehören die 'EXeoaivtaxoc
und 7ratVT}Yupcxot. Das sind hier und da in den Städten Grie-
chenlands und Asiens gehaltene Festreden, die wir uns in der
Art von Aristides' TCavnyuptxö; h Ku£txq> rcepc xoO vaoö (or. 27)
und seines — allerdings nur schriftlich übersandten — un-
vollständig erhaltenen Tcavijyuptxö? kni x<j> ö&axt x$ £v IIsp-
Y<*ji(p (or. 53) denken mögen. Erstere, die 'EXcoatvtaxot, eine
besondere Gruppe von panegyrischen Reden, sind beim Agon
zu Eleusis — Phil. I. war als Sophist, wie Suidas sagt, zu-
nächst in Athen tätig — gehaltene Festreden139) zu Lob und
Preis des Ortes, seiner Gottheiten und der von ihnen den
Menschen gespendeten Segnungen, so wie Aristides in seinem
'Iafru-ixot (or. 46), der an den isthmischen Spielen (§ 23) ge-
halten ist, Poseidon und die lokalen Meergottheiten, deren
Kolossalstatuen Herodes Atticus auf dem Isthmos hatte er-
richten lassen (v. sopb. p. 59, 25), sowie die Stadt Korinth
IM) Ein besonderes Ereignis, die Zerstörung des Eleusiachen Tempels
durch Brand, beklagt der 'EXsuomog des Aristides (or. 22 Keil).
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Die Philostrute.
539
preist. — Die folgende Gruppe von Titeln zeigt, daß Phil. I.
wie viele andere Sophisten (z. B. Aristokles, Aristides, Adrianos,
Hermogenes, Apsines) sich auch mit der Theorie der Redekunst
befaßt hat. Suidas nennt i^xoGusva izapdt xois (Wjxopot, etwa
gleich 'rhetorische Streitfragen', dann fijropixd^ d<popna;, eine
Topik; der Titel begegnet seit dem alten Thrasymachos oft in
der rhetorischen Litteratur (Timaios von Tauromenion soll nach
Snidas auXXoyr^ fijxopixöv ckpoputöv geschrieben haben; Proleg.
in Hermog., Walz IV p. 35, 8 yiypom-coii . . . 'AXe£av$p<$> xq>
Noou.7jv£oo xal AoXXiavfji Ttepi dfyopu&v ^yjxopixöv, ein Stück
der Art bei Walz IX 331. vgl. Dionys, de Lys. 15. Lukian.
£kjx. Sidöcox. 18). Zur Gruppe der rhetorischen Schriften ge-
hört wahrscheinlich auch das ntpl xoO dv6u.oxo; betitelte Werk.
Saidas1 parenthetische Bemerkung eaxt $k izpb<; xöv ocxpoox^v
'Avxt7caxpov benutzten wir bereits (S. 517), um die Lebenszeit
des Phil. I. auf die 2. Hälfte des II. Jhhs. zu filieren. Die
Polemik gegen Antipater setzt bei diesem eine vorangegangene
Behandlung des gleichen Gegenstandes voraus. Den Titel des
Buches 7cspl xoO övöpaxo^ darf man auffassen im Sinne von
Tiept tffi övouaata$ (Aristot. poet. 6, 18. Dionys, de comp,
verb. 3 p. 9, 13 Rad.) = ipUTjvsta; oder Xe£eü>£; es wird ähn-
liches behandelt haben, wie nepl ouvdiaews övojiaxwv von
Dionys.
Die bunte Reihe weiterer Schriften eröffnen bei Suidas
mpl xpaytpStas ßtß&a y'. Darin scheint Phil. I. sich theore-
tisch mit der dramatischen Poesie befaßt zu haben, der Kunst,
die er, wie wir am Schluß des Suidasartikels erfahren, in 43
Tragödien und 14 Komödien selbst gepflegt hat. Diese Nach-
richt erschien samt den wenigen anderen über Tragödien
schreibende Sophisten E. Rohde so unglaublich, daß er die
Tragödien und Komödien 'eher als irgend eine, schwer genau
zu bezeichnende Gattung prosaischer Erzählung, denn als
eigentlich scenische Dramen verständlich* fand (Gr. Roman
S. 351 Anm. 1 ; doch vgl. jetzt die Zusätze der 2. Aufl.). In
Wahrheit sind die Nachrichten, die wir für Dichtung und Vor-
führung von Tragödien und Komödien auch für die Kaiser-
zeit haben, gar nicht so selten. Ein Freund des jüngeren
Plinius, Vergilius Romanus, dichtete Komödien in Nachah-
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540 Karl Mansche r,
muog Menanders und seiner Zeitgenossen, wie Plautus und
Terenz ; er wagte es sogar, eine ad exemplar veteris comoediae
zu verfassen, die Plinius ihn in kleinem Kreise vorlesen hörte
(Plin. epist 6, 21, 2—5). Ein M. Pomponius M. F. Bassulus
Hadrianischer Zeit berichtet auf seinem Grabstein (Carm. epigr.
97 Bücheler), daß er Menandrische Komödien übertragen und
eigene gedichtet habe. Einen Freigelassenen Hadrians Aristo-
menes nennt Athenaeus 3, 82 p. 115 B als ÖTCoxpttijc dcpxatac
Xü)H(|)5ta5. Gellius (20, 4, 1) erwähnt zeitgenössische comoedi
und tragoedi (neben tibicines). Eine Inschrift Antoninischer
Zeit (C. I. A. III 120) nennt einen T. AlX. AöpVjX. 'Aicqaaävio;
TapOEüs xai 'Aftqvatoc Xü>|icp5ö;, der im Agon der seit Ha-
drian zu Athen gefeierten Olympien gesiegt hat Apuleius
rühmt sich (flor. 9 p. 37) seiner poetischen Leistungen apta
virgae, lyrae, socco, cothurno und erwähnt mehrfach das
Auftreten tragischer und komischer Schauspieler (neben den
Mimen z. B. flor. 5 p. 18. 18 p. 83). Mehrere Angaben Phü.s
in den v. soph. sind zu erwähnen : p. 45, 21 eine Anekdote
von einem tragischen Schauspieler, Polemon und dem Kaiser
Antoninus (vgl. p. 52, 16). Pammenes ward an den Pythien
iizl Tpaycp&'a bewundert (p. 62, 12). Der Sophist Isagoras, des
Chrestos Schüler, wird zugleich 6 Tfj; TpaytpSia? 7ioltjt7)£ ge-
nannt (p. 95, 1) 18S). Ein tragischer Schauspieler, Clemens von
Byzanz, errang den Preis im Pythischen Agon zur Zeit, als
seine Vaterstadt durch Septimius Severus belagert wurde
(p. 115, 26 sqq.). Diese dem IL Jhh. 184) entnommenen Bei-
spiele mögen genügen, um des ältesten Phil, dichterische Tä-
tigkeit als keineswegs auffallend erscheinen zu lassen. Gewiß
IM) Ein anderer Tsagoras ist der v. Ap. p. 383, 19 mit Apollonios
zusammengeführte eartoX&c «vr/p. Die Identifizierung beider, die Welcker,
Griech. Tragödien (Bonn 1841) III S. 1321 annahm, verbietet sich durch
die Chronologie.
1M) Ins II. Jhh. gehört auch der Kyniker Oinomaos, dem Kaiser
Julian or. 7 p. 210 1> Tragödien zuschreibt; ob das freilich scenische
Dichtungen waren, ist zweifelhaft; vgl. Rohde, Gr. Roman S. 248
Anm. 1. Dramatischer Dichter kann der G. I. A. III 769 genannte
Qu. Pom peius Capito sein (vgl. Christ4 S. 649) noitjxrjv üspY^viv t6v
xai 'Alhjvalov rcavrl uitpcp xai £u$u.$ tvjv usYoAGqpiri) "rtft no^^mz
äpsrqv smdetgd(ievov xoapcxal? aTtaYYs^iaij; (d. h. in Improvisationen, vgl.
unten S. 542); vgl. Dio or. 31,116. — Vielleicht gehört auch der von
Galen, de antidot. 2, 7, tom. XIV Kuehn p. 144 erwähnte Tragödien-
dichter Heliodor von Athen ins II. Jhh.
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Die Philostrate.
541
waren es rhetorisierende Dramen, wie schon die des Seneca,
die nicht eigentlich aufgeführt, agiert, sondern nnr gelesen
oder recitiert wurden. Wir wissen aus Dio (or. 19, 5), daß
durch Recitation auch die alten Dramen, zumeist wohl Euri-
pides und die Menandrische Komödie, vor allem ihre iambi-
schen Teile, damals noch an die Oeffentlichkeit gelangten.
Auch Apuleius braucht, wo er vom Auftreten des comoedus
und tragoedus spricht (flor. 18 p. 83), Ausdrücke, die nur den
Vortrag (sermocinatur, vociferatur), nicht die Aktion betref-
fen, und trennt davon den mimus und histrio. Daß aber ge-
rade Sophisten auch in der Recitation von Tragödien ihren
Ruhm suchten, lehrt uns eine Stelle der vitae soph. 1, 21, 5
p. 32, 2 18B), die erzählt, wie sehr der Sophist Skopelianos, ein
Vorläufer des Polemo und Herodes, seinen Lehrer Niketes
im Ruhm der {xeyaXocpwvia bei der Recitation von Tragödien
zu übertreffen sich gemüht habe. Man darf also die Vermu-
tung wagen, daß Phil. I. seine Dramen selbst zu epideikti-
scher Recitation benutzt hat, — und eine derartige Recitation
dürfte sich, abgesehen von der poetischen Form, nicht eben
allzusehr vom Vortrage gewöhnlicher sophistischer Deklama-
tionen unterschieden haben. Wir brauchen uns nur zu er-
innern, wie zahlreich die dem Mythos entnommenen Suaso-
rientbemen sind (vgl. Sen. auas. 3. Libanios, tom. IV Reiske
p. 3. 15. 47. 83), was für uns am deutlichsten in den * Vor-
übungen' für größere Reden zu Tage tritt; in den Ethopoiien
der Progymnasmatiker wimmelt es von mythischen Stoffen
(x:va; äv etno: XoyGu; 'AvSpou-ax*] M "Exxopt etc. Hermog.
prog. 9. Aphthon. prog. 11. Libanios tom. IV p. 1009 sqq.).
Andererseits war Rede und Gegenrede über denselben Stoff
allgemein beliebt; Seneca liefert stets auch die sententiae ex
altera parte ; Polemos erhaltene zwei Deklamationen sind solche
Gegenstücke, desgl. Aristides' Reden über die Sicilische Ex-
m) Daß die Stelle nur vom Vortrag, nicht vom Dichten von Tra-
gödien zu verstehen ist, betont Hirzel, der Dialog 11 S. 340 Anm. 2
fegen Welcker, G riech. Trag. III S. 1323 (dem noch Christ* S. 649 folgt),
ür das große Interesse , das nicht wenige der Sophisten der Tragödie
entgegenbrachten, zeugt auch das Apophthegma des Nikagoras (v. soph.
p. 119,26) liTfjtipx aocfiotwv rr;v xpaffpiLxv TipoostTtövrog. Als Dichter be-
tätigten sich manche, so Skopelianos als Epiker (p. 32,6) mit einer
T'.yxvzLa, Hippodromos mit lyrischen Nomoi (p. 120, 2).
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542
Karl Münscher.
pedition (5. u. 6. nach Keils Zählung), über den Frieden mit
den Lacedämoniern (7. 8.), über das Bündnis mit Theben (9.
10.) und die Aeuxxptxol (11 — 15), auch Libanios' Neokles (IV
p. 374) und Themistokles (p. 388). Bei Ausarbeitung der
Progymnasmen schuf man Rede und Gegenrede besonders in
der dvaoxeoVj und xaxaaxeu^ (vgl. Aphthon. 5 8x: oOx efooxa,
6 öxt ü%6xot x& xaxdt AokpvTjv. Libanios IV p. 1127 u. 1131)
oder im £ptu>u.iov und tytfQZ (vgl. Libanios' iyxtüjitov 'Ax'.X-
X£<ö? IV p. 931, +6yo; 'A. p. 962). Der mythologische Stoff
und Rede und Gegenrede — beides verbunden und in poe-
tische Form gekleidet — war die rhetorisierte Tragödie. Wie
beliebt es war, Themen der Schulreden in poetischer Form
zu verarbeiten, hat Leo, de Stati silvis (Göttiogen 1892) p. 12
dar^etan. Ein interessantes Beispiel der Art führt Leo an,
jene Ethopoiia eines noch nicht 12jährigen Knaben Qu. Sul-
picius Maximus, mit der er als einem aüxooxeSiaau« (xaip'.ov
nennt es die Inschr., derselbe Ausdruck einmal in den v. soph.
p. 72, 24 in der Aufzählung der Werke des Herodes; vgl.
S. 540 Anm. 134 und W. Schinid, Berl. philol. Wochenscbr.
1904 Sp. 1553) beim Kapitolinischen Agon im J. 94 unter
52 griechischen Dichtern136) aufzutreten wagte und cum ho-
nore discessit: xiatv av X6yo:; xP*)aalT0 Zeug £TCixtjx.ü>v fHXttp,
öu tö apjia £§<oxe <I>a£8-ovic (Inscr. graec. Sic. et Ital. 2012.
vgl. Lukian. deor. dial. 25. Kaibel, Epigr. gr. 618 Anm. Des-
sau, Inscr. lat. sei. II 5177). Versificierte Ethopoiien sind
Dracontius' Romulea4 und Anth. lat. 198. (= poet. lat. min. IV
378 p. 322 verba Achillis in parthenone cum tubam Diomedis
audisset), Dracontius' Romulea 9 ist eine deliberativa Achillis,
an corpus Hectoris vendat, 5 eine controversia de statua viri for-
tis, der wie den prosaischen gleicher Art das fingierte Gesetz und
der *FalT in Prosa vorangeht. Ein gleichartiges Elaborat des
Dichterlings Octavianus, der wohl dem V. Jhh. angehört,
steht in der Anthologie 21 (= poet. lat. min. IV 211 p. 244).
Die einzige erhaltene Probe dramatischer Poesie aus der Zeit
der zweiten Sophistik ist die Tragödie Medea (Anth. lat. 17
136) Solch einen poetischen Wettkampf erwähnt Aristid. or. 47,42
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Die Philostrate.
543
= poet. min. IV 207 p. 219), ein Vergilcento. Ihr Verfasser
hat sichs leicht gemacht: wie er seine 3 Chorlieder mit
einem Metron bestritten hat — " — ~ ~ — w, also
dem zweiten Teile des daktylischen Hexameters), hat er als
Dialogvers einfach den Hexameter selbst verwendet, ihn hier
und da mit 4Halbversen\ wie sie die Aeneis als Vorbild dar-
bot, unterbrechend ; man spürt quandam festinandi voluptatem.
Die Zeit des Machwerks ist das ausgehende II. Jhh., da die
Notiz Tertullians (praescr. 39, — geschrieben 202) Hosidius
Geta Medeam tragoediam ex Vergilio plenissime exsuxit ge-
wiß mit Recht auf das anonym erhaltene Werk bezogen wird
(vgl. Schanz, Gesch. d. Rom. Litteratur, III S. 44).
Suidas läßt in seiner Aufzahlung der Werke des Phil. L
folgen : yujivaaxtxov — über den weiter unten — , dann Aifro-
yvojuxxöv. Der 'Steinkenner', das ist nur ein Titel, aber wir
erkennen daraus klar und deutlich den gesunden, wissenschaft-
lichen Sinn des Verfassers. Schon Demokritos (Diels, Frgm.
d. Vors., S. 400 Nr. 165) und Aristoteles (Rose, Arist. Pseudep.
p. 242 sq.) hatten rcepc rf]s Xtö-oo (den Magnetstein) geschrie-
ben ; die vorhandenen Kenntnisse auch in dieser naturbeschrei-
benden Disciplin hat Theophrastos gesammelt und zusammen-
gefaßt137), dessen Skizze nepi Xtöwv uns erhalten ist (das früher
veröffentlichte Gegenstück war izepi fiexaXXwv, Rose a. a. 0.
p. 254 sqq.). Bald jedoch überwog das einseitige Interesse
an den Edelsteinen; bald gab es Anweisungen zu deren Fäl-
schung; wunderbare Kräfte legte man ihnen bei188); so ent-
stand die Fülle jener mysteriösen Schwindelbücher, aus denen
Plinius im XXXVII. Buche seiner naturalis historia schöpfte,
die Sotakos, Sudines, Zenothemis, Zachalias und wie sie alle
heißen. Berühmte Namen müssen das zweifelhafte Gut decken:
m) Th. sammelt seine nicht eben reichlichen Nachrichten von
überall her , ans der Erfahrung des praktischen Lebens (8, 53 und 59
werden die Erfinder zweier Bearbeitungsmethoden genannt) wie aua
Büchern. Nachrichten über Aegyptiscbe Steine liefern ihm 'Königs-
bücher' (4, 24. 8, 55). üeber den Tuffstein und seine Anziehungskraft
citiert er Diokles, (vgl. Wellmann, P.-W. V 802), ob nur eine gelegent-
liche AeuUerung des berühmten Anatomen aus Karystos oder als seinen
Vorgänger in der Behandlung der Steinkunde, bleibt unklar.
m) Die erste Spur solchen Glaubens schon bei Theophraat 4, 24,
wo es vom Smaragd heißt: xal npöc t4 öjiuaTa dyc^, ÖtA xat xät wppa-
Ylfiwt qpopoöotv ig aÖTffc ö)<ns ßXinstv.
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544 Karl Münscher,
Demokrits Name wurde wie so vielen anderen Wunderbüchern
auch einem Uber Steine vorgesetzt; daß solche Bücher als
Magierweisheit, unter den Namen Zoroasters und eines As-
syrerkönigs Oros umliefen, weist wohl auf den orientalischen
Ursprung der ganzen Anschauung vom Zauber der Steine ,S9).
Frühzeitig setzt auch die poetische Behandlung des Stoffes
ein; als eines der ersten ist da wohl Nikanders auch aus Pli-
nius bekanntes Steingedicht (dessen Titel nicht bekannt ist,
wahrscheinlich Aifc(a)xa) zu nennen (Nicandrea rec. Schneider,
1856, p. 127 sqq.). Nur einer hebt sich aus der Fülle der
von Plinius erwähnten ab : Xenokrates der Ephesier (Plin. nat.
37, 25), des Zenon Sohn (1, 37 ind. auct. ext), nach der durch
Bücheler hergestellten Interpunktion (Plin. nat. 37, 37 quod
et Xenocrates credidit, qui de his nuperrirae scripsit vivitque
adhuc) ein Zeitgenosse des Plinius selbst. Den Titel, Sevo-
xpatoos AtO-oyvwpKDv, und ein griechisches Bruchstück verdanken
wir einem von Kardinal Pitra veröffentlichten Scholion zu
Psalm 118, 127 (Analecta sacra spicilegio Solesmensi parata
II 1884 S. 341), das wahrscheinlich auf Origenes' Psalmen-
kommentar zurückgeht uu). Der Titel wie die erhaltenen Frag-
mente erweisen es als ernst wissenschaftliches Buch, frei vom
Wust des Zauberglaubens, das deshalb Origenes als wissen-
schaftliche Autorität benutzt hat ; unter Verwertung seiner Vor-
gänger gab Xenokrates eine genaue Schilderung der Steine
nach Farbe, Größe, Aussehen, Eigenschaften, Fundorten, wo-
» ,
,M) Ueber diese alle vgl. Susemihls Gesch. d. griech. Litt, in d.
Alexandrinerzeit 1,1891, S. »56 ff.
Bücheler, Rhein. Mus. XL S. 304ff. hat jenes Scholion aus
Pitras Publikation hervorgezogen und Xenokrates* Werk gewürdigt —
Ambrosius in psalm. 118 serm. 16,41 p. 1438 giebt dieselbe Stelle nach
vollerer Vorlage in Uebersetzg., Biehe Pitra, Analecta sacra III (1883)
S. 519. — Die Bibelkommentare werden zur Geschichte der Steinkunde
hier und da herangezogen werden müssen. Ein ganzes Schriftchen eines
Kirchenvaters gehört hierher: des Epiphanios (Bischofs von Konstantia
auf Cypern, f 403), Büchlein de XU gemmis quae erant in veste
Aaronia, ed. Conr. Gesner, Tiguri 1565. (mit lat. Uebersetzung Jola
Hierotarantino interprete) , danach in den opera Epipdanii ed. Peta-
vius, Par. 1622; ed. nova ab H. Valesio, vol. II (Coloniae lt>82) p. 225—232
(eine Epitome daraus p. 233—234); darin Gutes (vielleicht aus Xeno-
krates ?) und Schlechtes nebeneinander gegeben; die Schwindelbücher
nennt er mehrfach uo&onoioi (cap. 3. 6 dreimal); das Ganze vielleicht
selbst nur ein Auszug des Originaiwerkes des Epiphanios, das Hiero-
nymus in Ezech. 9, 2* citiert.
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Philostrate. 545
sich Schätzung und Verwendung richteten. Wie im Titel
wird auch in dem wissenschaftlichen Standpunkte Phil, mit
seinem At^oyvwjitxö; der Nachfolger von Xenokrates' Aifro-
yvwucöv sein U1). Auch zu seiner Zeit war es höchst nötig,
gegen die schwindelhafte Zaubersteinkunde, die es großen-
teils nur mit erdichteten Steinen zu tun hatte, Stellung zu
nehmen. Nicht nur ist uns aus dem II. Jhh. n. Chr. wieder
eine dichterische Behandlung des Stoffes bekannt, des uns als
Perihegeten bekannten Dionysios1 Atfhaxa u2), in die gleiche
Zeit wird auch jenes fabelhafte Steinbuch des Aegypterkönigs
Necbepso gehören, von dem Galen XII 207 das vierzehnte
Buch citiert 14S) ; vor allem fällt ins II. Jhh. aber jenes Haupt-
buch, aus dem als letzter Quelle fast alle späteren Bacher
über den Steinzauber zu schöpfen scheinen : das Steinbucb des
Damigeron. Von dessen griechischem Original haben wir
zwar nur dürftige Keste durch den Arzt Aetios (s. VI. 144), er-
halten hat sich aber die lateinische, von christlicher Hand
herrührende Bearbeitung des Damigeron de lapidibus (etwa
saec. V.) ; dies Buch mit seinem vorgesetzten Widmungsbriefe
des Araberkönigs Evax an den Kaiser Tiberius wurde die
Hauptquelle für alle mittelalterlichen Bearbeitungen der Stein-
kunde in griechischer (Psellos), lateinischer (Marbod von Ren-
nes) und arabischer Sprache (Aristoteles de lapidibus) 146). Der
griechische Damigeron, der wahrscheinlich schon Apuleius
Abhängigkeit Phil.s von Xenokrates vermutete schon Bücheler
a. a. 0. Er nennt das Philostratische Buch das 'Xi^oyvwjwxdv' ; die
maskulinische Form 'der Steinkenner' empfiehlt sich aber durch die
Gleichung mit Xi{toyvd>uwv ; über die Gleichberechtigung der Verba -yvo)-
uovstv und -yvo)u«Iv und demgemäß der Adj. -yvcoimöv und -y*<ouoc
(oder -yvwuucöc) s. Lobeck, Phrynichus, 1820, p. Ö82 sq. Das Wort Xifror™'
iwov wird noch angeführt aus Julian or. 2 p. 91 b.
u«) In seinem rivog, im Rhein. Mus. 29 (1874) S. 81 veröffentlicht
von Rühl: yifpanxai 91 ainty xal At^taxd . . . . xx 5« AUkxd (sie) u&XXov
dTioifyovrai Iii tb xöv owhöv sTvoa xaP0LY-'cfi?'x (vgl« die kürzere Fassung
der vita Biogr. gr. ed. Westermann, Braunschweig 1845, p. 69); danach
Eustathios, abgedruckt in Dionysii orbis terrarum descriptio rec. Pas-
tow, Leipzig 1825, p. 3; vgl. auch Suidas s. v. atovuato; Kopivfooc.
I>a PliniuB den Nechepso nicht anführt, gehört dieser wohl ins
II. Jhh.
'**) Diese hat V. Rose nachgewiesen in seinem Aufsatz Damigeron
de lapidibus, Hermes 9 (1875) S. 471 ff. Danach gegeben im Apparat
der Ausg. des lat. Damigeron in Orphei Lithica rec. Abel, Berlin 18*1,
p. 161 sqq.
m) Ueber diese mittelalterlichen Bücher s. Rose a. a. 0., sowio
Aristot. Pseudep. S. 255 sq, Abel in der praef. seiner Ausgabe.
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546 Karl Münacher,
(apol. 90) und Tertullian (anim. 57, vgl. auch Arnob. nat.
1, 18) bekannt war, ist auch benutzt von der einzig erhaltenen
poetischen Fassung, in den seit Johannes Tzetzes fälschlich
unter Orpheus' Namen U6) umlaufenden Adkxa, die gegen Ende
des IV. Jhhs., als die Kaiser energisch gegen die Reste des
Heidentums vorgingen, von einem Anhänger des alten Glau-
bens noch ohne Nonnianische Technik verfaßt sind 147). —
Das Buch des Damigeron hatte also durchschlagenden Erfolg
gehabt: um so größer erscheint Phil.s Verdienst, daß er unbe-
rührt von solchem Schwindelwesen seinen Atfroyvcü|itxö; schrieb.
Von den weiteren Titeln üpctrria, xuva f) oo^tonfjv, Nepü>va,
OcflrrVjV ist der letzte völlig dunkel, die anderen führen uns
wieder auf ein der Sophistik fern liegendes Gebiet: sie be-
weisen philosophische Neigungen des Verfassers.
DpwTeO; und xuwv *1 aocptorr]? stehen nebeneinander. Die
Vermutung lag nahe, beide Titel könnten auf eine Persön-
lichkeit zu deuten sein, auf den aus Lukians Zerrbilde sattsam
bekannten Peregrinus Proteus. Dieser Vermutung Raum gebend
wollte Bergk (a. a. 0. S. 183, Anm. 1) die beiden Titel zu einem
vereinen und in dem einen Werk das von Genethlios (Me-
nander) rcept irciSeixTtxöv p. 34(5, 18 Sp. unter den Beispielen
paradoxer Enkomien neben Alkidamas Lobpreis des Todes und
einem der Armut148) genannte anonyme ^yxwuiov toö llpwietD;
toö xuv6? erkennen. Daß diese Vereinigung beider Titel zu
einem ohne Einführung des Artikels (llpiöieü? 6 xu<dv ^ oo-
cpiarfc müßte es lauten) unmöglich und schon deshalb un-
wahrscheinlich ist, hat Hirzel (Dialog II S. 340 Anm. 1) her-
vorgehoben. Sie verbietet sich aber auch deshalb, weil die
Worte xuwv aoqptonfjs für sich allein einen vortrefflichen
Scbriftentitel darstellen ganz in der Art, wie sie Lukianos seinen
Dialogen so häufig zu geben pflegte, sei es, daß beide Teile
des Titels denselben Mann (so 'Ixapouivt7i:ro£ örcepv^eXo;,
Tljiwv t) |itoavd-pü)7io;, 'AXejjavSpo* yj cpeoSonavxis, zwei Epi-
m) Veranlaßt war dieser Irrtum durch die Nachricht von Orpheus'
Gedicht nspi X£$tov YXo^pffc fpi$ 'OyÖo^xovtdXifroc irtiYpdffstat (Suidaa s. v.
'Op<f*6C).
,4T) Abel praef. p. 2 sq. S. auch v. Wilamowite, die Griech. Litera-
tur, 1905, S. 217.
»*•) Unter den Progymnasmen des Libanios finden wir einen <J*öyoc
«Xourou (IV p. 978) und als Gegenstück einen ««vfo« (p. 981).
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Die Philoatrate.
547
theta verbunden: ^euSoao^toxij? •?) ooXotxtoTrjs, Exulbj; f) Jcp6-
£evo;) oder zwei verschiedene Personen (so die Dialexeistitel
'Hp66oxos t) 'Aexfav, Zeöfo y) 'Avtwxoc, zwei Epitheta ver-
bunden: cpiXot|>eü6T); rj ditiotöv, auch <£Aiei>c dvaßtoövies) 14ä)
bezeichnen. Zugleich lehren also die Titel Lukians, daß xuwv
^ ao<ftat^g nicht etwa im Sinne einer disjunktiven Frage zu
fassen, sondern daß es nur fraglich ist, ob die beiden Aus-
drücke auf eine oder auf zwei Personen zu beziehen sind.
Beides ist natürlich gleich möglich: wir können uns vorstellen,
daß ein Kyniker mit einem Sophisten in Gegensatz gestellt
wurde , wir können uns ebensogut eine Person in ihrer
doppelten Eigenschaft eines kynischen Philosophen und sophi-
stischen Redners vorgeführt denken; wir brauchen uns nur des
Dio zu erinnern, bei dem beide Bezeichnungen in Wahrheit
gleich zutreffend waren. — Getrennt also bleibt der Ilpwxeu;
bestehen. Galt er dem alten Meergott, Über den auch der
Vater der kynischen Philosophie, Antisthenes, geschrieben hatt<*
(Diog. L. 6, 1, 17), oder jenem Peregrinus Proteus, den seine
Anhänger bei seinen Lebzeiten nicht bloß über die Meister
seiner Schule, Diogenes und Antisthenes, sogar über Sokrates
erhoben hatten (Lukian. Peregr. 5), der der Zunft der Sophisten
aber verhaßt war, weil er ihr Haupt, Herodes, zu schmähen
gewagt hatte (Phil. v. soph. 2, 1, 13 p. 71, 10 sqq. Lukian. 19)?
Das ist nicht sicher zu entscheiden; der Satz der v. Ap. 1, 4
p. 4, 27: 8ort£ uiv 5t) xfjv oocpfov 6 Ilpwxeu; eyeveio, zi äv
I^YGijijjv xot; yc axououat tcüv TtotTjxöv xt£. ist wegen der
%ovr\zoti sicher keine Anspielung des Sohnes auf die Schrift
seines Vaters, kann also für den Inhalt des Proteus nichts
beweisen150). Immerhin läßt der andere Buchtitel (xuwv r\
IW) In letzterem Falle steht ^ ganz im Sinne von xai. — Kine
zweite große Gruppe von Doppel-Titeln Lukians verbindet eine Per-
8onalbezeicbnnng mit einer sachlichen Bestimmung des Inhalts, z. B.
Niyptvoc T) wspt qftAood^pou tjj^ooc, Mivimcoc ij vsxootumsta u. a,; statt des
Namens mitunter nur ein EpithetoD, das die betr. Person charakterisiert:
«JjsüöoXoytorijc "ii «spl xffc 4no<ppdÖoc xaxd Tijidpjtoo, ölg xaxTjYopoöjisvoc
dtxaar^pta, ahnlich auch itspl xopaofrou Tfioi 6xt xÄxvtj ^ xapaoixix^, und
mit Umstellung der beiden Glieder: xatdnAouc xöpawoc, auch oixi-
xtatov Aaxt&at. Weit seltner enthalten beide Teile des Doppeltitel»
eine sachliche Bezeichnung, so nspt toO tjXixxpoo töv xöxvuv, nAotov f|
st>x,a£, dXxuwv ^ icspl usxaiiop^cooto);.
uo) Hirzel a. a. 0. h< das nicht für völlig ausgeschlossen.
Philologns, Bapplementbmnd X, vierte« Heft. 36
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548
Karl MQnscher,
ao<pi<rr%), den K y n i k e r Proteus als Gegenstand der zweiten
Schrift am wahrscheinlichsten erscheinen. Ob Phil, diesem
Lob oder Tadel spendete, ist schwer zu sagen, in beiden Fällen
aber kann das Werk identisch sein mit jenem napdßo$ov if~
xüjjitov, das Menander erwähnt. Chronologisch würde die Be-
ziehung des 4Proteus* auf Peregrinus vorzüglich zur Lebenszeit
des Phil. I. passen, der vor 150 geboren ist: 167 verspottete
Lukian des Peregrinus theatralischen Selbstmord151).
Die Form des Doppeltitels, die Phil. I. in einem Falle
wählte, konnten wir uns mit Parallelen aus Lukians Schriften
erläutern. Mit dessen Schriftstellerei berührt sich Phil, auch
durch die Verwendung des Dialogs lö2). — Es ist eine schöne
Entdeckung C. L. Kaysers, daß der in zwei Handschriften
unter Lukians Schriften stehende kleine Dialog Neptuv 1M) wegen
der Gleichheit des Stils zu den Philostratischen Werken zu
zählen, folglich mit dem von Suidas beim I. Phil, erwähnten
Nepwv identisch ist. Bewiesen hat das Kayser in seiner
Specialausgabe der v. soph. (Heidelberg 1838, praef. p. XXXIII),
der er als Appendix den Nero anfügte (p. 123 — 130 mit dem
die sprachlichen Uebereinstimmungen nachweisenden Kommen-
tare; in seinen Gesamtausgaben, gr. Ausg. p. 337, kl. Ausg.
Ü p. 220). Seiner Theorie von dem einen Verfasser sämt-
licher Philostratischen Schriften zu Liebe wies Kayser auch
dies Werkchen dem Phil. II. zu: da die Verteilung der Schriften,
auf mehrere Verfasser sich als notwendig erwiesen hat, sieht
nichts im Wege, den Nero als Werk des ältesten Phil. I. zu
betrachten, dem es Suidas zuschreibt. Mit der immerhin ver-
Vgl. Schmid, Buroians Jabresber. 108, 1901, S. 263. Hirzel
a. a. O. will in des Phil. Proteus 'eine scheinbare Widerlegung der
Luki anlachen Schmähschrift' sehen, eine nicht allzu wahrscheinliche
Vermutung.
,M) Auf den bei einem Sophisten besonders bemerkenswerten Ein-
fluß Lukians auf den Nero wies bereits Bergk S. 183 hin ; er ist auch
kaum zu leugnen, wenn auch keine satirische Tendenz im Nero steckt
(-was Hirzel II S. 341 Anm. 1 dagegen einwendete; vgl. Schmie!, Atticism.
IV. S. 585. Philol. L 298 f.).
lM) Der verlängerte Titel Nipcov ^ rcspl -cijg opoxfa xoö lo&uoö, den
Jacobitz, Lukian 1(1 p. 689, giebt, scheint den Hüschrn. zu fehlen;
Kayser verwendet ihn jedenfalls nicht; auch charakterisiert der Zugatz
den Inhalt des Dialogs nur zum kleinsten Teile. — Die Zuweisung des
Nero an Phil, lehnt ohne jede Begründung ab Hense, C. Musonii ttufi
reliquiae, 1905, praef. p. XXXII.
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Die Philoatrate.
549
wunderlichen Gleichheit des Stils sämtlicher Philosfcrate müssen
wir uns ohnehin abfinden: es ist, wie Roh de (Qött gel. Anz.
1884, I, S. 38) sagt, in der Familie der Philostrate 'eine
ganz bestimmte Art manierierten Sophistenstils erblich gewesen1.
Das geschickt aufgebaute kleine Kunstwerk154) trägt von
der Person, die den Gesprächsstoff liefert, den Titel. Ueber
den Kaiser Nero unterhalten sich der Philosoph Musonios und
der Lemnier (p. 222, 18) Menekrates, der im Namen un-
genannter anderer Anwesender das Wort führt Gehalten
wird das Gesprach am Ufer des am Meere gelegenen Ver-
bannungsortes des Musonios, also des heute 1M) wie im Altertum
fast verödeten Felsen eil and es Gyara, das allerdings nicht mit
Namen genannt wird In dreifacher Steigerung entwickelt
Musonios das Bild des bösen Tyrannen. Vom Isthmosdurch-
stich, den Nero unternommen hatte, nimmt das Gespräch seinen
Ausgang. Musonios, der dabei mitgearbeitet haben sollte, be-
richtigt die Meinung von der gemeinnützigen Absicht, die man
dieser Unternehmung des Kaisers unterzulegen geneigt sei: nur
eitele Ruhmsucht war sein Motiv und ist der Kern von Neros
Wesen. In der Musik suchte er sie zumeist zu befriedigen:
drum zeigt Musonios zu zweit die Nichtigkeit seines musika-
lischen Ruhmes; seine Leistungen sind in Wahrheit erbärmlich
und lächerlich, er erzwingt seine Siege durch Furcht. Denn
— das ist der dritte Teil der Auseinandersetzungen — der
Kaiser ist ein grausames Scheusal, der seinen wahnsinnigen
Künstlerstolz durch Ermordung eines Tragöden befriedigt und
gegen das Heiligste auf Erden, die Mutter, wie gegen die
Gottheit gleichermaßen gefrevelt hat Das Maß ist voll : sol-
chen Frevel darf die Gottheit nicht dulden: ein Schiff, festlich
bekränzt, naht dem Strande, und man vernimmt den Jubelruf,
<") Vgl. die feine Analyse bei Hirzel II 3. 888f. Schunds wenig
glückliche Behandlung des Nero (Atticism. IV S. 536 f.) leidet an Un-
klarheiten (»ein Zweifel Ober den Ort des Gesprächs, das Mißverstehen
der Erwähnung von Lemnos) und Unrichtigkeiten (der Kyniker Menip-
pos aus Lykien soll der eine lnterlokutor sein!).
15A) Vgl. L. Ross, Reisen auf den griech. Inseln de» Aegäischen
Meere«. I. 1840, S. 5. II 1H43, S. 170-172.
,6S) Ueber den Verbannungsort des Musonios s. Dense a. a. O. p. XXIX
sqq. Epiktet führt Hyara oft im Munde, im Gegensatz zu Rom und Athen :
es war eben der Ort, wohin sein Lehrer verbannt gewesen war.
36*
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550
Karl Münecher,
daß Nero dahin ist. Menekrates stimmt freudig ein, doch
Musonios wehrt dem lauten Jubel über den Gefallenen.
Nicht der Haß gegen Nero im allgemeinen wird Phil,
diesen Stoff haben wählen lassen, sondern seine Vorliebe für
den tüchtigen Philosophen und seine nützliche Lebensweisheit,
der von Nero mißhandelt worden war. Stoicismus und Kynis-
mus unterschieden sich damals gar wenig; kein Wunder, daß
wir Phil, mit beiden beschäftigt sehen 16Ä>). — Hirzel hat schon
fein bemerkt, durch Einführung des Unterredners als eines
Lemniers habe Phil, in echter Dialogmanier andeuten wollen,
wie er zu seiner Kenntnis über Musonios gelangt sei. Auch
die Wahl des Namens Menekrates war keine unbeabsichtigte.
Wir sahen, daß Phil. III. im Heroikos einen Meoekrates an-
führt, der wie die Familie der Philostrate, zum Demos Steina
gehörte. Dadurch gewinnt auch der Menekrates im Nero
Leben. Die Familien Menekrates und Phil, waren offenbar
schon lange durch Freundschaft wie Demengemeinschaft ver-
bunden. Phil, führt einen Menekrates aus Lemnos als Dialog-
ti^ur neben Musonios ein: damit widmet er den Dialog
seinem Freunde Menekrates oder macht ihm wenigstens ein
freundschaftliches Kompliment. Gewiß war jener ein Genosse
Phils bei seinen philosophischen Studien.
Es ist noch die Frage zu erörtern, ob Phil. II. an einer Stelle
der v. Ap. sich auf den erhaltenen Nero bezieht. Er giebt
mehrfach seiner Bewunderung für Musonios Ausdruck, folgt also
in der Wertschätzung dieses Philosophen seinem Vater. Er
nennt ihn 'AhoXAümou jiovou 5e6?£po£ . . . ItzI ao^ta (p. 153, 31),
er läßt nach Gyara 'alle Griechen' reisen, um Musonios zu hören
(p. 271, 31), er überliefert zwischen Musonios und Apollonios
gewechselte Briefe (p. 164, 17 sqq.), die er jedenfalls der
Sammlung von Apolloniosbriefen, die er auch sonst benutzte,
entnahm; er weiß uns von einem Gespräche des Philosophen
Demetrios mit dem eifrig am Isthmosdurchstiche arbeitenden
Musonios zu erzählen (p. 178, 26 sqq.). An letzterer Stelle
bricht PhiL seine Erzählung plötzlich ab mit den Worten
(p. 179, 1) xai feaaOtü jiot xa Mouawvtou n\ziu> övia xai $au-
'"') S. Hirtel a. a. O. S. 339, wo auch schon gesagt ist, 'daß um
den Nero der Schatten des Sokrates schwebt*.
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•
Die Philostrate.
551
(laotuVcepa, 65 u.tj ooxofyv ftpaouvcoftcci 7cpö; xiv dcpieXä); aöxa
efaovta. Dieser Satz kann in seiner überlieferten Form nicht
richtig sein. Der Verfasser lehnt ab, weiter von Musonios zu
sprechen, weil schon eine andere Schrift diesen Stoff behandelt.
Nach Schmid, Atticism. IV S. 537 Anm. 85, rügt Phil, mit
dem <*|ieXä>; die Kürze seines eigenen Jugend werk es, das
Schmid in dem erhaltenen Nero sieht: das ist unmöglich, weil
niemand von {►paauveod-ai reden kann gegenüber einem Werke,
das er geringschätzt. Die gleiche Unmöglichkeit bleibt be-
stehen, wenn man dem betr. Werk einen fremden Verfasser
giebt: es wäre Kühnheit, nicht mit einem unsorgfältig —
ironischer Sinn ist doch ausgeschlossen — , sondern mit einem
sorgfältig geschriebenen Werk konkurrieren zu wollen: es ist
* also mit Olearius £fj,u,£Xu>s statt dueXt&s herzustellen (Fertig
a. a. 0. p. 50 schreibt statt dessen jjtfj dueXfi>;). — Liegt nun
in dem so hergestellten Satze eine Rückbeziehung auf den
Nero, das Werk des Vaters, vor? Hirzel (Dialog II S. 245
Anm.) hat sie bestritten, auch Schmid (S. 5 Anm.) findet sie
äußerst zweifelhaft (doch vgl. bei ihm S. 537, wo an der
Beziehung festgehalten ist). Allerdings sind die beiden Ge-
sprächsscenen nicht einander gleich : in der v. Ap. unterhält
sich der Kyniker Demetrios, der aus Seneca und Tacitus be-
kannt ist, der Freund des Thrasea Paetus, mit Musonios, im
Nero dagegen der Lemnier Menekrates; dort spielt die Scene
am Isthmos von Korinth während der Durchstechungsarbeiten,
hier nach deren Abbruch in Gjara. Doch schöpft Flavios Phil,
seine Kenntnis über Musonios — von dem Apolloniosbrief-
wechsel und der allgemein bekannten Tatsache seiner Ver-
bannung nach Gyara abgesehen — lediglich aus dem Dialoge
Nero. Aus ihm kennt er die Legende 15?) von der Zwangsarbeit
des Musonios beim Isthmosdurclistich; im Dialog ist der Wort-
fuhrer Menekrates von einer Schar andächtiger Zuhörer um-
geben, deshalb erzählt Flavios, man sei scharenweise nach
16T) Ueber die geringe Glaubwürdigkeit aller dieser Nachrichten,
die eine legendariscbe Ueber lieferung Über Musonios ausmachen, vgl.
Cobet. Mnemosyne VIII, 1*59, p. Itt7 sq., Zeller. III l3 S. ts5'2 Anm.,
Hirzel, Dialog II S. 24 > Anm. (wo auch von den wechselnden Herkunfts-
angaben — Töpiof , BaßuXtovio^ — gesprochen wird). — Auf Gyara sollte
Musonios eine Quelle entdeckt haben, v. Ap. p. 272,2, die Roß meint
wiedererkannt zu haben, ygl. üense a. a. O. p. XXIX.
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552
K arl Manscher,
Gyara zu Musonios gereist. Er hat also eine den Angaben
des Dialoges entsprechende Scene früherer Zeit konstruiert und
dabei als Unterredner dem Musonios einen andern bekannten
Philosophen Neronischer Zeit, den er vielfach mit Apollonios
in Berührung kommen läßt, zur Seite gesetzt; den aus persön-
lichen Gründen von seinem Vater eingeführten Menekrates
konnte er natürlich nicht brauchen bei der Verherrlichung
seines Apollonios. Somit sehe ich in dem Werke, mit dem
Phil. II. nicht konkurrieren wollte, eben den erhaltenen Dialog
Nero, seines Vaters Werk.
Es erscheint zunächst auffallend, daß der Sohn seinem
Vater in den Sophistenbioi keine Stelle gegönnt hat. Aber
die Vielseitigkeit des Vaters erklärt wohl das Schweigen des
Sohnes. Der 'Sophist' verschwand bei Phil. I. vor seinen viel-
fachen anderweitigen Interessen, und nur den Sophisten gilt das
Werk des Phil. II. Weniger wird man an Bescheidenheit als Motiv
denken: den Ruhm des lLemniers' zu verbreiten, hat er sich nicht
gescheut, der war aber auch aocpiox^; und nichts anderes1*8).
Schließlich nennt Suidas bei dem ältesten Phil, noch ein
Buch, den y\)\vtotaxfx.6$, von dem im XIX. Jhh. erst nur Frag-
mente auftauchten (Kaysers Ausgabe Philostratei libri de gyin-
nastica quae supersunt, Heidelberg 1840), das dann von dem
Griechen Minoides Mynas gefunden, von ihm und Daremberg
(nach einer Abschrift des Mynas) ediert und auf so wenig zu-
verlässiger Grundlage in den neueren Ausgaben weiter gegeben
und nach Möglichkeit gebessert wurde, bis nun vor wenigen
Jahren die Handschrift des Mynas wieder in den Besitz der
Pariser National bibliothek gelangt ist, nach der wir eine Aus-
gabe Jüthners zu erwarten haben. Als deren Vorläufer hat
er in seiner Abhandlung 'der Gymnastikos' des Philostratos
(Wiener Sitzgs.-Ber., phil.-hist. Cl., Bd. 145, 1902, S. 1—79)
die interessanten Schicksale der Handschrift und die reichen
Ergebnisse für die Textkritik dargelegt lß9). — Die in ihrer
,M) Einen älteren sophistischen Philosophen Phil, nennen die Bioi
(1, 5 p. fi, 19), tov AlpKttov, der am Hofe der Kleopatra lebte; ein Epi-
gramm des Krinagoras auf seinen Tod enthält die Anth. Pal. 7,645
(a. dazu StadtmQllers Anm.); Plut. Ant. 80. Cato min. 57.
,M) Angezeigt von H. Schenkl, Zeitschr. f. öetr. Gymo. XXV, 1SMM,
S. 312 f. NütJicb war die kommentierte Ausg. von C. H. Volckmar,
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Die Philoafcrate.
553
Art einzig dastehende Schrift rept Yu(ivaortxffc (so der Titel
der Hdschr.; vgl. SchoL Plat. polit. p. 338c), deren Inhalt
Suidas ganz richtig mit dem Beisatze: bot: 5£ iz&pi xwv iv 'OXuji-
< itfy i7C(ieXouuivb)v charakterisiert160), erwähnt neben früheren
* ry etliche zeitgenössische Athleten, einen Mandrogenes (p. 272, 27),
den der Verfasser persönlich kannte (MavÖpoyevoü^ . . . aöxög
jjxouaa); über den etwas älteren Mys hat er von den rcpeoßu-
tepot gehört (p. 283, 16; vgl. die gleiche Ausdrucks weise in den
v. soph. S. 473); uns bekannt ist nur der auch im Heroikos
* erwähnte (s. S. 497) Phoenikier Helix. Wie Jüthner hervor-
hebt (Festschr. f. Gomperz S. 226), erscheint hier Helix als
weltbekannter Champion, für dessen Training man sich inter-
essiert: also dürfte die Abfassung des Qymnastikos nach jenem
Doppelsiege des Helix bei den Capitolinischen Spielen des
Jahres 219 anzusetzen sein. Damit wird die Autorschaft des
ältesten PhiL, der vor der Mitte des II. Jbbs. geboren ist
* (s. S. 517), allerdings überaus unwahrscheinlich. Bei Suidas liegt
jedenfalls ein Fehler vor. Zur Lösung der Frage, welchem
Phil, die Schrift zuzuweisen sei, steht uns aber nichts zur
Verfügung als der Sprachgebrauch. Es wurde schon beiläufig
erwähnt (S. 496 f.), daß darin der Gymnastikos der Gruppe v.
Ap. und v. soph. näher steht als den Schriften des III. Phil.,
Her. und Imag. Wir werden deshalb den Gymn. dem II. PhiL
zuweisen (vgl. auch oben Z. 8). Man hat beobachtet (Jüthner
a. a. 0. S. 227, Fertig a. a. 0. p. 43), wie nahe die im An-
fange des Gymn. stehende Auseinandersetzung über die xkyycu.
sich mit einer gleichartigen in der v. Ap. (8, 7 p. 305, 23 sqq.)
berührt: da haben wir einen gleichen Fall von Selbstwieder-
holung, wie zwischen v. soph. und dem Briefe an Julia Domna
(S. 537); auch hier ist zweimalige Benutzung der gleichen
Quelle das Wahrscheinlichste. Im übrigen giebt das Buch
über seinen Verfasser wenig Auskunft. Die Erwähnung von
FL Philostrati de arte gymnastica libellus, Aurich 1882. Das Progr. des
herzogl. N. Gymn.s Braunschweig 1902, Phil. s Abhandlung Über das Turnen
über», v. Fr. Cnnze, verfolgt Schulzwecke. Die Handschrift des Mynas
enthält den Schluß des Heroikos (von p. 204t 22 Kp&c tspolc ts an), dann
nspl TojivowTixflc und schließlich den Brief des Lemniers über den Brief-
stil (die sog. Dialezis I).
,M) Schriftliche Quellen werden mehrfach erwähnt p. 261, 14.
262, 22. 267, 27. 285, 18 sqq.
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554
Karl Münscher,
Lemnos (p. 263, 4) ist durch die Sache gegeben; seine Orts-
kenntnis von Athen zeigt der Verfasser durch eine Bemerkung
(p. 290, 26), ohne daß man daraus auf Athen als seinen Wohn-
ort einen sicheren Schluß wagen könnte. Trotzdem wird das
Buch von Phil, nach seinem syrischen Aufenthalt (s. S. 490)
und zu Athen geschrieben sein und wohl noch vor den v. soph.
Als Phil, es schrieb, stand Helix auf der Höhe seines Ruhmes:
219 hatte dieser schon eine Reihe ruhmreicher Jahre hinter
sich; ist unsere Datierung des Heroikos richtig, so hatte Helix
213 und schon 209 dv*]p £x rcatöwv in Olympia gesiegt. Damit
wird sein Geburtsjahr auf die Zeit etwa um 190 zurück-
geschoben. Ueber sein 40. Lebensjahr hinaus werden wir
die Periode seiner höchsten Berühmtheit als Athlet nicht
verlegen wollen, sie lag also im Jahrzehnt 220 — 230. Im
gleichen Decennium wird auch Phil, seinen Gymn. als Mahn-
ruf zur Regeneration der Athletik und des ganzen verweich-
lichten Zeitalters der Oeffentlichkeit tibergeben haben.
Erwiesen sich die Angaben des Suidas schon bei den
Schriftenverzeichnissen der beiden ersten Philostrate nicht als
durchweg richtig, so steckt das des III. voller Verwirrung.
Wir haben ihn identificiert mit dem speciell als 'Lemnios' ge-
kennzeichneten Verfasser des Heroikos und der Eikones, weil
Suidas ihm eixovas und TpuKxov (= 'Hpwtxov, S. 517) zu-
schreibt. Fälschlich sind beide Schriften von Suidas auch
unter denen des II. Phil, genannt: daß Suidas bez. Hesychios
bei dieser ersteren Erwähnung die ältere Bildersammlung
meinten, zeigt der Zusatz etxova; f) inypaatiq £v ßißXtots 5':
in der Tat hat ein Teil der Handschriften des älteren Werkes
4Bticherteilung statt der in der Mehrzahl der Handschriften
und den Ausgaben stehenden Verteilung auf zwei Bücher161).
Wie in die Liste der Schriften des IL Phil, fälschlich solche
des III., des Lemniers, hineingerieten, wurde mit dessen Werken
das jüngere Bilderbuch falsch verbunden , wenigstens wenn
unter dem Titel Tcapacppaaiv xfjs 'O|r/]poo cbTttSo; (der auf
praef. d. Wiener Ausg. p. VII ra. Anm. Die Zweibücherteilung
erscheint als die originale: beide Bücher haben ziemlich gleichen
Umfang I 31, II 34 Bilder. Die Vierbücherteilung läßt I bestehen und
teilt II in 3 kleine Bücher von 10, 16 und 8 Bildern.
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Die Philostrate. 555
TpbKXGV folgt) nichts anderes zu verstehen ist als das längste,
10. Stück der jüngeren Bilderreihe (Iluppo? tj Muoot), wie
Welcker (in Jacobs' Ausg. Philostratorum imagines, Leipzig
1825, p. 631) annahm, das für sich allein und unter dem
besonderen Titel kursierte. Ebenso verkehrt ist die Meinung
'einiger', die Suidas am Schlüsse erwähnt, die Sophistenbioi
seien dem III. Phil, zuzuweisen (s. S. 516). Was Suidas sonst
nennt, Ttavadtjvalxov (solche wurden auch von Antipater er-
wähnt, S. 474; Aristides* nach dem Isokratischen Vorbilde
gearbeiteter Panathenaikos ist das erhaltene Muster der Gattung)
und \ieXiia<; e', zeigt auch diesen Phil, wie seine älteren Ver-
wandten als Sophisten, der die damals üblichen beiden Arten
von Deklamationen pflegte 163 ).
Suidas übergeht (bez. konfundiert mit dem III.) einen IV.
Phil., den wir durch sein Werk kennen, den Verfasser der
jüngeren Bilder. Er folgte darin, wie er selbst in der Ein-
leitung sagt, seinem 6u.wvuu.os und ur^poTiixwp nach: Phil. III.,
der Lemnier, war im J. 191 geboren, sein Enkel wird schwer-
lich vor den 60er Jahren des III. Jhhs. litterarisch tätig sein;
vielleicht fallt die Abfassung seiner uns erhaltenen Schrift
noch später, nach 274 (s. oben S. 496). Das Buch hat wenig
Erfolg gehabt (s. S. 495), nur dem Ruhme seines Vorbildes
hat es wohl seine Erhaltung zu verdanken. Der handschrift-
liche Titel OiXoaTpaioo vewtepou (das war aus den ersten
Zeilen der Einleitung zu entnehmen) eJxovwv rcpöTov lehrt,
daß von den 2 oder 4 Büchern (auch in der Buch zahl scheint
er seinem Großvater gefolgt zu sein) uns nur ein Teil des
ersten (im 17. Bilde bricht die Hdschr. ab) erhalten ist163).
,6>) Ich will noch ausdrücklich hervorheben, daß es völlig un-
möglich ist, unter der Annahme, der von Suidas an dritter Stelle
genannte Phil. Bei der Verfasser der jüngeren Bilder (die roxpd'-fpaotc
xf){ 'Ojn^oo domöog scheint zunächst dafür au sprechen), die Philostrat-
frage zu lösen. Nie und nimmer lassen sich die Angaben des Suidas
über diesen Phil, mit der Tatsache vereinen, daß die jüngeren Bilder
vom Tochtersohn des Verfassers der alteren geschrieben sind. Solange
man von Suidas ausging, blieb die Philostratfrage ein unentwirrbares
Rätsel.
,M) Zu den fehlenden Bildern dürfte Hero und Leander gehört
haben, falls die von Dilthey de Call Cyd. p. 59 Anm. ans Licht ge-
zogene Bemerkung des Antonius Volscus in seinem argumentum zu
Ov. epiBt. XVIU nicht auf einem Irrtum beruht: Leander abidenus
cum fcestiae herus amore teneretur noctu maris angustias ut Philo-
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556 Knrl Mttnicher,
Im Sprachgebrauch (vgl. Schenkl-Reisch p. XVII) wie in der
ganzen Anlage des Buches ist der Enkel durchaus Nachahmer
seines Vorfahren. Weil dessen Werk mit einer allgemein ge-
haltenen Einleitung über Malerei beginnt, muß auch er eine
solche abfassen (xaoxT); xat' fyvr) x^P^)0*1 teMjoavte; ävay-
xtjv Ixojiev Tipö if); 6X7)5 l7utßoXf]c xal Tiepi £u>ypacpta; xtva 8t-
eXtistv), wobei er sich zum Teil wörtlich an seine Vorlage
anschließt (vgl. p. XV). Auch die dialogisierende Einkleidung
am Schlüsse des Proömiums will er nachmachen; freilich
schrumpft sie bei ihm auf zwei Sätze zusammen: er wolle die
schönen Bilder mit Darstellungen alter Sagen, auf die er ge-
stoßen sei, nicht mit Stillschweigen übergehen; und damit
seine Schreiberei nicht so gleichmäßig werde, wolle er Bich
einen denken, dem er alles darlege ; so verwendet er denn
auch hier und da die Anrede d> nai. Wie nahe sich auch in
der Wahl der einzelnen Sagenstoffe der jüngere mit dem älteren
berührt, haben Schenkl-Reisch (p. XV — XVII) zur Genüge
betont. Man muß sagen, die Mißachtung, der dies Machwerk
eines imitierenden Epigonen anheimgefallen ist, war durchaus
verdient.
Ich fasse zum Schluß kurz zusammen, was wir über die
aus Lern n os stammende, zum athenischen Demos Steiria ge-
hörende Familie der Philostrate ermittelt haben; bez. der ver-
wandtschaftlichen Verhältnisse verweise ich auf den Stammbaum
S. 519.
Phil. I., Sohn des Verus, geb. vor der Mitte des IL Jhhs.,
Sophist in Athen, schreibt gegen Antipatros, der spater £rct-
atoXeu; des Septimius Severus wurde. Erhalten sein Dialog
Nero.
Fl. Phil. IL, des I. Sohn, geb. um 170, studiert um 190
in Athen bei Proklos, Hippodromos, Antipatros, in Ephesos
bei Damianos, tritt nach 202 in den xtixXo; um Julia Domna
ein (also tätig in Rom), begleitet sie nach Britannien (208),
ftratus scribit natare ad illam consueverai Auf die Verwandtschaft
dieses Stoffes mit Phil II. imag. 1, 12 Bconopoc we'st Kohde, Gr. Roman
8. 135 Anm. 8 hin. — Thomas Magister p. 89,7 (Ritsehl) citiert *tX6-
orpaxog 4v elxöoor a,JX'*lv s'i^aY^;, was im Krhaltenen nirgends steht, er
giebt aber auch sonst noch unauffindbare oder falsche l'hiL-Citate
(p. 268, 16. 372, 13. — p. 252, 5 Philostratos statt Plato citiert).
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Die Philostrate.
557
Gallien (212), KL-Asien (214/5 in Pergamon and Nikomedeia),
Syrien (216/7 in Antiocheia): aus diesen Jahren erhalten sein
Brief über Gorgias an Julia; ein Jugend werk wohl die eroti-
schen Briefe. Nach 217 von Tyros aus die Apolloniosvita
ediert (Beiname Tuptog). Nach Athen zurückgekehrt (Beiname
'Atojvatos), ediert er den Gymnastikos (nach 219), die v. soph.
(nach 229/30, vor 238). f unter Philippus Arabs (244—249).
(Lukios) (FL) Phil. III. (Beiname A^vto;), Sohn des
Nervianus, eines Sohnes einer Schwester von Phil. I., geb. 191,
Schüler des Hippodromos und seines Schwiegervaters Phil. II.,
tritt 213 in Olympia auf. 214/5 in Pergamon und Nikomedeia,
hier erhält er von Caracalla die Atelie; verfaßt vielleicht
215, sicher vor 219 den Heroikos. Tätig in Rom und Italien
um das Jahr 222, Streit mit Aspasios, erhalten sein Brief
Ober den iizvrtoXixbs xaPaxT^P- Später in Athen neben Nika-
goras, Apsines und Phil. IL; verfaßt die (älteren) Bilder.
Archon 263/4 (?). f üi Lemnos.
Phil. IV., Enkel des IIL mütterlicherseits, Verfasser der
(jüngeren) Bilder in der 2. Hälfte des III. Jhhs., vielleicht
nach 274.
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Register.
Antiocheia
Antipatros
ApoHonios
ApsineB
Aristodemoa
Aspaaioö
Atticus,
Garacalla
CelcuB, Dichter
Cbariton
Daemonen
Damiano»
Damigeron
Damis
Diokles
Dionysios, Xtdiaxd
Drama im II. Jhh.
Ekphraseis
Epiphanios
Epiatolographen
Ethopoiien
Euippe
Floralien
Gordianos
Heliodoros
Helix, Athlet
Herinokrates
Hiatus
Hippodromos
HoBidius Geta
llion
Julia Domna
Lemnoa
Lukianos
Maximus v Aegae
Medea tragoedia
(uXitat
MemnonskoloBB
Menekrates
Moiragenea
Muaonioa
Nicomachus
Nikagora8
Nikoatratos
Orpheus, XiJkxd
Pergamon
Pbiliskoe
Philo8trato8 Aigyptios
Philostratos I.
481. 48.3. 486.
474 ff. 539
483 ff.
489
514 f.
471 f. 509 ff.
514,88
479 ff. 505 ff.
535 f.
535
501 ff.
476
545 f.
486 f.
520 f.
585 f.
545
539 f.
513
544, 140
532
540 ff .
530
531, 117
470 ff. 491 f.
480
497. 553 f.
475 f.
511 f.
474. 499
543
505 f.
477 ff. 488 f.
538
546 f.
543 ff.
538
548 ff.
470. 473 524.
521. 546 f.
486
542 f.
520 f.
479, 22 b
498. 550.
486 f.
550 ff.
484, 37
489
495 513
521 ff.
546
505
480
482, 30
552, 158
516 f. 538 ff.
538
54Gff.
539
'EXsuoivuxxot
xtKOv ^ ao^pwnfa
\uXixou.
Nipeov
IlßOTSUC
rhetorische Schriften
itspl Tpaytpötac
Trag ödien u. Komödien 539 ff.
PhiloBtratos II. 469 ff. 516. 520 ff.
v. Ap. 470. 483 ff.
gegen Aspasios 510
Athenaios 490
Briefe 524 ff
Brief an Julia Domna 536 f.
Epigramme, eins auf Telephos
587 f.
Familie 491
Yujivaonxög 552 ff
Lemnioa 470
rcspl v6{iot) 521 ff.
v. soph. 469 ff. 472. 491 ff.
Tyrios 482
Philoatratos UI. 495 ff. 554 ff.
Alter 500
Brief an Aspaaioa 510 ff.
Eikones 512 ff. 554
HeroifeOB 497 ff. 501 ff.
LemnioB 498
lieXdxai, xava&qvatxöc 555
Philoatratos IV. 555 f.
Eikones 495 f. 554 ff.
«pöoic 521 ff.
Plutarchos, gegen Gorgias 537
Progymnasmen 513. 541 f.
Prokloa 474
Proteailaoa 501 ff.
Purpurbandel 498, 65
Soterichos 484, 37
Steinkunde 543 ff.
Saidas
a. v. *tX6orpaTO{ 5 15 f.
«frpörcwv 'Ejuotjvoc 489. 518
Telephos 505 ff. 537 f.
Tyana 484 f.
Tyroa 482 f.
Theophrastos, ncpl XMtov 543
Varro, imagines 514,88
Xenokrates, Xtdoyvobuxov 544
Zeno 474, 12
uigm
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\ UNTERSUCHUNGEN
UEBER DIE LUCIANISCHE
VITA DEMONACTIS
VON
K. FUNK.
i
►
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Einleitung1)
Unter den Werken, welche an der handschriftlichen Ueber-
lieferung des Satirikers Lucian teilnehmen, hat neben dem
Roman Lucius s. Asinus vor allem auch die kurze Lebens-
beschreibung des Cynikers Demonax das besondere Interesse
der Gelehrten erregt Sie nimmt ja nicht nur eine litterarische
Sonderstellung unter seinen Schriften ein, sie ist auch reich
an zeitgeschichtlichen Nachrichten und schien vorzüglich ge-
eignet, eine vermeintliche philosophische Entwicklung Lucians
und seine Stellung zur Philosophie überhaupt verstehen zu
lassen. Aber wie so manche andere Erzeugnisse dieses Mannes
wurde sie bald als unecht verworfen, bald wieder als echt ver-
teidigt. Es stellen sich eben der philologischen Kritik große
Schwierigkeiten entgegen infolge der Mannigfaltigkeit und
Verschiedenheit seiner Werke nach Form und Inhalt, seiner
einzelnen Entwicklungsperioden, seines Anschlusses an die je-
weils studierten klassischen Vorbilder und der doch wieder
freien künstlerischen Verwendung der Sprachmittel. So erklärt
sich wohl das Schwanken im Urteil bei ein und demselben
Forscher *). Allein in manchen Fällen liegt doch der Grund
für die bezeichnete Erscheinung auch darin, daß man mehr
im allgemeinen über seine Werke urteilte und sie in den
Rahmen einer fortlaufenden Entwicklung des Schriftstellers
einzugliedern suchte, und daß dann je nach dem Einteilungs-
J) Ich kann diese Abhandlung nicht beginnen, ohne zuvor meinem
hochverehrten Lehrer, H. Prof. Dr. W. Schmid- Tübingen für die An-
regung zu dieser Arbfit, für das Interesse, womit er sie verfolgte, für
die praktischen Winke und Hatschläge meinen verbindlichsten Dank
anch an dieser Stelle ausgesprochen zu haben.
f) E. Rohde betreffs des Asinus (üeber Lucians Schrift Aoöx«>c ifj
övo«. Leipzig 1869. 8. 82 ff. gegenüber Rh. M. XL, 93 ff.) und W. Schmid
bezüglich des Amores (Philol. L, 3u2 gegenüber Attic. 1, 2*25).
562 K- Funk,
princip, je nach der Betonung der grammatisch-stilistischen
oder ästhetischen oder philosophischen Seite das Urteil Aber
die einzelnen Schriften ein anderes werden mußte. Wurde
dabei noch größeres Gewicht gelegt auf die mehr subjektiven
Kriterien, wie Erwägungen des guten Geschmacks und vor-
gefaßte Meinungen über seine Haltung in philosophischen
Dingeu, während man die sprachliche Untersuchung vernach-
lässigte, so konnte bei der proteusartigen Wandlung der Lucia-
nischen Anschauungen die größte Uneinigkeit im Urteil nicht
ausbleiben. Immerhin macht sich allmählich ein Uebergang
von der radikalen Richtung Bekkers mit 28 unechten Schriften
(Mtsber. d. Berl. Akad. 1851, 360) zu konservativerer Haltung
bemerklieb, indem Boldermann (Stud. Luc. 127 ff.) nur 6 — 8,
Hirzel (Dialog II, 334) gar bloß 5 Werke als unecht bezeichnet.
Will man mithin soweit möglich zu einem festen Resultat ge-
langen, so gibt es keinen anderen Weg, als jede Schrift für
sich allein nach all den genannten Gesichtspunkten auf ihre
Echtheit zu prüfen.
Der erste, der nach dem Vorgang von Gesner3) und
Guttentag4) in längerer Abhandlung, allerdings mehr unter
Voraussetzung der Echtheit im großen und ganzen, die in
Frage stehende Schrift untersuchte, war Schwarz6). Allein
die Ergebnisse seiner Forschung haben nicht die nötige Zu-
stimmung gefunden, und so blieben die bisherigen Ansichten
nach wie vor bestehen. Die Echtheit wurde auch jetzt noch
bezweifelt und geleugnet, so von Bernays0), Rothstein7),
Schmid8) und Margadant9), während sie andererseits ebenso
a) M. Gesner, De Pbilopatride. Jenae 1715.
4) J. Guttentag, De subdito qui inter LucianeoB legi solet dialogo
Toxaride. Berolini 1860.
b) A. Schwarz, üeber Lukians Demonax, in Ztschr. f. önterr. Gym.
1878. Bd. XXIX, S. 561-594.
•) Jak. Bernays, Lucian und die Kyniker. Berlin 1879. S. 104
Anm. 24.
7) Maximilian Rothstein, Quaeetiones Lucianeae. Berolini 1888.
S. 32 und 83, 1,
8) W. Schmid, Bemerkungen Ober Luciana Schriften und Leben.
Philol. 1891. Bd. L,301.
•) P. C. Margadant, De Luciano aequalium censore. Hagae-Comi-
tum 1881 S. 88.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactia. 563
eifrig von Ziegeler10), Croiset »), Fritzsche13) (Fr.) und Cha-
bert13) verteidigt wurde. Was Schwarz erreichte, war nur,
daß noch eine dritte Richtung zu den bisherigen kam, welche
zwar die Biographie im wesentlichen als echt anerkannte, aber
außer in c. 11 die Integrität überhaupt in Frage zog und
Ausscheidungsversuche machte. Am rückhaltslosesten ist in
dieser Beziehung Wichmann u) den Ausführungen von Schwarz
beigetreten, mit mehr oder weniger Zurückhaltung Thimme15),
Boldermann16) und Schulze17). In dem anderen Hauptpunkt
seiner Kritik, welche den Nachweis zum Gegenstande hatte,
daß der Philosoph Demonax bloß eine erdichtete Persönlichkeit
sei und niemals existiert habe, hat Schwarz eigentlich nur an
Wichmann einen Vertreter gefunden.
Bei diesem Tatbestand ist die Aufgabe der folgenden
Untersuchung von selbst gegeben. Da die Sachlage in unserem
Falle eine getrennte Behandlung der Fragen nach der Echt-
heit und nach der Integrität zuläßt, so soll zunächst die Echt-
heit nach den sprachlichen und sachlichen Gesichtspunkten
geprüft werden, dann wird uns die Frage nach der Integrität
und schließlich die Ansicht von der Ungeschichtlichkeit des
Demonax beschäftigen.
,0) E. Ziegeler, Zu Lucian. N. Jahrb. f. Philol. 1881. Bd. CXX1II,
329— 385, wandte sich gegen die Aufstellungen von Schwarz.
n) M. Croiset, Essay sur la vie et les oeuvres de Lucien. Paris
1882. S. 32,3.
™) Fr. Fritzsche, Lucianus. Rowtochii 1882. II, 1, 188; III, 2, Xlff.
") L. Chabert, L'Atticisme de Lucien. Paria 1897. S. 69. Die
Echtheit setzten voraus W. Possow. Lucian und die Geschichte. Mei-
ningen 1854. S. 4 und Hertzberg, Geschichte Griechenlands unter der
Herrschaft der Römer. Halle 1868 IIr 247 ff. ; die U n e c h t h e i t da-
gegen hielten aufrecht Zeller, Philosophie der Griechen.. III, l3. 771,1
und Osk. Schmidt, Metapher und Gleichnis in den Schriften Lucians.
Winterthur 1897 S. 9. 19 vgl. Fried. Leo, Die griech.-xömiache Biogra-
phie. Leipzig 1901. S. 83,2.
u) Zuerst in einer Besprechung Ztschr. f. G. W. 1880, 210 ff.; dann,
abweisend die Einwendungen Ziegelers gegen die Aufstellungen von
Schwarz im N. Jahrb. f. Philol. 1881, 841—49.
14) Ad. Thimme, Quaeationum Lucianearum capita IV. Halis Sax.
1884. S. 54-58.
,6) P. M. Boldermann, Studia Lucianea. Logd. Bat. 1893. S. 118—122.
") P. Schulze, Bemerkungen zu Lucians philosophischen Dialogen.
Dessau 1891. S. 7. Auch Jul. Sommerbrodt, Lucianus. Berol. 1893.
II, 1, 342 neigt jetzt zu dieser Ansicht.
Philologns, Supplementband X, vierte« lieft. 37
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564
K. Funk,
I. Untersuchung Uber die Echtheit.
1. Aeußere Zeugnisse.
Umsonst sehen wir uns nach äußeren Zeugnissen um,
welche die Echtheit der Vita Demonactis außer Zweifel stellen
würden; solche giht es bei Lucian überhaupt nicht. Keiner
seiner Zeitgenossen, so weit wir ihre Werke noch besitzen,
hat ihn der Erwähnung gewürdigt. Selbst wo man seinen
Namen als selbstverständlich erwarten möchte, in den Sophisten-
biographien des Philostratus, ist er mit keinem Worte genannt,
was um so auffallender ist, als der Verfasser sogar eine ge-
nauere Bekanntschaft mit ihm verrät (Schmid, Att. IV, 535;
einen anderen Fall s. u.). Nun hat freilich Philostratus auch
andere Glieder des Sophistenkreises übergangen (a. a. 0. [, 27),
so daß das Befremdende in etwas abgeschwächt wird, aber bei
der Bedeutung Lucians verlangt dieses offenkundig absichtliche
Schweigen eine Erklärung. Wohl mögen persönliche Gründe
den Philostratus dabei beeinflußt haben, etwa Verstimmung
über die niedrige Einschätzung des von ihm so hoch verherr-
lichten Apollonius von Tyana (vgL Alex. 5) und sein durchaus
entgegengesetzter religiöser Standpunkt 1S) und nicht zum
wenigsten die Nachwirkung der echt aristokratischen Exklu-
sivität des Sophistenkreises (Rohde, Gr. R. 31 5* Anrn.), dazu
mögen dann noch sachliche Momente gekommen sein, wie
sein Uebergang zu dialogischen Arbeiten, welche seinen Haupt-
ruhm begründeten und die rhetorischen Leistungen in den
Hintergrund treten ließen19), vielleicht auch das immer mehr
abnehmende Verständnis für diese Art von Nachahmung der
alten Klassiker (Rothstein S. 120 ff.). Den Hauptausschlag
hat jedenfalls das feindselige Verhalten Lucians gegen die
Sophisten gegeben, wie es sich besonders in Rhetorum Prae-
ceptor ausspricht*0). Daß Philostratus den Lucian in einem
anderen Buche erwähnte, etwa in dem, das über die Feind-
") Thimme S. 44, Croiset S. #89, Ranke, Pollux et Lucianus. Qued-
linburg 1831. S. 15, A. Planck, Quaestiones Lucianeae. Tubing. 1856,
8. 5. An Neid über die schriftstellerische Größe (Sbdt, Ausg. Sehr. ls,
XI) wird nicht wohl zu denken sein.
") Thimme S. 43 u. Anm, 2, vgl. Ranke a. a. 0.
*°) Vgl. Boldermann S. 13 (auch Westermann, Geschichte der srriech.
Beredsamkeit. I, 216).
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Untersuchungen über die Lacianische Vita Demonactis. 565
schaft seines Vaters mit dem Sophisten Aspasius handelte, ist
eine durch nichts begründete Vermutung Tbimmes (S. 43, 3).
Nur soviel kann aus dieser Notiz gefolgert werden, daß Lucian
nicht aus bloßem Haß totgeschwiegen wurde.
Zum erstenmal bringt uns Eunapius, der Fortsetzer des
Philostratus, von Lucian Kunde und bedeutsam genug ist es
derselbe, von dem wir gleichzeitig über das Vorhandensein und
den Lucianischen Ursprung der Vita Demonactis Kenntnis er-
halten. Insofern hat eigentlich unsere Biographie die beste
äußere Bezeugung von allen Schriften des Satirikers. Freilich
ist der Zeitraum von 200 Jahren, weleher beide Männer trennt,
noch groß genug, um eine Fälschung wenigstens möglich zu
machen, wenn auch Eunapius an der Glaubwürdigkeit der
Handschriften keinen Zweifel äußert.
Die erhaltenen Handschriften geben uns dasselbe Zeugnis.
Das will allerdings nicht viel besagen; denn auch die besten
gehen kaum merklich über das Jabr 1000 zurück und ent^
halten, soweit sie vollständig sind, wohl unsere Vita, aber auch
die zweifellos unechten Schriften Philopatris, Charidem und
das Enkomion des Demosthenes Rothstein (S. 28 ff.) hat
zwar den Versuch gemacht, auf Grund der Handschriften allein
ein Urteil über Echtheit und Unechtkeit zu gewinnen. Durch
Beobachtung der Reibenfolge der einzelnen Schriften hat er
nicht bloß die Einteilung der Handschriften in 2 Klassen aufs
neue bestätigt, sondern auch 4 Corpora unterscheiden können
und darunter das Corpus B mit 14 Schriften, welchem als
nr 11 eben unsere Biographie angehört. Und in der Tat ist
in diesem Corpus seine Aufstellung besonders gut begründet.
In derselben Reihenfolge finden sich die 14 Nummern in den
Handschriften: Vindob. B (10. saec. s. Rothstein S. 17), Vat.
90 T (11—12. saec. s. VogtS. 4)"), Vat. 76, Vat. 89, Vat. 88
Paris. 2954 M (14. saec.R. S. 15. V. S. 11. 17), Marc. 434 Q (12.
saec. R. S. 9. V. S. 29), Mut. 0 (10. oder 11. saec. R. S. 10.
V. S. 34) und mit gestörter Ordnung derselben Schriften —
n) Nur in Vat. 90 r fehlen Nero, Charidem nnd Philopatris (vgl.
Rothstein S. 3), in Mat. O Macrobii (a. a. O. 8. 10).
") P. Vogt, De Luciani priutino ordine libellorum qnasstiones.
Marburg 1889.
37*
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566
K. Funk,
Nigrinus ausgenommen — in Palat. 174 (14. saec. V. S. 11).
Wenigstens mit der einen oder anderen Schrift dieses Corpus
B ist die Vita noch verbunden in Vat. 1324 (12. saec. R. S. 17),
Guelferbyt. F (14. oder 13. [?] saec. V. S. 26), Florent 4> (in
diesem Teil 14. saec. R. S. 12), Paris. 2650, Paris. 3011 C,
dem lang überschätzten ss) Gorlic. A (15. saec), Laurent. 57,
28 u und in einem Parisinus, der sich nur aus den Scholien
(ed. Bachmann V. S. 23) rekonstruieren läßt; vereinzelt kommt
sie bloß vor in Vat. 87 21 (14. oder 15. ? saec. V. S. 7), Cod.
üpsal., Ambros. 218, Laurent. 32, 13 (14. saec. a. a. 0. S. 40)
und Cod. Björnstahl Bomb, nr 4 (a. a. 0. S. 32). Allein was
ist damit für die Echtheitskritik erreicht ? Was gibt uns das
Recht, mit Rothstein (S. 34) die ersten 10 Schriften des Cor-
pus B als echt und die übrigen 4 als unecht anzusehen und
die Grenze der Echtheit gerade vor der Vita Demonactis zu
ziehen, selbst wenn die folgenden De domo und Patriae enco-
mium zweifelhaft und Macrobii (vgl. Hirschfeld im Hermes
24, 156 ff.) unecht sind? Warum sollte nicht dieser Sammlung
rhetorischer Schriften, wie Nigrinus, so auch eben 'propter
argumenti similitudinem' Demonax von Anfang an beigefügt
gewesen sein können ? Der Schluß auf Unechtheit wäre nur
dann berechtigt, wenn nach genauer textlicher Untersuchung
jeder einzelnen Schrift sich für die 4 letzten eine ursprünglich
getrennte bandschriftliche Ueberlieferung herausgestellt hätte.
Da aber diese Forderung, auf die Rothstein S. 49 selber hin-
weist, bis jetzt noch nicht erfüllt ist, so sieht auch er sich
genötigt, für sein Verfahren innere Gründe anzugeben, wie wir
denn überhaupt bei solchem Sachverhalt nur auf diese uns
verwiesen sehen.
2. Sprachliche Untersuchung.
Wie in der Platokritik, so ist auch für Lucian neuerdings
mit vollem Recht die Notwendigkeit der sprachlichen Unter-
suchung stärker betont worden24). Wohl stößt auch diese
as) Vgl. Nils Nilen, An Dotation es Lucianeae. Hauniae 1889. S. 1 — 6.
■*) Vgl. Rothstein S 80,2 und Iii und bes. die Programme von
Jon. Bieder, Cynicus, Büdesheim 1891; Ueber die Echtheit des Luc
Dialogs De pärasito 1890 und der Schrift De saltatione Halle lü94;
dazu Joost, Beobachtungen über den Partikelgebrauch Lucians in der
Festschrift für L. Friedländer. Leipzig. 1895.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 567
Methode auf große Schwierigkeiten, besonders wenn man ein
zu enges Gebiet der Betrachtung unterzieht und die Rücksicht
auf die verschiedenen Litteraturgattungen außer acht läßt, wie
Joost (vgl. S. 166. 174. 175. 177); allein bei richtiger Ausübung
derselben und verbunden mit den anderen Kriterien bildet sie
gerade bei Lucian ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel. Denn
er selbst legt großes Gewicht auf den sprachlichen Ausdruck;
grammatische Fragen beschäftigen ihn bis ins Alter; der ge-
ringste Vorwurf in dieser Beziehung verletzt ihn auf das
tiefste, man denke nur an die Schrift Pseudologista und Pro
lapsu inter salutandum (Pseudosophistes?). Die künstlerische
Ausbildung der Sprache und die Darstellung geht ihm über alles ;
darum ist es auch die Form, deretwegen er bewundert sein
will, und nicht der Inhalt25). Dabei sind hier im Gegensatz
zu anderen Gebieten seine Grundsätze im wesentlichen gleich
geblieben und im Unterschied von manchen seiner Zeitgenossen
verfolgt er hier ein feststehendes Ideal, ebenso fern von dem
Stile der xoivVj, wie von jenem übertriebenen Atticismus, auf
den sehr gut als Wahlspruch passen würde das Wort Lucians:
8<j(j) äv £ev{£ot|it, xooo6xq) oeu, v6tepo£ (pr17)7 aüiotc lata&ai
(GalL 18).
Auf den ersten Blick gehen nun aber doch trotz der
Eigenart der Lucianischen Schreibweise die Kenner seiner
Sprache weit auseinander in ihrem allgemeinen Urteil über
den stilistischen Eindruck unserer Schrift26). Es kommt das
jedoch daher, daß die einen mehr die grammatische Seite, die
anderen mehr die Art der Komposition in Betracht gezogen
haben. Macht man diese Unterscheidung, dann ist der schein-
bare Widerspruch gelöst und das für die Lucianische Urheber-
schaft günstige Urteil kommt eben auf Rechnung der sprach-
lichen Seite. Dies soll nun zunächst im einzelnen gezeigt
werden.
Leider ist uns dabei ein Hilfsmittel verschlossen, die von
") Prora, es. 3. Zeux. 1 und 2. Bis. acc. 84. De hiet. conscr. 46.
Pisc. 22.
2Ä) Bernays S. 104, 24 und Rothstein S. 32—83 gegenüber Fritesche
II, 1,188 und Schwäre S. 563, der nur .wenige zweifelhafte Ausdrücke
und ein paar auffallende Fügungen« findet, ohne sie aber namhaft zu
machen.
K. Funk,
Photius (Cod. 128 S. 96 B.) hochgerühmte Rhythmik der
Sprache Lucians. Fr. III, 2, LXXXII ff. spricht allerdings da-
von ; er nennt Gallus und Cataplus als die vollendetsten Werke
der Art, während Nigrinus noch nicht so fein ausgearbeitet
sei (8. LXXVT und LXXX), ja er gibt seinen Rhythmen den
Vofiug vor denen eines Isokrates und Thrasymachus (S. LXXVI),
aber er sagt nichts von der Beschaffenheit derselben, wie er
es bei den eben genannten tut. Offenbar war eine gewisse
Regelmäßigkeit nicht nachzuweisen, ohne die wir für unseren
Zweck mit dieser Bemerkung nichts anfangen können, ganz
abgesehen davon, daß die Beobachtung nur auf einer Unter-
suchung der Dialoge beruht, die so wie so eine Misch form ton
Poesie und Prosa darstellen.
So sind wir also zunächst auf die Eigentümlichkeiten be-
schränkt, welche in Laut"- und Flexionslehre, in Syntax, Wort-
stellung und Wortwahl Zu Tage treten. Ich verhehle mir
dabei nicht, daß eine Reihe von Erscheinungen auch bei an-
deren Schriftstellern sich finden* Aber es ist Gewinn genug,
wenn unsere Zusammenstellung den Nachweis liefert, daß der
Sprachcharakter unserer Schrift von dem Lucians nicht wesent-
lich abweicht.
Lautlehre: Gemeinsam der Vita und den Werken Lu-
cians ist der Gebrauch von jonischen Formen neben den atti-
schen, so c. 5 und nach den besten Handschriften auch
c. 42 und 67 (III, 18)*); govetroXiTsörco c. 5,s), ouverfaööxc
c 7« yfvöjAOtL c. 63, <*vayiv&axou<ji c. 67 (IV, 579). Desgleichen
wird streng von ihm eingehalten der Gebrauch der unkontro-
llierten Formen in der Deklination der Sigrnastamme, wie
'HpaxXlfc c. 1, £tveta£a c. 5 *•) Und bei Xeo6u.evoc c. 42. Ge-
rade im letzteren Falle hat Lucian offensichtig die Kontraktion
als fehlerhaft verpönt, indem er Lex. 2 diesen selbst sie ge-
brauchen läßt 80), und das im Unterschied von Aeliau (III, 42),
") Wo im weiteren Verlauf nur Band und Seitenzahl angegeben
wird, ist immer Schmid, Der Atticismua in seinen Hauptvertretern.
Statteart 1887—1896. I— IV gemeint
") güv haben alle Codd. außer 91; ein Grund zur Aenderung liegt
niefat vor, wenn es auoh Weit seltener ist Vgl. III, 17; ChabertS. 88. 106
") Vgl. IV, 18. iL Darr» Sprachliche Untersuchung su den Dia-
lexeis des Maximus von Tyrus im Philol. Sappl. VII, 4 S. 10.
") Damit fällt der Verbesserungsvorschlag Cobets, Var. lect S. 84.
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Untersuchungen über die Lucianiscbe Vita Demonactis. 569
der auch den Akkusativ der Sigmastämme immer kontrahiert
(III, 21. IV, 582). Dies tut Locian nur regelmäßig in Formell,
wie xpuooöv c. 17 31) und bei dem eingeschobenen otyiat (I, 127).
Die Nebenformen x<j> c. 7 und örcp c. 13 und 17 sind häufig,
die Krasis in &£xepov c. 11 und selbst in franipy c. 1 ist fast
die Regel (I, 227). Die Schreibung öo>*) c. 66 kommt bei
den Attikern nur vereinzelt vor (1, 207, 340 ; IV, 209) und so
gebrauchen auch die strengen Atticisten, Aelian (III, 143) und
Philostratus (IV, 209) nur dau/fj. Lucian hat beide Formen:
doptf) Fug. 1. Ver. hist. II, 5. 29; 68u,$) dagegen Scyth. 2. Cyn.
17. Dea Syr. 30. Hier ist diese Schreibweise noch besonders
leicht zu erklären, weil wir es mit einem Ausspruch des De-
monax zu tun haben, dem offenbar das Kolorit der Umgangs-
sprache gewahrt werden soll, ein Umstand, auf den bereits
Fr., De Attic. Spec. II, 11 aufmerksam gemacht hat. Die Un-
beständigkeit, mit der aa und rc, uiXtaoa c. 52 und ndvcaXcx;
c. 38 abwechselt, ist auch anderen Schriften gemeinsam (III,
15). Muse. enc. 3 zeigt uiXirca und zwar trotz der Klage
des 'o' gegen die Uebergriffe des *t* gerade in diesen beiden
Wörtern nach Jud. voc. 8. 9.
Flexion: Hier treten dieselben Uebereinstimmungen zu
Tage. Der Gewohnheit Lucians entsprechend wird c. 66 der
Nom. Plur. von opvt? auf — ta gebildet, während dagegen
Philostratus nur e i n m a 1 öpvea (Ap. 231, 14 vgl. IV, 22) und
Aelian nur einigemal (III, 36) dpvituv schreibt82). Die Dual-
form des Artikels der Feminine, die Aelian ganz vermeidet
(fll, 48), lautet immer xortv (c. 1 1 tatv x^potv). Die 2. Pers.
Ind. Praes. Med. geht bei Lucian für die Regel auf — iq, nicht
auf — ei aus, so auch hier dbioxpiVß c. 26, ifrfl c. 27. Die Form
rcepatvet c. 15 bildet bei seinem Schwanken keine Gegeninstanz.
Hier ist sie besonders am Platz, weil die Entwicklung nach
—et geht (IIIr 30), also in der Umgangssprache sicher so ge-
") F. V. Fritzgehe, De Atticismo et orthographia Luciani. 1828.
Spec. I, 11.
at) Der der xotvi1) angehörende Sing. Jpvsov kommt nur einmal
bei Lucian Jud. voc. 8. vor, sonst steht ©pvte Lex. 6. De merc. cond. 17.
Conv. 43. Ausnahmen vom Plur. Öpvea sind nur öpvt{ als Nom. Ep.
Sat. 85 und als Acc. 23, De merc. cond. 13 dpvd»o>v in der sprichwört-
lichen Redensart dpvßtov yiXa a^eXy-tv und Conv. 43 öpvwtv.
570
K. Funk,
sprechen wurde35). Beachtenswert ist es sodann, daß in dem
einzig möglichen Fall die von Lucian bevorzugte (III, 31, vgl.
Bieler, de paras. S. 8. 9) äolische Endung des Opt. Aor. I. Act.
övofiaaete c. 25 sich findet, die z. B. Maximus von Tyrus (Dürr
S. 13) nur zweimal hat. Das Perf. Pasf. X£Xey|xat c. 12 von
X&fü) = sagen hat nichts Auffallendes an sich. Es wird
manchmal, wie Apol. 2. 14. Prom. es 3 unmittelbar neben
der regelmäßigen Form verwendet.
S y n t a x : In der Behandlung derselben erscheinen manche
Eigentümlichkeiten Lucians, so der mit Vorliebe und mannig-
faltig gebrauchte Acc. der Beziehung3*) c. 3. 50. 51. 53 und
der häufig zu Modalbezeichnungen und Adverbialumschreibungen
benützte Acc. Neutr. eines Adjektivs (1,234): jiaXa i^Su c. 18,
xa rcoXXcb c. 21, xö SXov c. 4 und t& xeAeuiaia c. 11 nicht in
der Bedeutung denique zusammenfassend, sondern postremo.
wie sonst immer (Mesnil S. 48. 49). Für die äußerst beliebte
Umschreibung einer Attributivkonstruktion durch Substantivie-
rung des Adjektivs und Gen. part. (I, 235. IV, 608) finden wir
Beispiele in c. 2 (xi dpxaia xöv rtapaoetyü.axü)v) c. 6. 12. 39 ;
ebenso für den Gen. part. ohne el$ oder *d; (Sbdt., Ausgew.
Sehr, zu Som. 9; IV, 608) in c. 3 (ou xöv öccpavöv) c. 23. 63.
Dahin gehört auch die von Guttentag S. 46 erwähnte Gewohn-
heit Lucians gegen den Gebrauch der meisten Schriftsteller
den Gen. auxwv beizufügen, wie c. 8.9. 11 u. a.35).
Der Artikel wird gern gesetzt zu Zeitbestimmungen z. B.
xö dt*' ixecvou c. 11 und steht trotz der sonst überhand neh-
menden Lässigkeit des Gebrauchs (111,64. IV, 614. Dürr S. 28)
regelrecht bei xoioöxos und oöxo;. Doch ist das Fehlen nach
ooxo£ c. 11 nicht ganz ohne Beispiel (De salt. 32. Per. 13),
was gegen Ohaberts Verwunderung (S. 174) über Dea Syr. in
dieser Beziehung zu betonen ist.
99 ) Das bessere Verständnis des Wortspiels nötigt nicht zu sspxtvs:,
wie Cobet S. 39 meint. Dasselbe wäre bei richtiger Auffassung von
ropalvg gerade so möglich; denn korrekt müßte es ja doch nspoivsi;
oder nspatvstai heißen nach Philops. 9 und Cauc. 5, wenn -ö spanuyia
ergänzt werden soll. Damit fällt der Grund für Cobet überall -— ei zu
korrigieren, wie man mit Schwidop, Observationes Luc. Königsberg
1848-70. Spec. I, 13 Anm. nicht überall — -q aufdrängen darf.
M) Baar, Wien. Stud. VIII, 68; vgl. IV, 009.
M) FQr Lsxöoc öuspßoXij s. Chabert S. 174.
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Ünterguchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 571
Nicht vereinzelt findet sich der Gebrauch von eautoö c. 17
statt aeauxoö86). Wie die Atticisten überhaupt gerne Adjek-
tiven und Adverbien ein it* ohne besondere Bedeutung an-
hängen (I, 293), so erscheint es auch hier an Adjektiven c. 14.
50. 63 und an einem Adverb c. 5 oi> tmSvu ti (I, 293 vgl. 137.
II, 157. III, 68. Dürr S. 32).
In der Tempusverwendung wird zur Zeit des Atticismus
durchaus nicht mehr die klassische Strenge gehandhabt. So
dürfen uns die gegen die Regel gebrauchten Imperat. Praes.
c. 23. 48. 66 nicht berühren und der Tempuswechsel in c. 1
ejieXXe utjo! Saeafrat, dXXdc ix'^ai'vecv ist gegen Cobets Korrektur
S. 100 in ixffavetv (Fr. und Sbdt.) beizubehalten 37), ebenso auch
in c. 25 ev8oiaaavTO£ xa: dTiopoövToj. Die von Guttentag S. 41
(vgl. I, 96. 240) gekennzeichnete Vorliebe Lucians für das Perf.
und Plusquamperf. zeigt sich hier in c. 4. 17. 40. 53. 58.
Dahin rechne ich auch das beanstandete Tempus38) in c. 38
Im Gebrauch der Modi gilt das Gleiche. Der Opt. über-
wiegt den Konj. im allgemeinen schon so sehr, daß selbst
nach einem Präs. im Hauptsatze der abhängige Satz, der unter
Umständen durch eine vorangestellte Wendung wie dfyicpoiv
Evexx c. 2 ausdrücklich eingeleitet werden kann 39 ), mit dem
Verbum im Opt folgt40); manchmal tritt auch der Indic. Fut.
(c. 20 e: xaiavo^aei;, söpot; dtv) stellvertretend für den Conj.
und Opt. Aor. ein (vgl. Chabert S. 190). Regelmäßig ist oö-
tw; wate c. 44 mit Indic. Praet. verbunden (a. a. 0. S. 189),
aber auch für die Konstruktion von wäre mit Inf. statt <i>;
mit Inf. c. 11 uud 63 fehlt es nicht an Belegen (Sbdt. zu
36) I, 227. Zu den hier aufgeführten Beispielen käme noch Ver.
hist. I, 6. Apol. 2. In Pseudoaopli. 4 ist vielleicht eben dieser Gebrauch
getadelt. Vgl. Chabert S. 107. Dürr S. 4>9.
■7) Ein ähnlicher Fall ist erwähnt 1, 96, abgesehen davon, daß uiXXio
sich öfter, Herrn. 43. Pro lapsu 9. Jup. trag. 45 (vgl. 111,72. 188.
IV, 195) mit Inf. Praes. findet
'*) O. Späth, Analecta critica ad Lucianum. Freising 1896 halt
nur jiäx83^at S5oS* für richtig.
*•) Heller, Die Absichtssätze bei Lucian in den Symbola Joachim.
1880 S. 313.
*°) Heller S. 307 und 303 erklärt den Opt. als Modus der Or. obl.
wegen des vorausgehenden Inf. Die Begründung desselben in c. 5 aus
der koncessiven Bedeutung des Participialsat7.es (S. 311 und 312) ist
überfl Ossig, da das Part, nach dem vorausgehenden ecpxs: ein Praet. ist.
572
K. Fonk,
Ohar. 23. Tim. 6 vgl. III, 85. IV, 622). Das durchaas un-
klassische olo\ia,i 6ti c. 24 ist durch die Verbindung mit ^dc-
jiat entschuldigt ; findet sich indes oft genug (I, 242. Ygl. IV,
83. 620).
Von den beiden Negationen werden oö und u-fj ohne jeden
Unterschied gesetzt, nicht einmal der Hiatus ist entscheidend
für den Gebrauch der einen oder anderen Form (I, 245. Mesnil
S. 41 ff.). Doch ist bedeutend im Uebergewicht; es findet
sich auch hier im infinitiven Aussagesatz c. 1 4I). 25, und nach
6xt c. 24. 58, wo man ou erwartet; dagegen ist ou richtig
verwendet.
Die reinen Adv. werden von Lucian oft als Verstärkungen
des Positiv angewandt, so hier xo|u5fl c. 28. 40 (vgl. Sbdt,
Ausg. Sehr, zu De bist, conscr. 8. Gall. 2). Das gleiche Ver-
hältnis zeigt der Gebrauch von jiaXa c. 11. 13 und von dem
fast um das Doppelte häufigeren Tiavu c. 18. 26. 27. 39 (1,275
und 282); umgekehrt zieht Aelian u,dtA<x vor (I, 125). Mit
diesem Tiavu wird besonders gern von Lucian, z. B. Apol. 5.
Philops. 5. Vit. auet. .22. Ic. 2. Herrn. 11, nach Xenophons
Vorbild ein Eigenname in elliptischer Weise auch c. 24 ver-
bunden. Als Steigerung des Komparativs dient Tcopa tcoXj.
wie c. 6; dagegen findet sich die Lucian und Dio Chrysostomus
eigentümliche Verstärkung durch |iäXXov und tcovu (Chabert
S. 175) in der Vita nicht. Andererseits erscheint von u.6vg;
fast überall die adjektivische Form, wo meistens das Adverb
gesetzt werden könnte und müßte, so c. 2 {izpb$ xa äpx<zia
u.6va töv 7capa$siY|AiTü)v ; c. 10 sind beide Auffassung möglich)41).
Der mit der Präposition inl gebildete Ausdruck inl tzoXu
kommt vor = magnopere c. 67 und in der Lucian noch ge-
läufigeren Bedeutung = diu c. 25. 54 (I, 399. Mesnil S. 36.
49) <*), ähnlich inl iifjxcaxov c. 1 (vgl. Anach. 26. 27. 38. Dial.
mort. VI, 2 u. a.). Die Verbindung 7cpoeXfrü>v eis autoO; c. 57
statt Ttapa steht nicht allein und ist gerade vor folgendem
41) Vgl. De salt. 20.
**) Guttentag S. 44. 45 u. C. Knaut, De Luciani asini auetore.
Leipzig 1868. S 36.
4S) Auch bei Arrian und Philostratua ist fcsl izoXb beliebt (IV, 454)
nicht aber bei Maximus (Dürr S. 51).
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Untersuchungen Uber die Lucianische Vita Demonactis. 573
Pron. grammatisch richtig44). Besonders hervorzuheben ist
noch die Präposition Ötypi izpb$ c. 67. Sie kommt auch bei
anderen Schriftstellern des atheistischen Zeitalters vor, so bei
Aristides 2mal (II, 91), Polemo lmal, Dio Chrysostomus 3mal
(IV, 626), bei Arrian nur lmal uixpt npk Peripl. 1. 6. II44).
Das ist im Verhältnis zu dein häufigen Gebrauch bei Lucian
(I, 397) so selten, daß man sie zu den spezifisch Lucianischen
Eigentümlichkeiten rechnen darf. Um so beachtenswerter ist
für die Echtheitskritik, daß die einzige Stelle, wo zu ihrer
Verwendung Gelegen heit geboten ist, gerade diese Präposition
aufweist.
Am meisten charakteristisch und am schwersten nach-
zuahmen ist endlich die Verwendung der Konjunktionen. Dar-
auf dürfte besonders bei den späteren Schriftstellern Gewicht
zu legen sein, weil diese mit dem Abkommen des Verständ-
nisses für den Perioden bau bis zu einem gewissen Grade durch
Partikeln die alte Kohäsionskraft ersetzen mußten, welche in
der festgefügten Periode die einzelnen Teile zusammenhielt.
Aber auch hier bietet unsere Schrift keine Schwierigkeiten.
Ich führe im folgenden die hauptsächlichsten auf:
äv pleonaatisch c. 10 2mal; Beispiele Mesnil S. 5").
*XX& T4p c 3; häufig tgl. 1, 438. III, 329.
*XX4 — ys c. 8. 50 und y* c. 2. 10; im Verhältnis tu manchen
Schriften etwaB selten ; doch kommt die Vita noch vor Per. Ver. hist
und As. «.Joost S. 18147).
yoöv c. 7. 26. 48; sehr beliebt s. Bieler, De paras. 8. 20, an allen
3 Stellen ist es normal gebraucht (nicht gleich 8' oftv und oov tgl. Gut-
fcentag S. 46) und am richtigen Platte (f 428).
c 8. 5049).
xoti u.j)v c. 20. 29. 66; es verteilt sich so ziemlich gleichmäßig
auf alle Schriften, ohne in einer echten Schrift, wie hier, allauhäutig
su sein. 3. Joost 8. 171 (I, 427. Thimme 8. 9. Bieler S. 20).
xal n- tj v x«t c. 22. 26. 89. 54. 56. 68; in dieser Beziehung fällt
die Vita auf. Die Partikel findet sich im ganzen nur 83 mal (I, 427),
**) Mesnil 6. 86. Krüger, Gr. Gramm. 68, 21, 3.
**) Vgl. Mücke, Zu Arrians und Epiktets Sprachgebrauch. Nord-
1887. S. 19.
**) Heller S. 295 sucht die Erscheinung psychologisch tu begründen,
während Sbdt. II, l, 821 tu Tyran. 3 doch etwas zu auüerlich nur das
Streben darin erblickt, durch die Zahl die Kraft der Partikeln tu steigern.
*7) Besonders gern steht es nach dem Artikel wie c. 2. 3. 50 und
beim Partie, um einen kau«ulen Sinn zu bezeichnen c. 10. S. Joost
S. 177.
*•) c. 50 schreibt Sbdt 8s trotz der Ueberlieferung W| in AQttr
Mut; beim Imper. steht ftij außer den bei Thimme S. 9 genannten
Stellen noch Conv. 18. Zeux. 7. Nav. 36. Paras. 4. 20. 52.
574
in den echten Schriften höchstens je 1 — 2m al mit Ausnahme von De
bist, conscr. mit 6, Ver. hist. mit 9, As. mit 7 Fällen. S. Joost S. 173
176. Vielleicht ist die Häufigkeit durch den ruhigen Ton der Erzäh-
lung in diesen Schriften veranlaßt. Der Wechsel von xal u-v)v und xai
p.ijv xal hat nichts auf sich, er hat nicht nur im Ic. statt, wie Thimme
S. 9 angibt, sondern auch in Eun. 3 und 10. Nav. 44 und 42. Muse,
enc. 1 und 2. 5. Anach. 14. 16 und 27. 29. Paras. 1. 2. 2. 8. 8. 9. 10
etc. und 28. 55.
xal ou xal c. 9; vgl. De merc. cond. 16. 17. 39. Fug. 13-
De luctu 12.
x % x a c. 35; von Lucian zwar getadelt Lex. 21 und Rhet. praec 16,
aber doch gebraucht vgl. I, 264.
usvxoi c. 33. 41. 42. 49. 67. 67; ganz gewöhnlich s. I, 427.
jiev - 8e c. 1. 6. 7. 7. 7. 8. 8. 8. 10. 11. 11. 16. 26. 28. 28. 29.
37. 48. 50. 50. 51. 56. 59. 62. 63; äußerst häufig, oft Smal in einem
cap., so Som. 1. 7. Char. 16. 19. Nigr. 8. 9 u. a.
|iäv ohne folgendes 6 e c. 11. 67; auch xal — 8s c. 4 ist nicht
ohne Beispiel vgl. De salt. 13; Knaut S. 39. dXXa entspricht aav in
c. 3 2 mal.
oöxoi jievxot ohne Öse. 67 dient zur Hervorhebung s. Gut-
tentag S. 60.
uev y de p c. 11. 50. 59. 67, nicht selten vgl. Bieler, a. a. O. S. 20-
oöxoOv c. 55 vgl. I, 427.
oo |a*jv — 4U4 xal c. 3 kommt Charid. 15 ausgenommen nur
noch 6 mal in unbestritten echten Schriften vor.
oü jitjv — y k. c. 4; nur in unzweifelhaft echten Schriften und zwar,
wie hier, bloß einmal. S. Joost S. 173 vgl. I, 427. Bieler, a. a. O. S. 11.
oöv c. 1. 14. 17. 24. 52. 66.
xotyapoöv c. 11; meist wie hier an erster Stelle vpl. I, 428.
xolvuv c. 36; sehr gewöhnlich und nirgends bei Lucian an erster
Stelle des Satzes, (I, 428), so auch hier.
■Li — xal c. 1. 2. 3. 10. 11. 11. 63.
xe - TS c. 11. 59.
oü fiäA'.a c. 3; vgl. I, 421.
ü) f = t v a c. 2. 5 ; vgl. Heller S. 295. Chabert S. 167 und I, 237, 18.
Das seltene £va kommt hier überhaupt nicht vor. Vgl. dagegen Maxi-
mus, Dürr S. 40.
o>C — 6xt c. 12; 6xi findet sich selbst 10 mal, c. 4. 8. 11. 11. 14.
15. 16. 24. 29. 58.
& q = & o x s c. 6. 10. 23.
In verschiedenen Bedeutungen steht &g beim Part.: c. 31 final:
c. 8. 23. 37. 10 objektiv begründend; c. 16. 24. 42 subjektiv begrün-
dend; ferner steht es bei Adj. c. 12. 37, bei Subst c. 61. 26.
woxs = ut consecutivum c. 11. 44. 63; etwas selten, da der
alternde Lucian im Gegensatz zu seinen jüngeren Jahren zwar nicht
ausschließlich, aber doch fast nur woxs gebraucht. Vgl. P. Schulze,
N. Jahrbb. 1891, 827 und IV, 87.
woxs = quare c. 4; nicht selten nach Knaut S. 38, Sbdt. Ausg.
Sehr. IIP, 154.
xafxoi c. 11. 11, das eine Mal den Hauptsatz, das andere Mal
den Nebensatz einleitend; Beispiele für beides bei Mesnil S. 58.
Wortstellung und Satzgefüge ist durchaus ungekünstelt
und einfach und entspricht ganz dem Lucianischen Geschmack.
Nirgends zeigt sich jene Verrenkung in der Wortstellung, wie
J
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Untersuchungen über die Lucianiacbe Vita Demonactis. 575
in dem unechten Charidemus 49). Der Hiatus wird gleichfalls
nicht ängstlich vermieden, nicht einmal im schlimmsten Fall,
wo ein kurzer nicht elidierbarer Vokal, welcher das Wort
schließt, mit einem folgenden kurzen zusammenstößt. Er fehlt
nur in den unechten Schriften Charid. Halc. Demosth. enc.
(Schmid, Philol. 50, 302). Ebenso wird auch nur einigemal
die rhetorische Stellung des Verbums zwischen dem Adj. und
dem dazu gehörigen Subst. angewendet, wie c. 11 (xpa/utipw
iXpip7*0 xC9 Tcpoot|xtci> und xautTjv lyr\ ixetv afxtav) und 16
vgl. Bis acc. 1. Herkunfts- und Standesbezeichnungen folgen
dem Namen in attischer Weise c. 1 (ATju,o)vaxxa tgv cp:X6aocpov)
c. 3 (TtjAoxpflte t(j) HpaxXedYcfl) c. 29. 30. 31. 44. 54. 56;
nur c. 1 (töv Boiwtiov Swarpaiov) tritt eine andere Stellung
ein, welche indes gleichfalls belegbar ist (I, 419. vgl. 101).
Mit den Atticisten und Lucian gemeinsam60) hat unsere
Schrift gerne die prädikative Stellung des Adj., so daß dieses
voransteht, während das Subst. mit dem Artikel folgt c. 4. 8.
28. 31. 38. 51. Diese ist bei Lucian, mit nur wenigen Aus-
nahmen in zweifelhaften Schriften, nach Bieler Cynicus S. 10,
die Regel, wenn das substantivierte Neutr. mit einem Gen.
part. verbunden ist, so auch hier c. 2 (ia apyjxlx xwv rcapa-
5etyjiaTü)v). 6. 12. 39.
Die einzelnen Sätze werden übereinstimmend meist ko-
ordiniert. Parataxe statt Hypotaxe selbst in Fällen wie c. 3
und 16 ist so wenig als die Wiederaufnahme eines Satzes mit
xoti toöto (c. 55 und 63) etwas Seltenes01). Dafür steht oft
auch (vgl. c. 63) das verblaßte Wort 7cpay|ia (Gruttentag S. 53).
Sehr gerne aber fügt Lucian einem voraufgeschickten Ge-
danken noch nachträglich mit Unterbrechung des Satzes eine
nähere Bestimmung hinzu, welche zum Verständnis durchaus
notwendig ist, offenbar mit der Absicht, den nachlässigen Fluß
der Sprache des täglichen Lebens nachzubilden (a. a. O. S. 38).
Beispiele dafür finden sich in c. 31. 54. 25. 14 und 44. Von
den Redefiguren ist die eigentliche Antithese selten, in der
**) Ziegeler, Studien zu Lucian. Hammeln, 1879 S. 4.
60) IV. 613. Dürr S. 29. Guttentag S. 45. Bieler, De paras. S. 19
Enaut S. 36. So steht auch das Fron, voran c. 41. 44. 47. 56.
M) 1, 239. Bieler, De paras. S. 9.
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576
K. Funk,
Regel stellt er nur der Position eines Gedankens die Negation
entgegen (vgl. De merc. cond. 1). Die Anaphora ist häufiger
nur in rhethorischen Schriften (für die notkikkcrfta, in c. 1 eföov
nai 2oe>v ifraojiaoa vgl. Herrn. 49). Oft erscheint nur die
Litotes, so auch c. 1. 1. 3. 4. 4. 11. 14. 25. 44. 49. 66 (I, 415).
Die Gewohnheit Lucians, einen Gedanken nicht nur nach
Dios Art6*) durch 2, sondern durch mehrere synonyme Aus-
drücke wiederzugehen ßS), zeigt sich in der Vita in folgenden
Fällen : c. 3 dp$<j> xal Oyte» xal fltvewiM)*T(p ߣtp Xf*^0* -
c 5 ftauu^otTO xau ino^Unoxo und 6jio5tattos änaaiv &v nzi
Ke£ö* xal oü5' erc' oAfyov Tüsp<|> xaxox©S auvfjv xai SuvenoXmuexo
— c. 9 6 xpinoi; izpatos xa: fyupo; xal <p ai$p6? ; ähnliche Häu-
fungen c. 6 Tcavxotou^ . . . xart xoojuo>T£pooc qpat5por4pQt*;
xa! rcpöc; tö uiXXov euiXmSa? — c. 11 rcpcfou; xal Uec*£ —
c. 12 dyevve; xal -pivaixetov xal <piXoao<p£a fpuxca wp£TOv.
Die Untersuchung über die Wortwahl endlich ergibt fol-
gendes Bild:
Spezifisch Platonische Wörter und Ausdrücke . 5 54)
aus PI. u. a., aber nicht Xenophon und Comici 14 65)
aus PI. und Xen. mit Ausschluß der Com. 16
aus PI., Xen. und Com. 2
aus PI. und Xen. allein • 1
aus PI. und Com. 6
aus Xen. und Com. 1
aus Xen. aHein 1
aus Xen. u. a. mit Auschluß PI. und Com. 7
aus Com. allein 5
aus der neuen Komödie 5
aus der übrigen Poesie 7.
Dazu kommen aus Thuc. 3, Demosth. 2, Aeschin. 1, aus den
Trag. u. a. 1, aus der attischen Prosa 7 Wörter; dagegen sind
nicht vertreten Hdt und die Jonier.
Diese Zusammenstellung zeigt deutlich genug, daß die
Hauptquelle für die gewählten attischen Ausdrücke PL, Xen.
") Math. Graf, In Dionis Prusaensis orationee ab J. de Arnim
edita. (Vol. I) coniecturae et explanationea. Monachü 18Ö6. 8. 22.
6S) Guttentag S. 36.
") I, 141 ff. vgl. mit 299 ff.
") 1, 106 ff.
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Untersuchungen über die Lucianiache Vita Demonactis. 577
und die Komödie, sowohl die alte als die neuere und wohl
auch die mittlere ist, während die übrigen Autoren der älteren
Zeit eine untergeordnete Rolle spielen. Das stimmt denn auch
völlig üherein mit dem Bilde, welches uns die eingehende Un-
tersuchung Schmids in dieser Beziehung von der Art Lucians
gegeben hat (I, 401), wie ja schon der von dem Schriftsteller
selbst vorgeschriebene Bildungsgang für den jungen Redner
(Lex. 22. Rhet. praec. 9) erwarten ließ.
Zu den besonderen Eigentümlichkeiten des Lucianischen
Stils gehört es auch, daß es fast in keiner Schrift an ärcxE
Xsydfieva fehlt. Die Vita weist 6 Beispiele auf: auvarceiXiü)
c. 15, ein Kompositum, das nach Thes. Gr. s. v. nur SchoL
Horn. A, 452 und Eustath. p. 67, 3 vorkommt. Statt 5pa>-
7wax£?u> c. 50 gebraucht Lucian gewöhnlich, De raerc. cond.
33. Rhet. praec. 23 etc. und unmittelbar vorher in c. 50 un-
serer Vita KiTxoöv (vgl. I, 152). Von der Wurzel des seltenen
und offenbar dichterischen aoXocxos c. 40 (vgl. Thes. Gr.
s. v.) benützt Lucian nur ooXoix^ü) Rhet. praec. 23. De merc.
cond. 35. Pseudosoph. 1, ooXoixca(i&; Nigr. 31 und aoXotxfa
De salt. 27. 80. Die Verbindung Orcepiviö Ytyvea^atc. 3
ist sonst häufiger gebraucht worden (Thes. Gr. s. v.). Statt
xaTapLiyvojit c. 5 verwendet Lucian sonst das Doppelkom-
positum bfXQczapiyvuiLi Alex. 13: Anach. 14. Philops. 4. De
hist. conscr. 13 u. a. EOaTtaTTjtoc c. 12 hat wenigstens an
dem gleichfalls vereinzelten £ue£a7i«T7]TOS Ic. 30 eine Parallele;
xuvotü) c. 21 steht in der Gracitat m. W. ganz allein. Lucian
kennt dafür nur xi>v(£o Per. 43. Im Verhältnis sind das aller-
dings viele Fälle, da ihnen im umfangreichen Herrn, nur 7
entsprechen (Chabert S. 126 ff.). Allein das hellnische 5po>-
7tax££(i>, eöaTuaTTjToc: und xovcfo) ße) lassen sich begreifen ; sie
sind ja einem Ausspruch des Demonax entnommen, und so-
dann ist Chabert in der Aufzahlung nichts weniger als voll-
ständig, wie er auch hier nur die beiden erstgenannten Beispiele
autführt.
Nach dem Bisherigen weicht also die Vita in sprachlicher
M) Abgesehen davon daß &ito\orpopbt nicht Dem. 83, sondern Dein,
enc. 33 sich findet, kann ich nicht einsehen, wie nach Chabert S. 136 ff.
xovdco und gar ^jua-söotM«, in neuer Bedeutung gebraucht sein sollen.
578
K. Funk,
Hinsicht von Lucians Art nicht ab, ja da und dort treten uns
spezifisch Lucianische Eigentümlichkeiten entgegen; allein es
finden sich doch auch Erscheinungen, die wir bei ihm seltener
treffen. Dahin gehört die Bildung des Acc. auf -r- rt bei den
Personennamen mit der Endung — tj; c. 24. 33. 56. 62 67),
während bei Lucian dife auf — rjv vorwiegend ist (IV, 582.
Chabert S. 104). ScpoSpa c. 12 wird nur bei Dio Chrys. häu-
figer verwendet; Lucian hat es nur 38mal und davon llmal
in As. und Am. (I, 292) ; noch seltener findet sich aux:xa jia-
Xa c. 15 (I, 292. 275); tö noXb c. 20 gar nur Herrn. 28.
33. 34 und De cal. 12 und dXr/O-w; ohne vorangestelltes ws
hat nur an Dial. mer. XI, 4 ein Beispiel. In der Bedeutung
„ bei sich, für sich etwas thun " erscheint gewöhnlich eine Ver-
bindung mit xatd oder 7tpö; c. Acc, in: c. Gen. wie c. 36 iiz'
ijiauTcö, ist nur 4mal belegt (Bieler, De Paras. S. 8); rcpö
öjpas ß8) c. 24 kommt bloß noch De luctu 13 vor (vgl. Jup.
trag. 47 «pb toö xatpoö). Die Seltenheit von av te — ötv te
Oat. 14 gegenüber Dem. 11 und 59 (eav xe Paras. 25) ist
wohl nur Zufall, da et xe — et xe häufiger ist. Für xal uiv-
xoi xa: c. 46 weiß Bieler a. a. 0. S. 12 nur noch 5 Stellen
namhaft zu machen. Die Verbindung cSaxe insl xai c. 4 zeigt
in derselben Stellung nur noch Jup. trag. 51ß,J); ebenso ist
xe dpa xa: c. 12 nur in Macr. und De Dea Syr. häufiger, in den
echten Schriften steht es 8 — lOmal nach Bieler, De Salt. S. 17.
Selten gebraucht werden einzelne Wörter, wie 5ryxxtxö; c. 50
(Nigr. 37), faaxwvr, c. 5 (De raerc. cond. 3. Charid. 1.
Dem. e n c. 22), xdxoxoc (De hist. conscr. 8), aziyoi 60) c. 60
(Ver. hist. I, 24. Alex. 36. De luctu 24. Char. 4). Statt eva
i7) So lesen wenigstens die besten Handschriften B&r$ Mut; AKF
Jagegen haben die von Xenophon beliebte Form, die c. 56 auch B
au I weist.
M) Arriun hat es allein Diss. Epict IV, 8,38 2 mal.
so) Die Zwischenstellung von xal (Fr. und Sbdt.) ist also nicht ge-
rechtfertigt.
M) Mit Unrecht hat K. G. P. Schwarte in Mnemos. XIV. N. S. 214
( 1886) an der Bezeichnung ot(xot für die homerischen Gedichte Anstoß
genommen , weil dafür sonst &:»] oder «oii^ata stehe und das Oitat
regelrecht mit to oder zä 'Oiivjpoo (Pseudol. 2T. Fug. 30. Char. 7) ein-
geleitet werde, während crixoc nur von einzelnen Versen gebraucht
werde. Der Sinn ist ja eben der: von den einzelnen Versen aus Homer,
die ihm zusagten, führte er diesen einen am meisten im Munde.
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Untersuchungen aber die Lucianische Vita Demonactie. 579
Kuvtxöv c. 48 (vgl. Per. 15) wird für die Regel e?c mit Gen.
park verbunden, andernfalls wird iIq beigefügt (Ic 2. Philops.
1 2. Cat. 3 u. a.). So beliebt den Atticisten die Wendung oO
X^Cpov ist, bei Lucian erscheint sie außer hier c. 14 und 44
nur noch 5mal (I, 120. 238); auch oüx 5<mv Sorte oö c. 10
und 67 findet sich sonst nur etwa in 2 Schriften einmal (Bie-
ler, De Paras. S. 19); dagegen ist Ix** m^ 1°^ c« 2 und 25
wenigstens in manchen Schriften, wie Herrn, und Abdic. häu-
figer (a. a. 0.).
Vereinzelt steht das mediale Partie. <yflc|ievo; c. 33. 66;
das Med. fand übrigens Verwendung in Iqprjo&a Herrn. 3. 6.
9. 19. 61. Je. 2 (vgl. IV, 599. f. Aelian HI, 44 f.). Aehnlich ver-
hält es sich mit der Verbindung 60a el$ c. 3 = soweit darauf
ankommt. Lucian kennt nur öoov ei$ Jud. voc 12. Per. 35
und öoa ye Tim. 52, während die atheistische Pluralform (IV,
71) 60a e's für Aelian belegt ist (HI, 143).
Es fehlt sogar nicht an sprachlichen Eigentümlichkeiten,
welche ich bei Lucian nicht nachzuweisen vermag. Dahin ge-
hört der Gebrauch des Aor. Pass. von <£7ioxp(v6o{rÄt = ant-
worten c. 26 61 ). Selten ist ohnedies schon das Praes. von
oxiirreod-ai bei den Attikern (I, 135), die Konstruktion mit
abhängigem Inf. c. 57 ist ohne Beispiel; Char. 2 ist es mit
ü>S verbunden. Das Verbum xaxa6a((i>, wie die davon gebil-
dete Form xaxa8aa{H)vat c. 35 kommt nur hier vor •*). Schwer-
fällig ist sodann die Verbindung xaxa tö xotvfcv ovrzpixtw
xot£ ä\\oi$ xfy Tweä-et aöxoö c. 24. Nur mit e i n e m Dativ
und zwar einem solchen der Sache kommt cruvrp^xetv Dial.
mer. X, 4 vor und Zeux. 2 hat nur einen Dativ der Person
(Öti pi) ouv^fous pijSe xaxa xö xotvöv ßa5££ot Tot? iXXotf).
Immerhin ist es bezeichnend, daß an unserem Orte dieselbe Stel-
81 ) Gegen eine durch das unmittelbar voraufgebende sparend w.
veranlaßte Verschreibung (Fr., De Attic. Spec. II, 12, K. G. P. Schwarte
S. 213) spricht außer der Ueberlieferung der Handschriften die Tatsache,
daß ahnliche Formen (vgl. ^pvTjodjitjv statt -fjpvy/Jbjv Mesnil S. 5) nach
Pseudosoph. 5 und Polyb. (I, 281) vorkamen.
•■) Cobet S. 80 schlägt xotruüta&fpai vor in Anlehnung an Heeiod 7
«poxaxsötttat. Aber nur die Handschrift 4> bat an umerer Stelle zwei
s darüber geschrieben und awar erst von 2. Hand. Die Form ist inde»
nicht so ungriechisch, wie Cobet meint; es ist eine regelmäbige Bil-
dung von xatotöafö) und dann nur einer jenen starken Ausdrücke, wie
sie die Umgangssprache liebt (f. Aelian s. III, 204).
PhlJologUH, 8npplementb»nd X, Tlerte» Hefl. 38
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580
K. Funk,
ltmg beliebt wird wie Zeux. 2. Endlich kennt Lucian nurxc
noLpdnaw oder iwvTdswaotv, nie aber tö 7Wvt4««oiv c. 1. Ob
hier aber nicht die Handschrift A mit tö icapcbwv recht hat?
Einige andere Erscheinungen Lucianischer Eigenart treten
nun freilich in unserer Vita nicht zu Tage. Es wird nur ßo6-
XopLoc c 12. 44 gebraucht und als Präposition beim Passiv nur
too, nicht wie sonst im Wechsel mit fr£A<i), &&6Au> bezw. 7ipc;
c. Gen., welch letzteres den ersten Schriften (PhaL I, 13) ebenso
angehört wie den letzten (Alex. 2 und Pro lapsu 5). Es fehlen
ferner die sonst häufigen Wendungen oox oföa ort, öicws, zi,
<S>C, 6$, eu otö' 6tcü); x.t.X., tö u4ylotov, tö isapaoo^oTaTov u. a, ;
tlptpezou yctp, fy^u-a, Ttapepyu);, 6$oö ndpepyov, ci>c tö efrcog,
dTcxv&c, rcipa toö u.eTp£ou, eö noi&v = wohlweislich ; vielleicht
liegt der Grund dafür in dem objektiven Charakter der Schrift.
Es fehlen die Satzverbindungen toOto uiv — toötö $k und be-
sonders (i&XAov 5£, wofür sich nun allerdings das gleich häufige
yuxl u-aXiora c. 1. 12. 67 findet. Es fehlen endlich die Par-
tikeln duiXet, <JpTt, ÖijXoSif], vor allem icXijv dXXa. Gerade aus
letzterer Tatsache will Joost eine nicht unwesentliche Ver-
größerung der Zweifel an der Echtheit der Vita Dem. und
anderer Schriften entnehmen. Er muß aber selbst gestehen,
daß man diese Verbindung außer in den rhetorischen Produkteu
seiner Jugend und seines Alters auch in den zweifellos echten
Schriften Som. Nigr. DiaL mar. Vit. auct. Eun. Fug. ver-
mißt (S. 168. 169). Ebenso ist seine andere Bemerkung, daß
sich die Häufigkeit des Gebrauches von rcXijv d&Xd nach der
von u^v richte (S. 175), nicht ohne Ausnahme. Er kann Philo-
pseudes mit seinem einzigen n\ty <&Aä nur durch die Begrün-
dung halten, .die Schrift trage keinen ausgesprochenen dia-
logischen Charakter an sich, sondern halte sich mehr in den
Grenzen des Berichtes Ober geführte Gespräche" (S. 171). Da-
mit ist natürlich auch unsere Vita gerettet und die oben aus-
gesprochene Forderung, die Schriftgattungen bei solchen Un-
tersuchungen auseinanderzuhalten, unwillkürlich bestätigt. Uebri-
gens haben kein rcXtjv dXXdt bei allerdings massigem Gebrauch
von u^v auch Cron. Dial. mer. De merc. cond. (S. 175) und
in ähnlicher Weise steht es auch mit Dial. mar. Vit. auct.
Fug. Eun. Nigr. (S. 171 ff.). Wegen des Gebrauchs von öorap.
Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demonactis. 581'
das sonst mit -xafr&ntp wechselt, die Schrift zu verdächtigen
(S. 182), ist wohl ein Versehen, da jenes sich nur ein ein zig-
mal c. 19 findet. Das Fehlen von &XX<i>{ hat Thimme S. 9 be-
gründet68), das von |iera$u, Bei es nun absolut oder mit Par-
ticip, ist das Charakteristikum der Schriften des Alters (Joost
S. 166. 167). Jedenfalls dürfen wir nicht überall alles suchen ;
in unserem Fall verbietet das schon der geringe Umfang. An-
deres hat wieder in der Abfassungszeit, in der htterarischen
Gattung, in dem objektiven Charakter der Vita seinen Grund.
Wenn man alles in allem betrachtet und die Schrift zu-
sammenhält mit anderen, die Lucians Namen tragen und gleich-
falls nach der sprachlichen Seite untersucht worden sind, so
wird man den Eindruck gewinnen, daß sie bei weitem nicht
die Schwierigkeiten bietet, wie etwa nur der gleich umfang-
reiche Cynicus. Gerade die dort von Bieler, Cyn. S. 11 ge-
tadelte Konstruktion von ahiäa&ou und ouoxepatfveiv kommt
hier c. 24 und 8 nicht vor.
Das Folgende wird uns nun aber einen Schritt weiter
führen. Wir finden nämlich in der fraglichen Vita verschie-
dene Ausdrücke verwendet, welche sich bei Lucian unstreitig
einer gewissen Beliebtheit erfreuen64), so z. B. dlaata inl tc
und zwar immer in der Aoristform, wie c. 4, £xpu>t c. 1, öfter
adjektivisch mit Substantiven verbunden Nav. 44. De hist,
conscr. 15. Vit. auct. 2. Dial. mort. XX, 5. vgl. lup. trag.
26, änotpoc c. 1. 25. Rhet. praec. 17. Conv. 22. Hipp. 7,
dcvacp£pu> elq xt c. 1. Conv. 34. Per. 4, (xrcoSetXtav c. 42.
Dial. mort. X, 8. Nav. 35. Per. 26, &v Y^Awrt Ttoietaftat
c. 12. De hist. conscr. 32. Nav. 15, £v$otd£ü>c. 25, iici-
xexXaau.£vo£ c. 12. Adv. ind. 23, 6taxexXaau-£ vo? c. 18.
De merc. cond. 33 vgl An ach. 7, eöotoxoc c. 12. 39. Nigr.
35. 36. Conv. 12. Gall. 6. Adv. ind. 15. Tox. 11, vgl. Gutten-
tag S. 52, xgou.loc c. 6 gern von Philosophen gebraucht =
verständig, so Bis acc. 17 Conv. 5. 7. 34. Tim. 54. Herrn. 19
•■) Außer den hier genannten Stellen kommt es noch vor Conv. 16.
Iup. trag. 25. 26. 80. 82. 88. Anach. 16. 20. 29. 82. lup. conf. 1. 7. 14.
Alex. 49. Hipp. 2. Dips. 6. Hdt. 6. Phal. I, 12. Cauc. 4. 6. 8. 16.
•*) Im ff. werden nur die Stellen angefahrt, welche nicht im Index
der Lucianausgabe von Jakobitz verzeichnet sind.
38*
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582
K. Funk,
u. a., X a (A ß a v e o & a c i : v ö ; c. 41. N a v. 11. 14. Demerc.
cond. 24. Fug. 18 u. ö., 6XcYOXp6vto? c. 8. Nigr. 17 4Ö),
6 p ji & v 7i p 6 ; 1 1 c. 3. S o m. 17. Conv. 5. öfter ini xt Herrn.
16. 28. 34. Fug. 13, oux d*q>Sdt c. 1. Rhet praec. 16. De
sali. 46, ouÖev 6 y i £ £ (Xiyetv) c. 17. Apol. 10. Jup. trag.
41, navtotov ytyveod'at c. 6. Eun. 11. Pro Upso 1.
7t«pojiapTetv c. 49. Gall. 9, 7cataa<7u> c. 16. Dial. mort.
XXH, 1. Conv. 44. Bis acc. 24. Philops. 24, iteip&obai tcvg;
c. 14. Herrn. 27. 34. Gall. 15. 21. 24. Anach. 27. 29. 34.
37. Philops. 38. Eun. 8, i4 tcX^tj c. 11 vgl. I, 285, axu-
ftp(D*öc c. 6. Pisc. 37. Fug. 18. Gall. 11. Anach. 23, 8t dt
axopaxcx; (jivVjutjs) 2 x £ 1 v (*?vat) c. 56. 2. Cat. 9 vgl.
Anach. 35, ouvxpo^of c. 4 immer mit einem Dativ, so De
salt. 1. Muse. enc. 4. De merc. cond. 23, xöcp o$ c. 5 vgl.
Bieler, Cyn. S. 17. in derselben Bedeutung 15mal, ürcai-
&poc c. 1. Iup. trag. 16 ••), urcepopfltv xtvo? c. 3. Pisc.
46, <p tXav O-ptöTt^a c. 11. Je. 27. Iup. trag. 21, xXeua?etv
c. 12. Jup. trag. 30. Anach. 13, X*eu aa V-b € c. 39. An-
dere, seltenere Wörter sind wenigstens belegbar, wie d6pyrjto;
c. 51. Herrn. 12, 7upooxpoueiv c. 11, 6u,6texvos c. 23. Gall. 14,
67t£pY7jpö>s c. 63, I|i7ctax66cjiai c. 51.
Daneben treten gewisse Wortverbindungen auf, welche
unserer Schrift mit denen Lucians gemeinsam sind, und welche
durch ihr häufigeres Vorkommen zeigen, wie geläufig sie ihm
sind. So haben wir: #auu.a£eo#ac xoet <kno$lin e-
o&ai c. 5 und Rhet. praec. 1. Per. 20, xexpayw? u rcep-
5taTetvönevo?c. 7 und Eun. 2. (öuepoiaxetveod-at Je. 7.
Herrn. 27. Bis acc. 11. ßodtv xarf Siatetveafoxt Philops. 6.
Jup. trag. 16), 7c p £ o s xa! ^ jx e p o ; c. 9 und Pisc. 24. Per.
18. Phal. I, 3, iXeufrepta xat 7i a p p >j a t a c. 3 und Pisc.
17. Per. 18. Dial. mort. XI, 3. Char. 13 vgl. Apophr. 1
(eine den Philosophen dieses Jahrhunderts teure Formel), eu-
*K>s iv apxt) c. 11 und De hist. consc. 17. Herrn. 16. Pro
lapsu 5. 6. Alex. 38, auch e£ dpx*}; eo&O; ist häufig, <ftXo-
aocfioi, fjxiaxa Ttpoof^xwv c. 12 und De hist conscr. 17.
66) 'Ewoapso&ai in demselben c. 8 steht in gleichem Sinn De merc.
cond. 9.
w) Daneben ist auch Orca&piot vertreten, vgl. Fr. II, 1, 190.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactie. 5g$
De sali 2, 6$ $ ßao*t?ü> v (eöpe) c. 17 und Tim. 5. Herrn.
1. 86. De merc. Cond. 25, während Maximus von Tyrus (Dürr
S. 19) und Philostratus (IV, 142) 6&>v ßaS^etv verbindet, (ist-
paxiov cbpaiov c. 18 und Per. 9. 43. Nav. 2. 19. Alex. 5.
Hdt. 5 u. a. Die Gewohnheit, Personennamen nicht in histo-
rischer Reihenfolge aufzuzahlen und die Eintönigkeit durch
Umstellung und ein eingeschaltetes npb auxoö zu vermeiden,
findet außer Philops. 2. Scyth. 1. Iup. conf. 16. Hipp 2 auch
in c. 3 ein Beispiel, und die Wendung desselben Kapitels 3
oux 'Aya&GßoOXou ud M1 otöe A^xpiou hat einen genauen
Beleg in Apol. 1 (oux «**P 'EXSvtj; u£ At" oü5' OTcip xöv ev
'lX:<p yevo^dvwv) 67).
Die Uebereinstimmungen gehen aber noch weiter. Es
fehlt nicht an eigentlichen Parallelstellen, die ich zum Ver-
gleiche neben einander setze:
Dem. 2: Tipös <*px«Sa uova Pisc. 30: dbioßXeTOöv e; xoi>$
xöv 7t«paSetrti«T(i)v 09«5 aöxous xavQvag, oö; Ttpoxefrfi'xaxe, Tcpöc
futyKjeiv 88), dXXa xax xoö ^e- xouxou; fu^ot xaVaTieotovoc
xlpou ßiou xavova Trpoxt^eo^ai. xöv £auxoO ßtov, örep vt) Ata
xöv xa&' T)ptdE<; aöxooc dXt'yoi
Trotoöotv, vgl. mit Lex. 23: CrjXoOv
8fe xa apv^ata xöv 7iapa$ecy-
|iaxü)v.
Dem. 3 : öw' oixctag Tcpo? xa Som. 10 : x$ xöv xaXöv 5pü>xt,
xaXa 6pptf)gg>) xaE IfjtyuxouTcpög x% icpöc xa aejivcxaxa 6pjijj
•T) Fr. Kersten, De Ellipgeos uro Lucianeo. Kiel 1889 8. 42 nimmt
Dem. 3 eine Ellipse an, welche mit Hinblick anf Apol. 1 nicht nur
unnötig ist, sondern geradezu den Sinn verkehrt Er sagt nämlich,
der 8inn sei ohne Zweifel „non boUs Agatbobulus nec Demetrius nee
ceteri soli Dem on acte m impulerunt, sed omnes Uli. Itaque certe et
Agathobulus et ceteri impulerunt"; es sei also u^vov (solus!) zu ergän-
zen. Allein das dXAA braucht nicht ergänzt zn werden, es steht ja da,
und damit, wie durch den ganzen Zusammenhang und durch diese
Parallele, ist dieses jiövov ausgeschlossen. Wenn er dann noch lud.
voc S (lt 84), eine Stelle, die ich übrigens nicht finden kann, ein pövov
ergänzen will, wofür auch Xiya eingesetzt werden könne, notio quae
idem valeat(l), also ob Xiyto 'AYetd-oßoöXoo x. x. X., so widerspricht er
sich selbst und laßt damit gerade den getadelten Sinn zu.
**) Conv. 34 podfi(£ttv xöv ßtov npoc t* ßiXua; p~t>»ui£siv gerne ge-
braucht, so Pisc 12. Anach. 22. De sali 6. De merc. cond. 30.
••) Anach. 37. 6puij t{ to6; xivöövooc
584
cpiXoacxptav epwxo;70).
K. Funk,
vgl. mit Nigr. 27 : ^ itpöc xo
xaXöv 6pn*j und Philops. 2.
e><puxo; gpw; 7cp6; tö <J;eü5o;.
Dem. 4: dtofjXfte toO ßtou rcoXüv
örcep aöxoö Xoyov xoi{ apfaxoi?
xöv 'EXXfywv xaxaXtiwav71).
Dem. 5 : qpiXoacxpteg efSog 72)
Dem. 6 : a>; xous Tcpoao|j.iX^|-
aavxa$ drctevat . . . xoa|xiu>t£pou(
icapa rcoXu xal «patÖpoxipous.
Dem. 12 : xtva 8e xal icpoöia
IX«>v ex 7iat5iÄ$ efc «ptXoaoqrfav
Dem. 44: ercfypafAita . . . .
x£x£Xeoxev l7ccypa^f)vat auroO
xTj <rrt)Xfl . ... ob xe^pov §£ xal
aötö efaetv74).
Dem. 41 : xu<]>a; aüxoö rcpöc
xö tyri7*).
Dial. mort. XXIV, 3 : Xopv
xol; dptaxoi; 7tepl aötoO xaxa-
- ■ _ — . — , ^-
XeXotrav.
Hipp. 3: xöv <£XXq>v gxacrcos
iv xt xfj; imax^jirjc 2pyov dbto-
xspüfygvo;.
Nigr. 13 : xaxa fiixpöv rcapa
7toXi> ßeXxi'wv dT^Xfre Sjjjioofo
iceicatSeupivoc vgl. De salt 79 :
Xutoq ex6|ievos ffipxgTgc T0°
d-eoxpoo (pat5p6x£po;.
Rhet. praec. 15 : Xel*(o 8e TCpö-
xov piv, 6rc6oa XP^ aöxöv oe
olxotev gx°VTg ^xetv fosS"*
Tcpöc xfjv rcopet'av Tgl. Fug. 13:
£<p68ia Tipö; ytXoooy£av.
Dips. 6 : ycypa^at 8e 7cpo*
xoÖJKYpaW« . . . oO xe^P0V
aOxö €Wl6tV.
Nec. 21 : npoox64»a? npbq
xö oö; cpTjotv.
T*) Nigr. Prooem. ö rcpdc xoü; X6yo,*C 5po>{ und Alex. 61. 6 rcp&c dXV)-
T1) Nigr. 12. f)v aötöc ix x o ö ßlou d « 4 X $■ ? owtoxs twjo^j
ouv<bv xot( ngftaid6U|i£vGic xal rcpooopiXffiv x o t g d p C o x o i £. Vgl. Gall.
6. Boissonnade za Eunap. V. S. I p. 196.
") Elöoc «piXoooqpiac Herrn. 15. Pisc. 15. Vit auct 1.
7>) Per. 16. txavd i <j> 6 5 1 a xouc Xpioxiavoi>c § x o> v. Hist. conscr
84. ööo xaöxa xopu<pat6xaxa otxofrsv Sx0VTa ^*»tv' Damit fallt
die Konjektur Bekkers ix Ucctpla; (Sitzgsber. d. B. A. 1851, 361). Bas
ix ftattuv sc. ix TOttÖtta«, wie wohl zu lesen ist nach Anach. 18, gehört
natürlich zu 4<p68icc Iyoov.
'*) Positiv gewendet äjxeivov ö* . . . . in Alex. 48.
76) Vgl. Dial. nier. III, 2. Der Ausdruck ist echt platonisch (Euthy-
Untersuchungen über die Lucianigche Vita Demonacti« 585
Dem. 63: Twcptovti öws5«v£o-
xaofrat lobe &pyOVT<X£ . . . tö)V
lvotxo6vxü)v ä-eoQ Tiva£itt<p<£vetav
Vjyouuivtov xb TCpdtyjia und c.
11 : 5tex£Xoov xiva xöv xpeix-
tovü)v rcpooßaircovxes 76).
Dem. 67: oöxot uivxot uno-
Suvte? ixö|ii?ov aoxöv äxpc rcpö;
xöv xa<pov77).
Dem. 67 : Taöxa 6Xfya 7tavu
ex tioXXöv i7ie(iv>jfi6veuoa %a:
Icjxtv Xoy^eaO-at 78).
Ich enthalte mich vorderhand noch eines Urteils Ober diese
Parallelen; andere wichtigere werden noch im folgenden zu
besprechen sein 79). Angeführt sei aber noch eine Eigenart
stilistischer Natur, in der gleichfalls der Verfasser der Vita
mit Lucian übereinstimmt. Es pflegen nämlich die späteren
Schriftsteller ihre Prosawerke durch eingestreute Citate und
sprichwörtliche Redensarten zu beleben, und das ist für Lucian
so charakteristisch, daß nur Jud. voc, Dial. deor., Hdt., Har-
mon., Tyran., Abdic, PhaL I, An ach. und De electro 80) davon
eine Ausnahme machen, und daß die Fälscher, so besonders
der Verfasser des Philopatris, gerade diese Seite seines Stiles
dem. 275 E itpooxü^otc jiot outxpcv itpöQ id o&c). Ueber den sprichwört
liehen Gebrauch vgl. Th. W. Bein, Sprichwörter und sprichwörtliche
Redensarten bei Lucian. Tübingen 1894. S. 89.
7e) Alex. 9. & o n t p uvi xfiv tfcoopaviwv «pooßX4rtovt*c.
") Nav. 19. ol ÖeX<ftvtc aöx6 öicoööv-ctc igoiooooiv snl t*jv fty.
") De Bali 40. laöxa id 'A^vaimv dXlfat «dvu dslYuaioc
ivtxa ix icoXXSv xöv «ocpaXtXstuivojv ötijXfrov. 61. 85. Tgl. Pro imag.
21. Tox. 85. 62. Adv. ind. 4. Coht. 26. Dreimal findet sich übrigens
dieae küraere Form antitbetiacher Natur auch bei Aelian (III, 812).
*•) Was mehr auf zufälliger Uebereinstimmnng beruht, ist Ton
keiner Bedeotnng. wie c. 10 rrjv rffc $»pan»(occ iXicida = De salt. 4;
c. 11 xpaxuispov ^ xaxi ttjv iourtoO TipoxtpVoiv = De hist conscr. 16;
c. 17. YpomjMtxalov wpoTtfrsis tjgtoo = Per. 16; c. 20; ttaooouivcov täv
dviapftv xai töv ifiiwv = Char. 18. Per. 41. NaT. 41. De loctu 1; c. 67
Hra^av ogtov Ötj|iOo(^ ys-rxXo7ipsn(»« = De bist conscr. 26.
*°) Bratnba, Citate und fieminiscenzen aus Dichtern und einigen
spateren Schriftetellern bei Lucian. Eichstätt 1888. 8. 4.
Conv. 7: xai intl napf)A&E
ÖTCegav^oravTO 7i<£vxec xai £8e-
StOÖVTO XCVa TÖV Xp6lXx6vü)V
xai öXü>; {rcoG &mo>rj[i£a xö
JtpÄYjJt* yjv, "Itov 6 d-aujiaaxöc
oojinapwv. .
Char. 10: xtjv firjxipa oico-
oovxe; eUxuaav inl xt]? d7rV)vyji
dtxpt rcpoc xo> fepöv.
Alex. 67: xaöxa öXlya ix
^Etwoa.
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586 K. Funk,
Obertrieben haben. An solchen sprichwörtlichen Redensarten
finden wir nun in die Erzählung mitverflochten £vi'7rcoi£ yt
noal c. 4 = Rhet. praec. 14. Pseudol. 4 81), ferner das häufige
und in verschiedenen Bedeutungen verwendete dbcpq> x<j) Sax-
xuX(j) c. 4 M), dann |xex<i Xapttwv xal 'A<f poStxr^ auiffc c. 10 Bl)
und endlich X^PtT°5 'Arctxf); jieaxa! auvouatai c. 6 8*). Dazu
kann noch gerechnet werden c. 12 flbcö itmycovo; xptvgatou too:
'f 1X00690^ 8ß). Für die Gewohnheit Dichter zu citieren finden
wir wenigstens einen Beleg in c. 10 xfy/ 7cet{W> tof; xe^A6<Jtv
iTcixa^o^ai. Das Citat stammt aus Eupolis (Demoi trag. 6, 5),
der für Lucian 6 xb>juxÖ£ zu sein scheint 86). Ein Stück davon
findet sich Nigr. 7 und eine Nachbildung Scytha 11. Diese
Citate haben nicht nur das an sich, daß sie Lucian sehr ge-
läufig sind; sie werden auch mit den bei ihm üblichen For-
meln eingeführt. So steht xaxa x^v rcapotuiav c. 4 auch Adv.
ind. 28; xö xoO Xoyou c. 4 findet sich nicht weniger als 13mal
und xö x(i>(uxöv hat seine Analogien in Herrn. 86. Apol. 14.
De salt. 80 (vgl. Rein S. 2). Es werden also die oben ange-
führten Ueberein Stimmungen vermehrt und verstärkt zugleich
Umgekehrt ist freilich zu konstatieren, daß unsere Vita,
81 J Kein S. 41 gibt die Erklärung des Wortes, da« Joost, De Lu-
ciano <piXo|iilpq>. Lötzen 1883. S. 12 mit Unrecht auf Homer Z, 266
AvItctoic xepolv zurückführt.
") In dieser Bedeutung häufig 8. Rein S. 36. Daß bei Zenobiu*
(Schneiderin, Corp. Paroemiogr., Goettingen 1839 S. 24. Cent I, 61
vgl. auch Diogenian II, 5 Gent. I, 29 und Araenius S. 37 Walz) das
Sprichwort in der Fassung unserer Stelle citiert wird, will nichts be-
sagen. Die Vulg&rhandachriften haben eine weitgehende Interpolation
erfahren (0. Crusius, Die griech. Parömiogr. Philologenversammlung
1834. S. 228), und nur Thomas Magister und die letzten Parömiogr.
haben Sprichwörter aus Lucian genommen, die regelmäßig in Athoua
und Laurentianus fehlen (0. Crusius, Analecta eritica ad Parömiogr.
Graec. S. 102 vgl. Kothstein S. 89).
"*) Rein S. 10. Dazu kommt noch flipp. 7.
M) Rein S. 26. Genau entspricht die von ihm übersehene Stelle in
Zeux. 2. vgl. De merc. cond. 36.
") Rem S. 36. Daß auch Dem. 28 ein Sprichwort gewesen ist.
das nur Ps. Diogenian VII, 95 mit zwei Gliedern vorkommt, ist nicht
unmöglich, aber dieselbe Anschauung für c. 7 (Rein S. 63) äußerst
unwahrscheinlich, und zwar schon deswegen, weil Lucian selbst nie
Gebrauch davon macht.
P. Schulze, Quae raüo intercedat inter Lucianum et Comico«
Graecorum poötas. Berl. 1883. S. 10. Nebenbei sei bemerkt, daß
außer Am. 48.49, wo K allim achus ausdrücklich genannt wird, den
bezüglichen Anspielungen noch Tim. 6 vgl. Deor. conc. 6 auf Hymnus
I, 6—9 zugefügt werden dürfte.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.
wie wenig andere Schriften (De sacrif. De luctu. Hipp. Tgl.
0. Schmidt S. 7), arm ist an Methaphern und Gleichnissen.
Von ausgeführten Vergleichen kann nur ein einziger, bei Lu-
cian nicht gerade seltener Tropus genannt werden, welcher
der ärztlichen Praiis entnommen ist (c. 7 vgl. a. a. 0. S. 92).
Außerdem lassen sich nur noch 2 Fälle von Uebertragungen
namhaft machen, welche er sonst nicht gebraucht, und zwar
aus dem Münzwesen der nachklassische (I, 370) und darum
von Lucian durch 7capaxG7rcetv ersetzte 87), aber specifisch cy-
nische Ausdruck Tcapaxopixretv c. 5 und aus der Staatsverwal-
tung iipuTaveuetv c. 9. Das Bild vom dtywv in c. 63, auf das
Leben angewandt, ist den Griechen zu geläufig, um hier mit-
zuzählen. Der Gebrauch der übertragenen Bedeutung von ftp6-
ßatov als Symbol der Dummheit (vgl. Asin. 33. Herrn. 73.
Alex. 15), die auch in c. 41 durchschimmert, gehört einem
Ausspruch des Demonax an.
Nach diesen Ausführungen ist irgend ein Abhängigkeits-
verhältnis zwischen unserer Vita und Lucian zweifellos. Das
wird nun niemand im Ernst behaupten wollen, daß beide,
Lucian und der Verfasser der Biographie, ein gemeinsames
Vorbild benutzt und nachgeahmt hätten. Denn eben das syn-
kretistische Verfahren, das sich bei beiden kundgibt, ist es ja,
was Lucian in ganz besonderem Maße und vielfach im Gegen-
satz zu seinen Zeitgenossen eigen ist, und dessen Erfindung er
für sich in Anspruch nimmt; und es fällt niemand ein, daran
zu zweifeln. Ist dem so, dann ist auch die andere Möglichkeit
ausgeschlossen, daß Lucian von dem Verfasser der Biographie
abhängig wäre. Dem widerspricht ja schon die Zeit der Ab-
fassung, welche, wie wir später sehen werden, nicht vor das
Jahr 170 gesetzt werden kann. Da war aber bereits eine
Reihe von Schriften Lucians erschienen, die nicht nur dieselbe
Sprache, sondern auch dieselben Parallelen aufzeigen. Es sind
mithin nur noch 2 Fälle denkbar, entweder den Verfasser der
Vita von Lucian abhängig zu machen oder diesen selbst Ur-
heber sein zu lassen.
Gegen die erste Möglichkeit erheben sich aber gewichtige
Bedenken. Wir wissen nämlich nichts davon, daß Lucian noch
Schaidt TS. 94.
r,88
K. Funk,
in der Blütezeit der zweiten Sophistik wie den meisten anderen
Sophifiten die Ehre widerfahren wäre, znm stilistischen Vor-
bild erhoben zu werden, wie ja überhaupt Eklektiker nicht,
leicht nachzuahmen sind und keine Schule zu machen pflegen w).
Der eine Alkiphron macht vielleicht, allerdings mehr in sach-
licher Beziehung, eine Ausnahme davon. Außerdem erweckt
die Schrift durchweg den Eindruck — und daran ist nie ge-
zweifelt worden — , daß sie gleichzeitig mit den Ereignissen,
welche sie schildert, oder nicht viel später entstanden ist. Und
abgesehen von all dem, welch ein feiner Beobachter Luciani-
scher Gewohnheiten, welch ein gewandter Nachahmer müßte
der Verfasser gewesen sein ! Er hätte es fertig gebracht, einen
Schriftsteller zu kopieren, ohne sich irgendwie zu verraten!
Denn die paar Besonderheiten können nicht sonderlich ins Ge-
wicht fallen; man wird schwerlich eine echte Schrift Lucians
finden, die nicht Beispiele in dieser Beziehung bietet. Man
denke nur an die Untersuchungen über Toxaris und De Para-
sit» von Guttentag und Bieler! Die unzweifelhaft unechten
Dialoge Ch aridem und Philopatris tragen da schon ein anderes
Gepräge. Es ist eben nicht Gewohnheit der Nachahmer, die
entdeckten Eigentümlichkeiten ihres Vorbildes mit Diskretion
zu gebrauchen. Vorteilhaft sticht davon die Vita Demonactis
ab. Ein Blick auf die Parallelstellen zeigt das deutlich. Auf-
fallend genug sind sie nicht einer einzigen, sondern mehreren
Schriften Lucians entnommen, und auch da haben wir kein
sklavisches Ausschreiben. Es wird nicht einfach eine Stelle
ausgehoben, sondern verschiedene aus verschiedenen Schriften
werden zusammengearbeitet mit freier Verfügung und voll-
ständiger Unterordnung des wörtlichen Ausdrucks unter den
Gedankeninhalt. So werden wir also unwillkürlich auf Lucian
selbst hingewiesen89).
Dagegen streiten nicht die verhältnismäßig vielen Wieder-
holungen. Derartiges darf man bei Lucian nicht schwer neh-
men. Sein AtticiBmus ist in enge Grenzen eingeschlossen. Be-
M) II. 311. Rohde, Gr. R. S. 826».
") Wäre Thimmes Beobachtung S. 10 richtig, daß die Rhetoren
'Pmpotot im Gegensatz zu den Historikern dieser Periode ohne Artikel
schreiben, so stimmte dieser Gebrauch in c 18 und 40 mit unserem
Schlüsse überein.
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>
Untersuchungen über die Lucianiacbe Vita Demonactis. 589
stimmte Gedanken werden auch immer mit einem bestimmten,
nicht selten mit dem gleichen sprachlichen Ausdruck wieder-
gegeben. Davon bot die obige Zusammenstellung Beispiele
genug90). So wird man also in diesen Wiederholungen eher
ein Zeichen mehr für die Echtheit erkennen dürfen91). Der
Rhetor war eben gewohnt, des öfteren bald da, bald dort seine
Arbeiten öffentlich vorzulesen, und da war es klar, daß bei
solchen öfteren Wiederholungen die einzelnen Ausdrücke und
Wendungen mehr im Gedächtnis haften blieben und in ihrer
Verbindung ein gewisses festes Gepräge bekamen. Bot sich
nun dem Schriftsteller eine passende Gelegenheit, so war es
nicht zu vermeiden, daß sie ihm unmerklich in die Feder
kamen.
3. Sachliche Untersuchung.
Die sprachliche Untersuchung der in Frage stehenden
Schrift dürfte nicht nur die handschriftliche Ueberlieferung
begreiflich gemacht, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit ver-
stärkt und bestätigt haben. Indes muß nicht dennoch aus
sachlichen Gründen die Urheberschaft Lucians bestritten wer-
den? Bernays glaubte dies tun zu können auf Grund der Stel-
lung Lucians zur cynischen Schule. Von der Voraussetzung
ausgehend, daß Lucian mit der Schrift Vit. auct. zum offenen
und feindseligen Angriff gegen die Cyniker übergegangen sei,
so daß ihm von da an der echte Cynismus noch unleidlicher
gewesen als der erheuchelte (a. a. 0. S. 42), fand er natürlich
für die Biographie eines Demonax nach Vit. auct keinen Platz
mehr, und da sie vorher nicht eingeschaltet werden konnte,
so war ihr Urteil gesprochen. Allein wir haben einmal in
Demonax keinen Cyniker von der strengen Observanz vor uns,
sondern, was ihm ja eben zum Vorwurf gemacht wird (vgl.
Dem. 21), einen Eklektiker, der nur stark zur cynischen Rich-
tung hinüberneigt, Sodann darf man Lucians Aeußerungen
«■) In diesem Sinn sind die peranjrusti fines (Fr i tische III, 2, LXXVIII)
xu verstehen, ein Urteil, das Schmidt 8. 5 mit Unrecht so „ unbegreif-
lich* findet
01) Aus diesem Grand ist die Polemik Bielers, De paras. S. 22 und
3 Anm. 3 gegen Guttentag vollauf gerechtfertigt.
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590 K. Funk,
4
über seine philosophischen Neigungen nicht allzu buchstäblich
nehmen, wie das außer Bernays noch Fr. H 2, XXIV und
bes. XXVI, 1 in einer durchaus unberechtigten Stellungnahme
gegen die richtigen Bemerkungen von Chlebus S. 85 getan
hat. So wenig der Satiriker selbst jemals eigentlicher Plato-
niker oder Skeptiker oder Epikureer war, so wenig ist er, wie
Vahlen91) gegenüber Bernays überzeugend nachgewiesen hat.
jemals Cyniker oder ausgesprochener Feind gerade der cyni-
schen Sekte gewesen. Er hat zu den philosophischen Rich-
tungen seiner Zeit eine viel zu selbständige Stellung einge-
nommen, und so stellt auch die Sympathie des alternden Schrift-
stellers für die epikureische Weltanschauung der Abfassung
einer Demonaxbiographie kein Hindernis entgegen. Das muß
allerdings zugegeben werden, gerade die schärfsten Angriffe
sind gegen einzelne Vertreter der cynischen Schule gerichtet.
Aber ich möchte darin eigentlich nicht so sehr einen Beweis
für seine Antipathie an sich, als für das Gegenteil sehen. Wie
schon Diogenes ein Gegner der ersten Sophistik war 9S), so wa-
ren auch in der zweiten Sophistik wiederum die Cyniker die
geschworenen Feinde dieser Künsteleien (I, 72. 73). An ihnen
fand also Lucian willkommene Bundesgenossen in seinem ei-
genen Kampfe gegen die Sophisten, und war dann sein Aerger
nicht begreiflich, wenn er unter ihnen so viele schlechte Ele-
mente sehen mußte, welche der Ehre dieser philosophischen
Richtung Eintrag taten? So stellt z. B. in Fug. die Beschwerde
führende Philosophie die Sache so dar, daß nur das Erschei-
nen der Cyniker ihr längeres Verweilen auf Erden veranlaßt
habe (c. 11), daß diese nun allerdings die all erschlimmsten
seien (c. 16), und so die Philosophie überhaupt bei den Laien
in Mißkredit komme (c. 21). In Bis acc. 33 ferner nimmt er
gar keinen Anstand, offen zu sagen, was er dem ximau-ös ver-
danke, und er bleibt bei der Vit. auct nicht stehen. Diese
ist ihm nur ein Vorspiel zu einer Hauptaktion; fürchtet ja
*-) Vahlen, Index lectionum universitatia Berol. 1882/83 S. 4 ff. :
vgl. Schmid, Phil. 50,311; Bruns, Luciana philosophische Satiren im
Rh. M. 43, 86 ff.; Rohde. Gr. Rom S. 191*; Croiaet S. 80 ff. und 103
und neuerdinga K. Pr&chter. Arch. f. Philoaophie XI (1898) S. 505.
••) E. Weber, De Dione Chrysoatomo Cynicornm aectatore in Leipz.
Stud. X (1887), m.
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Untersuchungen Aber die Lucianiache Vita Demonactis. 591
doch der Käufer des ßt'o£ IIovtixcs sofort, wegen Menschen-
raubs verklagt zu werden (xad npooxaXeoTjTai ae k$ "Apetcy
7tayov c. 7). Das geschieht nun auf dem genannten Schau-
platz in der Palinodie Pisc. Da wird aber der am meisten
mitgenommene Diogenes ausdrücklich in die Ehrenerklärung
mit einbezogen (Vahlen S. 8 ff.), und genau zwischen den gu-
ten und schlechten Parteigängern unterschieden. Ja er be-
zeichnet es hier geradezu als seine Lebensaufgabe, nicht nur
die Heuchler zu entlarven, sondern auch die echten Philoso-
phen mit dem Ruhmeskranz zu schmücken (Pisc. 46. 52). Er
fügt zwar hinzu, es werde wohl weniger Kränze, aber vieler
Kauterien bedürfen ; das schließt indes mindestens nicht aus —
wenn es nicht mehr besagen sollte — , daß er nicht sein Wort
eingelöst hat M) und, nachdem er das eine redlich besorgt,
auch an die Aufgabe herangetreten wäre, das Lebensbild eines
wahren Philosophen zu zeichnen, zumal da er nirgends leugnet,
daß es auch solche noch gebe.
Was könnten und müßten wir nun in einer derartigen
Lebensbeschreibung erwarten? Die ganze Naturanlage Lucians,
die ihn nie unparteisch die Erscheinungen seiner Zeit betrachten
ließ, die Reizbarkeit seines Urteils, mit dem er alles nach den
Grundsätzen des praktischen Verstandes und des guten Ge-
schmackes maß, legen von vornherein die Vermutung nahe,
daß sein Ideal philosoph in seinem Entwicklungsgange, seiner
Stellung zu den Zeitgenossen und den zeitgenössischen Ge-
wohnheiten und Bestrebungen von den von ihm selbst gestellten
Anforderungen nicht abgehen werde. Das Verhältnis des posi-
tiven Teils der Schrift De bist, conscr. zu den voraufgehenden
negativen Ausführungen, sowie dessen sprachliche Berührungen
mit diesen (vgl. Passow. S. 15 und 8) lassen nicht zweifeln,
daß auch hier sachliche Anklänge und Uebereinstimmungen
sich finden werden, und daß wir wohl kaum mehr darin suchen
dürfen als eine Uebertragung des anderwärts negativ Aus-
gesprochenen in die Position. Das wurde denn auch auf das
bestimmteste ausgesprochen96), und Schwarz (S. 592—94) hat
94 ) Bruns S. 175 sieht hierin ein Zeugnis, das bei Beurteilung des
Demonax wohl zu beachten sei.
M) A. Jenni, Beitrage zum Verständnis der Schriften Lucians.
Frauenfeld 1876. S. 10.
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f>92
K. Funk,
dies für mehrere Züge durch Vergleichung der Vita mit Fug.
12—21 festgelegt. Sein Fehler war nur der, daß er bloß hier
Holche Uebereinstimmungen zu finden meinte; sie zu vervoll-
ständigen aus anderen Schriften soll jetzt unsere Aufgabe sein.
Das Ziel aller Philosophie, die euoaijxovta, legen die Cy-
niker in die größtmögliche Bedürfnislosigkeit Das uijoevo;
aXXoo itpooSea elvai kennzeichnet den wahren Philosophen
und ist zugleich die Grundvoraussetzung für die echte und
vielgerühmte eXeudspta xai rcappKjota. Durch solche Bestim-
mung des Weges zur Glückseligkeit ist das Schwergewicht
in der cynischen Schule vor allem auf das Gebiet der Praxis
gelegt. Der Maßstab also für die Beurteilung eines Cynikers
ist die Ueberein8timmung zwischen Lehre und Leben, und dies
ist auch das Kriterium, welches Lucian bei der so überaus
schwierigen Brandmarkung der äußerlich nicht unterscheidbaren
(Herrn. 18), oft im Vergleich mit den wahren Philosophen
weit echter erscheinenden (Pisa 42), aalglatten und einer
Prüfung ausweichenden (Fug. 15) Vertreter des Cynismus einzig
und allein in Anwendung bringt. Auf diesem Motiv beruht
überhaupt Pisc. und Fug., und an zahlreichen Stellen z. B.
Ic. 30. 31. Bis acc. 21. Paras. 43. 52. Per. 42. 8. Eun. 3.
Fug. 19. Pisc. 35. 45 und bes. 31 wird den unwürdigen Ele-
menten nichts anderes zum Vorwurf gemacht als der grelle
Widerspruch zwischen Reden und Handeln. Er gebraucht
sogar dieses Beweismittel so oft und so gerne, daß er sich
selbst einmal veranlaßt sieht, eine besondere Schrift zu ver-
fassen, nur um der Anwendung dieses Grundsatzes auf sein
eigenes Leben zu entgehen und sich gegen die Anschuldigung
der höchsten Inkonsequenz zu verwahren (vgl. Apol. 1 itoXXtj
il Sta^iDvfa xoö vöv ߣoo rcpö; xö ouyypan|ia).
Was wir so voraussetzen müssen, das trifft auch wirklich
für die Biographie des Demonax zu. Die Uebereinstimmung
von Theorie und Praxis wird im Anfang aufs nachdrücklichste
betont mit den Worten dve7ciX^7CT<p ߣq> xpü>H6V0C xai xoiz
dxououot 7capa5etyjia naplxuiv xijv eauxoö yv&UTjv mal xty ev
<ptXooosp(qt dXVjfreiav c. 3; im weiteren Verlauf wird sie durch
verschiedene Zeugnisse belegt. Wie sich Demonax stets in
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 593
Uebereinstimmnng mit seiner Lehre setzt (c. 4), so beurteilt
er auch andere darnach (c 48. 56).
Für ihn ist übrigens die Konsequenz schon durch die
äußeren Verhältnisse von Jugend an sicher gestellt. In scharfem
Gegensatz zu Fug. 12 (umpöv ydp xt xö qpOXov £v&pu>TCu>v xod
6>; xö 710XO SouÄtxöv oö Suyyevo jievov ^jiTv ex tcqu-
8o)v urc' iaxoXt«;) steht das Verhalten des Demonax, der da
ex 7cat5ü)v eöftus xextvrjuevo; c. 3 sich der Philosophie
weiht. Es ist eben nicht die Not des Lebens, die ihn in die
Reihen der Cyniker treibt, im Gegenteil, er ist oö xöv dcpavöv,
öoa et; xxfjatv xai icoXcxixöv d^twpwc c. 3. Er hätte eine be-
deutende Rolle im Staate oder unter den Sophisten (vgl. Rohde,
Gr. R. 293*, 4) spielen können, aber er verzichtete freiwillig
auf seinen Besitz und sein Ansehen, und mit einer gewissen
Absichtlichkeit ist diese Tat in c. 3 zweimal ausgesprochen.
Wie ganz anders wird dem gegenüber Peregrinus geschildert!
Auch dieser verzichtete ja zu Gunsten seiner Mitbürger auf
sein Vermögen. Aber zunächst beeinträchtigt Lucian das
Rühmliche der Handlungsweise durch die Bemerkung, daß
das Vermögen gar nicht 5000, sondern nur 15 Talente be-
tragen habe. Dann ist ihm daran gelegen, selbst diesen kleinen
Verzicht möglichst unfreiwillig erscheinen zu lassen; Peregrinus
habe nämlich nicht anders einer Anklage wegen Vatermords
entgehen können und darum habe er gleich nach Abwendung
der Gefahr alles wieder rückgängig machen wollen (vgl. Per.
14. 15).
Auch auf geistigem Gebiete betätigt Demonax das u,yjoev&;
aXXou rcpoooEÄ etvai. Ohne äußeren Antrieb, aus reiner Liebe
zur Wahrheit kam er zur Philosophie (e£ eji<p6xou 7tpÖ£ <ptXo-
ooqptav gpu>xoc c. 3), aber nicht ohne Vorbildung (c. 4), wieso
manche anderen Cyniker (vgl. Fug. 13). Er genoß durchweg die
Bildung der Vornehmen (vgl. Anach. 21). Trotz der allgemeinen
Vorliebe der Cyniker für die Dichterlektüre als Erziehungsmittel M)
dürfte es aber nicht unwichtig sein, daß er den Dichtern ein
gründliches Studium widmete (c. 4) und mit einem Dichterwort
auf den Lippen aus diesem Leben scheidet (c. 63) ; denn gerade
»•) Nach Diog. Laert VI, 31 leitete Diogenes so den Unterricht
bei dem Sohne de« Xeniudes ein.
594
K. Funk,
auf die Lektüre der Dichter hat Lucian besonders viel gehalten.
Wenn er alles verspottet, die Dichter sind davon ausgenommen,
und wo es scheinbar geschieht (Hes. 5. Ver. hist. II, 20),
trifft sein Spott nur die alexandrinischen Kritiker mit ihrer
Gelehrsamkeit. Die Poesie war Demonax ebenso wie Lucian
eine Vorschule für die Rhetorik (c. 4)97), und diese verband
er in gleicher Weise mit der Philosophie (a. a. O.). So steht
er zum Teil auf dem Standpunkt der Popularphilosophie nach
Art Dio8 und wohl auch Favorins; denn was er an diesem
auszusetzen hat, ist eigentlich nicht die Verbindung von Rhe-
torik und Philosophie98), sondern nur tö iiuxexXaouivov twv
ueXöv (c. 12).
Daneben vernachlässigte er aber nicht die körperliche Aus-
bildung, das 8tarcovetv xod yuu.vd£etv tö oö>u,a (c. 4 vgl. Weber
S. 136 ff.), was ganz im Sinne Lucians ist. In Anach. nimmt
er ja eigens die gymnastischen Uebungen in Schutz, und an
Nigrinus weiß er nicht genug xüv yuu.vaat(öv tö ouu,ji6Tpov
(Nigr. 26) zu loben. Nur für einseitige Leibesübung hat er
keinen Sinn, dagegen eifert er Hdt. 8. Dial. mort. X und
Char. 8 in echt cynischer Weise09). Diesen ganz und gar
cynischen Standpunkt teilt Demonax und trifft auch darin mit
ihm zusammen, daß er in derselben feinen Weise die Erziehungs-
methode der Lacedämonier (c. 46 vgl. Anach. 88. 39) und der
von Nigrin (Nigr. 27 vgl. Ic. 16) getadelten Philosophen ver-
urteilt.
Geht indes auch Demonax seine eigenen Wege, so ist er
doch nicht unbekannt mit den wissenschaftlichen Größen der
damaligen Zeit und ihren Lehrmeinungen (c. 3). Sollte es nun
bloßer Zufall sein, wenn gerade diejenigen ausdrücklich erwähnt
werden, welche vor Lucians kritischem Auge Gnade finden,
und wenn neben bekannteren, von ihm mit Auszeichnung ge-
nannten Namen wie Epiktet (O-auu^atö; «rlptov Adv. ind. 13
vgl. Per. 18) und Demetrius (Adv. ind. IG. De salt. 63) auch
sonst unbekanntere genannt werden, die aber eben bei ihm
S. Lex. 22. Fast alle Cyniker waren in der Beredsamkeit be-
rühmt, vgl. Weber 8. 198 ff., 209 ff. ; Diog. Laert VI, 75 wird ausdrück-
lich die ^aojjwurrij «st&6> des Diogenes hervorgehoben.
98) Vgl. dagegen Schmid, Att I, 187.
••) Vgl. Heinze, Anacharsis. Philol. L, 358 ff.
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Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demonactis. 595
sich eines gewissen Ansehens erfreuen? Es sind das Timo-
krates und Agathobulus; Schüler des ersteren sind die ouv-
aywvtaxai gegen Alexander von Abonuteichos (Alex. 57 vgl. De
salt 69), bei letzterem lernt Peregrinus xtjv d-au^iaaxTjv dioxTjaiv
(Per. 17). Dabei ist zu beachten, daß Demonax allerdings
ihre Lehrvorträge hört, aber ohne sein eigenes Urteil ihrer
Auktorität gefangen zu geben. Nicht wie Hermotimus fängt
er gleich an auf die Worte des Lehrers zu schwören; er stu-
diert entsprechend den Lucianischen Vorschriften die einzelnen
philosophischen Systeme und bildet sich seine eigene Philo-
sophie 10°).
Und welcher Art ist nun diese? Stimmt sie mit den
sonstigen philosophischen Neigungen Lucians überein? Demo-
nax selbst nennt in der Antwort auf die Frage, welcher von
den Philosophen ihm am meisten zusage, Sokrates, Diogenes
und Aristipp (c. 62). Den Sokrates wertet er am höchsten
durch den bedeutsamen Ausdruck a£ßo> (vgl. Vahlen S. 14
Anm.). Auch Lucian erwähnt ihn nicht nur wiederholt mit
aller Ehrfurcht, er weiß auch die Uebertreibungen des Thea-
genes in seiner Lobrede auf Peregrinus nicht treffender zu
kennzeichnen als dadurch, daß jener den Peregrinus nicht mit
Diogenes, nicht mit dessen Meister Antisthenes, ja nicht ein-
mal mit Sokrates, sondern bloß mit Zeus vergleichbar hielt
(Per. 5). So sehr jedoch Demonax den Sokrates nachahmt,
eines eignet er sich bezeichnenderweise nicht an, die echt
sokratische Ironie. Da geht wieder sein Geschmack mit Lucian
zusammen, der zwar die Ironie benutzt, aber in ganz anderer
Weise als Sokrates, nicht zur Belehrung, sondern zur Unter-
haltung 10 1). Bei ihm ist sie daher nie mißverständlich, wäh-
rend Sokrates nicht ohne einen diesbezüglichen Tadel wegkommt
(Dial. mort. XX, 5). Man wird also auch nicht fehl gehen,
in Paras. eine Parodie der somatischen Methode zu vermuten
(vgl. I, 219 und Anm. 5).
Für die Regel tritt bei Lucian an die Stelle der feinen
,t0) Dem. 8 vgl. mit Herrn. SO. 46. 48. Daß die Dem. 4 aufge-
stellte Tatsache nach Herrn. 48. 49 eigentlich unmöglich ist, hat keine
Bedeutung.
Vgl. Zeller, Philosophie II, 2», 88 und Chabert S. 211.
Philologu«, SuppUmentband X, ritxU» Heft 39
596
K. Punk,
sokratischen Ironie der Scherz der Komödie (Bis aec. 33. 34),
und dementsprechend neigte auch Demonax mehr dem derberen
Humor des Diogenes zu. Diesen ahmte er außerdem im
Aeußeren nach (c. 5). Es spottet zwar der Satiriker über die
cynische Tracht bis zum Ueberdruß oft, aber an manchen
Orten klingt es doch wie eine Art Zugeständnis durch. Denn
abgesehen davon, daß er Menipp (Dial. mort. I, 1; X, 2;
XX, 1, 3), Diogenes (Vit auct. 7. 8) und den Cyniskus (Cat. 14)
in solcher Ausstattung auftreten läßt, legt er Hermes in Bis
acc. 8 die bedeutsamen Worte in den Mund: atöot toO ax^aio*
u€xptü)t£pa 8iau.apxavouciv 102). Was er verurteilt, sind die
Auswüchse, welche nur den Zweck haben aufzufallen, und
diese tadelt Demonax ebenso unbarmherzig (c. 19. 48).
So war also Demonax im wesentlichen ein Cyniker, aber
es ist wohl zu bemerken, gerade von der Richtung, welche
am meisten Lucians Beifall hatte. Von den verschiedenen
Schattierungen des Cynismus 108) gefiel ihm nämlich diejenige
besonders, welche der cyrenaischen Weltanschauung sich näherte
und sie in sich verschmolz. Zu ihr bekannte sich ja Menipp
mit seinem aristippischen (Diog. Laert. II, 60) Grundsatz tö
7tpoaiieoöv eö SiaxifreoO-at (Ic. 31) oder xö Ttapöv eö freu£vo£
7tapa§pau.elv yeXwvxa xa noXkdt (Nec. 21 vgl. Dial. mort. X, 10
und Dem. 21), also derjenige, welchen er als höchstes und
unübertreffliches Ideal eines wahren Cynikers selbst über Dio-
genes stellt und in seiner schriftstellerischen Tätigkeit sich
zum Vorbild nimmt. Daraus erklärt sich nicht nur eine ge-
wisse Bevorzugung einerseits der cynischen, andererseits der
epikureischen Philosophie und die Hochschätzung des Demokrit
(Philops. 32. Per. 45. Alex. 17), sondern auch die Tatsache,
daß der Cyniker in Iup. conf. bes. c. 6 und 9 stark epikureisch
gefärbt ist, und daß der Epikureer Damis in Iup. trag. Worte
*•*) Aach das dürfte beachtenswert sein, daß er das Tragen der
ßavenjpict im Gegensatz zu Diog. Laert VI, 22, 28 nicht auf Dio-
fe n e s , sondern auf Antisthenes zurückfahrt (DiaL mort.
I, 3), wie Hyperides, der deshalb von Demonax verspottet wird, sich
als Nachahmer des Antiathenes bezeichnet (Dem. 48).
IM) Bis acc. 38 unterscheidet er selbst zwischen Menipp und Cy-
nismus; aus Fug. 17 weist Dümmler, Akademika 243,1 Quellen ver-
schiedener cynischer Tendenzen nach vgl. Hirzel II, 191, 1 ; 321; 222 ff.
Untersuchungen Qber die Lucianische Vita Demonactig. 597
redet, die ein Epikureer nicht sagen durfte 104). Es ist darum
gewiß von großer Wichtigkeit, daß Demonax neben den besten
Philosophen auch Aristipp nennt, den Lucian feiert und mit
Epikur zusammen zu den 5oxtu.oi <p:Xöao<pot rechnet105), und
daß er echt menippeisch zwischen Cyniker und Cjniker unter-
scheidet108). Ja er steht nicht an, den Thersites als xuvtx6v ttva
o^jirtfopov c. Gl — Lucian bezeichnet ihn Adv. ind. 7 als
07}u.7)Yop6>v — zu loben, indem er offenbar damit sagen wollte,
die Cjniker seiner Zeit taten besser, nicht den Herakles als •
ihr Vorbild and ihren Heros auszugeben, sondern Thersites,
jenen homerischen Schwätzer und jenes einzigartige Musterbild
eines schimpfenden, frechen Demagogen. Diesen Vergleich
finden wir in Fug. 30 verwendet. Gerade Herakles ist es hier, ,
der mit Herraes zur Aussonderung der schlechten Cyniker aus-
oesandt wird und so gegen ihrGebahren protestiert; die Ver-
gleichung aber mit Thersites, durch welche einer der Ent-
laafenen seinen Herrn treffen will, wird auf diesen selbst
zurückgewendet.
Demonax ist keine Thersitesnatur, er ist keiner von jenen
polternden Cynikern, ihm kommt nicht das falsche, oft gerügte
Prädikat eines oxolrpomö; zu (vgl. Vit. auct. 7. Pisc. 37). In
dieser Hinsicht wird er deutlich als ihr Gegenbild gezeichnet.
So kann man nicht wohl verkennen, daß der Schilderung des
Cynikers in Ic. 31 StaiEt vonevo; %%l ßoöv xal xoLvrffop&v
xö)v ÄXXöv genau Dem. 7 oöSenwTcoTc yoOv öj<p{b) xsxpaywf
9} öttepStaietvö psvoc 9} dyavaxxöv oüS' ti lK\uy.3.v xq) Seot
gegenübersteht107). Das ganze Wesen dieses Idealphilosophen
,M) Vgl. Bernays S. 47; Bruns Rh. M. 43, 175 und 893 ff.
,w) Ver. bist. II. 18 vgl. Nec 13. Paras. 8& Wenn Aristipp frei-
lich Dial. mort. XX, 4 und Bis acc. 23 hart mitgenommen wird, so
teilt er damit nur das Schicksal des Diogenes und Sokrates. Daß er
trotzdem Lucians Geschmack zugesagt hat, dürfte schon aus dem He-
benswürdigen und angenehmen Wesen Aristipps, fern von Eitelkeit
und Großtuerei, und namentlich aus seiner Lebhaftigkeit und Liebe
zum Scherze sich erklaren. Vgl. Zeller II, l3, 266-67; Hirzel I.
145,3.
IM) Vgl. Hirzel II, 819,5 gegenüber E. Wildenow, De Menippo
Cjnico Hai. Sax. 1881. S. 28.
107) Interessant ist auch Vit. auct 10 IxauAv xp*l *** fy»ouv
xal Xotöopsto&ai iiaatv ig Iotjc xal ßaoiXsöot xat Iömütoic* o$xto$ yap äxo-
ßXicpovxat ob xal avdpetov ötcoXV^ovxoi zusammengehalten mit Dem. 5
oö iwepaxocpdrcwv rä sie öiattav, &c $aou«£oiTO xal awoßXsitotTO, äXX'
ftnaoiv djioöiaitoc 5>v x. x. X. vgl. Fug. 14.
39*
598
K. Funk,
ist heiter (c. 9. 65), wie das des Menipp (Dial. mort L, 1;
X, 8), Diogenes (Nec 18) und des Lucian selbst (Eun. 1 ael
fjiev yap yaiopös &v Tuyx*vetCi & Aoxive (vgl. Herrn. 51. 53).
Sein Benehmen und seine Gespräche verraten die Künstlernatur,
sie atmen attische Grazie (c. 6. 10), und er versäumt nicht
bei seinen Reden auf den sprachlichen Ausdruck zu achten,
was bei Lucian außerordentlich viel gilt, während dagegen in
jener karrikierenden Charakteristik Vit. auct. 10 Diogenes die
Anweisung erteilt: ßapßapoc 54 ^ <p<i>W) loxta xa! anrtfks zb
(pdiffia xat £t£Xvti>t öu,oiov xuvi . . . xai SXa>; ö^piwdrj xa:
dcypta xa 7tavxa.
Seine feine Art zeigt sich vor allem im Umgang mit
anderen. Recht schlagend tritt wiederum der Mahnung des
Diogenes Vit. auct. 10 8£ü>x« Se xa 7toXuavfrpü>7c6xaxa xwv
Xwpctov xal iv aöxol; xo6xot; u.6vo; xai axoiv&vr/coc e?vat $eXe
|itj qptXov, jjtf) 5^vov 7tpooteu£Vo; * xaxaXuat; yap xa xotaöxa xfj;
apx^); die edle Freundschaft des Demonax entgegen <p(Xoc uiv
änoLGi xa! oöx £oxtv, övxcva oöx ohtetov £v6u.i£ev, dvdpamoy
ye övxa c. 10, und bezeichnenderweise ruft der Käufer des
Bio; üovxixö; am Schlüsse dem Diogenes zu: "Arcay« ' juapa
yap xai oux avfrpamva Xeyei;, denn das oux dvfrptora^etv ist
eben der Vorwurf des Demonax gegenüber Peregrinus (Dem. 21).
In bestimmter Weise wird ferner seine Milde und Leut-
seligkeit hervorgehoben und zwar im allgemeinen mit ähnlichen
Worten, wie uns Lucian seinen Freund Celsus zeichnet108).
Ferne steht er jenen, welche nur schöne Worte über die
Freundschaft haben, in der Not aber versagen und einen ihren
Worten entgegengesetzten Standpunkt einnehmen (Pisc. 35),
fern auch jenen, welche sich um alles Mögliche und Un-
mögliche kümmern, aber von der Pflege eines kranken Freundes
und Bekannten nichts wissen wollen (Ic. 31 vgl. c. 30); er
macht sich ihnen nützlich, ist ihnen zu allem Guten behilflich
(Dem. 8) wie Nigrinus (c. 26) und zeigt aufrichtige Teilnahme
an ihrer Krankheit und an ihrem Tod (c. 10). Selbst wo er
1M) Vgl. Dem. 1. 3 mit Alex. 61: 8v iym ftavTwv (idXioia
«•aujidaac S x a> v kni xs aoqrfa xal ify « P ö C dX^d-tiav S p cd t t
xal xpönou «paöxKjxt xai ircisixsla xal yaArjrg {Jloo xal CaßtöxKjtt
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I
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 599
tadeln muß, tut er es mit Nachsicht, ohne Zorn und ohne zu
poltern wie die andern, die tü>v äXXwv xaxTjyopoöat xai Xoyouc
xtv&€ 7itxpoü; oün^op^aavxe; xai Aot8opta<; xtvas £X|iefjteAerr)x6Te<;
irctTtuöot xai dvgi5t£ouat xol? rcAijatov (Ic. 30). Diese Grund-
stimmung bewährt sich auch in dem Mitleid mit den Schmerzen
seiner Nebenmenschen (c. 46. 57). Wenn man gleich auf
griechischer Seite gegenüber den Gladiatorenkämpfen größten-
teils 109) eine ablehnende Haltung einnahm, so ist es doch nicht
unwichtig, daß Demonax und Lucian in der Verurteilung der-
selben übereinstimmen. Freilich sind die uns so selbstverständ-
lich erscheinenden Gefühle des Mitleids in Anach. 37 nicht so
stark betont wie Dem. 57, dennoch tritt der Abscheu über das
unmenschliche Schauspiel in den Ausdrücken fazocft • d^ptöSec
yÄp xal 5eivä>£ oxaiöv xat rapooexi ye ÄXuaiTeXfe; zur Geniige
hervor.
Endlich ist Demonax kein Thersites im Verhältnis zum
Staate und zu den römischen Beamten. Friedliebend wie er
ist, fordert er das Volk auf, dem Staat das Pflicht mäßige zu
leisten (c. 10); deshalb braucht man ihn aber nicht gleich
zum Ideal eines guten Staatsbürgers zu machen (Jakob, Cha-
rakteristik Lucians S. 21). Aus Patriotismus, der damals nicht
aufkommen konnte (Passow S. 18), geschah es wohl nicht, es
ist nur das passive Sichergeben in die Notwendigkeit, wie der
Cyniker überhaupt aus Klugheit der höheren Gewalt weicht
Jedenfalls steht aber mit diesem Zuge Demonax wiederum im
Gegensatz zu Peregrinus, der um jeden Preis ein politischer
Märtyrer werden will (Per. 18. 19. vgl. 14). Doch wahrt er
sich immer noch so viel Freiheit, um, wo es ihm nötig erscheint,
mit scharfer Kritik einzusetzen (c. 30. 50). Dabei hält der
Verfasser der Vita überhaupt dieselbe Gewohnheit ein, wie sie
Lucians Werke aufweisen, daß bald die Namen der Getadelten
genannt, bald mit feinem Takte verschwiegen sind'10).
Befremdlich erschien von jeher an Lucian die völlige
,M) Vgl. Friedländer, Die Gladiatorenkftmpfe Rh. M. X, 576. 577.
578, 3. Lihanius de vita sua 3 steht mit seiner Bewunderung fast allein,
da Favorinus den Stoff (Philostr. V 8. II, 11, 1 ff) wohl mehr aus
Neigung zur epideiktischen Behandlung verrufener Themate aufgriff.
m) Genannt sind sie c. 12. 13. 19. 21. 24. 26 29. 30. 31. 40. 44.
54. 55. 56; verschwiegen 14. 18. 86. 38. 41. 48. 50. 51.
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600
K. Funk,
Gleichgiltigkeit gegen philosophische Dogmen, da ja bei jedem
philosophischen System, selbst bei dem der Cyniker gewisse
dogmatische Voraussetzungen nötig sind, um den das Leben
regelnden Vorschriften Begründung und Bedeutung zu geben.
Nur wer Theorie und Praxis verbindet, verdient seinen Beifall;
die Theoretiker sind nur oocptaxaf, niemals 0090t (Hipp. 1. 2
vgl. Eun. 5. 6). Ja er steht nicht an, das theoretische Wissen
geradezu als hinderlich für ein tugendhaftes Leben zu erklären
(Conv. 34. vgl. Herrn. 81 — 82. Nec. 21), die töuöiat sind da
den gewöhnlichen Berufsphilosophen weit überlegen, und der
wahre Philosoph unterscheidet sich von ihnen nur durch eine
tiefere und richtigere Betrachtung des Irdischen (vgl. Nav. 40;
De luctu 2). Kein Wunder also, wenn die ethischen Vor-
schriften und das Handeln darnach bei ihm alles gelten. Genau
dasselbe Bild gibt uns die Lebensbeschreibung des Demonax.
Sie ist ebenso leer an großen Ideen, welche das Herz er-
heben und zum Guten begeistern und damals im Stoicismus
einen so beredten Sprecher fanden ; diese werden ebenso nur
nebenbei erwähnt wie in den echten Schriften Lucians. Das
Negative, die Kritik am Bestehenden , das ist der Grundton.
Echt cynisch 11 *) wird von beiden Naturwissenschaft und Dia-
lektik verworfen. Die Wünsche, welche Nav. 44 geäußert
werden, über die Natur der Sterne, des Mondes und der Sonne
etwas zu erfahren und et tive; ävcitioSec V)(uv otxoöot tö
vöxtov xfj; fffi VjuiTou-ov iyovxt$ , erscheinen Demonax nicht
weniger chimärisch und unnütz, wie aus der Antwort hervor-
geht, welche er in derselben Sache einem neugierigen Frager
gibt (c. 22).
Oft genug redet sodann Lucian von der Dialektik mit
ihren schlauen, überraschenden und verfänglichen Fragen und
Antworten, die den Gegner in ein künstliches Labyrinth ver-
wickeln (Fug. 10),ia). Wie Demonax c. 28, so macht auch
er sich lustig über solche, die nicht klar, sondern höchst rätsel-
haft sich ausdrücken und auf vorgelegte Fragen äußerst ver-
m) Vgl. Diog. Laert. VI, 106: dpsoxsi aötotc töv Xoyixöv xai töv
900«.xö> xdicov Twpiaiptiv, jiövtp & 7cap4x«*v x$ T]&tx$ vgl. Ic. 4 — 10. 80.
DU1. mort. 1,3. Nec. 6. 21.
. »») Vgl. Pisc 41. Herrn. 7. 9. Dial. mort. I, 1. X, 8. Conv. 23.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 601
worrene Antworten geben (Iup. trag. 27). Wenn jener seinen
Gegnern gegenüber die Dialektik je verwendet, so ist seine
Absicht dabei, sie auf den rechten Gebranch hinzuweisen. So
nimmt er einmal c. 29 Gelegenheit, auf dialektischem Wege
die Sinnlosigkeit des von den Atticisten gerne gebrauchten
(II, 186), sogar auf Inschriften vorkommenden (IV, 659, 62)
Ausdrucks 7ipöxo; %<d jiovo; zu beleuchten. Auffallend genug
ist nun, daß von da an mit einem Schlage die gerügte Ver-
bindung aus der Litteratur verschwindet Bereits Aelian nnd
Philostratus gebrauchen sie nicht mehr. Gewiß hat der beste
Kenner der atheistischen Bewegung a. a. 0. Recht, wenn er
diese Tatsache mit dem Spott des Demonax in Verbindung
bringt und darin ein Beweismoment für die Abfassungszeit der
Schrift findet. Für uns aber ist der Umstand von besonderer
Bedeutung, daß auch Lucian geflissentlich diesen Ausdruck
meidet, ihn Rhet. Praec. 15 umschreibt und sich nur ein
einzigesmal Zeux. 2 — aber nur in einer durchaus ironisch
gefärbten Stelle — der ähnlichen Phrase eis *al uovo; bedient
Der einzige positive Gedanke, der zwar durchaus nichts
Neues und den anderen philosophischen Systemen keineswegs
fremd ist, der aber wegen seiner einzigartigen Betonung doch
etwas für Lucian Charakteristisches bezeichnet, ist der Gedanke
an den Tod und die Vergänglichkeit alles Irdischen und die
dadurch bedingte Beurteilung des Lebens und der Lebensgüter.
Dieser Gedanke kehrt in einer Reihe von Schriften wieder und
bildet geradezu das Grundthema in Dial. mort, Char., Nec.,
Cat. und Nav. Er ist auch das einzige Leitmotiv in der
Philosophie des Demonax, ausgesprochen in seinem Lieblings- ,
vers aus Homer I, 820 (c. 60). Bezeichnenderweise finden
wir denselben Vers mit einer leichten Parodie in Char. 22us)
und zwar an einer Stelle, die am meisten eschatologisch ge-
färbt ist. Mit der Erinnerung an die Vergänglichkeit alles
Irdischen hilft er seinen Freunden Glück und Unglück ertragen.
Ich setze die Stelle wegen des Nachfolgenden hieher; es heißt
IU) Er heißt: xd-efrav' öjaÖc b V dTUjißoc dvrjp ö x' UXax« TÖu£ot>,
was Joost, De Luciano ?tXo(i^pq> S. 14 entgangen ist. Entsprechend der
sonstigen Gewohnheit Lucians, von der er nur einigemal Alex. 57. De
hist. conscr. 57 Muse, enc. 5. Ps. Lac. Charidem 4 abgeht, ist Homer ohne
ein Epitheton genannt.
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K. Funk,
da c. 8: xoi>c uiv euxu^etv 5oxoGvxac£ aöx&v utcc u.£u.VTjaxev
u>C irc' dXtyoxpo vtot; xots SoxoQotv iyad-o^ ircatpo-
p e v o u s , xoi>; 8e ^ nevtav dSupopivouc f) qjoYTfv 6uoxepatvovxa;
yfjpa; i) vooov aftcwuivou; oov yeXwxt rcape jiufrelxo oüx
öptövxag, öxi u*x£ u,cxpöv aöxoi; rcauoexai uiv xi dvtövxa,
Xifiri Bi xt; dtyafröv %al xaxftv . . . xaxaX^exai. Damit
' stimmt ja vollauf überein, was Nigrinus sagt c. 26: xouxcöv
(sc. dypftv) uiv qpöoet oöSevoc iaptev xuptoi, vopU]> 8£ xai 5ia-
^°XD T^lv XP^atv a^^v dopuxov JtapaXajißavovxec dXtyo-
■ xP^vl0t 8*eoic6x«i vou.i£6u,eö-a114), and was in Nee 12
von Minos erzählt wird: xatl jxaXiaia ixetveov rjrcxexo (vgl.
Dem. 7) xöv ircl TtXouxot; xe xal dpxal; x£xu<pü>u,£v(ov
xal |iovovoüxi xai Trpooxuvetaö-at Tcepcu.evovx<üv, xVjv xe dXiyo-
Xpövtov <iXa£6v6tav aöxöv xaJ örccpotjrfav jiuoaxxojievo;
xai öxt |it) £uiu,V7jvxo &vt)xo( xe övxe$ xal {tvtjxöv
dyad-öv xexox^xoxe^. Aber über zwei Gemütsbewegungen
muß der Mensch Herr zu werden suchen, wenn er zur Rahe
und Freiheit gelangen will, es sind Furcht und Hoffnung. Oft
genug weist der Satiriker auf sie hin. Gerade sie werden
Cbar. 18 weiter ausgeführt, während eine Reihe anderer lästiger
Hausgenossen des Menschen nur mit dem Namen genannt
werden. Freiheit von ihnen wird vor allem von dem Ge-
schichtschreiber verlangt, soll er eXeuÖ-epo; xtjv yvtbu^v sein115).
Ganz nahestehend in der Ausdrucks weise findet sich dieser stoisch-
cynische Topos'16) in Alex. 8 verglichen mit c. 20. Hier
werden ausdrücklich die genannten 2 Triebkräfte als Grund
angegeben für die Sucht der Menschen, die Zukunft vorher-
zuwUsen und für ihren schnell bereiten Glauben an Prophezei-
ungen und Orakel (£a8t(ü$ xaxevorjaav xöv xöv avfrpwiwdv ßtov
ötcö 8uotv xouxoiv luytaxotv xupavvouuivuiv, ^XtclSo; xal <p6ßou).
Die Folgerung daraus ist die an unserer Stelle ausgesprochene
Anschauung. Wer aber von Furcht und Hoffnung frei ist,
der kommt mit Menipp (Dial. mort. XXVI, 2) und Demonax
l") Vgl. Nigr. 4 7tpo^x^iJ Y*P • • • xaxaYeXdoat töv 8 tj ja o a f <f vo-
lii£o(iivu>v & y « $ <5 v , xiw£ ös xijioi öoxoöotv.
m) De bist, conscr. 38 xatl n^xs ^oßsCodto u^-w iAiagitco
Ökv vgl. c. 14 und 16.
* '•) Darin besteht auch für Diogenes die *jöovi$ nach Dio. Chr. or.
VIII, p. i:*2ff., ahnlich or. XLIX, 9 f. vgl. Krsch und Grober I 8ect. 25,
43 und Zeller III, 2", 61 für die Skeptiker.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 603
(c. 25) zu dem Schluß, daß nichts für äcp6p7jxov anzusehen ist,
was immer an Schicksalsschlägen über ihn kommen mag.
Gegen Ehren und irdische Güter ist er gleichgiltig. Sie be-
deuten ihm schon während des Lebens nichts und natürlich
erst recht nichts nach dem Tode. Was nützen sie, diese hoch-
ragenden Leichenhügel, die Säulen, die schön gearbeiteten
Pyramiden, die Bilder und Tempel und Inschriften, die gunst-
buhlende Menschen einem Toten errichten? All das zerfällt
allmählich und verschwindet, ohne daß einer sich darum küm-
mert. Und hätten diese Dinge auch noch so lange Bestand,
welchen Genuß könnten sie dem gewähren, der überhaupt alle
Empfindung verloren hat? (vgl. Net. 40. De luctu 22. Nec. 17).
Wenn nun auch zunächst der Spott in Dem. 44 dem schlechten
Dichter gilt, so wird doch damit die Sucht 11 7) gegeißelt, sich
durch Epigramme zu verewigen. Will es nun nicht viel be-
deuten, daß der Inhalt unseres Epigrammes dem Worte ähnelt,
mit dem Lucian den Peregrinus ins Feuer springen läßt (c. 39
gXtnov r«v, ßotvü) 8' '(ttuu-irov) 118), jedenfalls ist mit der
Ablehnung einer Denkmalsetzung in Olympia die wahre Mei-
nung des Demonax unzweideutig ausgesprochen (c. 58) und
vielleicht nicht ohne Absicht dies und die einfache Bekränzung
des Steins, auf dem er auszuruhen pflegte, als Gegenstück zu
Peregrinus und seiner Art dargestellt119). Gegenüber dem
Begräbnis selbst trägt er dieselbe Gieichgiltigkeit zur Schau
(c. 66), die an Menipp gerühmt wird. (Dial. mort. X, 13 vgl.
XXIV, S)iao).
Aber alle diese Todesgedanken können seinen heitern Sinn
nicht stören. Der Tod ist kein Unglück, das man fürchten
muß. Nach unserem Empfinden möchten wir nun vermuten,
m) Aeußerst charakteristisch sind dafür die vielen Epigramme des
Herode« Attikus auf seine geliebten Toten vgl. Hertzberg II, 399, 72
und Groag b. Pauly s. v. Claudius Atticus III. 2-, 2677 ff.
,w) Vgl. Crusius, Ein Tragikerfragment. Philol. (1*95) 54, 576.
Lucian befürchtete Per. 41, daß schnell aufgestellt Wörden »i-
xövsc noXXotl rcapd t» xfi>v 'H X s ( u> v aötöv, irapd xs xt&v dXXwv ' EXXi)-
vcov, olg xal 4*saxaXxsyat iXtyw. Das ist auch wirklich eingetroffen
(vgl. Bernays S. 10). Ueber die Unsitte der Denkmalsetzung vgl. Dio
Chrys. Or. XXXI, 886 und Friedlander III, 166 ff.
»") Vgl. Diog. L VI, 52. 79 und Stob. üor. 128, 11 (= Mein. IV,
126), Weber S. 172. Ueber Chrysipp und Zeno 8. Zeller II, 1*, 227.
III, 1«, 281,2.
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604
K. Funk,
daß zum Beweise dessen die Unsterblichkeit und die erfolgende
Ausgleichung im jenseitigen Leben des öfteren betont würde.
Allein es wird ausdrücklich gesagt, daß es mit Lust und
Schmerz nach dem Tode überhaupt aus sei (c. 8), und die
Antwort auf die Frage, ob die Seele unsterblich sei (c 32),
fällt so aus, daß man das <S>; r.dvT* wohl am besten mit einer
Stelle Epiktets erklären wird, welche die Unsterblichkeit im
Sinne einer persönlichen Fortdauer ausschließt1*1). Damit
harmoniert Demonax wieder mit Lucian, der sich mehr als
einmal über den Unsterblichkeitsglauben lustig macht ni). Dem
widerspricht auch Dem. 8 Xifyibj oe Tis fltyafrtöv xal xaxöv xa:
iXEufrspta u.axpa rcavxas ev dXiycp xaiaX^exat so wenig,
daß wir es vielmehr hier mit einer echt lucianischen An-
schauung zu tun haben, was sogar Wichmann S. 845 be-
hauptet, freilich ohne Beweis. Das Glück des Toten wird
nicht nur in De luctu ausführlich geschildert, der Cyniskus
legt in Iup. conf. 7 (vgl. De luctu 16 und Dial. mort. XXVI, 2)
gerade von diesem Standpunkte aus Verwahrung ein gegen
den höheren Vorrang und das größere Glück der Götter, indem
er ausführt: xoOxö ye paxpq) xeEP°v *otiv, et ye xous piv xav
6 ^avaxo; iq eXeuO-eptav atpetAexo, öpiv 5e i$ ancipov ix-
rcfoiei xö Tipdeypa xai df&oc ^ 5ouXe£a yi'yvexaL örcö paxp$ x&
Xivtp axpecpouivTj. '
Der Tod führt also zur Freiheit, dem höchsten Gute143);
es ist mithin nur Betätigung der Freiheit, selbst in den Tod
zu gehen, wie es Demonax (c. 65) macht Folgerichtig wird
darum die Ejaytoyrj von Lucian nirgends verurteilt, auch bei
Peregrinus nicht; was ihm hier mißfällt und seinen Widerstand
herausfordert, ist einzig und allein die auffällige und feierliche
Art, mit der er sich in Olympia bei einer Festversammlung
Dias. IU, 13, 14 beißt es: Die Elemente lösen sich in ihre Teile
auf, tig ouösv Ösivöv dXX' 6frsv sysvou et{ xd <p£Xa xai ouYY*vf), stc ii
oxoixsla ' öaov ev ool rcopöc, sie arcstoiv * äoov JJv y*J&ou, et{ y^Ätov ■
5oov nvsu|iax(oi>, sie Tcvsou-dmov • ficov ödxTtou, sig OÖätiov. Die Stelle ist
wie die andern (II, 5, 13. III, 24, 94) klar genug. Vgl. Bonhöffer, Epiktet
und die Stoa. Stuttgart 1890 S. 65 gegenüber Zeller III, 1», 746, 3.
"*) Dial. mort X, 10. Per. 13. Muse, enc 7. Pbilops. 24. 29. 32
und Bis. acc. 34 beklagt sich der Dialog, daß er nicht mehr über die
Unsterblichkeit spintisieren dürfe.
Hes. 5. De merc. cond. 7 und 8 und Pisc. 17 ist unter den beiden
Dienerinnen sövoixeoxixw jxoi övrt, außer der rcappyjoia auch die sXsuö*p4au
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demon actis. 605
verbrennen will (Per. 21). An verschiedenen Orten dagegen
führt er die Todesfreudigkeit des Diogenes und Menipp mit
Beifall an und hebt rühmend hervor, daß sie freiwillig mit
Lachen und Scherzen aus dem Leben gegangen seien m), wäh-
rend er es nicht unterlassen kann, den Sokrates zu behelligen
und seinen äußerlich unfreiwilligen Tod auch zu einem inner-
lich unfreiwilligen zu stempeln (Dial. mort. XXI, 1).
So sehen wir also alle Lucian sympathischen Züge an den
Philosophen der damaligen Zeit in der Biographie des Demonax
zusammengetragen und vielfach aus den verzogenen und ver-
zerrten Linien seiner Streitschriften heraus das Bild eines
Idealphilosophen nach seiner Anschauungsweise gezeichnet.
Nirgends finden wir in dem Porträt einen Strich, der diesem
Ideal widerspräche, nirgends ein Mehr, das darüber hinaus-
ginge. Diese Wahrnehmung und die Fassung der Einleitungs-
kapitel konnten daher die Vermutung nahe legen, daß die
Lebensbeschreibung vielleicht eine cynische Erwiderung auf
die Lucianischen Angriffe sei125). Allein dieser Möglichkeit,
die an und für sich nicht bestritten werden kann, aber auch
nicht weiter bestärkt wurde, stand von vornherein die Mög-
lichkeit des Gegenteils entgegen 12fi). Dazu kommt, daß sich
Inhalt und Ausführung der Schrift aus der oben angedeuteten
Art und Anlage Lucians leicht erklären lassen. Bezüglich der
Einleituugskapitel aber war er zu der Bemerkung genötigt,
daß seine Zeit doch nicht so arm sei an denkwürdigen Persön-
lichkeiten, und daß demnach auch sie Muster und Vorbilder
bieten könne, nicht bloß die klassische Vergangenheit Es
ging ihm da, wie so manchen anderen Schriftstellern127), die
unzufrieden mit der Gegenwart immer nur die vergangenen
Zeiten bewundern und in ihnen alles groß und erhaben finden,
und die nun in die Lage kommen, auch an den zeitgenössischen
Verhältnissen etwas Rühmendes nennen zu müssen. Die dtp-
Xaiot haben sonst immer seine volle Anerkennung. Ihre Nach-
"*) Dial. mort. X, 11. Ilcftc 8{ Sontooa ln\ xöv Mvaxov utj&svöc xa-
Xioano;; XXI, 2 ui] &va-pta(6usvot utjÖ' d>&o6usvot, AXX' sd*Xoöowi, ysXöv-
xec, ol^eiv *apaYT«ßavtt; &7ix<*v. Vgl. XXII, 2. XXVII, 9. Cat 6.
Schmid, Philol. 50, «01,3.
>M) Schmid verweist selbst zu diesem Zweck auf Pisc. 37.
m) Vgl. Tacitus Annal. 3,55 Non omoia apud priores meliora, sed
nostra quoque aetas laudis et artium imitanda posteris tulit.
K. Funk,
ahmung empfiehlt er Rhet. praec. 9 im Gegensatz zu c. 17,
wo sein Gegner xoü{ ttöv öXtywv icpö V)u&v X6yous zum Studium
anpreist (vgl. De hist conscr. 84. Adv. ind. 17). Wollte er
nach den zahlreichen heftigen Angriffen gegen die Philosophen
seiner Zeit, insbesondere gegen die Cyniker, einen Zeitgenossen
lobend hervorheben, so mußte er in der Einleitung auf das
Vorausgegangene Rücksicht nehmen. Positiv scheint mir gegen
die Vermutung Schmids zu sprechen, daß die gegnerische
Tendenz sonst nicht hervortritt. Die Lebensbeschreibung ist
durchaus objektiv gehalten, was um so unbegreiflicher ist, wenn
man sich die Lucianischen Angriffe gegen die Cyniker, wie sie
in einer Reihe von Auslassungen erfolgten, vergegenwärtigt.
Endlich wäre es wohl mit dem Charakter einer Gegenschrift
unvereinbar, daß gerade der Vertreter derjenigen Richtung
gefeiert würde, die bei Lucian in der Verherrlichung des Menipp
die höchste Billigung findet, während zugleich die von ihm so
oft gerügten Cyniker anderer Richtungen denselben Tadel er-
fahren würden, und namentlich Peregrinus, der gewiß nicht
nach Lucian allein gemessen werden darf — man denke nur
an Gellius, N. A. 12, 11. 8, 3 — , im großen und ganzen
dieselbe Beurteilung zu teil würde (c. 21). Hier wäre der
Punkt gewesen, nicht in sein Urteil einzustimmen, sondern zu
seiner berühmten Schrift Stellung zu nehmen. Umgekehrt
aber lag für Lucian, wenn er der Verfasser ist, keine Ver-
anlassung vor, da seine eigene Schrift über des Peregrinus
Lebensende zu erwähnen, wie Bernays S. 105, 24 meint; daß
nicht einmal der Verbrennung gedacht wird, welche das oöx
dv{rpü)7r{£eiv des Peregrinus glänzend bestätigte, darf gewiß bei
der sonstigen Bekanntschaft des Verfassers der Vita mit den
Werken Lucians als ein untrügliches Zeichen der Echtheit
aufgefaßt werden. Ein Fälscher hätte sich sicher diese doppelte
Gelegenheit, seine Kenntnisse anzubringen, nicht entgehen
lassen.
Durchaus unhaltbar ist die Vermutung von Margadant
S. 88, welcher die Vita das Werk eines Schulmeisters sein
läßt, weil der Verfasser es als Zweck seiner Schrift bezeichne,
der Jugend damit ein Vorbild zu geben. Abgesehen von der
Tatsache, daß in den Kreisen der zweiten Sophistik nicht mehr
Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demonactis. 607
das geschichtliche Geschehnis an sich, sondern dessen Ver-
wendung zu einem bestimmten Zweck, zur Belehrung und
Unterhaltung, die Hauptsache ist128), eine Anschauung, die
auch l>ei Lucian durchschlägt, gibt dieser selbst noch bei
anderen Gelegenheiten (Alex. 1. 2 und 61) ausdrücklich den
Zweck an und einmal in einer npoXaXia genau denselben, wie
hier. Es heißt nämlich Som. 18: xal xoi'vuv xötyü) xoöxov xöv
övstpov 6uxv 8t7jYifjoau,7)v exetvou gvexa, ötwi); ol veot rcpö;
x* fUXx£u> xpe7Wi>vxat xat icaioet'a; fymxoLi . . . btavöv £aux$
7tapct66tyu.a iui Tcpoor^adfievoi. Wir werden also wiederum auf
Lucian selbst als den Verfasser zurückgewiesen.
Daß wir mit diesem Schlüsse nicht zu weit gehen, mögen
die folgenden sachlichen und wörtlichen Uebereinstimmungen
mit den Apophthegmata zeigen, die wir bis jetzt außer acht
gelassen haben. Schwarz hat nur nebenbei und im Vorüber-
gehen auf einige hingewiesen 129), die indessen noch vermehrt
werden können. Da sie für den Echtheitsbeweis nicht wenig
von Belang sind, empfiehlt es sich, sie im einzelnen zu be-
handeln.
Zu dem Interessantesten gehört da der Vergleich von
Dem. 13. 12 mit Eun. In dieser Schrift handelt es sich um
die Wiederbesetzung einer Professur der peripatetischen Schule
an der Universität Athen. Zwei Bewerber treten auf, Diokles
und Bagoas, welche sich gegenseitig auszustechen suchen. Da
sie in ihrem wissenschaftlichen Können einander gleichstehen,
soll der bessere Lebenswandel entscheiden. Aber auch hiedurch
kommt die Sache nicht zum Austrag; einer sucht den andern
durch Beschimpfungen und Verleumdungen zu verdächtigen.
Zuletzt wirft Diokles dem Bagoas vor, daß er ab Eunuch
überhaupt unfähig sei, die Würde der Philosophie recht zu
vertreten, und überschüttet ihn wegen seiner körperlichen Un-
vollständigkeit mit seinem Spotte. Der Zielpunkt desselben
kann nicht zweifelhaft sein. Diokles verlangt nämlich als
Befähigungsnachweis für einen Philosophen oxf)|ia xal ou>u.axoc
u9) Das schlagendste Beispiel ist Aelian. Vgl. Passow S. 8.
m) S. 573. 2. Bestätigung findet er für Dem. 12 in Eun. 7; für
c. 13 in Eun. 12. Cyn. 14 — c. 24. 25 und vielleicht auch 33 in De
luctu — c. 26 in Rhet praec. 17 — c. 84 in Fug. & — c. 50 in Nigr.
28. Fug. 83. Cyn. 14. De salt 5. Rhet. praec. 28.
608
K. Punk ,
eOfioptav xai xö jityiOTov iwoywva ßa(H)V . . . xal xotg npoo-
toöot xal (iavd-avetv ßouXouivotc d£tG7tiaxov xac 7ipe7iovxa xat$
puptaic, XP^) rcap« ßaotXea)? aTiocpepEa&at (c. 8) und bald
darauf wird ausdrücklich gesagt inzl xal eC; xö ifsvEtov
jiaXtoxa iaxü)q?^T) (c. 9), worauf Bagoas mit einem Witz-
worte erwidert, xa?^™t T0ÖT0» Yoöv $et0» ^oEppt^ev-
e£ yip drcö rcwytovo;, 2qprj, ßocfteoc xpCveoftat 5£ot xou; cptXoao-
qpoövxac, xbv xpayov Sv 5txat6xepov 7cpoxpi&f)vat 7tavx(i)v180).
Unwillkürlich denkt man dabei an den Spott des Demonax
gegenüber Favorinus. Und wirklich wird dieser von Bagoas
zu seiner Verteidigung angerufen; Diokles aber läßt die Be-
zugnahme nicht gelten, er mochte ihn gerade so von der
Philosophie ausgeschlossen wissen trotz all seines Ruhms (c. 7),
weil er in derselben Sache und offenbar am meisten wegen
seiner Bartlosigkeit angegriffen nicht mit dem nötigen Ansehen
habe auftreten können, xal xtva? xal aöxö{ d7reu.vrju,6v6uoe
yooc, xal npb$ ixeCvov örco xe SxtoVxöv xal Kuvtxa>v (ia-
Xtaxa e?p7)uivouc npöc yeXocoxepov knl x<j> axeXel xoö o&fiaxo;
(c. 7). Es sind hier nun freilich die Stoiker mitgenannt, aber
Demonax ist mindestens unter den Cynikern miteingeschlossen,
wenn man auch nicht das [AaXtoxa wegen seiner Stellung auf
die Cyniker allein beziehen und schließen darf, Entweder liege
ein Irrtum vor oder es sei unter den Stoikern und Cynikern
eben kein anderer als Demonax zu verstehen* 131). Daß Favorin
besonders den Cynikern nicht grün war, geht aus dem Tadel
bei Gellius N. A. XIX, 6 (vgl. Hirzel II, 120. 120, 3. 121).
Deshalb darf man wohl vermuten, daß Demonax mit seinen
Scherzreden doch eine bedeutende Rolle gespielt hat, und daß
derselbe Grund, aus dem nachher ein Name absichtlich ver-
schwiegen wird (q. 10), auch hier zu einer Verdunkelung der
Tatsachen geführt hat. Denn die ganze Art, mit der jener
unbekannte Dritte eine Anklage des Bagoas wegen vollendeten
Ehebruchs bekannt macht, die nur deshalb nicht die Ver-
urteilung im Gefolge hatte, weil sich Bagoas für einen Eu-
nuchen ausgab (c. 10), und die Art, mit der er ihn so in ein
,M) Vgl. Gall. 10. 6 yoöv rubywv jid&a xpaytxög $jv ig öxspßoXyjv
xouptöv.
»") Ziegeler 384, 4.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactia. 609
Dilemma versetzte, von dem er kein Glied bejahen oder ver-
neinen konnte, ohne sich eine Blöße zn geben, entspricht so
sehr der Weise des Demonax, daß wir am ehesten in diesem
Unbekannten ihn selbst erkennen möchten. Dasselbe legt uns
noch eine andere Bemerkung Lncians nahe. Was sollen die
Worte xapiev™^ Toöv $eT0i denen er das Witzwort
des Bagoas einleitet, welches genau denselben Vordersatz hat,
wie das des Demonax, nämlich ti &nb xoö THoytovo; (dbjtc^)
Uoi xptveoöm xou; qjtXoaocpoOvxa? (c. 9 und Dem. 18)? Klingen
sie nicht wie eine Kritik, zu deren Maßstab gerade der humo-
ristische Ausspruch des Demonax genommen ist? Er stand
ja auf dem Standpunkte des Bagoas, daß nicht das körperliche,
sondern das geistige Vermögen entscheidend sei (c. 5 und 9),
aber seine Bemerkung war in seinem Falle viel feiner, indem
er unvermerkt den Favorinus, der für seine Person allmählich
Achtung bekam, nach rein äußerlichen Gesichtspunkten bei
der Kritik verfahren läßt und dadurch die Aeußerlichkeit seines
Philosophierens überhaupt brandmarkt.
Der Zusammenhang wird noch unverkennbarer, wenn man
vollends den Vorschlag erwägt, Bagoas solle für seine Befähi-
gung zur Uebernahme des philosophischen Lehramtes den
Tatbeweis erbringen, nämlich et Öuvatxo <piXooo<petv xa ye npb;
xöv öpxewv 182). Das sind dieselben dcpooux npbs <ptXooocptav,
deren Mangel auch an Favorinus 1M) ausgesetzt wird. So ent-
halten die kurzen Apophthegmata ein Motiv, das in Eun.
weiter ausgesponnen ist.
In ähnlicher Weise erscheint Dial. mort XXI, 1 verglichen
mit Dem. 45 184). Die Anzeichen des Alters, die sich an seinen
Beinen bemerkbar machen, erklärt Demonax mit den Worten:
»»*) Vgl. Fug. 18 dTtäyouoi yovatxac, <bj cptXooocpoUv öyj xai afoai.
1M) Der Spott erklärt sich aus der Nachricht, daß Favorinus Ktpl
2»xpdxooc *«' "rfls *«■ «tebv 6pomxf,c xixvrjc schrieb (Suidas s. v.), wie
er denn auch Sokrates in seiner Art, mit den Leuten zu verkehren,
nachahmte (Gell. N. A. 4, 1 bes. 19 vgl. Hirzel II, 1*22). Die Ueberein-
»timmungen mit Rhet. praec. 11 und 15, bes. aber die der Schilderung
fthet praec. 23 mit denen bei Philostr. V. S. II, 8, 26 ff. und Apuleius
Piiysiognomia bei Kose, Anecd. Gr. et Gr. lat. I, 71 über die impatienta
libidinum zeigen das Typenhafte der Zeichnung in Rhet. praec, so daß
wir keine bestimmte Person suchen dürfen. Vgl. Rohde, Gr. R. 316*, 2.
Croiset S. 261.
iU) Fr. III, 2, 44 vergleicht beide 8tellen mit einander.
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610
K. Funk,
Xaptov \lz iÖaxev 185). Zu einer kleinen Szene erweitert finden
wir dasselbe Bild in dem angegebenen Totengesprache. Auf
die Frage des Menipp an den Cerberus, wie eigentlich Sokrates
in die Unterwelt herabgestiegen sei, antwortet dieser, zunächst
sei er ganz unerschrocken gewesen, aber als er auf einmal die
dicke Finsternis gesehen und schon mit dem Kopfe innerhalb
des Schlundes gewesen sei, da habe er gezögert, allein xdfyü)
Sit S:a|ieXXovxa aöxöv oaxcDv x$ xwvetq) xaxearcaoa xoö izobiq 1S€).
Es wollen natürlich für Demonax diese Anzeichen nichts an-
deres sagen, als daß auch er allmählich nicht mehr zaudern
dürfe, aus dem Leben zu gehen, und das fietoiaaa^ könnte
noch eine Spitze gegen das Verhalten des Sokrates haben, von
dem unmittelbar weitergefahren wird: ftorop xdt £pe^7j exäxoe
%oti xa eauxoö rcaiSi'a u>Supexo xxl raxvTotos eyivexo.
Noch überraschender ist in dieser Beziehung Dem. 37.
In echt cynischer Weise137) nimmt Lucian, wo er kann, Stel-
lung gegen die Wahrsagerkunst und das Orakelwesen. Die
Wahrsager alle sind für ihn Schwindler, wer sie immer sein
mögen. An Alexander (c. 8. 15 vgl. Per. 28 ff.) brauchen wir
gar nicht zu denken. Auch Trophonius ist ihm Dial. mort.
III, 2 ein Toter, wie die andern alle, von denen er sich nur
durch seine Gaukeleien unterscheidet, und selbst Apollo hat
oft genug den bittersten Spott zu fühlen (Iup. trag. 20. 28.
31. 43. Hes. 7. 8 u. a.) Diesen Standpunkt teilt auch De-
monax. In einem Dilemma rückt er einem Wahrsager das
Widersinnige seiner Handlungsweise vor, indem er ausführt:
oöx' öptö, Itf öxcp xöv uiad-öv ärcaixet? • d uiv ydtp <b; dratXX^a:
xt 8uvau.evos xtbv ijuxexXwouiywv, öXtyov aixst;, ötcgoov Sv a:-
x^i, et 5e <i>; Seooxxat x<p d"£tj> rczvxa eaiat, xt ooo Suvarxt
[lavxtxifj; das zweite Glied dieses Beweises bildet nun großen-
teils den Gegenstand von Jup. conf. Der Cyniscus bannt den
Juppiter von Anfang auf dem Standpunkt fest, daß die ti-
ls6) Das Wort Xdpwv mag in diesem Zusammenhang auffallen, aber
zu der Konjektur des Solanus (K4pßspoC) ist kein Grund. Vgl. Fr. II, 2
zu diesem c. 45.
,se) Nigr. 37 redet er von einem öjjxtixöv cpdpuaxov. Vgl. *ur Si-
tuation Plat. Phaed. 117 £ daXmwv xpövov txsaxdnsi xoi»( nodac xal tz
oxdXrj xärctita a<p&Öpa msaag aötoG töv xöda x. x. X.
4") VgL über den Standpunkt des Diogenes Diog. L. VI, 43. 48-
bes. 24.
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Untersuchungen Ober die Lu«ianische Vita Demonactis. $11
Hapjidvij and die Moipat die Herrschaft haben, und daß also,
was öfter wiederholt wird181*), oö duvaxöv t*7caXXaf;at xt
xcd jiexaxpi^at xöv £pX*3» 8o$avxci>v (c. 11), und Juppiter
gibt zu, daß sxaaxov &itixexXu>o(jivrjv (vgl. Jap. trag. 25)
exet TTjv drcoßaotv (c. 1). Zuletzt wird die Beweisführung ge-
schlossen mit den Worten: Tö uiv öXov £xprpxovt tu ZsO,
TtpoetSevat xa piXXovxa, of; ye xö <poXcfc|-aoam aox* icavxa «86-
vaxov (c. 12. vgl. c. 13), und als letzte Folgerung wird daraus
der Satz gezogen, öaxe odx 6pö, dv{r' oxou drcatxetxe xöv juafröv
erd xfl jiavuxfl 189).
Diesen äußerst charakteristischen Vergleichungspunkten
lassen sich noch einige andere nicht minder bemerkenswerte
anreihen. Man vergleiche c 25 und 26 mit der Schrift De
luctu. In seiner Monodie über den Tod seines jugendlichen
Sohnes hebt der Vater an: Texvov fjöioxov, olynQ uot aal xe-
frv7]xac xal npb <&pa« dvrtf>jiafofr7); (c. 13); ebenso wird die
Erzählung von der Trauer des Herodes Attikus um Polydeukes
mit den Worten eingeleitet: feTcsvfct xöv DoXuStuxTjv itpö Spag
ätaofravovxa. Und wenn dann die ganze Ausführung in den
Schlußsatz zusammengefaßt wird: Taöxa mal icoXü yeXot-
6 x e p a xouxu>v eöpot xtg £v &7cro)pfi>v Iv xol$ rcevfoot yryvojif va
(c. 24) und das alles, (S>; d^oprjxov YjyoÖvxat x4 oou>
ßatvovxa140), so wird man die Aehnlichkeit mit dem Aus-
spruch des Demonax nicht verkennen : & yeXoJe, povo; d«p6-
pijxa naoxstv voui£e:;.
Mit der Trauer des Herodes hängt noch c. 33 zusammen,
wo sich Demonax so darüber ausspricht: dX^fteueiv xöv
nXdxtdva qpd|ievov, oö p.£av Vju,£{ t^uxV ^X£lv» ou
IM) C. 5: oMsv ftv bn' o&Ösvog dXA*Y»ty töv d«*$ fiogdrtwv. c. 7: oö-
«aiiÄg Covatöv dXXdttrttv taöx« xal dvaxXcb&eiv. c. ] : Ä<fuxxa ©itöoa dv
a5x«t totv^ocoot Y*lV0Ji*vcP sxdoxq».
»»•) C. 13. In diesem Funkte für Lucian eine Abhängigkeit von Oe-
nomaus von Oadara anzun ehmen mit Bruns Rh. M. 44, 382, ist also
wohl keine Ursache vorhanden.
"*) C. 1. 16. Man möchte versacht sein, bei solchem Gleichlaut
den Anlaü der Schrift De luctu in der Übermäßigen und auffalligen
Trauer des Herodes zu sehen — selbst die römischen Statthalter nahmen
Anstoß (Philostr. V. S. 66, 31) und den oTtotäoyiXouK war er ein Gegen-
stand des Spottes (Philostr. V. S. 64, 20 ff.) — , allein wir haben hier
einen cynischen Topos vor uns, der auch sonst viel bebandelt wurde
vgl. Norden, N. Jahrbb. Suppl. XVIII, 297 f., Prftchter, Philol. LVII,
PbilologQ*, Supplementband X, viertes Heft.
40
612
K. Funk,
yip elvot xffc auxfj; <|>t>x*fc TrjyiXXav xal LToXooeäxrjv <i>s söv<ca*
Sotiäv xa! ta xotaOta jieXsx£v. Die Wendung des ersten Satz-
gliedes treffen wir auch in De salt. Es ist hier die Rede von
den hohen Anforderungen, welche an einen Pantomimen ge-
stellt werden, und von seiner großen Kunstfertigkeit, welche
selbst nüchterne Leute, wie Lesbonax und Timokrates, in
Staunen und in Bewunderung gesetzt habe, und im Tone der
Begeisterung wird dann fortgefahren: tl 8' Sortv dcXrj&fJ, a
nepl <l>ux*)C 0 nXatwv Xiyec, xdk Tpfa uipr) aott); im5e:xvi>ar
x. t. X. (c. 70). Das ist um so bedeutsamer, als kurz zuvor
das Wort eines Barbaren angeführt wird, der dem Künstler
zurief : 'EXeXVj&eis, & ßeXxtarc, gtprj, oG>pa uiv xoOto £v, xoXXd;
Es ist bereits oben bemerkt worden, daß Demonax be-
züglich des übertriebenen Atticismus dasselbe Urteil hatte wie
Lucian selbst; das zeigt deutlich die wörtliche Parallele in
Lex. mit Dem. 26. In ersterer Schrift wird die Torheit eines
Hyperatticisten hübsch durch Vorführung seines eigenen Werkes
gebrandmarkt. Die erste Kritik, die Lycinus darüber äußert,
ist herzliches Lachen (c. 16). Dann bedauert er ihn wegen
seiner Geschmackesverirrung; damit könne er wohl auf Un-
gebildete einigen Eindruck machen, aber Gebildete hätten für
ein derartiges Unterfangen nur Mitleid, und er meint dann:
AoxeC; öe uot uofjxe <ptXov xtvd t) otxetov eövouv ixetv ji^xe
dvSpl eXeu^eptj) Ttw^oie xorf 7tappr}o(av äyovxt ivietu-
XTjx^vai, 6; tdXTjfres eiTCtbv Srcauoev <Sv oe ööepq> uiv §x^tJLEV0V
x. x. X. (c. 17). Wer sollte hier nicht eine Anspielung auf Demonax
finden (öXov TtapaSou; eauxöv IXeufrepfa xai Tcapp7)ot(z c. 3) ? Daß
141) G. 66. Diese Ueberein Stimmung und die echt Lucianische Zu-
rückhaltung, welche sich vor allem gegenüber der Psychologie Plates
kundgibt, dürfte für die Lösung der Echtheitsfrage von De salt. nicht
ohne Bedeutung sein. Man könnte allerding» außer den von Bieler
geäußerten Bedenken noch anführen, daß Lucian selbst sonst Singen
und Tanzen als eine Wirkung der Trunkenheit bezeichnet (Nigr. 25 und
Tim. 55), und daß der 69 gelobte Ausdruck x«P<tooqpoc, für Pantomime
in Bhet. praec. c 17 getadelt wird. Die Bemerkung des Athen. XIV,
629 (xaXetxat H xal 4XXtj Ö p x "»l o t C x d o u. o o sxnöpcooic,, »vrr
uovsusi M4viitno{ 4 Kuvtxij sv x$ ^uunooiq)) ist zwar zu kurz,
um eine Vermutung zuzulassen. Aber man fragt sich vergebens, wer
dann die Schrift verfaßt habe, da ja doch das Thema zum Repertoire
der Sophisten gehört zu haben scheint (vgl. Libanius npö( 'ApcoxsiÖrjv
6*sp xöv dpxijoxöv).
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 613
wir mit dieser Vermutung nicht irren, das beweist schlafend
die Aeußemng des Lycinus: fi\iä$ xob$ vOv rcpo<;ou,iXoOv-
ta( xataAtTtcbv izpb xtXiwv ixöv ^ulv StaAiyexat Staaxpi^wv
t$jv yXötxav xal Tauri ta dXXoxoxa auvTrtreic . . . ü>£ 8Vj xt
uiya 6v, e? xi; Eev££ocU2). Genau dasselbe sagt Demonax:
'Eyü> uiv oe, d> ixatpe, v 0 v fyM&xijaa, ao 6i |iot 6 ; e 'A y a-
|ii|iVOVO( flblOXptVQ.
Dem Gesagten füge ich noch an den mit Dem. 16 zu-
sammenfallenden Spott des Nigrinus über einen Reichen wegen
der Buntfarbigkeit seines Gewandes I4a), und dieselbe Strafe für
einen schlechten Cyniker in Dem. und Fug. 144).
So viele sachliche und wörtliche Uebereinstimmungen
drängen uns wieder zu demselben Schluß, den wir schon ein-
mal raachen mußten, und zwar mit unabweisbarer Notwendig-
keit. Wir haben auch auf dem Bachlichen Gebiete eine Ab-
hängigkeit von der Art gefunden, die uns einfach an einen
Nachahmer zu denken verbietet. Oder ist es wahrscheinlich,
daß sich ein solcher so gar nicht verraten hätte, daß er viel-
mehr in der prägnantesten Kürze genau das Lucianische Ideal
eines wahren Philosophen gezeichnet hätte, ohne auch nur
einen Strich dazu zu tun? Sollte er im stände gewesen sein,
einen durch eine ganze Schrift durchgeführten Gedanken in
eine so kurze und so zugespitzte Fassung zu bringen und
einen allgemein ausgesprochenen Satz so individuell zu prägen ?
Und wenn er die Quelle Lucians in den Apophthegmata ent-
deckt kätte, sollte er es über sich gebracht haben, nichts von
dieser Abhängigkeit anzudeuten, wiewohl er Lucian schon
wegen der Auswahl genau gekannt haben müßte? Das alles
Lex. 20. Vgl. De hist conscr. 44. Hier warnt Lucian auch
den Geschichtsschreiber, dnöpprjxa xal sgco nd-too övöpaxa zu gebrauchen,
dXX' &cpfcvToi>c TcoXXoüg oovstvai, xoug 8e «snottösujitvot^ *icat-
"*) Nigr. 13 wird von den Athenern erzählt, wie sie xtjv 4ofr9}xa
x ij v « o i x i X tj v xsl x dt g xop<pt>piö«c ixstvac ditf doaav (nXouaitp xtvl)
aixöv d o x s ( o» 5 ndvu xd d v 9- >) p & v iTUoxantxovxsc, xöv xP^^dwv. Vgl.
Dem. 16. fixt sofrfjxa dv&tvtjv dunex^usvoc, 'OXoumovCxijc, &v. Schon
E Hissen, zur Geschichte AthenB, in den Göttinger Stadien 1847. II Abt.
S. 875 hat die Aehnliclikeit beider Stellen bemerkt.
144) Fug. 33. Der Aergste unter ihnen, Kanthan», wird xo?c mxxco-
xole. übergeben, dxo8ood|isv6c. Y» «pöxspov xtjv Xsovrf,v, y^^C äv0C
Vgl. Dial. mort. X, 8 und die S. 607, 129 zu c. 50 angegebenen Stellen.
40*
K. Funk,
wird nur verständlich, wenn wir den Voraussetzungen der
Schrift glauben. So selbständig in Form und Inhalt kann
nicht ein Fremder, sondern nur Lucian selbst gegenüber seinen
eigenen Schriften sein, und wenn es uns nicht aberliefert wäre,
dann würden wir und maßten wir annehmen,' daß Lucian die
Vita Demonactis geschrieben hat.
Dazu paßt denn auch die Abfassungszeit. Die Darstellung
eines Cynikers als Idealphilosophen 14S), die starke Betonung
der Moral "*), die milde, abgetönte Art im Umgang, vor allem
das Interesse für die neuerwachten atheistischen Bestrebungen
weisen der Schrift ihre Stelle im zweiten Jahrhundert n. Chr.
an. In diesen Rahmen fügen sich auch alle Persönlichkeiten
ein, die zahlreich genug vorkommen, so daß selbst die Beatreiter
der Echtheit die zeitgenössische Abfassung für eine ausgemachte
Sache halten147). Nur damals konnten manche Aussprüche
des Demonax die Beachtung des Schriftstellers finden, wie
andere nur in der Zeit, wo die angegriffenen Personen noch
bekannt waren, die beabsichtigte Wirkung bei den Lesern
hervorzubringen vermochten. Leider läßt sich die Lebenszeit
des Demonax nicht genau bestimmen, weder sein Geburts-
noch sein Todestag steht fest. Ebenso geben uns die Angaben
über seinen Umgang mit den c. S genannten Männern und
über die Dauer des Verkehrs mit Lucian keinen genauen An-
haltspunkt. Die Angabe Lucians, daß er mit Demonax exk
uVjxioiov verkehrt habe, ist zu relativ, um mit Fr. II, 1, 189
gerade einen Zeitraum von 10 Jahren d. h. 165—175 mit
einiger Sicherheit zu erschließen. Dagegen weisen die Er-
wägungen des genannten Punktes zusammen mit der Wahr-
nehmung, daß nichts die Zeit des Commodus verrät, seinen
Tod wenigstens noch in die Regierungszeit Mark Aurels. Der
»**) Von Zeno heißt es zwar schon Diog. L. VII, 121: xuvulv ts
aöxov sc. x6v 0096V • etvai y&p xov xoviopöv aüvxojvov in* dperrjv ödöv,
'AicoXXöocopog iv xfl ijSxxfl. Vgl. Zeller HL 1», 280,2; aber in dem von
Epiktet Di ss. III, 22 gezeichneten Bilde des Idealphilosophen erscheint
dieselbe Anschauung wieder, wiewohl er Stoiker war.
IM) Das zweite Jahrhundert ist das Jahrhundert der Moral; das
beweisen Manner wie Musonius (Zeller III, 1», 733 ff.), Epiktet VS. 739 ff.)
Mark Aurel (8. 756 ff.) zur Genüge.
UT) Bernays 105. Anm. 24. Vgl. Fr. Leo, Die griechisch-römische
Biographie. 1900 S. 83.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 615
Tod kann indessen nach den letzten datierbaren Aussprüchen
nicht vor dem Jahre 170 erfolgt sein148).
Die Abfassungszeit der Vita Demonactis läßt sich aber
trotzdem noch genauer bestimmen. Es ist nämlich eine Ge-
wohnheit Lucians — und ihm gehört ja die Schrift zu — ,
hervorragende Personen bei Lebzeiten nie mit Namen in seinen
Werken zu nennen, selbst nicht in dem Falle, wo er etwas an
ihnen zu loben hat. So erwähnt er Herodes Attikus Per. 19
nicht, sollte er seinen Namen nicht viel eher an unserer Stelle
verschwiegen haben, wenn er noch gelebt hätte? Wir dürfen
also die Entstehungszeit der Schrift nicht über das Todesjahr
des Herodes, nämlich 177 u») hinaufrücken.
Dasselbe Beweismittel wurde auch gegenüber c 80 an-
gewendet, wo der Konsul Cethegus genannt ist. Da nämlich
unter den Salii Palatini, die patrimi et matrimi sein mußten,
ein Cethegus erwähnt wird, und da dieser im Jahr 180 ohne
Angabe irgend eines Grundes ausscheidet, so vermutete Wad-
dington a. a. 0., das komme wie sonst daher, daß durch den
Tod eines der beiden Eltern die Ausscheidung aus dem Priester-
kollegium bedingt worden sei; es könne also wohl in diesem
Jahre der in c. 30 genannte Vater des Cethegus gestorben
und also die Vita in den ersten Jahren des Commodus
verfaßt sein. Ich lege kein Gewicht darauf, daß 180 ebenso
gut die Mutter gestorben sein kann, während der Vater noch
lebte. Der ganze Schluß ruht überhaupt auf einer falschen
Voraussetzung. Die Bedingung für die Salii, daß sie patrimi
C. 30. Nach W. H. WatMington, Faktes des province« Asiat iques
de l'empire Romain. Paris 1872 I, 234 war M. Cornelius Cethegus im
Jahre 170 codsuI Ordinarius. Da nun der Titel &rorax&s nur kaiser-
lichen Legaten zukam, welche schon das Konsulat hinter sich hatten
(S. 198), so spielte die Angelegenheit wohl in dem Prokonsulat»jahr
170—171. In die Zeit von 171 — 175 wird auch der c. 24. 83 erwähnt«
Tod des Pollux gelegt iBl. f. hayr. Gvm. [1x971 83, 671).
"*) Das Datum ist nicht ganz sicher. Die letzte Nachricht ist ein
Brief Mark Aurels an Herodes wegen Aufnahme in die Eleusinien hus
dem Jahr 175 (Philostr. V. 8. II, 70, 5 ff ). Wegen Nichterwähnung der
Aufnahme bei Philostr. braucht man aber nicht mit G. Fuelles, De
Herodis Attici vita Bonn 1864. 8. 25. 26 (vgl. Clinton. Fast Rom. 1, 178.
Zeller III, 1", 771) seinen Tod in den Anfang des Jahres 176 zu ver-
legen. Dem verworrenen Bericht des Philostr. steht Dio Caas. LXXI, 29
ontgegen mit der Nachricht von der Neuordnung der athenischen Uni-
versität, to daß er erst Ende 176 (BL f. Bayr. Gjm. [1*97] 88, 671)
K. Funk,
et matrimi sein mußten, galt bloß für ihren Eintritt; dann
blieben sie lebenslänglich in ihrem Kollegium150), wofern sie
nicht ein mit dieser Würde unvereinbares Amt übernahmen151).
Es läßt sich also aus dieser Notiz für unsern Zweck nichts
weiter vermuten, so wenig als wir natürlich aus dem Umstände,
daß sich keine Anspielung auf die Regierung des Commodus
findet, das entnehmen dürften, daß die Vita mindestens in den
ersten Jahren des Commodus verfaßt sei152).
Dagegen läßt sich dasselbe Argument vielleicht auf c. 31
anwenden und sich dadurch ein terminus ante quem gewinnen.
Hier ist der Name des Kaisers, zu dessen Erziehung Apollonias
nach Rom geht, verschwiegen. Nun wissen wir, daß Apollonius
der Lehrer Mark Aurels und seines Adoptivbruders Lucius
Verus gewesen ist158). Dieser ohnehin schon 169 gestorben
kann mit dem Titel 6 ßaaiXeü; nicht gemeint sein. Die Lebens-
beschreibung müßte mithin noch vor dem Tode M. Aurels 180
ausgegeben sein und die Abfassung wäre zwischen 177 — 179
anzusetzen. Diese Vermutung hat insofern eine Stütze, als wir
in dem Nennen und Verschweigen des Namen M. Aurels
System annehmen müssen154). Denn während er Eun. 3 und
selbst Apol. 9 geflissentlich ausgelassen wird, erscheint er auf
einmal Alex. 48.
In dieser Zeit des alternden Lucian ist auch sonst die
Abfassung durchaus wahrscheinlich. Die gereizte Stimmung
macht einer ruhigeren Platz; die Angriffe auf die Modetorheiten
werden gemäßigter 155). An Stelle der beißenden Satire treten
oder wahrscheinlicher 177 (Fr. a. a. 0. Schmid, Philol. 50, 316. Bolder-
mann S. 117) gestorben ist Buresch, Triopeion, Herodee, Regilla im
Rh. »M. 44, 504 hält noch 178 für möglich.
m) Joach. Marquardt, Römische Staatsverwaltung. Leipzig 1885.
III», 428.
"*) Der Austritt aus dem Kollegium erfolgte übrigens nicht immer
bei Uebernahme der Pratur oder des Konsulats. A. a. 0. III, 429, 1.
'•*) Vgl Waddington a. a. 0. Wir können daraus höchenst entnehmen,
daß Demonax damals nicht mehr lebte. Die Nachricht in c. 30 korri-
giert auch die Ansicht Friedländers II, 253 vgl. Hertzberg 247, 50 und
249, 64, wornach Demonax schon unter Vespasian einmal aufgetreten sei.
>M) Die Belegstellen bei Hertzberg S. 867.
1M) Von den römischen Kaisern wird außerdem nur August as ge-
nannt Pro lapsu c. 18 und Nero De salt. 63 und 64, während Per. 18
der Name (offenbar Antonius Pius) verschwiegen wird.
»") K. Fried. Hermann. Zur Charakteristik Lucians und
Schriften in den ges. Abh. und Beitr. Göttiugen, 1849 S. 220.
Untereuchungen über die Lucianische Vita Demonactia. 617
Werke mehr erzählenden Charakters, wenn auch der satirische
Zug nicht verschwindet156). Da also, in den ersten Jahren
seines Aufenthaltes in Aegypten, fern von Athen, wird die
Erinnerung wach an die Erlebnisse daselbst, an den bedeutenden
Einfluß, den besonders der Philosoph Demonax auf ihn aus-
geübt hat; es drängt ihn zum Andenken an die hochgefeierte
Stadt, diesem Mann ein Denkmal zu setzen, wie er einst in
jungen Jahren unter dem ersten Eindruck athenischer Geistes-
herrlichkeit Nigr. geschrieben hat. Und vielleicht dürfen wir
nicht mit Unrecht in der starken Betonung der politischen und
friedenerhaltenden Tätigkeit des Demonax nichts anderes sehen,
als eine neue Andeutung eben der Zeitverhältnisse, wo er selbst
so eifrig dem Wirken zum Wohle der Mitbürger das Wort
redete (Apol. 11. 12. 14).
II. Untersuchung Uber die Integrität.
1. Die Hypothese von der christlichen
Ueberarbeitung.
Einen Haupteinwand stilistischer Natur haben wir bisher
außer acht gelassen. Jedem aufmerksamen Leser Lucians muß
an der Vita auffallen eine gewisse Ordnungslosigkeit in der
Erzählung, verbunden bald mit einem knappen Zusammen-
drängen mehrerer Notizen, bald wieder mit einer geschwätzigen
Breite, wie c. 3 und 4, vor allem aber die nach unserem Urteil
ganz unkünstlerische Art, mit der sich ohne jede gegenseitige
Verbindung zwischen c. 11 — 63 eine lose Zusammenstellung
von witzigen Einfallen und Aussprüchen des Demonax ein-
schiebt. Wie kann, so fragt man, ein Schriftsteller von dem
**8) Vgl. Croiset 8. 79 und 80. Uebrigens verlegt Croiset die Ab«
fassung der Ver. bist, in eioe frühere Zeit, wo bei Erwähnung de«
Namens Lucian noch nicht gleich der Gedanke an seine humoristische
Schriftstell erei bei den Lesern erweckt worden sei (S. 59); ebenso Baar,
Lucianea. Göns 1884 S. 11 wegen einer Berührung mit De hist conacr. 1.
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618
K. Punk,
feinen Geschniacke Lucians etwas Derartiges geschrieben haben,
nachdem er doch in De hist. conscr. und Rhet. praec — von
Alex, und Peregr. ganz zu schweigen — gezeigt hat, wie gut
er es versteht, ein zerstreutes Material zu einer kräftigen Ge-
samtcharakteristik zu verarbeiten? Dazu hat unter seinen
zahlreichen Schriften nur der äußerst zweifelhafte Pseudo-
sophista eine ähnliche Anlage157). Kein Wunder also, wenn
man nicht mit Jakob S. 21 die Biographie 'musterhaft' finden
konnte, sondern eine 'stümperhafte Charakteristik'158) darin
erblicken wollte und damit die ünechtheit aussprach. Wie ist
nun diese auffallende Erscheinung zu erklären?
Schwarz hat erstmals auf die genannten Mängel im ein-
zelnen hingewiesen und unter Voraussetzung der Echtheit kam
er S. 594 zu dem Schlüsse, daß wir in der Vita 4eine in ihrer
Tendenz philosophische, in ihrer Form aber durch eine fremde,
wahrscheinlich christliche Hand korrumpierte Schrift Lucians'
haben. So sehr er betont, daß sich ihm diese Folgerung
gleichzeitig mit der Erkenntnis von der Verderbnis der kranken
Stellen aufgedrängt habe, mehr als eine Vermutung ist es nicht,
die er trotz aller gegenteiligen Erklärungen (S. 574) ebenso
wie Wichmann S. 849 bedurfte, um für die Interpolationen
und Umstellungen einen leitenden Zweck zu haben.
Ich kann mich hier kurz fassen. Man hat ja bei Lucian
nirgends eine christliche Tendenz 1M) oder eine christliche Inter-
polation160) mit Sicherheit nachweisen können. Nicht einmal
Nec. 14 jietejieXe töv TexoXu^uivaw rcäai ist notwendig so
anzusehen161); um wie viel unwahrscheinlicher wird es erst
sein, daß die Christen einen* Mann, der in Per. ein so schiefes
Bild von ihnen entworfen hatte, irgendwie noch für geeignet
hielten, ihn eine Lanze für die christliche Sache brechen zu
lassen? Was man schon vor Suidas Zeiten unter seinem Namen
»') Schmid, Philol. 50, 800 f.
"») Sommerbrodt, Ausg. Sehr. V, XVIII; Rotbstein 8. 83, 1 legi
wieder gegen ihn Verwahrung ein.
»») Vgl. Schmid, Philol. 50. 315 bezüglich As.
»••) Tfairame S. 83 zu Apophr. 8.
,Ä!) Vgl. dagegen Waßmannsdorf, Lnciani scripta ea, qnae ad
Menippum spectant, inter se comparantur et diiodicantur Jenae 1874.
S. 88. Roderich, De Luciano philosopho 1880 (vgl. J. B. d. phil. Vereins
*. Berlin TZ. f. G. w.] 1880, 204) steht mit seiner Annahme von Christ-
hohen Anklängen und Karikaturen vollständig allein.
Untersuchungen über die Lucianieche Vita Demonactie. 619
in Umlauf setzen zu können glaubte, zeigt Philopatris. Man
hat überhaupt die Dienste weit überschätzt, die Lucian dem
aufblühenden Christentum geleistet haben soll (vgl. Croiset
S. 234 ff.).
Außerdem läßt sich nicht einsehen, was für ein Grund
die christliche Unterstellung veranlaßt hätte. Die Heranziehung
der gefälschten kaiserlichen Rescripte ist durchaus unzutreffend.
Sollte aber bloß die Wahrheit von der anima naturaliter Chri-
stiane erwiesen werden, lag es dann für den christlichen
Fälscher nicht näher, Männer wie Seneka und Epiktet sich
zum Vorwurf zu nehmen, die weit bekannter, also einflußreicher
waren als unser Demonax und dazu noch den christlichen An-
schauungen ungleich näher standen? Allein diese Tendenz
tritt nirgends zu tage, die uneingeschränkte Bewunderung von
Anfang bis Schluß, ohne daß die heidnischen Züge in c. 8. 32
und 63 ausgemerzt wären oder getadelt würden, beweisen ge-
rade das Gegenteil. So ist also die Hypothese schon innerlich
unwahrscheinlich. Wenn ich trotzdem auf einige der namhaft
gemachten Stellen eingehe, so geschieht es nur deshalb, um
den bisherigen Beweisgang zu verstärken und die Stellen in
der überlieferten Form als echt zu retten. Betreffs des
bereits besprochenen c. 8 braucht es keiner Beifügung mehr.
Die Zusammenstellung von jxaxpa eXeufrepta ,M) und XV){bj 6*e
t:; dyad-öv *at xaxwv rcdvxas xaiaX^eiat gewährleistet die
Ursprünglichkeit. Ebenso waren mindestens die Vorbedingungen
für die scharfe Unterscheidung von Fehler und Fehlendem c 7,
eine der wenigen Aeußerungen ernster Art von Demonax, schon
im Stoicismus 18S) gegeben. Geradezu cynischen Anschauungen
und Gewohnheiten entspricht die Charakteristik des Philosophen
als des öffentlichen Friedenstifters und — wenn ich so sagen
darf — die rühmende Schilderung seiner Tätigkeit in der
Hauspastoration c 9 und 64. Musonius und Dio Chrisosto-
mus 1M) üben dasselbe und fast mit den gleichen Worten wird
es dem Krates nachgesagt, dessen leider verloren gegangene
"») Vgl. Zeller III, 1", 204 und 710 Über diesen Oedanken bei Seneka.
'•») Arrian, Epicteti Disa. I, 18, 3: xa^»«*ivwv °&v *ötoI$ (ß««
xXimaut xod Xmitotb-zaii) f) tttelv who'>c; Marc. Aurel. VII, 22. Vgl. Vit.
auct. 9. Dem. lö.
1M) Tacitua, Hiat. III, 81; Philostr. V.S. II S. 8, 8 ff.
K. Funk,
Biographie vielleicht sonst noch manche interessante Aufschlüsse
geben könnte1«4). Damit fallt zugleich der Anstoß, den man
an dem großen Freundschaftsbedürfnisse des Demonax ge-
nommen hat (vgl. Schwarz S. 574). Ein tatsächlicher Wider-
sprach mit dem feierlich ausgesprochenen Grundsatz frqdevc;
£XXoi> rcpooSeä efvat liegt wohl vor, aber in gleiche Verlegen-
heit kam auch das stoische System und Seneka nimmt an
verschiedenen Orten Anlaß, den Widerspruch wenigstens
bar zu lösen168). Die Lehre von der allgemeinen
liebe trat eben so stark in der Stoa hervor (vgl. Zeller IIL, ls.
283) und war so sehr in den politischen und socialen Ver-
hältnissen der damaligen Zeit begründet167), daß es geradezu
verwunderlich wäre, wenn selbst ein cy nischer Philosoph nicht
über die negative Auffassung vom Kosmopolitismus im Sinne
der Unabhängigkeit von Heimat und Vaterland hinaus zur
positiven Anschauung von der wesentlichen Zusammengehörig-
keit aller Menschen fortgeschritten wäre.
Besonders wendet sich Schwarz S. 576 f. gegen die Fassung
von c. 11, ohne indes in Abrede zu ziehen, daß die beiden
IW) Bruchitücke bei Apuleius Florid. IV, 22 und II, 12 dsgl. bei
Julian. Or. VI, 201 und 200 zeigen im Inhalt mit Dem. 9 und 63 Aehn-
licbkeit. Ich stelle die beiden Stellen neben einander:
Apuleius: Grates ille, Diogenis Julian II, 200: 'Eid xoöxot» qpooi
sectator, ut lar familiaris apud ho- tot>; "EXX^vac siuypdfptiv xqI$ iau-
mines actatis suae Athenis cultus xfi>v olxoic inl xÄv npo-mXaltn * Etoo-
est. Nulla domus ei unquam clausa doc KpdxTjxi 'Aya^^Aatttovi und
erat; nec erat patris familias tarn VII, 201: iicoptösxo &s srci xi;
absconditum secretnm, quin eo tmv qpCXuv sox(a(, dxXrjxoc
tempestive Crates intervenerit, Ii- xsxXnjjisvoc, diaXXdoocov xoi»;
tium omntum ei iurgiorum itUer otxsioxdxouc dXX^Xoig, sl-
S-opinquo8 disceptator atque arbüer. n ox s axaotd£ovxac alad-oixo.
es Weiteren folgt ein Vergleich sitsx{|ia 84 oö usxd ittxpfag, dXXä
mit Herakles. jietA x&pttOC« oöx tva ouxoqpavxsft
8ox£ xoug oöXfpovtoWvxac-
Vergleicht man diese Stellen mit den bei Plut Quaest. Conv. IL
1,6 (II, 766, 30 Dübner): Kpdrqxa öe. xov qptXcooqpov «1$ it&oav otxiav si-
aidvxa (isxa xtjif.c xcü ^tXocppoaimjj 5»x°li*V(ÜV SH>p87iavo;xxyj> ixdXoTv (vgl.
Diog. L. VI, 86) und erwagt man die ausdrückliche Angabe des Namens
•Plutarch' bei Julian VI, 200, Bowie die sonstige Abhängigkeit des
Apuleius von Plutarch (Christ, Gr. L.G. 661'), so ist eine Biographie
des Plutarch über KrateB vorauszusetzen, deren Fragmente wir hier vor
uns haben.
,M) Vgl. Zeller III, 1», 290 f. ; II, 1«, 288 und Joel, Der Xenopbon-
tisclie Sokrates. Berlin 18!>1 II, 2, 993 und bes. 1011 ff.
W7) Zeller III, 1«, 721 ff.; 280, 2. Bezeichnend «enug ist auch der
specifische Ausdruck 4ö*Xcp&c Per. 1£ (vgl. Arrian, Epict. Diss. III,
22, 54; I, 18, 8) durch den allgemeineren dvdpemos ersetzt. Für den
gleichen SatzanschluÜ s. Herrn. 67.
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Unteraach ungen über die Lnoianiache Vita Demonactis. 621
Aussprüche für sich allein dem Demonax zugehören. Beide
Antworten entsprechen ja nnr dem cynischen Standpunkt166).
Die erste Aeußerung, welche sich mit dem Unwert der Opfer
befaßt, da doch die Menschen den Göttern nichts geben
konnten, was sie nicht schon besäßen, findet eine Stütze in
c 27 und trifft mit den anderwärts ausgesprochenen religiösen
Anschauungen Lucians (De sacrif. 1. Jup. trag. 20 Char. 12)
zusammen. Bezüglich seiner Stellung zu den Mysterien ist
allerdings nicht genügend Klarheit vorhanden. Daß er ein-
geweiht war, will Planck S. 10 und Fr. II, 2, 14 annehmen.
Allein er bezeichnet sich ja Pisc. 19 als Barbaren, und Scyth. 8 .
sagt er nicht ohne kritische Nebenbemerkung, daß Anacharsis
u.övos töv {Japßapcav (vgL Dem. 34) ijiu^169). Die dafür in
Anspruch genommenen Stellen De salt. 15 und Nav. 11 be-
weisen nichts. Die erste Stelle ££tov xdfe piv öpyia ata>7töv töv
dpo^Ttov gvexa kann als rhetorische Phrase aufgefaßt werden,
und an der letzteren Stelle spielt er nur mit der Aehnlichkeit
der Einweihung in die Mysterien und der Vermählungsfeier.
So oft er sonst von den Mysterien spricht und dem Verbot des
e^ayopeueiv (Nav. 11. Pisc. 33. Nec. 2. Adv. ind. 25), wie von
den Eumolpiden (Anach. 34. Fug. 8. Alex. 39), nirgends spricht
er klar von seiner Einweihung und verrät selbst in der Nach-
bildung der Mysterien in Alex. 37—40 nicht mehr Kenntnisse,
als man gemeiniglich hatte. Immerhin mag auffallen, daß er
Cat. 22 den Cyniskus tt)v yvwji^v ^iXöoospov (c. 23) eingeweiht
sein läßt. Es ist indessen nicht zu übersehen, daß nicht die
Mysterien, sondern die Philosophie ihn zu einem so tadellosen
Leben angeleitet haben, daß er straflos ausgeht (c. 24 vgl. 25).
Doch es ist ja nicht der Inhalt, sondern nur die Form
beanstandet worden. Es soll eine christliche Ueberarbeitung
stattgefunden haben, weil nur so die Erklärung der abstoßenden
Nachbildung der somatischen Anklage der Schlüssel zu der
mit c. 63 in Widerspruch stehenden Erzählung' gewonnen
werden könne (Schwarz S. 576 vgl. 568). Der letzte Punkt
bedarf keine Widerlegung (vgl. nur c. 16). Vergebens fragt
man sich, was eigentlich an der Nachbildung des sokratischen
1M) Diog. L. VI, 73; Jul. Or. VI, 199 vgl. Bernays 8. 31.
«•) Vgl. Schoemann, Gr. Altertümer. Berlin 1873. II, 384.
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K. Punk,
Schicksals abgeschmackt und deshalb mit Lucian unvereinbar
sein soll. Die Parallele C h r i s t u 8 -Sokrates war freilich bei
den griechischen Kirchenvätern nichts Ungewöhnliches1 7Ö), aber
ein Vergleich anderer Personen mit Sokrates war eigentlich im
Munde eines Heiden weitehe zu erwarten. In richtigem Gefühl weist
deshalb Schwarz S. 568, 1 die für ihn günstige Stelle Per. 12
trotz des historisch klingenden &vou,a£eTO 171) zurück. Die Ver-
gleichung mit Sokrates war damals heidnischerseits gang und
gäbe. So ließ sich Dio Chrysostomus , vor Gericht gestellt,
die Gelegenheit nicht entgehen, in sokratischer Manier eine
Apologie zu halten (vgl. Hirzel II, 89, 2 nach Or. 14, 191 f R).
Aehnliches wissen wir von Favorinus 17*). Und wenn nun
Schwarz den Schluß des 11. Kapitels für den echten Anfang
der Verteidigungsrede des Demonax hält, und wenn er — was
nach dem Ausgeführten durchaus wahrscheinlich ist — zugibt,
daß der Angeklagte im weiteren Verlauf auf die Analogie mit
Sokrates hingewiesen habe, wovon das rcpoxcpov gleichsam noch
der Rest sei (S. 569), warum sollte dann derselbe Vergleich
ein paar Zeilen weiter oben sofort abgeschmackt sein und
nicht schon von dem ursprünglichen Verfasser der Biographie
in die geschichtliche Darstellung verwoben worden sein ? Warum
sollte es nicht Lucian selbst getan haben ? So wenig schmeichel-
haft ersieh sonst über die Lebensführung des Sokrates äußert178),
wo eine Gelegenheit sich bietet, auf die äußeren Lebensschicksale
hinzuweisen, da erscheint auch wirklich wie hier Sokrates und
ganz typisch mit ihm seine Ankläger Anytus und Meletus17*).
Daß sogar eine solche Scene ganz im Geschmack Lucians war,
Ad. Harnack, Ueber Sokrates und die alte Kirche. Glessen 1901.
S. 5—16. lieber den damaligen Sokrates- und Platokult Tgl. Hertzberg
II, 246.
«») Vgl. Planck, Stud. uod Krit. S. 869. Vgl. c. 37.
m) Philostr., V. S. 9, 32 ff. Er bebandelte ihn auch in seinen Denk-
würdigkeiten s. Köpke, Ueber die Gattung der Apomnemoneumuta
S. 23. 24.
m) Er wirft ihm in Uebereinstimtnung mit den Cjnikern und der
Komödie Schwatehaftigkeit vor Vit. auet 15. Nec. 18. Dial. mort. XX, 4.
Ver. hist. II, 7 — Todesfurcht Dial. mort. XXI, 1 — Knabenliebe Vit
auet. 15. Ver. hist. II, 17. 19. Per. 43. Amor. 59. 54. Eun. 9. — Feig-
heit Ver. hist. II, 23. Paras. 43. Er spricht aber auch von Beinern
Ruhme Som. 12 und ihm zur Ehre Per. 5. 12. 37 u. a.
"•) Pisc. 10. Bis acc. 5; nur Anytus Fug. 8 und nur Meletus Jup.
conf. 16. Auf Sokrates' ungerechten Tod wird angespielt Jnp. trag. 48.
Per. 37. Paras. 57.
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Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demonactis. 628
bezeugt seine große Vorliebe für Gerich tsscenen überhaupt175).
Da nun die Einheitlichkeit von c. 11 nicht geleugnet wird,
und durch Herausschälung der beiden Aussprüche aus ihrer
Fassung die Zahl der Apophthegmata in knapper Form, ohne
Aufputz und Einleitung, unnötig vermehrt würde, so ist der
Zweifel an der Ursprünglichkeit des Kapitels unbegründet. Im
Gegenteil wird man darin einige weitere Anzeichen für die
Echtheit der Schrift finden können.
Eine christliche Ueberarbeitung laßt sich also keineswegs
erweisen. Dagegen vermag auch die Aeußerung des Demonax
in c. 51, die Schwarz eigentümlicherweise entgangen ist, nicht
zu streiten, wiewohl sie früher (Planck S. 900) als Nachbildung
von Jac. 1, 19 verdächtigt worden ist Interessant aber ist,
daß in dem einzigen Florilegium einer Pariser Handschrift176),
welche Apophthegmata aus unserer Vita enthält, gerade c. 51
und 29 mit zwischen geschobenem Jac. 1, 19 ohne Lemmata
aufgeführt werden.
2. Interpolationen und Lücken.
Ein anderer Grund, die Ueberarbeitung aufrecht zu er-
halten und zu erklären, schien sich aus der Betrachtung des
1. Kapitels zu ergeben. Mit Ausnahme von Fr. III, 2, XXVH ff.
und Croiset S. 80 bestand fast allgemein die Annahme, daß
die Abfassung der Lebensbeschreibung des Sostratus-Agathion
mit der ganzen Art Lucians unvereinbar sei. Man glaubte
daher, die Ueberarbeitung irgend wie mit der Eingliederung
dieser Schrift in unsere Vita in Verbindung bringen zu können.
Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Urheberschaft Lucians
für die Biographie des Sostratus wird uns nachher noch eigens
beschäftigen; hier kommt es mir zunächst nur darauf an, ob
die anerkannten Mängel sich aus der Parallelstellung der Vita
Sostrati mit der des Demonax erklären lassen.
Thimme S. 58 sprach die Vermutung aus, es habe 2
Schriften über Demonax gegeben, eine von Lucian, eine andere
m) Darauf beruhen Pisc. und Bis acc. ; vgl. Tim. 50 und An ach. 17.
m) Cod. reg. 2991 A. p. 361 ff. bei Boisonnade, Anecd. Gr. Paris
1829. III, 466 f. rvcöjwxd uva.
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624
K. Funk,
von einem Zeitgenossen, der zugleich auch über Sostratus ge-
schrieben habe; ein Späterer habe nun die beiden Biographien
▼on Demonax zusammengearbeitet. Allein mag auch die Ein-
leitung ihre Fassung dein Bestreben verdanken, die Vita So-
strati zu retten, nirgends tritt eine Spur zweier Quellen hervor.
Die Worte xaöta dXtya roxvu ix rcoXXöv verraten durchaus
nichts davon (a. a. 0. S. 58, 1). Sie sind, wie oben gezeigt,
eine echt Lucianische Formel, die beim Abschluß einer Ge-
dankenreihe oder eines Buches gern wiederkehrt. Dabei wäre
es — ganz abgesehen von dem durchweg einheitlichen Eindruck
der Schrift — gewiß sehr verwunderlich, wenn trotz Benützung
einer anderen Quelle genau das Bild eines Idealphilosophen
nach Lucians Denkart herauskommen würde, und wenn selbst
in der Auswahl der Apophthegmata sich kein anderes System
zeigte.
Noch weniger vermag die Unterschiebung der Vita Sostrati
allein eine Ueberarbeitung zu begründen. Zugestandnermaßen
sind die 2 ersten Kapitel richtig und logisch gegliedert und
bilden ein einheitliches Ganzes und das erste Kapitel stimmt
trefflich zur Fortsetzung177). Warum sollte nun ein so ge-
wandter Fälscher die Ordnung gestört haben? Denn nur darum
kann es sich handeln, da die beanstandeten Stellen in c. 3 und
4, in 8—10 sogar nach dem Urteil von Schwarz S. 567,
Thimme S. 56 f. und Wichmann S. 843 f. Lucianischen Cha-
rakter an sich tragen. Einem Excerptor aber die Schuld zu
geben an dem gegenwärtigen Zustand der Schrift geht wohl
deshalb nicht an, weil Eunapius in Prooem. V.S. sie bereits
als ein ßißAiov iX&yioTov bezeichnet und gerade an den frag-
lichen Stellen eine merkwürdige Breite zu Tage tritt
So sehr man freilich wünschen möchte, daß die Erzählung,
ausgehend von dem jugendlichen Drange des Demonax nach
Wissenschaft und Erkenntnis, uns zuerst die Vorbereitung auf
das philosophische Studium, dann dieses selbst vorführen würde
und schließlich uns den Philosophen in der Mittagshöhe 86111 l
Vollendung, in seiner Wirksamkeit, in seinen Beziehungen zu
den Zeitgenossen, in seinem Sterben und seinem Nachruhm
zeigen würde, es ist sicherlich mißlich, sich einfach eine Dis-
inX Vgl. Schwant 8. 566 und Scfamid, Philol. 50, 801.
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r
i
Untersuchungen über die Lucialüsche Vita Demonactii. 025
position zurecht zu machen und alles wegzuschneiden, was
nicht in dieses Prokrustesbett passen will. Wie subjektiv der-
artige Entscheidungen ausfallen, spricht sich zur Genfige in
der großen Meinungsverschiedenheit der einzelnen Kritiker
aus178). Bezeichnend genug ist dabei, daß Thimme S. 56
eben die Stelle (vgl. Alex. 57) non sine veritatis specie von
Lucian geschrieben läßt, von der Wich mann S. 849 sagt, von
den für die Biographie des Demonax von ihm aufgestellten
Interpolationen sei ihm keine so unumstößlich, wie die Worte
c. 3 iXka ndoi uiv toutoi; . . . xexoojxrjuivq), weil sie sich bei
der oberflächlichsten Lektüre als eine Parenthese zu erkennen
geben. Jedenfalls dient es nicht zur Empfehlung der Auf-
stellungen Wichmanns, wenn er auch in anderen Schriften aus
recht zweifelhaften Gründen Umstellungen oder Ausscheidungen
zum Teil bloß wegen eines Uebermaßes von Schmutzigkeit
macht170). Das erstere beweist nur, daß man bei Lucian be-
züglich der Disposition nicht immer den strengsten Maßstab
anlegen darf; selbst den etwas äußerlichen Anschluß von c. 10
mit u-övov Vjvt'a an qpat§p&£ wird man nicht gerade unmöglich
finden. Da es sich in dem schildernden Teil c. 1 — 11 und
63- 67 fast einzig um Umstellungen handelt, so halte ich es
für unnötig auf die einzelnen Vorschläge einzugehen. Die
ganze Methode ist zu subjektiv und zu gewaltsam, um wahr
zu sein.
na) Während Schwarz S. 566 in c. 3 öisxiXsos XPU>H*V0C . • • aXr{$st.av
ausschaltet, will Wichmann S. 842 ff. auch noch dXX4 tcäoi usv ouvsyi-
vsto . . . xapaxXrjdsic und schon von OxspslÖs jisv . . . dXr}&*iav streichen.
Thimme S. 56 findet nur die Annahme Wichmanns unmöglich, weil so
2mal der Satz mit oö u>yjv anfange, was indes kein Hindernis ist (vgl.
Pro lapsu 2), so wenig als 4mal 4XXd (vgl. Per. 5). Ebenso nimmt
Schwarz S. 566 an c. 4 Anstoß wegen der vielen Notizen, Wichmann
S. 844 will nnr &ocs . . . xaxaXiTtwv streichen, Thimme S 56. 57 auch
noch xal t4$ 4v <ptXoooqp(qp . . . TjTctorato. Desgleichen findet Schwarz
S. 568 in c 9 und 10 vieles Anstößige. Thimme möchte nur c. 10
xai xdvTa ueti Xapitwv . . . smx»(Hlo&<xi mit c. 9 Sxsios uixpta x. t. X.
verbunden wissen. Wichmann S. 845 streicht c. 8 und 9, gesteht aber,
daß ihm die Entscheidung schwer falle, und daß, wenn man an dem
Anfang von c. 8 keinen Anstoß nehme, Ober c. 8 und 9 nicht zu
streiten sei.
I7t») 0. Wichmann, Lucian als Schulschriftsteller. Eberswalde 1887.
Interpolationen nimmt er an in Gall. S. 10, Rhet. praec. S. 28, 1 Um-
stellungen in De bist conscr. S. 80, 1. Warum er in unserem Fall xaps-
8t8ot> mit Ausrufezeichen versieht, ist mir nicht klar, da es gar nicht
vorkommt Vgl. auch die anfechtbare üebersetzung 8. 844.
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626 K. Funk,
Dasselbe gilt von der aprioristischen Art, mit der Schwarz
S. 572 gegen die Apophthegroata vorgeht Weil ihm etwa
10 — 15 Aussprüche genügend erscheinen, will er alle übrigei
als unecht verwerfen. Daß man an der großen Zahl derselben
Anstoß nimmt, ist ja begreiflich. Dazu bietet die lose An-
einanderreihung, die mit der Einleitung ßo6Xou.ai 5e Svwt Tcapo-
freofrat für einige mindestens von selbst gegeben ist, die
günstigste Gelegenheit zu Interpolationen. Aber welches Kri-
terium vermöchte uns da sicher zu leiten? Schulze S. 7 macht
eigens darauf aufmerksam, daß die aufgeführten Aussprüche in
anderen Spruchsammlungen nicht wiederkehren, was sich außer
3 Fällen (s. S. 623 und weiter unten) bestätigt, und daß weder
die handschriftliche Ueberlieferung noch die Worte Lucian>
c. 12 fvta itapad-eodm xöv Xg\erf\ihw und c. 67 taDxa oliya
Tuavu ev rcoXAöv einen festen Anhaltspunkt gewähren, wie viel
zu streichen sei. Allein darf man nicht mit Schwarz S. 573
eine Spur der Ueberarbeitung in c. 14 entdecken, weil der
Stornos aocpioT*); 18°) nicht mit Namen genannt ist und für die
' Verschweigung des Namens sich kein Grund finden läßt, da
er ja durch diesen Beisatz genügend gekennzeichnet ist?
Das letztere ist nicht zu leugnen. Uebrigens ist das gleiche
der Fall in Eun. 7 und doch wird der Name des Favorinus
nicht genannt. Es scheint der Betroffene eben trotzdem so für
ferner Stehende mehr geschützt zu sein. Es ist aber auch das
wohl möglich, daß hier einmal ausnahmsweise die Sophisten-
18°) Unter dem Siötovto; ooq>toxtj; ist gewiß nicht an Hadrian von
Tyrus (Ranke S. 86 vgl. dagegen Guttentag S. 87), sondern nur an
Maximus von Tyra8 zu denken. Dessen Grundanschauung war
zwar platonisch, aber er eignete sich auch peri patetische, stoische und
neupythagoraische Lehrsätze an; nur von Kpikur und den Atheisten
will er nichts wissen (vgl. ßergk, Gr. Lg. IV, 551 und Anm. 45; Dürr
S. 4). So rühmt sich auch der sidonische Sophist mit Ausnahme Epi-
kurs in allen philosophischen Systemen zu Hause zu sein. Besonders
große Bewunderung hatte der Tyrier fürPythagoras; Artemidor
redet gegen seine sonstige Gewohnheit am Schlüsse des 2. Buches nach
einigen Kapiteln über dieZahlenmystik einen Cassius Maximus
an, der zweifellos mit Maximus von Tyrus identisch ist (vgl. Dürr S. 4).
Wenn er statt Tyrier Sidonier genannt wird, so verweise ich auf die
vielen geographischen Irrtümer bei Lucian (vgl. De hist. conscr. 12.
Paesow S. 22. Jakob S. 118—140. Dahlmann, Forschungen II, 1, 26 ff.).
Diese waren auch sonst bes. bei phönicischen Städten häufig (vgl. Diog.
L. VI. 99 und 95 über die Geburtsstadt Menipps; Suidas s. v. Zenon;
die Angaben über Euphrates bei Zeller III, 2», 690). Damit dürfte das
Bedenken in der 2. Aufl. v. Bohdes Gr. Rom. 321, 4 erledigt sein.
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Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demonactis. 627
raode durchbricht, eine litterarisch bekannte Persönlichkeit nur
mit dem Heimatsnamen zu bezeichnen181). Immerhin lag für
den späteren Redaktor gar kein Grund vor, den Namen zu
unterschlagen; er hat es auch sonst nicht getan und eine
Interpolation ist nicht anzunehmen.
Schwarz findet es deshalb für gut, noch ein anderes Kri-
terium ins Feld zu führen. Nur die Aussprüche seien als echt
anzusehen , welche entweder zur Beleuchtung des Charakters
des Demonax vorzüglich geeignet seien oder den Lucianischen
Anschauungen so entsprechen, daß sie wie Refrains aus anderen
Schriften klingen. Das gelte nur für c. 11. 12. 13. 20. 21.
24. 25. 28. 32. 34. 37. 48. 50. 56. 61 und mit mehr oder
weniger Wahrscheinlichkeit für c. 18. 26. 30. 33. 55. 62.
Allein es läßt sich das Gepräge der Echtheit strikte auch für
c. 16. 26. 30. 33. 44. 45 nachweisen, und außerdem gibt zu
solchem Vorgehen die Einleitung kein Recht, nach der nur
evia xöv euoxöxwg xe dtjia xat aoietws ötc' aöxoö
XeXefuiv.tov erwähnt werden sollen.
Ebenso wenig dürfen Anklänge an anderweitig Uberlieferte
Witzworte allzu sehr betont werden. Es ist sogar durchaus
keine seltene Erscheinung, daß ein geistreiches Wort sich ge-
rettet hat und nun irgend einer bekannten Persönlichkeit zuge-
schrieben wird, oder daß ein- und dasselbe Wort mehreren Per-
sonen zugeeignet wird182). Wie vorsichtig man da sein muß,
zeigt am besten Schwarz selber, indem er auf Grund einer
Uebereinstimmung von Gellius N. A. I, 10 mit Dem. 26 und
einer Aehnlichkeitf!] der Antwort des Gorgias bei Aelian V.
H. II, 35 mit c. 45 diese zwei Aussprüche verwirft. Beide
tragen unzweifelhaft den Stempel der Lucianischen Anschau-
ungen und stimmen mit Lex. 20 bzw. Dial. mort. XXI, 1
fast wörtlich zusammen. Was er sonst noch vorbringt an
Aehnlichkeiten, ist zu unbedeutend. Besser als der Ausspruch
Zenons bei Stob. Flor. 46, 19 stimmt mit c. 51 Jac. 1, 19
™) Vgl. Schmid III, 305. IV. 496. Eunap. V. S. p. 88 Roias. Genau
so wird Tox. 27 ein Tödioc «xpionte genannt, ohne daß wir ihn näher
bezeichnen könnten ; jedenfalls ist ea nicht Agathobnloe (vgl. Gattentag
S. 87).
"*) Vgl. Cicero, Or. pro Cn. Plancio 14, 35. Andere Beispiele bei
Röpke S. 18. 10 und Düramler, Antutbenika S. 69. 71.
Phflologae, Supplementband X, vierte« Heft. 41
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K. Funk,
und bei c. 14 = Gell. I, .2 liegt die Pointe in der Kürze, bei
c. 18 == Stob. Flor. 4, 85 sogar in einem anderen Vergleichuiigs-
punkt. Dagegen lassen sich für c. 36 ,8S). 41 49 185). 66 >
und selbst für 4 5187) ausgesprochene Parallelen angeben, wo-
mit aber nach dem Gesagten keineswegs deren Ausscheidung
gefolgert werden soll.
Am allerwenigsten dürfen wir aber nach unserem Ge-
schmack über die Güte eines Witzes urteilen188). Um billig
,8S) Diog. L. VII, 174: Dp6{ Öe töv |iov^p7j xal iauxcp XaXoövxa, o:»
«paöXtp, lyr\ (Kleanthes), dv^ptonqj XaXstc, und Seneca Epiat. 10, 1 : Grate*.
cum vidisset aduleacentulum secreto ambulantem interrogavit, quid iltic
solus faceret? Mecum, inquit, loquor; cui Crates : Cave, inquit, rogo
et diligenter attende, ne cum homine malo loquaris.
,84) Sternbach, De Gnomologio Vatic. ined. Wien. Stud X, 40, 177:
*0 aotö{ (Diogenes) xaxavo^oac, usipdxiov ixl noXuxsXeia xfj{ x^*^'^^
oenvuvöusvov, oö «aöag. iqptj, peipdxiov e«l itpoßdtou osjivuvöjuvov dpcqg ; =
dem Aristoteles angewiesen Anton. II, 74 p. 141. 17 ff. Max. 34 p. 624.
25 ff.; Gnoraica Basil. 50 p. 151; Gnom. cod. Pal. 122 f. 142' n. 32; cod
Paria 2720 f. 15* (od. 1773 f. 230') n. 4 bei Studemund (Index lect. in
nnivers. litter. Vratislav. 1887 n. 17) p. 4; Araen. p. 120, 19 ff. and vgl.
die Worte des Sotadea bei Stob. Flor 22, v6 ; ein ähnliches Witxwort
bei Diog. L VI, 2, 45. Vgl. auch Luc. Alex. 15 u-övig x% uop?$ P*l
xpößaxa elvai öiaqpepövTtov für xpdßaTov in diesem Sinne
,86j Sternbach XI, 62, 402: Adjituv noXafaw xöv dvraYWvtOTtjv Waxt'
toO bk elxovxoc* Ödxveig d>£ yuvi^ stnev • oöx£, dXX' d>£ Xs<ov = Cod. Vat.
Gr. 1144, f. 231*. Mit wenig anderen Worten Plut Vit. Alcib. II. 3
p. 192 C vol. I, p. 230, 13 ff. und von demselben auch in seinen Apo-
phthegmata (p. 1*6 D n. 1 vol I, 223 und 289) = Maxim. 4 im cod. Vat
Gr. 739 f. 19', Araen. p. 128, 5 ff. Vgl. übrigens Fab. Aesopi 2$4 p. 113 H.
*••) Diog. L. VI, 2, 52 : Toö 8s alxcvrog, 'Edv o5v duod-dv^; tt^ os i£-
erfoai; iqpi)- eO XP*6Co)v -rilc olxtoc = Sternbach X. 48, 200. Nach Diela
S. 201 auch in der Wiener Apophth.aammlung. Auch die weitere
Aeußerung : xal pijv cöösv 4xotcov. el piXXw xai drcodavcbv £ <p o i 5 uei
Xp^oijioc 6oso$at bat ihre Parallele in Diog. L. VI, 2, 79:
öd <f aot -tsXsutAvra aöxöv xal svTsiXaolrai dtaqpov ßtyai, <b( icäv ^npCov aiw
usTda/oi . . . ol Öe ßlg töv 'EXiooöv spßaXslv, tva xolg dÖaXcpoI^ XP^0:
poc x*v1inai- Nimmt man dazu den ähnlichen Ausspruch in Dem
c. 35, so sieht man nicht ein, warum wegen der Unsicherheit der Les-
art 'EXwoöv unter den döeXcpol gerade untere gewöhnlichen Haustiere
zu verstehen sind, wie GOttling, Ges. Abh. 1, 271 will (vgl. Seneca Epiat
92, 85).
m) Diog. L. VI, 2, 79 erwähnt ein Epigramm auf Diogenes mit
demselben Gedanken: Ai<6ysv«s, dys, ^T8> Ti€ iXaßi os udpoc st« "Atiao;
fcXaßs psxuvöc d y P t o v 0 ö d
Anklänge finden sich noch für c. 11 bei Clemens Protrept p. 64
Potter vgl. Bernays S. 30, wornach Antistbenes sagte: oö Tp*<f*ö ty]v
pTrcepa täv $s(i>v, ol &sol tpiqpouaiv.
Ebenso kann mit c. 52 Diog. L. VI, 2, 56 verglichen werden : *Epm-
Tty&slC el oocpol nXaxoOvxa sod-loooi; Ildvx', stnsv, d>g xal ot Xomol dtyOp»-
«ot. Vgl. Sternbacli X, 44. Cod. Vat Gr. IM f. 241" n. 1.
*••) Bracker, Hist. crit philosophise. Lipsae 1742. 11,514 steht mit
seinem Urteil über die Apophthegmata als 'digna, iucunditatem atque
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Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demon actis.
zu sein und alle die feinen Beziehungen zu erkennen, müßten
wir die ganze Individualität eines Volkes verstehen, seine Er-
ziehung, seine Anschauungsweise samt dem Reichtum der
lebendigen Sprache haben. Das Nachempfinden wird uns
schwer. Schon die Bonmots fremder moderner Sprachen muten
uns ganz eigen an, um wie viel ferner mag uns die Antike
sein189)? Gerade für die etwas frostig erscheinenden Wort-
spiele in c. 19. 47. 54 begegnen uns Beispiele bei Lucian selbst
Fug. 31. 32. Pisc. 45. 51 (vgl. Diog. L. VI, 2, 21) und die
zweimalige Erwähnung von c 47 bei Suidas s. v. 'Axpfota und
Aavob] bezeugt uns eine gewisse Vorliebe dafür. Auch gegen
die dialektischen Witze in c 29 und 59 spricht durchaus
nichts ; im letzteren Fall haben wir sogar einen echt cynischen
Topos (vgl. Weber S. 99 ff.). Wir sind demnach zu dem
Schlüsse berechtigt, daß unsere Biographie in der Hauptsache
so abgefaßt worden sei, wie sie uns überliefert ist, und daß
deshalb nur einige leichte Aenderungen vorgenommen werden
dürfen, was zum größten Teil geschehen ist190).
Zum Sehl usse harrt noch die Frage betreffs der Lücke in
c. 11, welche Fr. II, 1, 195 ff. III, 2, XXVI zuerst angenommen
hat. Mit dem ersten Satz der Apologie des Demonax bricht
die Erzählung jäh ab; unvermittelt schließen sich daran die
Apophthegmata. Im Gegensatz zu der oben berührten Ansicht,
das c. 11 sei in seiner Fassung aus dem Anfang der Verteidi-
gungsrede geflossen, wäre man eher versucht, diese Einleitungs-
worte als unterschoben zu betrachten, zumal da sie sich leicht
aus dem zuvor gegebenen Material herstellen ließen, und der
Anschluß an c. 12 vielleicht besser und ungezwungener wäre.
Zudem kehren die wenige Zeilen weiter oben gebrauchten ein-
leitenden Worte xattot iv dpxfl auch hier wieder. Man wird
aber trotzdem die Stelle nicht fallen lassen dürfen ; denn nach-
otilitatem allatura non exiguam fast ganz allein. Fr. III, 2, XXV ent-
gegen II, 1, 214 halt sie mit Sbdt II, 2. 842 für eines Philosophen nicht
rec ht würdig. Planck, Progr. 8. 84 findet sie frostig and ohne attisches
8ali o. 12 (sie!) 15. 19. 22. 23.
"*) Zum Heweise sei ein bei Seneca, Epist 91, 19 von dem Cyniker
Demetrius erzählter Witz angeführt: eodem loco sibi esse voces imperi-
torutn quo venire redditos crepitus. Quid enim, inquit, mea refert,
Buraum isti an deorsom sonent- Dieses Wort zeichnet Seneka mit dem
Prä'likat eleganter ans. Das ist zu erwägen bei c. 89. 44. 46. 62.
l") Vgl. Rothstein 8. 81 und 8chmid, Philol. 50, 301.
41*
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K. Funk,
dem einmal in den Worten xa uiv eu.u.eX<I>;, xa oe xa: xpax^-
ispov 9} xaxa xtjv eauxoö 7cpoatpeaiv die ganze Verteidigungsrede
in Kürze charakterisiert war und für die erste Art zwei Bei-
spiele angeführt waren, erwartet man auch für das xpayurspov
mindestens einen Beleg. Fand sich derselbe gleich in einer
knappen Einleitung und konnte Lucian damit zeigen, wie
Demonax entgegen der sonstigen Gewohnheit der Redner1*1)
in mediam rem geht, so war das vielleicht um so günstiger.
Freilich ist die Stelle etwas dunkel; aber die Beziehung auf
Sokrates, die in xaui und xö ulv yap rcpcxepov unzweideutig
vorliegt, ist für den Leser durch das Vorausgeschickte erleichtert.
Die bezüglichen Worte des Demonax konnten darum ausgelassen
werden. Viel wird kaum verderbt oder ausgefallen sein.
Gewiß würden wir gerne a/-$ der Aussprüche hergeben,
wenn wir dafür nähere Angaben über des Demonax Reisen, sein
Bekanntwerden in Griechenland, sein engeres Freundschafts-
verhältnis mit Lucian, seine schriftstellerische Tätigkeit, den
näheren Inhalt und die Verbreitung seiner Lehren, besonders
weil er Eklektiker war, eintauschen könnten192). Allein all
das würde sich nur wie ein Keil zwischen c. 11 und 12 ein-
schieben. Durch den in c. 11 näher ausgeführten Einzelfall,
in welchem Demonax die Art seiner rceiOii) zeigte, ist bereits
sachlich auf das Folgende übergeleitet, wie auch die von
Fr. (vgl. III, 2, XXVI) vorgeschlagene Verbindungsformel das
Vorausgehen einiger Aussprüche eigentlich voraussetzt. Wenn
also irgendwo, so war hier die günstige Gelegenheit, zur Auf-
zählung der Apophthegmata überzugehen. Da nun hier auch
nach Fr. die einzige Möglichkeit zur Annahme einer Lücke
gefunden werden konnte, da ferner der abrupte Uebergang in
Alex. 43 und De bist, conscr. 12 einigermaßen eine Analogie
bietet, so werden wir eben auf die Ausführung des Vermißten
einfach verzichten müssen» Daß das Erwähnte unseren An-
forderungen nicht genügt, beweist nichts. Es liegt zum großen
Teil der Grund in der oben gekennzeichneten Anlage Lucians, nur
das Negative hervorzuheben, das Positive aber kurz und knapp
abzutun. Anderes kommt auf Rechnung der biographischen
~"Vv"gl. bes. T i m. 3 7. Nigr. 10; Bia. acc. 33 und Phüoatr, V.S.
S. 44, 25.
»•") Vgl. Fr. a. a. 0. .lenni S. 6-8. Schwarz S. 564.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. f>31
Darstellung überhaupt, welche nicht die Schilderung der Er-
eignisse in ihrer pragmatischen Verbindung, in ihrer Wichtig-
keit für Mit- und Nachwelt zum Ziele hat, sondern mehr in
ihrer Bedeutsamkeit für den Verfasser selbst sie würdigt, so
daß die größten Ereignisse zu leichten Anekdoten und kleinen
Erzählungen werden können 1 98). Daher mag es auch kommen,
daß trotz des Gebrauchs von xa» noo xal für einzelne Fälle
von dem Aufstand und seiner Beilegung nicht die Rede ist.
Anderes wird sich im weiteren Verlaufe noch erklären.
3. Erklärung für die Komposition der Schrift.
Nach den voraufgegangenen Ausführungen kehrt mit er-
neuter Stärke die Frage wieder, wie die Anlage der Vita
Demonactis, welche sichtlich der von Lucian selbst aufgestellten
und sonst beobachteten Forderung der £pu,ovta 7} te^vtj Vj &<p'
änoLoiv (Zeux. 2) zuwiderlaufe, mit seiner Urheberschaft sich
vereinigen lasse. Dürfen uns auch gewisse Wiederholungen
von Wörtern und Wortverbindungen19*) nicht auffallen —
diese Nachlässigkeit, wie die andere in der Disponierung des
Stoffes stimmt gut zusammen mit der ganzen Art und Absicht
des Schriftstellers in unserer Vita195) — , es bleiben der Be-
denken immer noch genug, und es liegt mir durchaus ferne,
die ganze Schuld an den ausgesetzten Mängeln bloß dem
alternden Lucian zuzuschreiben 19°).
IM) Vgl. Röpke, Hypomn. Berol. 1842. I, 3.
Vgl. c. 2 xp&c cpvXooocpiav öpfflvxsc — c. 3 xp&C qptXoooqpiav 6p-
u&vcsg und npöc t4 xocXd 6p|irj xal npi; <piXoooqptav §p«c — c. 3 ndvtow
toöxwv und anaci tO'Vcotg — cc. 3. 8 ßitp XP°')IA«V0C — cc. 3. 11 iXto&spla
xai Tiapprpia. — cc. 4. 5 oöx ix' dX'.-rov und od«* 4«' iXlyov — cc. 4. 65
dxfjXfrs toO ßioo — cc. 6. 7 «totiu^oscov und smttuftv — c 8 urca |itxpöv
und Sv öXiyy — cc 9. 10 iuueXÄc — cc. 12. 13 xpoos»ä*v ^ptoxa — -
c. 11 xatioi 4v ipx<5 2mal — cc. 14. 15 söxdpuqpoc — cc. 15. 17- 18
Apatoc — cc 16. 17. 18 je eingeleitet mit sxsf 04 — cc. 12. 39 eö<n6x»t
— cc. 29. 41 n*r* qppovstv — cc. 33. 86 usXsx&v — cc. 12. 18 Öta- und
£7uxsxAat3u4voc. Genau so finden sich eine Reihe wörtlicher Wieder-
holungen in De hist. conscr. S. Passow S. 15 ff. vgl. auch Fried. Hof-
mann, Kritische Untersuchungen zu Lucian. Nürnberg 1894. 3. 45. Auch
in anderen 8chriften treten solche Wiederholungen hervor, so Rhet.
praec 11 rcpoosXdmv 2m al, Ic. 18 u4y« «ppovstv 2mal, De hist. conscr.
34. 35 dxvpaivetv 5mal, Dial. roort VII, 2 in einem und demselben Satse
Ix» 2mal u. s. w. Darnach ist Ziegeler Charidemus S. 4 einigermaßen
zu berichtigen.
»•*) Vgl. Rothstein S. 33, 1 ; Croiset S. 81.
>••) Vgl. Schwans S. 564.
632
K. Funk.
Allein von welchen Schriften aus hat man sich denn ein
Bild entworfen von Lncianischer Ordnung und seiner Art der
Komposition? Sind es nicht vorzugsweise Dialoge und pole-
mische Werke, welche schon an und für sich durch ihren
Zweck und durch die Notwendigkeit der Beweisführung einen
strengeren Bau erfordern? Man thut deshalb recht, den Dialotr
Pseudosoph. mit den anderen Dialogen zu vergleichen und ihn
wegen seiner mit unserer Vita analogen Komposition zu ver-
dächtigen. Daß man ihn trotzdem zu halten sucht197), will
ich mir nicht zu nutze machen. Aber was man von einem
Dialog fordern muß, darf man das auch auf eine Schrift
anwenden, die sich ausdrücklich als ein dTCOU.vr)u.6v6ou.a (c. 67)
bezeichnet? Haben wir ein Recht, einfach die Verbindung und
Ordnung nicht Lucianisch zu nennen 198), obwohl uns sonst Lu-
cian kein Werk derselben litterarischen Gattung zum Vergleiche
hinterlassen hat? Es ist ja eine bekannte Thatsache, daß im
Altertum die verschiedenen Stilarten streng abgegrenzt waren,
und daß die Forderungen der litterarischen Gattung unter
Darangabe der Einheit des persönlichen Stiles anerkannt werden
müssen19*). Darum gibt es nur einen Weg zur richtigen Wür-
digung der Schrift, nämlich sie an den sonst geltenden stilisti-
schen Regeln zu messen.
Schon der unbestimmte Name fltaou,v>}U£vrju.aTa (= was
man aus dem Gedächtnis niederschreibt) läßt unsere Ansprüche
in Bezug auf Ordnung nicht allzu weit gehen800). Das be-
stätigen denn auch die Memorabilien Xenophons, und es ist
gewiß nicht zufallig, daß diesem Werke genau dasselbe Schick-
sal zu teil wurde, wie der Lebensbeschreibung des Demonax *01).
Man kann von vornherein vermuten, daß die Ordnungslosigkeit, die
m) A. Baar, Lucians Dialog Der Pseudosophist. Görz 1883. S. 9.
'••) Schwarz 8. 567.
m) Wilamowitz, Asianismus und Atticistnus im Hermes XXXV, 26 ff.
sagt ausdrücklich, daß der Gegensatz innerhalb der Werke des Plutarch
und Lucian nicht in einer stilistischen Entwicklang der Person, son-
dern in der verschiedenen Gattung hege. Vgl. Schmid, Philol. 60, 308,
4; 314.
,0°) Vgl. Hirzel I, 14«.
a01) Vgl. Krohn, Sokrates und Xenophon S. 83 — 151, Schenkl, Ber.
der Wien. Akad. 1880, 119 ff. 124 u. s. w. ; dagegen Joel, Der echte
und der xenophontische Sokrates. I Einleitung, Birt, De Xenophontis
commentariorum compositione.
Untersuchungen Über die Lucianiache Vita Demo n actis. 033
immer mehr den Stil der Zeit kennzeichnet80*), in diesem Jahr-
hundert der Nachahmung der klassischen Größen nach dem
Vorbilde Xenophons geradezu zum Stilprincip für Denkwürdig-
keiten gehörte. In der Tat ist durch den Rhetor Ar ist Wies
verbürgt, daß Mangel an Ordnung mit das Wesen von äno-
p.v7jp.oveu|iaxa ausmache208). Daß auch Lucian sich an diese
Hegel gehalten hat, bezeugt Nigr., eine Schrift, die trotz dia-
logischer Form eine Art flbconv7]|i6veuu« darstellt204). Hier
gesteht er ausdrücklich, daß er fltxaxxw; ouvetpwv (c. 8) erzähle.
Damit dürften die gegen cc. 1 — 11 und 63—67 vorgebrachten
Bedenken ihre Lösung gefunden haben, da die Ordnung ja in
den allgemeinen Umrissen zugestanden ist und vollauf dem
sonst üblichen Schema entspricht (Leo S. 83).
Aber was sollen die Apophthegmata in ihrer Masse, ihrer
unvermittelten, unkünstlerischen Zusammenstellung? Ich gehe
zunächst von der Schreibweise Lucians selbst aus. Weder
Beweise noch Abstraktionen sind seine Sache 206). Was man
in seinen Werken trifft, ist die leichte, anekdotenhafte Erzäh-
lung, die meist stark ironische Färbung trägt. So besteht in
Adv. ind. der Hauptbeweis gegen den Angefeindeten in der
Erzählung einer Reihe von Geschichten, die sich unmittelbar
an einander anschließen, aber doch nicht in einem strengen
Zusammenhang stehen; so wird in Tox. die Gedankenkette
durch eine Beispielsammlung ersetzt und auch in anderen
Schriften gibt sich dieselbe Vorliebe für Anekdoten kund20*).
Wir werden sie also erst recht in einer Lebensbeschreibung
finden müssen; denn sie gehören zum Wesen der Biographie.
Auch Xen. Mem. enthalten viel des Anekdotenhaften207), und
so geschah e» sogar, daß dieselben in späterer Zeit geradezu
*») Ein hervorstechendes Beispiel dafür ist Aelian s. III, 7. Vgl.
auch III, 8 und 1, 190.
"») II, 13. 28 = 554, 27 Spengel. Vgl. Hirtel 1, 146, 1. Daß auch in
unterer Schrift das xenopbon tische Stilprincip nachwirkt, scheint
mir der Hinweis auf die Anklage des Sokiates au bestätigen (c. 11).
"*) Hirtel 11,292. Tgl. namentlich Nigr. co. 2 ff 18. 26.
**) Vgl. Croiset 8. 184. 231. 312. 318. Die Lucianiscbe Gedanken-
entwicklung ist hier 8. 309 ff. hübsch analysiert an Piro. 31—33.
Vgl. De salt. 76 ff.; Pro lapsn 2—7; De merc. cond. 33. 34.
*°7) Eüpke, Ueber die Gattung der Apomnemoneumaia in der griech.
Literatur S. 8.
634
K. Pank,
Apophthegmata genannt wurden*08). Und wenn nun in ihnen
mit Berichten über Sokrates Tun und Lassen solche über seine
Gespräche wechseln, ja wenn diese den Hauptraum einnehmen,
eben weil in ihnen die Haupteigentümlichkeit des Sokrates am
meisten zu Tage trat, sollte nicht in der Biographie eines
Cynikers auch das den Hauptraum einnehmen, was fdr diesen
bezeichnend ist? Und das ist nichts anderes als die Chrie.
Charakteristisch für diese Art zu philosophieren ist eine Er-
zählung von Diogenes, welche uns Diog. L. V, 18 tiberliefert.
Es heißt da: Aioyivou; tox<x5a aox$ 8i86vro; voTjaa;, ÖTt, ei
|itj XapiQ, xpetav efy fie|i6X6T7)xu>c, Aaß<ov, fqprj, AioyevTjV jiexa
iffc XP6laS xa^ textö* dTCoXwXexevat. Die Cyniker wurden
wie die Lacedäroonier als die ßpaxuXoyot xe xai iiro^eyjiaxixo:
bezeichnet209); bei ihnen und den ihnen verwandten Schulen
der Cyrenaiker und Stoiker war die Chrie zu Hause, und in
ihren Schriftverzeichnissen werden eigene Chriensammlnngen
erwähnt210). Was wir jetzt voraussetzen müssen, und was uns
außerdem die enge Verwandtschaft zwischen arcopv^jAGveutia
und XP6^* m der rhetorischen Terminologie nahe legt211), ist
uns obendrein eigens bezeugt, nämlich daß nicht bloß Plautus
und die attische Komödie voll von Witzreden waren, sondern
auch die Lebensbeschreibungen der Sokratiker eine Fülle
von Apophthegmata enthielten212). Sie gehörten überhaupt in
die Biographie eines als witzig bekannten Mannes213). Ein
klassisches Beispiel haben wir heute noch an der Biographie
*») Schol. zu Amtide* 6*sp xöv xrttdpoiv p. 289, 20 (III, 718 Din-
dorf). Vgl. Röpke S. 5 und Hinsel 1, 145.
so») Plut. Vit. Lyc. c. 10; vgl. Weber S. 261.
*»•) So von Bion (Diog. L. IV, 47), Metroklee (VI, 33), Zeno (VII, 4),
Pers&ua (VII, 8«). Aristo (VII, 168) und Kleanthe« (VII, 175V
*") Hermogenes definiert progymn. 3 die XPatot ausdrücklich als
dbcouw)p£veu}ia Xöyou xivog ij npd^ecog oovautpoxspou • öia^spst 5t XP*^
dnotiV7)|iOveöviaToc iuxXioxa x$ usxpq)' xa usv yäp duoiivT]jioveö|iaxa xai Öti
aaxpotipcttv iv «f«votxo, x*jv Äs XP**** <^vxouov stvai öel (I, 19 Walz). Vgl.
Theon 5 (201 W.); Aphthon. 8 (62 W.).
Cic. De oft*. I, 29 : Quo genere (»eil. faceto) non modo Plautus
noiter et Atticorum comoedia, sed etiam philosophorum Socraticoruu
libri referti sunt; multaque multorum facete dicta; ut ea, quae a senr
Catone collecta sunt, quae vocamus ditoqp&tYuaxa. Vgl. C. Schmidt, De
Apophthegm., quae Hub Plutarcbi nomine feruntur, collectionibus. Greifs-
wald 187». 8. 4, vgl. bes. Anm. 8; Köpke S. 5. 11. 12; Dttmmler & 70.
71. Val. Rose. Aristoteles Pseudoepi^rapbus. Lipe. 1868. S. 611. 612.
»») Vgl. Leo 8. 1*4.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 635
des Diogenes bei Diog. L. Darnach darf uns das Mißverhältnis
zwischen dem erzählenden Teil mit 16 Kapiteln und dem apoph-
theginati8chen mit 52 nicht sehr wunder nehmen, ganz abge-
sehen davon, daß die letzteren Kapitel meist nur sehr geringen
Umfang haben. Daß aber solche Sammlungen von Witzworten
bei den Griechen beliebt waren, das zeigen eben die Schriften-
kataloge und die Nachricht, es habe der Komiker Machon
derartige Anekdoten in jambische Senare umgesetzt und unter
das Publikum gebracht214). Sollte nicht auch Lucian, der sonst
so sehr mit der cynischen Litteratur sich beschattigte und dabei
auch dem Geschmack des Publikums huldigte215), hier entgegen-
gekommen sein, in jener Zeit, wo man wieder am Individuum
mehr Interesse nahm?
Damit kommen wir auf einen weiteren Punkt. Man
könnte doch erwarten, daß die betreffenden Aussprüche des
Demonax in die Charakteristik als Beleg mitverwoben wären,
oder daß wenigstens in der Anordnung derselben ein System
eingehalten und die zur Zeichnung der einzelnen Charakterzüge
dienlichen in Zusammenhang gebracht wären816). So aber
folgen die einzelnen Apophthegmata in bunter Reihenfolge.
Nicht einmal die auf dieselbe Person oder Sache bezüglichen
stehen bei einander217) und die Verbindungen sind stilistisch
äußerst eintönig. Stereotyp kehren die Wendungen wieder
epouivoo 5e ttvo;, deXXcp 5e ipouivcp, epürojtrEl; Öi, tdwv oe
u. s. w., wofern nicht ein Eigenname rUpeyptvoo 8e, inti 8e
'HptbSr^ u. s. w. den betreffenden Abschnitt einleitet. Dem
gegenüber sind allerdings sonst bei Lucian die Anekdoten kleine
Kabinettstückchen. Man kann es deshalb begreifen, wenn man
zunächst an einen tendenziösen Ueberarbeiter denken möchte *18).
Ich glaube zwar nicht, daß Lucian in unserem Falle das
ßpaxeü>s epjiTjveuetv zeigen wollte Ä19), aber sieht man auch von
au) Athen. XIII, 577 ff. Vgl. Köpke S. 14.
»»») Man denke nur an Ab. Vgl. Schmid, Philol. 50, 315.
=»•) Schwarz 8. 564; Schmid. Philol. 50,300.
m) Das gilt besonders von denen Ober Herodes in den cc. 24. 25. 33.
m) Schulze S. 7. Die Vennahnung Artemidors an die Leser seiner
Symbolik der Traume (II, 70) läßt auf eine derartige häutige Unsitte
Philostr. V. 8. 27, 8. Arnim (Wien. Stud. 1900 S. 168) wendet
es zur Erklärung de» As. an.
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636 K. Funk,
der ermüdenden Aufzählung des ganzen Repertoire, über da*
ein Pantomime zu verfügen hat, in De salt. 87—61 ab, wie
gleichmäßig werden doch auch im polemischen Teil von De
hist. conscr. die verschiedenen Erzählungen eingeführt **°) !
Zudem kennen wir die Formen für die Ghrien ganz genau und
diese sind keine anderen als die hier gebotenen2*1). Von aus-
schlaggebender Bedeutung aber ist, daß bei Athen. VI, 248 D.
XIU, 583, F. 585 A. ff. aus den Denkwürdigkeiten des Lynkeus
einmal 3 und an einer anderen Stelle sogar 11 Witzworte
und aus denen des Aristodemus eine ganze Reihe überliefert
werden, welche in derselben losen Weise an einander gefügt
sind. Sicherlich hat Köpke S. 14 recht, wenn er sagt: 'In
Bezug auf den Stil beider Sammler läßt sich mit Recht wohl
nur so viel sagen, daß die Lust, durch das Schlagwort selbst
zu wirken und zu reizen, eine künstlerische Gruppierung und
Behandlung des Stoffes nicht zuließ.' Nehmen wir noch hinzu,
daß Diog. L. gerade in den Biographien der Philosophen,
welche in Chrien stark waren, wie Aristipp (II, .8), Bion (IV.
7), Diogenes (VI, 2) und Zeno (VII, 1), dieselbe Art der
Komposition beobachtet, daß von der Art unserer Vita das
meiste von dem gewesen sein mag, was dem Diogenes von
biographischer Litteratur der eigenen Zeit außer den Sammel-
büchern erreichbar war, und daß selbst Dio Chrys. (Or. IV — VI.
VIII -X vgl. Weber S. 84) dieselbe Schablone auf die Dio-
geuesreden anwendet, so werden wir nicht fehl gehen, darin
15°) c. 14 tCjg uiv -a; cwtäv c. 15 St&poc ös c. 16 &XXo^ W xi£ c. 17
st öst xal dvdpöc |Av?jOiHjvai c 18 xal jitjv oöÖ' ixslvou fioiov dico-
l*vi)povi)oaL c. 19 iXXoc dolötuoc c. 21 xal uijv xaxslvo Xsxxiov c. 28
xal ui/v xal dXXou; t$oi£ dv c. 24 xaitoi -caöta qpopTfj-cdt xdvxa c. 25 vi;
Mo. xaxelvo xojuö$ nid-avcv c. 28 ifib yo3v fjxouad xivoc c. 29 dXXog pdXa.
xal oötoc yeÄolo« c. 30 s?£ ös u$ ßiXxwroc c. 81 fjöi] d' kyd> uvonj fjxwoa
c 82 xal y«P *3 xal auxai Dabei ist eigentlich ein fester
Plan in der Aufzahlung der einzelnen Episoden nicht zu erkennen.
Auch Knaat S. 39 machte auf immer wiederkehrende Formeln zur
Fortsetzung der Erzählung aufmerksam und Rohde, Lucius S. 34 sprach
Lucian ein eigentliches Erzählertalent ab (vgl. den erzählenden Teil
des Per. 10—42 mit seinen 12 slxa).
Quint I, 9, 4. Chriarum plura genera traduntur, unum simile
sententiae, quod est positum in voce simplici: dixit üle aut dkere
solebat Alterum quod est in respondendo: interrogatus ille vel cum
hoc ei dictum esset, respondit. Tertium buic non dissimile: cum quu
non dixisset aliquid, sed fecisset Dieselbe Formel zeigt im Griechischen
Diog. L. Vgl. DÜmmler S. 71. Rose 8. 606.
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UnterBuchungen über die Lutianische Vita Demonactis 637
ein Stilprincip für die Denkwürdigkeiten besonders der Ver-
treter cynischer Richtung seit alter Zeit zu erblicken. Ist dem
so, dann dürfen wir an der Wahl gerade dieser biographischen
Form keinen Anstoß nehmen. Daß Lucian zur Verherrlichung
eines Zeitgenossen auch andere Formen zu Gebote standen, ist
nicht zu leugnen; daß ihm aber an und für sich die rhetori-
sierte Form der grammatischen Vita, wie sie besonders Philostr.
vertritt, näher gelegen und entsprechender gewesen wäre (Leo
S. 84 und bes. S. 83, 2), möchte ich von vornherein bei dem
doch in manchen Punkten anders gearteten Geschmacke Lucians
nicht annehmen.
Wurde nun auch billigerweise der Mangel an positiven
Lehren in der Darstellung durch das ersetzt, worin die Cyniker
and auch Demonax ihre Ehre suchten, so bedarf der Umstand
noch des näheren Aufschlusses, warum trotz des angekündigten
Zweckes, den sittlich bedeutsamsten Mann der Zeit vorzuführen
und damit der Jugend ein nachahmenswertes Beispiel vor
Augen zu stellen, und trotz des Vorhandenseins ernster Apo-
phthegmata von Demonax die meisten der erwähnten zu den
yeXota gehören, worauf mit Recht Fr. II, 1, 195; III, 2, XXV
und Schmid, Philol. 50, 301 darauf hingewiesen haben. Es
ist nicht unmöglich, daß eine bereits existierende Sammlung
ernster Aussprüche bei der Auswahl maßgebend war, wiewohl
man bei diesem Grunde allein immer noch eine diesbezügliche
Bemerkung erwarten möchte (Fr. III, 2, XII). Aber ein Ver-
gleich mit dem bei Athen, und Diog. L. Ueber lieferten zeigt
deutlich, was für einen Geschmack und Inhalt wir in derartigen
Apophthei>;mata zu suchen haben. Dasselbe läßt uns auch der
Charakter des Verfassers selbst erwarten, wie er sich in der
teil weisen Verwertung einzelner Aussprüche in anderen Schriften
und in seiner größeren Neigung zu Scherz und Heiterkeit als
zu ernstem Nachdenken und in der sonstigen durchgängigen
Uebereinstimmung des Demonax mit seinem Philosophenideal
überhaupt ausspricht.
Zum Lobe unserer Vita muß aber gesagt werden, daß sie
trotzdem nicht so ganz unkünstlerisch nach dem hergebrachten
Schema komponiert ist. Die längere, wenn gleich nicht voll-
ständige Charakteristik des Philosophen am Anfang ist geeignet,
638
K. Funk,
die losen Apophthegruata, den Hauptkern der Biographie, in
das rechte Licht zu setzen. Ganz allmählich findet der Ueber-
i^ang zu der katalo^arti^en Aufzählung statt, indem zuvor drei
Aussprüche in weiterer Ausführung der begleitenden Umstände
gegeben werden, und ähnlich sind wieder am Schluß Apo-
phthegmata in die erzählende Partie eingefügt. Dadurch unter-
scheidet sich die Biographie vorteilhaft von den oben berührten
kompilierten des Diog. L. (vgl. Leo S. 49 ff.), aber noch viel
mehr von dem Dialog Pseudosoph. Die ganze Einlage mit
den von Sokrates von Mopsus gerügten Sprachfehlern ist
für den Gang des Dialogs von so wenig Bedeutung, daß sie
wie eine große Glosse (Chabert S. 162 ff.) oder wohl eher wif
eine schlecht gelungene Uebertragung eines anderwärts gelten-
den Stilprincips auf den Dialog aussieht.
Die Schrift unterscheidet sich aber auch von den anderen
Werken Lucians durch ihre natürliche und ungesuchte Nach-
lässigkeit im Ausdruck, durch ihre einfache und objektive Art
zu erzählen und zu bewundern. Nur an wenigen Stellen tritt
die Person des Verfassers hervor Selbst solche Gegen-
stände, bei dereu Behandlung Lucian sonst wortreich zu sein
pflegt und seinen gegensätzlichen Standpunkt scharf zum Aus-
druck bringt, wie beim Stolz der Philosophen und ihren
Zänkereien, beim Aberglauben und anderen Dingen, sind hier
ganz kurz behandelt Man hat diesen Vorzug schon zu einem
Beweis für die Unechtheit machen wollen m). Es wäre jedoch
die objektive Haltung für einen Fälscher noch unverständlicher,
da wir die genaue Bezugnahme auf Lucian nicht ableugne
könnten. Tatsächlich ist auch die Vita nur der Form nach
objektiv, und das ist nicht so unbegreiflich« Es fehlte ja
nicht an entsprechenden Vorbildern für diese Litteraturgattung.
und Lucian hat damit nur die von ihm selbst aufgestellten
"*) cc. 1. 59. 67 und zwar im Sing., wie sich Lucian mit Ausnahme
weniger Falle immer bezeichnet; den Plural setzt er nur Übet praec.3-
Electr. 6. Er redet nur als Schriftsteller den Leser an ; mithandelnd
erscheint er nicht, wie auch Xen. nur einmal Mem. I, 3, 8 so auftritt
und das in der 3. Person. Auch dieser Umstand laßt annehmen, d*6
Lucian nicht von sich geredet habe. Dadurch wären zudem ÖJiouvfoi**1
aus den &7toiiv7]iiova'jpa?a geworden. Vjjl. Köpke S. 7.
"*) Rothstein S. 33, nachdem bereits Planck S. 34 Progr. darauf
hingewiesen und den Grund dafür in dem Alter des Schriftsteller
suchte.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 639
Forderungen fUr die Geschichtsschreibung eingehalten m). Der
Sache nach ist die Biographie so wenig objektiv, wie seine
anderen Schriften auch. Was für diese gilt, daß sogar da.
wo einmal Lucian nicht direkt auftritt, hinter den verschieden-
artigsten Masken sich leicht seine Züge erkennen lassen, und
daß man kaum sagen könne, Lucian trete in verschiedenen
Rollen auf, weil es vielmehr sei, als ob jene Person den Lucian
spielte225), das gilt auch hier. Unter der Hand ist aus De-
monax ein anderer Lucian geworden.
4. Sostratus.
Unter den Hauptbedenken gegen die Echtheit der Vita
Demonactis ist immer der Umstand genannt worden, daß ihr
Verfasser zugleich auch der Urheber einer Vita Sostrati sein
will deren Inhalt man nicht mit Lucians Charakter zusammen-
reimen zu können glaubte. So einfach ist die Sache nun frei-
lich nicht, daß, wie Fr. Index lect. univ. Rostock 1879/80
S. 3 meint, der Verfasser des 1. Kapitels auch der beider
Bücher sein müsse, möge es nun Lucian oder ein anderer sein.
Die Möglichkeit ist noch nicht ausgeschlossen, daß die Schrift
unterschoben ist. Ich gestehe aber, daß es mir nicht recht
erklärlich wäre, wie man einem so bekannten Schriftsteller,
wie Lucian seit Erscheinen seiner Werke war, die Autorschaft
einer ihn gar nichts angehenden Biographie in dieser Weise
zugewiesen hätte22*). Selbst bei dem Vorschlag Boldermanns
(S. 121) kann man sich die Gegeninstanzen nicht verhehlen.
Will man nämlich die beiden Prädikate atouatof dpex^v
u7i«pcpuä %<xi yvü)piT;v dexph>€ qptXoaoqpov allein auf Demonax be-
ziehen, so verlangt die Parallelstellung von Körpertüchtigkeit
und Geistesstärke ihre Beweise. Für ersteres sucht man sie
umsonst; nicht einmal die Apophthegmata enthalten eine An-
deutung und die kurze Bemerkung in c. 4, die eigentlich in
der Lebensbeschreibung eines Cynikers selbstverständlich ist,
"*) De biat conscr. 8. 7—27. 50—59. Bieler De salt 8. 12 ff. hatte
kein Recht, diese Qrunds&tze auf diese Schrift anzuwenden, da Lucian
zwischen x4 foxoptac. xotl vx 7iotijTtxf)c (c. 8) unterscheidet.
"*) Rohde, Lucius S. 32. Vgl. auch Planck, 8tud. und Krit. 8. 829
über die matte Einf ührung des Peregrinus, die aber mit Fug. und Adv.
md. übereinstimmt (S. 842ffA
«•) Vgl. Schmie!, Philol. 50, 301.
640
K. Punk,
vermag den Ausdruck urcepcpuTjc, selbst wenn er hyperbolisch
aufzufassen wäre, nicht zu rechtfertigen. Sieht man aber
3(i)u.ato; dperfyv ÜTiepqpuÄ als Interpolation des Fälschers an, so
bleibt doch in der ganz kurzen und wenig auffallenden Be-
merkung in c. 4 xoi xb oöuä Ö£ iyeyOuvaoxo zu wenig An-
knüpfungsmöglichkeit.
Daß ferner die Vita Sostrati außerhalb der drei Arten
von Schriften Lucians, nämlich AaXiat, StaXoyot und inifrcoAad
fallen würde, ist von keiner Bedeutung x da Thimme S. 55
eigentümlich genug die fisX£xat gar nicht als eigene Art er-
wähnt und von seinem eigenen Gesetz Ver. hist. ausnehmen
muß227). Ebenso wenig lag in der Einleitung eine Notwendig-
keit vor, den Sostratns X-naxck; Ävatpwv von dem sonst erwähnten
XTQOXif^ zu unterscheiden (Thimme S. 55. 56). Das konnte ja
in der Vita selbst geschehen sein und war an unserer Stelle
durch den Beisatz 'Herakles' zur Genüge getan; in dem später
verfaßten Alex, aber, wo ein Sostratus^ X^ot*); erwähnt wird
im Verein mit anderen bekannten Räubernamen, machte die
sprichwörtliche Wendung die Unterscheidung unnötig228).
Man hat weiterhin eingewendet, daß Lucian in keinem
Buche von einem anderen ausdrücklich spreche mit Ausnahme
von Apol. 3, wozu er aber durch die vorangegangene Schrift
De merc. cond. mit ihrem gegensätzlichen Standpunkt genötigt
gewesen sei (Thimme S. 55). Indes einigemal wenigstens ist
eine derartige Beziehung auf frühere Schriften, soweit es die
Dialogform zuläßt, gar nicht zu verkennen, so bei Imag. und
Pro imag., Vit. auct. und Pisc, Per. und Fug., und die paar-
weise Gruppierung läßt sich für mehrere nachweisen 229). Dazn
kommt noch, daß Lucian das Kunstmittel der ouyxptot? gerne
anwendet 28°), und daß die Verbindung zweier Lebensbeschrei-
bungen auf eine die schöne Litteratur im weitesten Sinn seit
M7) Vgl. N. Jahrb. f. Philol. 1888 8. 566.
m) Vgl Rein 3. 77. Fälschlich hält er den Alex. 4 und Dial. mort
XXX genannten Soatratus mit dem ynsri^en für identisch.
"*j Vgl. Bernajs 8. 5*2 ; Rothstein 8. 117 ff. ; Croiset 8. 26 ff. A. Baar,
Lucian 8 Dialog der Pseudoeophista. 8. 26 ff redet sogar ron Trilogien
(Inn. conf. trag. Deor. concil. und Saturn. Cronos. Epiat. eaturn.).
»*>) 0. Hense, Die Synkrisis in der antiken Litteratur. Freibur^er
Prorektoratsrede. 1893. 8. 30. 85.
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I
Untersuchungen über die Lucianische Vits Demonactis. 541
Isokratea und Aristoteles durchdringende Strömung zurückgeht,
und daß diese dyadische Form in Plntarch einen glänzenden
Vertreter gefnnden bat (vgl. Leo S. 152), wenn sie auch nicht
nach der Annahme Ton Christ (Ghr. L.G. 652 9 ff.) fast stehende
Sitte der alten Biographen gewesen ist. Bei der Berührung
aber, welche wir oben zwischen einer Plutarchiscken Vita des
Krates und der unsrigen festgestellt haben, ist ein derartiger
Einfluß Plutarchs auf Lucian sehr wahrscheinlich. Frei-
lich ist jetzt für uns die Schrift über Sostratus trotz ihrer
* + » engen Verbindung mit der über Demonax spurlos verschollen *81).
Allein was beweist das gegen die Echtheit, da ja auch unechte
Schriften sich unter Lucians Namen gerettet haben und nach
Bis acc. 32 zu schließen nicht bloß 'Skizzen von ephemerem
Los' (Schwarz a. a. 0. Anm. 4), sondern auch wirkliche (icXetat
(xupavvwv xaxriyopiat aal flcptaxicrtv Inawoi Bis acc. 32) von
dem Feinde jeglicher Improvisation verloren gegangen sind.
Diese Bedenken wollen also nicht viel besagen. Sie sollten
auch zunächst nur den Haupteinwand verstärken, der aus dem
vermutlichen Inhalt der Vita genommen ist. Man hat nämlich
schon lange die Identität des hier genannten Sostratus- Herakles
mit dem von Philoetr. ausführlich geschilderten Agathion-
] * Herakles behauptet«88). Daß dem so ist, steht außer Zweifel.
Denn was Plut. an einer bisher wenig beachteten Stelle Quaest.
Symp. IV, 1, 1 von einem gewissen Sosastros erzählt, nämlich
£cöoaarpo£, öv ^aat u.^ts Ttoxfy xPTio<^lJL€V0V £XAq> u.^t' £5eofiaxi
icXtjv t) yaXaxxo; 8 1 a ß i fi> o a t navxa xöv ßiov *33) ,
das entspricht genau dem Berichte des Philostr. V. S. S. 61,
6 21 f. von dem 'Aya^Ktov yaXaxxo^payöv xöv 71 X e £ «u
xoö XP0V0U« Der Name Sosastros, der in allen Hand-
schriften und auffallenderweise auch für Dem. 1 in Handschrift
A Überliefert ist, darf uns nicht stören. Derselbe findet sich
™M Dies wenden Schwan S. 565 und Bornaya S. 104, 24 ein.
,M) Schmid, Pbilol. 50, 800. Vgl. greller, R. Encycl. IV, 1173 ».
Rohde, Gr. Kom. 857, l* siebt darin 2 verschiedene Persönlichkeiten.
,M) Wenn Athen. II p. 44 C von Philinus, der eben bei Plutnrch
sich auf den Vorgang des Sostratus bernlt, schreibt: *A(HatotsXijC f 4}
deÄ^pcurcoc ♦iXlvdv nva Unopel lit^ts n o t $ xP^oao^'at1tOT* I1 ^ 1 •
4dsojia?i <SAA<p*)n4v«p y&Xaxxi n d v x a töv fi l o v, so ist die
Herkunft der Stelle klar; die Gewährsmänner hat Athen, falsch auge-
l gegeben.
i
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H42 K. Funk,
nirgends, weshalb denn auch Xylander Z>paxoz geschrieben
liat. Ebenso wenig bietet der Name Agathion Schwierigkeit.
Philostr. V. S. 61, 27 ff. sagt eigens, daß die Böotier
ihm denselben beigelegt haben. Der Widerspruch zwischen
7cavxa xöv ßtov und xöv nXziu) toö ߣou klärt sich aus der
Weiterführung bei Plut.: flcXV ixcfrcp uiv ix jjtetaßoXfj;
dpx^jv y e v £ o & a i x fj c x o i a 6 x *j s 5 i a £ x 7j c eixc;
xöv Bk T^uitepov dvitotpocpü)? xeji 'Ax^et xp£?u>v 6 Xe£pü>v outoj
(sc OiXlvo;), eö(K>c &icb xfjc yev£aeü>; ivatuiiotc xa£ d^jyo^
xpo^atc x. x. X. Auch sonst stimmen die Zeitrerhältnisse. So-
stratus, wie der Quaest. Sjmp. VIII, 4 und IX, 14 erwähnte
Herodes Attikus waren wohl damals noch jung.
Wenn wir nun aber den Exkurs des Philostratus über Aga-
thion lesen, welch eigentümliches Bild erhalten wir da auf
Gi und eines Briefes des Herodes Attikus an Julian! Dieser
Mann mit seiner ungeheuren Körperkraft und Körpergröße,
mit seiner Meinung, vom Heros Marathon abzustammen, mit
seinem Weiberhasse und seiner Geringschätzung jeglicher Kunst
sollte von Lucian zusammen mit seinem Idealphilosophen De-
monax der biographischen Darstellung gewürdigt worden sein?
Man muß Lucian niedrig einschätzen, wenn man mit Ziegeler
S. 329 sofort annehmen will, „eine derartige Kuriosität habe
völlig genügt, um die Feder des stoffhungerigen Journalisten
in Bewegung zu setzen \ eher dürfte das Urteil Schmids (Phil-
50, 300) Geltung haben, daß dieser Soatratus „für Lucian weder
Abgeschmacktheit genug, um Stoff zu einer Satire, noch psy-
chologische Merkwürdigkeit genug, um Stoff zu einer ernst-
haften Biographie zu liefern, an sich haben konnte."
Gewiß haben wir jiun wegen der Parallelsetzung mit
Demonax keine Satire unter der Vita zu verstehen, aber wir
brauchen auch keine schrankenlose Bewunderung (Bernays
S. 104, 24) darin zu suchen. Die Worte c. 1 xai
zeigen deutlich, auf wessen Seite die größere Sympathie Lucian*
liegt, und wie Sostratus einigermaßen die Folie bilden muß.
damit sich Demonax, weil vielseitiger, um so glänzender abhebe.
Und weiter muß denn unser Sostratus wirklich der Schil-
derung des Philostratus genau entsprochen haben ? Di*
Wunderdinge, die dieser sonst (z. B. V. S. 54, 16 ff.; 100, 15:
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Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demonactis. 643
46, 19; 75, 10; 111, 24) von den Sophisten zu erzählen weiß,
die Mystifikationen, die er an Apollonius von Tyana vornimmt,
erwecken nicht allzu große Glaubwürdigkeit. Gerade die ver-
worrene Darstellung in der Vita des Herodes und dieser lange
Exkurs über Sostratus, der in gar keinem Verhältnis steht zu
der geringen Bedeutung, welche die Episode für das Leben
des Herodes hatte, sprechen deutlich genug, wie sehr er die
Sucht des ganzen Zeitalters teilte, durch Erzählung von Selt-
samkeiten und Wundern Effekt zu machen. Der Zweifel an
der Glaubwürdigkeit wird nicht vermindert durch die Tatsache,
daß der Bericht auf einem Brief des Herodes an Julian ruht.
Dieser Sophist, so leicht erregbar und so heftig, ist ganz gewiß
auch seinerseits nicht Einflüssen fremd geblieben, wie sie aus
jener Zeit so bekannt und in Philops. so trefflich uns vor-
geführt sind. Das c. 25 unserer Schrift, wornach er an Toten-
beschwörungen zu glauben scheint, ist der Ansicht von einer
historisch nüchternen Auffassung solcher Dinge nicht günstig.
Wenn auch ein Teil der Mystifikation des Sostratus auf die
Böotier selbst zurückgeht (V. S. 61, 14 vgl. Dem. 1.), jeden-
falls war Herodes nicht der Mann, diesem Glauben entgegen-
zutreten. Im Gegenteil, wenn er nach Philostr. S. 63, 5 aus
dem feinen Geruchsinn des Agathion auf eine Satu.ovt'a ^uats
schließt, ist anzunehmen, daß er selbst noch seinen Teil dazu
beigetragen hat, um den Zeitgenossen die angeblich eigene
Aussage des Sostratus über seine Eltern (S. 61, 15 ff.)
glaubhaft zu machen. Das Heroenbedürfnis, das beide in
gleichem Maße teilen, hat sie schon in dem körperlich an-
dere Menschen überragenden Sostratus einen f}p<i>« i75i<pavr|C
erblicken lassen (vgl. Schmid IV, 572). Für Herodes Attikus
diente es aber außerdem noch zur eigenen Verherrlichung,
diesen Gewaltigen zum Landsmann zu haben und ihn mit dem
Heros Marathon in Verbindung gebracht zu sehen, ihn, den
er offenkundig allein für fähig hielt, das Werk zu vollbringen,
von dem er einzig die Rettung seines Nachruhmes erwartete,
nämlich die Durchstechung des Isthmus zu Korinth**4). Wir
S. 60, 23 ff. Der Anschluß des c. 7 mit c 6 ist dem Sinn nach
mindestens in der Weise zu finden, wie Fr. III, 2, XXXVIII ff. vorschlägt.
Auch in dem sicher Philostratischen Dialog Neron (Schmid IV, 535 und
Philologe», Snpplementband X, viertes Heft. 42
644
K. Funk,
werden also den vermeintlichen Inhalt der Biographie nicht so
scharf gegen ihre Echtheit ins Feld führen. Schon die reser-
' vierte Haltung gegenüber dem Beinamen des Sostratus, 'He-
rakles1, in dem zusammenfassenden Einleitungskapitel ist be-
zeichnend für den Charakter des Verfassers. Er unterscheidet
ausdrücklich sein Urteil von dem der Hellenen (öv oi "EXXt^ve;
HpaxXea ixc&oov xal <[>ovto efvai) und nur wegen seiner £pya
oöx diwpSi toO <5v6{iaxos will er ihm den damals viel ge-
brauchten285) Ehrentitel geben. So legt sich die Vermutung
nahe, daß er eben den übertriebenen Anschauungen der Hel-
lenen entgegengetreten ist und vielleicht wie in der Vita De-
monactis auch irgendwie gegen Herodes und seine Auffassung
Stellung genommen hat, was er um so eher tun konnte, als
Herodes zur Zeit der Abfassung tot war und also keine Rück-
sicht genommen zu werden brauchte.
Außerdem fehlt es aber selbst in der Erzählung des Phüostr.
nicht ganz an Zügen, die Lucian sympathisch sein konnten, so
sein Urteil über die Mythologie (S. 62, 8 ff.) und über seine
eigene Unsterblichkeit (O-v^toö fiaxpor;(i£pü)xepo; S. 61, 20).
namentlich aber sein urwüchsiges Wesen und seine gemein-
nützige Tätigkeit (S. 61, 28. 62, 23). Dasselbe nämlich, was
die kurze Inhaltsangabe noch einmal ausdrücklich hervorhebt,
wird voll des Lobes von Herakles und Theseus erwähnt. So
heißt es Iup. trag. 21, wenn nicht zuweileu Theseus die Uebel-
täter abgetan hätte, wegen Zeus und seiner Vorsehung hätten
Skiron, Pityokamptes und Kerkyon und wie sie alle hießen,
noch lange ihr Unwesen treiben können, und ebenso wäre es
mit den Ungeheuern, wenn nicht Eurystheus den Herakles,
einen ipyaxixöv dvO-p wtcov xal izp6§v[Lov i<; xoi>c tcovouc zu
deren Vernichtung ausgesandt hätte. Sollte also der Verfasser
der Vita Demonactis nicht auch dem Sostratus seinen Beifall
haben schenken können, der den Herakles und Theseus in sich
verband und beides, wilde Tiere und lästige Räuber, utcö
537) ist von dem Gemeinplatz der Sophisten betreffs der Isthmusdurch-
etechung c. 3 die Bede und gesagt, daß siexd'HpaxXioug ö « s p-
BdXXso&ai udvxa heiße. Vielleicht liegt darin unter anderem eine
Erklärung für den langen Exkurs bei Philostr. S. 60—62.
m) Namentlich wurde er gerne ausgezeichneten Jünglingen im
2. Jahrhundert gegeben, wie wir inschriftlich wissen. Vgl. ft. Keil,
Attische Inschriften im Phil. 28, 255.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 645
qptXavftpomCas (Iup. trag. 21 und Dem. 11) aus dem Wege
räumte? Gerade dadurch unterschied sich Sostratus von so
manchen Philosophen, besonders so manchen Cynikern gewöhn-
lichen Schlags, daß er sich den Titel Herakles nicht selbst
beilegte, sondern daß dieser, wie dem Demonax die Popularität,
von selbst zufiel, und daß er demselben im Gegensatz zu jenen
Worthelden durch praktische Betätigung des Heraklesberufes
alle Ehre machte. Wiederholt muß Lucian deren gelehrten Müßig-
gang tadeln, und wenn sie trotzdem sich als Nachahmer ihres
Ideals und Patrons, des Herakles, ausgeben wollten, so kämpft
er mit allen Mitteln, mit Spott und Hohn, gegen eine der-
artige Nachäffung Me). Ja er läßt sogar Fug. 23 den Herakles
selber gegen die Pseudocyniker ausziehen zum deutlichen Zei-
chen, daß sie nicht von seiner Art sind287). Die echt cyni-
schen Anschauungen, welche Sostratus nach der Ueberlieferung
- bei Philostr. S. 62, 17 ff. über die Kunst der Athleten äußert,
machen die Annahme nicht unwahrscheinlich, daß auch sonst
seine Lebensansichten cynische Färbung an sich trugen; die
Aeußerungen über die Mythologie werden ja eigens als <ptXo-
eocpefr bezeichnet (S. 62, 16). Konnte da nicht Lucian in seiner
Biographie neben der Absicht, dieses Bild strotzender Kraft
einem verweichlichten Geschlecht238), namentlich cynischen
Jammergestalten (vgl. Conv. 19) entgegenzustellen, zugleich
den Zweck verbinden, einen wahren und echten Heraklesnach-
ahmer nach seinem Sinne zu zeichnen? Die Einleitung läßt
es vermuten, und damit wäre ein neuer Anschluß an die Vita
Demonactis gewonnen. Sähen wir hier ein Sokrates-Diogenes-
ideal verwirklicht, so dürften wir in der Lebensbeschreibung
des Sostratus das Ideal eines Heraklesnachahraers finden, der
nicht bloß wegen der Keule diesem glich, sondern auch diese
in der rechten Weise zu führen wußte (vgl. Vit. auct. 8).
*M) Per. 21. 24. 25. 83 und Conv. 18. Vgl. ebd. 16, wo abgeschmackt
genug der Vergleich mit Herakles sogar auf die Braut des Eukritus
übertrafen wird.
w) Die cynische Maske trägt Herakles auch Bia acc. 20 und lup.
trag. 22 ; für Dio s. Dümmler, Antiathenika S. 73.
2M) Man denke an den Cyniker Antiochua nach Dio Cassius 77, 19.
Dabei kann Lucian auch über das in jenen Gegenden weit verbreitete
Räuberunwesen langer gehandelt haben, worauf Fr. III, 2, XLV hinwies
auch Hertzberg S. 886, 31 c. Vgl. Cat. 6. Hermot. 22. Dial. mort. XXVII,
2. Nav. 28. As.
42*
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646
K. Funk,
Ich sehe an diesem Orte noch ab von einer möglichen Be-
kanntschaft des Philostratos mit unser n beiden Biographien.
Ich möchte aber noch auf einen anderen Punkt hinweisen. In
den Deklamationen und Kontroversien der Rhetoren damaliger
Zeit erscheinen ganz stereotyp die Figuren der Räuber und
zwar auch die der edlen, menschenfreundlichen Räuber
Dieser staunenden Scheu vor urwüchsiger Kraft, welche die
gesamte noch fortlebende Räuberromantik gezeitigt hat, ist
auch der edle Arrian erlegen, und Lucian ist es gerade, der
uns Alex. 2 von dem Vorhandensein der Arrianischen Räuber-
biographie Tilliborus benachrichtigt. Von dieser Tatsache aus
wage ich nun eine Vermutung. Wer nämlich die bekannte
Schilderung liest, welche Epiktet von dem Cyniker von Gottes
Gnaden entwirft, der kann bei einem auch nur oberflächlichen
Vergleiche die gemeinsamen Züge mit der Vita Demonactia
nicht verkennen — ich werde das zum Schluß noch im ein-
zelnen ausführen — , und es scheint, als habe Lucian zeigen
wollen, wie die dort ausgesprochenen Grundsätze von Demonax
durch die Tat verwirklicht wurden. Man darf nun freilich
die Bekämpfung, welche Arrian gegenüber bekannte Auffassung
von Alexander dem Großen und von seinem Charakter richtet,
nicht mit Nissen (Rh. M. 43, 236. 240) auf die entsprechen-
den Ausführungen Lucians in den Dial. mort. allein be-
ziehen. Derartige Rücksichtnahmen gegenüber cynischen An-
schauungen finden wir ebenso bei seinen Vorgängern, Diodor
und Strabo340). Aber in unserer Biographie tritt doch das
Bestreben hervor, ein Seitenstück zu Epiktet zu schaffen, das
den Vorzug der größeren Konsequenz für sich hat Das scheint
mir die Einleitung c. 3 zu besagen, wo auf der einen Seite
die nähere Beziehung zu Epiktet gekennzeichnet, auf der an-
deren aber doch die Selbständigkeit des Demonax scharf her-
vorgehoben ist, gleich als wollte Lucian seine eigene Selbstän-
digkeit wahren; besonders aber scheint es mir aus der Erzäh-
lung c 55 hervorzugehen, wo wir beide einander gegenüber
sehen. Da muß Demonax erst den Epiktet darauf aufmerksam
machen, daß er mit Aufforderung zum Heiraten sein eigenes
*3>) Rohde, Gr. Rom. S. 857* und Anm. 1.
M0) Vgl. Prächter, Archiv f. Philos. (1898) XI, 512.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 647
Princip verleugnet Es dünkt mir deshalb nicht unmöglich,
daß Lucian, wie zu Demonax durch die Dissertationes, so zu
Sostratus durch die Räuberbiographie Tilliborus angeregt
worden ist. Dabei war Lucian immerhin konsequenter in der
Gesinnung, indem er mit dem Bilde eines geistigen Wohltäters
der Menschheit das eines leiblichen verband, während Arrian
zwei sich widersprechende Schriften verfaßte. Gesinnungs-
tüchtigkeit aber und Konsequenz gilt Lucian so viel, daß er
sich sogar für die Abfassung des Alex, mit dem schlimmen
Vorgang Arrians entschuldigt.
Das Gesagte dürfte zu dem Schlüsse genügen, daß die
Abfassung einer Vita Sostrati, wenn auch auf den ersten Blick
auffallend, doch bei näherem Zusehen sich mindestens als nicht
unmöglich herausgestellt hat, zumal da das erste Kapitel des
uns vorliegenden Demonax trefflich zu der Fortsetzung stimmt.
i
»
in.
, Die historische Existenz des Demonax.
1. Beurteilung der erhobenen Einwände.
Die Ausführungen von Schwarz Uber den unhistorischen
Demonax haben zwar am wenigsten Anklang gefunden. Selbst
Wichmann S. 849 redet von einer 'Hypothese, die an anderen
Ergebnissen der Forschung ihre Probe zu bestehen habe*, und
Thimme S. 44 — 52 hat sie bereits auf Grund der erhaltenen
Fragmente eingehend und entsprechend gewürdigt241). Dennoch
dürfte es nicht überflüssig sein, unter Verstärkung der Gegen-
gründe der Frage nochmals näher zu treten. Ihre Beantwor-
tung ist ja nicht bloß bedeutsam für die Zweckangabe der
Vita, sie hat auch ihren besonderen Wert für die Bestimmung
des Grades der Glaubwürdigkeit, welche wir Lucian und seinem
Berichte beimessen dürfen.
i
Um so mehr hat es mich gewundert, daß A. ßaar, Lucian«
Dialog der Pneudo8ophiat S. 7, 7 zweifelt, ob Demonax nicht auch wie
Sokrates von Mopsus und Nigrinus eine Fiktion sei.
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648
K. Funk,
Bei DemoDax wiederholt sich das Schicksal Lucians. Kein
annähernd gleichzeitiger Schriftsteller, der über Athen und die
athenische Philosophie handelt, nennt seinen Namen, und doch
muß er nach der Schilderung in c. 57. 63. 64. 67 eine be-
kannte Persönlichkeit gewesen sein und eine gar nicht anbe-
deutende Rolle gespielt haben. Das schon erwähnte Zeugnis
bei Eunapius ruht vollständig auf Lucian und verrät keine
anderweitige Kenntnis von Demonaz. Daß auch hier Philostr.
versagt, hat man besonders auffallend und gewichtig gefun-
den 242). Allein was wüßten wir denn von Maximus von Tyrus,
was, außer dem Namen, von Lesbonax und Nikostratus, wenn
wir allein auf Philostratos angewiesen wären? Und wenn wir
diesen einen Philostratos nicht hätten, was wären uns Niketes,
L Kollianus, Hippodromus und Skopelianus? Was war für uns
denn bis vor kurzem der gewiß nicht so unbedeutende Thea-
genes , der Begleiter des Peregrinus, bis endlich Bernajs
(S. 13 ff.) die Identität mit dem bei Galenus, Method. niedendi
13, 15 vol. 10 p. 909 (Kühn) erwähnten entdeckt hat? So ist
der Cyniker Teles im gesamten Altertum gänzlich verschollen;
erst loh. Stob, hat einige umfängliche Stücke, teils mit Nen-
nung der Schriften, teils bloß als ix xtöv TiXyjfto^ imxo\i^ er-
halten243). Ebensowenig wissen wir, wann die bei Photius
unter den Quellen des Stobaeus genannten Cyniker Hegesianax,
Polyzelus, Xanthippus und Theomnestus auch nur gelebt
haben *44). Warum also den Mangel an Nachrichten über De-
monax so auffallend finden! Das Fehlen derselben ist erklär-
lich. Demonax hatte als cynischer Eklektiker keine Schüler
im eigentlichen Sinne, die das Andenken und den Ruhm ihres
Meisters fortpflanzten, und dann sind wir von Theagenes bzw.
Oenomau8 von Gadara bis Julian, also l1/» Jahrhunderte, über
den Cynismus nicht unterrichtet.
Man wird freilich, was Philostratos anlangt, den Grund
noch nicht für genügend halten, daß er keine Philosophen-,
sondern Sophistenleben geschrieben habe, und deshalb auch
2«) Schwarz S. 585; Thimme S. 43 ff.
u») Wilamowitz-Möllendorf, Philol. Untersuchungen. Berlin 1881,
IV. Exkurs 3,292. Vgl. Hinsel I, 367 ff.
5") Vgl. Zeller III, l8, 769, 6.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 649
den Nigrinus nicht nenne346). So gut er einen längeren Ex-
kurs in der Vita des Herodes Attikus über Sostratus einschalten
konnte, hätte er bei passender Gelegenheit auch Demonax
einige Zeilen widmen können. Möglich, daß dessen völlige
Uebereinstimmung mit Lucian die Nichterwähnung mitver-
schuldet hat946). Ganz ohne Kenntnis von ihm scheint er
nämlich nicht gewesen zu sein. Kurz nach der Erwähnung
des Herakles-Agathion geht Philostratos zu der übermäßigen
Trauer des Herodes über und führt da in längerer Schilderung
einen Philosophen Lucius ein. Er gibt ihm das Lob eines
weisen Ratgebers des Herodes, rühmt neben der Tatsache, daß
er mit Musonius philosophiert habe, besonders das Schlagfertige
seiner Antworten (eöaxonw? efye *ä>v <£ oxp £ a e u> v wxi
tö i n t x a p t <ri>v xatp$ 47cex^5euev S. 64, 20 ff. vgl. Dem. 39.
12 und 10) und bezeichnenderweise schließt er an das Witz-
wort über Herodes (S. 65, 5 ff.) noch ein anderes, nicht damit
zusammenhängendes an mit der Bemerkung: (foäXP7) T*
efpiguiva 6et?at xijv iUctv, *)v ^iXoaö^et Aouxios, £xava yap rcou
xaöra SrjXöaai töv ÄvSpa (S. 65, 24 ff. vgl. Dem. 67 Schluß).
Wenn man nun bemerkt, wie Lucius so die Stelle des Demonax
vertritt, und wie Philostratos eigens berichtet, Herodes habe
seine Trauer gemäßigt, <&£ pj] <£&opu.a ylvotto iv5pöv cncoudacwv
(S. 65, 12 ff.), so scheint das anzudeuten, daß doch der ävSpe;
arcou&xtoi , zu denen auch Demonax gerechnet werden muß,
mehrere waren, daß er sie also wohl auch kannte. Es dürfte dar-
um Philostratos unsere beiden Biographien gekannt haben. Nur
suchte er sie in irgend einer Weise zu tiberbieten und zu ver-
hüllen, womit vielleicht auch die Nennung des Sostratus nur
mit seinem Beinamen zusammenhängen mag. Jedenfalls ist
für uns durch die Verbindung der Lebensbeschreibung des
Demonax mit der des historischen Sostratus unmittelbar die
Geschichtlichkeit des ersteren sicher gestellt.
Dazu kommt noch verstärkend die Nennung des Demonax
in der Florilegienlitteratur. Es handelt sich nicht mehr bloß
um 4 Stellen, wie zur Zeit von Schwarz (S. 585), sein Name
erscheint an ungefähr 30. So leicht Verschreibungen in den
■
»«) Planck, Progr. S. 34.
Vgl. Fr. III, 2, XXVI; Thimme S. 42.
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650 Funk,
Florilegien vorkommen347), so leicht der Name Demonax mit
dem des Demokrit und Demokraten verwechselt werden mag.
so häufig die Lemmate verschoben sind, und so unsicher die
Authenticität jedes einzelnen Ausspruchs ist, wie sich noch
zeigen wird, methodischerweise kann man nicht an allen Stellen
Verschrei bungen annehmen. Mit Recht protestiert Wachsmuth
a. a. 0. S. 125 gegen eine durchgängige Korrektur von Phi-
listion in Philemon. Da also ein Demonax in der Florilegien -
litteratur vorkommt, da seine Aassprüche, besonders frag. III.
IV. XVL XVIII cynische Färbung haben (vgl. Fr. III, 2.
XV ff.), und dieser Name verhältnismäßig selten ist, kann die
Identität mit dem unsrigen nicht wohl bezweifelt werden. Be-
deutsam ist dabei, daß die Aussprüche nicht aus Lucian ge-
nommen sind. Es fehlt zwar nicht an Dicta, welche wegen
ihres ernsten, ethischen Charakters in ein Florilegium paßten
(vgl. c. 20. 25. 27. 32. 34. 37. 51. 57—60. 62), aber außer
dem oben besprochenen Falle findet sich kein Beispiel mehr.
Schwarz selbst muß das Auffallende zugeben, daß Stobäus in
seinem ganzen Florilegium von Lucian keine Notiz nimmt Es
heißt nun doch eine Hypothese durch eine andere stützen,
wenn er den Schluß auch umdrehen zu können glaubt und
behauptet, die Erwähnung von Aussprüchen des Demonax im
5. und Q. Jahrhundert beweise nur, daß damals die Schrift
"Demonax' schon in ihrer gegenwärtigen Gestalt als eine Samm-
lung von dicta memorabilia existiert und Demonax als witziger
Philosoph gegolten habe, in dessen Schuhe dann manche der-
artige Aussprüche von unbekanntem Ursprung geschoben wurden
(S. 586). Es ließe sich die Vermutung nur durch die An-
nahme retten, es seien die anderwärts tiberlieferten Dicta aus
der in c. 1 1 angenommenen Lücke geflossen, was aber bei ihrer
größeren Zahl Fr. (II, 1, 188 und III, 2, XII, XXV) selbst
später aufgegeben hat.
Ebenso wenig Anhaltspunkte bietet für die Hypothese der
Inhalt der Schrift. Gewiß kann ein Satiriker öfters in die
Lage kommen, fingierte Personen mit seinen Anschauungen
auftreten zu lassen, um sich Verfolgungen und Angriffen tu
— - — ■ . .
8") Varl. Wachsmuth, Stud. z. d. gr. Florilegien. Berlin 1832. S. 161,
vgl. 108. RoBe S. 612.
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r
Untersuchungen über die Lucianische Vita Dem on actis. 651
entziehen, und zweifellos hat auch Lucian von dieser schrift-
stellerischen Gewohnheit Gebrauch gemacht, wenn es gleich
im einzelnen nicht genau festgestellt werden kann848). Aber
daß eine Schrift mit weit ausgeprägterer historischer Phy-
siognomie, als Alex, und Per., eine Biographie im eigentlichen
Sinne, nur den Anspruch der Geschichtlichkeit erheben
sollte, ohne wirklich geschichtlich zu sein, das kann doch im
Ernste niemand behaupten. Als eine Art historischen Roman
mit dem Pseudonym Demonax249) könnte man ja schließlich
die Vita noch begreifen und man verstünde, wie der Schrift-
steller den Helden seiner Erzählung derart in die zeitgenössi-
schen Verhältnisse hineinstellen und ihn im Verkehr mit
wirklich geschichtlichen Männern aufzeigen konnte. Aber
woher nehmen wir das Recht zu solcher Annahme?
Die geltend gemachten zeitlichen und örtlichen Bedenken,
welche den Punkt betreffen, daß Demonax unmöglich als
Schüler mit den c. 3 genannten Philosophen verkehrt haben
könne, sind längst widerlegt280). Außerdem erheben sich keine
nennenswerten geschichtlichen Schwierigkeiten. So hat es
nichts zu bedeuten, wenn einmal Porphyr. Vit. Plot. 20 gegen
*48) So wird Nigrinus für historisch gehalten von Hofmann S. 41
Hirzel I, 292, Zeller III, ls, 803, Croißet 8. 10. 43, dagegen für fiktiv
von Thimme S. 29, Wichmann, Progr. S. 18, Boldermann S. 65; ebenso
ist es mit Demetrius von Sunium in Tox. 27 (Fabric. Bibl. Gr. III, 515
und R. E. III, 937 gegen Guttentag S. 86). Den Adressaten des Per.,
Kronius, hält Bernaye S. 3 vgl. Richard S. 23 für historisch; die übrigen
Personen werden meist als fiktiv angesehen.
24 •) Polemo hätte z. B. verschiedene übereinstimmende Züge: an-
gesehene Abstammung (Philostr. V. S. 42, 16 = Dem. 3), dieselbe Stellung
zu seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort (Smyrna), Frieden Btiften (V. S.
42, 32 ff. = Dem. c. 9. 64), Zurechtweisung der Fehlenden (V. S. 43, 12 ff. =
Dem. s. 10), Feindschaft mit Favorin (V. S. 47, 12 ff. = Dem. 12. 13),
Bekanntschaft mit Timokrates (V. S. 46, 22 ff. = Dem. 3) und Herodes
(V S. 47, 19 ff. = 24. 25. 33), Schlagfertigkeit i V. S. 50, 31 ff.) und Hunger-
tod (V.S. 54, 15 ff. = Dem. 67). Allein trotz der Bedeutung des Worts
Athiövix£ und des von Hdt. IV, 161, 162 erwähnten gleichnamigen Frie-
densstifters ist nicht daran zu denken. Polemo ist durchaus Rhetor
und zwar vor allem Improvisator (V.S. 47,23 vgl. dagegen Rhet. praec.
18. 20. 17. Lex. 23), dazu verschmäht er den Reichtum nicht (V. S. 44,
8 ff.) und war voll t3?©c (V.S. 45, 16; 44, 26; 45, 32 ff.).
a*°) Ziegler S. 335 und Thimme S. 53. Der Schluß des letzteren
aus der Bedeutung von ovcfLfv&obai ist unrichtig; denn das Wort wird
gerade im Sinne der Schülerschaft gebraucht, vgl. Plat. Phaed. 61 D;
Xenoph. An. 2,6, 17. Wichmann hätte sich S. 848 gar nicht damit be-
fassen müssen, da er die fraglichen Worte streicht (S. 842. 849).
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652 K. Funk,
Dem. 56 Herminus als Stoiker statt als Peripatetiker bezeichnet
wird, was er auch unstreitig ist (Zeller DI, l8, 778, 1. 783, 2).
Aehnlich verhält es . sich mit dem oben berührten Widersprach
Dem. 55 = Arrian, Diss. Epict III, 22, 67 betreffs der Stel-
lung Epiktets zur Ehefrage. Entweder haben wir in unserem
Fall nur eine Versuchungsfrage von seiten Epiktets zu sehen
oder wohl wahrscheinlicher eine jener Inkonsequenzen, die wir
überhaupt in der stoischen Behandlung dieses Punktes wahr-
nehmen261). Es weiß ja auch Epiktet die Gegeninstanz, daß
nämlich Erates verheiratet gewesen, nur durch die eigentüm-
lichen Umstände zu rechtfertigen, deren Nichtvorhandensein
zugleich in der Antwort des Demonax ausgesprochen wird.
Weit beachtenswerter ist die Nachricht in c. 57. Historisch
richtig ist daran, daß Korinth in der Einführung der Gladia-
torenkämpfe Athen voranging und in der Begeisterung dafür,
wie die erhaltenen Spuren eines Amphitheaters zeigen25*). Aber
die Zeit der Einführung^ fällt schon vor die Geburt des De-
monax. In seiner Rhodiaca368) erzählt uns bereits Dio Chrys.:
'Aft^vafot 6£ iv t*j) {rearptj) fretövtat t*)v xaXijv xaur^v %-iaw
()K auTTjv r>]v <£xp67ioXiv . . ., ta rapl xoi>c u,ovo|accx©uC
oöxw acp65pa $£i)Xü>xaat KoptvMous 1 M), jifiXXov 5'
urcepßeßX^xaac Tfl xaxo5aiu.ovia xdxefvou? xai xobg äXXouc, und
dann spricht er von einem Philosophen y£vei Twjjwtttov ooSevöj
öorepov, welcher den Athenern ernstlich davon abgeraten, aber
solchen Widerstand erregt habe, daß er Athen verlassen mußte.
Dasselbe wird von Philostr. mit sichtlicher Nachbildung unserer
Stelle aus dem Leben des Apollonius von Tyana berichtet*65).
Wie es sich mit der Wahrhaftigkeit dieser Aussage verhalten
mag266), jedenfalls kann trotz der fast wörtlichen Ueberein-
*") Bonhöffer S. 299. 3G0. Vgl. Zeller III, 2«, 752, 4.
»*) Friedlander II, 252. Hertzberg II, 258, 83.
2M) Or. XXXI, S. 385. 386 Dind. Auffallen mag, daß. wie in Dem.
die 3 beanstandeten Kapitel unmittelbar sich folgen, so auch c. 5?
und 58 inhaltlich dieselbe Reihenfolge bei Dio zeigen.
JM) Dem. 57: 'AlhjvaCtov oxeuTojvivtov %ax& £ijXov xdv npö^Kopiv*
* i o u c xotxaox^oso&xt Hav |iovo|idx(Dv.
iM) IV, 22: soTCOUÖd^sxo xauxa 4xsl n&XXov ij *v Kopevfr«p vöv.
iM) Ellissen, Zur Geschichte Athens in Göttinger Studien 1847. II,
799 meint, die Strafpredigt des Apollonius sei von Wirkung gewesen;
Friedlander II, 253 und Hertzberg II, 76, 45 halten mit Recht die Stelle
für erdichtet. Der Philosoph wird kein anderer als Musonius Rufus
sein; vgl. Arnim, Dio von Prusa. Berlin 1898. S. 216.
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Untersuchungen Uber die Lucianiache Vita Demonactis. 653
Stimmung unter dem Philosophen nicht Demonax gemeint sein,
wenn die Rede Dios auch nicht im Jahre 70, sondern nach
Arnims wahrscheinlichem Nachweis (S. 214 — 218) erst in den
Jahren 79—82 verfaßt wäre. Es enthält also das c. 57 außer
der sprachlichen Schwierigkeit von axivrcBadm mit Inf. noch
eine geschichtliche Unrichtigkeit. Dennoch möchte ich die
Echtheit der Stelle wegen der Ubereinstimmenden Anschauung
Lucians betreffs der Gladiatorenkäiupfe und des einigemal (Tim.
42. Bis acc. 21) genannten 'EX£ou ßo>uO€ nicht verdächtigen
und darin eher eine Verwechslung erblicken, wie sie in solchen
Fällen nicht selten ist.
Außerdem tritt in der ganzen Lebensbeschreibung nichts
so Außerordentliches hervor, daß die Annahme von der Uh-
geschichtlichkeit des Demonax gerechtfertigt wäre. Wer würde
vollends bei der Fassung, die Schwarz der Lucianischen Schrift
gibt, darauf gekommen sein? Mit eigenartiger Begriffsver-
wirrung beruft er sich S. 569 auf die historische Unwahr-
schein] ichkeit der Scene in c. 11, um deshalb die Verteidigung
des Demonax aus dem einkleidenden Rahmen herausnehmen
zu können, während er doch dazu kein Recht hatte, da er
überhaupt den historischen Charakter leugnet. Aber ist denn
wirklich eine religiöse Anklage in jener Zeit so durchaus un-
wahrscheinlich? Daß die heidnische Religion damals ihre
Kraft noch nicht verloren hatte, zeigen die Ausführungen
Friedländers257) deutlich. Ja man wird gerade das 2. nach-
christliche Jahrhundert als das religiöseste bezeichnen dürfen.
Lucian, hier ganz gewiß ein untrüglicher Zeuge, faßt Iup.
trag. 53 das Endresultat der Unterredung in die Worte zu-
sammen, trotz allen gegenteiligen Beweisen werden die meisten
Griechen, der große Haufe nämlich, und von den Barbaren
alle ihre religiöse Ueberzeugung beibehalten, und nach Philops. 3
erscheint jeder als£aef% xal dvö^xo^, der die aufgelegtesten Mythen
lächerlich findet, das sind Angaben, gegen welche Tim. 4 nicht
zu streiten vermag. So stand es damals aber nicht bloß beim
Volk, das immer den freisinnigen und religionsfeindlichen An-
2") III, 443—493. 529. 617 ff.; nur gegen die Schlußfolgerung aus
der Theokrasie wendet sich mit Recht 0. Schmidt, Lucians Satiren
<;egen den Glauben seiner Zeit. Solothurn 1900. S. 19.
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654
K. Funk,
schauungen einer kleinen Minderheit ferne steht, so war es
damals auch bei dem größten Teil der Vornehmen und Ge-
bildeten. Die Kaiser selbst bemühten sich seit Hadrian um
die Wiedererneuerung des religiösen Lebens und der alten
Kultformen 858). Die Mysterien , namentlich die Eleusinien,
gewannen ihre alte Bedeutung wieder. Die Kaiser gingen mit
ihrem Beispiel voran und ließen sich einweihen, so Hadrian
und Mark Aurel259), und in Athen gab es wohl wenige, welche
sich nicht der Segnungen derselben versicherten260). Wie oft
spricht sodann Lucian von diesen Geheimkulten! Ihre Nach-
bildung in dem Schwindelkult Alezanders von Abonuteichos
spricht genug für ihre Popularität. Ebenso trägt die Litteratur,
vor allem die griechische, recht eigentlich den Stempel dieser
Wiedererweckung des religiösen Lebens. Mit Ausnahme Lucians
; steht unter den griechischen Schriftstellern nur Galenus dem
Volksglauben ganz fern ; viel näher steht schon Dio von Prusa.
Alle übrigen stehen auf dem Boden eines positiven Götter-
glaubens, wie verschieden er sich auch in der Auffassung jedes
einzelnen gestalten mag961). Derjenige Staat aber, der seit
altem als der am meisten religiöse galt und die Hochburg des
Heidentums am längsten blieb, war kein anderer als Athen *").
Freilich duldete man die verschiedensten und vom Volks-
glauben am weitesten sich lossagenden Spekulationen. Mao
war von den Philosophen viel gewohnt (vgl. Tim. 4) und die
Komödie nutzte die weitgehende Toleranz aus. Aber eines
wagte man doch nicht so leicht anzutasten, eines, auf das sich
auch die Staatsgesetze bezogen, und das war der Kultus (Schoe-
mann II, 158 — 162). Trotz ihrer metaphysischen Ueberzeu-
gungen war Plato ebenso wie Aristoteles der Kult der ange-
stammten Götter Herzenssache. Epikur, Chrysipp und die
Skeptiker haben sich wohl gehütet, in unbedingten Gegensatz
zum Kultus zu treten ; sie wollten sich den Götterglauben und
die hergebrachte Götterverehrung um der Gewohnheit willen
-'") S. Hertzberg II, 477. Schmid IV, 572, 21. 573. Vgl. Deor.
conc. 12. 6.
Lobeck, Aglaoph. S. 20 f. 38. Vgl. Friedlander 11,45. 111,437.
2»°) Schoemann, Gr. Altertümer II, 395.
M1) Friedlander III, 435 f. 497.
EUissen S. 792. 803. Hertzberg S. 484. 516.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 655
gefallen lassen ae3). Und auch die Cyniker entzogen sich dem
nicht (Cat. 22. Vgl. Hirzel II, 191, 1) m). Es stimmt somit
vollauf mit c. 11 Uberein, wenn es nach c. 34 geradezu als
Wagnis (2x6Ap)oe!) galt, die Athener auf die Herkunft der
Eleusinien und den damit in Widerspruch stehenden Ausschluß
der Barbaren von denselben aufmerksam zu machen.
Nehmen wir nun hinzu, daß die Anklage nicht von den
staatlichen Behörden ausging, sondern, wie der Vergleich mit
Sokrates zeigt, von persönlichen Feinden, welche nur die Reli-
gion zum Vorwand nahmen, daß Demonax bei seiner Tätigkeit
sich manche zu Feinden machen mußte und auch wirklich
gemacht hat (c. 11), was ist dann so unwahrscheinlich an der
Erzählung? Was vermag nicht Haß und Neid alles auszu-
richten, wenn sie sich auf dem religiösen Gebiete zeigen ? Zenon
von Sidon konnte sogar die Hinrichtung des Stoikers Theoti-
mus oder Diotimns bewirken nur auf Grund der Anschuldigung,
daß er dem Epikur 50 gottlose Briefe unterschoben habe. Und
ist nicht Lucian selbst, der Iup. trag. 44 gerade den Kultus
nicht angreifen läßt und Philops. 10 sich gegen den Vorwurf
des Atheismus wehrt, ist er nicht selbst Alex. 45 das schönste
Beispiel dafür, wie leicht eine fanatische Menge gegen einen
Freidenkenden aufgebracht werden konnte, so daß nur das
Eingreifen eines angesehenen Mannes den Beschuldigten vom
Tode erretten kann? Wenn Lucian sonst durch seine Schriften
sich keine Verfolgung zugezogen hat, so liegt der Grund nicht
etwa darin, daß er seine Arbeiten auf einen engen Kreis von
Gleichgesinnten beschrankt hat (Jenni S. 14), sondern in ihrem
Charakter selbst*65). Man muß allerdings gestehen, daß Stei-
nigen und Gesteinigtwerden bei Lucian eine gar zu große Rolle
spielt (Per. 15. 19. 20. Alex. 25. 45. Anach. 39. Pisc. 10 u. a.),
und daß die rasche Sinnesäuderung des Volkes, wie anderwärts
Wilamowitz S. 808 ff.; Zeller III, 2» 61, 2; III, 1», 437. Vgl.
Iup. trag. 44.
***) Das Nichtopfern war der Hauptanklagepunkt gegen die Christen.
Dali mit ihnen die &ache des Demonax irgendwie in Beziehung gebracht
worden sei (Fr. II, 1, 195), hat in der Schrift keinen Anhaltspunkt,
wenn auch Uebergänge vom Cynismus zum Christentum stattfanden
(Pereerinus). Vgl. Ellissen 876 ; dagegen Harnack, R. E. der prot Theol.
s. v. Lucian. S. 661.
*•> Vgl. Hirzel II, 295. Croieet & 200. Schmidt S. 12.
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656
K. Funk,
(Nigr. de aalt. Herrn, u. s.) die schnellen,, auch in der Ko-
mödie üblichen Bekehrungen ganz nach seiner Art sind. Wir
haben jedoch dafür in einer Nachricht des Philostratos V.S.
39, 2 ff. einen ähnlichen Fall verzeichnet. Darnach brachte
der Cyniker Pankrates die aufständischen Athener mit
einem einzigen Witzwort zur Vernunft und entriß so
einen bedrohten Brothändler dem sicheren Tode durch Steini-
gung"6).
In der Hauptsache dürfte also die Erzählung aufrecht
erhalten werden können. Immerhin müssen wir bedenken, daß
der Verfasser auch nach seiner Bekehrung zur Philosophie ein
Rhetor geblieben ist (vgl. Bacch. und Herc), und daß die nahe
Verwandtschaft der litterarischen Gattungen, Biographie und
Enkomion, es mit sich bringt267), wenn er dann und wann
den Mund etwas zu voll nimmt und einigemal Dingen größere
Bedeutung beilegt, als sie an und für sich gehabt haben. Die
sonstigen Uebertreibungen in der Polemik, die Annäherung
des Bildes an Diogenes (vgl. Diog. L. VI, 78 und Zeller II, l2,
153), typisch wiederkehrende Züge in der Zeichnung der Cy-
niker268) machen auch in der Idealisierung einige Uebertrei-
bungen wahrscheinlich (vgl. Planck S. 827), wie in c. 9. 10.
63. 67.
Diesen Punkt müssen wir bei der Beurteilung des Haupt-
einwandes gegen die Geschichtlichkeit des Demonax ganz be-
sonders im Auge behalten. 'In allen Schriften Lucians', sagt
man, 4die von Philosophie oder Philosophen handeln, von Nigr.
und Herrn, bis zur Apol., finde sich die Erklärung, daß nie
ein Philosoph den Zustand eines perfekten Weisen errungen
habe, oder daß er überhaupt erreichbar sei* (Schwarz S. 584;
Wichmann S. 848), wenn er also das Leben eines solchen
geschrieben habe, so könne die Persönlichkeit nur eine Fiktion
sein. Diese Beweisführung beruht jedoch auf einer Verkennung
Vgl. Dio Chr. XLVI, 9. Aufstände scheinen in Athen nichts
Seltenes gewesen zu sein (Plut. Quaest Symp. XIII, 3), nur sind wir
darüber schlecht unterrichtet (vgl. Ellissen S. 798).
*") Hirzel II, 285. Leo S. 90 ff. Bezeichnend ist darum, daß auch
in Xen. Mem» Unhistorisches gefunden wurde (Schenkl S. 80; Hirzel
I, 146).
sw) E. Waßmannsdorf, Luciani scripta ea, quae ad Menippuru
spectant, inter se comparantur et diiudicantur. Jenae 1874. S. 19—22.
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Unterauchangen über die Lucianische Vita Demonactis. 657
der philosophischen Anschauungen Lucians. Der Dialog Herrn,
endigt nicht mit dem vollsten und ausgesprochensten Skepti-
cismus, wie es eigentlich der ganzen Entwicklung entsprechen
würde (vgl. Croiset S. 106—113). Aus der Kritik aller Philo-
sophenschulen (Herrn. 84) folgt nur, daß der Satiriker eine
annehmbare Lösung des Lebensratseis auf dem Wege theore-
tischer Spekulation für unmöglich hielt. Deshalb mußte er
konsequent alle Schulen mit dogmatischen Systemen als un-
brauchbar ausschließen. Ein solches Hindernis bot aber die
cynische Richtung nicht; daraus erklärt sich seine Sympathie
für dieselbe. Freilich eine Stelle steht uns im Wege. Im
Schlußkapitel (c. 15) der Apol. meint Lucian, man dürfe von
ihm nicht die strenge Konsequenz verlangen, die er sonst von
den Philosophen bezüglich der Uebereinstimmung von
Wort und Tat gefordert habe. Er sei nur einer aus dem
großen Haufen, kein 00965, und skeptisch fügt er bei e? 5^
xc{ yuxl äXko<; &ort Ttoo aoqpos. Bezeichnend weist er für die
Beurteilung seiner Person auf seine Rhetorentätigkeit
hin, die ihm einigen Beifall eingebracht habe, aber, schließt
er bedeutungsvoll an, npb<; t^jv dcxpav ixefvrjv xöv xopuqpafwv
ÄpexTjv oO rcavu Yeyo|ivaauivos xai fxdb Af 006" inl igukü
dvtäad'at |iot <25iov, ort |x 73 5 äXXtp lyti) yoöv ivxexu-
X>}xa x*]v xoö aocpoö u7c6axeotv £ v a iz X v\ p 0 ö v x t.
Allein was folgt daraus, wenn gleichwohl Demonax gelobt
wird als das Beispiel eines vortrefflichen Charakters und eines
wahrhaften Weisen (Dem. 1. 3)? Hat es Lucian mit der
Wahrheit immer so genau genommen, wo er sich entschuldigen
muß? Die Angaben über das Verlassen des Rhetorenberufes
(Bis acc. 32. Rhet. praec. 26), die Aeußerung in Pisc. 29—32,
daß er immer ein Bewunderer der alten Philosophen gewesen
sei, sprechen nicht dafür. In letzterem Falle wird mit c. 23
und 26 jedenfalls auf vorausgegangene angreifende Schriften
hingewiesen, und das war nicht nur Vit. auct., sondern auch
Dial. morfc. und vielleicht noch Ic. und Nec. 269).
Eine nach Pisc stattgefundene Redaktion von Vit Auct. wegen
den Widerspruch» von Vit. Auct. 8. 9 und 10. 11, die auch auf Herrn.
8—13. 52. 80 — 83 auagedehnt werden soll, halte ich gegen Boldermann
S. 86 ff. für unwahrscheinlich.
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658
K. Funk,
Dürfen wir übrigens diese Stelle pressen, warum nicht
auch die anderen, die das Gegenteil davon aussagen und weit
zahlreicher sind? Ich sehe dabei ab von Ic. 4 — 9, wo ohne
Unterschied der Philosophen einfach gegen alle dogmatischen
Systeme, wie überhaupt gegen die iyxuxXia uad^uaxcz gekämpft
wird, ebenso von Bis acc. 7. 8, wo noch 3 Klassen von Philo-
sophen erscheinen, einige Schufte, eine große Menge Halb-
philosophen und der Rest solche, bei welchen die Philosophie
wie eine gute Farbe bis auf den Grund gedrungen ist und
alle Schattierungen ausgetilgt hat. Wichtig ist ein Vergleich
zwischen Pisc. und Fug. In beiden Schriften wird die Existenz
wahrer Philosophen zugegeben, wenngleich diese nur noch
©Xfyoc (Pisc. 30. 40. 42. 46. 47. 87) und sogar 7Mcvu öXfys:
(Pisc. 20. Fng. 4. 24. vgl. Char. 21) sind. Aber während in
Pisc. der Schauplatz der Handlung noch Athen und der Areo-
pag ist, wird mit Fug. die Scene verlegt und der Scenen-
wechsel eigens begründet. Auf die Frage des Hermes an die
Philosophie: rcotav Sk "/p^l Tparciafrat, a> ^piXoooqpfa; oi> fi?
o:a^a , Ötcgu etotv. r) 7cp66^Xov öxt £ v xfl TS X X a 5 : ;
erwidert diese: oü$au.ü>£, 7) rcavu öXtyoi, öaot dp&öc
cpiXoaocpoöa t v, a> 'Eppifj. oötol $k otiolv 'AiTixfJg itevta;
6£ovtai, dcXX' Ivfta 710X05 XP^^ ^ Äp^upo; opurceToct, ixe
7COU fyivqzioi eialv ^ulv (c. 24). Sollte diese Aeußerung nicht
mit Rücksicht auf die Freunde gemacht sein, die Lucian in-
zwischen unter den athenischen Philosophen kennen gelernt
hatte870), nicht vor allem mit Rücksicht auf einige Cyniker,
da es sich ja nur um diese handelt (c. 4. 16)? Oder sollt«
wirklich die Steigerung, die er in Apol. bis zur vollständigen
Verneinung fortführt, überhaupt je einen rechten Philosophen
getroffen zu haben, von größerem Werte sein, wiewohl er in
eigener Angelegenheit spricht? Wie wurde doch das Wort
dtowXcc in De hist. conscr. 41 mißverstanden (vgl. Croiset
S. 249 ff.)!
Endlich wissen wir, daß Menipp jederzeit seine Sympathien
in besonderem Maße hat. Warum sollte damals, in der Zeit
des Wiedererwachens des Cynismus, eine Menipp ähnliche Er-
scheinung unmöglich gewesen sein? Macht nicht die Wahl
a7°) S. Fr. zu der Stelle. Bruns, Rh. M. 48, 184. Croiset S. 85.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 659
und Neubelebung der Menippeischen Litteraturgattung durch
l Lucian eine derartige Erscheinung äußerst wahrscheinlich?
r Daß er aber Demonax sonst nicht erwähnt, hat wohl denselben
Grund, aus dem er überhaupt keinen Lebenden zum Beweise
seiner Anschauungen namentlich anführt. Ein vernünftiger
Grund, an der historischen Existenz des Demonax zu zweifeln,
dürfte also nicht bestehen. Die nähere Betrachtung der Frag-
i mente wird das noch besser zeigen.
»
j
2. Die Fragmente.
Große Schwierigkeiten bereitet die Aufgabe, dem Philo-
sophen Demonax aus der zerstreuten und äußerst unsicheren
Ueberlieferung der Florilegienlitteratur heraus sein Eigentum
wieder zurückzugeben. Es stehen uns bis jetzt wenigstens
genügende Hilfsmittel nicht zu Gebote, namentlich keine kri-
tische Ausgabe des sog. Maximus, der wichtigsten Quelle, wie
auch des Antonius. Die von Wachsmuth so genannte Melissa
Augustana ist noch unpubliciert, und von den zahllosen klei-
neren Florilegien, die in griechischen Handschriften enthalten
sind, ist bis jetzt erst die Minderzahl veröffentlicht. An ein
abschließendes Urteil ist also nicht zu denken. Ich beschränke
mich daher, im folgenden das Material so weit möglich zu
bieten und die Frage nach der Echtheit zu entscheiden. Ich
halte mich an die von Fr. IH, 2, XIV ff. eingeführte Zählung.
I. 0vt;toI ye^öte; pf) <ppovetfr' bnip freo6$.
Stob. Flor. 22, 16: III, 587, 2 (Hense). Mit dem Lemma Anjjwovax-
-coc SMA; 8>j{idvaxToc MdFr. p. 145 vgl. Menand. monost. 248 ({hnrjtic
rcetf uxcDg {it) cppov$t Ö7csp&ea); Boisson. Anecd. 1, 155, 9 unter den Sprüchen
Men anders (8-vrjxöc Yeyov&s iv&pomog u.tj cfpövet uiya).
II. K6Xa£e xptvcov, dXXa p.7) {rupoopevo?.
Anton. II, 58 p. 121, 44 (Migne [M.] 186, 118, 8 D) AYjuoxptoo f Rib.J ;
ArjjitovaxTog (nach Boisson. I, 118, 11. Anm. 5 im Cod. 1168 p. 104) JJ1):
Maxim. 19 p. 595, 2 (M. 91, 844 A). Aijutivaxtoc (anch cod. Neap.) und
nach der Anmerkung bei M. andere Arjuoxptt.; Mel. August c. 34 n. 17.
A7}u.<t>vaxiog; Gnomol. Georgid. Boiss. I, 118, 11 A>jjut)vaxTOg ; Menand.
monost. 576; Barrocian. n. 219 mit Hinzufügung der Worte Ttpaä-rnri,
uäXXov vor xp{va»v unter den Sprüchen des Demokrit, Isokrates und
Epiktet (Wachsmuth, Stud. S. 141); Democrit.-Epict. S. 206 n. 255
(Wachsm.).
*71) Nach Boisson. steht bei Antoniaa kein Autorname.
Philologus, Supplomentband X, viert«! Heft. 43
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660 K. Funk,
III. Ai}(i&va£ epwxij&ete rc6xe fjpjaxo <ptXooo<petv •
Ytyvtl!)ax£tv, S^ty &|iaoxo0 ^p$ajir]v.
Stob. Flor. 21, 8 (III, 557, 15 H.) A>)u<0vaxTOC A1, corr. A*; ohne
Lemma S. Br., mit Lemma Aiju.ü>vdxxou M. A. richtiger Ayji.iüjvax'cos Gaisf.
und Mein. >»).
IV. 'E5exa£övx<i>v xivtöv, et 6 xoqio? e>t|>ux°£ afrfks, et
o^atpoet&fjs • öfiefg Scprj, rapfc xoO x6ajAou 7coXu7cpayfiovefT€, Truf-
te tij€ eaoTöv dbcoaju'as ou <fpovx{£exe.
Stob. Ecl. Pbys. et Eth. II, 1, 11 (II, 5, 10 H ). Das Lemma haben
EPL im Text (fir^övaxTO^ EP), Ai;uÖva£ ließ EPL aus, fügte aber Heeren
bei (II, 5, 11); Max. 21 p. 600, 36 (M. 853 B ohne neues Lemma nach
Fr. XXVII AyjuövaxT.); Anton. II, 76 p. 143, 24 (M. 1192 B); Demonactis
(Rib.); Arsen. 8. 191,4 (Walz) Atjucdvoocto;.
V. Etat Ttveg, oi töv rcapdvxa (xev ß:ov oft £G>aiv, dXXi
7tapaoxeua£ovxai noXX^ otiouS^, exep6v xtva ßtov ßtüxj6fie/c:,
oO xöv rcap6vxa* xal 4v xoOxq) 7tapaXet7c6|JL€V0€ 6 XP®V05 o?xexx:.
Stob. Flor. 16, 19 (= 16, 20. III, 485, 4 H.). Mit dem Lemma 'Av-
•ciqpffivtog S (nach 16, 18 Mein ), M (nach 16, 16 Mein.), ohne Lemma A
(nach 16, 16 Mein.), Mac. Chrys. (nach 16, 15 Mein.); kommt auch vor
corp. Par. 851 Elt. toO autoO, d. h Arjudvaxxoc ino^Wy^axa; Max. 12,
572 (M. 801 A)>7>) Atjucovccxi . . .
VI. O? dtTiatöeuxot xafraTiep ol äXtev>6|A€vot ix&vzz £Xxo|i*vs:
Max. 17, 585 (M. 824 D) Ar,ua>vaxT. ; Arsenius 191, 3; Joh. Dam.
Parall. ex cod. MS Flor. IV, 226, 137 (Mein. Appendix) Aiguawxxxoc.
VII. Tac jifcv 7t6Xet; dcvadnfjjiaat, x&£ 5e «I^X^C jtafH^xai
Set xoajiEtv.
Stob. Flor. II, 31, 53 (II, 210, 15—17 H.) A>}u<DvaxToc, T^ateu xat
Scoxpdxooc; Ar^vcoao; nur in L; Flor. Laur. II, 18 p. 196, 13 (Mein.)
At)iia>vaxToc, 'T^aCco xal Soxpdxoug; Max. 17 p. 585, 89 (M. 824 O) At,-
uoxptou; Anton. I, 50 p. 56,23 (M. 936 A) Democriti; Mel. Aug. c 38
n. 16 Aijjioxptou; Democr.-Epict 8. 169 n. 18 (Wachem.)«74); Pal. 181T4v.
Bar. 21. Mon. 17. Leid 20. Vgl. Iambl. protr. c. 2 p. 20 KiessL
VIII. 'H xöv Tiepioxaaewv dvflcyxrj xou; piiv cpfXoug Scx^ia^:,
xofcc Se ex^-pou^ eXeyxet.
Anton. I, 24 p. 29, 19 (M. 852 AI; Max. 6 n. 192, 17; Mel. Aug. c. 11
n. 69; Gnomica Basil. 187 n. 265 und Cod. Voss. n. 68 fol. 49* n. 236
unter den Epiktetgnomen; Democr.-Epict. S. 192, n. 155 (Wachsm.):
Apost. XII, 87 b ed. Gott. AnjutfvaxToc ; Apostol. VIII, 71 d looxf«tot>5
,7f) Vgl. 0. Hense III, S. 10, 50.
"*) Fr. XVI liest dagegen diese Sentenz bei Anton. S. 140 p. 222,
48, wo sie in der M. -Ausgabe sich dafür nicht findet.
"*) Vgl. auch Stob. (Mein.) IV, 268, 17 unter den Gnomen mit
Auswahl aus denen des Demokrit, Epiktet und anderer Philosophen.
"•) S. 17. De Gnomol. Palat. ined. in der Satura Sauppio Herrn an do
oblata. Berolini 1878 (vgl. Orelli I, 30, 91 unter PythagoriiersprÜchen
und I, 122, 156 unter ATjuoxptioo Xsl4>ocva).
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Untersuchungen über die Lurianische Vita Demonactis. 661
(vgl. 1, 25): Boiss. 1, 182 nach Cod. Coisl. 249 KXsixdpxo»; Pythag. Syr.
n. 32; aos einem Vindob. unter den griecb. Pythagoräersprüchen 269
n. 84 (H. Schenkl, Wien. Stnd. VIII, 1886); ohne Lemma Georgid. p. 42,
15 (Boiss. I) und zweimal Boiss. III, 470. Pal. 115 (Wachsm. 8. 80);
Par. 49; vgl. Hierocl. in carm. aur. p. 48, 11 Gaisf.
IX. *H toxi>; xoö aütyaxos ji*) ysvio^ü) tyuxf£ äaWveta,
iax?)v 5£ ^uxfc <pp<5v^otv v6ni?e.
Anton. 37 p. 38, 58 AYjjiövaxxos ; Max. 2, 14; Arsen, p. 274 (W.;
8, 42« Gott); Flor. Lips. II, 11 (Westermann S. 15); Cod. Paris. 1168
und Coisl. 249 (Boiss. I, 132, 5) und Paris. 1630 (Boiss. I, 127 ff. be-
nutzt) KXstxdpxou; Bodleian. misc. 120 bei Elter 8. XL1I, n. 101. 103"6),
sx xöv KXstxdpxou x. x. X.
X. Ev dcXkoiploiQ ~apaoetyjAaat Ttatöeue aeauxöv xal öMta{H)£
xd>v xaxtöv l(TQ.
Anton. S. 37 p. 39, 1 (M. I, 10 p. 801 B) Demonactis; Max. 2, 15
(M. 783 B) AtjjMüvaxx. ; Arsen, ed. Gott 7, 169; Flor. Lips. p. 15 (West)
xo3 aöxo'3 sc. KXstTdpxoo.
XI. AI jiiv x^^öve; eö&av ^|ilv 7tpo<JTjna£vouaiv, ol bk £x
cpiXoaocpia; X6yo: aXurtfav.
Anton. 170 p. 278, 10 (Gesn.) Mooytovoc dX. A>)|id>vaxxoc; Clitarchi
Rib. (M. 929 C); Bibl. Laurent, plut XI cod. 14 = Cod. A xoO aöxoö
d. h. Ar^tuvdxxoo und Bibl. plut VII cod. 15 = Cod. B. Aijiiawaxxoc,
ebenso Bibl. Laur. plut VIII cod. 29 = Cod. C Aijueovaxxoc, in den
beiden ersten Handschriften des Max. geht Fragment XXII voraus"7);
Apostol. ed. Gott I, 60*. Arjjicovaxxo; ; (Orelli I, 8 n. 40 unter Demo-
philus vgl. Hadr. Agd. Cent VII, 21)»'«).
XII. Toaoöxov eli äspexfy rcpoafrfjaet;, öaov äv 6?£Xfl$ töv
Flor. Lips. p. 12. (West) A>)|iü>vaxxoc; Anton. 8. 1 p. 6, 19 (M. 796 A)
ohne Lemma, voraus geht Demonactis.
XIII. Aiaxpöv h jifcv dXXot; deTCoSexeaÖ-ai x«{ fltpexac, h
£auxoi; S£ Ixetv xa$ xax(a;.
Anton. S. 1 p. 6, 21 (M. 1 p. 7 = 796 A) ohne Lemma folgt auf
Fr. XII; Flor. Lips. p. 12 xoO cctkoQ sc. ATjiuovaxTOc.
XIV. Tous xöv au)jiixu)v ^t|i€Xou|i£vou;, £auxfi>v 51 djie-
XoOvxa; tbvetöi^ev 6; xöv '[iiv o?xü>v imjieXou^vou; , xtöv 5£
ivo(x(ov «zjieXoOvxo^.
**•) Ant. Elter, Sexti Pythagorici sententiae cum appendicibus.
P. II. Clitarchi Epitome. Bonnae 1892 (Index lect). Als 102 schiebt
sich der echt pythagoreische 8atz dazwischen: AtpoÖ xfj ^oxD uÄXXov
x$ owiwxt loxösiv. Vgl. 8chenkl, Wien. Stud. VIII, S. 271,45 (38 Stob.
Flor. VI ss 1, 22). Boiss. I, 132.
>") Reinhold Dressler, Quaestiones criticae ad Maximi et Antonii
Gnomologias spectantes. Lips. 1869 S. 28 und Schlußtabellen.
"*) Orelli I, 200 ist eine andere Seite des Gleichnisses verzeichnet
mit dem Lemma Glykon: Ka&dxsp «£ x*^^vK oovsx«! x5J{ XaXiftc
ttjv ^Öovrjv t?1c 6utXiag drtoßdXXoooiv • oöxü)$ o! dÖoXiox« ox^1^0«1? oov§x*lC
iioio&usvoi dijösTg dno«pa(vovxat xol« dxpocouivoic.
48*
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662 K- Funk,
Anton. S. 1 p. 6, 23 xoö a&xoö sc Atjjuovoxxoc; Max. I, 49 (M- 728 D)
Aijuo&vaxx.; Flor. Lips. p. 12; Argen, p. 191 (W.).
XV. Ae£xvuaiv i\ jiev xpo7ri) xfcv xax' dX^ä-ecav ocvSpetov, ^
5e ötTuxta xöv 9p6vtjiov.
Anton. S. 148 p. 288, 24 (M. 984 A) voraus geht Demonacfcia ; Max.
18, 590 C = M. 833 B ohne Lemma nach Awtövctxx.
XVI. So^caxoö xivoc afotofievou aüxiv xai Xeyovxos * 5:a x:
{ie xaxfi>£ Xeyets; 5xt xaxa^pove?;, Icpij, xoö xaxä>s A^yovxo;.
Anton. I, 53 p. 79, 19 (M. 945 B) Demonax; Max. 10, 563 (M. 785 Bj
ATjiMüvaxx. Ttvöc oo<pioxoÖ . . . xöv xaxäg Wyona, corr. Orelli Up. 146
in xoö xaxe&g X4yovtoC'
XVII. Toli; &al rcXeov r) Tg yXo)xtq xpö.
Anton. 8. 95 p. 156, 54; Max. 47 p. 647 (M. 940 C) Ar^idvaxxoc.
XVIII. 'EXaaato xaxi rcaa/ouatv ol ävd-peöirot bizb xöv
exftptöv t) ötcö xöv cpftwv xoi>£ jxiv yap exö-poü; 5e5c6x£*
X^aaovxai, xoi; Sfc <p£Xots dvfitpffiivoc £&ri xat ytyvovxat acpaXeps:
Xa! 8l>£7Clßo6X€UXOC.
Anton. S. 137 p. 217, 19 (M. 853 B) Demonactis; Arsen, ed. Gott.
7, 7»; Arsen, p. 191 (W.).
XIX. MuuxVjpiov ev tpiXfo dcxouaaj öaxepov Ix&pbz yevcjisvc:
fjtfj exqpfjV^c dStxei; ycfcp ou xöv ex^pov, £XXa xtjv cptXtav.
Anton. 137 p. 217, 24 (M. 853 B) ohne Lemma nach Fr. XVIII;
Max. c. 6 Rib.; Armen, p. 19 Sexti; Exc. Vindob. 46 bei Mein. Stob. IV
p. 293 und Boiss. I, 125 haben kein Lemma, es geht aber ein Aussprach
des Sextus voraus'70).
XX. M3j xxfjaat <p£Xov, tj> \Lr\ rcavxa moxeuet;.
Anton. S. 137 p. 217. 27 (M. 858 B) ohne Lemma nach Fr. XVIII
und XIX; Max. 6 p. 550 (M. 761 C) Zdgx.
XXI. A£xtti)|iivou xivb; xöv £xa(pü>v aOxöv xai ^aavx&c*
oOx eXP^jv ae x$ £x^P$ ^ou 9&ov efvar ae |a£v ouv, §cp»jt oux
expfjv xö cpi'Xq) jiou £X$pöv e^vat»
Flor. Lips. cap. VI, 15 = p. 4 West. Aqucbvaxxog; Arsen, p. 191 (W.).
XXII. eO X6yo$ wairep Tdaaxijc ctyalrös xaXdv Tg ^uxt
repixiftrja: ax^a.
Anton. 170 p. 278, 19. Aijiiwvaxxoc ; Max. 15 p. 579 (M. 813 D) Arr
(iobvaxT., in den Handschriften D = ed. Combef., B, A, Ribit. s. Gesn.
Cod.*»«); Stob. Flor. 81, 13 (III, III, 13 Mein.) xoö aöxoö d. h. Zwxpd.
xoug (Orelli I, 4 n. 5 unter Demophilus).
XXIII. IIXoöxo« <*tcö xaxffc epyaatas yevojievo; imcpaveaxepov
övei5o£ xexxyjxat.
*") Gildemeister, Sexti Sententiarum recensiones Lat. Gr. Syr. Bonn
1873. S. XLIX, 5.
*80) Dressler S. 28 und Schlußtabellen.
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Untersuchungen aber die Lucianiscbe Vita Demonactis. 668
Anton. 41 p. 64, 19 (M. 900 C) Democriti (al. Demonactis nur bei
Gesn); Anton. 31 (M. 885 A) Chilonis; Max. 22 p. 602 (M. 856 C) Aij-
noxpix.; Stob. Flor. 10, 37; 92, 15 ATjuoxptou (Mein. I, 236 und III, 181);
10, 86 (H. III, 417, l)m).
XXIV. XpT^axa rcop^eiv jifcv oöx typtiov, 1% fltötxty; $k
7tavxu)v xaxtov.
Anton. 41 p. 64, 21 (M. 900 C) Democriti; Anton. 78 p. 37, 11 (M.
877 D) Thespidae; Stob. Flor. 94, 25 xo0 athoö d. h. Aiju^xpitoo (Mein.
III, 196, 13); Max. 22 p. 602, 12 (M. 856 C) Awoxptou ; Demoer. 48
(Orelli I, 85); Gnomica Basil. p. 166 n. 170 und Gnom. Voss. n. 68
fol. 42r, vorausgehend 6 ocöxög [At)|iöxptToc]; Mel. Aug. c. 10 n. 2 Ay)u.o-
xptxoo; Democrit — Epict. S. 198 n. 197 (Wachsm.); Palat. 148 (Wachsin.
S. 35); Baroc. 117.
XXV. Ouxe oi äjioucjo'. tot; dpyavot; oöxe ol drcatöeuxot
xa£; xux^S Suvavxai auvaptidoao^ac.
Max. 18 p. 590 (M. 838 A) Arjurivaxxo« und Anton. I, 70 (M. 984 A)
Demonactis *•*).
Zu diesen von Fr. namhaft gemachten Fragmenten kommen
noch folgende 6 Gnomen, yon denen Wachsmuth, Stud. S. 130
eine, Thimme S. 47. 50 fünf für Demonax in Anspruch nehmen.
XXVI. Ol dy^pamot xa^ou; |i£v xaxaaxeua£ct>ai xal ivxa^pta
wanep ji£XXovxe; aOxorc xp^aaa^at ' Ä^oßtav ö£ xa! dXuraav x$)v
nepl xoö fravflcxou, J XP^aovxat> °^ rcapaaxeua^ovxai.
Mel. August, nach Wachsm. Stud. S. 130 AquoivaxToc ; Max. 28
p. 614, 9 (M. 677 D) XopixX Dieses Lemma ist offenbar unrichtig, wie
die Reihenfolge Leucippae, Characl. (sie!), Moschion, Demonax
(XXIX), Charicl. (XXV f.) zeigt, indem das Charicl. herabgerutscht
ist, wie es so häufig geschieht.
XXVII. "Evtot 7c6Xeu)v uiv 8ea7to£ouai, ywauft, Ii SouXfiOoocxiv.
Max. 3 p. 589 (M. 744 A) ATjuu>vax<c.
XXVIII. 'O auxö? (Aijfiöva?) ipwx^ö-et'c, xf; auioö 5iSaa-
xaXos Yeyova); etyj, To xöv 'Afrrjvai'cov, £?7j, ßfj{ia, in^afvwv, 5xt
^ 5ta xwv Tupayjidcxtov IfiTtetpta xpetxxwv TCaarj; ao<ptaxixffc 5t-
SaaxaXi'a? iaxtv.
Max. 17 p. 587, 32 (M. 828 D) ArjjMÖvaxxoc ; Stob. Flor. 29, 91 (II,
18 Mein.) Amddooc als Lemma und im Text188), ebenso Joann. Damasc.
Exc. Flor. II, 13, 157 (IV, 228 Mein.) und Arsen, p. 190, 29 ff. (W.),
mit dem Lemma Demadis auch in Codd. Vat. Qr. 741 und 385. Vgl.
außerdem Philodem, zepl (5n}Topix?)c Ö7w>uvt;u.a'cixdv Hercul. Vol. Collect,
alt vol. III, 1864 — fol. 14 Col. V. A^uäÖyjv 4(y)ov(xa) tovc kavtfy iwxpo-
ßiXXaiv s&iXovrag t*l ÖtÖdoxaXov, toOt' 2ouv td(v) 8i)u(o)v; Gnomol. ined.
M1) Mit dem Lemma Ar^uoxpitou steht die Sentenz SMA; At^ao; hat
wie gewöhnlich S. Vgl. Corp. Par. 194. Elt. ArjjioxpJtoo Yvü>p.ctt.
M2) Fr. äußert im Anschluß an fr. XV Ober die Zugehörigkeit
(Moschion oder Demonax?) Zweifel. Vgl. Thimme S. 49.
"*) Nach III, 655, 6 H. ohne Lemma in S. Hr., mit dem Lemma
AtjiiocSt,; (sie !) M. A. Er vermutet, daß dieses Apophthegma aus den
Chrien des Aristoteles genommen sei, wie das vorangehende.
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664 K. Funk,
Vatic. (Sternbach, Wien. Stud. X, 220) n. 280 <5 afttoc d. h. Avjpos*«-
W]CM4), mit n. 233 folgt aber das Lemma ATj{idör)£; ohne Lemma aas
einem Cod. Bodleian. Clark. 11 f. 63 Cramer, Anecd. Oxon. vol. IT
p. 253, 22 ff.
XXIX. TftaJvwv voaef tcä; rceptepyo; 6 xa iXk6zpia 7roX*j-
Tcpocyjiovöv.
Max. 21 p. 600, 15 (M. 583 A) Atju^vocxt; es schließt sich daran
ohne neues Lemma fr. IV; Anton. II, 76, 5 (M. 1192 B) Euclidis.
worauf fr. IV folgt mit dem Lemma Demonactis; Boiss. I, 137 Cheilon:
Floril. "Apiotov xal npö-cov ndtojua (H. Schenkl, Wien. Stud. XI (1889>
ljff. S. 35 n. 127 nach I (Pal. 64 Vind.» 64), H (Bar. 104. Nan. 103 t,
III Chelt 835 Vat.1 286. Vat.« 288); Ap. Par. 198 2mal; Mel. Bar. X, 5;
Flor. Vind. 46. Vgl. Menandri Mon. 703; Vita Aesopi ed. Westermann
p. 29, 6 ff.; Orelli I, 235 (Secundus).
XXX. Ae: öa7cep cpopiiov t*)v Xutttjv flcva{H|*evov |atj ozi-
vovta ^epfitv.
= Max. 28 p. 614 (M. 877 C) Ay)jiti>vaxToC.
XXXI. Toi; 'AaxXerciaSats jiet^tov ö(f efXeiat x<*pi£ inepxopi-
vtjv dvaariXXouat vöaov r) TtaparaaoOaav Tcaoxetv aipexcoTepov.
Max. 50 p. 652 (M. 849 A) ArltiövaxxoS ; Anton. I, 56 (M. 953 A)
Demadis.
Wo außerdem noch der Name des Demonax in der Flori-
legienlitteratur erscheint, liegen offenbar Verschreibungen oder
Verwechslungen vor 286).
Nach dem im vorangehenden gekennzeichneten Stande
der Ueberlieferung müssen von den Fragmenten von vornherein
als unecht ausgeschieden werden VIII. IX. XIX. XXIII. XXIV.
XXVIII. XXIX. Dagegen sind wohl als echt anzuerkennen:
in. iv. vi. x. xn-xvm. xxi. xxv. xxvi. xxvii?
**4) Das Gnomol. Vat. läßt die Worte von i|i?ot{va>v bis Schluß weg.
m) 'Ev sÖTt>x*<? qpßov eöpatv au7ropwxatov, ev de Öu<rct>xf<x «avtcov dno-
fKoxaxov = Max. 6 p. 192, 15 Rib. (ex dictis et sententiis Epicteti, Iso-
cratis et Demonactis) = Cod. Gesa., Mel. Aug. c 11 n. 68 (ex ?ö>
'EmxT^xou, looxpdtouc xal ATjucDvdxTou) ; Anton. I, 24 p. 29, 18 (M. 852
A). Democrat. 72. Pal. 113 (Wachamuth S. 30). Mon. 69. Leid. 68. Aber
schon die Verbindung dieser Sentenz mit fr. VIII bei Anton., Gnomol.
Basil. p. 178 n. 265 und Gnom. Voss. n. 68 fol. 40' n. 236) zeigt, daß
Wachamuth sie mit Recht für sein Gnom. Democrit — Epicteteum in
Anspruch genommen hat (S. 191). Dieaelbe Verschreibung liegt vor
bei Max. S 17 p. 586 (M. 825 C), wo nach Ribit. 3 Aussprache auch
unter den Lemmaten Demonactis, Iaocratis et Epicteti laufen. Ebenso
trägt bei Apostel. XVIII, 41d (Schneidewin 729, 16) fälschlicherweise
der Ausspruch Xpdvog de ytuyivü oe p.irj8e eti; dpyö? die Unterschrift Arr
jicüvaxxoc, vgl. dagegen Arsen. LIV, 37 : Stob. Flor. 29, 42; Hippon fr.
20 (Bergk). Das Gleiche gilt von der Gnoma bei Anton. 7 (M. 796 A):
etatt daß das Lemma Isocratia noch fortwirkt, ist das f. Demonactis
(= fr. XII und XIII) heraufgenommen. Sie lautet: BouXou txc rfc
dpsrSJc elxövag ÖTCo^ivr^axa p&XXov \ xoö ow^axoc xaxaXmetv = Isoer. sj
Nicocl. 36. Xen. Ages. 11, 7 (vgl. Tac. Agric. 46).
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Untersuchungen Ober die Lucianische Vita Demonactis. 665
XXX. Inhaltlich stimmen diese echten Fragmente zn den An-
schauungen des Demonax in unserer Schrift, wie dies bereits
Fr. im einzelnen ausgeführt hat. Eine besonders auffallende
Ueberein8timmung findet sich aber nicht; es spiegelt sich in
den Aussprüchen nur die allgemein cynische Weltanschauung,
so daß die handschriftliche Ueberlieferung der Lemmata doch
den Hauptausschlag geben muß. Ich möchte deshalb nicht
mit Thimme wegen der Aehnlichkeit des Namens und des
Inhalts eine Gnome dem Demonax zueignen, welche das
Lemma Aijfioxpatou; trägt 286) ; ich glaube, daß eher hieher zu
ziehen ist das im Inhalt gleiche fr. II, weil es fast allgemein,
wie fr. I unter des Demonax Namen läuft. Seine Fassung
in einem jambischen Senar mag befremden. Aber bei der
Vorliebe des Demonax für die Dichter ist die Herkunft dieser
Verse von ihm nicht ganz unmöglich, und da zudem Photius
als Quelle des Stobäus nur einen Philosophen Demonax
kennt 287), so wird man doch eher diesen als den Urheber
bezeichnen, denn einen Tragiker gleichen Namens erfinden 288).
Das gilt auch von Fragment I.
Mehr oder weniger zweifelhaft bleiben trotz der inhalt-
lichen Anklänge 289 ) die Nummern V. VIL XL XX. XXII.
XXXI. Neue Veröffentlichungen auf diesem Gebiete werden
nicht bloß eine Entscheidung ermöglichen, sondern überhaupt
noch größere Sicherheit im Urteil und nicht unwahrschein-
"*) Vgl. Thimme S. 50 ff. Die Gnome lautet: KöXa£s *PT^C
xöv Ä|xapxdvovTa, XTjÖeuovixijv vou&ingoiv, dXXä SxuJKxijv ijicpaCvtov tojic-
TTgta = Georgid. cod. Laar. fol. 61r Atjiioxpdxouc. Bar. 229. Pal. 157
(Wachsm., De Gnom. Pal. S. 36); Democrit. Epictet. 8. 206 n. 258
(Wachsni.). Der echt cynische Ausdruck vou&sxetv (Diog. L. VI, 33)
findet sich auch in der Vita nicht.
»') Cod. 167 (S. 114 B.) vgl. A. Elter, Photii Pinacograph. 8. 42;
Flor. Stob. III, 587, 2 H.
*») Nauck, Trag, fragm. Lips. 1856 8. 643. Vgl Wachsm. Stud.
S. 130; ebenso urteilte Mein., Hist. crit. p. 525, änderte aber seine
Ansicht Stob. Flor. IV p. LXI, wie Fr. II, 1, 188 gegenüber III, 2, XV.
nv) So entspricht fr. II (vgl. oben Anm. 286) genau : Ileipö «tiO-ol xal
\6yy uäXXov ^ dpYt T* *)uapx7)ti4va Äiopd-oOod^at = Georgid. p. 75, 9 (Boisa.)
XapcxXsfac; Bar. 228; Mon. 98; Leid. 94. Pal. 158 (Wachsm. S. 36); De-
mocrit. — Epict. S. 206 n. 259 (Wachsm.). Inhaltlich paßt es genau
zu Dem. 7 und 10. Mit Dem. 11 stimmt nicht weniger zusammen:
Et Ti£ xiu^ xdv 3-söv d>c npoaöeojisvov, oÖxog XsX?)d«v £ot»jx6v 8ogd£a>v xoö
&«o8 slvou. vgl. Wachsm., Stud. S. 167 n. 8. Andere Beispiele ließen
sich noch mehr aufführen.
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666 K. Funk,
lieh auch eine Bereicherung an Fragmenten wo) bringen.
Für unseren Zweck aber genügen die als echt zu bezeich-
nenden Aussprüche vollauf, um jeden Zweifel an der histori-
schen Existenz des Demonax zu heben. Freilich ist die Iden-
tität unseres Demonax mit dem der Florilegien nicht dadurch
unzweideutig festgelegt, daß etwa der eine oder andere Aus-
spruch unserer Schrift in irgend einem Gnomologium unter
seinem Namen sich findet, oder daß wir wenigstens im allge-
meinen über die Existenz noch weiterer Schriften über Demonax
unterrichtet wären. Aber es dürfte der obige Schluß trotzdem
nicht zu weit gehen, da ja der einzige bedeutende Trager des
Namens Demonax aus der cvnischen Schule — und einer:
solchen müssen wir nach Eunapius und den Florilegien voraus-
setzen — eben nur der durch Lucian bekannte ist.
Dieser Schluß wird dadurch nicht mehr erschüttert, daß
der Kaiser Julian in einem Trostbrief an Amerius dieselbe
Anekdote, welche Lucian in c. 25 von Demonax berichtet, auf
Demokrit von Abdera zurückführt291). Denn die ganze Ge-
staltung der Anekdote bei Julian schließt zum mindesten die
direkte Benützung unserer Schrift aus. So sehr die Namen
aneinander anklingen und sonst gegenseitig verwechselt sind,
wir müssen annehmen, daß dieselbe Erzählung entweder ebenso
aus dem Leben des Demokrit überliefert war, oder daß Julian
oder ein anderer die Umprägung aus dem doch etwas unbe-
kannten Kreise in bekanntere Verhältnisse vorgenommen hat
Was endlich die Frage nach der Quelle unserer Fragmente
M0) Dressier S. 36 spricht yon dem Vorkommen des Lemma De-
monax im Cod. Monac. 429 c. 11 icspl qptXwv; H. Schenk 1, Die epikteti*
sehen Fragmente in den Sitzgsber. d. Wien. Akad. (1888) 115, 468 er-
wähnt, daß im Cod. Paris. 1168 sich 13 Gnomen mit dem Lemma
ATjiiövccxToc finden und daran anschließend Apophthegmata, von denen
5 und 6 sicher Demonax gehören. S. 500 sagt er indessen, daß dem
Kompilator des Max. nur die hier enthaltenen Stücke bekannt waren.
»») Epist. 86 (S. 533 Hertlein): *oot y&P ATj|iöxp«ov t6v 'Aß&ipfajv,
iiutWj Aaps(<p yuvouxö^ xaA% dXfoOvxi Mvotxov oöx t?x*v, &?t &v slmuv
sl{ tMtpocuu&Cav dpxiostsv, &itoax*o#-ai ol ttjv dneXtoöoav etc t6 d v d-
geiv..., (idvou Äs svi$ rcpooödotto . . ., sl xptöv drcsv&^Tov
ö v 6 n a t a x$ x&ytp T?)g Yuvatx^C intypd^sisv . . ., dtcopp^oavto; 9s
toO Aapstoo xai prßivct dpa fiuvYjdivcoc s&psZv . . . Y»Xdoavxa ownfrdtog xöv
AY]|iöxptxov slnstv • Tt o5v, <t> ndvxa)v dxorooxaxs, $pifjvetc dvttvjv, <5>g u. 6 v o $
dXywfy xoooötq» oujiJiAaxsis, öjaijÖs Iva te&v judkots yr(Ov6mtiv 4 |i 0 1-
p 0 v otxsiou itd^ooc Jxo)v söpstv.
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 667
angeht, so läßt sich darüber in einigen Punkten nur etwas
Negatives sagen. Unhaltbar ist die Ansicht, daß sie aus der
Lucianischen Biographie des Demonax genommen seien. Aber
auch daran wird man nicht denken können, daß sie aus irgend
einem philosophischen Werke des Demonax selbst stammen
(Thinime S. 51). Weder dem Stobäus, noch dem Eunapius
ist er als Schriftsteller bekannt, und in unserer Vita Demo-
nactis tritt nirgends ein deutlicher Hinweis auf eine schrift-
stellerische Tätigkeit hervor. Die Worte, die man darauf be-
ziehen wollte 29a), sind zu allgemein und weisen nach dem
ganzen Zusammenhang (vgl. bes. c. 3) auf seinen Nachruhm
aus der praktischen Tätigkeit hin. Sie ist es ja und nur sie,
welche Lucian mit allem Nachdruck betont und überall den
schönsten und wohlgesetztesten Reden und Schriften vorzieht.
Sie ist es, auf die in der wirklichen Parallele zu unserer Stelle
Dial. mort. XXIV, 3 der Ruhm des Diogenes einzig und allein
begründet wird, indem er den Worten X6yov zo% <xp£orot£ rapi
auioö xaiaXiXotTrev hinzufügt dvSpöc ßCov ßeßttöxcbs o^Xöiepov
xoö ooö u.vVj[iaTO( xai h ßeßaioxipcp X^P'tp xaxeax€oaa|i£vov.
Wir werden also überhaupt davon absehen müssen, daß De-
. monax als Schriftsteller gewirkt hat Er hätte sich damit in
Gegensatz gestellt zu der Anschauung der hervorragendsten
Cyniker und besonders zu denen der damaligen Zeit. Wie
nämlich schon Diogenes nicht durch Schriften, sondern durch
das lebendige Wort der Rede wirken wollte a93)1 so wurde jetzt
in den Kreisen der Popularphilosophen die Enthaltung von
schriftstellerischer Tätigkeit geradezu Grundsatz. Sei es, daß
Ruhmsucht darin gesehen wurde, oder daß das Vorbild des
Sokrates, der Pythagoräer und anderer älterer Philosophen ein-
wirkte, oder daß es einfach die Stellung zu den Sophisten mit
sich brachte, denen Schreiben und Reden alles galt, Musonius
hat uns nichts Schriftliches hinterlassen, und seinem Beispiele
*") Thinime S. 52 bezog darauf sxd>v &i;f)X&e xoö ßtou noXuv ö««p
aötoO X<$yov#toIc dptaroic xöv 'EXX^vwv xaiaXmoDV c. 4. Daß dptoxot =
icenaidtupivoi zu nehmen ist, kann nicht bezweifelt werden. Vgl. Som.
c. 12 und Alex. 2; aber daran» fol^fc nicht, daß er nur durch schrift-
stellerische Tätigkeit bei ihnen zu Ansehen kommen konnte.
*•») Diog. L. VI, 48: Über seine Schriften s. Dümmler, Antisthenika
S. 64ff.
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668 K. Punk,
folgten Epiktet und Rustikus m). Dieses selbe Princip dürfen
wir gewiß auch für Demonax, den neuen Sokrates und ge-
schworenen Feind der Sophisten , wirksam sein lassen. Die
abgerundeten Sentenzen, deren jede für sich allein verständlich
ist, und die Apophthegmata lassen auch kaum vermuten, daß
sie sämtlich als wörtliche Citate einem größeren philosophischen
Werke entnommen sind. Nach Form und Inhalt weisen Bie
vielmehr auf eine der zahlreichen Gnomensammlungen oder
eine unserer Vita ähnliche Schrift als ihre Quelle hin (vgl.
Leo S. 50).
Schluss.
Nach den gewonnenen Ergebnissen läßt sich der Zweck
unserer Schrift unschwer bestimmen. Zurückzuweisen, min-
destens in dieser Einseitigkeit, ist die Ansicht von Schwarz
(S. 582 ff.), als habe Lucian mit der fraglichen Vita den Cy-
nikern nur das Idealbild eines Philosophen ihrer Sekte zeichnen
wollen; denn dazu wäre ein Eklektiker doch nicht besonders
geeignet gewesen (vgl. Thimme S. 41 ff.). Da für uns die
historische Existenz des Demonax feststeht, so tritt natür-
lich der historische Zweck in den Vordergrund (vgl. c. 2). Wir
haben in der Schrift eine wirkliche Biographie vor uns, das
Erzählte ist in der Hauptsache Geschichte im eigentlichen
Sinn. Nur müssen wir die Vita messen nach der antiken Be-
deutung des Wortes Geschichte m), und sodann die Einschrän-
kungen anbringen, die wir oben schon gemacht haben, ohne
daß wir deshalb die Schrift mehr zu rhetorischen Zwecken
geschrieben sein lassen (Hermann S. 220).
Eine gewisse Idealisierung war ja von selbst gegeben
»*) Vgl. Hirzel II, 298 ff. 244, 2 und R. Asmus, Quaestiones Epic-
teteae. Freiburg 1888. 8. 26 ff.
»w) Quint. 4, 19. Vgl. Hirzel II, 146 ff; K. Fr. Hermann, Ge«. Abh.
und Beitr. S. 218.
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Untersuchungen über die Lucianiache Vita Demonactis. 669
durch einen weiteren Zweck didaktisch-paränetischer Natur.
Es spricht nämlich in dem von uns als echt erfundenen c. 2
der Verfasser eigens die Absicht aus, zugleich der edleren,
nach wahrer Weisheit strebenden Jugend aus der Gegenwart
das Bild eines echten Philosophen darzustellen, eines solchen,
der sogar die großen, alten Musterphilosophen zu ersetzen
vermöge.
Aber wie eigentümlich , wie befremdend mutet uns die
Art an, mit welcher der Satiriker seine Absicht ausführt? Wir
wissen zwar aus Lucian selbst (Anach. 21), daß Aussprüche
weiser Männer, fruchtbare Gedanken und die Taten des Alter-
tums in den Rhetoren- und Philosophenschulen behandelt
worden sind, und daß dies oft auch in Verse gekleidet den
jungen Leuten zum Auswendiglernen gegeben wurde2*8), allein
wir müssen uns wundern, daß so wenig ernste und ethische
Vorschriften und Kernsprüche in der Schrift geboten werden.
Gewiß verrät es den alten Satiriker, wenn trotz des angekün-
digten Zweckes sein Ideal im lebhaften Proteste mit der Zeit-
philosophie und den Scheinphilosophen erscheint, und daß er
die Auswahl der Aussprüche und Anekdoten so trifft, daß die
Polemik, die er anderwärts mit allem Eifer führt, hier nur
stiller und ruhiger als sonst sich fortsetzt.
Daneben hat es Lucian nun aber doch verstanden, mit
wenigen Worten das Bild eines wahren Philosophen zu ent-
werfen. Ein Vergleich mit dem von Epiktet (Arrian, Diss.
Epict. III, 22 Sch.) gezeichneten Ideal lehrt das deutlich. Die
Bedingungen, welche hier aufgestellt werden, erfüllt Demonax
vollständig. In ihm lebt die alte Größe des Diogenes und der
früheren Philosophen wieder auf; auf sie greift er zurück, aber
nicht nur äußerlich, wie die Nachahmer der Gegenwart, die
Thersitesnaturen (Dem. 61) oder, wie Epiktet (22, 80) sich
ausdrückt, die xpaTce^fje; roiXaü>po£, o: oooiv u.iu,öövTat £xetvou;,
y) &l tl dpa, ^6p5ü)ve^ y£vovTat, äXXo 5' o05£v. Er ist mit
Epiktet (22, 10) überzeugt, daß nicht Tojpfötov, nicht xptßomov
(Dem. 19) und I^Xov (Dem. 48) den echten Cyniker ausmache,
896) Vgl. Quint I, 1, 86; Seneca, Epist. 83, 7. Der Auadruck ftv
tocIc oxoXalc bei Plut. ist nicht mit Schmidt a. a. 0. in diesem engen
Sinne zu nehmen. Vgl. Hirtel I, 870 Anm.
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670
K. Funk,
daß man aber auch nicht den dafttr zu halten habe, der Mode-
torheiten und weichliche Lebensart geißle, im Sinne dessen,
der da meint: x£v £5ü> xtva 5pa>7taxt£ö|ievov, €7uxtu^aö> aoxcp,
x£v xö xfyiov 7C67cXax6ta 9} £v xoxx£voi£ rceptTiaxoQvxa (22, 10).
Wie wenig Demonaz einem solchen 5p<i)7caxi£6{ievo£ gegenüber
das Verhalten eines Cynikers billigt, dafür scheint geradezu
c. 50 geschrieben zu sein, wie ebenso in c 16 (vgl. 41) nicht
der Tadel der Kleidertorheit, sondern die Art des Tadels
die Hauptsache ist. Die erste und höchste Forderung ist auch
bei ihm die Uebereinstimmung von Leben und Lehre. Das
e7UTi|Aäv xiacv %<xi xoXa£eiv xoü; au-apxavovxac fordert ein Vjye-
jxovtxöv xafrap&xepov xoö VjXfou (22, 93. 98. Vgl. Dein. 3). Durch-
drungen von dem Grundsatz, daß selbst tadellos sein müsse,
wer andere tadeln will, hätte Demonax mit Recht die Worte
Epiktets (22, 47—49) auf sich anwenden können: "I5ex£ (ie,
&oix6<; et|K, ärcoAic, <ixx7)[i,ü>v, äoouXoc* xotpto)|iai • ou
Yuvt), ou naiüia (Dem. 55)* oux e£ul iXeuö-spo?; tcox' iji-
e|i<|>ctu.7jv t) ftebv f) Ävä-ptorco v, tc6x' ivexaXead xtv:
(Dem. 63. Vgl. 11. 27. 56. 3. 20); ziq Ofiöv icjxi>0-pt»>-
Tcaxöxa fie etöev (Dem. 6. 7); n(bg §' ivxuyx*VÜ) xouxotc,
Gfjietc cpoßetofre xal &auu.a£exe ; oux dv8ponc6ootc (vgl. Dem.
30. 50. 24. 25). Auch darin stimmt er mit dem Epiktetischen
Ideal (22, 81) überein, daß er niemand von seiner Freundschaft
ausschließt, daß er für alle sorgt wie ein Vater, wie ein
Bruder (vgl. Dem. 10. 7), daß er all seine Kraft und Zeit der
Menschheit widmet, um sie zu belehren, wie das wahre Glück
nicht zu suchen sei ev o&fiaxt, xxi/joet, apXti* atöjiaxtxov ^ap,
fotvaxos, 9077] oö&v izfa \l& (22, 22. 26. Vgl. Dem. 7. 20. 24.
25. 45), und auf jede Weise hilft er es ihnen zu erreichen.
Er bleibt deswegen unverheiratet, wie der wahre Cyniker es
sein soll, ^7it^otxÄv Öuvau-evo; xoE; dvftpcfatot;, oO rcpoSeSejievo;
'xalHpcouaiv i&toxtxot; . . . Sv SeE xoug <2XAoug iTtiaxorcefv,
zob<; yeyajnijxoxas, xot>; 7ce7tat§G7iot7juivou£, ziq xaXö;
Xp^jxat x^ aöxoö yuvatxi, xfj xax&£, rco£a otxta eoaxad'p.e:,
not* ou, (b; ?axpö$ izep tepx6(ievo? xal töv a<puYp,fi>v
^Tcxöfievo^ (22,69 — 72. Vgl. Dem. 7. 9). Und wenn endlich
Epiktet (22, 90) als eine wesentliche Eigenschaft im Umgang
mit anderen x*Ptv noXXrp ^uotxTjv xal dljuxTfca für den Ideal-
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Untersuchungen über die Lucianische Vita Denionactis. 671
cyniker fordert, und wenn er das an einigen Beispielen von
Diogenes nachweist, so zeigt Lucian zur Genüge, wie glänzend
Denicmax dieser Aufgabe entsprochen hat. Ja man glaubt in
der Anekdote von c. 16 geradezu eine direkte Bezugnahme auf
Epiktet herauszuhören, wenn dieser einmal (22, 54 — 56) aus-
führt: A^peafrat autöv 5et xai Sepojievov <p:Xetv aöiofo; xoOc
8£povT<xc, <S>£ iratlpa 7cavtü)v, ötöeXcpöv cu, dXX' 5v xl<z oe
SIpTQ, xpauya^e ara; iv T(j> uiaq> — ü> Kaiaap, iv tfl a$ e^vig,
o?a notoxw, dtywjiev ^7ti töv dvftuTcatov. Bei so vielen An-
klängen wird man gewiß annehmen dürfen, dem Verfasser der
Biographie haben die Dissertat. Epict. von Arrian vorgelegen,
und dieser habe gleichsam die Blustration dazu geliefert.
Trotz alledem ist aber Demonax nicht bloß eine treue
Kopie Epiktets und seines Ideals. Es treten auch Unterschiede
hervor, und es raachen sich auch Einflüsse von den anderen
geltend, mit denen er umgegangen ist. Namentlich in seiner
Stellung zur Wahrsagekunst ist er ein echter Schüler des
Timokrates, der seinerseits wieder mit dem von Lucian (bes.
Alex. 17) so hochgefeierten Demokrit die philosophischen
Grundanschauungen gemeinsam hat297).
So hat mithin Lucian auch mit diesem zweiten Zweck
nicht zu viel gesagt. Demonax entsprach in der Tat allen
Anforderungen, die man an einen Idealphilosophen damals
stellte, und er war es wert, der Jugend als nachahmenswertes
Beispiel vorgestellt zu werden. Es drängt sich also hier von
neuem der Schluß auf, den wir bereits oben glaubten machen
zu müssen: Demonax war unter den Cynikern der damaligen
Zeit trotz unserer geringen anderweitigen Kenntnisse von seiner
Persönlichkeit doch nicht so unbedeutend, er war es am aller-
wenigsten für Lucian selbst. Der längere Umgang und die
nähere Bekanntschaft mit Demonax war für ihn, namentlich
als Schriftsteller, von der größten Wichtigkeit. Hier sahen
wir die Fäden seiner schriftstellerischen Tätigkeit zusammen-
laufen, und wie in einem Brennpunkt sich die Strahlen sam-
meln, die wir in seinen anderen Schriften zerstreut fanden.
w) Vgl. Philoatr. V. S. 46, 29. Die Haltung gegenüber dem Staate
(Dem. 9) scheint auch von der Diss. 22, 83 ff. gezeichneten abzuweichen.
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672 K. Funk, Untersuchungen über die Luc. Vita Demon.
Nach Form und Inhalt stand er offenbar unter seinem Ein-
flüsse. Dieser Philosoph war der freimütige Mann , der ihn
die Klippen der atheistischen Pedanterie vermeiden und die
rechte Mitte gehen ließ. In seinen geistreichen Gesprächen
fand er den Stoff für manche kleine Scene. Durch das Be-
kanntwerden mit ihm erfolgte wohl die Absage von der Rhe-
torik und die Hinwendung zur dialogischen Schreibweise. Und
wenn die Dialoge nicht der Belehrung, sondern der Unterhal-
tung dienen, und wenn der Grundton fast durchgängig der
cynisch-menippeische ist, so wird eben wiederum der Verkehr
mit Demonax die Erklärung für diese Erscheinung sein. Da
dieser ja selbst dem cynischen Hedonismus huldigte, mag er
ihn auch auf diese Quellen hingewiesen haben, als eine reiche
Fundgrube neuer, weniger verbrauchter Gedanken und Stoffe.
Sind die Ergebnisse vorliegender Untersuchung richtig,
so ist demnach Lucian nicht nur einfach ein Werk gerettet,
wir haben damit zugleich auch den Schlüssel gefunden für ein
besseres Verständnis dieses Mannes; wir haben in der Bio-
graphie, deren Abfassung den Ereignissen fast gleichzeitig
ist, nicht nur eine glaubwürdige und schätzenswerte Bereiche-
rung unseres historischen Wissens über die philosophischen
Strömungen jener Tage, sondern nichts weniger als ein Stück
Autobiographie des Schriftstellers selbst
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Inhaltsverzeichnis. Register. 673
Inhaltsverzeichnis.
Seito
Einleitung 561-563
I. Untersuchung über .die Echtheit 564-617
1. Aeußere Zeugnisse 564—566
2. Sprachliche Untersuchung 566—589
3. Sachliche Untersuchung 589—617
II. Untersuchung über die Integrität 617—647
1. Die Hypothese von der christlichen Ueberarbeitung 617—623
2. Interpolationen und Lücken 623—631
3. Erklärung für die Komposition der Schrift . . . 631—689
4. Sostratus 639 — 647
III. Die historische Existenz des Demonax 647 — 608
1. Beurteilung der erhobenen Einwände 647—659
2. Die Fragmente 659—668
Schluß 668—672
Register.
Abfassunqszeit 601. Gl 4 ff.
Adverbien 572. 578. 580.
Agathobulu.s 595. 651.
Anklänge 627 f.
Änag Xsyousva 577.
Apollomus 616.
&nopv?]tLÖvsutLa 682 f.
Apophthegmata 626 ff. 633 ff. 659 ff.
Aristipp 595 fl'.
Arrian 646.
Artikel 570.
Atheismus 658 ff.
Athen 607. 617. 652 f. 654. 658.
Athleten 645.
Atticismus 567. 612 f.
Aufstände 655 f.
Bagoas 607 ff.
Hedurfnwlosigfc
Begräbnis 603.
592 ff.
Cethegus 615 f.
Chrie 634 ff.
Christliche Interpolationen 617 ff.
Citate 585 f.
Cynismus u. Lucian 589 — 91. 613.
Cynische Tracht 596.
Demetrius 594. 651.
Demokrit 596. 60C>. 671.
Demonax Philosoph 595 ff. 614. 667.
Tragiker 665.
Denkmalsetzung 603.
Dialektik 600 f.
Dio Chrvsostomus 594. 619. 622.
632. 652 f.
Diogenes 590 f. 595 ff. 634. 667.
Diokles 607 ff.
Dogmatische Philosophie 600.
Ehe 646 f. 652.
Eleusinien 655.
Epigramme 603.
E piktet 594. 604. 646. 651 f. 669 ff.
Epikur 596 f.
Ethische Philosophie 600.
Eunapius 565. 624. 648.
Favorinm 594. 608 f. 622. 626.
Fiktionen 650 f.
Flexion 569 f. 578 f.
Florilegien 649. 659. 666 f.
Freiheit 602. 604.
freundschaftsliebe 598 620.
Friedensstifter 619.
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674 Rej
Gerichts8cencn 623.
Gladiatorenkämpfe 599. 652.
Gymnastik 594.
Handschriften 565 f.
Herminus 652.
Herakles 597. 644.
Herode» Attikus 611. 615. 642 f. 649.
Heroenbedürfnis 643.
Hiatoi 575.
Hnmor 597 f. 603.
Idealphilosoph 605. 656 f.
Ironie 595 f.
Isthmus von Eorinth 643.
Iulian 620. 666.
Kasus 570. 579.
Kleiderspott 613.
Krates 619 f. 652.
Konsequenz 592. 600. 607 ff. 657.
667.
Kultus 654 f.
Lautlehre 568 f.
Lesbonax 612. 648.
Leutseligkeit 598 f.
Lucians Eigenart 588 f. 591. 598 ff.
605 f. 615. 633. 637.
Lucius Philosoph 649.
Lucius Verus öl6.
Mark Aurel 616.
Menipp 596 ff. 602 f. 610. 658 f.
Metaphern 587.
Milde 598 f. 619.
Modus 571 f.
Musonius 619. 649. 652. 667.
Mysterien 621. 654.
Mythologie 644 f.
ISaturwissensclui ften 600.
Negationen 572.
Objektivität 638 f.
Opfer 621.
Orakel 602. 610.
Ordnungslosigkeit 617 f. 632 f.
635 ff.
Parallelen sachliche 607—13.
wörtliche 583—85.
Partikeln 573 f. 578. 580 f.
t Peregrinus 593. 595. 599. 608 f. 60«.
Philosophie undLucian 589 ff. 656 ff.
Philostratus u. Lucian 564. 601.
637. 641 ff. 648 f. 652.
ter. j
kitcoSv 577. 618.
Piatons Psychologie 611 f.
Plutarch 620. 641 f.
Poesie 586. 593 f.
Präpositionen 572 f. 578. 580.
Pronomina 571. 579.
izpöxoc xotl iiövot 601.
Quelle der Fragmente 666 ff.
Eäuberromantil: 645 f.
Redefiguren 575 f.
Religir.se Strömungen 653.
Rhetorik 594.
Rhythmik der Sprache 568.
Satebau 574 f.
Selbstmord 604 f.
Sidonius Sophistes 626 f.
Sokrates 595. 605. 610. 621 f. 680.
684. 667.
Sophistik 590. 606 f.
Sostratus-Agathion 623 f. 639 £
Sostratus der Rauber 640.
Sprichwörter 585 f.
Staat 599.
Stand der Forschung 562 f.
Steinigung 655 f.
Stilarten 632 f.
Stilprincip f. Biographien 632-637
Synkrisis 640 f.
Synonyma 576.
Syntax 570 f. 579. 581.
Tempus 571.
Theraites 597.
Theseus 644.
Timokrates 595. 612. 671.
Todesfreudigkeit 605. 609.
Todesgedanke 601 f. 611. 649.
Toleranz religiöse 654.
Unsterblichkeit 604. 619. 644.
Urteilsunsicherheit561 f. 567. 625 f.
628 f.
Verfolgungen religiöse 655.
Vergänglichkeit 601 ff.
Wahrheitsliebe 656 f.
Wahrsagekunst 610 f.
Wiederholungen 582 ff. 589. 6S1
635.
Wortstellung 574 f.
Wortverbindungen 582 f.
Wortwahl 576 ff. 581 ff.
Xenophon 632 f.
ZenoA von Sidon 655.
Zweck der Schrift 605 ff. 668 ff.
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ZUM SPRACHENKAMPF
IM RÖMISCHEN REICH
BIS AUF DIE ZEIT JUSTINIANS.
EINE SKIZZE
VON
LUDWIG HAHN.
PhUolofu», 8uri- lern entband I, Tieftet Heft.
44
Diese .Skizze" beruht für die Zeit bis auf Hadrian auf der 190 :
bei Dieterich (Theod. Weicher) in Leipzig erschienenen Studie des Ver-
fassers „Rom und Romanismus im griechisch-römischen Osten. Bis
auf die Zeit Hadrians". Dort mögen die näheren Angaben und Belege
für diese Zeit nachgesehen werden. Eine .Skizze" habe ich vorliegende
Arbeit genannt, weil sie in allgemeinen Umrissen Andeutungen Aber
die Einwirkung des Romanismus und seiner Sprache auf den Hellenis-
mus sowie auf den Orient bis auf die Zeit Justini uns geben soll. Mein
Zweck ist, die Aufmerksamkeit auf dies noch ziemlich brach liegende
Gebiet zu lenken, damit durch Lieferung von Spezialuntersuchungen
die sich sowohl mit den kulturellen Verhältnissen — Verwaltung, Heer-
wesen, Rechtswesen, Handel, Münze und Maß, Religion, auch Kunst
und Literatur — als auch mit der Sprache befassen würden, eine
weitere eingehende Behandlung des großen Stoffes ermöglicht wird
Ich verweise hier auch auf die in «Rom und Romanismus" formulierten
Probleme.
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I.
■
Jedem, der die Sprachenkarte Europas überblickt, fallt
wohl ein von einer Bevölkerung romanischer Zunge bewohn-
tes, aber von den übrigen romanischen Landern weit entferntes
Gebiet auf, das im Osten, im sogenannten Halbasien, zu finden
ist. Dasselbe umfaßt bekanntlich Rumänien1), das östliche
Ungarn mit Siebenbürgen, die Bukowina, Kessarabien und
einige Landschaften südlich der Donau auf der Balkanhalbinsel,
die von den sog. Zinzaren oder Kutzo-Wlachen bewohnt sind.
Die Existenz dieser romanischen Sprache im fernen Osten
ist ein heute noch deutlich redender und lebendiger Beweis
für die Tatkraft der Kömer, ein gewaltiges und bedeutungs-
volles Denkmal römischer Größe, Trotz der kurzen, nicht
zwei Jahrhunderte dauernden Besetzung Daciens durch die
Römer, trotz der Stürme der germanischen und dann der sla-
vischen Völkerwanderung hat sich an der unteren Donau die
lateinische Sprache als Mischsprache bis auf den heutigen Tag
erhalten8) und gewinnt noch an Terrain. Noch jetzt heißt
sie die rumänische d. h. römische Sprache und, die sie sprechen,
nennen sich stolz Rumuni d. h. Romain.
*) Leber die Bedeutung von Ta>|iavCa (Romania bei Oroaius III
20,11; VII 43,5) = römisches Land, Reich s. Gaston Paris, Romania
I. Bd. (1872) 8. 14; cf. auch die Bezeichnungen Rumelien, Rum (Ideler,
Chronologie 1 454).
') Der Ansicht, daß das Römertum infolge der Wegfuhrung der
römischen Kolonisten durch Aurelian unterging und daß die heutigen
Rumänen seit dem 13. Jahrh. aus den Ländern am Balkan allmählich
in ihr heutiges Gebiet einwanderten, scheint mir die auffallende Tat-
Rache entgegenzustehen, daß das heutige rumänische Sprachgebiet genau
der ehemaligen provincia Dacia entspricht. Vgl. auch Jul. Jung, Die
romanischen Landschaften des römischen Reiches, Innsbruck 1881 S. 403.
452. 4rt0. 468 47off. — Alex. Budinszky, die Ausbreitung der lateinischen
Sprache, Berl. 1881 S. 222 f. — Die Donaurömer bildeten noch im byz.
Keich im 5.-6. Jh. den Kern des Heeres; Oonsi .Tirecek, Die Romanen
in den Städten Dalmatiens während des M.A., Wien 1901 8. 18-20.
44*
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678
Ludwig Hahn,
Kümmerlich nehmen sich einem solchen Erfolge der Römer
in der Romanisierung gegenüber die Germanisierungsversuche
aus, die vom Deutschtum seit den letzten Jahrhunderten an
der sla vischen Grenze gemacht worden sind.
Freilich gingen die Römer bei der Unterwerfung der
Länder gegen die Eingeborenen, zumal wenn sie die Waffen
gegen die Sieger getragen hatten, mit der für die Aufrecht- i
erhaltung der römischen Herrschaft notwendigen, rücksichts- l
losen Konsequenz vor, ohne sich durch humanitäre Doktrinen
beengt zu fühlen. Man hat berechnet, daß es zur Zeit Caesars
in Gallien etwa drei Millionen kriegstaugliche Männer gegeben
hat. Von diesen wurde etwa eine Million vernichtet und eine
zweite Million ging in der Sklaverei zugrunde 3). Bei hart-
näckigem Widerstand wurden ganze Stämme ausgerottet, ein
Verfahren, welches mit so großem Erfolg für die Ausbreitung
der europäischen Rasse von den Spaniern in Amerika und von
den Engländern in Australien angewendet wurde.
Die bis zum völligen Ruin gehende Dezimierung der Be-
völkerung traf vor allem die Länder des Westens. Da die
übrig gebliebenen Eingeborenen aus ihrem Besitze verdräng!
wurden, da sie ferner auch kulturell hinter den Siegern zu-
rückstanden, so gewann im Okzident der Romanismus leicht
und schnell Boden. Zu der Zeit, da die Germanen diese Pro-
vinzen in Besitz nahmen, fanden sie eine fast homogene Be-
völkerung mit römischen Sitten, römischer Sprache und romi-
scher Gesinnung. Die Romanisierung des Okzidents war also
schon vor dem Einbrüche der Germanen vollendet
Wesentlich anders lagen die Verhältnisse im Osten. Hier
stießen die Römer auf Hellas und die hellenistischen Reiche.
Der aktive Widerstand gegen die Herrschaft Roms war bei
der erschlafften und degenerierten Bevölkerung zumeist mit
der Besiegung der Könige zu Ende. Die Unterwerfung Gal-
liens beanspruchte acht Jahre, die Einverleibung Aegyptens
war das Werk weniger Tage. Wie die Engländer das un-
kriegerische und produktive Volk Indiens als ein Objekt der
Ausbeutung wenn auch nicht zu schonen, so doch zu erhalten
*) Vgl. Jul. Jung, a. a. 0. S. 190.
-
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Sprachenkampf im römischen Reich.
679
wissen, ebenso hatten die Römer keine Veranlassung, die un-
gefährlichen, oh ihrer Schwäche und Unterwürfigkeit verach-
teten Griechen und Orientalen, welche sie zur Bearbeitung der
praedia populi Romanik wofür die Provinzen staatsrechtlich
galten, unbedingt nötig hatten, auf gewaltsamem Wege aus-
zurotten.
Weit schwieriger war es den passiven Widerstand zu
brechen, den die Hellenen und noch mehr die rassefremden
Orientalen, Völker, die im Besitze einer alten Kultur auf die
römischen Emporkömmlinge als auf Barbaren herabsahen,
gegenüber römischem Wesen zeigten.
Der gewaltige Kampf zwischen Romanismus und Helle-
nismus begann bekanntlich mit dem Angriffe des Hellenismus
auf Italien. Schon im achten Jahrhundert faßten Dorier Euß
auf Sicilien (Gründung von Syrakus, 734?) und auf dem
italischen Festlande (Gründung von Tarent 708). Gelons
Sieg bei Himera über die Karthager (480) und der Hierons
über die Etrusker bei Kyme (475) bezeichnen den Höhepunkt
der Macht der Griechen des Westens. Aber im nämlichen
Jahrhundert schon beginnt die Bewegung der lebenskraftigen
italischen Stämme gegen die griechischen Kolonialstädte.
Kyme, von wo aus griechische Kultur nach allen Richtungen
ausstrahlte, fiel 420 in die Hand der Kampaner. Mit tiefem
Schmerz weist Aristoxenos von Tarent, der bekannte Musik-
theoretiker und Schüler des Aristoteles, die Griechen des Ostens
auf die Barbarisierung Poseidonias, des späteren Paestum, hin.
Mit der Niederlage des Pyrrhos, der den vergeblichen Versuch
gemacht hatte wie Alexander im Osten, so im Westen dem
Hellenismus die Herrschaft zu gewinnen, war die zukünftige
Romani8ierung der früheren Graecia Magna entschieden. Zur
Zeit Strabos gab es in Unteritalien nur drei Städte, die sich
ihren griechischen Charakter noch erhalten hatten, Neapel,
Tarent und Rhegion. Längerer Zeit bedurfte die Romanisie-
rung Siciliens 4). Sie war erst gegen Ausgang des weströmi-
schen Reiches vollendet.
4) Cf. Ezpoeitio totios mundi et gentium (um S50) ed. Alex. Riese in
den Geographi Latini minores, Heilbronn 1878 8. 104 ff. o. 66: Sicilia
habet auteui et virot divites et ernditot omni doctrina Graeca qnoqae
et Latina. — Jnl. Jung a. a. 0. S. 521.
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680
Ludwig Hahn,
Was schon der weitblickende Pyrrhos und nach ihm andere
einsichtige Griechen erkannt und befürchtet hatten, daß nach
der Niederwerfung des Hellenismus im Westen die griechischen
Staaten im Osten mit einer neuen feindlichen Weltmacht zu
rechnen hätten , das trat nach der endgültigen Bezwingung
des phönikischen Karthago, der letzten Rivalin Roms in der
Herrschaft über den Westen, ein. Die Siege bei Kynoskephalä,
Magnesia und Pydna machten den politischen Einfluß Roms
auch in den am östlichen Mittelmeer liegenden Ländern maß-
gebend. Damals stellte sich Prusias II. von Bithynien, der
Verräter Hannibals, römischen Gesandten in der Tracht eines
X{ßepro£ (libertus), wie Polybios sagt6), in den xoAxiot (calcei)
und mit dem n&eoc (pileus) auf dem Haupte vor. Von da ab
war Rom der Aufenthaltsort zahlreicher Prinzen und vorneh-
mer Geiseln, die dort römische Art und die lateinische Sprache
kennen lernten. Einer derselben, Antiochus IV. Epiphanes,
zeigte sich später auch als König von Syrien nach Polybios'
Schilderung geradezu römertoll. Auch in der Kaiserzeit blieb
Rom für die Söhne der verbündeten und befreundeten Könige
die Stätte, wo sie ihre Bildung empfingen, eine Bildung, die
sie gewöhnlich der Heimat entfremdete, wie es Tacitus von
den Enkeln des Partherkönigs Phraates bezeugt Die Nach-
kommen Herodes' des Großen z. B. wurden fast alle in Rom
erzogen. Der letzte Herodeer, Herodes Agrippa H., kämpfte
auf römischer Seite gegen die Juden, seine Schwester Berenike
ward die Geliebte des Titus.
Das bedeutendste Mittel zur Romanisierung war in Italien
und dann überhaupt im Westen die Aussendung von Kolonien.
Die methodische Besiedelung des Ordenslandes durch die
Deutschherrn bildet im Kleinen eine Parallele. In Unterita-
lien wurden in der Zeit der Republik Kolonien Kroton, Puteoli,
Thurii, auch Tarent und Rhegion; in Sicilien wurden gegen
Ende der Republik Messana, Henna und Tauromenion mit dem
vollen Bürgerrecht beschenkt.
Den Plan auch den Osten mit römischen Elementen zu
versetzen, wie es mit so großem Erfolg für die Romanisierung
im Westen geschehen war, faßte Cäsar. Seine bedeutendste
6) S. ,Rom u. Romaniamus* S. 23.
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Sprachenkampf im römischen Reich. 681
i Gründung ist Korinth. Doch fehlte allmählich Italien und dem
- römischen Volke, das als Kriegerkaste des Reichs ungeheure
Verluste zumal in den Bürgerkriegen erlitten hatte, der nötige
l. Ueberschuss an Bevölkerung, um den Osten in demselben Maße
und Grade wie den Westen mit italischen Pflanzstädten anzufüllen.
Augustus verfolgte noch die Bahnen seines großen Vaters. Die
a Romanisierung Siciliens machte unter ihm weitere Fortschritte.
Er gründete Kolonien in Macedonien6*), führte nach Paträ,
Heliopolis und Berytos Veteranen und besetzte das unruhige
i Pisidien mit einer Reihe römischer Soldatenstädte. Aber in der
Folgezeit ward bei der zunehmenden Entvölkerung des Reichs
die Kolonisation des Ostens nur sehr schwächlich weitergeführt.
i Zu erwähnen wäre noch die Umwandlung Jersusalems in eine
I colonia Aelia Capitolina zur Zeit Hadrians6).
Die Kolonien des Ostens lagen zu weit vom Stammlande
ab und waren auch voneinander so entfernt, daß sie, wie etwa
in unseren Tagen ehemals ganz deutsche Städte in den Ost-
seeprovinzen, in Ungarn, in Böhmen dem Deutschtum ver-
loren gehen, so mit der Zeit dem ringsum herrschenden helle-
nischen Elemente erlagen. Zudem erkannte man im Kampfe
mit den orientalischen Völkern, bes. den Juden und Parthern,
und auch mit dem Christentum61), gegen das die griechische
Philosophie dem römischen Staatgedanken als willkommener
Bundesgenosse zu Hilfe kam, in den Griechen bei der Gemein-
samkeit der Interessen und religiösen Anschauungen bald
natürliche Bundesgenossen und sah infolge dessen von einer
gewaltsamen Romanisierung des verbündeten hellenischen Ele-
ments ab, erkannte sogar im Laufe der Kaiserzeit die griechische
Sprache als die zweite, wenn auch minder berechtigte Reich s-
sprache an7), wie denn die Förderung des Hellenismus im
**) Cf. Körnern an n bei P.-W. JV 1,549.
•) Dio Gass. 69, 12, 1. — Ueber die Städte, denen in späterer Zeit
das ius coloniae erteilt wurde, wie Thessalonike, Philippopoüs, Nikome-
dia, Tyana, Laodicea in Syrien, Tyrus, Palmyra, Antlochia in Syrien,
Heinesa, Caesarea am Libanon, Sidon, DamankuB, Askalon, Gaza, Carr-
hae, Edeesa, Nisibis etc. s. Budingzky a. a. 0. S. 232 und bes. Körne-
rn an n bei Panly-Wissowa IV 549 ff.
S. a. B. Origen. c. Cels. VIII 73.
7) Ueber die Bezeichnungen altera Ungua, ixatipa yXföna s. Leon
Lafoscade, Influence du latin sur le grec in J. Psicharis Etudes de
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682 Ludwig Hahn,
Orient durch die Römer überhaupt als ihre hervorragendste
Kulturleistung für den Osten8) anzusehen ist. Die römischen
Kolonien im Osten wurden also allmählich hellenisiert, was
Dion Chrysostomos von Korinth und Apamea eigens bezeugt
Doch erhielt sich die offizielle lateinische Sprache in denselben
bis etwa in die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts.
Mehr Einfluß auf die Romanisierung hatte im Osten die
Erteilung des römischen Bürgerrechts9). Das scire latine war
nach der Ansicht Ciceros für einen römischen Bürger selbstver-
ständlich und noch Kaiser Claudius nahm einem vornehmen
Lykier, der seine in lateinischer Sprache an ihn gerichtete
Frage nicht verstanden hatte, die civitas, indem er aus-
drücklich erklärte, niemand dürfe römischer Bürger sein, der
nicht die Sprache Roms verstehe. War diese Voraussetzung
gegeben, so zeigten sich die Römer auch freigebig mit ihrem
Bürgerrechte, ein Beweis ihrer politischen Klugheit, wegen
dessen sie schon Philipp III. von Macedonien wie auch später
Dionysios von Halikarnaß und der Rhetor Aristides 10) rühmt
Vor allem wurde die Zahl der römischen Bürger im Osten
wie im Westen vermehrt durch die Erteilung des Bürgerrechts
an die Soldaten und Veteranen der auxilia. Denn die lange
Dienstzeit bot eine sichere Gewähr für die Romanisierung im
Denken und Fühlen. Hellenische Romantiker wie Apollonios
von Tyana, ein Vorkämpfer des Hellenismus gegen den Ro-
manismus, befürchteten schon die Barbarisierung der Griechen
durch die Römer. Derselbe beklagt es besonders, daß die
schöne n Namen der Helden und Weisen des alten Hellas durch
philol. neo-grecque, Par. 1892 p. 117 f. Vgl. dens., De epistulis etc., Lille
1902 S. 108. 11» f. 115 ff.
8) Was in dieser Hinsicht Libanios von Kaiser Julian erhofft hatte,
zeigt uns, was er im emxdqxoc sV 'IouXiaWp, dem weltgeschichtlichen
Klage- und Totenlied des sterbenden Heidentums, (bei Reiske I 617) voll
wehmütiger Liebe spricht: T2 xiXous x?£ Ötavoiag avaglou! r^si; uiv
(pdfisd-a TTjv Ilspaöv Änaoav pipo£ Tcojiaüüv tasodat xal vd^iotj xot£
yjusxipoic olxTjOEo&ai xai apx&t &v&sv8t di£to&cu xal cpöpout oJaeiv x a i
yXt&Txav äu.s£<J>siv xal «noXrjv usxaxoa^osiv xal xspttv xopag xal 009t-
atäc 4v Zoöoot; Htpotöv rcatöas sxxpox^osiv ^xopac ... xal (last not
least!) xotz Ispotg (d. h. dem alten Glauben) önoxwpr.ostv tobt xtt^oo^ (sc.
der christlichen Heiligen).
•) Ernst Dorsch, De civitatis Romanae apud Graecos propagatione,
Diss. öresl. 1886, 38 ff.
»•) ElC 'Priutjv p. 108 ff. 112 ff. (Keil).
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Sprachenkampf im römischen Reich.
683
die modernen römischen verdrängt würden, wie etwa bei uns
bes. vor 1870 die französischen und jetzt die englischen Vor-
namen in Mode sind, worin unwillkürlich die Höherschätzung
dieser Nationen zum Ausdruck kommt11). Den Inschriften
nach zu schließen trugen allerdings die Griechen bes. besserer
Kreise häufig römische Namen, die römischen Bürger unter
ihnen vor allem die Familiennamen der Kaiser. Daher die
Menge der louXioi, $Xacßiot, AtXtoi11»), AOpifjXtot etc12). Einer
besonderen Beachtung wert scheint die Wirkung des römischen
Bürgerrechts auf den Apostel Paulus. Paulus steht als römi-
scher Bürger dem Reiche nicht als Feind gegenüber wie sein
Volk. Diese kosmopolitische Stellung hob ihn über die Be-
schränktheit national-jüdischer Anschauungen hinaus und
wirkte so ihres Teils mit, daß er sich nicht als Apostel des
Judentums, sondern der ganzen Menschheit fühlte. Während
die Erteilung der civitas an die Griechen Unteritaliens infolge
des Bundesgenossenkrieges an der Latinisierung der Graecia
Magna bedeutenden Anteil hatte, ist die Wirkung von Cara-
callas constitutio Antoniniana de civitate bei dem damaligen
Zustande der Auflösung des Reichs in dieser Hinsicht weniger
hoch anzuschlagen12').
IL
Da der römische Bürger nur an das römische Recht ge-
bunden war, so ward römischer Art auch im Rechtsleben der
Boden geebnet, — fast der einzigen Seite geistiger Tätigkeit,
in der die Römer nicht nur schöpferisch tätig waren, sondern
auch für andre Nationen mustergültig wurden (— dies gilt
auch für die Art der Einwirkung Roms auf das Christentum — ).
Für die Einführung des Rechtes des herrschenden Volkes waren
ferner die Provinzialedikte günstig, welche zumeist auf römi-
") Vgl. auch Hermann Dünger, Wider die Engländerei in der
deutschen Sprache, BerL 1899.
11 ») Lyd. de mens. III 17 in.: 'AÖpiavfcs ix tf)g AlX£o>v i*cÖYXavs
<papiX(ac otovtl Ytvs&g* fifrsv i&o§sv aöt$ zb AlXfaw fivojia xob$ öitirpcöoos
«poYpdqptiv 8$sv xort AlXia tj 'IepouaaXifai • xal yip aüxdc ayiTjv &Xo3oav
19) Vgl. Ernst Dorsch a. a. 0. 8. 34, 70 und auch Aristides rbetor,
a. o a. 0 S. 109, § 68.
»») Vgl. Mommsen, Hermes XVI (1881) 474 ff.
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684
Ludwig Hahn,
sehen Rechtsanschauungen basierten. Schon im Anfang des
2. Jahrh. nach Chr. sind römische Prinzipien in der Recht-
sprechung in den Provinzen allenthalben maßgebend. Durch
die constüutio Antoniniana ward dann das römische Recht
völlig zum Reichsrecht 1 2 b). Mit dieser für den Romanismus gün-
stigen Entwicklung hängt es zusammen, daß die Landrechte
der zu Provinzen gemachten ehemaligen Staaten vor dem
Reichsrecht immer mehr zurücktraten ähnlich wie wir es im
neuen deutschen Reich erleben. Die Mediatisierung der meisten
abhängigen Staaten im Osten durch Vespasian förderte diese
Zentralisierung. So ist es erklärlich, daß die speziell römische
Wissenschaft, die Jurisprudenz, seit der Kaiserzeit Griechen
wie Orientalen nach Rom zog; denn die Kenntnis des römi-
schen Rechts war Vorbedingung für alle, die als Beamte Carriere
machen wollten. Der berühmte Rechtsgelehrte Papinian stammte
aus Phönizien, Ulpian aus Tyrus, Tribonian aus Side in Paph-
lagonien. Wenn auch das römische Recht durch den Einfluß
hellenischer bes. stoischer Anschauungen im Laufe der Jahr-
hunderte manche Veränderung erlitt, die Grundlage blieb so
sehr die national-römische, daß als Rechtssprache nur die
lateinische zu verwenden war. Durch den zur Zeit Diokletians
abgefaßten codex Gregorianus, durch die folgenden Sammlungen
des codex Hermogenianus und Theodosianus und schließlich
des codex Justinianeus ward die einheitliche Rechtsprechung
nach römischen Prinzipien wesentlich gefördert13).
Von Byzanz aus unterwarf sich bekanntlich der römische
Geist im Laufe des Mittelalters und der neueren Zeit, indem
er Europa in einer Art juristischer Renaissance, deren Anfang
vor der humanistischen liegt, seine Rechtsanschauungen auf-
zwang, die Welt zum dritten Male14).
12 M Vgl. z. B. L. Mitteis, Reichnrecht und Volksrecht 108. 164 f.;
Schulten, Wochenschr. f. kl. Philol. 1893, 11. — Betreffs der Rezeption
des röm. Rechts in Aegypten, dessen hergebrachte Verwaltuni? wenicr
geändert wurde, meint L. Wenger (Berl. philol. Wochensch. 1907, 147),
daß sich eine Art Kompromiß zwischen einheimischem und röm. Recht
vollzogen habe. — Die ägyptischen Ergebnisse dürfen m. £. nicht für
den Orient im allgemeinen generalisiert werden.
,3) Vgl. Bruns Sachau, Syr.-röm. Rechtsbuch, Lei pz. 1880, Kommen-
tar p. 315 ff.; L. Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht 202; cf. 156 ff.
14) Rudolph v. Unering, Geist des römischen Rechts I* Leipz. 1878,
S. 1: «Drei Mal hat Rom der Welt Gesetze dictiert, drei Mal die Völker
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Sprachenkampf im römischen Reich.
685
III.
Das römische Heer war ein Grundstein römischen Wesens
und Ausgangspunkt für die Verbreitung desselben. Den „ Grac-
culiis)u und Orientalen gegenüber behauptete der römische
ßürgersoldat im Bewußtsein der herrschenden Nation anzuge-
hören seine römische Eigenart10). Wie allgemein im Westen,
so war derselbe auch im Osten in gewissem Grade der Träger
und Verbreiter der lateinischen Sprache — .das romanisierende
Element des Reiches xocx' £$oxV)v ,7). Bei Apuleius18) kauu
man lesen, wie einem griechischen Bauern, der nicht lateinisch
▼erstand, von einem Legionär mitgespielt wurde. Die den
Legionen beigegebenen auxilia gewöhnten sich an römische
Disziplin, an römische Soldatenart und Soldatensprache. Wie
Arminiua im römischen Lager die lateinische Sprache lernte,
so wahrscheinlich früher schon ein Deiotarus, der sich sogar
zwei nach römischem Muster gebildete und eingeübte Legionen
schuf. Denn die Organisation und Bewaffnung der römischen
Heere wurde wie früher die der Mazedonier für Freund und
Feind — selbst für einen Hannibal — vorbildlich. Der Ein-
wirkung orientalischer Sitten und Unsitten auf die im Osten
garnisonierenden Legionen suchte man wenigstens in den ersten
beiden Jahrhunderten der Kaiserzeit durch Verlegung von Le-
gionen in den Westen und umgekehrt19) sowie durch häufigen
Wechsel der Offiziere entgegenzuwirken. Bei den auxilia da-
zur Einheit verbunden, das erste Mal, als dag römische Volk noch in
der Falle seiner Kraft stand, zur Einheit des Staats, das zweite Mal,
nachdem dasselbe bereits untergegangen, zur Einheit der Kirche, das
dritte Mal in Folge der Reception des römischen Rechts im Mittelalter
zur Einheit des Rechts; das erste Mal mit äußerem Zwange durch die
Macht der Waffen, die beiden anderen Male durch die Macht des
Geistes" etc.
") Vgl. PersiuB V 190 f:
Dixeris haec inter varicosoe centuriones,
Continuo crassum ridet Fulfennius ingens,
Et centum Graecos curto centusse licetur.
") Vgl. Gust. Friedr. Hertzberg, Gesch. Griechenlands unter der
Herrschaft der Römer 11. Bd. Halle 1868 S. 155 f.
ir) Vgl. auch M. Freudenberger, Beitrage zur Naturgeschichte der
Sprache, Leipz. 1900 S. 41.
1S) Metam. IX c. 39 ff. ; cf. Lucias, Asin. c. 44 ff.
19) Dies geschah auch unter Aurelian s. Groag bei Pauly-Wissowa
V 1412.
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Ludwig Hahn,
gegen war man bestrebt, den nationalen Charakter möglichst
zu verwischen. Deshalb wurden denselben römische Soldaten
beigegeben und römische Offiziere standen häufig an ihrer
Spitze. Der ausgediente Auziliarier erhielt das romische Bür-
gerrecht und ward so mit seiner Nachkommenschaft der herr-
schenden Nation zugesellt20). Die Aufnahme von Mannschaften
fast aller Nationen des Reichs in die Legionen, wie sie seit
dem 2. Jahrhundert stattfand, konnte der Romanisierung nur
forderlich sein20 Seit Septimius Severus bestand sogar die Prae-
torianergarde in Rom aus einer Auslese der tapfersten Völker
des Imperiums21). Ein ähnliches System der Verteilung der
fremdsprachigen Rekruten in deutsche Regimenter herrschte
bekanntlich bis auf die neuere Zeit in Oesterreich — nicht
zum Schaden des Reichsgedankens und der Stütze desselben,
des deutschen Elements. Wie der römische Soldat an Rhein
und Donau die Lagerstädte schuf, von welchen aus sich römische
Sitte und Sprache weit ins Barbarenland hinein verbreiteten,
so war es auch an den östlichen Grenzen. Städte wie Melitene
und Satala") in Kappadocien und Bostra23) in Arabien, wo
Legionen lagen, scheinen in der Umgegend in einem gewissen
durch den Wettstreit des Hellenismus beschränkten Ma/ie
römischem Wesen Eingang verschafft zu haben. Auch Dacien
wurde durch die Soldaten und Veteranen romanisiert, obwohl
die Hauptmasse der römischen Ansiedler aus Asien stammte.
Wir können ja heute in unserer Lagerstadt Metz beobachten,
wie trotz des zähen Widerstands des im Bewußtsein der B grande
nation* anzugehören hochmütig reservierten französischen Ele-
ments die Stadt immer deutscher wird. Im 2. Jahrh. standen
11 Legionen im Orient, ein ganz bedeutendes Gewicht in der
Wagschale des Romanismus. Im 3. Jahrhundert, als sich das
Reich in einzelne Nationalstaaten auflösen wollte, schien es,
als ob auch das feste Band des römischen Heeres, welches das
Reich noch zusammengehalten hatte, zerreißen sollte. Aber
,0) Vgl. Cod. Theodos. VII 20,2 und Mommsen, Hermes XVI 473 1
*>•) Aristides rhetor a. a. 0. S. 112 f.
n) Dio Cass. LXXIV 2. — Vgl. Mommsen, Die Konskriptiongordnunp
der röm. Kaiseraeit im Hermes XIX (1884) S. 62 ff. — Dorsch a. o. «•
0. S. 40.
") Vgl. CIL III p. 2063, 2225 ff., 2316».
") Vgl. CIL III p. 18. 968 f. 1214. 2803.
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Sprachenkampf im römischen Reich. 687
tüchtige Kaiser und Feldherrn, ein Aurelian24), ein Konstan-
tin, ein Theodosius, ein Aetius wußten römischen Geist auch
i den zum großen Teil aus Barbaren bestehenden Legionen ein-
zuflößen afi). Tausende von Germanen, von Armins Bruder
Flavus bis auf Stilicho, vergaßen, wenn ihnen die Ehre er-
wiesen ward, in den römischen Heeresverband aufgenommen
zu werden, ihrer Abstammung und Heimat und lernten, wie
noch heute die Deutschen die meisten Apostaten vom eigenen
Volkstum stellen, sich römisch zu geben und römisch zu fühlen.
Daß der römische Geist in den romanisierten Provinzialen und
dann selbst in den romanisierten Barbaren lange noch herrschte,
als schon längst kein Tropfen echten Römer bluts mehr existie-
ren konnte, ist der größte Triumph römischer Kraft. Denn
Rom erwies sich stärker als Blut und Rasse. Diese Umwand-
lung in der Denkart, die sich infolge des Dienstes im römi-
schen Heere, das der Welt ihre Herrscher gab, vollzog, finden
wir auch bei Orientalen. Ein junger Aegypter, von dem uns
ein Brief in einem Papyrus erhalten ist, schreibt stolz nach
Hause, daß er jetzt römischer Soldat sei und von nun ab einen
römischen Namen trage26). Ueberhaupt dachte auch in der
Zeit der sog. 30 Tyrannen niemand, soweit nicht die Reichs-
idee und der Patriotismus durch staatsfeindliche Ideen des
kosmopolitischen, zum Teil durch kommunistische (montanistische
und chiliastische) Utopien vom Boden der realen Verhältnisse
abgelenkten , überdies durch die Verfolgungen verbitterten
Christentums geschwächt worden war 27), an die Auflösung des
den Völkern als eine Art unantastbaren Heiligtums geltenden
M) Ueber die Wiederherstellung der militärischen Disziplin durch
Aurelian s. Eutrop. IX 14.
*•) 0. Seeck. Geschichte des Untergangs der antiken Welt I. Bd.
Berl. 1895 S. 415.
»•) Vgl. BGÜ II Nr. 423 (2. Jahrh.): Uaßoc ßidxixov «apA xai-
oapoc xpuooäC tP8t€ (De* Beiner Landung in Misenum) xod xaXftc poi
ioxtv . . . Ion ti pou övopa 'Avrövtj Mägtpoc (statt des ägyptischen Namens
"Artitov). 'Eppfitodui ot »öxopac — Ael. Aristides sagt (a. a. 0. §. 75
p. 113 Keil) von den mit der civitas beschenkten Rekruten: fioxs xal
aioxüv^Hjvai xd> XoiTtöv aöxoOj ixsivor>{ ?* dveircelv, ßdev ijoav xö Apxatov.
,TJ Vgl. z. B. Hippolyten», canon 13. 14, Cyprian ep. 1,7; 56,8,
dann bes. Schriften wie Tertullians Apologeticum (s. auch de cor. z. B.
11) und des Laktanz De mortibns persecutorum. — Paul de Lagarde,
Deutsche Schriften, Gött. 1892 S. 235.
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688
Lud wig Hahn,
Reiches28). Ein solches nefas lag den Prätendenten ebenso
ferne als spater einem Odoaker oder Theodorich, die der festen
Ueberzeugung waren, daß die römische Welt dnrch sie erhalten
und yerteidigt werde*9). Odenathus fühlte sich als Vertreter Roms,
Zenobia nannte sich Augusta und ließ ihre Söhne vor allem in
der lateinischen Sprache als der Reicbssprache unterrichten M).
IV.
Den römischen Legionen folgte der römische Kaufmann.
Was mit dem Schwerte erobert war, das wurde zur Ausbeu-
tung und Aussaugung dem römischen Kapitalismus überliefert
Bald wurden die Provinzen zu Domänen der reichen Kapita-
listen der Hauptstadt, auf denen die ehemaligen Besitzer ab
Pachter oder Sklaven fronten. Wie in unsrer Zeit nicht nur
Indien und Aegypten, sondern selbst das scheinbar unabhängige
Portugal fast vollständig in der Hand des englischen Kapitals
ist, so wurden die unterwürfigen Griechen und Asiaten lang-
samer zwar als die Eingeborenen des Okzidents durch Kriege,
aber eben so sicher durch die Finanzpolitik in allen materiellen
\ erhältnissen von Rom abhängig und häufig ihrer Existenzbe-
dingungen beraubt und ruiniert. Wie die Irländer durch den
dauernden Druck der englischen Großgrundbesitzer teils zur
Auswanderung genötigt teils an den Bettelstab gebracht wor-
den sind, so wurden die einst so geistesmächtigen Griechen in
Sicilien ganz abgesehen von der Raubsucht von Statthaltern
wie Verres bes. durch den immer stärkeren Uebergang des
Grundbesitzes in römische Hand der Verarmung preisgegeben,
so daß dieser herrliche Zweig griechischen Volkstums allmäh-
lich abstarb. Schon zur Zeit Strabos war die einst von volk-
reichen Städten erfüllte Insel zu einer von Hirten bewohuteu
Einöde geworden — eine Folge der durch den echt römischen
Trieb nach Macht veranlaßten Gründung mächtiger latifundia,
die im Besitze des Großkapitals, wie der alte Plinius sagt.
") Vgl- auch 0. Kretschmar, Ueber das Beamtentum der röm
Kaiserzeit, Ak. Antrittsrede, Gießen 1879 S. 60.
w) Vgl. Franz v. Löher, Kulturgeschichte der Deutschen im Mittel-
alter I. Bd. Münch. 1891 S. 848 ff.
80) Trebell. Pollio Tyr. trig. 30: filioa Latine loqui iusserat, ita ut
Graece vel difficile vel raro loquerentnr. Ipsa Latini sermonis non usque
quaque gnara, sed ut loqueretur pudore cohibito. — Joh. Oberdick, Die
rOmerfeindlichen Bewegungen im Orient während der letsten Hälfte
des 3. Jh. n. Chr., Berl. 1869 S. 85. 88.
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Sprachenkampf im römischen Reich.
Italien schon ruiniert hatten und die Provinzen noch ruinieren
sollten. In Asien waren Gemeinden und Könige von Schulden
erdrückt. Wie es dort zuging, zeigt uns, was Cicero von den
Salaminiern auf Cypern erzählt. Diese schuldeten dem Brutus,
der sonst nur als phrasenreicher Freiheitsheld und als repu-
blikanischer Tugendbold bekannt ist, einige Talente. Als sie
ihm die selbst für einen Wucherer übertriebenen Zinsen nicht
zahlen wollten, wurden die Ratsherrn der Stadt im Rathaus
von einer Schwadron römischer Reiter solange eingeschlossen,
bis fünf derselben verhungert waren. Wir begreifen, daß
sich unter solchen Umständen die Provinzialen zu Caesar und
den Caesarianern hielten und nach der kommenden Monarchie
sehnten, was dem im republikanischen Doktrinarismus und
Phrasentum befangenen Cicero als , tnira amentia ■ erscheint. Die
Monarchie bedeutete denn auch eine, wenn auch nicht voll-
kommene Erlösung von dem rücksichtslosen Druck einer selbst-
süchtigen und beschränkten Aristokratie. Der Untergang der
hellenischen Freiheit hatte lange Zeit — und das war die
schlimmste Folge der Wirkung römischen Wesens — auch die
geistige Schaffenskraft der Hellenen, wie das Beispiel Siciliens
zeigt, geschwächt. Unter dem Kaisertum aber erlebte der
Hellenismus materiell und geistig eine Renaissance, die den-
selben gegen den Roman ismus stärkte.
Auf die Zahl der in eigenen Gilden, den sog. conventus^
vereinigten und fast mit dem Monopol privilegierten italischen
Kaufleute im Osten läßt die Angabe des Valerius Mazimus
schließen, daß Mithridates in Kleinasien 80000 Italiker —
nach Plutarch waren es sogar 150 000 — hat ermorden lassen.
Auf Delos, dem römischen Emporium für den Osten, sollen
damals 20000 Römer getötet worden sein. Diese conventus
wurden in der Kaiserzeit verstärkt durch entlassene Veteranen,
die als Händler ihr Brot verdienten. Je mehr jedoch im Ver-,
laufe der Kaiserzeit die Provinzialen den cives gleichgestellt
wurden, umso mehr verloren die Römer ihr kommerzielles
Uebergewicht. Ihre Nachfolger sind auch im Westen Syrer
und Juden 81). Mit dem Siege des Christentums zogen viele
81) Vgl. Ernst Kornemann. De civibos Romanis in provinciis imperii
conaiatentihu8fDi88.Berl. 1891, S. 78 f. — Friedländer, Sitteng. Roms II 6 78 f.
— Scheffer-Boichorst, Mitt f. österr. Geschichtsforschung Vi (1885) 528 ff.
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690
Ludwig Hahn,
Pilger aus dem Westen nach Palästina32) und blieben zum
Teil als Mönche dort, wie Hieronymus, der seine meisten Werke
in einem Kloster bei Betlehem verfaßte. Diese Wallfahrer
losten die Züge der Vergnügungsreisenden ab, die in den Zeiten
des Heidentums — man denke nur an Hadrian — die ge-
schichtlich oder auch landschaftlich merkwürdigen Statten in
Hellas und im Orient bes. in Aegypten, den Engländern33) in
unseren Tagen vergleichbar, in Menge besucht hatten.
Natürlich fanden mit dem Emporkommen des römischen
Handels auch die Maße und Münzen der Römer im Osten
Eingang. Die römische Meile ist schon dem großen Geogra-
phen Eratosthenes bekannt. Es entsprach dem Zentralisierungs-
bedürfnisse der Kaiserzeit, daß die römischen Maße rechtlich
Reichsmaße, die römischen Münzen Reichsmünzen, der römische
Kalender Reichskalender wurde. Doch verfuhr man hierin
nicht mit doktrinärer Konsequenz ; man beließ die einheimischen
Maße, wo sie nur den römischen angeglichen werden konnten.
Aehnlich wie die Engländer verstanden es die Römer zuzuwar-
ten, bis die Verhältnisse ein Fortschreiten der Zentralisierung
d. h. der Romanisierung rätlich erscheinen ließen. So ward
der denarius — das Wort existiert noch heute im Neugrie-
chischen, in den Sprachen der Balkanvölker und in denen
Westasiens84) — zu Ungunsten der attischen opax^ dieser
gleich gewertet, aber die SpaxuV) nicht außer Kurs gesetzt.
Die römischen Münzen wurden selbst in Arabien, Indien
und China bekannt; denn für die importierten Gewürze, Edel-
steine und sonstigen Kostbarkeiten dieser Lander ging das
römische Geld als Exportartikel ins Ausland, ein Hauptgrund
:!*) Vgl. Anton Baumstark, Abendländische Faläatinapilger des ersten
Jahrtausends und ihre Berichte. Vereinsgaben der Görres-Gesellschaft,
Köln 1906.
M) Vgl. hiezu J. P. Mahaffy, The Greek world nnder Roman sway,
Lond. 1890 p. 11: I imagine tbe Romans to have held the place in
European disfavour wbich the middle claas Englishman now holde,
who knows no foreign tongue, reepecta no foreign babit, recognisea no
foreign vir tue, but walks through the world assuming the English
respectability, just aa the Roman aauumed bis gravi tat, to be the
stamp of a superior race.
*) Vgl. Guat Meyer, Sitzber. Akad. Wien Bd. 182 (1895) III
S. 1 ff.
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Sprachenkampf im römischen Reich. 691
der allmählichen Verarmung und späteren Finanznot des
Reichs 3S).
V.
Was Rom für die Welt in religiöser Beziehung geworden
ist und noch ist, das sichert dieser Stadt vor allem den Titel
der bedeutendsten Stadt in der Geschichte der Menschheit. Und
wenn Ihering*6) in der Einleitung zum „Geist des römischen
Rechts ■ sagt, daß Rom sich dreimal die Welt unterjocht habe,
durch die Gewalt der Waffen, durch die römische Kirche und
durch das römische Recht, so ist die zweite Eroberung sicher
die dauerndste.
Wie nun kam Rom zu einer so gewaltigen Stellung in
der Religion? Diese Umwandlung Roms aus einer Macht des
Schwertes zu einer geistigen Macht ist eine der bemerkens-
wertesten Metamorphosen der Weltgeschichte, eine Metamor-
phose, welche die Weltstadt erst zur ewigen Stadt gemacht hat.
Wenn auch Dionysios von Halikarnaß meint, es sei für
alle Untertanen Roms ersprießlich, die gewaltigen Götter der
Römer nach deren Weise anzubeten, so ist doch die altrömische,
juristisch formelhafte und gemütsleere Art der Gottesverehrung
von den Hellenen und zumal vom Orient, der Mutter der Re-
ligionen, kaum anders als wegen einiger äußerlicher Gebräuche
beachtet worden. Anders wurde es, als mit der Einführung
der Monarchie die tolerante, altrömische Götterverehrung durch
die neue Staatsreligion, den Kaiserkult, zurückgedrängt wurde.
Durch den Kaiserkult, der allerdings ursprünglich nur eine
Nachahmung des orientalischen, vom Hellenismus übernomme-
nen Herrscherkultes war, sollten den zentralisierenden Bestre-
bungen des Kaisertums entsprechend die Volksreligionen ver-
dunkelt und verdrängt werden. Die neue Reichsreligion sollte
wie das Reichsrecht allmählich bei allen Reich sangehörigen
") Gf. Mor. Voigt, Privataltertümer und Enltargesch. d. R. (in
Iwan v. Müllers Handbuch <L klana. Altertum»- Wiss. 4. Bd. 2. H.),
Nördlingen 1887 S.897 ff. — Ueber die Bezeichnungen e^Ytovfexagium),
luXtapijoiov (miliarenae), <p<JJUtc (follis) ■. Hultech, Metrol. * 327 f. 830.
341. 843. — Kreuser, Verb. d. 5. Philol. Vert., Ulm 1842 S. 99. — Galen
ed. Kübn XII 931s; XIII 428 b, 435, 893 as.
«•) S. o. 8. 684 A. 14.
Philologe, Sapplementband X, riertei Heft. 45
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692
Ludwig Hahn,
Anerkennung finden. Das Opfer vor dem Kaiserbild war die
Unterwerfung unter die Hoheit Roms auch in Sachen der
Religion87). Im Gefolge des Kaiserkults verbreiteten sich, die
zu Ehren der Kaiser veranstalteten Gladiatorenspiele, die von
den sog. Kaiserpriestern, den Statthaltern und den Vasallen-
fürsten gegeben wurden, über Hellas — in Athen war zur
Stätte dieser Metzeleien das Theater des Dionysos geworden ! —
und über den ganzen Orient. An den Kaiserfesten wurden in
den Amphitheatern des Ostens wie des Westens Hunderte von
Menschen dahingeschlachtet , wobei allerdings das religiöse
Moment gegenüber dem politischen erst mit den Judenkriegen
und Christenverfolgungen mehr hervortrat.
Die Kaiserreligion mußte denjenigen Volksreligionen gegen-
über, die sich ihr nicht assimilieren und unterstellen ließen, unduld-
sam werden. Das erfuhren zuerst die Juden. Die Erbitterung
derselben ob der Verletzung ihrer religiösen Ueberzeugung
durch Aufstellung von Kaiserbildern in den Synagogen —
Caligula wollte seine Bildsäule sogar in den Tempel Jehovahs
bringen lassen — entlud sich im jüdischen Kriege. Die Ver-
weigerung des Kaiserkults war dann in der folgenden Zeit der
Hauptanlaß der Christenverfolgungen.
Nach der Zerstörung der heiligen Stadt des alten Bundes
suchte das Christentum einen neuen Mittelpunkt, eine neue
heilige Stadt. Es fand ihn in Rom, der Stadt der Märtyrer,
der Stadt der Hauptapostel Petrus und Paulus. Der Todestag
Jerusalems ward sozusagen der Geburtstag des Papsttums. In
Rom kam unter Einwirkung der römischen Anschauung von
der Machtfülle und Unabsetzbarkeit des magistratus der Un-
terschied zwischen Klerus und Laien zu immer deutlicherer
Entfaltung. Die Autorität des Bischofs galt für unantastbar
wie die des römischen Beamten. Die christliche Gemeinde in
Rom gilt schon Ignatius, dem Bischöfe von Antiochia, der zur
Zeit Trajans als Märtyrer starb, als die erste der Christenheit.
Im 3. Jahrhundert wird der römische Bischof als der erste des
Reichs hingestellt88).
87) Edwin Hatch, Griechentum und Christentum, Deutsch von Erwin
Preuschen, Freib. i. Br. 1892 S. 15.
M) Vgl. Irenaeus adv. haer. III 8 und das Auftreten Papst Viktors
1.(102-202) im Osterstreit; cf. Euseb. H.E. V c. 24. Kaiser Aurelianus
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Sprachenkampf im römischen Reich.
693
Konstantin d. Gr. gelang es zwar, das Christentum durch
kluge Nachgiebigkeit für den Staat zu gewinnen oder vielmehr,
wie einsichtige Kirchenvater erkannten39), dem Staate dienst-
bar zu machen40), aber die vom Kaiser aufgegebene Borna
schuf sich jetzt im Papsttum eine neue Form für den ihr vom
Schicksal gegebenen Beruf, die Weltherrschaft41)- Wie das
Christentum in Rom von der römischen Idee der Weltherr-
schafterfaßt wurde42), wie es immer mehr römischen Anschau-
ungen und Satzungen sich anschmiegte, römische Sitten und
Gebräuche Übernahm, wie es auf Grund römischer militärischer
Disziplin und juristischer Konsequenz eine mächtige Hierarchie
*
entschied in dem Streite betreffs der Absetzung des Bischofs Paulus
von Saniosata zu Antiochia, daß derjenige Bischof in Antiochia sein
solle, den der Bischof ?on Born und die von Italien anerkennen
würden; Euseb. H. E. VII 30, Ad. Harnack, Mission und Ausbreitung
des Christ S. 435. Vgl. Ad. Harnack, Wesen des Christentums, S. Aufl.
Leipz. 1900 8. 61. 72. 84 ff. 124 f.; H. Grisar, Gesch. Roms und der
Päpste im M.-A., 1. Bd. Freib. i. Br. 1901, S. 242 ff. — Tschirn, Zeitschr.
f. Kirchengesch. XII 228 ff. — Th. Keim, Rom und das Christentum,
Berl. 1881 8. 340.
••) Vgl. S. Hilarii ad Constantium Aug. 1. I c. 4 und 5 (Ausg. von
Franz Oberthür, Würzb. 1785) und bes. c. 7 s. : Proclamo tibi, Constanti,
quod Neroni locuturus fuissem, quod ex me Decius et Maxiniianus audiret
Contra deum pugnas, contra ecclesiam saevis, sanctos persequeris, . . .
religionera tollis, tyrannus non iam humanorum, sed divinorum es . . .
Chnstianum te mentiris, Christi novus hostis es etc. c 8: Plus crudeli-
tati yestrae, Nero, Deci, Maximiane, debemus. Diabolum enim per vos
vicimus . . . At tu, omnium crudelium crudeliasime, damno maiore in nos
«t venia minore desaevis ....Sed haec ille pater t u u s (!)
artifex humanarum mortium, docuit, vincere sine contus
melia, iugulare »ine gladio, persequi sine infamia, odire sine suspicione
mentiri sine intellegentia, profiteri sine fide, blandire sine bonitate
agere, quod velis, nec mamfestare, quae velis . . . Dem Jul. Firmicu
Maternus (De errore profanarum religionum) sind die Kaiser Constantius
und Constans immer noch saeratissimi imperatores (6.1; 8,4; 16, 4 etc.)
und Vertreter der christlichen Staatskirche ; cf. 29, 1 : vobis, saeratis-
simi imperatores, hoc dei summi lege praeeipitur, ut severitas vestra
idololatriae facinus omnifariam persequatur; cf. 16,4. 20,7. 28,6. —
Vgl auch Leo Tolstoj, Mein Glaube, übers, von Raphael Löwen/eld,
Leipz. 1902 S. 297 ff.
») Euseb. vita Const IV 42. - Vgl. Gaston Boissier, La fin du
paganisme t I Par. 1901 p. 66 ff. — Th. Preger, Konstantinos-Helios,
Hermes XXXVI 462 ff. — Ueber Theodosius d. Gr. s. Corp. Just. I 1, 1.
— Justinian, der letzte bedeutende Vertreter des alten Reichsgedankens,
ist »die eigentliche Verkörperung des Cäsaropapismus'; cf. H. Gelzer,
Staat und Kirche in Byzanz 199 ff
") Vgl. Harnack, Wesen des Chr. 154 ff. — Hef ele, Couciliengesch.
I. Bd. Freib. 1885 S. 7. 80. 88. 88.
*•) Tschirn, Zeitschr. f. Kirchengeach. XII 217.
45*
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Ludwig Hahn,
aufbaute 4I), wie «eine Heere von Priestern und Mönchen weit
gewaltigere Eroberungen machten, als es in ihren kühnsten
Träumen die Casaren hatten ahnen können, das lehrt uns die
Geschichte des Christentums im Mittelalter. Winfried, der
romanisierte Angelsachse, und Hildebrand, der romanisierte
Langobarde, leisteten für Rom und Romanisierung weit Grös-
seres und Dauernderes als die Scipionen oder ein Cäsar. Die
Kirche hatte aber ihre in römischem Geiste erzeugte Organi-
sation und Rüstung gegenüber der ringsam andrängenden
Barbarei als einziges Schutzmittel für die im Christentum er-
haltenen Reste der antiken Kultur unbedingt nötig. Was
wäre aus der Kirche und aus der in ihr gehaltenen Lehre
Christi ohne jene gewaltige Kampfesorganisation geworden, die
wie alles Große in der Welt auf der geistigen Kraft einzelner
hervorragender Persönlichkeiten aufgebaut war ? Sie bedeutete
den Schutz gegen Verweltlichnng im schlimmsten Sinne, wie
sie etwa die verkor amene Kirche des Merowingerreiches zeigt.
VI.
In welchem Maße und Grade nun der Romanismus im
Osten Einfluß gewonnen hat, das läßt sich am genauesten an
der Sprache erkennen. Bei dieser Untersuchung sind vorzüg-
lich zwei Fragen zu beantworten. Erstens: „Welche Erobe-
rungen machte die lateinische Sprache im Osten ?■ und zweitens :
»Wieweit ging die Latinisierung der hellenischen bez. der
orientalischen Sprachen **) ?*
Schon in einem der platonischen Briefe, die wahrschein-
lich im dritten Jahrhundert v. Chr. geschrieben sind, wird die
Befürchtung ausgesprochen, daß die Sprache der Griechen des
Westens entweder der punischen oder der der Opiker d. h.
der Römer erliegen werde. In der Zeit der Republik war die
offizielle Sprache des römischen Beamten im Verkehr mit
Griechen die lateinische, was Valerius Maximus eigens hervor-
**) Wilh. Soltau, Das Fortleben des Heidentums in der altchrist-
lichen Kirche, Berl. 1906. S. 210 ff. — Ed. Rabaud, Altheidnieche Wur-
zeln im katholischen Kultus, deutsch v. G. L. (cf. Lit Z. - Bl. L 1699)
war mir nicht zugänglich.
**) Vgl. auch Albert Thumb. Die griech. Sprache im Zeitalter de»
Hellenismus, Straßb. 1901 S. 152 ff. und L. Lafoscade, InBuence da latin
sur le grec a. o. a. 0. S. 100 ff.
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695
- bebt. Cato der Aeltere hielt zur Zeit des Krieges mit Antio-
chus eine lateinische Ansprache an die Athener. Nach der
r Schlacht hei Pydna verkündete Aemilius Paulus den Macedo-
■2 niern die Beschlüsse des Senats in der Sprache Roms. In
- solchen Fällen waren natürlich Dolmetscher nötig. Der erste
„ Grieche, der ohne Dolmetscher im Senate gehört wurde, war
s wahrscheinlich Apollonios Molo. Dem Cicero wurde es noch
zum Vorwurfe gemacht, daß er vor dem Rate von Syrakus
j. griechisch gesprochen habe. Die Senatsbeschlüsse, die an
c Griechen ergingen, die Erlasse der Statthalter, die Verord-
nungen der Kaiser waren im Urtext lateinisch abgefaßt **).
, Eine wörtliche griechische Uebersetzung wurde von Amts wegen
3 in Rom besorgt und beigegeben. Dies war in der Kaiserzeit
, die Aufgabe der Beamten der griechischen Kanzlei Kon-
t stantin d. Gr. verfaßte seine Reden in lateinischer Sprache,
dann wurden sie von eigens dazu bestimmten Beamten ins
Griechische übersetzt47).
-
Die Heeressprache war selbst in Aegypten, das nicht als
Provinz, sondern als dem Reiche angegliederte Domäne des
i Kaisers galt und nach dem von den Ptolemäern überkomme-
nen System unter Beibehaltung der griechischen Amtssprache
*») Vgl. z. B. Eub. H. E. IV 8 extr. X2,2; 5; Ath. Mitt. XXVII
(1902) 82; Dirksenl 48 f. ; CJL. III 852.7000 die Epistula Ablabii praef.
praet. Orientis ad Orcistenos und das Rescriptum Constantini Maximi.
filiorumaue ad Orcistenos a. 8S1 (cf. Mommeen, Herraes XXII (1887)
S. 809 n.) ; L. Mitteis, G riech. Urkunden der Papyrussammlung zu
Leipzig, 1. Bd. Leipz. 1906, Nr. 44 (Lateinisches Reskript des Diokletian
Uber die Privilegien der 8chauspieler und Athleten]; A. 8chulten, Zwei
Erlasse des Kaisers Valens Uber die Provinz Aaia in d. Jahresheften d.
ftsterr. arch. Inst IX (1906) 40—70, bespricht den lat. Erlaß an Eutropius,
wahrscheinlich den Verfasser des Breviarium, dann einen lat. Erlaß
an Festos mit griech. Uebertragung. Letztere schien nötig, weil der-
selbe auch für die Provinzialen von Wichtigkeit war.
*•) Notitia Dignitatum Or. c. XVII § 4 (ed. Böcking 1 50): Magister
epistolarum Graecarum eas epistolas, quae graece emitti solent, aut ipse
dictat aut Latine dictatas transfert in Graecum. Eunap. v. soph. ed.
Boissonade p. 177 sagt von Nymphidianos : 6 Äs aoroxpiTcop looXtÄvic,
aih$ xal rrjv ßaoOUxty fl&vm enixpB^e, xal{ imcnoXal^ exiar^oac, fioai
of. p. 108. — Har. Steinacker,
Die röm. Kirche und die griech. Sprachkenntnisse des frühen M.-A. in
der Festschr. Theod. Gomperz dargebracht zum 70. Geburtstage, Wien
1902, 8. 889. — Ed. Dirksen, Civilistische Abhandlungen, Berl, 1820, I 53.
4T) Bueeb. vita Const.IV 32; cf. III 18.C.Fr. Weber, De latine scriptis,
quae Graeci veteres in linguam suam transtnlerunt, park II, Cassel
1848 S. 1.
I
*
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696 Ludwig Hahn,
verwaltet ward, lateinisch) wie z. B. die durch Papyri erhal-
tenen. Fragmente eines römischen Militärarchivs erweisen **).
Noch am Ende des 5. Jahrh. ist die Komniandosprache im by-
zantinischen Heere die lateinische4*). Die offiziellen Inschriften
von Beamten und Offizieren, auch die römischer Kolonien w)
sind im Orient lateinisch »). Doch findet sich häufig eine
griechische Uebersetzung beigegeben. Ebenso waren die Auf-
schriften der Reichsmünzen lateinisch, die der Provinzial münzen
sind bis auf Trajan meist lateinisch oder doppelsprachig. Grie-
chische Buchstaben als Wertbezeichnung auf Münzen erscheinen
erst unter Kaiser Anastasios (491—518), eine griechische
Legende erst unter Heraklios (610— 641) M). Aehnlich ist es
mit den Meilensteinen68).
Lateinisch war auch die Sprache des römischen Rechts.
Die Anwendung dieser Sprache war schon durch den Gebrauch
der üblichen verba legitima bedingt54). Diese werden noch in
den Novellen und in der im 6. Jahrhundert gefertigten grie-
chischen Paraphrase der Institutionen, die den Namen des
Theophilos trägt, lateinisch wiedergegeben. Man vergleiche z. B.
Ausdrücke wie „ärcep yap divini iuris ioxtv* oder „aö-rn yap non
iure civili facta fcottv 8 oder » xb iuris gention * , , Suvaxat usucapere ■ ,
„ excusateueoO-toaav 8 oder , V) emancipata ^uydiTjp 66). a Was dem
**) Jul. Nicole et Ch. Maret, Archives militaires da premier siecle,
Geneve 1900. — Vgl. Blümner, N. Jahrb. III (1900) 432 ff. und Archiv
f. Papyrusforschung III (1904) 1 ff.
*•) Zachariae von Langenthal in der Byz. Zeitschr. III 487 ff., J. B.
Bury, A. history of the later Roman empire Lond., 1889, II. Bd. c. 7.
p. 172. Cf. o. S. 714.
l0) Vgl. z. B. CIL. III p. 3 und CIL. III n. 165 f. aus Berytus, 284 f. ans
Germe, 289 f. 296 ff. aus Antiochia in Pisidien, 835 aus Aparaea (Myrlea\
629 ans dem Municipinm Stobi. — Cf. CIL. III n. 6786. 6810 ff. 6835 ff.
6873. 6889. 7168 ff. — Kubitschek, Wiener Studien XXIV (1902) S. 580.
") Vgl. auch Angust De civit. Dei XIX 7: At enim opera data
est, ut imperiosa civitas non solum iugum, verum etiam linguam suam
domitis gentibns per pacem societatis inponeret.
") Vgl. Lafoscade, Infi. 185. — Krumbacher, Gesch. d. Byzant
Litt« S. 4.
M) Cf. z. B. CIL. III 204 ff. 218 f. 226 ff. 306 ff. 344 ff. 463 ff. 572 f.
708 ff. 6683. 6648 ff. 6715 ff. 6893 ff 6956 f. — O. Hirschfeld, Die röm.
Meilensteine, Berl. Sitzber. 1907, 165 ff.
M) Cf. Modestinus, Dig. XXVII (de excus.) 1, 1 und Weber a. o.
a. O. I 25.
bt) Triantaphyllides, Lexique des moU Latins dans Theophile et
les novelles de Justinien bei Jean Psichari, Etudes de philologie neo-
grecque, Par 1892, S. 159 ff. 255 ff. — S. auch Krumbacher, Byz. Zeitschr.
VII (1898) 467.
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Sprachenkampf im römischen Reich.
697
Volksrecht überlassen blieb, wurde im Osten zumeist griechisch,
was römischen Rechtes war, wohl zumeist lateinisch mit Beiziehung
von Dolmetschern verhandelt. Den Gebrauch der lateinischen
Sprache vor Gericht69) veranschaulicht uns auch ein in einem
Papyrus erhaltenes Protokoll aus dem 4. Jahrhundert57). In der
Kaiserzeit wurde allerdings sogar im Senate Zeugen auch in
griechischer Sprache Gehör gewährt, obwohl Kaiser wie Tiberius
und Claudius möglichst auf der Anwendung der Reichssprache
bestanden zu haben scheinen.
Ein wichtiger Faktor für die Verbreitung der lateinischen
Sprache im Osten war ferner der Handel. Ueberall, auch in
kleineren Städten, blühten die conventus civium Bomanorum M).
Die Inschriften derselben sind zum großen Teil lateinisch oder
doppelsprachig abgefaßt. Plutarch erklärt, daß zu seiner Zeit
fast alle Menschen die lateinische Sprache gebraucht hätten,
was wohl so aufzufassen ist, daß man damals die lateinische
Sprache überall sprechen hörte und sich in ihr verständigen
konnte. Die große Anzahl bilinguer Inschriften bestätigt
Plutarchs Angabe. Doch blieb die eigentliche Verkehrssprache
im Osten des Reichs immer die griechische.
Andererseits unterlagen Griechen und Orientalen, wenn
sie sich längere Zeit im Westen aufhielten, naturgemäß der
Einwirkung des Romanismus und der lateinischen Sprache.
Mochten sich die in Rom und in anderen größeren Städten
des Westens wohnenden Angehörigen fremder Nationen auch
M) Vgl. auch Philol. LX1I (1903) 133 ff. (0. Crusius, Lateinische
Schrift in griech. Texten), wo z. B. angefahrt Zosim. V 41 p. 271
Mendelss: . . . xf,$ &vdps'.ac r)v xaXoftat 'Pojjaoäoi Virtutem. — In einem
von Mylasa (BCH. XX [1896] 542) erscheint im griech. Text
Bucclam(atum) est (Zeit des Septim. Severus). — Krumbacher, Byz.
ZeitHchr. VII (1898) S. 467. — C. W. J. Heimbach. Art. Griech. — röm.
Recht in Ersen und Grubers Encykl. Bd. 86 S. 198. 224. 227 f. 281 ff.
235 ff. Beispiele aus den juristischen Fragmente Sinaitica (2. Hälfte d.
5. Jahrh.) s. bei. M. R. Dareste, Fragments inödits de droit romain
d'apres un xnanuscrit du mont 8inal im Bull, de correap. hell. IV (1888)
449—460, z. B. 8. 457 : Legitimos oft öuvaxat legitimo ÄXXcp in iure cedere
rrjv ftmTßoiryjv, oöre oföv ts atkiv xal legitimon ttvat xal cessitium. —
Cf. auch Triantaphyllides a. o. a. 0. p. 174 ff. — Kreuser a. a, 0. 120.
— O. Jmmiscb, De glossis lexici Hesychiani Jtalicis, Diss. Leipz. 1885
S. 350 ff.
*7) Bei L. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlung zu Leip-
zig, Leipz. 1906 Nr. 40. 8. u. S. 701 Anm. 77.
*) vgl. Kornemann bei Pauly-Wissowa s. v.
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698 Ludwig Hahn,
national zusammen — und gegen das Römertum abschließen, wie
«s jetzt die Slaven in Wien gegenüber dem Deutschtum zu tun
versuchen, die einheimische Sprache drängte sich ihnen wenigstens
in der Folge einiger Generationen auf. Allerdings haben die
Christen in Rom bis in das dritte Jahrhundert die griechische
Kultsprache beibehalten 69), aber das Griechische war für die-
selben als Sprache des N. T. eine heilige Sprache 60) und eine
solche erhält sich bekanntlich wie z. B. das Sanskrit oder das
Hebräische auch dann noch lange, wenn sie sonst schon längst
als eine im praktischen Leben nicht mehr übliche zu betrachten
ist. Wien, das an der Peripherie des deutschen Sprachgebietes
liegt, ist ein Germanisierungsfaktor ersten Ranges. Rom, das
mitten im italischen Sprachgebiete lag, das mehr Zuzug aus
dem Westen als aus dem Osten erhielt, muß eine mindestens
gleiche Wirkung ausgeübt haben. In Rom lernten abgesehen
von Sklaven und Freigelassenen viele griechische Gelehrte die
Sprache der Sieger, ebenso Geschichtschreiber wie Dionysios
von Halikarnaß, Diodor, Piutarch, Arrian61), AppianM), Dio
Cassius03), Herodian"), Eusebius65), Zosimus68), der Kirchen -
*•) Vgl. C. P. Caspari, Quellen »ur Gesch. des Taufsymbols Bd. III.
Christiania 1874 S. 304 f. 409. 428. 435. 437. 450. 463 f. - Har. Stein-
acker a. o. a. 0. S. 324 ff.
■■) Bezeichnend für die Unantastbarkeit der Sprache des N. T. ist,
was Soaomenos (H. E. I 11) erzahlt Als ein christlicher Redner statt
des von den Attesten beanstandeten xpdßßaxog das für klassisch gel-
tende oxlpnouc (cf. Lobeck, Phrynich. 62) gebrauchte, wurde ihm ange-
rufen: 06007* tystveov toö xpdßßaxo* (er. Marc. 2, 12: dpag xöv xpäßßa-
XOV |PfJ?.dsv) SlpTIXOTOg.
•l) Peripl. Pont Eux. VI 2, XI. Cf. Tact. 20: ^jvnvo «Po^loi
& X yj v xaXcGoi.
•j) Prooem. 15, B. C. IV 8—11 ; cf. II 146 ; cf. Weber a 0. a. O. I
49. Vgl. <pXau.«vx<xc = flamen B. C. 165, Ivxspprjg B. C. I 98,
lYxooiXlvoc = inquilinus B. G. II 2V xo opia B. C. III 94 mit Er-
klärung; cf. Ludwig Götzeier, Quaestiones in Appiani et Polybii dicendi
gen us, WÜreb. 1890 8. 7 f. 82 ff. und bes. 74. — Lafoscade, Infi. 110.—
Mdpxoo *Avxo>v(voo xA sie fcaoxöv (ed. Jo. Stich) 15 xaX|iooXApioc fj
oxootdptoc, 116 oötpvdxXog ... oxoXaoxixoc, VII 8 oi^tX-
Xdpta veupocTCaaro'jixeva.
*) LV 8, 4—5: aöxxcoptxac iylfvs-zo mit Erklärung, XLVIII
12, 3 : ßooXtjv xaXiY&xav dxo xffc "töv oxpaxuotivujiv ö-oÄ^ixwv xpr^vag,
LXXI, 9 xaXoOoi oe xö xdrjia ot Taxiertet X e y e ö v tx , XXXV II 27: xö ötj
Xrröusvov xspÖo»sXX£a>voc 6 Taßlptoc «xpifrij, LX VIII 28, 1 : Cxxtjioc
= Äpioxog, XLIII 1,33: Öt xxattopeöco, LXXU 19,2: xoff osxofcxwpog
xaXou|i6vou etc.
•*) Vgl. Ludw. Gfttaeler, Observationes Herodianeae, Würzb. 1888
S. 4 ff. Cr. Herod. V 4, 9 die Erklärung von xpatxcop tavög. — Jnl. de
Poblocki, De Herodiani vita, ingenio, scriptis, Diss. Münster 1864 S. 29 ff.
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Sprachenkampf im römischen Reich. 699
LT
1*
3
der lateinischen Sprache kundig. Wer von Griechen oder
; : Orientalen in Rom oder an der berühmten Rechtsakademie der
romischen Kolonie Berytus 69) sich mit dem Studium des Reichs-
,: rechte befassen wollte, der mußte zuerst Lateinisch lernen70).
•») Vgl. S. 700. — Cf. auch Ens. H. E. V4:Xsy«öv<x... xspao-
voßöXov t§ Twpizüflv iroxXijd-sloav ?<0V$ (Erzählung von der sog. legio
fulnrinatnx); vgl. V 5: ixl xf)c MsXixqvfjc oöxa> xaXoouivijc Xi^eßvoj;
H. E IX 5 : oxpatoitefidpx^C, 8v 8 o 0 x a Twfiorta rcpooaYopsöoooiv etc. Vgl.
Kreuser, Verh. d. 5. Vers, deutscher Philol. etc. Ulm 1842 8. 102.
— Latinismen bei Julianus Apostata: ep. 25 ('Ioyöaitov x$ xoiv$): itopl
itapitoxa xd ß p i ß i & xd xafr' öjiöv iv xotc tuotc 9«piv(ot( ditoxs{u*va,
ep. 43: Ev' slg tjjv ßao&stav x&v oöpavöv suodwxspov icopsu&ant (ot *v Tg
'E5doqj raXtXatot) .... ixsXsöoajisv . . . xd xr^iaxa xotg ^usxipoig rcpoo-
-is^vat itptßdxotg, tva ravöuavoc ooxfpovÄai xal jitj oTspr^iaiv, IX«£-
£gooiv oipaviou ßaoiXsiac. — Gg. Brambs, Studien zu den Werken Julians
d. A. I, Progr. Eichstätt 1897 8. 12.
8Ä) Weber II 30 f. — Vgl. auch Zos. II 9 : xoöc itspi xtjv aöX*jv oxpaxtt&xas,
oög wp a t x a> p t a v o u 5 xaXoÖotv; cf. II 17: xoug tk itpouxo>ptavo6c
oxpaxuoxac; II 25: ^)Y*(Aiva xßv iv aöX$ xd£tu>v 5vxa — jidytoxpov
xoffxov d<p9ix(ttv xaXoOoi 'Ptou.atot, V 32: xöv dou.sax{xa>v xdyuaxo^
. . . . xßv iv xfj aöXfl xd^wov udYiotpo« . . . d xd ßaatXsl ÖoxoOvxa
xsxaypivogözayoptöstv, 8v xoalattop« xaXstv oJ dxö Ka>voxavx(vou
'5 ie3(öxaot XP^voi, H 88 xßv Xsyousvmv $ot>xftv, II 38 extr. drcsYpd-
<|;axo 8e xd$ xöv Xaptpoxdxcov oöotac xiXog im$t££, tiravi qpöXXiv aöxe-g
dTt^xev övoua, Ii 89: xoö Xsyouivov va>ßsXica£u.oo, II 40: xoa
ic a x p t x ( 0 d. Vgl. noch die Erklärung von oxouxdptoi (III 29),
5 0 T * € Ufid novxCqpig |i d {; t p o 5 (IV 86), xptßoOvog (V 40) and V
81 xotg xaXoujidvotc (AiXlocc, V 34 extr. xoö XsyouIvoo voxaptcov
* xptßoövouetc
t Weber II 6. — üeber Sozomenoa s. ibid. II 22 f.
**) Vielleicht anch Lucian; cf. 6n*p xoO iv xfl «pooayops'jcst itxa£-
f opaxoc § 18: st xt xd^d) r9)g *Pok>ä£<öv ^tuvr^ fc:iata>, xoü$ icpoootYOpsöovxac
dvuSEgioäfisvoc x$ xfjc ÖYtsiac dvöjiau icoXXdxt; djiBtßso^. Vgl. auch Gell.
XIX 9 und überh. Bernhardy, G riech. Litt. 'IS. 565. — Im Traumbuch
5 des Artemidor (Zeit Hadriane) finden sich lat. Termini für Gladiatoren
(II 82): osxobxwp, 0ijxiiptoc, «poßoxdxap, (dooiddpiog uop-
u-CXXcov): cf. auch IV 59: xfjg oörta« 6«o xoO <p(oxoo xaxaXr^e'.oiflc;.
— Lafoscade, Infi. a.a.O. 127. 8. überh. Weber a. a. O. I Uff. II 80 tf .
••) C. W. J. Heinibach bei Ersen und Gruber Bd. 86 8. 224.
227 f. Benzinger bei P.-W. III 322. — Vgl. Bruns-Sachau, Syr.-röm.
Rechtabuch, Leipz. 1880, Kommentar 8. 327. — Nestle, Berl. philol.
Wochschr. 1905, 284. — Expositio totius mondi et gentium ed. Alex.
Riese in d. Geogr. gr. min. c. 25: Berytus civitaa valde deliciosa et au-
ditoria legum habens, per quam omnia iudicia Romanorum stare viden-
tur. Inde enim viri docti in omnem orbem terrarum adsident iudioibus
et scientes le^es custodinnt provincias etc.
^ Philottrat, vit. sonh. II 98, 27. — Gregor. Thaumaturg. ed.
Ger. Vossius p. 186. — Liban. ep. 582 an KXiapxog: looXt«vd>c obzooL-
TtpÄxoc usv iv 'EXXddt <pe>vfl, xpöxoc tk 4v x^j xäv xpaxoövxrov, xX^pyjc
vöjiwv ... — Rauschen, Griech.-rom. Schulwesen, Progr. Bonn 1900
8. 17. 24. — Liban. 1 184, 20 R; G. R. Sievers, Das Leben des Libanins,
Berl. 1868, 8. 17. 162 ff. 188. — Lafoscade, Inflnence du Latin sur le
Grec a. a. O. p. 99. 124 f. — Nestle, Berl. philol. Wochschr. 1905, 284.
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700 Ludwig Hahn,
Der lateinischen Literatur gegenüber verhielten sich die bil-
dungsstolzen Hellenen ebenso ablehnend wie die Franzosen
gegenüber der deutschen Literatur im Mittelalter trotz eines
Walther und Wolfram706). Doch übersetzte zur Zeit Hadrians
der Sophist Zenobios71) die Werke Sallusts, Paianios, wahr-
scheinlich ein Schüler des Libanios, das ßreviarium des En-
tropius 7a). Der Kirchenhistoriker Eusebius ist der Uebersetzer
der als Prophezeiung auf den Sieg des Christentums aufgefaßten
vierten Ekloge des Vergii und zweier lateinischer Reden des
Konstantin78). Zosimos schrieb zwar griechisch, ist aber in
seinem Denken völlig romanisiert wie Polybios. Ammianus
Marcellinus, der Fortsetzer des Tacitus, war ein Grieche aus
Antiochia, und Claudian74), einer der lebensvollsten lateinischen
Dichter, der Sänger der Taten des Stilicho, stammte aus Ale-
xandria. Die Werke des Sulpicius Severus fanden auch im
Orient weite Verbreitung76). Lehrbücher zur Erlernung der
lateinischen Sprache für Griechen, nach Art unserer Sprach-
führer gestaltet, waren vielfach im Gebrauch76).
70 b) Aber die Wohlfahrtswirkung des imperium BomanuM erkannten
anch einseitige Hellenen an ; cf. des Aelius Aristides Rede sie 'Pa\xr^,
den weltgeschichtlichen Dankhymnus der Besiegten auf die Siegerin.
7I) Suidas s. v. Zigv&ßtog; cf. s. v. 'Appcav^, der jiexri<ppaoiv s&r/
rstopftxöv xoO BspyiXXCou smxftc verfaßte. — Der hellenisierte Gallier
Favorinus, der bedeutendste Sophist zur Zeit Hadrians, kannte und er-
klärte Vergii (GeHius XVII 10). Derselbe sagt dort (XX 1) von sich:
Non enim minus cupide tabulas istas duodeeim legi quam iilos duode-
eim libros Platonis de legibus; cf. XIII, XIII 25 etc. — Kannte Quin -
tus SmyrnauB den Vergii? (Cf. Christ, Gr. Litt4 653). — Selbst in die
griech. Dichtung schlichen sich lat. Lehnwörter ein ; cf. Kaibel, Epigr.
gr. 622,4 aus Rom: üionv §x<öv TaßoöX-yjg XP^"10? Aöoovioo (Zeit der
Antonine); 350, 2 ; 851, 2 ; 440, 3; 607, 4.
7») Eutropii breviarium cum metaphrasi graeca Paeanii rec. Chr.
Cellarius, Jena 1698. (Darin 11, 3: csvdtopac a£>xoi>; xaXsaac xxt*
xtjv ItaXöv cf (üviJv, II 8, 1 Xsysövsg xaxa tyjv aixöv xaXoÖvxai cfauYTjV,
IX 9, 7 Öifjvdpioc; cf. auch II 3, 6. — Ernst Schulte, De Paeonio
Eutropii interprete im Philol. 1870 S. 285 ff.
") Euseb. vita Const. IV, 29 — 33 und ad Sanctorum coetum oratio
19,4. Vgl. Ad. Barnack, Gesch. d. altchristl. Lit. I 2, 879. S. auch Gg.
Brambs, Blätter f. d. Gymn. Schulwesen, herausgeg. vom bajer. Gymna-
siallehrerverein, Münch. 1906, S. 398 und P. Pfattiscb, ibid. 1907 8. 60 ff.
74) Vgl. Kaibel, Inscr. Graec. Sic et It (= I G XIV) 1074 aus Rom
betr. der „Claudiano, praegloriosissimo poetarum", auf dem forum Traiani
errichteten Ebrenstatue. Schluß der Inschr. :
Elv fevl BipYtXioto v6ov xal uoOoav 'Oji^pou
KXat>&av6v 'Päut) xal ßaotXi); idsoav.
7») Sulpic. Sev. Dial. I 28.
76 ) Löwe-Götz, Corpus glossariorum Latinorom Bd. III (Hermeaeu-
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Sprachenkampf im römischen Reich. 701
Mit der Einführung der absoluten Herrschaft durch Dio-
kletian waren der Romanisierung neue Bahnen eröffnet. Aegyp-
ten wurde damals auch formell dem Reiche einverleibt und
damit dem stärkeren Drucke des Romanismus und der Reichs-
sprache77) Uberliefert78). Da die Zahl der Beamten infolge
der strafferen Organisierung des Reichs immer größer wurde 79),
Beamter aber nur der werden konnte, welcher lateinisch ver-
stand, so ward der Einfluß der lateinischen Sprache immer
stärker. Die Kenntnis des Lateins, sagt Libanios80), bringt
Reichtum und Ehren. Die Verlegung der Residenz nach Kon-
stantinopel bedeutete eine erneute Invasion des Romanismus
und seiner Sprache. Konstantin d. Gr., der seinen Soldaten
den Gebrauch der lateinischen Sprache vorschrieb 81), der selbst
vor den zu Nicäa versammelten Kirchenvätern sich der Reichs-
mata Pseudodositheana) Leipz. 1902. — M. Haupt, Opuscula II 508 ff.
— P. Grenfell and Arth. S. Hunt, The Amherst Papyri, part II, Lond.
1901 Nr. 26 (Fabeln des Babrios mit lateinischer Uebersetzung). —
Kenyon, Greek Papyri in the British Museum. Lond. 1898 Bd. II
p. 821 ff.
") W. Schubart. Lit. Zentralblatt 1906, 1530 f. (Besprechung von
L. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlnng zu Leipzig, Leipz.
1907 — mir bisher nicht zugänglich): „Eines der interessantesten Stücke
ist das unter Nr. 40 mitgeteilte Verhör in einem Prozeße aus dem 5.
oder 6. Jahrh. n. Chr. Die Verhandlung wird griechisch geführt, aber
die Fragen und Antworten werden durch lateinische Formeln eingeführt ;
das Latein ist die Amtssprache, der die griechischen Aussagen wie etwas
Fremdsprachliches eingefügt erscheinen Auffallend ist auch die
Menge der ins Griechische übernommenen lateinischen Wörter, wie
collega, contubernales, hospitium u. a. . . . Wie weit das Lateinische
vorgedrungen ist, lehrt auch die Erwähnung eines lateinisch abgefaßten
Testaments (Nr. 9) . . . . Dabei ist der Erblasser kein Römer*. Vgl. dar-
über auch Paul M. Meyer, Berl. philol. Wochenschr. 1907, 545 ff.
7*) Nach Joh. Laur. Lydns (de magistr. III 42) wurde im Jahre
462 ein Beamter abgesetzt, weil er in Aegypten in offiziellen Akten
statt des Lateinischen das Griechische gebraucht hatte.
w) Vgl. G. Kretschmar, Ueber das Beamtentum der röm. Kaiserzeit,
Ak. Antrittsrede, Gießen 1879 S. 5.
80) Orat. de fort, sua 1 1. p. 183 R: <pt)«pj u*v &nb -rfjc ™<W *EXX^v<ov
«ptav*){, TtXoög ö'sV TcoXiac, £»)toövtö>v xax' txslvou? ötaXiYsod'ai * xoug y&p
M) XöYOü? xtöv Xöya>v ysvio^at &t>vaxa)t£pot>c xal eTvat usx* sxsivwv öovdustg
ts xod «Xoütouc, sv Äs tote rcXijv aöxfflv oö«sv ; cf. Weber a. o. a. O. II 2
und Lafoscade, Infi. 122.
•') Euseb. vita Conat. IV 19 extr.: Kai -rijc söx^C & atpaxtam-
xote ditaoi ÄiÖdoxaXoc Jjv aöxdc 'Pwuafqp yXcott^ xoi>c irärcag &Ös Xsystv
iyxeXsuodtisvoc (darauf folgt die griechische Uebersetzung des Gebetes).
Vgl. noch Const. Porphyrog. de Cer. I 94 betr. der Inauguration Leos
des Jüngeren: xal ixpa£ov, 6 usv Wipoc eEXXi}vtox(, rcpoxpinovxsc xöv
ßaaiXia dvsX&stv. ol Ös axpaxißxai Toojiaroxl etc.
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702 Ludwig Hahn,
spräche bediente82), sah in der Nova Borna eine lateinische
Stadt83). Sicher herrschte auch längere Zeit wenigstens bei den
höheren Klassen der neuen Hauptstadt die lateinische Sprache 6i).
Es gab daselbst eine lateinische und eine griechische
Hochschule86). Viele Ortsbezeichnungen in und um Konstan-
tinopel waren lateinisch86). Auch lag die Stadt nicht sehr
weit von der Sprachgrenze: denn Moesien und das nördliche
Thracien waren romanisiert , ebenso Illyrien87). Noch zur
Zeit Justinians galt die Kenntnis des Lateins als für einen
Beamten notwendig88). Erst im J. 535 nimmt Justinian das
Griechische als Gesetzes- und Rechtssprache an. Er erklärt
") Euseb. Vita Const III 18; cf. II 23; IV 32; Sozomenos H. E.
I c. 19 extr. : Toiaöta Tg Ttöjiafoöv cpcov^ toQ ßaoiXitoc elnövroc, nocpsartöc
xt{ %>u^vtutv- Vgl. auch Euseb. H. E. X 2, 2 ; Weber II 1.
M) Lyd. de mag. II 30; Kreuser in den Verhandlangen der 5. Vers,
deutscher Philol. und Schulmanner, Ulm 1842 S. 57. 98 ff. 117 ff. —
Paichari a. a. 0. p. XLVI.
•«) Vgl. Bar. Steinacker a. o. a. 0. S. 827. 337 ff. — Edw. Freeman,
Some pointa in the later history of the Greek language im Journ. of
bell. Stud. 1882/88 p. 367 ff. — Th. Preger, Konstantinos-Helios, Hermes
XXXVI (1901) 462. — Gaston Paria, Romania I 14. — Kreuser a. o.
a. 0. S. 101. — Papst Gregor I. sagt von sich (ep. XI 74): nos nec
graue novimus, obwohl er 6 Jahre in Konstantinopel ä-oxpiotiptoc
(= Nuntius) gewesen. Der bekannte Grammatiker Priscian schrieb
seinen Panegyrikus auf Kaiser Anastasius (491—518) zu Konstantinopel,
ebenso Corippus seinen Panegyrikus in laudem Justini Augusti minoris
(565—578); cf. Diehl, Justinien p. 82, Kreuser 117.
$1) Cod. Just XI, 19, 2.
»•) Cf. z. B. Nicephori hist syntomos ed. de Boor, Leips. 1880 p.38,
13.15 -patxwpiov, p. 42, 10 sv x$ rcaXaxiq» ßXaxspv&v, p. 57,3
TpißouvdXiov x&v ifr' d x o u ß t x sj v , p. 75, 20 iv x$ xaXouuivcp
M t X l <p, p. 76, 20 2 4 x p s x a. — Const Porphyrog. de cer. I p, 28, 23
Bonn <pöpoc = forum (cf. Reiskes Kommentar II 133 und 574), I
!>. 51,14: sv -.<}> : oüpvixö xoö MiX£ou, I p. 312,5 tööpvaxöpiov
urnatorium) töv npaoivtov etc. — Th. Preger, scriptores originum Const.
,Lips. 1901, p. 27,9. 12 ; 104,1; 89,7 etc. — Oberbummer u. Constanti-
nopolisbei Pauly-Wissowa IV 995 f. - Weber I 19. - Kreuser in den
Verh. d. 5. Vers, deutscher Philol. etc. Ulm 1842 S. 99.
87) Thracien lieferte viele Soldaten; cf. Expositio totius mundi et
gentium ed. Alex. Riese in den Geogr. gr. min. c. 50 : Thracia provincia
et mazimos babens viros et fortea in hello. Propter quod et frequenter
inde milites tolluntur. Ueber die lat. Sprache in Dalmatien und Alba-
nien vgl. Hugo Schuchardt, Der Vokalismus des Vulgärlateins Bd. III
Leipz. 1868 S. 52 ff., in Dalmatien und Moesien, June a a. O. 366 ff.,
in Macedonien, Dorsch a. o. a. O. 8. 38 ff. — Alex. Budinssky, Die Aus-
breitung der lat. Sprache, Berl. 1881 S. 198 f.
Vgl. Jo. Laur. Lyd. de mag. III 29. 68; cf. 11 ; Mitteis a. o. a. 0.
S. 186 Fußn. 1. — Sievers, Libanins 17. 188. — Marquardt, Staatsv.
I* 565. — Lafoscade, Inn. 123. — Kreuser 118 ff. — Ducange, Glossa-
rium graecitatis, praef. p. IV f., XI ff.
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Sprachenkampf im römischen Reich. 703
in der 7. Novelle8*): oö t$ naxpiy qpwv$ (d. h. in der lateini-
schen Sprache) xöv v6|iov ouveypa^ajicv, dXXdk Taö-qj 8*) xfl xotvfl
xe xai £XXe£8t, äcrce dtaaatv aoxöv elvat yvu)pc(iov StA xö itp<S-
Xttpov xfj; £piii)vet'a£. Damit war, was sich schon seit der
Scheidung des Reiches in zwei Teile voraussehen ließ00), der
i Sieg der griechischen Sprache Ober die lateinische entschieden91).
Erst 578 aber kommt mit Tiberius ein Kaiser griechischer Abstam-
mung auf den Thron und auch dieser trägt noch einen lateinischen
9 Namen"). Seit Kaiser Heraklios (610-641) geht die grie-
a chische Sprache immer mehr zum Angriff über93). Lateinische
Formeln wie „Dens conservet imperium vestrum, Tu vincae, In
multos annos* oder „In gaudio prandete Domini* haben sich
im byzantinischen Hofzeremoniell in ähnlicher Weise erhalten,
wie heutzutage noch im englischen Parlament gewisse franzö-
sische aus der Zeit der Herrschaft der normannischen Könige
stammende Redensarten im Gebrauche sind94).
Nov. VII c. I (52, 32). — Es gab auch Gegner dieser Maßregel
» z. B. Job. Laur. Lyd., der (De mag. II 12) eine alte, dein Romulus ge-
gebene Weissagung anführt: Töte Tau-alouc tijv töx?jv drcoXsi^etv, öxav
, aöxoi xf)c naxptou sniXddtuvxou «povfjc ; ibid. III 68 ; cf. 29.
90) 8. auch Heimbach a. o. a. 0. 8. 23:J f. — Kreuser 115 f.
J M) Urteile auch in griech. Sprache zu fallen war den Richtern
seit Arcadins erlaubt; vgl. cod. Just. VII, 45, 12. Tbeodosius II. gestat-
tete den Gebrauch der griech. Sprache in Testamenten; vgl. übern.
Dirksen, Civilistische Abhandlungen, Berl. 1820, LS. 40 ff., Weber II 1,
Betßmann-Hollweg, Rom. Civilprozeß III. Bd., Bonn 1866, S. 196 ff.
I Ueber die Anwendung der lat. Sprache im oström. Reich s. J. B. Bury,
A hiBtory of the later Roman empire, Lond. 1889, II c. 7 p. 167 ff.; J. J.
Reifike im Kommentar zu seiner Ausgabe des Const Porpnyrog. De Oer.
8. 443 ff; Oberhummer. Art Censtantinopolis bei Pauly-Wissowa IV 1001.
— Eine Parallele: »Unter Cromwell erließ das Parlament ein neues
Edikt, um die englische 8prache (st. der französischen) in allen gericht-
lichen Akten einzuführen, aber diese Neoerung erschien den Juristen
gefährlicher als die Abschaffung des Oberhauses und des Königtums*;
Aug. Fuchs, Roman. Sprachen in ihrem Verhältnis zum Lateinischen,
Halle 1849 S. 108, Fußn. 194.
. M) S. auch Kreuser a. o. a. O. S. 99. 117.
•») Lafoscade, InH 185. - Krumbacher, Gesch. d. Byzant. Litt.» 8. 3 ff.
") Vgl. De Cer. Bonn I 9 p. 69, I 10 p. 78, I 43 p. 228, I 47 n. 2*9,
I 75 p. 370 f etc. — Cf R. Nikolai, Gnech. Literaturgesch. III Bd.
Magdeburg 1878 S. 61. — A. Fuchs a. o. a. 0. 8. 108 Fußn. 194: .Noch
heutzutage bedienen sich die verschiedenen Zweige der legislativen Macht
(in England) in ihren gegenseitigen Beziehungen der französischen
Sprache. Wenn das Unterhaus der Pairskammer eine Bill zuschickt oder
eine von ihr erhält, so geschieht dies resp. mit der Formel : Soit baile'
ans Seigneurs, oder: Soit baile' aux communes, und die königliche
Sanktion erfolgt mit den Worten: La reyne (geschrieben 1846!) le voet.
Vgl. Edw. Freeman a. o. a. 0. S. 879: The cry of ,oyez* — heard in
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Ludwig Hahn,
Merkwürdig ist der Wandel im Christentum seit seiner
Verstaatlichung durch Konstantin auch hinsichtlich der Sprache.
Nach der Verlegung des Sitzes des Kaisertums nach Konstan-
tinopel erhob sich das durch die weltliche Macht nicht mehr
in Schatten gestellte Papsttum95). Die Päpste betrachteten
sich nach der Ablösung der Staatsreligion des Kaiserkults durch
die Staatsreligion des Christentums, die als solche bald ebenso
unduldsam werden mußte, als Inhaber des Imperiums in der
Religion. Zur heiligen Sprache des römischen Papsttums
wurde die des weltlichen Imperiums, die römische. Unterstützt
wurde diese Stellung des Lateins abgesehen vom rapiden Rück-
gange des Griechischen in der alten Hauptstadt ••) vor allem
dadurch, daß die westliche Hälfte des Reiches der Kirche auch
abgesehen von den großen Päpsten hervorragende Lehrer wie
Tertullian, Cyprian, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus lie-
ferte97), deren Werke bei der Furcht vor Häresien98) auch
von den Theologen des Ostens gelesen werden mußten*9).
Deshalb hält Athanasius die Kenntnis des Lateins für nötig
America as well aa in England, formulas Hke ,La reine le veult" are
the counterparta of Latin salutations like (JCxicop offc (aia !) o£|iitep, which
greeled tbe ears of tbe laat Roman emperora of the East. (Conat. Por-
phyrog. De cer. I 74—77). Ueber die Herrschaft der französischen
Sprache in England vom 11. bia 14. Jh. — eine der Herrschaft der
lateiniBchenSprache vielfach ähnliche Erscheinung— a. d. Progr. d. Realsch.
Annaberg von Oac. Scheibner ans J. 1880. — Anwendung dea Lateini-
schen in der Kirche bei Conat. Porphyrog. Cer. I 74 p. 369, 7.
") Papst Leo I. erklärt dem Kaiser Marcian (Manai VI 187 c 3),
daß der Stuhl von Rom ein apostolischer, der von Konstantinopel nur
ein kaiserlicher aei.
M) Harold Steinacker a. o. a. 0. S. 382: „Schon Papst Damasus
nahm bei seinem Briefwechsel mit dem Orient die griechiachen Kennt-
nisse des Hieronymus in Anspruch. Fünfzig Jahre später, zur Zeit des
3. ökumenischen Concile, war in der römischen Kirche selbst die leiseste
Keuntnia dea Griechischen verschwunden."
•7) Vgl. Steinacker a. o. a. O. S. 840.
M) Cf. z. B. den Brief Leoa I. an Kaiser Marcian vom J. 454 bei
Manai VI 274 c 3 und den an Bischof Julian von Kos ibid. VI 276. —
Es war dabei noch der leichteste Fehler, wenn credulitas und crudditas
verwechselt wurde ; cf. Weber II 4.
w) Vgl. z. B. Aeußerungen wie die Basilioa' d. Gr. ep. 265 ed.
Maur. 595 A : &v (tfflv dnö dt>oso>c) Äagäjisvoi -rtjc nloraoog -cöv vöjiov ixouav
wop' eauxotc, e«öusvot afcffiv vft ÖY^atvoocrg ÖtÖaoxaXty; cf. ep. 66 an Atha-
nasius, ep. 70 an Papst Datnasus mit der Bitte <5>g soc[idvTjc tjulv xlvo«
anioxi+ewg nap öufiv, ep. 90 (Hilferuf an die av xfl Ibou) etc. — Weber
121; II 6. 11. 12; Lafoecade, Inn. 127.
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Sprachenkampf im römischen Reich. 705
zur Frömmigkeit100). Das Christentum also' bewirkte es, daß
die lateinische Literatur einen tieferen Einfluß auf die grie-
chische gewann 101).
Wie die altrömischen Feldherrn die Beschlüsse des Senats
den Griechen zuerst in der authentischen lateinischen Sprache
und dann in einer Uebersetzung mitteilten, so hielten die
t Päpste darauf, daß ihre Kundgebungen auch bei Kirchenver-
, Sammlungen in der östlichen Reichshälfte zuerst im lateinischen
Urtext, der dann ins Griechische übersetzt werden konnte,
bekannt gegeben würden 109). Das Lateinische sollte anerkannte
Kirchen spräche werden, wie der Bischof von Rom der Primas
der Kirche. Noch die Akten des 5. ökumenischen Konzils zu
Konstantinopel (553) sind lateinisch abgefaßt103). Aber das
Imperium der lateinischen Kirchensprache endet noch früher
als das Imperium des Papsttums im Osten. Die Trennung
in der Sprache geht der Trennung im Glauben weit voraus104),
wenn auch die Griechen sich 'Pttjxatoi und die griechische
Sprache die Ttouacx^ 10&) nannten und ihre Kaiser den Titel
* Griechischer Kaiser" als Beleidigung auffaßten100).
VII.
Die kulturellen Wirkungen der Völker aufeinander lassen
o
"*) Athanasius bei Migne, Patrol. gr. I 784 C. Gf. Lafoscade Infi.
128 und Weber II 3. — Aus dem Lateinischen übersetzt sind die Acta
znartjrom Scilitanornm (graece ed. H. Usener, Bonn, 1881); cf. Usener,
Beitr. zur Gesch. der Legendenliteratur in d. Jahrb. f. prot. Theol.
XIII (1887) 240. 258.
m) 8. auch Texte und Untersuchungen von Ose. ▼. Gebhardt und
Ad. Harnack Bd. VIII, (Leipz. 1892], H. 3 (Die griech. Uebersetzung des
Apologeticus des Tertullian [cf. Euseb. H. E. II 2] von Ad. Harnack,
S. 1 fT, 7, 9, 80 ff.) und ibid. XI, H. 2 (Acta S. Nerei et Achillei v. Hans
AchelisJ Leipz. 1893, ferner ibid. XIV 1. — Papst Leo I. bittet den
Uischof Julian von Kos die Synodalakten des Konzils zu Chalkedon
(451) ins Lateinische zu Übertragen; Mansi VI 221 c. 4.
IM) Vgl. Har. Steinacker a. o. a. 0. 332 ff., Budinszky a. o. a. 0.
245. — Lafoscade, Infi. 129. 139 f.
1M) Lafoscade, Infi. 139.
t0*) Vgl. 8teinacker a. o. a. 0. S. 332 ff.
••») Vgl Bury a. o. a. 0. S. 174. — Dagegen ist "EXXyjv = Heide;
cf. z. B. Tatians Xöyog rcpöc "EXXkjvoc und Usener, Jahrbücher f. prot.
Theol. Xm (1887) S. 226,3; Kreuser a. o. a. 0. S. 100 f. — Cf. auch
ev. Jo. 7,85; act ap. 14,1.
m) Vgl. den Gesandtschaftsbericht des Bischofs Liutprand von Cre-
mona bei W. v. Giesebrecht, Gesch. d. deutschen Kaiaerz. 12, 4. Aufl.
Hraunschweig 1874, S. 540; s. auch ibid. S. 524 den Streit über den
Titel ßowrtsöc od. ftl
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Ludwig Hahn,
sich am deutlichsten und sichersten an der Zahl and Art der
Fremd- und Lehnwörter erkennen107). Die Griechen waren
als Kulturträger nach Italien gekommen. Es scheint aber,
daß sie doch manches Eigentümliche, wie das ja in der Natur
der Verhältnisse liegt, von |den Italikern annahmen, so das
italische Maßsystem, vermutlich auch gewisse Rechtssatzungen.
In der Sprache der westlichen Griechen finden sich nämlich
die italischen Maßbezeichnungen Mxpa, dyxta, xußtxov, dann
die Rechtsausdrücke uotxov «= mutuum und xapxapa = carcer.
Das italische ui>8to$ wendet der Redner Deinarchos aus Korinth,
der Metropolis von Syrakus und Kamarina, an. Neben den
oben erwähnten Italizismen finden sich, wie wir aus den spär-
lichen im Lexikon des Hesychios geretteten Fragmenten er-
sehen, in der Komödie der westlichen Griechen noch manche
andere, wie das von der bekannten italischen Possenfigur des
Maccus abgeleitete uaxxootto 108), das auch von Aristophanes
gebraucht wird, dann Xoörca, x&Xa109), xaXxto$ (= calceus)
etc. Da in der Art der Stoffe und in der Verwendung von
Charakterfigoren eine gewisse Verwandtschaft der Komödie der
westlichen Griechen, die in Sicilien durch Epicharmos, in
Italien durch Sophron und Rhinthon ihre Vollendung fand,
mit den uralten Possenspielen der italischen Bauern besteht,
so ist vielleicht der Vermutung Raum zu geben, daß die älteste
griechische Komödie in mancher Eigentümlichkeit italisch ist
Historikern, wie Timaios, der den Krieg mit Pyrrhos beschrieb,
oder Sosilos, dem Begleiter Hannibals, oder Diokles, der den
Fabius Pictor zur Quelle hat, mögen Wörter wie TV$Evva
(= toga) oder öooo; (= basta) angehören, die Bücheler als
altitalisch erwiesen hat. Nachdem Rom im Anfange des 2.
Jahrhunderts maßgebenden Einfluß im Osten gewonnen, brach-
ten griechische Gesandte die für die Lage der Griechen be-
,07) 8. auch Thumb a. o. s. 0. S. 157. 158 ff.
lw) Vgl Gast. Meyer, Sitzb. Wien. Akad. 1895 Bd. 182, IV S. 53 s. u.
)iöxoc und ,Rom und Romaniemus' S. 8.
1M) „Kellien* heißen noch jetzt die .Zellen* auf dem Athoe ; Rudolf
Lindau, Deutsche Rundschau 1902, Bd. 113 S. 12a — Vgl. H. Usener,
Der heilige Theodosius, Leipt. 1800 p. 127 f. — Gust. Meyer s. v. —
Sozomenus VI c. 31: olxoöoi 8t iv xti^ xsXXtotg (im Kloster 4v t$
Nttpiqp), «ooi t?5c (fdoocxpio^ sie dxpov eXi?X&&aoi.
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Sprachenkampf im römischen Reich.
707
zeichnenden Ausdrücke nfapw und Trpoaxuvyjotg knl xöv ixptlm
(— salutatio in atriiß) nach Hause. König Prusias bezeich-
nete sich selbst als AtßspT0{. Mit den ins Griechische über-
setzten Senatsbesch lüssen wanderte manches lateinische Wort
wie o^orSpTio; und die Termini des römischen Kalenders xa-
XavSai, v(öva( und zi&ol nach dem Osten. Die in denselben
enthaltenen, wortwörtlich ins Griechische übertragenen lateini-
schen Termini wie oTpaTTflfö; örcatos = praetor maximns,
GTpavrp[b$ inl xöv ££vü)v ■= praetor inter peregrinoB, Soövat
lauTOüc efo ti)V 'Pü)(i«((ov moTtv = se in fidem popnli Romani
permittere etc. gingen in die Diktion der griechischen Histo-
riker über, welche diese Urkunden benützten. Daher finden
sich solche Latinismen von Polybios an bei allen griechischen
Geschichtschreibern, die sich mit römischer Geschichte be-
schäftigen110). Polybios wendet mehrere lateinische Wörter,
ineist Ausdrücke des Staats- und Heerwesens, worin sich ja
die Bedeutung der Römer vor allem zeigte, noch als Fremd-
wörter an, so iwcptxioc, Sixxixwp, Xtßspto;, ixarpaop&vaptoc,
Tptfltpiot, rcptyxcTCfic, dtaräTOt, rcpaupexTO?, xevxopfov, Sexoupfov,
dann uiAiov, xaXfxioc, rcfXeos etc. Auch keltische Wörter wie
yafoos, oafyo; drangen vermutlich über das Lateinische ins
Griechische ein, wie später zu den Zeiten der germanischen
Völkerwanderung germanische Ausdrücke wie ßoöpyos l11),
SpoOyyo;118), ßdvoov118). In Inschriften aus der Zeit Caesars
und Sullas erscheint neben Ttaxpoov und Sixxcfaop das Fremd-
wort t>rcepax(op, in der griechischen Uebersetzung der Res
gestae divi Augusti auf dem Monumentum Ancyranum aöyoup,
ipouÄXtf, <p7]xtÄXt;, a^paptov, in anderen Inschriften der Augu-
uo) Vgl. David Magie, De Romanoram iuris publici sacriqae voca-
bulia sollemnibus in Graecum sermonem conversis, Lips. 1905; cf. Max
Mentz, De magiBtratuum Romanorum Graecis appellationibus, Dias. Jena
1894 und Aug. Wannowski, Antiquitates Romanae e Graecis fontibus
explicatae, Königsb. 1846.
nl) Procop. deaedif. 4,6 p. 289 D: tö ßoöpYoo &Xxon cbvonao-
jitvov sc. (pp©op£cv.
11 *) = „Gedränge*, Heerhaufen; cf. Leon Tact 13,3: xanx öpoÖY-
Yoü; xai toöpjia;, Kulakovskiy, Byzant. Zeitschr. XII (1903) S. 410 f.
,l3) Cf. Qberh. J. G. Kempf, Romanorum sermonis castrenais reli-
qniae (~ Jahrb. f. d. kW Altert. Suppl. 26), Leipz. 1900 S. 864. 368.
369. 373. — £. A. Sophokles, Greek Lexicon of the Roman and Byzan-
tine periods, New- York 1900 S. 30 f.
Philologe», SuppUmentband X, riertet Heft 46
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708
Ludwig Hahn,
steischen Zeit xoXwvefo, noovtxfotov, *6Yt(*>v» Sexoptwv, xevxo-
p£ü>v, xeaoapdcpto;, Sijvapiov, daa<£ptov etc.
Besonders reich an lateinischen Wörtern ist die Römische
Archäologie des Dionysios von Halikarnaß 113 *). Es sind vor allem
Termini ans dem Staats- nnd Heerwesen, Mönzbezeichnungen,
Namen von Priestern und Festen, Ausdrücke des Kalenders.
Dionysios sucht auch diese Latinismen häufig unter Anführung der
Etymologie zu erklären. Aehnlich verfahrt später Plutarch118b)
in seinen alxia Twjiatxfle. Diese beiden Schriftsteller bieten
in den erwähnten Schriften, die römische Geschichte und Kultur
behandeln, sozusagen zugleich eine Art Fremdwörterlexikon.
Es darf wohl kein anderer Grund hiefür angenommen werden
als derjenige, der auch bei uns solche Werke notwendig ge-
macht hat: Die von Dionysios und Phitarch angeführten la-
teinischen Wörter waren den Griechen so geläufig, daß ihre
Erklärung als ein Bedürfnis erschien. Sagt doch auch Quintilian.
daß die Griechen trotz ihrer Neigung zum Purismus sich ge-
zwungen sahen bisweilen lateinische Wörter zu übernehmen m),
und das bestätigen Inschriften und Papyri. Auch bei Schrift-
stellern wie Diodor, Nikolaos von Damaskos und Strabo finden
sich nicht nur lateinische, sondern auch keltische Wörter. In
den Inschriften der ersten Kaiserzeit erscheinen als Fremdwörter
bez. schon als Lehnwörter die altüblichen Latinismen 7taxpü)/,
uiXtov, Srjvaptov, Xeyetbv, xevtupfoov, dann Ttaipwvtooa, daaapcov,
xevxupta, x^P17) (cohors), tupjir) (turma), fltXrj (ala), xXaoorj (classis)
7ipaiT<op{«, uptjiticiXdpcog, ouexpavoc, xopvtxXapco$, taßXapco; etc.,
ferner die Verba xoupaxopeuti) und oxoutXoü) (= scutulo).
Deutlicher als in den Inschriften, deren Texte im großen
und ganzen stereotyp bleiben, ist das Eindringen lateinischer
Wörter in der griechischen Kanzleisprache der Papyrusurkunden
der ersten Kaiserzeit zu verfolgen. Es finden sich in densel-
ben im allgemeinen die nämlichen lateinischen Wörter wie in
118 a) S. „Rom und Romanismus" S. 123 ff.
usb) S. „Rom und Romanismus« S. 289 ff.
m) Quintilian 1 5,58 und 1114, 1. Vgl. Lucian, de hist. rede
Bcrib. c. 15, der von Krepereios Kalpurnianos aus PompeiopolU, einem
Geschichtschreiber der Partherkriege, sagt: 6 y*P aöxöc o5tc*c ouytw«;
noXXa. xat xätfpov ixetvot (<pöooa; cf. Mauritius 4, 3; 12, 22) xal -fiyupxv
(et Plut. Numa 12) xal t4 xoiaOta. Vgl. auch dagegen in c. 21 den Tadel
Uea Hyperattizimus gewisser griechischer Historiker.
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Sprachenkampf im römischen Reich.
709
den Iuschriften. Zu erwähnen wären noch etwa Ausdrücke
wie xouoTwSetot, x£XXz, dfrptov, iw&Xiov, Tcavapiov etc.
Wenn nun lateinische Fremd- und Lehnwörter in die
Papyrusurkunden eindrangen, in einem Gebiete, das nicht als
Glied des Reiches galt und in griechisch geordneter Verwal-
tung stand, wie viel mehr muß das Latein in den schon
länger unterworfenen und römisch verwalteten Provinzen des
Ostens Wörter an die griechische und an die orientalischen
Sprachen abgegeben haben! Daß dem so ist, ersehen wir auch
aus den Schriften des Neuen Testaments116), die zum größeren
Teü in der, wenn auch bisweilen etwas purifizierten griechi-
schen Yulgärsprache geschrieben sind. Von den im Neuen
Testament gebrauchten lateinischen Wörtern gehört offensicht-
lich eine größere Zahl schon in die Gattung der Lehnwörter
so Xeyeü>v, rcpatx&pcov, qppay&Xtov und <p payeXX6ci>, t£tXo; (titulus),
or^vaptov und dooaptov, xfjvaoc, u,65io?, (ifXiov, Xivxiov (linteum),
oouSaptov etc. Mehrere dieser lateinischen Termini erscheinen
auch in der populären Sprache des Epiktet, in Inschriften, in
Papyri, dann beim Lexikographen Hesychios und wohl auch
bei dessen Vorgängern, die sich mit Erklärung von Lehn- und
Fremdwörtern befassen, endlich in den Glossen. Sie sind ferner
— ein Zeichen ihrer Beliebtheit — teilweise noch heute in der
neugriechischen Volkssprache vorhanden. Die Vertreter der
schönen Literatur freilich, die dem romantisch-puristischen Zuge
der Gebildeten gemäß dem Attizismus huldigen mußten, wollten
von solchen Latinismen, die als SolÖzismen und Barbarismen
betrachtet wurden, nichts wissen.
Zumeist aus dem Griechischen des gemeinen Mannes wan-
derten die Latinismen auch in die orientalischen Sprachen. Ein
Beweis dafür sind die lateinischen Lehnwörter der Mischna116),
11 6) Latinismen in der volkstümlichen Sprache der Briefe des Mär-
tyrers Ignatios, Bischofs von Antiochia, (gest. zur Zeit TrajansJ sind :
dsoiptcop, igs{inXäptov (cf. ImmiBch a. o. a. 0. S. 361), tä
ftsftöoixa, ta dxxtma. Anch im Pastor des Hermas finden sich
lat. Wörter z. B. vis. III 1 4*1 xoö oo^sXXCou (subsellium; cf. zu Aol.
Aristides rec. Dind. prol. III p. 741 : tpicc oo$4Xia und classical rev. 1901
S. 256) Sxttto xapßixdpiov Xiv&öv xnü ftrcdvu> X s v x L o u 4£»)xX«>usvov
Xtvov xaprcdaivov. Vgl. J. B. Lightfoot, The apoetolic fathers, pari II
Lond. 1889, vol. I p. 410 f.
I1Ä) Vgl. Samuel Krauß, Griech und lat. Lehnwörter im Talmud etc.
II und I, Berl. 1898 und 1899.
46*
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I
710 Ludwig Hahn,
einer Sammlung von jüdischen Satzungen, die gegen Ende dc>
2. Jahrhunderts entstand. Hier abgesehen von den auch schon
im N. T. vorkommenden nur noch einige zur Probe: xaXiya^
ooXia, t6ya, «paaxfoc, atpÄia, voicfcptoc, axaXa, xa^a, 7ia"ciXXa,
^oöpvo; etc. Die Latinismen in der Mischna sind an Zahl
weit bedeutender als die des N. TM und wir schließen, daß in
der griechischen Vulgärsprache derjenigen Länder, die vom
Romanismus mehr berührt waren als das abgelegene Palästina,
die Masse der lateinischen Bestandteile noch größer gewesen
sein muß. Es ist auch nicht außer Acht zu lassen, daß die
Romer abgesehen von den juristischen Termini mehr Bezeich-
nungen für das tägliche Leben liefern, während die griechi-
schen Fremd- und Lehnwörter im Lateinischen mehr Abstrak-
tes117) bezeichnen und der Sprache der Gebildeten oder Ge-
lehrten angehörten. Die lateinischen Lehnwörter im Griechischen
waren demnach mehr beim gewöhnlichen Volke üblich, wes-
halb sie sich um so fester und dauernder einbürgerten. Leider
stehen uns aber bedeutendere Denkmale der griechischen Vul-
gärsprache abgesehen etwa von den Martyrerlegenden n8), deren
Doch zeigt sich die Macht der römischen Kirche und ihrer
Sprache in der Aufnahme lat. philosophischer, bez. theologischer Termini
wie ooußoxctvxda; cf. Socrates H. E. II c. 30 xoXXoög xiva^ xivst nspl xf,;
Xeyouivrjg 'Pcüuaraxi usv ooußoxavxia;, 'EXXijvioxl 5e \syo\ii*viz oöo£a; ;
cf. Athanasius bei Migne, Patro). gr. XXV 2, 741 B.
tl*) Vgl. z. B. Euseb. H. E. IV 15,8: sxiXsooav TcpoosXfrovxa ainy
xoiicpdxxopa rcapaßöoat xd g£<fog (Martyrium Polycarpi), dann die
Latinismen xöu-tjc, ßtxdpiog, xoopdx<op, xoußixouXdpioc
IXXo öoxp ioc in den Acta Nerei et Achillei (5. — 6. Jahrhj ; cf. Gebhardt-
Harnack, Texte und Unters. XI, H. 2 S. 66. — Acta S. Christophori ed.
H. üsener in der Festschr. zur 5. Sakularfeier, Heidelberg, p. 56,3: d*6
Asxtou (Kaiser Oecius) o d x p oc v . . . xax^veYxav, p. 56, 10 : xtc, . . . xöv noxfc
xo|i(xo)v oxpaxsöoaj 4v x<p v oou-4 pq> xäW MapjiapixÖv, p. 70, 3 : Mrj d vvö va:
tyjubv sXsuftfcv 9\ xd ß i o x t a (= vestinienta) x. x. X., p. 70^ 25 : x*^xo0v
o ü |i d» i X t o v (a. 1. : o o u ß o s X X i o v), p. 72, 4 : dvaxtüpifaac xoO oexpi-
x o o ijX&sv elg xö n aX d x t o v (Decius), p. 74, 27: xal Xsysi x$ anexou-
Xdxopi, etc. — Acta S. Marinae ed. üsener ibid. p. 17,11: ixl^xidiou
(a. 1. 0sö(ou), p. 36, 9 : dxTfraY8V el€ x6 «patxcbptov; cf. ibid. Einl. 8. 1 1
und d. Register s. v. Mapiva. — Evangelium Nicodemi A. prol. : 'Avavia«
«poxixxwp dxo indpxwv, A 1,2: xo6po»p, xpaixwv, A 1,5: xö»
otyvocpdpcov xaxsxövxwv xd a { yv a' AI, 6: IßtoxoO npaixopiou, A
IX, 5 : ixäXsooev ö HiXdxoc xöv ß % X o v sXxuo^vou. xoö ß^pacxoc, A X, 1 :
rcsptsfcowav aöxöv X i v x t o v , A XIII, 1 : xivsg xifcxoooxtD&eac, A XV,
5: oooödptov etc. — Acta S. Anastasii Persae ed. H. Üsener, Bonn
1894, Index, und üsener. Beitr. zur Gesch. der Legendenliteratur in den
Jahrbüchern f. prot. Theol. XIII (1887) 8. 245. — Marci Diaconi vita
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Sprachenkampf im römischen Reich. 711
Sprache aber vielfach durch Zusätze und Umarbeitungen aus
späterer Zeit verändert ist, bis auf die Zeit Justinians nicht
zu Gebote 119). Einigermaßen Ersatz dafür bieten die Papyri.
In den Papyri des 2. Jahrh. finden sich beispielsweise folgende
Latinismen: ouexpav6;, xopvtxouXctpco;, SooTcXtxipiog, xouputy
äAfy x^P^i <*XTötpio;, ßevetpixutpioc, dvvu>va, ßtatixov, tycrytoupep,
xaaxpa, xfiXXripio;, xoXovefa, xwötxtXXo;, Xeyiüwapios etc., Aus-
drücke, die zum Teil auch in Inschriften 12°) vorkommen. Man
darf wohl annehmen, daß die in Aegypten im 2. Jahrh. üb-
liehen Latinismen schon um ein Jahrhundert vorher auf der
Balkanhalbinsel und in Kleinasien im Gebrauche waren.
Ein wichtiges Zeugnis für den Uebergang lateinischer
Wörter ist die griechische Uebertragung des im J. 301 er-
lassenen Edictum Diocletiani de pretiis rerum venalium. Das
zeigen Ausdrücke wie ctuptxaiacop, tpoOpxa, Xißpiptoc, voxcEpto;,
oxootXäiov, 7tXoo|iapio£, 7iot>Aße£vo£, f>fjy\a, ndXo^ dxxoußtxov,
8opjietxü)ptov, cpißouXaxwptov, xat|>apto$, xappoöx«, xaxfjva, cpouX-
Xcöv, ßexxoöp«, fcarcuXubv, [fatöa, odyo;] etc.121).
Das Aufkommen des Christentums war für die Volks-
sprachen günstig, wie überhaupt die christliche Mission auch
heute noch die Einzelsprachen gegen die Weltsprachen schützt.
Man findet in den Schriften auch attizistisch gerichteter Kir-
chenväter manche Latinismen, so bes. in den Briefen m).
Porphyrii episcopi Gazensis edd. societatis philologae Bonnensis sodales,
Leipz. 1895 (Anf. d. 5. Jh.) 18,166 xooßtxouXdptoC, 25,6ff. €IXdptoc
oooßaöiooßa xoö (laytoxpoo, 84, 1 xaoxp^otog, 44, 5 8 o ö g ,
44, 17 xotJ xuvoiotoplou etc. — Legenden der Pelagia v. H. Uaener
(fiexdvota xf)g &rfac IIsXaYtat vom Diakon Jakob), Bonn 1879, S. 5, 19: iv
x$xsXXd<o, 12,16: iv ßeoxiapiq> etc. [2. Vierteid. 5.JhJ. — Rud.
Knopf, Ausgewählte Miirtyrerakten, Tüb. u. Leipz. 1901 p. III, 38. 43.
44. 64. 70. 72. 78. 74. 88. 89. 90.
xl9) üeber den gewaltigen Unterschied zwischen der attizistischen
Kunstsprache der Gelehrten und der Sprache des gemeinen Mannes im
griechischen Sprachgebiet hat schon Kreuser (a. o. a. O. S. 49. 55 ff.
74 ff. 83 ff. 102. 104 ff. 118 ff.) in geistvoller Weise, wenn auch allzu-
radikal sich ausgesprochen.
»") Cf. Magie s. v.
m) Vgl. CIL. III 2 p. 800 ff. und „Der Maximaltarif des Diokletian*
herausg. von Th. Mommsen, erläutert von H. Blümner, Berl. 1898.
Viele der im Ed. Diocl. sich findenden Latinismen sind noch im Neu-
griech. üblich; cf. Gnst. Meyer s. v.
m) Vgl. z. B. die in Job. Chrysostomos' opp. III epist 14 (J. 404)
enthaltenen lat. Wörter : xpißoövos, X s x x t x t o v , p { X t o v , x d-
oxsXXov, ßixipioc,p"r^, (d p o ö fr 0 «)•
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712 Ludwig Hahn,
Eine Quelle juristischer Latinismen sind die zumeist
griechisch abgefaßten Novellen Justinians, dann enthält eine
große Anzahl solcher die Paraphrase der Institutionen von
dem sogenannten Theophilos, die ebenfalls ins 6. Jahrh. fallt.
In den Novellen findet sich z. B. aßonvaieua), ££xouae6(t>, foöyov,
froTpoOxxov, ß(vo*t$, xaXoOpvia, ddruwv, xayxeXAapio;, ßixapfa,
xovotaxd)ptovt oxpi'vtov etc., ans Theophilos verdienen bes. Verba
wie xpaxTaflJw^xofiiAtTeuWjiraxTeuü), navSaxopeua) Erwähnung 12S).
Neben juristischen Termini finden sich Bezeichnungen aus dem
Heeres- und Beamten wesen in Inschriften m) und Papyri des
4. — 6. Jahrhunderts, so Xt^gstov, xo(i7tp6(uo9ov , xü>5il; etc.,
ßrj^tXaxtwv (= vexillatio), 6o05, ixoxouß'Twp, ßouxeXXapioc etc.,
voxapto;, ivStxtCcov, &XouoTptos etc.126). Wenn dagegen bei
Prokopios die Latinismen verhältnismäßig etwas zurücktreten —
Beispiele sind nwrpixfc (arc. 27, 17 Bonn), 5o0? (bell. Pers.
89, 5), aiXevxtdcptoc (bell. Pers. 243, 13), TCpattwp und xota'arwp
(arc. 116, 10), rcpoUT&ptoi und xerrnvapia (arc. 119, 1), fia^toxpo;,
rcaXaxtvoi, npißaExa und 7caxpt(t6vtov (arc. 124,23), 6ouioxi-
xot xe val rcpoxVjxxopes (arc. 136, 23), xaßeXX(a>v (arc. 154, 13),
<pot8epÄxot, fatcpepevSoSpioc, uiXtxes, aar^xpfjxi; etc. l2Ä) — ,
wenn er als verschämter Attizist zu denselben noch hanfig
ein Xey6|uvog oder xaXoujievo; beisetzt127), so zeigt hin wiederum
der bedeutendste Vertreter des Vulgärgriechischen in der Zeit
Vgl. Lexique des mota Latins dans Thäophile et les novelles
de Justinien par C. G. Triantaphyllides in Jean Psicharis Etudes de
Philologie neo-grecque, Par. 1892, S. 159 ff. 255 ff. — Vgl. auch C. Fer-
rini, Byz. Zeitschr. VI (1897) 548 ff.
"<) Vgl. z. B. CIG. III 5187 aus Ptolemais in Cyrene das Edikt
des Kaiser« Anastasios (491 — 518) de ordinandis stipendiis müitam in
griech. Sprache. Als Latinismen kommen vor doOg und douxtxöc.
Avvtova, xdxixa, xdoxpa, xauoapioij XP*)0**1 TOtC vö^o;;,
tpooo&xov, ic p a ( <p s x x o c, öojisoxtxöc, osiXivxiipto;,
ßouxivdxcop etc. Dazu bemerkt Joh. Franz „de singulis vocabulis
huius barbariei non operae pretiam est dicere*, eine Ansicht, die jetzt
hoffentlich Uberholt ist
"*) Vgl. Wessely a. o. a. 0. — Wilcken führt auch solche Latinis-
men auf Gstraka an; cf. U. Wilcken, Griech. Ostraka aus Nubien und
Aegypten Bd. II, Leipz. 1901, Nr. 1128 (J. 205): Äxxtwvt, Nr. 1143:
xsaospdpios dxxieovt x*ipstv (= CIG III 5109, 15; Anf. d. 3. Jahrh);
vgl. Nr. 1144, 1146, 1224, 1476, 1611 etc. und Bd. I Leipz. 1899 S. IX
und Nr. 762 f. — Vgl. Bury a. o. a. O. 167 ff.
IIfl) Vgl. noch Weber II 31.
,,?) Vgl. auch Bury a. o. a. O. S. 169 f. — Thumb a. o. a. 0. S. 159 f.
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Sprachenkampf im römischen Reich.
713
Justinians, Malalas, eine solche Fülle lateinischer Lehnwörter128),
daß man daraus ersieht, daß dieselben in der Sprache des
Volkes fast ebenso üblich waren, wie bei uns. zumal in den
rheinischen Gegenden z. 6. in der Rheinpfalz französische
Ausdrücke12*). Die dem Latein entlehnten Verba auf -stiu)130)
scheinen in der späteren Gräzitat fast eine ähnliche Rolle ge-
spielt zu haben wie unsere mit dem Suffix -ieren gebildeten
Gallizismen. Eine Uebersetzung der im Kanzleigriechisch der
JustinianeiBchen Zeit geschriebenen Biographie des Joh. Lau-
rentius Lydus131) oder des Werkes des Kaisers Konstantinos
Porphyrogennetos über das Zeremoniell am byzantinischen Hofe
in das ä la mode -Deutsch, wie es in den Kanzleien und
'") Gesammelt von Körting, Index lect. Monast. 1879. Vgl. dazu
C. Wagener im Philol. Ans. X 92 f.
iwj Vgl. z. B. Französische Familiennamen in der Pfalz und Fran-
zösisches im Pfalzer Volksmund von Phil. Keiner, Progr. Zweibrücken
1891. — Französisches im mecklemburgischen Platt und in den Nach-
bardialekten, I und II von Rieh. Mentz, Programme des Realprogym-
nasiums in Delitzsch 1897. 1898. — Oallicismen in den niederrheinischen
Mundarten von J. Lei th äußer, Progr. des Kealgymn. Barmen 1891 u. 1894.
I9°) Vgl. z. B. xoupocxopsuo) («Rom und Romanismus" S. 228).
dvvcovtuo) Wessely 124, xpouxoot xsöü) ibid. 144, Xriyotitiitii Marci
Diac. v. Porphyrii a. a. 0. 46,17 und 82,8, ui)xax8ua> ibid. 52, 11 f.,
IvOixsüo) Lafoscade, Infi. 133 Fußn. 3, 8tj9ev8söü) Mauric. 11,1,
7ipatosvxsuw Malalas 176,8, ÖT]ptY«i>ä> ibid. 322,10 (u. Const.
Porphyrog. Oer. I 70), 4£xoootöü> ibid. 356, 19, d x X t x • ö a> ibid.
333,15, xpai8süa> ibid. 30, 21, otjxp tjxsuo) Laur. Lyd. de mag. III 27.
Bury a. o. a. O. II c. 7 p. 173 sagt, daß die lat. Verba auf -ari zu
solchen auf- euo) wurden wie xpatÖsOo), epötviuco, dxXtxsua>.
,Sl) Laur. Lyd. mag. III 26 ff. ; vgl. z. B. c. 27: ot 8s npöt xö ßor^Iv
!mb xoö XsYOuivou d ß d x x i c xaXoüjitvov, xo ji^xoxs fs.vö\xtvov, xapaxa-
Xoövxtc xpoceXdßovxö |ie tt; xpöxov xaP<t0ü^^Pl0V''«' 6jio(ü>s xouöv
dvx* aoxßv xö Xeyou4vov xtpocovdXiov xai xoxxtöiavöv, xepl 5>v
dpxt ÖttgfjXd-ov, oo uyf toiitovoiz Ix&iprp, &v b XöyoC ÄÖe ■ xdvxsc uiv
dvixa&sv o£ xapd rg xoxk xprirrg xöv dpx&v ßor^oövxsc xotg xpix^uot
o x p i v L o i € öti TcoXXf^ 4giXauxov xai&etas • xepl fis xijv Tauatov ? o)vt,v
xö xXiov §x«iv 4axo68a£ov • xpuu>&% y*p V aöxotc xaxd xdvaYxsTov . . . .
oovixaxxe xt(v Xeyouivyjv oouyfioxi&vaL — dvxl xoO ÖidaoxaXtav .... ä>{
ixnX^xtsiv xöv xs xffc ßouXffc xuatoxopa xal xoug X^youivoi^ ndXou uiv
dvxex^voo^otc, xad-' <judc 84 dvxiYpotcpalc(l). . . oö (lovov 4xXY,pouv xdg
elpijuivas Xe'.xot>pY£ag 4x1 xoO cxpiv(oi), dXXd ixijv ixeotjxp^xsuov
xapd xoTg xaxuYP*?01«» 1x1 ^ ßoTj^Äv 4x4poi{ 4v x$ xtuivst xf)c 8(x>jg
xaxuYPatf -oflotv, fi xaXttxai o^xpTjxov .... iv&tv d&axep dvaxxepwfreic 4x1
xou$ XsYO{iivoi>c d o tj x p x i c xfjg a&Xf}c Ixsiy^V* Die zahlreichen lat.
Wörter und Ausdrücke in diesem Werk s. im Index der Ausg. von
Rieh. Wuensch, Leipz. 1903 S. 173 ff. Vgl. auch O. Crusius, Röm.
Sprichwörter ... bei Jo. Laur. Lyd., Philologus LV1I (1898) 501—503.
— Ueber lat. Beamtentitel im byz. Reich s. auch Krauser a. o. a. O.
S. 100 u. u. A. 132. — Immisch a. o. a. O. S. 358 f.
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714 Ludwig Hahn,
an den Höfen des 17. Jahrh. üblich war, würde klar zeigen,
daß anch die griechische Sprache, die uns als die reinst«
erscheint, eine Periode gehabt hat, in der sie der Ausländerei
und Barbarei verfiel132). Dies gilt besonders auch für die
Sprache des Heeres. Das atpatrjyixöv des Kaisers Maurikios
(t 603) wimmelt von lateinischen militärischen Ausdrücken ,,s).
Wie viele lateinische Wörter durch Vermittlung des Grie-
chischen in die durch das Christentum zu neuem Leben er-
weckten Sprachen der orientalischen Völker, in das Syrische l84),
Armenische l36), Arabische 180), Persische 137), Koptische ,S8), über
gingen139), dies nach dem Vorgang von Samuel Krauß139*),
,st) Wie sehr die offizielle Sprache mit Latinismen versetzt gewesen
ist, erkennt man an der Sprache des Werkes des Kaisers Eonstantinos
Porphyrogennetos De caerimoniis, die von Latinismen wimmelt. — Paul
Koch, Die byzant. Beamtentitel von 400 — 700. Diss. Jena 1903. — S.
auch Kreuser 100. — Die Latinismen drangen in die vulgäre Verkehrs-
sprache des Mannes aus dem Volke ein, wie im Westen; die Gräzismen
in der latein. Sprache dagegen gehören zum größten Teil der Gelehr-
tensprache an (vgl. ,Rom und Romanismus" 265 f.). Der großen Zahl
der lat Lehnwörter im Neugriechischen (cf. Gustav Meyer a. a. O.) stehen
nur wenige altgriech. Wörter gegenüber, die sich in den romanischen
Sprachen im Volksmunde erhalten haben (cf. Fr. Diez, Gr. d. roman
Spr.« 57—61).
m) Z.B. dTjuoxdtot, dvtixdvowpsc» uivocopsc, xavtdttup,
06 ya. Das Latein war auch noch in Kommandoworten in Gebrauch
z. B. Sta! Ad latus stringe! Cf. Bury a. o. a. O. S. 172. Vgl. die
Parole voßioxouu. Äioug Mauric. 2, 17. 7, 16. — Zacharias von Lingen-
thal, Byz. Zeitschr. III 437 ff. — Aussaresses, l'auteur du Strategicon, Rev.
6t anc. VIII 23 ff. — Lafoscade, Infi. 142. — Immisch a. o. a. O. S. 359 f.
"«) Bruns-Sachau, Syr.-röm. Rechtsbuch, Leipz. 1880, Kommentar
S. 347 ; cf. 155 ff. — Gust. Meyer a. o. a. O. III 2 f.
"*) Vgl. C. Brockelmann, Die griech. Fremdwörter im Armenischen,
Zeitschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft XLV1I (189')
S. lff., H. Hübschmann, Armenische Grammatik, Leipz. 1895 S. 322 ff.,
A. Thumb, Die griech. Lehnwörter im Armenischen in der Byzant
Zeitschr. IX (1900) S. 388 ff.
IM) 8. auch die Angabe der baskischen uud keltischen Wörter, die
ins Arabische eindrangen, von Völlers in der Zeitschr. der deutschen
morgenliindischen Ges. LI (1897) S. 311 ff. — Siegmund Frankel, Die
aramäischen Fremdwörter im Arabischen, Leyden 1886, S. 191 f. 19o f.
197, 199, 201 ff, 278 ff. und passira.
,,T) Cf. Procop. bell. Pers. 244, 17: i KccToctp, o3xco yty töv Tcouattov
ßaoiAsa xaXoÖoi üipoou.
Vgl. W. C. Crum, Coptic ostraca. Lond. 1902, S. 23 <p 6 X X i q ,
S. 45icAouu-ap{Cstv, S. 69 5 o G g etc. — Osk. v. Lemm, Kleine kop-
tische Studien im bull, de l'acade'mie imp. des sciences de St. Peterbourg
V. ser. tome XVIII nr. 1 (1900) p. 45 ff.
Spftter auch ins Russische (cf. Zar von Caesar == Kottaap) und
in andere slavische Sprachen, wie früher schon ins Gotische (cf. v. d.
Gabelentz-Loebe, ülfilas, Lips. 1846, II 2 S. 4.).
"•») Griech. und lat. Lehnw. im Talmud, 2 Bde, Berl. 1898—99.
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• Sprachenkampf im römischen Reich. 715
der bes. das Hebräische, oder Gustav Meyer I4°), der speziell
das Neugriechische141) in Betracht zog, zu erweisen, wäre
eine dankbare Aufgabe für die orientalistische Philologie.
Eine zweite Aufgabe aber ist es darzulegen, wie und aus
welchen Gründen es der griechischen Sprache möglich war,
den Jahrhunderte hindurch dauernden Ansturm der lateinischen
ohne bedeutendere Schädigung auszuhalten, wie seit der Zeit
Justin i an s das Latein im Osten immer mehr zurückgedrängt
wird14*), wie eine national-griechische Reaktion eintritt, wie
dann aber der Hellenismus, der dem Romanismus so erfolg-
reich widerstanden hatte, durch Araber und Türken hinweg-
gefegt wird148).
Sitzb. d. Akad. zu Wien 1895, Bd. 132, Neugriech. Stadien III 1 ff.
»*>) Von den ebendort (IV 1 ff.) angegebeneu romanischen Lehn-
wörtern im Neugriechischen dürften einige noch als lateinisch bez. vul-
garlateinisch in Anspruch genommen werden, so uiXo = ßf)Xov, velum,
pepya = rirga, ßior« = Testis, jiixdp'.oG = vicarras, ys>sAXoc = gemellus,
JeTc^ctov = depositum, xovÖIxoc. = condiium, XtfltXXoc = iibellus, \utx-
pöva = matrona, vor&poc, = notarius, uavtpt = panarium etc.
us) Uebrigens dachte noch Constans, der Sohn des Kaisers Kon-
stantin III. und Enkel des Heraklius, an die Wiederaufrichtung des
rOmischen Reichs; cf. Theoph. Gonf. 384,4: ToÖTip t$ Ittc xataJUxcbv Ö
^aatXsug KwvcxavuvoönoXiv ustsoti) sv Xupaxoöcg t?,c SuUkia^ ßouÄrj⪙
tv 'Pcomj ttjv ßaotXs(av usracrrtjoat. — S. auch Sievers, Libanius 12.
1M) Dazu bedarf es noch Qberall der grundlegenden Arbeit Denn
der Kampf der Nationalitäten und Sprachen im rOmischen und im
byzantinischen Reiche ist bisher noch wenig beachtet worden. S. auch
Krumbacher, Byzant. Lit.1 S. 1136.
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716
Inhalt. Sachregister.
Inhalt.
Seite
L Mittel der Romanisierung; Krieg, Gründung von Kolo-
nien, Verleihung der civitas
II. Verbreitung de» römischen Rechts
III. Das römische Heer als Romanisierungsfaktor ....
IV. Der Druck des römischen Kapitalismus. Die , italischen*
Kaufleute im Osten. Reichsmaß und Reichsmünze . .
V. Roms Bedeutung in der Religion . Kaiserkult» Papsttum
VI. Gebrauch und Verbreitung der lateinischen Sprache im
Osten. Das Latein als Amte-, Heeres-, Rechts- und Kir-
chensprache
VII. Latinismen und lateinische Fremd« und Lehnwörter im
Griechischen, bes. in Inschriften und Papyri, bei Poly-
bios, [Dionysios Ton Halikarnaß, Plutarch], im N. T.«
(lateinische Lehnwörter in der Mischna), in Märtyrerle-
genden, in der griechischen UeberBetznng des Edictum
Diocletiani, in den Novellen nnd bei Theophilos, bei
Prokopios, Job. Laur, Lydus, Malalas, Maurikios. Lat
Wörter in orientalischen Sprachen 698 f. 705 — 714
678—688
683-684
684 -686
688—691
691—694
694—705
Berytos S. 6SL 699.
Christentum, Einfluß des Romanis-
mus auf das — 692 ff.
civitas, Verbreitung der — im
Osten 682 f.
conventus civium Rom. 689. fi9T.
Diocletimt 701 ; lat Wörter in der
griech. Uebersetzung des Edic-
tum Diocl. 711.
Dionysios von Halikarnaß, latein.
Wörter bei — 708.
Handelt röm. im Osten 688 ff.
Hellenismus u. Rom im Bunde ge-
gen Orient u. Christentum 681 f.
Inschriften, lat. Wörter in griech.
— 202 f. 212.
Italizismen in der griech. Komödie
206.
Iustinian und die Reichssprache
202 f.
Kaiserkult 691 f.
Kolonien, röm. im Osten 680 ff-
Konstantin d. Gr. 692. 695, 201 f.
. Konstantinopel, die lat Sprache
in — 202 f.
Konstantinos Porphyrogenneto*.
lat Formeln bei — 203. 713.
Lateinische Sprache, Gebrauch der
im Osten 694 ff., als AmU-
und Reichssprache 694 f. 701 ff .
als Heeressprache 6J5 f. 701. 714.
als Rechtssprache 696 f. IÜ1 ff .,
als Kirchensprache 704 f. —
Fremd- und Lehnwörter im
Griech. 206 ff. — Formeln im
bvzant Hofseremoniell 203, TIA
Latinismen in ins Griech. übersetz-
ten Urkunden o. bei den griech.
Historikern ZÖlf. 712 ff. ; cf. 628 f.
Sachregister. Sprachliches.
717
Lydus, Lat. Wörter bei Joh. Laur.
— 713.
Märtyrerlegenden, Lat. Wörter in
griecb. — 110, A. 118,
Maß, röm. — alt Reichsmaü 690.
Maurikios, lat Wörter im <rcpa*nfj-
Ytxöv de« — 714, A. 132.
Misch na, lat. Wörter in der — 709 f .
Münze, die röm. — als Reicht-
münze 69LL
Novellen, lat. Wörter in den — 112,
Orientalische Sprachen, lat. Wörter
in den 7_Uf,
Paulus, Der Apostel — als röm.
Borger 683
Papsttum, Entwicklung des— 691 ff.,
Latein, die Sprache des — 194 f.
Plutarch, Lat. Wörter bei — 20&
Polybios, Lat Wörter bei — 70L
Prusias IL von Bitbynien 680.
Recht, Verbreitung des röm. — im
Osten 683 f. 696 f.
Römisches Heer, Bedeutung des —
— für die Romanisierung 685 ff.
695 f.
Römische Literatur, Verhältnis der
Griechen sur 698 ff. 704 f.
Rom, Einfluß der Hauptstadt auf
die Romanisierung 680. 697 ff. ;
Bedeutung in der Religion 691 ff.
— Metropole des Christentums
692 ff.
Sicilien romanisiert 679.
Testament, Lat. Wörter im N. T. 209.
Theophilos, Lat Ausdrücke in der
Paraphrase des — 696, 712.
Uebersetsungen aus dem Lateini-
schen ins Griecb. m 105.
Zenobia 688.
Sprachliches.
(Verzeichnis der vichtigeren hier erwähnten Lehn- und Fremd wör -
ter, die dem Lateinischen entnommen sind.)
dß ftxttt IIS A. 1ÜL
dXrj (ala) 698 A. 61. 708, HL
710 A. 118. 711, 712 A. 124;
Awmvtto 712 A. 131L
dvxsx^vowp (dvtix4voa)p)= anteceßsor
713 A. 13L TU A. m
drcXtxsixD (applicare) 713 A. 130.
doodptov (as) 708, 709.
4xp[s]tov 707, 709,
aöxT&pixat 698 A. 63.
[ßdvöov 101).
psvecptxtdptoc 711.
ßiota (yestis) 71h A. Uli ßsrctdpiov
(yestiarium) 711 A. 118i ßiouov
(vestimentum) 710 A. 1 ld.
ßfjXov 71h A. UL
ßiduxov 687 A. 26, 71L
ßtxdpto« 71Q A. 118, 711 A. 122,
715 A. Uli ßtxapia 712.
[ßoOpYOS 7071.
ßpißiov (breve) 699 A. 6k
[yalooc 707].
Ösxo[o]pto)v 706, 108*
Jenöcixov (esuo^aov) 209 A. 116,
A. 141.
tojvdpiov 708, 709j ötjvÄ>oc 700 A.
72: cf. 690,
ötxxdttop 706 ; Ötxxaxo>psuü> 698 A. 63.
Öouionxoi 699 A. 66, 712j Öojieoxi-
x6; 712 A. 124.
ÖoöS (ÖoOg) 699 A. 65 und 66, 711
A. 118. 712 n. A. 124, TIA A.
[«poO-rr«*] 107, 711 A. 122,
sxoxoußfaap 712,
ftgs|iicXkptov 709 A. 115.
i§xooos6a> 712. 713 A. 130.
tUoöoxptoc 710 A. 118. 712.
tvöixsö» 713 A. 120.
IvÖtxxtov 712.
xataap TU A. 137 und 139.
xaX(Ya Z10i xoXiy&wc 698 A. 63.
xaXixtoc (xdXuo;, = calceus) 680.
706, 707.
xdoxsXXov 711 A. 122.
xdotpoc 711, 712 A. 124i xcwxpifaioc
711 A. 118,
xsXXa 7M, 709; xeXXiov 706 A. 109,
711 A. Iii; xsXXdpioc 711.
xsvxopüov fx*vtup(a>v) 706, 708.
xevxupla 708.
xijvoog 7Q9.
xXdoai) 708.
xoiaiarop (xuaCaxwp) = quaestor 699
718
Sprachliches.
A. 66. 712, 218 A. läL
xcX«vt£a 708, 711.
x<Hi>)C 21G A. US,
xo'jßixGtjXäf/.QG 710 A. IIS,
xoupdxwp HO A, 118; x&upaxopeüti)
70g, IIS A. 130,
xoup'.a 698 A. 62,
xoooxu>e[d]ta 709, HO A. IIS,
xcüS{xiXXo( 711.
xödtg 712.
xa)vo;OTu>pi&v III A. 118, 712.
Xtytcov (X«yuov) 69S A. 63, 099 A.
65, 200 A. 72, 708, 709j XEyto>-
väfxoc Z1L
X^vxiov 2flö n. A. 115, Ilü A. IIS,
Xixp a 70fi.
ndyiaxpog711 A. 118, 712 ; yix'.tov
699 A. GfL
naxpwva 21£ A. HL
luXiap^aiov 691 A. 35.
jiüLtov £99 A. G6. 2112 A. 8G, 707.
708, 709, III A. 122,
lidfiw; 706, 209,
voxdptoc ß99 A. 66, 710, 711, 712 ;
voxftpoc 115 A. HL
oyx£a (ancia) 706.
dTuOov 212 A. 125,
oottpavöc 708, 21L
«aXittov 702 A. 86, 710 A. 118:
rtaXaxtvog 712.
«avdptov 709: itavipt (panarium)
215 A. HL
7ca7ti>Xu6v 711.
naxpixiog 699 A, §6, 706: «axpixicc
212,
itthpwv 706, 708.
rcXoujiäptos Hl ; ttXoujiapKsiv Iii
a. m
Tcpcaösöo) 212 A. IM.
7ipa£x»p 712; Ttpouxopwxvig 698 A.
64. 699 A. 66i npacwoptoi 712 ;
xXdoorj npaixcopia 708 ; rcpcr/aiptc,
702 A. 86, 709, 710 A. 11«
«palsptxxo; 707, 112 A. 124,
Tiptßixov 699 A. 65, 712.
Ttpoxixxwp (itpOT^XTOip) 710 A. 118,
112.
f(tal5a Ulk (5oaWov 7_lfi A. 118].
Ml 699 A. G6: 705 A. 106. 711 A
122. 112,
0dya Iii A. 133.
'PtouÄta, 705: 'Pwfutfx^ IM,
'Praevia 621 A. L
[odyoc 707, 7111.
c[s]lX£VX'dptO£ 112 u. A. 12i,
cexoOxtop 698 A. 63, 699 A. 68,
oVjXpijxov (aixptxov) 102 A. 8$, 71ü
A. 213 A. Uli 4 <nj*p**C
712, 713 A. 13L o-rixp^xeüo) 2Li
A. 130, imoijxpy^süo) 113 A. L3L
oxouTdptoc 6Ö8 A. 62, 699 A, 6tL
oxp(viov 699 A. 65, 712. 713 A. 1SL
aoußarcavxia Ilü A. 112.
couddptov 210 A. US,
Oü|i^6X[>.]iov (subselliuui) 199 A. IIA
HO A. L18,
xapeXXtov 712; xaßXdpio; 708; xapoOXij
200 A. IL
xeacapdpiog (isaoepap-.o;) 708, 712
A. 125.
xr,ßevva (toga^ 706,
xCxAoc (titnhu) 209.
x[o|,jp^rJ (turma) 711.
xpißoövog (199 A 66, 211 A. 122.
&ooö{ (hasia) 706.
cpouJUa 683 A. IIa
cptoxoc 699 A 68,
(pcXXtc 691 A, 85, 699 A. 66, Hl
A. 138,
cpdpo; (forum) 102 A. 86,
cpdooa TOS A. lUi ^oaodxov 212 A.
121,
cfpaysXXiov (flagellum), qfpaysXXtf>
709.
In denselben Verlage ist erschienen:
Die Französische Sahara.
Versuch
einer geographisch wirtschaftlichen Studie.
Mit einer Kartenskizze und zwei kleinen Skizzen.
von
Oberstleutnant z. D. Hübner.
1907. 5 Bogen 8*. M. 1.60.
Bis vor wenigen Jahren noch pflegte man oft das Urteil zu hören:
„Die Franzosen verstehen nicht zu kolonisieren". Erst die letzten
Zeiten haben gezeigt, wie grundfalsch dieser Ausspruch! In ihrem
schönen Kolonialbesitz haben unsere Nachbarn in den letzten Jahr-
zehnten Ausserordentliches geschaffen und Ausserordentliches geleistet.
Im besonderen sind sie in den, den deutschen Kolonien benachbarten
westafrikanischen Besitzungen erfolgreich tätig gewesen und haben
hier in Baumwoll- und Gummikultur Erträge erzielt, die es wohl be-
gründen, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, wenn man dem
Vorgehen der Franzosen nachzueifern sucht. Diese westafrikanischen
Besitzungen verdienen umsom ehr all gemeinstes Bemerken, weil Frankreich
jetzt beginnt, auch auf sie lussend gegen das Hinterland von Marokko
vorzugehen. Und von diesen Gesichtspunkten ausgehend, unternimmt
es der Autor vorerwähnter Broschüre, der allgemein als einer der besten
Kenner nordafrikanischer Verbältnisse gilt, die Sahara, das Land, das
die Eingeborenen als „das des Hungers, des Durstes und des Schreckens*
bezeichnen, in ihrem Werte als Hinterland Algeriens und des Senegals,
uls Hinterland Marokkos zu kennzeichnen. Die Broschüre ist allen
Politikern, allen Geographen und Kolonialfreunden, allen Lehrern usw.
auf das dringendste zu empfehlen.
rÖmkrilP Afrika vou Adolf 8chulteil> Professor
Udb lUIUIKUie iUIlKdan der Universität Erlangen.
1899. Gr. 8°. 116 S. mit 5 Tafeln Abbildungen. Geh. M. 2.
Aus Besprcchutigen :
FF.in treffliches Buch, welches die wissenschaftliche Erforschung
des alten Nordafrika in übersichtlicher Weise und ansprechender Dar-
stellung vorführt.*
Neue philologische Rundschau.
«Man darf die Schrift als ein Muster ihrer Art bezeichnen; sie
bietet dem Leser eine Fülle ausgesuchter, wohlbegründeter und sehr
anschaulicher, überall aus dem Vollen geschöpfter Belehrung darunter
gewiss für manchen wahre Ueberrasehungen.*
Neue Jahrbücher f. d. class. Altertum.
Eine hübsche Skizze, an der viele ihre Freude haben werden.
Zeitschrift für das Gymnasialwescii.
Vergleiche ferner Allgem. Litteraturblatt XI. Jhrg. Nr. 12. —
Tijdschrift v. Gesch. Land-eu Volkenk. XVII e jaarg.
Di
In demselben Verlage ist erschienen:
Die
Entstehung des Altkatholizismus
von
Lic. theol. Karl Dunkmann,
Direktor am Königl. I'redigerwciniiiar tu Wittoaborg.
(Geschichte des Christentums als Religion der Versöhnung
und Erlösung 1,2)
1907. 193/* Bogen gr. 8°. M. r».
Der Ausgangspunkt der historischen Theologie ist im 19. Jahr-
hundert zweimal das Problem von der Entstehung des Altkatholizisuw
gewesen: zum erstenmal bei F. Chr. Baur, der überhaupt das Problem
als Erster formuliert und behandelt hat, zum andernmal bei A. Ritsehl
und insbesondere bei M. von Engelhardt. Jeder Versuch zur Neuorien-
tierung in der Geschichte der christlichen Religion wird deshalb mit
derselben Fragestellung anheben müssen. Das geschieht in dem vor-
liegenden 2. Hefte des ersten Bandes einer Geschichte des Christentum!
unter der eigentümlichen Gesichtspunkten der Versöhnung und Krlö-
sung Hatten die „Prolegomena* diese Gesichtspunkte zur kritisch«
und genetischen Entwicklung gebracht, so erfolgt nunmehr die histo-
rische Deduktion, um die Richtigkeit der angewandten Gesichtspunkt*
zur umfassenden Kritik des Begriffs der christlichen Frömmigkeit fiter
haupt, historisch und grundlegend am Altkatholizismus zu erhärten
In der Darstellung, welche im Orient und Okzident jedesmal die her-
vorragendsten Theologen zum Gegenstand macht — im Orient
Patres, Justin, Irenaus, Origenes, Athanasius, im Okzident: Tertullian
und Auguatin — ist jedesmal unterschieden zwischen der Frömmigkeit
uud der — sekundären — Theologie der betreffenden Kirchenvater
Augustins Frömmigkeit sowohl, als auch Theologie insbesondere er&cbeiu
dabei als Abschluss der gemeinsamen altkatholischen Entwicklung.
Gerade hier war das Bestreben, unter den neuen Gesichtspunkten
neues und zugleich befriedigendes Verständnis dieses grössten, beute »o
viel umstrittenen Kirchenvaters des Allkatholizismus zu bieten.
Druck von FI. Lauj.p jr in Ttlhingeit
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